In meinem mittlerweile zehnjährigen Dasein als Futurberliner hat es bisher kein Projekt gegeben, das mich zu einem Akteur werden ließ. Beobachten und das große Berlin-Puzzle zusammenbauen, fand ich reizvoller als eines der Teile selbst mitzugestalten. Nachdem ich heute im Haus der Statistik gewesen bin, sehe ich meine Sternstunde gekommen und kann mir vorstellen, als Pioniernutzer einzuziehen. Warum?

Gleiche Devise, anderer Zoom

Da wird nicht einfach etwas gebaut. Da wird ein Quartier entwickelt, dem das Unfertige, Improvisierte, das Einsetzbare, Ansetzbare, Austauschbare in die Agenda geschrieben ist. Das heißt, am und im Haus der Statistik wird sich immer irgendwas verändern. Vielleicht schneller und verrückter als anderswo in Berlin. Es wäre eine schlüssige Fokussierung meines selbstgestellten Arbeitsauftrags, das Werden Berlins zu begleiten: eine zweite Brennweite, eingestellt auf den Block zwischen Karl-Marx-Allee und Otto-Braun-Straße.

Showroom für Berliner Stadtentwicklung

Ich würde einen Raum einrichten, ein paar Quadratmeter, vier mal Wand. Da bringe ich das Digitale ins Analoge zurück: An der ersten Wand das Newsboard, ein echtes (!) Newsboard, das Monat für Monat als thematischer Pressespiegel neu anwächst mit Nachrichten aus der Stadtentwicklung Berlins. An der zweiten Wand ein unbegrenzter Eventkalender. An der dritten: Akteurslisten. An der vierten: die Stadtbilder. An der fünften… Oh, ich sehe, das Büro des Futurberliners braucht verspielte Grundrisse. „Büro“ wäre aber der falsche Begriff. Mir schwebt ein offener Newsroom, Showroom für Stadtentwicklung vor, wo Berliner und Berlinbesucher sich einen Überblick verschaffen können, mit mir, dem Futurberliner, Sprechstunden abhalten können, Sprechstunden zur Stadtentwicklung. Das heißt, ich importiere Berlin ins Haus der Statistik.

Tourenbasis von Futurberlin

Umgekehrt exportiere ich das Haus der Statistik als Projekt auf die Straßen Berlins. Ich würde regelmäßige Blockwalks anbieten und die fortlaufenden Veränderungen auf dem Gelände (das ja riesig ist und rückwärtig für die meisten Leute unbekannt), präsentieren. Meine Touren würden standardmäßig am Haus der Statistik starten. Die Lage am Alex, in der östlichen Mitte, ist optimal. Ganz naheliegend dann, bei Tourstart (egal welcher Art) das Projekt kurz vorzustellen und bekannter zu machen.

Mr. Skyscraper findet den Arbeitsplatz

Was mich persönlich packt, das sind die symbolischen Klammern, die das Haus der Statistik mit meinem freien Schaffen verbindet. Vor knapp zehn Jahren schrieb ich einen meiner ersten Artikel über die damaligen Pläne für den Ort. Das Haus sollte abgerissen werden und mit Blöcken neubebaut. Neue Straßen führten im Siegerentwurf des Wettbewerbs von der Otto-Braun-Straße ins Wohngebiet Karl-Marx-Allee Nord. Alles Schnee von gestern! Alles vergessen am jetzigen „Alles-Anders-Platz“ (das ist der aktuelle Schriftzug auf dem Gebäudedach). Der Komplex bleibt so stehen, wie er ist. Diese Kehrtwende an diesem prominenten Ort, fasziniert mich. Oder vielmehr, dass sie möglich wurde. Stadtplanung ist eben oft für die Katz.

„Allesandersplatz“ ist der neue Schriftzug auf dem Dach des Haus der Statistik

Wenn der Futurberliner, eine Topfpflanze, die noch den Garten sucht, wirklich im Haus der Statistik sein Biotop finden sollte, wäre noch eine weitere Klammer fix. Eine Kollegin, die ich angesichts ihres ausgelebten Chronisten-Gens sehr schätze, hat mich mal wegen meines Newsletters „Mr. Skyscraper“ genannt. Von wo aus könnte Mr. Skyscraper das Hochhausbeben, das die City Ost aus den Angeln wirft, besser beobachten als von einem Standort am Rande des geplanten Tower-Clusters? Hier, im Haus der Statistik, im Schatten des Alexanderplatzes, könnte das Auge des Futurberliners den wohl unappetitlichsten Akt im Theater um Berlins vermessener Aufholjagd zum Architekturhimmel europäischer Metropolen mitverfolgen. Hier werden Betonbomben fallen und sie werden ihre Druckwellen auch auf das Haus der Statistik abgeben. (Besser man baut im Haus der Statistik also nicht zu früh die Fenster ein.)

Ach so, es gibt für die Pioniere im Gebäude übrigens keine Heizung, wie man mir heute sagte. Im Moment mag das ja gehen. Aber im Winter? Egal. Im Haus der Statistik ist eben alles anders.

 

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