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Grundsteinlegungen in Berlin waren immer riskant. Als der König nach dem Sieg über die Dänen das Denkmal in Auftrag gab, das wir heute als Siegessäule kennen, wusste er noch nicht, dass er auch gegen die Österreicher gewinnen würde und gegen die Franzosen. So buddelten die Berliner den Grundstein der Siegessäule gleich zweimal wieder aus, ehe das Denkmal 1873 endlich eingeweiht werden konnte: dann von einem König, der auch Kaiser war. Springen wir ins Jahr 2012, zum 12. Juni an den Schlossplatz: Damals wurde dort der Grundstein fürs Humboldtforum gelegt, und Hermann Parzinger wagte einen Kommentar auf das sonnige Berliner Wetter, als er seine Rede unter freiem Himmel begann. Er könne von „Kaiserwetter“ sprechen (und er tat es eben auch), scherzte er spontan. Später, als er sich an die Schlosskritiker richtete („Betrachtet uns nicht nur durch die Brille des Kolonialismus!“), fiel ein Lächeln leicht und das Ernstnehmen schwer. Und heutzutage? Hat auch Jochen Sandig neulich auf der Tacheles-Baustelle etwas Riskantes getan?

Der Pirat stürmt die Prominentenbühne und ist selber einer

Nach dem Bericht der Berliner Zeitung vom 19. Oktober („Akt der Piraterie“) sprang Sandig, ein Tacheles-Gründer, auf die Bühne und befüllte die Kartusche, die in den Grundstein kommt, mit Papier, das für den Tacheles-Untergrund so nicht vorgesehen war: Karten, die mit den 17 Zielen der nachhaltigen Entwicklung beschriftet waren; die UN hatte sie 2015 in ihrer Agenda 2030 beschlossen. Sandigs Botschaft: Die Tacheles-Ruine soll nicht vermarktet, sondern einer Stiftung übergeben werden, und die Generation Greta soll in das Haus einziehen; „Fridays for Future“ soll ein Zuhause kriegen. Fridays for Future an der Friedrichstraße (naja, fast an der Friedrichstraße), das ist schon ein reißerisches Setting. Für alle, die die Nachhaltigkeitsziele konkret nicht kennen (z.B. ich selbst), liste ich sie einmal auf:

  1. keine Armut
  2. kein Hunger
  3. Gesundheit und Wohlergehen
  4. hochwertige Bildung
  5. Geschlechtergleichheit
  6. sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen
  7. bezahlbare und saubere Energie
  8. menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum
  9. Industrie, Innovation und Infrastruktur
  10. weniger Ungleichheiten
  11. nachhaltige Städte und Gemeinden
  12. nachhaltige/r Konsum und Produktion
  13. Maßnahmen zum Klimaschutz
  14. Leben unter Wasser
  15. Leben an Land
  16. Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen
  17. Partnerschaften zur Erreichung der Ziele

Mag die Mission Jochen Sandigs auf höherer, symbolischer Ebene liegen, so lassen sich doch ein paar Reizpunkte auch auf den neuen Tacheles-Bau direkt beziehen. Taz-LeserInnen entdecken sofort eine Missachtung von Punkt 5. Das Publikum, vor dessen Augen die Grundsteinlegung am 19. September 2019 stattfand, bestand einem Bericht zufolge nicht zu gleichen Teilen aus Damen und Herren. Nein, die taz sah eine „Männerriege“ aus „rund 300 Männern in blauen Anzügen (…) Die wenigen anwesenden Damen waren entweder fürs Büffet oder die Berichterstattung zuständig“. Dagegen verwirklicht das Tacheles Punkt 17 phänomenal: Ex-Stadtentwicklungssenator Peter Strieder macht den Bebauungsplan (im Jahre 2003), seine Gattin lädt zur Grundstein-Party (2019); auch hier hilft uns die taz (zitiert den Tagesspiegel), aber auch die Morgenpost erklärt ein paar Hintergründe (siehe unten). Der Pirat könnte also durchaus „im Klartext“ gehandelt haben. Aber was hat denn Sandig nun eigentlich riskiert?

Tacheles-Baustelle mit Kranhaken, ca. 2 Jahre vor der Grundsteinlegung

Wäre ich am 12. Juni 2012 zur Schlosskartusche marschiert und hätte ihr rebellisch eine taz reingedrückt (damals schrieb sie über den „großen Fassadenschwindel“), man hätte mich wohl in die Spree geworfen. Und am Tacheles schreiten „dutzende Sicherheitsmänner mit ´Mann im Ohr“ (wieder taz) nicht ein, wenn jemand auf die Festbühne springt, der auf der Festbühne gar nicht erwartet wurde? Ich glaube, dass der Festspielintendant und Berliner Kulturunternehmer von vornherein zum Programm gehörte. Man war ja unter sich. Und wenn das stimmt, hat Sandig nur eine Sache riskiert: mit seiner Stiftungsidee nicht gehört zu werden. Insofern hat er ja noch mal Glück gehabt, dass wenigstens die Berliner Zeitung darüber schrieb. Vielleicht war das aber nur eine Gefälligkeit im Gegenzug dafür, dass der Berliner Zeitung die Ehre zuteil wurde, mit dem Tacheles-Grundstein versenkt zu werden – vom Ex-Regierenden Klaus Wowereit. Auch das erfährt man von der taz.


LINKS

Berliner Zeitung v. 19. September 2019

Berliner Zeitung v. 19. Oktober 2019

Baugeschichte Siegessäule auf bundestag.de

Eventreport Grundsteinlegung Schloss auf Futurberlin.de v. 13. Juni 2012

Morgenpost v. 8. September 2016

Nachhaltigkeitsziele auf bundesregierung.de

Tagesspiegel v. 19. September 2019

taz v. 19. September 2019

taz v. 20. September 2019

Hinter der Kapelle gehen wir rechts, dann links. Fast am Ende des Weges, wo der Friedhof auf die Mietshäuser der Pflugstraße trifft, liegt rechts eine Reihe von Urnengräbern. Auf einem davon sitzt ein runder Findling, der Grabstein von Jürgen Litfin. Zwei Fußsohlen sind auf der grauen Oberfläche in Violett gemalt. Zwei Jahreszahlen grenzen sein Leben ein: 1940, 2018. Wann genau war er eigentlich gestorben? Eine Meldung der Berliner Woche verrät, dass es der 19. Oktober war. Ich wechsle die Blumen, bringe frisches Wasser. Auf der Bank sitzen die Gäste und reichen sich Jürgens Buch durch die Hände „Tod durch fremde Hand“. Ich hatte es für sie aus dem Rucksack geholt. Jürgen Litfin beschreibt darin, wie er aus dem Grenzturm am Spandauer Schifffahrtskanal eine Gedenkstätte machte. Ein Gast, der Jürgen kannte, weil er oft zum Bundeswehrkrankenhaus in die Scharnhorststraße ging, ist überrascht, dass der Mann vom Turm jetzt tot ist. Er hat es nicht erfahren. Dabei ist fast ein Jahr vergangen.

Der Besuch des Friedhofs war eine Station auf einem Spaziergang, den ich am Sonnabend für die Stadtteilkoordination Brunnenstraße Süd führte. Die Tour musste ohne den Turm auskommen, denn er lag zu weit von der Strecke entfernt, Jürgens Grab dagegen nicht.

Der Grabstein Jürgen Litfins auf dem Domfriedhof an der Liesenstraße am 10. August 2019 (Foto: André Franke)

Und das war unser Weg: Durch den (1) Park am Nordbahnhof, zu den (2) Liesenbrücken, über die (3) Dom-Friedhöfe, von hinten an (4) „The Garden Living“ vorbei (hier hatte mich vor Jahren beinahe ein Hund ins Bein gebissen: lies hier), durch das (5) „Kaninchenfeld“ an der Chausseestraße, über die Wöhlert- und Pflugstraße in die (6) „Feuerlandhöfe“, auf die Chausseestraße raus zum (7) BND, (8) Libeskinds „Sapphire“ im Rücken, vorbei am (9) besetzten Haus in der Habersaathstraße, vorbei am (10) Ballhaus mit dem „Alt-Berlin“, rein in die Zinnowitzer Straße, vorbei am Holzhaus der neuen (11) Schauspielschule „Ernst Busch“, vorbei am (12) „Kleinen Stettiner“, dem backsteinernen Vorortbahnhof und rüber auf den Platz am alten (13) Stettiner Bahnhof an der Invalidenstraße.

