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Berliner Silberlinde auf der Überholspur

Auf Unter den Linden geht es gemächlich zu. Die Baustelle, die für vier Jahre die Promenade blockieren wird, ist noch nicht eingerichtet. Noch im Sommer soll sie kommen. Und mit ihr die Silberlinden, die hitzeklugen Silberlinden. Die mit dem weißhaarigen Flaum unter den Blättern und den gelben Blüten. Noch nie habe ich eine gesehen. Nur die Morgenpost hat sie im vergangenen Dezember in einem Artikel angekündigt. Seitdem bin ich neugierig. Doch wie neugierig kann ein Mensch bleiben, wenn er vier Jahre auf den Baum, auf den er sich freut, warten muss?

Bauwende braucht Tempo

Anders laufen die Dinge auf dem Schinkelplatz. Dort erkennt man die Stadt nicht wieder. Wer hier länger als drei Wochen nicht gewesen war, wird mal wieder eine Berliner Brachfläche vermissen. Die Brachfläche rund um den „Roten Saal“ der geplanten Bauakademie hat sich in eine Ausstellung verwandelt: in den „Treffpunkt Bauwende“. Bis zum 25. Oktober demonstriert die Stiftung Bauakademie mit Partnern, wie zum Beispiel die Regenwasseragentur, zwölf blau-grüne Interventionen in die graue, dem Klimawandel ausgelieferte Stadt. Da wachsen Bohnen aus der Hüfthöhe vorbeischlendernder Menschen in drei Monaten bis zur Dachkante des Gebäudes hinauf und verschatten die Backsteinfassade des Roten Saals wie eine Art Zelt. Anschließend sollen sie geerntet werden und gegessen, sagt der Projektleiter beim Rundgang und ist stolz, dass die Böhnchen für die Installation keineswegs vorgezogen wurden, sondern erst seit drei Tagen aus der Erde kommen. So schnell kann das gehen in Berlin.

Und das haben sich dann wohl auch die drei Silberlinden gedacht. Geboren in der Baumschule des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf, hat man sie womöglich unweit am Brandenburger Tor vorbei transportiert: vielleicht über die Ebertstraße, Behrenstraße, Glinkastraße und die Straße Unter den Linden. Was mögen sie wohl gedacht haben, als die Baumschulgärtner sie durch die leergefegte Heimat ihrer Artgenossen chauffierten? Über 50 Linden gingen flöten, als vor Jahren die Baustelle der U5 den bewachsenen Boulevard besetzte. Das hat sich sicher bis nach Charlottenburg rumgesprochen, daher müssen es die drei glücklichsten Linden in Berlin sein, die jetzt am Treffpunkt Bauwende stehen. Glücklich, dass man sie nicht schon an der Mercedes Benz Gallery oder vor dem Bud Spencer Museum abgesetzt und in den märkischen Sand gebracht hat.

Gruppe von Menschen neben drei jungen Bäumen in Pflanztöpfen

Silberlinden am Treffpunkt Bauwende, Schinkelplatz (Foto: André Franke)

Womöglich hat es an Board des Transports auch Diskussionen gegeben und die Linden haben sich beim Lastkraftwagenfahrer damit durchgesetzt, woanders gedeihen zu dürfen. Silberlinden können sehr resilient sein, wisst Ihr? Denn wie ich auf dem Einführungsrundgang bei der Ausstellungseröffnung am Montag erfahre, drehen die klugen Bäume ihre Blattunterseite, die mit dem schimmernden Flaum, bei großer Hitze nach oben. So reflektieren sie das Sonnenlicht, die Glücklichen. Und ich bin sicher, es macht glücklich, ihnen dabei zuzusehen. Die Hitze wird kommen.

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