Es ist gar nicht selbstverständlich, aber möglich, dass man Professoren auch außerhalb von Universitäten reden hört. So betrachte ich Harald Bodenschatz´s Vortrag vom Freitag als Geschenk. In der Parochialkirche sprach der Architektursoziologe der TU Berlin davon, wie die Zeichen für die Berliner Altstadt schon immer auf Abriss standen. Die Mitte sei durch die Großstadtwerdung schrittweise Richtung Westen gewandert, der Berliner Stadtkern dagegen als zweitklassig (ja sogar „zurückgeblieben“) betrachtet, und von den Stadtvätern und Planern stiefmütterlich behandelt worden, wie „Aschenputtel“. Als solches blieb der Kern Berlins im Osten liegen, der in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der DDR konsequent ausgelöscht werden sollte. Und der Professor zeigte die passenden Bilder, welche, die zum Großteil niemals verwirklicht wurden. Das ist das Erschreckende: die Planungsgeschichte, der Alltag des Aschenputtels.

„City West – ein schrecklicher Begriff“

Das mag der Grund sein, warum baukulturell anspruchsvolle Reurbanisierungsprojekte in Dresden, Frankfurt am Main und Potsdam Erfolg haben, aber die Berliner Ambitionen in diese Richtung der breiten Öffentlichkeit als unzeitgemäß erscheinen: Berlin ist eine Großstadt, die eben größer ist als andere. Berlin ist eine Stadtregion, geboren 1920. Selbst Potsdam zählt für Bodenschatz noch zu Berlin. Nach Mitte (die auch die Altstadt enthält) und der City West („ein schrecklicher Begriff“, wie der Professor klagt) sei Potsdam das dritte Zentrum der Großstadtregion. Die Berliner Altstadt hat einfach zu starke Nachbarn gekriegt, gegen die sie sich nicht behaupten konnte. Helfen jetzt nur noch Haselnüsse und der nackte Wunsch nach aufblühenden Ballkleidern?

Ausstellung „Molkenmarkt und Klosterviertel – Ein lebenswerter Ort?“ im Oktober 2018 (Foto: André Franke)

Wir wissen alle, dass Aschenputtel aus der Geschichte als Gewinnerin hervorgeht. Es braucht die Chance, zu tanzen. Erst als sie auf dem Balle des Prinzen erscheint, bahnt sich ein Weg aus der Misere. Wir wissen auch, dass das Mädchen drei Anläufe braucht, bis sie den Retter mit dem verlorenen Schuh aus dem Schloss ködert. Als so einen Anlauf muss man das Molkenmarkt-Projekt erkennen, von allen Seiten: aus Sicht der Verwaltung, der Bauherren, der aktiven Vereine. Man muss der Altstadt Berlins eine Rolle zuweisen (den Schuh anziehen), die sie klar und deutlich von den Stiefschwestern, also allen anderen Berliner Zentren, Bezirken unterscheidet. Und da es sich bei Aschenputtel nicht um eine alte Dame, sondern einen jungen Geist handelt, sollten alle Akteure, die die Zukunft des Ortes jetzt mitgestalten, es wagen, viel zu experimentieren. Ohne Hacken, ohne Schneiden.


Links

Projektseite des Forums Stadtbild Berlin e.V. (Ausstellung und Vortragsprogramm 10.-14. Oktober 2018): molkenmarkt-berlin.de

Projektseite der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen: stadtentwicklung.berlin.de

Berlin Mitte Archiv. Dokumentation und Recherchen zur Geschichte von Berlin-Mitte: berlin-mitte-archiv.com

Bausinn, Bauwahn, Bauwahnsinn? Ja, Bauen kann Sinn machen, und wahnsinnig machen vielleicht auch (siehe „Germania“). Oder muss man andersherum zuerst wahnsinnig sein, um zu bauen?

Senator Geisel lebe in einer Parallelwelt, die neue Liegenschaftspolitik sei eine Farce, und es gebe ein Kartell von Akteuren, die kleinteilige Nutzungsmischung auf Gebäudeebene verhindere. Das war gestern beim öffentlichen Stadtgespräch im Charlottenburger Stadtbüro von Katrin Lompscher zu hören – Sätze, die nicht von ihr kamen, sondern von den Gästen, dem Publikum.

Eventnotizen, quer durch den Gemüsegarten

Das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Wilmersdorf, das mit mehr als 900 Wohnungen bebaut werden soll, hieße jetzt „Friedenauer Höhe“, sagt jemand mit einem Lächeln auf den Lippen.

Es wurde kritisiert, dass das Land Berlin beim Projekt Elisabeth-Aue in Pankow weiterhin Grundstücke an Private verkauft (etwa 50 Prozent, wie ich hier neulich gelesen habe), anstatt sie zu behalten und ausschließlich in Erbbaupacht zu vergeben.

Es wurde erwähnt, dass ein Investor eine (billige) Bahnfläche am Westkreuz kaufen will, um sie zu bebauen und dass der Bezirk ihm das leicht mache.

Es wurde über die zwei Volksentscheide „Fahrrad“ und „Volksentscheide retten“ gesprochen, die beide für die Bundestagswahl 2017 zu spät kämen, weil sie von der Verwaltung torpediert würden (dazu ein Interview des Tagesspiegel mit Heinrich Strößenreuther vom Fahrradvolksentscheid). Es gäbe für die Verwaltung für die Bearbeitung keine Frist, was der „Retten“-Entscheid eben auch ändern wolle.

Berlin, die „Samsung-Stadt“

Katalin Gennburg, früher Stadtbüro-Mitarbeiterin von Katrin Lompscher, jetzt gewählte Abgeordnete aus Treptow, nannte in ihrer Agenda unter anderem, sie wolle großflächige Fassadenwerbung an Baustellen verhindern. Finde ich sehr symphatisch! Zwei Beispiele fallen mir sofort dazu ein: Beim Festival of Lights vorm mal wieder phänomenal-illuminierten Berliner Dom störte vor zwei Wochen nichts den Farbton des Abends mehr als das grelle Samsungschloss. Wenigstens für das Festival hätte die Stiftung Humboldtforum das Licht ausmachen können. Genauso bezeichnend für die Unsensibilität gegenüber seiner Umwelt ist der Standort „Samsungplatz“ … Na, wo ist der? Samsung-Großbildwerbung hängt auch an der Planfassade des Skandalgrundstücks Leipziger Platz 18/19, wo der „Samsunginvestor“ F100 aus Luxemburg für die erklärte Europäische, nutzungsgemischte Stadt Berlin keine „Samsungwohnungen“ bauen braucht, weil ein „S-Senator“ („S-“ wie Stadtentwicklung) ihm eine Ausnahme erteilt (die Presse berichtete umfangreich). Neben dem Berliner Bauwahnsinn existiert also auch ein Berliner Schauwahnsinn.