Das Kuppelkreuz des Berliner Doms steht hier. Rechts: The Garden Living (Foto: André Franke)

Action im Tunnel

Als wir an die schrottreifen Liesenbrücken kamen, war die Treppe runter zur Gartenstraße gesperrt. Ein laminiertes A4-Blatt ohne irgendwelche Zeichen von Behördenautorität hing schief an einem hüfthohen, festgeketteten Gitter. Aber einen Schreibfehler wies das Schild auf: „Dieser Eingang ist wegen einer Unfallgefahr vorübergehend gesperrt!“ Wer hat sich den Scherz erlaubt? Wir waren nicht die einzigen, die den Weg zurück bis zur Rampe gehen mussten. Wie oft im Leben, entpuppte sich das Ärgernis aber als Bereicherung: Am Ausgang des Parks befindet sich der Eingang zum Fußgängertunnel, der früher unter dem Bahnhofsgelände hindurchführte. Ein Metalltor versperrte den Leuten den Weg hinein. Hier tummelten sich ein paar Jugendliche. „Wir waren drin“, sagten sie. Glaubten wir nicht. Da zeigten sie uns, wie sie sich zwischen Tor und Backsteinportal durchzwängten. Und auf einmal war am Tunnel richtig viel los. Mal sehen wielange das Bezirksamt braucht, um „eine“ Unfallgefahr auch hier erfolgreich zu unterbinden. Eine schöne Überraschung war das jedenfalls! Ohne die gesperrte Treppe hätten wir den Tunnel nicht gesehen, und die Tunnelgeschichten der Kids nicht gehört.

Es fuhren einmal Blinde auf Rädern vom Prenzlauer Berg herab. Man wollte meinen, sie wollten ins Blindenrestaurant in der Gormannstraße. Ja, in die Gormannstraße wollten sie schon. Aber war ihnen nicht hungrig zu Mute. Eilig hatten sie´s, wohin zu kommen. Wohin auch immer. Da nahm ein jeder die falsche Radspur. Quer schossen die Blinden über die Torstraße. Geradeaus hätten sie fahren können. Geradeaus hätten sie fahren müssen! Doch sahen sie nicht den Überweg, den schnellsten über die Gleise. Nein, sie preschten durch das Nadelöhr, die Narren aus dem Norden. So rammten die blinden Nordradler gegen die sehenden Südradler. Und einem Südradler, dem Armen, fiel nach dem Zusammenstoß das Auge heraus… Bis der Blinden immer mehr wurden.

Die Mär vom Radeln mit Köpfchen

Ich hoffe, in 200 Jahren schreibt keiner so ein Märchen. Warum benutzen die Leute, die aus der Choriner Straße kommen, die Fahrradschleuse auf der Torstraße nicht? Sehen sie die Anlage nicht? Oder ignorieren sie sie? Jemand müsste sie mal fragen. Vielleicht mache ich das.

Ich meine, die Torstraße braucht einen Fahrradschleuser: Eine offizielle Figur, warum nicht einen Mitarbeiter aus dem Ordnungsamt, der die Nordradler (aus dem Norden kommend) daraufhinweist, dass sie den falschen Weg nehmen. Das Ordnungsamt, das nur den ruhenden Verkehr beaufsichtigt, könnte das machen, weil die Radfahrer, wenn die (Fußgänger-)Ampel auf rot steht, sich mit den wartenden Fußgängern auf den Gehweg stellen (nördliche Seite der Torstraße).

Ich kenne keine vergleichbare Straßensituation in Berlin. Das Schlimmste an der Torstraße ist: Radfahrer behindern Radfahrer. Das hat etwas Kanibalistisches, eine Spezie zerfleischt sich selbst.

Und dann Prenzlauer Berg! Wohnen dort nicht schlaue Menschen? Bestimmt. Rasen sie runter an die Torstraße, halten sie es für das Schlaueste, die schlaue Wegeführung auszutricksen. Das sind die Ganzschlauen.

Torstraße „at its best“: Ein „Ganzschlauer“ aus dem Norden (im Bild jenseits der Gleise) will an 4 Radlern und 5 Fußgängern vorbei (Foto: André Franke)

Nordradler! Das gewinnst du, wenn du es richtig machst:

  1. Du überquerst die Torstraße (zunächst) ohne Ampel sowie keine Autos kommen, während die Fußgänger (Nord- und Südseite) und die Radfahrer (Südseite) noch bei rot warten.
  2. Fährst du gemeinsam mit Partnern bietet die langgezogene Fahrradschleuse genug Platz für alle.
  3. Du brauchst in der Fahrradschleuse nicht von deinem Rad abzusteigen, wenn die Fahrradampel auf rot steht; bleib auf dem Sattel und stütze dich mit den Füßen am Tramgeländer ab.
  4. Auf der anderen Seite der Tramgleise entlässt dich eine gelb-blinkende Ampel auf die Südseite der Torstraße. Auch hier sind die Fußgängerampeln irrelevant für dein Weiterkommen in die Gormannstraße. Du fährst, wenn kein Auto kommt. Und du fährst, wenn kein Auto dir den Weg versperrt. Das kommt manchmal vor. Aber selbst wenn, hätte die Selbstzerfleischung der Radfahrer auf der Torstraße ihr Ende gefunden.

Das war der News Ride #27/19 am Sonnabend, den 6. Juli 2019, mit dem Dragoner-Areal, der Begegnungszone Bergmannstraße, dem Karstadt am Hermannplatz und den Hausbooten auf dem Rummelsburger See (Strecke: 9 Kilometer)

Götterbäume bei den Dragonern

Wir starteten am Willy-Brandt-Haus um 12 Uhr. Den ersten Stopp machten wir im nur fünf Minuten entfernt liegenden Dragoner-Areal. Das knapp fünf Hektar große, gewerblich geprägte Gelände (mit Autowerkstätten u.a.) gehört jetzt dem Land Berlin. Das hatte der Bundesrat im Juni endgültig bestätigt. Der seit 2015 währende Grundstücksstreit ist damit beendet. Auch wurde gerade die Kooperationsvereinbarung unterzeichnet, die u.a. das Bezirksamt Kreuzberg und die Vor-Ort-Initiativen getroffen haben, um das Sanierungsgebiet zu bebauen und weiterzuentwickeln. Schautafeln mit Infos zu den Bürgerwerkstätten, die im April und Mai stattgefunden haben, hängen an zwei Stellen aus: so z.B. am Haupteingang in der Obentrautstraße, in einem Gebäudeteil des LPG-Biomarktes. Wir sind alle Wege, die es zwischen den Baracken gibt, abgefahren, was man ja selten macht, und was auch ein bisschen tricky ist, angesichts der chaotischen Erschließung. Die schöne Gasse am Mamorwerk mit den spontan gewachsenen Götterbäumen hat mich am meisten beeindruckt.

Über den Mehringdamm ging es weiter zur Bergmannstraße. Hier war die Begegnungszone Thema, und wir radelten die von den orange-gelben Parkletts gesäumte Straße komplett bis zur Marheineke-Markthalle ab. Neben den grün-gepunkteten Kreuzungsflächen sind das Neueste in der Zone die fetten Findlinge, die der ehemalige Förster und Leiter des Kreuzberger Straßenbauamts Felix Weisbrich auf die Kreuzung zur Zossener Straße legen ließ, um Falschparker daran zu hindern, die Baustelle zu blockieren. Was für eine Schnaps-Idee! Ich finde sie genial. Selbst die Kreuzberger reagieren mit Goethe: Auch aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen“, schreiben sie mit Kreide auf die Fahrbahn. Auf diesem „Begegnungsplatz“ (das soll er laut Bezirksamt wohl mal werden) standen wir eine ganze Weile, bestimmt zwanzig Minuten. Und es wurde umso gemütlicher, je mehr Zeit verging. Wir beobachteten auch live einen Falschparker, der sein Auto, quer geparkt, einfach stehen ließ. Allerdings kam er nach zehn Minuten wieder und entpuppte sich als Musiker, trug zwei Gitarrenkoffer unterm Arm. Auch Falschparker können also gute Menschen sein. Findlinge am Fuße des Teltow… Ich hätte schon eine Idee für einen Findlingsstandort am Fuße des Barnim, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Falschparker in der Bergmannstraße: „Ich bin dann mal weg…“

„Nasser Fisch“ grüßt Chipperfield

Zum nächsten Halt am Hermannplatz radelten wir über den neuen geschützten Radweg in der Hasenheide (ein spannender Nebeneffekt, denn die rot-weißen Poller sind mehr als gewöhnungsbedürftig, sie reizen zum Schreien). Aus der Karl-Marx-Allee Karl-Marx-Straße (dass mir dieser Fehler mal passiert, hätte ich nicht gedacht) blickten wir später auf das Karstadtgebäude, das ja abgerissen und durch die originale Kaufhausfassade der 20er Jahre ersetzt werden soll. Chipperfield will neue Leuchttürme bauen. Diese Nachricht hatte mich vor ein paar Wochen aus den Socken gehauen, da ich grade „Nasser Fisch“ von Volker Kutscher gelesen hatte. In der ersten Szene des Romans jagen die Kommissare den „Pornokaiser“ die Hermannstraße runter. Er flüchtet über den Bauzaun in die Baustelle am Hermannplatz, wo gerade der alte, originale Karstadt-Bau hochgezogen wurde, 1929, mit den legendären, 55 Meter hohen Leuchttürmen. Ob ein Abriss nötig ist, fragten wir uns, als wir länger auf das Gebäude sahen. Es gibt ja schon zwei Türme über dem Dach! Und es gibt auch schon eine Dachterrasse, auch wenn sie im Moment nur unter „Konsumzwang“ begehbar ist. Ein Umbau tut´s vielleicht auch.

