Futurberlin freut sich mit allen Berliner Autofahrern und Autofahrerinnen auf die Eröffnung der Pop-Up-Radwege an den Ufern des Landwehrkanals in Kreuzberg! Ich formuliere das in dieser Art, um daran zu erinnern, wie dreist Audi im Jahre 2011 die Eröffnung der Humboldt-Box begrüßte: Audi freue sich mit allen Berlinern und Berlinerinnen, behauptete der Autobauer damals und ließ es auf die Wände der Box drucken. Ich stand davor und wollte schreien: Nicht mit mir!

Meckern vom Pop-Sofa

Jetzt „poppt“ am Tempelhofer Ufer fast zehn Jahre später die bessere Seite der Stadt auf, und Audi & Co. schreien. Der ADAC beschwört Weltuntergangsstimmung in Kreuzberg und Friedrichshain, weil die Exekutive Gesetze umsetzt, weil Felix Weisbrichs Straßenamt die Radwege baut, die das Mobilitätsgesetz verlangt. Der Autoclub stellt sich an die Straßen, zählt auf eigene Faust den Verkehr und schreit zum Himmel, das Handeln der Verwaltung sei nicht repräsentativ. Hat der Club die Verkehrswende verschlafen? Sie ist längst legitimiert. Oder will er bloß ordentlich Stimmung machen? Dabei zieht er auch das Thema der Zeit an den Haaren herbei. Der Bezirk nutze die Gelegenheit, weil jetzt, in Zeiten von Corona, alle Straßen frei wären. Der ADAC sollte Xhains Radwegehelden dankbar sein, dass sie den Autofahrern die Möglichkeit lassen, aus der Distanz heraus nachzudenken, welche Wege sie mit welchen Verkehrsmitteln nehmen, wenn auf Berlins Straßen wieder Normalität einkehrt. Der Bezirk könnte die Radwege auch bauen, während die Blechlawine rollt und unter den Live-Schmerzen der alternativlosen Verhinderung vor Ort zum Erliegen kommt.

Unter dem Viadukt der U-Bahn soll der acht Kilometer lange Radschnellweg entstehen.

Im Übrigen verlaufen am Halleschen (siehe Bild) und Tempelhofer Ufer der Europawanderweg Nr. 11 und der Grüne Hauptweg Nr. 19 – Elemente eines regionalen und überregionalen Netzwerks, das eben die bessere Seite der Stadt bedient, aber an dieser Stelle wegen des starken Kfz-Verkehrs total unattraktiv ist. Am Landwehrkanal begegnet der Berliner dem Wasser. Und die Wasser in Berlin fließen ruhig. Kommt also mal runter am Kanal! Runter von Euren Rossen mit Motor! Runter vom Gaspedal und runter mit der Geschwindigkeit. 1930 gab es an der Stelle sogar einen Unfall. Ein Automobil war mit Karacho gegen die Uferbegrenzung gekracht, im Inneren ein Toter. Allerdings hatte man Boris aus dem Leben gedrängt, bereits bevor sein Mörder den Zündschlüssel umdrehte und den Unfall umständlich vortäuschte. Nachzulesen in: „Der nasse Fisch“. Das ist bestimmt bloß ein komischer Zufall. Oder ist Volker Kutscher ein Fan autofreier Straßenräume? Allenfalls die Radbahn Berlin sollte hier aufdrehen können. Aber um die mache ich mir jetzt wirklich Sorgen. Sie gerät mehr und mehr zum Prestigeprojekt, wenn sie real keiner mehr braucht, um mit dem Fahrrad von Schöneberg bis zur Oberbaumbrücke zu rollen. Soll sich der ADAC freuen, dass die Radbahn vielleicht deshalb „auf der Strecke bleibt“ (im Sinne von: sich erübrigt). Dann bleiben vielleicht die Parkplätze unter dem U-Bahnviadukt. Gute Fahrt! – Ach nee, bleiben Sie besser zu Hause!

LINKS

Artikel in der Morgenpost v. 23. April 2020: „Pop-up-Radwege sollen dauerhaft bleiben“

Artikel im Tagesspiegel v. 24. April 2020: „Der Mann hinter den Pop-Up-Radwegen“

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