Samsungschloss beim Festival of Lights. Tausende Menschen geblendet (Foto: André Franke)

Samsungschloss beim Festival of Lights. Tausende Menschen geblendet (Foto: André Franke)

Apropos Umwelt … Ein Bausenator könne nicht gleichzeitig auch Umweltsenator sein, sagte gestern auch jemand und kritisierte die Ämterhäufung in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Das widerspräche sich und ermögliche Amtsmissbrauch.

Dienstag Abend um 22:45 Uhr läuft in der ARD die romantische Komödie Grand Hotel Budapest. Die sollte man mal gesehen haben. Aber vielleicht geht das auch später. Es gibt was besseres. Ein besseres Hotel, gleich um die Ecke oder sagen wir: hier in Berlin.

Im Ballhaus Ost in der Pappelallee in Prenzlauer Berg ist noch bis Sonntag ein temporäres Hotel eingerichtet, eine Schlafstätte mit 75 Betten, die überall in dem Gebäude zu finden sind. Auf sechs Stockwerken verteilt stehen sie auf dem Boden, liegen auf Podesten, auf Balkonen, in aufgebauten Hütten. Sogar in der Waschküsche steht eine Liege. Und unten im großen Saal.

Doppelbett in der Feierhalle des Ballhaus Ost (© David Baltzer)

Doppelbett in der Feierhalle des Ballhaus Ost (© David Baltzer)

Das Ballhaus Ost feiert sein 10-jähriges Jubiläum mit diesem Performanceprojekt. Bevor es in die Heiha geht, werden dem Hotelgast Führungen und Vorführungen geboten. Auf dem Handrücken trägt man eine Schildkröte, eine Erdbeere oder ein Schwert. Die Stempel, die einen beim Einchecken gegen 20 Uhr aufgedrückt werden, dienen der Gruppenzugehörigkeit. „Die Schwerter bitte zu Ali, raus auf den Friedhof“. Ja, das Ballhaus ist aus dem Friedhof und der später gebauten Feierhalle der Freireligiösen Gemeinde Berlin hervorgegangen, ab 1848. Ali erzählt aus dem Leben von Verstorbenen, die hier begraben sind.

Hotel für die Heimatlosen

Währenddessen gehen einige Erdbeeren in den sechsten Stock rauf zu Fernanda, hören sie erzählen von ihrer Suche nach einer Wohnung in Berlin. Dreizehn Schlüssel legt sie einem vor, jeder verbunden mit einer Geschichte, die am Ende jedesmal erfolglos bleibt. Geschichten aus dem Berlin-Boom, der viele zu Großstadtwanderern, Heimatlosen macht. Deshalb ist sie ja hier, Fernanda. Im Hotel Berlin. Ein fiktiver Dauergast.

Dann ist da noch Herr Diano. Er hat sich im Hotel Berlin sein Notquartier eingerichtet, sitzt auf dem Sofa und spielt auf einer bunten Gitarre aus Plaste, die Kinderzimmertöne von sich gibt. Herr Diano war Akrobat. Ein Leben lang. Jetzt wird er aus seiner Wohnung verdrängt, entmietet. Alle paar Minuten macht er eine Pause und stellt die Gitarre ans Sofa. Dann erzählt er eine Geschichte aus seinem Leben, zum Beispiel wie er im (alten!) Friedrichstadtpalast auftrat oder wie er mit Kumpels als Junge über die Dächer am Koppenplatz lief und sich einer einen Stock durch den Körper rammte, beim Klettern, aus Versehen, ein Unfall. Der Kumpel starb im Hedwigs-Krankenhaus. Dann sagt Diano von ganzem Herzen: „Danke“ und spielt weiter. Parallel wird das Entmietungsprotokoll verlesen.

Herr Diano in seinem Notquartier im Hotel Berlin (© David Baltzer)

Herr Diano in seinem Notquartier im Hotel Berlin (© David Baltzer)

Dinner in der Feierhalle

Nach drei Stunden Führungen, Workshops und Hauptperformance im Feiersaal gibt es einen Vortrag der Architektin Anna Baltschun, die ein Zukunftsvision für das Ballhaus Ost entworfen hat, eine Mischung aus Theater und Hotel, vereinfacht gesagt. Dann kommt das „diskursive Dinner“, für das eine Tafel aufgebaut wird, die auf ganzer Länge den Feiersaal durchzieht, und dann ist Schluss. Man kann schlafen gehen. Natürlich gibt es eine Bar. Und manchmal (wieder am Freitag, gegen 23:30 Uhr) gibt es auch das:

Oben im zweiten Stock, wo die Betten der Sozialschläfer sind (sieben), steht eine Art kleiner Tisch, mit Wasser gefüllt, das leuchtet, gespiegelt durch gebrochenes Glas, das drin liegt. Stühle stehen rundherum. Hier sitzt der Futurberliner, das Orakel der Stadt, im Bademantel, rasiert sich, putzt sich die Zähne, hat gerade noch ein bisschen Zeit, wenn man sich beeilt, um die Fragen der Hotelgäste zur Zukunft Berlins zu beantworten, bevor er schlafen geht.

Amtlich: Stadtschloss fällt 2048

Kommt eine Frage, bürstet sich der Futurberliner (der übrigens immer im Werden ist, wie ja Berlin) die Weisheit vom Zahn und rührt die Spurenelemente in den Zahnputzbecher ein. Dann kippt er die Suppe ins Wasser-Orakel und leuchtet mit dem Flackerlicht der Halogen-Taschenlampe hinein, wiederholt die Frage und … spricht aus, was das Orakel ihm zurückgibt. Das wird nicht immer das sein, was Ihr hören wollt. Letzten Freitag fragte einer nach seinem künftigen Wohnort in 2022. Und das Orakel sagte offen und ehrlich „Dortmund“. In einem andern Fall „Essen“. Das Stadtschloss würde 2048 abgerissen, 600 Jahre nach dem Berliner Unwillen. Neukölln wird nicht das zweite Prenzlauer Berg in Sachen Gentrifizierung, sagt es. Und im Flughafengebäude in Tempelhof werden 2020 keine Flüchtlinge mehr sein. Nach dem Ausgang der Wahlen am 18. September fragte übrigens niemand. Wohl aber nach der Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses im Jahre 2026 (an dieser Stelle: kein Kommentar).

Am Morgen gibt´s ab acht Uhr Frühstück. Dann wird ausgecheckt aus dem „Grand“ Hotel Berlin in der Pappelallee.


Für alle, die Lust haben, eine Nacht dort zu leben, gilt der Spezialpreis von 5 EURO (für Performance und Hotelübernachtung!), wenn Ihr Euch an mich wendet: info@futurberlin.de Ich melde Euch an. Der Spezialpreis gilt für die nächsten drei Tage, also Dienstag, Mittwoch und Donnerstag. Hotel Berlin läuft noch bis Sonntag. Freitag mit dem Orakel, wie gesagt. 