Die letzte Etappe führte uns durch Neuköllns neue Fahrradstraße, die Weserstraße. Über die Wildenbruchstraße und die Elsenbrücke erreichten wir die Stralauer Halbinsel und schließlich den Rummelsburger See. Erste Bemerkung eines Gastes: „Das werden ja immer mehr Boote hier.“ Und genau darum ging es. Waren 2016 noch 24 ankernde Boote auf dem See zu zählen, stieg die Zahl 2018 auf 101, berichtete der Tagesspiegel in einem lesenwerten, 19 Absätze umfassenden Artikel. Die Autorin beschreibt darin einen Fotografen, der von seiner Friedrichshainer Wohnung vom Ufer „der“ Rummelsburger See zu seinem Atelierboot pendelt. Wie geil, Berlin liegt jetzt am Meer! Sein Boot, dessen Bau vom Auswärtigen Amt und von visit-Berlin gefördert wurde, konnten wir nicht zweifelsfrei ausfindig machen, aber das „Lummerland“ mit der Sauna haben wir vom Ufer aus erkannt. Die Senatsverwaltung für Umwelt will beim Bund ein Ankerverbot für die Boote herbeiführen, bisher hat sie damit keinen Erfolg gehabt. Bewohner der „Wasserstadt“ in Stralau und Rummelsburg hatten wegen Lärm geklagt, und der schadstoffbelastete Seegrund soll bald saniert werden. Deshalb sollen die Boote weg. Krass überrascht hat uns der lange Bürobau, der gerade an der Ringbahn gebaut wird, das B:HUB (das Abendblatt berichtete im März 2018).

Route des News Ride vom 6. Juli 2019: Vom Will-Brandt-Haus zum Rummelsburger See (9 km)

Nächster News Ride folgt…

In meinem mittlerweile zehnjährigen Dasein als Futurberliner hat es bisher kein Projekt gegeben, das mich zu einem Akteur werden ließ. Beobachten und das große Berlin-Puzzle zusammenbauen, fand ich reizvoller als eines der Teile selbst mitzugestalten. Nachdem ich heute im Haus der Statistik gewesen bin, sehe ich meine Sternstunde gekommen und kann mir vorstellen, als Pioniernutzer einzuziehen. Warum?

Gleiche Devise, anderer Zoom

Da wird nicht einfach etwas gebaut. Da wird ein Quartier entwickelt, dem das Unfertige, Improvisierte, das Einsetzbare, Ansetzbare, Austauschbare in die Agenda geschrieben ist. Das heißt, am und im Haus der Statistik wird sich immer irgendwas verändern. Vielleicht schneller und verrückter als anderswo in Berlin. Es wäre eine schlüssige Fokussierung meines selbstgestellten Arbeitsauftrags, das Werden Berlins zu begleiten: eine zweite Brennweite, eingestellt auf den Block zwischen Karl-Marx-Allee und Otto-Braun-Straße.

Showroom für Berliner Stadtentwicklung

Ich würde einen Raum einrichten, ein paar Quadratmeter, vier mal Wand. Da bringe ich das Digitale ins Analoge zurück: An der ersten Wand das Newsboard, ein echtes (!) Newsboard, das Monat für Monat als thematischer Pressespiegel neu anwächst mit Nachrichten aus der Stadtentwicklung Berlins. An der zweiten Wand ein unbegrenzter Eventkalender. An der dritten: Akteurslisten. An der vierten: die Stadtbilder. An der fünften… Oh, ich sehe, das Büro des Futurberliners braucht verspielte Grundrisse. „Büro“ wäre aber der falsche Begriff. Mir schwebt ein offener Newsroom, Showroom für Stadtentwicklung vor, wo Berliner und Berlinbesucher sich einen Überblick verschaffen können, mit mir, dem Futurberliner, Sprechstunden abhalten können, Sprechstunden zur Stadtentwicklung. Das heißt, ich importiere Berlin ins Haus der Statistik.

Tourenbasis von Futurberlin

Umgekehrt exportiere ich das Haus der Statistik als Projekt auf die Straßen Berlins. Ich würde regelmäßige Blockwalks anbieten und die fortlaufenden Veränderungen auf dem Gelände (das ja riesig ist und rückwärtig für die meisten Leute unbekannt), präsentieren. Meine Touren würden standardmäßig am Haus der Statistik starten. Die Lage am Alex, in der östlichen Mitte, ist optimal. Ganz naheliegend dann, bei Tourstart (egal welcher Art) das Projekt kurz vorzustellen und bekannter zu machen.

Mr. Skyscraper findet den Arbeitsplatz

Was mich persönlich packt, das sind die symbolischen Klammern, die das Haus der Statistik mit meinem freien Schaffen verbindet. Vor knapp zehn Jahren schrieb ich einen meiner ersten Artikel über die damaligen Pläne für den Ort. Das Haus sollte abgerissen werden und mit Blöcken neubebaut. Neue Straßen führten im Siegerentwurf des Wettbewerbs von der Otto-Braun-Straße ins Wohngebiet Karl-Marx-Allee Nord. Alles Schnee von gestern! Alles vergessen am jetzigen „Alles-Anders-Platz“ (das ist der aktuelle Schriftzug auf dem Gebäudedach). Der Komplex bleibt so stehen, wie er ist. Diese Kehrtwende an diesem prominenten Ort, fasziniert mich. Oder vielmehr, dass sie möglich wurde. Stadtplanung ist eben oft für die Katz.

„Allesandersplatz“ ist der neue Schriftzug auf dem Dach des Haus der Statistik

Wenn der Futurberliner, eine Topfpflanze, die noch den Garten sucht, wirklich im Haus der Statistik sein Biotop finden sollte, wäre noch eine weitere Klammer fix. Eine Kollegin, die ich angesichts ihres ausgelebten Chronisten-Gens sehr schätze, hat mich mal wegen meines Newsletters „Mr. Skyscraper“ genannt. Von wo aus könnte Mr. Skyscraper das Hochhausbeben, das die City Ost aus den Angeln wirft, besser beobachten als von einem Standort am Rande des geplanten Tower-Clusters? Hier, im Haus der Statistik, im Schatten des Alexanderplatzes, könnte das Auge des Futurberliners den wohl unappetitlichsten Akt im Theater um Berlins vermessener Aufholjagd zum Architekturhimmel europäischer Metropolen mitverfolgen. Hier werden Betonbomben fallen und sie werden ihre Druckwellen auch auf das Haus der Statistik abgeben. (Besser man baut im Haus der Statistik also nicht zu früh die Fenster ein.)

Ach so, es gibt für die Pioniere im Gebäude übrigens keine Heizung, wie man mir heute sagte. Im Moment mag das ja gehen. Aber im Winter? Egal. Im Haus der Statistik ist eben alles anders.

 

Heute ebenfalls im T a g e s T o p p e r : Ausstellung zum wachsenden Berlin besuchen, Tour mit Archäologen an der Mauer machen, die Gasag zurück zum Gasometer begleiten … Weiterlesen

Heute ebenfalls im T a g e s T o p p e r : Berlins Stadtgrün mitgestalten, die Elsenbrücke besuchen, und Honni´s Gendarmenmarkt feiern … Weiterlesen

Heute ebenfalls im neuen T a g e s T o p p e r : Mit den Grünen den Checkpoint Charlie okkupieren, und schnell noch einen Bahnhof in der Europa-City bauen … Weiterlesen

Heute ebenfalls im neuen T a g e s T o p p e r : Richtfest der ersten Typenhäuser Berlins feiern, ins neue Asisi-Panorama gehen, über den Blücherplatz diskutieren (ab 18:30 Uhr) Weiterlesen

In der Habersaathstraße, gegenüber der neuen BND-Zentrale, steht ein graugelbes langes Haus. Es stammt aus dem Jahr 1984 und diente als Wohnheim für Mitarbeiter der Charité. Nach der Wende in Landesbesitz geblieben, verkaufte Berlin das Haus für zwei Millionen Euro an einen Privateigentümer im Jahre 2006. Ein weiterer Eigentümerwechsel fand 2017 statt; heute gehört das Gebäude – und damit alle 106 Mietwohnungen – einer Firma namens Arcadia Estates.

106 Wohnungen in langem Gebäuderiegel

Arcadia Estates will das Haus abreißen und 91 Luxus-Wohnungen neubauen. Das hat der Bezirk Mitte ihr aber versagt. Baustadtrat Ephraim Gothe benutzt dafür das novellierte Gesetz gegen die Zweckentfremdung, damit schafft er einen Berlin-weiten Präzedenzfall. Investoren müssen den Abriss kompensieren, indem sie Wohnraum schaffen, der für maximal 7,92 Euro pro Quadratmeter netto/kalt zu haben ist. Oder die Häuser bleiben stehen.

Arcadia Estates entmietet die Wohnungen

Weil Arcadia Estates mehr will als 7,92 Euro, steht das Haus also noch. Sie schmeißt allerdings die Mieter raus, hat im September 2018 allen gekündigt. Nur noch 20 Wohnungen sind im November bewohnt (von 106!). Die Mieter wurden auch mit Abfindungen zum Auszug gelockt, berichtet die Morgenpost, aus deren Artikel (siehe unten) die meisten Infos hier stammen.

Eine Modernisierung kommt für Arcadia Estates nicht in Frage. Sie hatte eine angekündigt, aber es scheint, als sei sie nur vorgeschoben. Arcadia sind die Kosten zu hoch, und so betreibt sie jetzt eine „Verwertungskündigung“. Am Ende dieses Weges steht ein leeres Haus. Aber noch ist es nicht so weit: Einer der Mieter, die bleiben, ist Theo Daniel Diekmann. Und der hält aus. Diekmann ist Mietaktivist und seit dem 21. September, wie das ZDF zeigt, auch Opfer eines Brandanschlags auf sein Auto. Es war mit Plakaten für den Mieterkampf beladen. Die Ermittlungen laufen.

In den Fenstern spiegelt sich der rot verklinkerte Neubau des BND

Wie der Präzedenzfall ausgeht, darüber wird vermutlich ein Gericht entscheiden. Arcadia Estates zeigt sich sehr sicher in dem, was sie tut: Das Gutachten zur Verwertungskündigung sei durch Fachleute ganz genau geprüft, sagt der Geschäftsführer der Morgenpost.

Vor Jahren in der Barbarossastraße

In der Barbarossastraße in Schöneberg hat sich vor Jahren ein ähnlicher Fall abgespielt. Ein Wohnhaus aus den 50er Jahren wurde abgerissen. Damals gab es noch keine Zweckentfremdungsverordnung. Der Bezirk handelte Pro Eigentümer, wie bei der Berliner Mietergemeinschaft nachzulesen ist und bei Andrej Holm (siehe unten). Hochtief argumentierte wie die Arcadia in der Habersaathstraße mit einer Verwertungskündigung.


LINKS (zu Habersaathstraße)

  • „Mitte stoppt Abriss von preiswerten Wohnungen“ in der Morgenpost vom 7. November 2018
  • „Luxussanierung und Entmietung in Berlin“ im ZDF vom 22. Oktober 2018
  • Zweckentfremdungsverbot-Gesetz (Novelle vom April 2018)

LINKS (zu Barbarossastraße in Schöneberg)

  • „50er-Jahre-Wohnbau am Barbarossaplatz soll weichen“ in Berliner Woche vom April 2013
  • „In Schöneberg soll Sozialer Wohnungsbau Nobelwohnungen weichen“ im Mieterecho von September 2011
  • „Verdrängung durch Luxuswohnprojekt in Schöneberg“ von Andrej Holm auf Gentrification-Blog vom 1. März 2010

Heute ebenfalls im neuen T a g e s T o p p e r : Spazieren mit Angelika Schöttler durch Schöneberg, Berliner Straßenpflaster bestaunen und vielleicht selber Steinsetzer werden… Weiterlesen

Heute ebenfalls im neuen T a g e s T o p p e r : Im Springer-Campus wasserrutschen, im Bärenzwinger Kunst angucken, und beten, dass die FDP den Thälmann im Regen stehen lässt… Weiterlesen

Außerdem im neuen Futurberlin-Xpress: Im Chamisso-Kiez handeln Anwohner gegen Gentrifizierung, die Schönhauser kriegt ersten Parklet… Weiterlesen

Außerdem im neuen Futurberlin-Xpress: Dreilinden als Autohandelsplatz, Denkmalschutz für Westberliner U-Bahnhof-Architekturen und mehr… Weiterlesen

Vergleicht man das Bauen in Berlin mit der Arbeit eines Chirurgen am Körper, dann fällt auf, die operativen Eingriffe konzentrieren sich zur Zeit stark auf das Herz. Berlins Stadtkern wird von Endoskopen durchdrungen, von Klemmen zerdrückt, mit Pinzetten gepiesackt, mit Messern durchschnitten sowieso. Es wirkt, als wäre kein Arzt am Werk, eher eine Gruppe Aasgeier, die über das blutende Organ herfallen. Ja, mit dem Hammer draufhauen. Wenn am Ende wieder ein Herz herauskommen sollte, hat Berlin mehr als Schwein gehabt.

Die Hölle ist ein Ort auf Erden: Berlin-Mitte. 38 Projekte des Bauens, Planes, Diskutierens

Die Hölle ist ein Ort auf Erden: Berlin-Mitte 2017. 38 Projekte des Bauens, Planes, Diskutierens

Auch innerhalb des Stadtkerns konzentrieren sich die Projekte in bestimmten Bereichen. Ich nenne sie entsprechend „Bauhöllen“. Die 38 Projekte sind aber nicht nur reine Baustellen. Manche sind in Planung. Andere gerade fertiggebaut. Auch Denkmäler sind mit dabei, über deren Standorte gestritten wird. Und Stadtplätze, die neu entstehen. Und jetzt: Ab durch die Mitte – ab durch die Hölle!

Bauhölle Nord (1-5)

Auf der Museumsinsel wird das (1) Pergamonmuseum umgebaut. Es erhält einen vierten Flügel und soll nach Bauverzögerung und Kostenanstieg 2023 fertig sein. Daneben entsteht die (2) James-Simon-Galerie als zentraler Eingang in die unterirdische archäologische Promenade, die alle fünf Museen erschließt. Die Verkehrsverwaltung hat im September angekündigt, das Umfeld der Museumsinsel aufzuwerten, so auch die Straße (3) Am Kupfergraben, die teilweise aus Kopfsteinpflaster besteht. Sie wird erneuert. Der Unternehmer Ernst Freiberger saniert auf der anderen Seite der Insel mit dem (4) Forum Museumsinsel sieben denkmalgeschützte Gebäude zwischen Spree und Oranienburger Straße und belebt dadurch die Verbindung zwischen Spreeinsel und Spandauer Vorstadt. Auch das Berliner Traditionsunternehmen Siemens profiliert sich als Anrainer der Museumsinsel. Es baut seine Firmenrepräsentanz mitten im Garten vom (5) Magnus-Haus und wirkt dabei wie der Elefant im Porzellanladen. Das Gebäude mit Garten ist ein denkmalgeschütztes barockes Stadtpalais, wie es es in Berlin so kein zweites Mal gibt.

Letztes barockes Stadtpalais mit Garten - bitte einmal kräftig reinbauen! Siemens macht´s trotz Architektenprotest. (Foto: André Franke)

Letztes barockes Stadtpalais mit Garten – bitte einmal kräftig reinbauen! Siemens macht´s trotz Architektenprotest. (Foto: André Franke)

Bauhölle West (6-15)

Nach sieben Jahren sind endlich die Bauarbeiten an der (6) Staatsoper beendet. Das macht zwar eine Baustelle weniger in Mitte, aber vom Bebelplatz Richtung Osten häuft sich das Baugeschehen. Das (7) Opernpalais wird saniert, von dem es heißt, Bauherr sei Springer-Chef Mathias Döpfner. Der lässt die Berliner zappeln und verschweigt bislang, was aus dem Gebäude werden soll. Die Luxus-Appartments der (8) Kronprinzengärten sind fast fertig. Völlig fertig ist die (9) Friedrichswerdersche Kirche, und zwar in dem Sinne, dass sie zur Baustelle gemacht wurde. Daran waren die Tiefgaragen der Kronprinzengärten schuld. Sie brachten die Kirchenfundamente zum Wackeln. Jetzt stützen Gerüste Schinkels Bauwerk auf unbestimmte Zeit von innen. Eintreten bleibt ein Traum. Arme Kirche: Auf der anderen Seite baut die Frankonia Eurobau (10) Wohn- und Geschäftshäuser am Schinkelplatz. Durch den Wiederaufbau entsteht auch der (11) Werdersche Markt als Stadtplatz neu. Prominenteste Anrainerin wird hier die (12) Bauakademie. Der Ideenwettbewerb für den langersehnten, 62 Millionen teuren Wiederaufbau läuft bis Januar, die Jury entscheidet im April. Über das (13) Freiheits- und Einheitsdenkmal auf der anderen Seite des Spreekanals ist hingegen entschieden. Der Bundestag bestätigte den umstrittenen Bau der „Wippe“ im Sommer, nachdem das Projekt im wahrsten Sinne des Wortes ins Schaukeln geraten war. Die begehbare Plattform, die sich neigt, wenn sich eine kritische Masse an Besuchern auf eine Seite bewegt (offizieller Titel: „Bürger in Bewegung“), wird genau vorm (14) Berliner Schloss platziert. Es ist immer noch Berlins beste Baustelle, bei der man im Kosten- und Zeitplan liegt. Erste Barockfassaden sind vom Baugerüst befreit. Vom Lustgarten sind sie zu sehen. Wenn das Schloss als Humboldtforum 2019 eröffnen wird, werden die Bauarbeiten in der Nähe aber weitergehen. Nicht wundern. Der (15) U-Bahnhof Museumsinsel der Linie U5 braucht ein bisschen länger.