Tickets und Reservierungen für die anderen Tage (Fr., Sa., So.) unter 030 440 391 68 oder karten @ ballhausost.de und an der Abendkasse

Man kann sich auch nur die Performance anschauen, ohne zu übernachten.

Alle wollen sie, aber jeder versteht unter ihr etwas anderes. Auch im Salon von Lea Rosh letzten Montag bemühten die Gäste den Begriff von der Urbanität, als es erneut ums Rathausforum ging.

„Wir glauben, dass man Urbanität nur durch die Rekonstruktion des historischen Stadtgrundrisses herstellen kann“, sagte Gerhard Hoya von der Gesellschaft Historisches Berlin.

Doch Wolf-Dieter Heilmeyer von der Stiftung Zukunft Berlin verwies darauf, dass Urbanität auch soziologisch interpretiert werden kann. Leider wurde die Frage nicht weiter vertieft. Das Thema verdient sogar eine eigene Veranstaltung, finde ich: Was meint wer mit Urbanität?

Ein Buch, die Dissertation von Thomas Wüst, „Urbanität: ein Mythos und sein Potenzial“, auf das ich gestoßen bin, gibt schon mal einige Antworten, wenn auch nicht direkt zum Berliner Rathausforum.

Auch auf einen studentischen Projektbericht zum Thema Nutzungsmischung im Städtebau der TU Berlin bin ich in meinem Archiv gestoßen, bei dem wir im Jahre 1999 die Urbanitätsdebatte zusammenfassten. Hier ein Auszug:

+++

Eine der Zielsetzungen, die oft im Zusammenhang mit Nutzungsmischung diskutiert wird, ist die Erhaltung bzw. die Schaffung von Urbanität. Eine intakte funktionsgemischte Stadtstruktur wird häufig als Voraussetzung für Urbanität angesehen. Dieser Meinung ist z.B. Hunkenschroer, die als eine Vertreterin dieses Leitbildes der Stadtentwicklung bezeichnet werden kann.

”Die Mischung von Wohnen und Arbeiten kann in vielfältiger Weise auch in unserer Gesellschaft dazu beitragen, der Verödung von Stadtquartieren etwas entgegenzusetzen. Durch die Überlagerung mannigfacher Funktionen in dichten Strukturen entsteht Öffentlichkeit, da sich unterschiedliche Personen zu mehreren Tageszeiten im öffentlichen Raum (meist auf der Straße) aufhalten.” (Hunkenschroer, 1995: S.20)

Dabei ist für Hunkenschroer Dichte ein zentrales Merkmal von Urbanität. So sei eine Mindestdichte an Bewohnern in einem Quartier nicht nur die Voraussetzung für die Rentierlichkeit sozialer und technischer Infrastruktur sowie für Kommunikationsprozesse und Informationsflüsse.

Café Bauer Unter den linden in Berlin Ende des 19. Jahrhunderts:  (Foto: wikipedia, gemeinfrei, Autor unbekannt, Library of Congress United States)

Café Bauer Unter den linden in Berlin Ende des 19. Jahrhunderts: „Lebendigkeit im öffentlichen Raum“. (Foto: wikipedia, gemeinfrei, Autor unbekannt, Library of Congress United States)

Den Dichtebegriff bezieht Hunkenschroer darüberhinaus auch auf das Maß an städtebaulicher Konzentration (vgl. ebd.).

”Die bauliche Dichte ist auch die Voraussetzung für die Lebendigkeit im öffentlichen Raum.” (ebd.: 101)

Der urbane Charakter eines Gebietes werde jedoch endgültig erst durch eine hohe Interaktionsdichte zwischen den Bewohnern erreicht. Das bedeutet, daß unterschiedliche Nutzungstypen, wie z.B. Wohnen und Versorgung, auf einen kleinen Raum konzentriert werden müssen, und auf diese Weise eine fußläufige Erreichbarkeit ermöglicht wird. Die Folge dieser schnellen Erreichbarkeit ist, daß die Nutzung der im Gebiet ansässigen Versorgungs- und Dienstleistungseinrichtungen intensiviert wird, und somit der urbane Charakter des Gebiets zunimmt.

Hoffmann-Axthelm beschäftigt sich insbesondere mit der inszenierten Urbanität, die er als von der eigentlichen Stadt gelöst sieht. Demnach sind urbane Lebensverhältnisse nicht mehr an die Stadt gebunden. (vgl. Hoffmann-Axthelm, 1996). Vor dem Hintergrund der Suburbanisierung ist Urbanität für ihn der Stadtrest, …

”den diejenigen mitnehmen wollen, die sich aus dem Sozialvertrag Stadt (…) herausstehlen ins grüne (…) Umland” (Hoffmann-Axthelm 1996:55).

In diesem Zusammenhang unterscheidet er drei Typen von künstlicher Urbanität:

Der erste sei die gewöhnliche Innenstadt mit Einkaufszentren, die im geschützten Innenraum Stadt simulieren. Urbanität bedeutet hier Einkaufs- und Freizeitumgebung, verknüpft mit Kino, Restaurants, Cafés und Warenhaus. Die Mischung beschränkt sich hierbei auf das oben genannte Angebot an Konsumeinrichtungen, klammert jedoch eine Vielzahl an Funktionen, wie z.B. Handwerk, produzierendes Gewerbe und bestimmte Dienstleistungen, aus.

Im Vergleich zu diesem Urbanitätstyp ist der Zweite nur noch auf tourismusorientierte Funktionen beschränkt. Hoffmann-Axthelm beschreibt, daß sich das städtische Geschehen in den historischen Zentren fast ausschließlich auf die Erdgeschoßbereiche konzentriert.

Altstadt Trier: gefüllte Straßen. Echte römische Historie. Geht sowas in Berlin? (Foto: André Franke)

Altstadt Trier: gefüllte Straßen. Echte römische Historie. Geht sowas in Berlin? (Foto: André Franke)

Die dritte Art von inszenierter Urbanität ist fast vollständig von der Nutzungsmischung losgelöst. Das heißt Lebendigkeit wird durch eine Festivalisierung der Städte erzeugt, wobei sie ausschließlich wegen bestimmter Ereignisse oder Attraktionen besucht werden. Eine wichtige Rolle spielt hierbei der Neubau von Unterhaltungskomplexen, wie z.B. am Potsdamer Platz in Berlin. (vgl. ebd.). Hier gruppieren sich die Investitionen um einen ”unterhaltungsindustriellen Kern”.