Bauhölle Mitte (16-21)

Die Linie der „Kanzlerbahn“, die vom Alexanderplatz bis zum Brandenburger Tor gebaut wird, bringt noch eine weitere Bahnhofsbaustelle mit sich. Für den neuen (16) U-Bahnhof Berliner Rathaus wurden die Reste der bei den Bauarbeiten freigegrabenen Tuchhalle des alten Rathauses zerstört. Keine schöne Geschichte. Nur weil in Berlin immer alles schnell gehen muss. Vier Denkmäler stehen auf dem Rathausforum, der Freifläche zwischen Spree und Fernsehturm. Das (17) Marx-Engels-Denkmal ist wegen der Baustelle der BVG an die Karl-Liebknecht-Straße gerückt. Wo es in Zukunft stehen soll, ist nicht sicher. Der neueste Vorschlag kommt von Annette Ahme (Verein Berliner Historische Mitte), es vor das Haus des Reisens zu bringen (mehr dazu später). Doch vermutlich kommt es ins Zentrum des Marx-Engels-Forums, einer Teilfläche des Rathausforums, zurück. Das (18) Luther-Denkmal ist zum Reformationsjubiläum vor die Marienkirche zurückgekehrt. Hier stand Luther seit Ende des 19. Jahrhunderts, allerdings auf einem Sockel und mit Begleitfiguren. Ein zweiter Neuzugang in der Nähe ist das (19) Denkmal für Moses Mendelssohn. Micha Ullmann („Bibliothek“ auf dem Bebelplatz) hat die Fassade des Hauses in der Spandauer Straße in die Horizontale gelegt. Der Aufklärer, der mit 14 Jahren als Jude nach Berlin kam, wohnte hier. Zwischen Marienkirche und Rathaus steht der (20) Neptunbrunnen. Auch er ist in der Diskussion, vielmehr sein Standort. Mit dem Bau des Schlosses wird auch der Wunsch bei vielen stärker, den ehemaligen Schlossbrunnen zurück zum Schlossplatz zu bringen. Zwar hatte der Bund dafür Geld zugesagt, aber das Land Berlin hat bislang nichts dergleichen entschieden. Alle genannten Projekte sind Teil des schon erwähnten (21) Rathausforums. Für dieses große Areal beschloss das Abgeordnetenhaus 2016 zehn Bürgerleitlinien, die das Ergebnis einer ganzjährigen Stadtdebatte mit Bürgern, Architekten und Stadtplanern waren. Es soll ein Stadtraum für alle sein, mit öffentlicher Nutzung und viel Grünfläche. Ein städtebaulicher Wettbewerb, wie er noch im Koalitionsvertrag von Rot-Schwarz 2011 geplant war, ist damit vom Tisch.

Genial und nur bei Regen: gespiegelte Umwelt des Denkmals (Foto: André Franke)

Mendelssohn-Denkmal von Micha Ullmann: Genial und nur bei Regen: gespiegelte Umwelt des Denkmals (Foto: André Franke)

Bauhölle Ost (22-29)

Rund um den Alex entstehen vor allem Hotelneubauten. Mit dem (22) Motel One an der Grunerstraße ist das erste, 60 Meter hohe und mit 708 Zimmern größte der Marke in Europa schon fertig. Ins (23) „Volt Berlin“ (südlich vom „Alexa“ und der Voltaire-Straße), wo nach ursprünglichen Plänen mit Surfing und Skydiving das Einkaufen zum Erlebnis gemacht werden sollte, zieht ein Hotel der Lindner-Gruppe. Hier werden gerade die Fundamente gegraben, für einen nun doch eher normalen Geschäfts- und Büroblock, wie es heißt. Südlich vom „Volt“ kommt (24) The Student Hotel, für das entlang der Alexanderstraße auf einer Fläche von 17.000 Quadratmetern 457 Zimmer für Studenten errichtet werden. Nördlich vom „Volt“ baut dagegen ein niederländischer Investor mit dem (25) „Grandaire“ ein klassisches, von Chicago inspiriertes Wohnhochhaus von 65 Metern Höhe und mit 269 Wohnungen. Der Bau eines (26) Hotels nördlich des Panorama-Hauses an der Karl-Liebknecht-Straße wird gerade in zweiter Instanz vor Gericht verhandelt. Eine Baugenehmigung gibt es hier schon seit 2012. Das Panorama-Haus landet gewissermaßen im Hinterhof. Soweit zu den konventionellen Projekten. Doch der (27) Alexanderplatz wird Hochhausstandort. Und die ersten zwei (von insgesamt neun geplanten) 150 Meter hohen Türme befinden sich auf dem Weg der Verwirklichung. Am Alexa baut nach Plänen des Architekturbüros Ortner & Ortner das russische Unternehmen Monarch, und am Saturn-Gebäude hat sich das US-amerikanische Unternehmen Hines für Entwürfe von Frank O. Gehry entschieden. Nicht nur die Skyline des Stadtkerns verändert sich. Es ist die Skyline Berlins. Nachdem die Hochhauspläne am Alex überarbeitet worden sind, entstehen auch neue Stadtplätze: (28) „Vorm Haus des Reisens“ und (29) „An der Markthalle“ sind die ersten Projekte, an deren Gestaltung auch die Berliner mitwirken können. Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) hat angekündigt, die Stadtdebatte vom Rathausforum (siehe oben) weiterzuführen und die Bürger mitentscheiden zu lassen.

Bauhölle Süd (30-32)

Eher klein, aber fein erscheinen drei Projekte am Märkischen Museum. Mit dem (30) Metropolpark bauen die Architekten Axthelm Rolvien die expressionistische AOK-Zentrale zu Apartments um. Bis zu 370 Quadratmeter werden die Eigentumswohnungen groß, manche Räume haben eine Deckenhöhe von 6 Metern. Gleich gegenüber ist mit dem Tod der Stadtbären Maxi und Schnute die Geschichte des legendären (31) Bärenzwingers abgelaufen. In den nächsten zwei Jahren wird über eine neue Nutzung des denkmalgeschützten Gebäudes diskutiert, es laufen auch Austellungen. Um den schlecht angebundenen Köllnischen Park aus seinem Schattendasein zu befreien, gibt es auch Entwürfe des Architekten Detlev Kerkow für den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten (32) Waisenbrücke. Auf der To-Do-Liste des Senats erscheint sie aber bis auf weiteres leider nicht.

Enturf für eine neue Waisenbrücke. Blick aufs Märkische Museum am südlichen Spreeufer (Abb. Detlev Kerkow)

Bauhölle Süd-Ost (33-36)

Schließlich verändet sich auch das Zentrum Alt-Cöllns. Nach dem Abriss des DDR-Bauminsteriums und den archäologischen Grabungen ensteht an der Breiten Straße ein ganzer Block neu. Das sanierte (33) Kaufhaus Hertzog ist Teil davon. Am Petriplatz nebenan kommt der Neubau des (34) Archäologischen Zentrums, von dem aus ein Informationswegesystem geplant ist, das durch die Altstadt führt. Aufsehen erregt hier vor allem aber das (35) House of One. Das interreligiöse Gotteshaus, das Kirche, Synagoge und Moschee in einem sein soll, ist mittlerweile zu einem Projekt des nationalen Städtebaus prämiert worden. Selbst die (36) Fischerinsel ist vor Bauaktivitäten nicht mehr sicher. Zwar sind die Pläne nach Protesten der Anwohner für ein Hochhaus abgesagt worden, doch die Ecke an der Grunerstraße, wo im Moment noch ein tiefes Loch klafft, bekommt auf jeden Fall einen neuen Block.

Bauhölle kommunikativ (37-38)

Zwei umfangreiche Projekte dürfen nicht unerwähnt bleiben. Beim Projekt (37) Molkenmarkt wird die Grunerstraße nach Norden an die Rückseite des Rathauses verschwenkt und Bauland gewonnen. Zweieinhalb Berliner Blöcke erwachsen so dem Klosterviertel. Die Bauhölle Ost verbindet sich mit der Bauhölle Süd-Ost. Und das (38) Flussbad Berlin, dem Ort, an dem Berlin bald baden gehen könnte, zieht sich entlang des Spreekanals vom Märkischen Museum an Alt-Cölln vorbei bis zur Museumsinsel. Drei Bauhöllen stehend somit in direkter Verbindung.

Der Tunnel 71

Ein Blick durchs Schaufenster des um 19:15 Uhr schon geschlossenen Ladens… Man kann sich die Baupläne für den 30 Meter langen, neu zu grabenden Tunnel, mit dem der ehemalige Fluchttunnel 71 „angegraben“ wird, im Laden des Vereins Berliner Unterwelten in der Brunnenstraße 141/143 ansehen. Einblick in den echten Fluchttunnel soll es erst nächsten Sommer 2018 geben. Das Tunnelprojekt kostet 200.000 Euro und bereichert die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße. tagesspiegel.de

Route durch Mitte: 7 Kilometer

Route durch Mitte: 7 Kilometer

Die Alliiertenorgel

An der Kapelle der Versöhnung ist im Dunkeln natürlich niemand. Aber die Holzlamellen, die eine nahe stehende Laterne belichtet, machen im Vorbeifahren eine schöne Erscheinung. Die nächsten Konzerte mit der letzte Woche neu eröffneten Schuke-Orgel, die mit vier landestypischen Klangfarben der Siegermächte aus dem Kalten Krieg ausgestattet ist, sind am 14. (17 Uhr, Romantische Musik) und 28. Oktober (15 Uhr, Luther-Lieder). Gespielt wird das Instrument von Annette Diening. weddingweiser.de

Die Europacity

Der Weg dorthin ist fast interessanter als die Europacity selbst. Im Libeskind-Bau Sapphire brennt im 1. OG hinter Gardinen Licht. Wohnt da schon jemand drin? Die Chausseestraße ist auf der einen Hälfte Baustelle, aber über den Bürgersteig am BND-Bau lässt sich locker langfahren. Ins Glasfoyer blickend ist eine graue Wand erkennbar, hinter der die Mitarbeiter nach Eintreten durch die Tür verschwinden werden. Das sieht äußerst merkwürdig aus. An der Nordseite sitzt ein normaler Pförtner im großzügigen Empfangsbereich, hier gibt es die Schutzwände komischerweise nicht.

Jenseits des Kanals liegt die Heidestraße, rechts und links von ihr liegen Brachflächen, Bauflächen. Vom konzipierten Boulevard ist nichts zu spüren. Klar, die Straße ist fertig. Mittig wächst eine Hecke. Aber was passiert eigentlich mit der Tankstelle? Auf den Flächen westlich der Heidestraße kommen also die vier Blöcke des Quartiers Heidestraße. Der Spaß besteht darin, sich das vorzustellen. Auch als Nicht-Architekten. Das kann gewissermaßen schwerfallen. Leichter fällts den Profis. Frau Lüscher: „In unseren Köpfen ist die Europacity vollendet“ (morgenpost.de). Aber wie es hier aussieht! Ein schäbiger Zweckbau, in dem die Deutsche Bahn sitzt, allein auf weiter Flur … Container. Ein neuer Wohnblock links, ein paar schöne Altbauten rechts. Die haben sogar kleine Vorgärten. In dem einen wohnen Leute. — Hier wohnen Leute!

Doch je weiter man von Norden Richtung Hauptbahnhof gelangt, desto mehr kommt einem die Zukunft entgegen. Die 50Hertz-Zentrale leuchtet. Aus dem Total Tower kommen Leute raus, wieder Leute. Feierabend. Total interessante Lamellenfassade neben dem Tower… Aber alles Gebaute hier kommt mächtig kalt rüber.

Die Staatsoper

Im Licht des Maxim-Gorki-Theaters spielen ein paar Leute Boule. Kurzer Stopp bei Heine, der Spruch ist zu schön: „Wir ergreifen keine Idee, die Idee ergreift uns und knechtet uns und peitscht uns in die Arena, wo wir wie gezwungene Gladiatoren für sie kämpfen.“ Genau, lauter Gladiatoren und keiner kann so richtig zurück.

Vor der Oper Unter den Linden liegt der rote Teppich noch. MDCCXLIII steht weit oben. Ich habe Schwierigkeiten mit dem XL und es dauert eine Weile bis ich drauf komme, dass es die gleiche Logik ist wie bei IV. Hab ich selten so gesehen. Ziehe 10 von 50 ab, und das Ganze macht Sinn: 1743. Hinter der Oper rum zur Barenboim-Said-Akademie, wo massenhaft Fahrräder vor der Tür stehen. Hinter dem Fenster lassen sich die Schauspieler und Sänger schminken. Kann man alles mitansehen. Vorm Haupteingang in der Französischen Straße rauchen Mitarbeiter. Im Foyer: Kostümierte, die sich in einer Schlange langsam Richtung Auftritt schieben. Oh Gott, die müssen durch den Tunnel, der rüber ins Opernhaus führt – noch so ein Tunnel. morgenpost.de

Dann kamen noch das Freiheits- und Einheitsdenkmal, für dessen Standortverlagerung sich jetzt auch Eva Högl (SPD) stark macht (focus.de), und auf der anderen Seite des neuen Schlosses die Spreeterrassen, deren Bau noch im Oktober beginnen soll (morgenpost.de)

Wanderer, kommst du an diese Kreuzung, dann frage nicht, worin hier der Sinn besteht … Mit den Worten müsste man Schilder an die Ebertbrücke (nahe Museumsinsel) stellen, um Touristen den Lebensmut zurückzugeben. Es würde auch mir selber helfen, nicht auszurasten, wenn ich hier mal als Fußgänger unterwegs bin. Doch die Szene mit den zwangsbeglückenden Stahlrohrgeländern ist letzten Endes ein echter Lacher.

Steigt einer übern Zaun zur Museumsinsel (Foto: André Franke)

Steigt einer übern Zaun zur Museumsinsel (Foto: André Franke)

Kreuzungsalltag an der Museumsinsel

Da kommt eine Gruppe von Leuten aus der Tucholskystraße rüber und erblickt linker Hand die Museumsinsel. Sie geht ungläubig nach rechts in die Straße Am Weidendamm, vom Geländer geführt (entführt!) bis an eine Stelle, wo das Geländer nach zwanzig Metern zwar aufhört, aber alle die Insel schon vergessen haben. So laufen sie halt zur Friedrichstraße. Auch schön, denken sie sich wohl, hier an der Spree lang.

Dann kommt einer, der das Gelände kennt. Und das Geländer. Er sieht aus, als lebte er auf der Straße. Und viele, die das tun, laufen ja stundenlang durch die Stadt. Er kommt ebenfalls von der Tucholskystraße über die Ebertbrücke, möchte aber, geradeaus in die Geschwister-Scholl-Straße. Überlegt nicht lange, guckt nicht nach rechts oder links. Der Mann steigt mit dem Bein durchs Geländer und schwingt in Kniehöhe den Oberkörper geübt hinterher. Jetzt steht er mitten auf der Kreuzung! Muss, um auf den gegenüberliegenden Bürgersteig zu gelangen, durch ein weiteres Geländer durch. Oder drüber. Das machen auch manche, wie der, den ich fotografiert habe (siehe Bild oben).

Einen Hubschrauber möchte ich holen für diese beiden: Ein älteres Pärchen will vom Kupfergraben kommend einfach geradeaus, am Ufer der Spree. Einfach über die Straße. Sie stehen da, stehen da, stehen da immer noch. Dann entscheiden auch sie sich für den Durchbruch. Er scheitert. Das Geländer zwingt sie über die Brücke zu gehen.

Geländerlauf und Stolperfallen

Es gibt jetzt Hoffnung, dass die Epoche der geregelten Entgleisung an der Ebertbrücke zu Ende geht. Die Verkehrsverwaltung hat Baumittel zugesagt, die der Umgebung der Museumsinsel zugute kommen sollen. Vor allem Fußgängern soll der Zugang zum Weltkulturerbe geglättet werden. Es werden Straßen saniert, die es bitter nötig haben, wie die Kopfsteinpflasterstraße Am Kupfergraben. — Das kommt nämlich zum Geländerlauf noch dazu: Dass, wer die Stahlrohre überwunden hat, sich gefasst machen muss, über die herausgewachsenden Pflastersteine zu stolpern.

Ein Pflaster, das sich gewaschen hat. Drüberradeln geht hier echt in die Knochen (Foto: André Franke)

Ein Pflaster, das sich gewaschen hat. Drüberradeln geht hier echt in die Knochen (Foto: André Franke)

Wenn aber die Straße neugemacht und die Geländer beseitigt werden (ich hoffe, das ist ein kombinierter Akt), dann müsste doch im gleichen Atemzug auch die ganze Ebertbrücke zur Debatte stehen. Nach der Wende wurde sie gebaut, um die baufällige Weidendammer Brücke zu ersetzen, vorübergehend … Und jetzt liegt sie, das Permanent-Provisorium, an einem „Chipperfield“. Nicht nur das. Der ganze Straßenzug Tucholskystraße/Geschwister-Scholl-Straße ist eine kleine Architekturmeile geworden, wenn man sich das mal genauer ansieht. Ein Grund mehr, die Menschen hier nicht um die Ecke zu bringen, wenn sie geradeaus gehen wollen.


Mehr zur neuen Berliner Baumittelliste: tagesspiegel.de

2017 jähren sich zwei Städtebauprojekte, die beide in die Kategorie „Stadtentwicklung im geteilten Berlin“ fallen. Das Nikolaiviertel wurde vor 30 Jahren eröffnet, als man in der Hauptstadt der DDR 750 Jahre Berlin feierte. Das tat man auch in West-Berlin, als das Hansaviertel dort seinerseits schon dreißig Jahre alt wurde. Jetzt wird es 60, und damit die ganze Interbau-Ausstellung von 1957. Ich habe noch von keinen Veranstaltungen gehört oder gelesen, die diese zwei Jubiläen thematisieren.

Interbau - 1

Da muss doch was passieren … Ein Lied!

Weil diesjahr dein Geburtstag ist,

Da habe ich gedacht,

Ich schreibe dir ein kleines Lied,

Weil dir das Freude macht.

***

Berliner Nikolaiviertel,

Oh süßes Nest der Stadt,

Kriegst sämtliche Touristen ab,

Weil keiner Ahnung hat.

***

Das Hansaviertel ganz versteckt,

Im Grünen an der Spree,

Wirbt um den Status Welterbe,

Mit der Karl-Marx-Allee.

***

In Zeiten von Fake-News fällt mir das Wort von der Fake-City zu, und dich, mein Viertel, als solche zu bezeichnen, drängt sich mir zwangsläufig auf. Sorry ey! Alle deine Hotspots der feierlichen Rekonstruktion belügen den Boden, auf dem sie gebaut sind: Die Kneipe „Zum Nussbaum“, die „Gerichtslaube“ und auch das „Lessing-Haus“, in dem die „Minna von Barnhelm“ gefinished worden sein soll, standen woanders. Kann ich ein Städtchen, das zwölf Millionen Gäste im Jahr so an der Nase rumführt, für bare Münze nehmen? Warum vertrauen wir dir noch, Viertel? Ich find´s ganz schön fies gegenüber der Fantasie, die ja Kraft braucht, dass sie sich aufbaut, sich den Heinrich Zille vorm „Nussbaum“ vorzustellen, wie er Bier säuft und auf die Nikolaikirche blickt, wo die Hütte doch drüben in Cölln stand? Nee, du. Aber Glückwunsch zum Dreißigsten.