”Bei Debis (…) ging es schon sehr früh um ein Musicaltheater. Der Medienkonzern Sony baut im Innern seines Komplexes eine riesige multimediale Bühne, einen Raum, der zugleich Bildschirm und Film, Stadtraum und simulierte Stadt ist.” (ebd.: 60)

Die Typisierung Hoffmann-Axthelms macht deutlich, daß Nutzungsmischung nicht das einzige Instrumentarium ist, um den städtischen Raum zu beleben. Von besonderer Bedeutung für sein Urbanitätsverständnis ist eine ausgewogene soziale Mischung, die zwangsläufig ein erhöhtes Konfliktpotential in sich birgt. Wenn man diese Mischung aus unterschiedlichen ethnischen Bevölkerungsgruppen, sozialen Bevölkerungsschichten sowie mehreren Generationen näher betrachtet, wird deutlich, daß ein hohes Maß an Toleranz und Kompromissbereitschaft bei den Bewohnern erforderlich ist. (vgl. Hoffmann-Axthelm, 1996) Dies kann jedoch nicht vorausgesetzt werden (vgl. Gruen 1975, Schäfers 1997, Hunkenschroer 1995).

Die sich aus der Mischung ergebenden Konflikte sind dagegen ein Hauptpunkt der Kritik am Leitbild der durch Nutzungsmischung erzeugten Urbanität. So schreibt Jakhel, daß die soziale Integration innerhalb eines gemischten Viertels nicht überschätzt werden sollte (Jakhel, 1976: S.83). Er bezweifelt, daß räumliche Planung Lebendigkeit im Stadtgebiet hervorrufen und die Integration des Stadtbürgers in das Stadtgeschehen bzw. in das Marktgeschehen fördern kann. Auch die Tendenz zur sozialen Segregation kann seiner Meinung nach nicht allein durch die Gestaltung des Raumes aufgehoben werden.

Eine ähnliche Haltung vertrat bereits Anfang der 60er Jahren SalinEr bezweifelt, daß Raumplanung tatsächlich urbane Verhältnisse erzeugen könne. Salin definiert Urbanität als …

”kulturell – gesellschaftliche Lebensform, weltoffene Haltung der Bewohner zueinander und gegenüber Fremden, aber nicht (als) die Qualität einer besonderen städtebaulich – räumlichen Struktur.” (in: Sieverts, 1998)

Literaturliste:

  • Hoffmann-Axthelm, Dieter 1996: Anleitung zum Stadtumbau. Frankfurt/M. New York
  • Hunkenschroer, Birgit 1995: Mischung von Wohnen und Arbeit als Potential für eine stadtverträgliche Gewerbentwicklung. Diplomarbeit. Berlin
  • Jakhel, Rudolf 1976: Illusion und Realität der ‚urbanen‘ City: Ein Beitrag zur Kritik der urbanistischen Ideologie, Aachen
  • Sieverts, T. 1998: Zwischenstadt, Braunschweig u.a.

+++

Ich bin mal gespannt, wie weit man sich bei der anstehenden Stadtdebatte „Alte Mitte – neue Liebe?“ mit diesem Thema befassen wird. Die Auftaktveranstaltung dazu findet am 18. April statt.

Zum Thema Rathausforum und Urbanität siehe auch: „Hingehen, sehen lernen“ – Ein Interview mit Verena Pfeiffer-Kloss von Urbanophil e.V. auf Futurberlin.de

Es ist schon ganz schön viel verlangt, was Stefan Evers sich da wünscht. “Mit einem weißen Blatt Papier” sollten wir in den Stadtdialog ums Rathausforum gehen. Der stadtentwicklungs-politische Sprecher der CDU im Abgeordnetenhaus hat da schlichtweg eine Unmöglichkeit geäußert. Oder eben einen Wunsch.

Rathausforum, Design der website www.stadtdebatte.berlin.de (zebralog). Um diesen Stadtraum geht´s

Rathausforum, Design der website www.stadtdebatte.berlin.de (zebralog). Um diesen Stadtraum geht´s

Die Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung zur “Berliner Mitte” vom letzten Montag hatte Ausnahmecharakter. Es wirkte, als fände sie in einem geschützten Raum statt. Und dieser Raum kam zustande, weil jedem klar war, dass es heute nicht um Inhalte ging, sondern um die Form. Zebralog, Agentur für crossmediale Bürgerbeteiligung, stellte das “Prozessdesign” für das Debattenprojekt ums Rathausforum vor. Heute wurde nicht geboxt, sondern der Boxkampf verabredet.

Maria Brückner (links) und Daniela Riedel von zebralog: "Bürgerbeteiligung muss auch Spaß machen."

Maria Brückner (links) und Daniela Riedel von zebralog: „Bürgerbeteiligung muss auch Spaß machen.“

Und das ist nicht einmal das falsche Wort. Antje Kapek von den Grünen, wünschte sich ausdrücklich, dass die anstehende Diskussion “knackig und kontrovers” geführt werde. Bisher war es so, dass die Debatte, ob Freiraum oder Bebauung, in den Medien und über Veröffentlichungen ausgetragen wurde. Ein Vorschlag jagte den anderen. Alle waren sie unverbindlich. Und die Giganten der Stadtplanung blieben unter sich, in ihren eigenen Veranstaltungen und übten am Punching Ball. Jetzt sollen sie sich treffen. Jetzt MÜSSEN sie sich treffen. Denn wer bei diesem Partizipationsprojekt, das sich an alle wendet, nicht mitmacht und später meckert, dem wird niemand mehr zuhören. Wenn am 18. April mit der Auftaktveranstaltung im bcc am Alex der Gong zur ersten Runde schlägt, darf es kein Ausweichen mehr geben.

Dr. Benedikt Goebel, Historiker und Mitglied des Kuratoriums. Johanna Schlaack (links), von Think Berlin und ebenfalls im Kuratorium

Dr. Benedikt Goebel, Historiker und Mitglied des Kuratoriums. Dr. Johanna Schlaack (links), von Think Berlin und ebenfalls im Kuratorium

Kommen wir zu den Ringrichtern. Es gibt sie wirklich, nämlich als 14-köpfiges Kuratorium, das aus Experten besteht, die über das Verfahren wachen sollen. Am Montag bekamen wir zumindest acht von ihnen zu sehen, was ich als Veranstaltungselement sehr sympathisch fand. Aber an der Zusammensetzung des Gremiums entzündet sich Kritik. So ist an einer Schreibtafel zu lesen: “Im Kuratorium gibt es nur einen Historiker!” Die Teilnehmer der Veranstaltung konnten hier auf Akteure hinweisen, die ihrer Meinung nach im Stadtdialog noch fehlten.

Daniela Riedel und Maria Brückner von Zebralog erklären vorher Struktur und Ablauf des breitangelegten Stadtdialogs, betitelt mit: “Alte Mitte – neue Liebe?” Nach der Auftaktveranstaltung im April als Aufwärm-Event gibt es eine Online-Beteiligung. Sie wird mit Werkstätten, Spaziergängen, Kolloquien, Ausstellungen, sogar mit Theater kombiniert. Die Ergebnisse gelangen über “entsandte” Bürger ins Halbzeit-Forum. Hier entscheiden die Entsandten über die weiteren Schwerpunkte, die nach der Sommerpause zu vertiefen sind. Im November dann: das Abschluss-Forum mit einem “offenen” Ergebnis.