Hansaviertel verschläft UNESCO

Und dir: Glückwunsch zum Sechzigsten, verschlafenes Hansaviertel. Dich hab ich noch nie zu fassen gekriegt. Mehr Luft als Gebäudesubstanz schwebt hier durch die Baumkronen. Man muss die Häuser ja schon suchen. Geh mal zum Friseur! Zwölf Millionen Menschen sehen dich nicht von den Spreeschiffen aus und denken beim Worte „Bauausstellung“ bestenfalls an Gartenbau. Wie willst du denn in solch dunklen Zeiten, wo deine Bäume mehr Schatten werfen als deine Solitäre Licht ausstrahlen, den Esprit der freien Stadt von vor 60 Jahren vermitteln – frei im Sinne von freiräumlich, freigeräumt, abgeräumt. Ich drücke dir die Daumen, dass die UNESCO dich entdeckt („Euch“ muss man ja sagen, ich drücke „Euch“ die Daumen, es geht ja hier nicht nur um dich, auch um die sozialistische Ost-Allee). Mein Tipp zum großen Jahrestag: Bäume stutzen, und die Marzahner IGA-Seilbahn ab 2018 von der Siegessäule zur Moabiter Heilandkirche schweben lassen.

Wenn es in Berlin ein Projekt gibt, auf das ich wirklich gespannt bin und das ich hundertmal lieber eingeweiht sehen möchte als den Flughafen eröffnet, dann ist es das Freiheits- und Einheitsdenkmal. Für die „Wippe“ in Mitte würde ich – wenns drauf ankommt – auch beten, und vielleicht ist dieser Zeitpunkt schon nahe. Denn jetzt will auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer die Volksschale kaltstellen, nachdem es der Haushaltsausschuss des Bundestages vergeblich versucht hat. Bekommen wir letztlich vorm Schloss eine „Kaltschale“ serviert?

Freiheits- und Einheitsdenkmal als soziale Skulptur (Entwurf: Milla & Partner)

Freiheits- und Einheitsdenkmal als soziale Skulptur (Entwurf: Milla & Partner)

Bitte nicht gleich „verschaukelt“ fühlen! Die Kaltschale ist nur die letzte Konsequenz eines Kunstwerks, das auf alle Regungen eine Antwort parat hat und in alle Richtungen gleichermaßen wirkt. Von der Kaltschale kriegt jeder, was er herauszuschöpfen hofft. Und das Geniale ist: Das Bauwerk wirkt jetzt schon, ohne gebaut zu sein.

Eine Berliner Großwippe, die funktionert

Das Denkmal wippt: Der Bundestag beschloss 2007, ein Denkmal zu bauen (rauf). 2009 brach man den Wettbewerb ab, weil die Jury die Entwürfe doof fand – ich übrigens auch – (runter). Dann führte eine zweite Runde zum Erfolg mit gleich drei Siegern, später fiel die Auswahl auf „Bürger in Bewegung“, wie das geplante Denkmal offiziell heißt (rauf). Das Medienecho (Wippe, Schaukel & Co.) und der verpasste Baustart förderten das schlechte Image des Projekts (runter). Endlich kam 2015 die Baugenehmigung (rauf), aber der Haushaltsausschuss stoppte das Projekt 2016 wegen gestiegener Kosten (runter). Als dasselbe Gremium etwas später 18,5 Millionen Euro für die Schlosskolonnaden am selben Ort bereitstellte, schlug die Wippe hart auf den Boden auf (runter!). Bundestagspräsident Norbert Lammert und das Groko-Machtwort der Bundesfraktionsspitzen brachten das Einheitsdenkmal vor kurzem wieder auf den Plan zurück (rauf), doch Senator Lederer sorgt, wie gesagt, erneut für „Bewegung“ (runter). — Was will man eigentlich mehr? Das Ding funktioniert doch.

Bei diesem ganzen Hin und Her trifft eben auch die Vokabel vom Verschaukeltsein voll ins Schwarze. Braucht man nicht weiter zu erklären.

Standort Einheitsdenkmal

Mythisch aufgeladen: Das Einheitsdenkmal „wippt“ hoch und runter und ist noch nicht gebaut. Das Foto zeigt die Schlossfreiheit von 2012, glaub ich (Foto: André Franke)

Ein Denkmal in Schieflage

Lesen konnte man auch von der „Waage“. Und auch diese Zuschreibung findet ihre Entsprechung in der aktuellen Diskussion. Das Freiheits- und Einheitsdenkmal befindet sich in totaler Schieflage. Alle reden vom Einheitsdenkmal, aber nur einer hebt den Kampf um die Freiheit 1989 hervor. Wolfgang Thierse tut es in diesem NDR-Interview, und ich finde diese Betrachtung bestechend korrekt – genauso wie ich die mechanisch aufwendige, mehrheitsfähige Schwankung der Schale als Sinnbild für eine Revolution perfekt finde. Einfach perfekt. Irgendwann kippt ein System eben, aber es braucht eine kritische Masse. Wieder eine Schlagzeile, eine neue, möcht ich sagen: Auf der „Kippe der Einheit. Da sind manches und so mancher ins Schlittern gekommen, ins Abseits gerutscht.

Selbstbefreite Bürger vor der Haustür hätten dem Palast besser gestanden als dem Schloss

Was hätte eigentlich „Bürger in Bewegung“ für eine Aussage gehabt, wenn statt des Schlosses der Palast der Republik (auch ein „Gekippter“) der Nachbar des Denkmals geworden wäre? Eine stärkere. Und ich stelle fest, das meine Sympathien fürs Schloss sich wieder verflüchtigt haben. Schloss und Schale passen nicht zusammen. Überhaupt nicht, weder inhaltlich noch vom Gestalterischen her. Leider kam das Schloss zuerst, und da es ´ne ziemliche Wucht ist, scheint es die Schale zu bedrängen und zu erdrücken. So eine Plattform, auf der was los ist, soll man doch sehen können, von Weitem. Zumindest aus etwas Distanz. Dazu hätte der Palast die bessere Position gehabt. Auch inhaltlich: Vorm Haus des Volkes ein Denkmal des Volkes … Immer fehlt was.

Am Ende fehlt das Freiheits- und Einheitsdenkmal vielleicht sogar ganz. In folgenden Fällen werde ich das Projekt konsequent nur noch die „Kaltschale“ nennen. Wenn es:

  1. vom Bundestag wieder abgesagt und nie gebaut wird oder
  2. gebaut wird, aber aus Sicherheitsgründen statisch und unbeweglich bleibt wie die Großwippen im Tilla-Durieux-Park am Potsdamer Platz.

Ansonsten nenne ich das Denkmal ab heute „Freiheitswaage“, damit die Einheit auf der Wippe nicht zu dick wird.

Mitten im Winter fahr ich selten aufs Feld. Aber Annemieke Bosschaart hat mir dafür einen Grund gegeben. Die Journalistik-Studentin aus den Niederlanden suchte nach den Freiräumen Berlins und nach Erklärungen, warum es sie gibt. In ihrer Radio-Reportage „Open Spaces in Berlin“ macht sie eine Tour mit mir, die auf dem offensten, freiesten, negativsten, wildesten, unberechenbarsten und unstädtischsten Flecken Berlins endete. Sie hätte vielleicht hier, auf dem Tempelhofer Feld, beginnen sollen …

Wir trafen uns aber am Alexanderplatz. Ich wollte Annemieke zuerst das riesige Rathausforum zeigen. Kein Freiraum liegt zentraler und keiner ist trügerischer in dem Sinne, dass Berlins Historie drunterliegt. Auf dem Weg zu den Stadtmodellen am Köllnischen Park kamen wir am Schloss vorbei. Ich hatte es nicht als Tourinhalt geplant, doch es drängte sich uns ganz von selber auf, und Annemieke fand Interesse an dessen Geschichte, obwohl der Schlossplatz ja kein klassischer Freiraum (mehr) ist. Jede Baustelle steht für einen vergangenen Freiraum.

Eine Freiraum-Tour startet am Rathausforum, das die Presse wegen seiner Ausmaße gerne mal mit Pjöngjang vergleicht

Das ließ sich gut erkennen als wir wenig später vor dem Stadtmodell standen, das im Maßstab 1:500 zeigt, was wo in Berlins City Ost seit 1990 gebaut und geplant wurde. Aber hier, im Foyer der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, sprachen wir besonders über die Ursachen, warum Berlin heute immer noch so frei, grün und bunt ist. Und dieser Fokus war auch für mich selbst bereichernd. Denn bis auf die Konversion ehemaliger Bahnflächen lässt sich die Existenz der Freiräume letztlich auf die Kriegszerstörungen und die spezielle Teilungsgeschichte der Stadt zurückführen.