Prozessdesign der Stadtdebatte "Alte Mitte - neue Liebe?" 2015 (Quelle: zebralog)

Prozessdesign der Stadtdebatte „Alte Mitte – neue Liebe?“ 2015 (Quelle: zebralog)

Diese “Ergebnisoffenheit” hat manchem an diesem Abend zu schaffen gemacht. Eine Frau sagt, sie finde den Prozess nur deshalb ergebnisoffen, weil sie das Beteiligungskonzept für schwammig hält. Riedel erklärt, das Ergebnis müsse inhaltlich offen bleiben, aber ein Ergebnis als solches müsse es auf jeden Fall geben. Empfehlungen, Leitlinien, Vorschläge können das sein. Sie werden dem Abgeordnetenhaus vorgelegt, das 2016 über alles weitere entscheidet. Viele zweifeln daher an der Verbindlichkeit des Ergebnisses. Das ist an einem spontanen Meinungsbild mit Klebepunkten deutlich zu erkennen. Warum dann überhaupt mitmachen?

Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, Andreas Geisel (SPD), Nachfolger von Michael Müller

Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, Andreas Geisel (SPD), Nachfolger von Michael Müller

Weil es ein Experiment ist. So versteht es auch Andreas Geisel. Der neue Stadt-entwicklungssenator will, dass die Kontrahenten aufeinander zugehen, auch die eigene Meinung in Frage stellen und lernen. “Nicht in den Prozess reingehen, um zu gewinnen”, sagt er. Das klingt weniger nach Boxen. Das geht eher in Richtung Capoeira, den brasilianischen Kampftanz. Man setzt sich miteinander auseinander, aber niemand erleidet einen ernsthaften Schaden.

24 Stunden nachdem Geisel dies in seinen Schlussworten sagte, hat einer vorgemacht, wie dieses “Aufeinander Zugehen” aussehen könnte. Benedikt Goebel kommentierte vergangenen Dienstag in einem Vortrag über “Die vergessene Schönheit der Berliner Altstadt” auch ein Bild aus DDR-Zeiten. Abgebildet war der junge Freiraum am Fuße des Fernsehturms (das Rathausforum), ein coloriertes Foto, das die sozialistische Stadt von ihrer Sonnenseite zeigt (es war ein vergleichbares Foto wie unten). Goebel, der Historiker aus dem Kuratorium, gestand dem Ort in seinem damaligen Zustand eine eigene Schönheit zu (die er heute natürlich nicht mehr habe). Zugeständnisse dieser Art sind mir im Bürgerforum Berlin bisher nicht zu Ohren gekommen. Find ich gut.

Freiraum zwischen Fernsehturm und Spree zu DDR-Zeiten. Im Hintergrund: Palast der Republik. Blick in westliche Richtung +++ Foto: John Spooner, „Berlin - Hauptstadt der DDR“, CC-Lizenz (BY 2.0) http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de Alle Bilder stammen aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de

Freiraum zwischen Fernsehturm und Spree zu DDR-Zeiten. Im Hintergrund: Palast der Republik. Blick in westliche Richtung +++ Foto: John Spooner, „Berlin – Hauptstadt der DDR“, CC-Lizenz (BY 2.0) http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
Bild stammt aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de

Stefan Evers´ Ideal vom “weißen Blatt Papier” bleibt in meinen Augen aber eine absolute Illusion oder erfordert die Kunst des Vergessens. Das gilt zumindest für Fachleute und Initiativen. Bei demselben Vortrag, der zu einer Veranstaltungsreihe in der Volkshochschule Mitte gehört, wurde geboxt. Eine Dame, die sich als Berlin-Gast ausgab, äußerte ihre ganz persönliche Stadtwahrnehmung. Sie deckte sich aber nicht mit der vorherrschenden Meinung im Raum. Eine gestandene Architektin konterte die Touristin in den Boden, dass Ex-IBA-Moderator Hildebrand Machleidt sie mit warmen Worten nach der Veranstaltung wieder auf die Beine zu bringen gedachte. Das zeigt, wie unverrückbar Haltungen sein können, die mit jahrelanger Arbeit und Leidenschaft aufgebaut, gepflegt und in die Welt getragen wurden. (Diese Arbeit verdient nebenbei gesagt auch Respekt.)

Für die Dame, die für eine ganze Interessensgruppe steht, war das “weiße Blatt Papier” allerdings Realität. Sie sieht die Stadt wie sie ist – ohne Bilder. Schade, dass dieser fruchtbare Moment am Dienstag in der Volkshochschule nicht für eine Diskussion genutzt wurde. Ihre Frage war doch eine Steilvorlage für jeden, der sich mit Stadt auskennt: “Dann erklären Sie mir, wie die Stadt funktioniert …” Allein, es blieb keine Zeit mehr dafür. Ein bisschen unglücklich war´s.

Solche Begegnungen zwischen “beschriebenen und unbeschriebenen Blättern” werden sich im Stadtdialog “Alte Mitte – Neue Liebe?” mit Sicherheit wiederholen. Dann wird es darauf ankommen, wie weit Experten Nichtfachleute mitnehmen können. Denn Zebralog hat das Prozessdesign auf eine breite Beteiligung angelegt. “Vergessen” wir also zumindest nicht den 18. April. Drei Tage nachdem die Dialogwebsite Online ging, hatten sich schon 170 Teilnehmer für die Auftaktveranstaltung angemeldet – übers Wochenende.


website des Stadtdialogs „Alte Mitte – neue Liebe?“ unter www.stadtdebatte.berlin.de (mit Anmeldung, Umfrage und Newsletter)

Livestream und Video-Aufzeichnung der Veranstaltung vom 15. Februar im Umspannwerk Alexanderplatz der Friedrich-Ebert-Stiftung unter www.sagwas.net

nächster Vortrag in der Veranstaltungsreihe „Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Berliner Stadtkerns“ des Bürgerforums Berlin e.V. in der Volkshochschule Mitte am 3. März, dann das Thema „Totale Transformation – Stadtumbau zwischen 1840 und 1939“, mit Historiker Dr. Benedikt Goebel (kostenfrei, Anmeldung prinzipiell nicht nötig, aber erwünscht, und zwar hier)

Flyer der Mauerpark-Allianz (Ausschnitt): Schwarze Lkw und Pkw zeigen die Befürchtungen vor erhöhter Verkehrsbelastung, besonders durch den Baustellenbetrieb

Flyer der Mauerpark-Allianz (Ausschnitt): Schwarze Lkw und Pkw zeigen die Befürchtungen vor erhöhter Verkehrsbelastung, besonders durch den Baustellenbetrieb

Ab heute beginnt für das Prozedere der Pläne im Mauerpark die zweite Stufe der Bürgerbeteiligung, die sogenannte “Öffentliche Auslegung”. Bis zum 16. März kann jeder, der möchte, seine Einwände gegen den Bebauungsplan 1-64a VE hervorbringen – in der Hoffnung, dass das Bezirksamt Mitte die Einwände berücksichtigt.

Der B-Plan soll dem Investor, der Groth Gruppe, Baurecht für ein Wohngebiet mit derzeit 709 Wohnungen nördlich des Gleim-tunnels verschaffen und ist infolge von städtebaulichen Verträgen die Voraussetzung für die Erweiterung des Mauerparks südlich davon.

Eine erste, “frühzeitige” Beteiligung, hat 2010 stattgefunden. Damals gaben Bürger 2.649 Stellungnahmen ab. Die Intitiativen kritisierten das Auswertungs-ergebnis, in dem die Einwände ihrer Ansicht nach kaum Berücksichtigung fanden. Das Bezirksamt, in Person des damaligen Baustadtrats Ephraim Gothe behauptet das Gegenteil (Fazit aus dem 18-seitigen Auswertungsergebnis; ganzes Dokument hier):

“Zusammenfassend ist zu konstatieren, dass nach Abwägung der privaten und öffentlichen Belange zu den Planungszielen, das Verfahren des Bebauungsplans 1-64 unter Beachtung vorgebrachter Hinweise weiter verfolgt wird.”

Die Mauerpark-Allianz, ein Zusammenschluss aus Initiativen, Der Linken und den Piraten, informierte schon letzten Donnerstag über die Pläne und die Auslegung. Sie sieht das Prenzlauer Berger Gleimviertel und das Brunnenviertel im Wedding (Bezirk Mitte) von Gentrifizierung bedroht. Eine 3D-Animation läuft dazu auf youtube. Sie lässt die Baumassen in die Höhe wachsen und zeigt die befürchtete Verschattung der betroffenen Anrainer, wie die Jugendfarm Moritzhof.

Planzeichnung des offziellen B-Plan-Entwurfs 1-64a VE: rot bedeutet, die Flächen werden als Wohngebiet ausgewiesen. Grün: öffentlicher Spielplatz. Zu dem Plan gibt es eine schriftliche Begründung, die auch eingesehen, gelesen werden kann. Viel Spaß!

Planzeichnung des offziellen B-Plan-Entwurfs 1-64a VE: rot bedeutet, die Flächen werden als Wohngebiet ausgewiesen. Grün: öffentlicher Spielplatz. Zu dem Plan gibt es eine schriftliche Begründung, die auch eingesehen, gelesen werden kann. Viel Spaß!

Die Allianz bietet einen umfangreichen Service. In ihrem fünfsprachigen Flyer gibt sie den Bürgern, die sich beteiligen wollen, ein Abreißformular an die Hand und bietet auf ihrer website sogar Argumente gegen die Groth-Pläne an. Die Mauerpark-Allianz, zu der auch die mit dem Volksentscheid erfolgreiche Initiative 100% Tempelhofer Feld gehört, bereitet außerdem ein Bürgerbegehren gegen den B-Plan vor.


Die Mauerpark-Geschichte ist äußerst komplex. Man kann sie sich bei Gelegenheit mal erklären lassen – immer montags 19:00 Uhr in der Jugendfarm Moritzhof, Schwedter Straße 90, wo sich die Mauerpark-Aktivisten für Fragen zur Beteiligung zur Verfügung stellen. Mehr Infos zum Plan und zur Auslegung auch auf der website des Bezirksamts Mitte, hier.

Mehr Beiträge auf Futurberlin.de

  • „Der Stadtrat, der aus der Hüfte schießt“ – Wie Mittes Baustadtrat Carsten Spallek weniger Bürgerbeteiligung wagt und mit seinem kuriosen Stil bisher ganz gut fährt (März 2013), im Fokus drei Mitte-Projekte: Mauerpark, Monbijoupark und Marienkirchhof
  • „Ob es klappt, weiß man nicht“ – Interview mit Frank Bertermann (Grüne), Vorsitzender des Stadtentwicklungsausschusses der BVV Mitte, über die damals initierte Bürgerwerkstatt Mauerpark und den aufgstellten Bebauungsplan 1-64 (August 2010)

Eine Stunde und einundzwanzig Minuten braucht ein Mensch in Berlin, um vom U-Bahnhof Eberswalder Straße in Prenzlauer Berg zum Askanierring 74 in Spandau zu gelangen – zumindest mit den Öffentlichen. Das ist länger als meine weihnachtliche oder österliche Heimreise ins sachsen-anhaltische Karow dauert. Warum also dorthin fahren? Weil an dieser Adresse die mittigste Mitte der Stadt gespachtelt wird und gebildhauert: die an den Rohbau des Humboldtforums zu hängenden, spendenfinanzierten Barockfassaden in der sogenannten “Schlossbauhütte”.

An einem sonnigen Februarsonntag: das Schlossportal III (Eosanderportal), das sich noch ohne die Portalkrönung zeigt, an der Bildhauer Frank Kösler in der Schlossbauhütte in Spandau gegenwärtig noch arbeitet (Foto: André Franke)

An einem sonnigen Februarsonntag: das Schlossportal III (Eosanderportal), das sich noch ohne die Portalkrönung zeigt, an der Bildhauer Frank Kösler in der Schlossbauhütte in Spandau gegenwärtig noch arbeitet (Foto: André Franke)

Ungefähr 10.000 Steine bearbeiten die Bildhauer hier. Kleine und große, neue und Originale. Ich treffe auf der Führung, die der Architektur- und Ingenieurverein zu Berlin organisiert hat, das Säulen-kapitell wieder, das jahrzehntelang an der Ruine der Kloster-kirche lag, und natürlich gibt es hier sehr viele Adler, über die ich heute alles andere als spotten will (die Satire gibt´s hier).

Eher ergreift mich eine Ahnung von der Größe, der Komplexität der Rekonstruktionsaufgabe, die sich die Schlossstiftung gestellt hat. Es ist ein Puzzle aus tonnenschweren Steinskulpturen, die alle zuerst in Gips modelliert und zuvor ins korrekte Maß gebracht werden müssen. Schlüter, sagt Bertold Just, Leiter der Schlossbauhütte, arbeitete vor dreihundert Jahren mit dem “Rheinischen Fuß”. Franco Stella dagegen denkt und liefert die Pläne metrisch. Die Bildhauer rechnen um, skalieren in dieser Hütte, damit 2019 in Mitte alles passt.

Einer von ihnen ist Frank Kösler. Die klassische Musik, die auf der Tour in der Halle im Hintergrund zu hören ist, kommt von seinem Arbeitsplatz. Bautzener Senf steht auf einem kleinen Pausentisch und eine Packung Salz. Der Bildhauer ist mit einer Portalkrönung beauftragt, an der er seit September arbeitet. Kösler versteht Steine. Er beschreibt mit seinem ganzen Körper, wie sie sich setzen und Ruhepunkte suchen, sich später aber dennoch bewegen. Unbegreiflich ist ihm, warum der Stein, den er mit seinen zwei Töchtern gestaltet (es ist der größte, der in einem Stück an die Fassaden angebracht wird und er wiegt 21 Tonnen), nicht geschnitten und gefugt wird. Bei Schlüter hätte es sowas nicht gegeben, sagt er und prophezeit Risse. “Kollege Sollbruchstelle”, ein Wort Köslers, ist im Gipsmodell schon zu sehen.