Vielfältige Ursachen

Die Europacity, das RAW-Gelände, die Güterbahnhöfe Wilmersdorf und Greifwalder Straße, der Park am Gleisdreieck oder das „Pankower Tor“ sind allesamt Areale der Bahn gewesen. Die Prinzessinnengärten (hiermal stellvertretend für zahlreiche Berliner Kreativ-Oasen) haben sich auf einer kriegsproduzierten Baulücke am Moritzplatz entwickelt. Der Mauerpark, der teilweise auch eine Bahngeschichte hat, und die Wagenburg Lohmühle in Treptow sind auf dem 1990 frei gewordenen Grenzgelände der Mauer entstanden. Und Tempelhofer Feld wie Noch-Flughafen Tegel, Projekte der Extraklasse in der Berliner Stadtentwicklung, sind ein Segen der Sektorenstadt Berlin aus dem Kalten Krieg (und ihrem Ende selbstverständlich).

Pony-Reiten durch den Mauerpark. Nur im Freiraum möglich (Foto: André Franke)

Pony-Reiten durch den Mauerpark. Nur im Freiraum möglich (Foto: André Franke)

Gerade Tegel und Tempelhof als erlöste, zu erlösende Flughafenstandorte sprangen uns ins Auge als Annemieke und ich vor den Berlin-Karten standen. Das sind die „Open Spaces“ Berlins vom größten Kaliber. In diesem Moment schwant es Annemieke, dass ihr Wunschprojekt „RAW“, zu dem ich sie entlang der Spree führen wollte, an ihrem eigentlichen Thema vorbeizuschlittern drohte. So fragte sie mich unterwegs, ob wir raus aufs Feld fahren könnten. Und das taten wir, bogen zum S-Bahnhof Jannowitzbrücke ab, anstatt die Holzmarktstraße zur East Side Gallery rauszulaufen, und nahmen am Ostkreuz die Ringbahn.

Fenster zum Feld gibt es viele. Die S-Bahn bugsiert jeden Tag tausende auf der Ringbahn am größten Freiraum Berlins vorbei. Einsteigen lohnt sich

Treptower Park … Sonnenallee … Neukölln … Hermannstraße … und dann kam auf dem Weg zum S-Bahnhof Tempelhof endlich das „Fenster zum Feld“. Annemieke sah einen Freiraum wie sie ihn in einer Stadt noch niemals gesehen hatte. Diese halbe Minute Feld ist das dynamischste Stadtbild Berlins. Man fährt in hoher Geschwindigkeit (alternativ mit dem Auto auf der A100), doch nur langsam ändert sich, was man sieht. Fast statisch bleibt das Bild. Das macht einem die Größe dieses Ortes klar. Dann stiegen wir aus, überquerten den Tempelhofer Damm, gingen aufs Feld.

Freiraum der Extraklasse: das Tempelhofer Feld. Blick vom Neuköllner Schillerkiez nach Westen (Foto: André Franke)

Freiraum der Extraklasse: das Tempelhofer Feld. Blick vom Neuköllner Schillerkiez nach Westen (Foto: André Franke)

Schritt für Schritt wurde es leiser. Wir ließen den Straßenlärm hinter uns. Es war Montag, früher Nachmittag und kalt. Kaum Menschen. Alles ruhig. Alles offen. Wir liefen bis wir den Taxi-Way erreichten, und ich bestand darauf, weiter bis zur nördlichen Rollbahn zu gehen. Noch weiter weg von der Straße, noch weiter ins Zentrum rein. Von hier aus sahen wir bis zum Fernsehturm. Da hatte unsere Tour begonnen. Auf merkwürdige Weise hatten wir zwei Berliner Freiräume miteinander verbunden, der eine zentral, der andere peripher (zur Innenstadt). Allein der Blick zurück verband beide Orte.

Dann trennten sich unsere Wege. Ich lief zurück zur Ringbahn, fuhr in die Gegenrichtung, nochmal durchs Feldfenster gucken. Annemieke Bosschaart ging über die zwei Kilometer lange Rollbahn nach Neukölln. Ihre Suche nach dem Berliner Freiraum war zu Ende. Jetzt suchte sie wieder die Stadt.


Radio-Reportage „Open Spaces Berlin“ auf soundcloud.com

Artikel von Annemieke Bosschaart auf Campus-Blog (in Niederländisch)

Ich habe ein kleines Heft. Das nennt sich „Planungsrundschau“ und stammt noch aus meinen Studienzeiten. Und es gibt einen Ort in Berlin, der mich immer wieder an dieses Heftchen denken lässt (A5-Format, 118 Seiten): der Stutti. Immer wenn ich hier bin, fällt mir der Artikel von Ursula Flecken und Juliane Martinius ein, in dem die Stadtplanerinnen fragen:

„Wer macht hier eigentlich Stadtplanung? – Ist es die Deutsche Bahn (…), der Investor (…), die Baustadträtin (…), die planende Verwaltung (…), der Architekt (…), das Planungsbüro (…), die Bürgerinitiative (…), das Land Berlin (…), der Bezirk Wilmersdorf (…), die Öffentlichkeit (…)?“

Übern Stutti gestolpert, ins Regal gegriffen

Jetzt komme ich am Stutti vorbei und sehe, er sieht aus wie immer, wie vor Jahren. Es scheint gar nichts passiert zu sein. Richtung Windscheidtstraße, wo ich zum Törtchen-Essen eingeladen bin, bleib ich stehen und wundere mich über die Brache am Wegesrand. Brache? Ein Schild weist darauf hin, dass es sich um eine Grünanlage handelt. Muss wohl am Winter liegen, der das Grüne grau macht. Aus dem kritisierten Bauprojekt ist offenbar nichts geworden.

Verwilderter Stutti, Januar 2017 - aber zumindest „geschützt“ (Foto: André Franke)

Verwilderter Stutti, Januar 2017 – aber zumindest „geschützt“ (Foto: André Franke)

Die Planungsrundschau berichtete in ihrer damals ersten Ausgabe von 2001 (hier online) von dem Projekt eines Investors, der am Stuttgarter Platz auf 560 Meter Länge eine Riegelbebauung mit großflächigem Einzelhandel und einem 19-geschossigen Hotelhochhaus plante. Der Stutti wäre zugebaut und oberirdisch durch die Zufahrten einer Tiefgarage zerschnitten worden. Auslöser für das Projekt war (und jetzt wird´s spannend): die Deutsche Bahn wollte den S-Bahnhof Charlottenburg mit dem etwas entfernter liegenden U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße zusammenlegen und die freiwerdende Fläche am Stutti verkaufen. Das Umsteigen sollte „besser“ werden. Klingt ja auch irgendwie richtig, im ersten Moment, den öffentlichen Verkehr dadurch zu stärken, den Leuten ein paar Minuten mehr Zeit zu schenken. Minuten … mehr Zeit …

Der Stutti – ein Geschenk

Die beiden Autorinnen forderten im Artikel weniger Baumasse, mehr Freiraum und Stadtqualität, auch eine bessere Bürgerbeteiligung – aber darauf will ich hier gar nicht hinaus. Sondern ich frage mich, warum die Bahnhof-Fusion überhaupt stattfinden muss (ich glaube, sie ist heute längst nicht mehr geplant). 400 Meter von A nach B laufen (zu müssen), ist grundsätzlich gut. Gut für den Mensch! Gut für den Großstadtmensch. Wir müssen das Laufen wieder lernen. Sicher spart Zeit, wer flüssig mit den Öffentlichen unterwegs ist. Wir leben aber heute in einer Zeit, in der jede körperliche Bewegung zählt, auch wenn sie im Alltag einen konkreten Zweck hat (kann schon mal passieren, muss nicht gleich Sport sein), weil sie uns ganz einfach gesund hält (10.000 Schritte soll der Mensch am Tag machen, sagt der Fußverkehr-Verband). Ich bin neulich mit Freunden bei meinem Birthday-Walk 27 Kilometer durch Berlin gelaufen (anvisiert hatten wir 40), von morgens um acht Uhr bis abends um sieben (dazwischen die Mahlzeiten). Was sind da 400 Meter noch? Seitdem gehe ich lieber mal eine Station zu Fuß, um wenigstens ein bisschen im Gang zu bleiben. Jeder Weg ist ein Geschenk. So gesehen ist es auch der Stutti.

Westlicher Stuttgarter Platz 2017 - sieht eigentlich ganz schön aus, aus dieser Perspektive jedenfalls (Foto: André Franke)

Westlicher Stuttgarter Platz 2017 – sieht eigentlich ganz schön aus, aus dieser Perspektive jedenfalls (Foto: André Franke)

Was für ein Potenzial der Stuttgarter Platz doch hätte, würde man die Strecke zwischen S- und U-Bahnhof den Fußgängern so einrichten, dass es für sie das Highlight ihres (Arbeits-)Weges, das Highlight des Tages würde, ein Fest für alle Stadtreisenden! In Aachen wird gerade im Auftrag des Bauministeriums im Rahmen des Modellprojekts „Aktive Mobilität in städtischen Quartieren“ eine Premiumroute für den Fußverkehr geschaffen (bbsr.bund.de, aachener-nachrichten.de). „Premiumroute“ hört sich schon mal gut an.