Kösler versteht auch Barock. Er lebt ihn, um ihn produzieren zu können, das erklärt er auch ganz ausdrücklich in einem Stiftungs-Video über die Schlossbauhütte und stellt es live unter Beweis (zum Video hier). Spuren der barocken Lebensfreude, die er für seine Arbeit zur Praxis erhebt, stehen auf dem Tisch gleich neben dem Senf: drei leere Flaschen Budweiser. Ich hätte ihm stundenlang zuhören können und war nicht der einzige, der am Ende der Führung noch lange bei ihm stehenblieb, als der Barockbildhauer leidenschaftlich ausführte, dass man nicht mit jedem Stein alles machen könne, zum Beispiel mit schlesischem Sandstein nicht schlüterschen Barock. Und er prophezeit, dass das Ergebnis entsprechend aussehen werde. – Eine Stunde und einundzwanzig Minuten denke ich auf dem Heimweg darüber nach, was ich von dem Projekt jetzt halten soll. Aber die Zeit, die vorher lang war, ist für die Antwort zu kurz.

Mit der Berliner Altstadt sei es wie mit Bordeaux-Weinen, sagt Benedikt Goebel, der im Namen des Bürgerforums Berlin am Dienstag in die Volkshochschule zum Auftakt der Veranstaltungsreihe „Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Berliner Stadtkerns“ einlud. 

„Es dauert ein Weile bis man zum Kenner wird, aber bis dahin hat man einfach eine schöne Zeit.“

Multifunktionsraum in der VHS-Mitte mit den pünktlichen Gästen. Es kamen mehr als zu sehen sind. (Foto: Christina Kautz)

Multifunktionsraum in der VHS-Mitte mit den pünktlichen Gästen. Es kamen mehr als zu sehen sind. (Foto: Christina Kautz)

Der multifunktionale Raum 1.12 in der Linienstraße 162 war gut besucht. Die VHS lieferte Stühle nach. Die Landschafts-architektin Christina Kautz und der Architekt Lutz Mauersberger hielten einen bilderreichen Vortrag über den Ursprung der Doppelstadt Berlin-Cölln und der historischen Stadtentwicklung an der Spree und dem Spreekanal. Und jene Bilder sind es eben, die einen zum Genießer werden lassen, bevor man sich versieht, weil sie Berliner Orte zeigen, die es nicht mehr gibt: Packhöfe, Oberbäume, Unterbäume, Schleusen, Pferdeschwemmen, Wasserkunst, Brückenschmuck, Fischkästen. Und Flussbäder.

Projekt Flussbad Berlin: renaturierter Spreekanal für ein sauberes Schwimmbecken direkt am Lustgarten (Bild: Flussbad Berlin e.V., realities:united)

Projekt Flussbad Berlin: renaturierter Spreekanal für ein sauberes Schwimmbecken direkt am Lustgarten (Bild: Flussbad Berlin e.V., realities:united)

Wobei die historischen Spree-Flussbäder hier eine ziemliche Steilvorlage boten für die Diskussion über das Zukunftsprojekt „Flussbad Berlin“, das auf 750 Meter Länge zwischen Bodemuseum und Schleusenbrücke gebaut werden soll und mit vier Millionen Euro aus dem Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ öffentlich gefördert wird (hier mehr zum Projekt).

Das wird beim Bürgerforum sehr kritisch gesehen. Und Gründe, dem Flussbad-Projekt skeptisch gegenüber zu stehen, gibt es einige, zum Beispiel die Standortwahl: Man brauche sowas nicht an einer prominenten Stelle wie der Museumsinsel, meint Christina Kautz. Lutz Mauersberger macht auf den Preis aufmerksam, mit dem das Schwimmbecken bezahlt wird: die Filteranlage und Moorlandschaft, die den restlichen Spreekanal bis zur Mündung ausfüllen sollen. Und Benedikt Goebel ergänzt, dass Projektbilder eben auch nicht riechen. Sprich: das Projekt beeinträchtige potenziell die Wohnqualität an den angrenzenden Ufern, zum Beispiel auf der Fischerinsel.

Für einen Volkshochschulkurs könnte das für manchen ein bisschen viel Meinung gewesen sein. Oder auch nicht. Kennerschaft bringt am Ende eben auch ein handfestes Urteilsvermögen mit sich. – Prost.


Zum „Flussbad Berlin“ wird es beim Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin (AIV) am 23. Februar eine Veranstaltung geben.

Der nächste Kurstermin für angehende und schon gereifte Stadtkernkenner findet in der VHS Mitte am 17. Februar statt, dann unter dem Thema „Vergessene Schönheit der Berliner Altstadt“.

Kommen unkompliziert: keine Anmeldung nötig, kostenfrei, und Stühle gibt es auf jeden Fall genug.

difu-DialogIn ihren Abschlussworten mutmaßt Moderatorin Ricarda Pätzold, es könne daran liegen, dass der Saal so “sittsam” sei. Gepolsterte Stühle, Auslegware, geringe Deckenhöhe und: jede Menge Wissenschaftler – hier würde jeder Aufschrei versacken, jeder Protest versinken in analytischer Gemütlichkeit. Also gibt es auch keinen. Und es klingt fast, als hätte sich Pätzold beim gestrigen Difu-Dialog, bei dem es um das Reizthema Gentrifizierung ging, insgeheim mehr Stimmung gewünscht.

Die Volksfurcht vor der Gentrifizierung tritt sonst zutage bei jeder Infoveranstaltung oder Bürgerbeteiligung. Ein Bauprojekt braucht man. Aber das gibt es hier heute nicht. Im Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) in der Zimmerstraße geht es um Gentrifizierung ganz abstrakt, um Konzepte zu ihrer Messbarkeit, losgelöst von konkreten Städten und Stadtteilen. – Alles sehr interessant. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto ruhiger werde ich.

Diese Wissenschaftler! Die Wissenschaft schwebt über dem Phänomen. Aber sie schafft es nicht einmal, Gentrifizierung einheitlich zu definieren. Einer der beiden Referenten, Andrej Holm, beschreibt das Bild eines von blinden Stadtforschern umgebenen Elefanten. Jeder greift nach einem anderen Teil. Niemand versteht das Ganze. Und dann kommt da der Satz eines Betroffenen in Berlin, den Holm aus einem Interview zitiert:

“Früher gab´s hier schöne Menschen, jetzt gibt´s schöne Häuser”

… (in dieser Masterarbeit nachzulesen). Na bitte, kurz und schmerzlos.

Betroffen müsste man sein, dann versteht´s jeder. (Bloß nicht natürlich!) Im Kern hat die Debatte um Gentrifizierung und Verdrängung ja mit Emotionen zu tun. In “Betongold” kommt das gut rüber, dem preigekrönten Dokumentarfilm von Katrin Rothe. Sie hätte man vielleicht einladen sollen.

Wieviele von den 140 Difu-Gästen tatsächlich von G. betroffen sind? – Es erheben sich etwa zehn, als Pätzold anfangs danach fragt. Immerhin: Holm steht auch. Er zeigt im Vortrag übrigens eine Wörter-Wolke mit Gentrifizierungsvokabular, die die Präsenz in deutschen Medien abbildet: Gentrifizierung hat in den letzten Jahren im wahrsten Sinne des Wortes Schlagzeilen gemacht. Ein Grund, das auf diesem Blog nicht fortzusetzen.

Andries GeerseIn Mitte wird jetzt verbindlich über die Zukunft des Rathausforums diskutiert, der Großfläche zwischen Spree und Fernsehturm. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hat einen Dialogprozess angestoßen, der im Juli beginnen und im April 2015 abgeschlossen werden soll. Sie berichtete bereits im Mai darüber bei einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES). Jetzt ist eine komplette Aufzeichnung davon im Livestream verfügbar.

Darin berichtet Stadtplaner Andries Geerse aus Rotterdam (Bild oben) lebhaft von seinen Erfahrungen mit Beteiligungsformaten und belächelt das “typisch deutsche” Handbuch der Partizipation der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Dem Publikum sind die Projekte von Geerse aber zu “kuschelig”, wie jemand sagt. Die Realität am Rathausforum sei eine andere. Manchem ist auch die Zeit für den Dialog von nur einem Jahr zu knapp.

Ein externer Dienstleister soll zunächst die Struktur des Dialogsprozesses entwerfen, die “Prozessarchitektur”, wie Lüscher sagt. Ein bereits eingerichtetes Kuratorium mit Anrainern und Experten soll den Prozess dahin gehend überwachen, dass er transparent und ergebnisoffen geführt wird. Es soll aber nicht inhaltlich arbeiten; das sollen diejenigen, die sich beteiligen.

Bernd Albers RathausforumAm Ende entscheidet über das Ergebnis des Dialogs das Abgeordnetenhaus. Noch 2015 soll auf der Grundlage des Dialogergebnisses ein Wettbewerb ausgelobt werden. Drei Grundrichtungen zeichnen sich ab: eine Bebauung (wie im Bild links nach einem Entwurf von Bernd Albers), eine Teilbebauung oder eine Freiraumgestaltung. Um bisher alle Varianten offen zu halten, steht im Koalitionsvertrag zwischen SPD und CDU entsprechend nichtssagend:

“Die Gestaltung des Rathausforums ist eine große Chance, das Areal zwischen Alexanderplatz und Humboldtforum nachhaltig zu beleben. In der konkreten Ausgestaltung wollen wir, dass die richtige Balance gefunden wird, zwischen der Sensibilität für die historische Gestalt der Berliner Altstadt, einer möglichen baulichen Entwicklung und der Bewahrung bzw. Qualifizierung grün geprägter städtischer Freiräume. Auf dieser Grundlage soll ein städtebaulicher Wettbewerb durchgeführt werden.” (Seite 27)

Die nächste Veranstaltung der FES zu dem Thema wird am 15. September sein. Im November gibt es eine Zwischenbilanz. Wann und wo man sich genau einbringen kann, ist im Moment noch offen. Katrin Lompscher (Die Linke) forderte bei dem FES-Event zumindest, den Dialog dahin zu verorten, wo er hingehört – ans Rathausforum.


Die Projekte von Andries Geerse auf http://www.welovethecity.eu/en/office

Der Satz musste fallen: „Die IBA ist tot, es lebe die IBA“. Er kam aus dem Mund der Moderatorin Frauke Burgdorff, die gestern Abend die von der Friedrich-Ebert-Stiftung organisierte Veranstaltung mit dem Titel „IBA 2020 – Was war, was wird?“ eröffnete. Zu diesem Zeitpunkt stand fest, eine Internationale Bauausstellung in Berlin im Jahre 2020 wird es nicht geben. Wie die Zeitungen berichten, hat der Senat die finanziellen Mittel dafür gestrichen. Es wäre Berlins dritte IBA gewesen.

Mancher kann mit der Senatsabsage leben, Architekt Arno Brandlhuber zum Beispiel. Eine IBA hält er für eine „mangelnde Wertschätzung dessen, was in Berlin längst existiert“. Er war Podiumsgast bei der Veranstaltung und zählte Projekte wie das ExRotaprint, das Flussbad Berlin, das Kater Holzig und den neuen Holzmarkt auf. Und ein Publikumsgast hält die bisherigen IBA-Pläne für „kein sozialorientiertes Konzept“ – zu Hause bei der SPD-Stiftung.

Andere bedauern es. So etwa einer der IBA-Kuratoren Matthias Lilienthal, der wie er erzählt, selber in der Gropiusstadt aufgewachsen ist und die nicht stattfindende Bauausstellung bei seinem Vortrag als „Verlust“ bezeichnet. Wie Berliner Zeitung und taz berichten, kritisieren die IBA-Absage auch die Berliner Architektenkammer und die Grünen. Der SPD-Parteivorsitzende Jan Stöß denkt dagegen schon an eine mögliche IBA im Jahre 2025. Er hatte entgegen des von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher aufgelegten und von SPD-Stadtentwicklungssenator Michael Müller unterstützten IBA-Konzepts „Draußenstadt ist Drinnenstadt“ vor kurzem eine IBA angeregt, die sich mit dem Thema der Wiederbebauung der Berliner Altstadt zwischen Spree und Fernsehturm beschäftigen sollte und löste eine Debatte aus, die gestern ihr vorläufiges Ende fand.

Berlin, gestern, gegen 14 Uhr. Die Sonne brennt. „Wenn Engel bauen“, begann Hermann Parzinger seine Rede auf der Grundsteinlegung zum Bau des Schlosses. „Ich könnte auch von Kaiserwetter sprechen“, sprach der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz weiter und hatte mit diesem Begriff im Grunde „Alle Neune“ abgeräumt. Es folgte der einzige wirklich lebhafte Beitrag an dem Nachmittag, der heute schon wieder Geschichte ist. Nach Parzingers Worten erschien die Idee des Humboldtforums als etwas Selbstverständliches. Nun ja, und der Himmel lachte ja auch tatsächlich.

Zuvor probten Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU), Staatsminister für Kultur Bernd Neumann (CDU) und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), was für das Humboldforum Programm werden soll: den Dialog. Eine arte-Journalistin moderierte auf dem Podium.

Das Wort vom „Flughafen“ fiel insgesamt zweimal, kam immer aus dem Mund von Ramsauer, der auch behauptete, die Skeptiker des Bauprojekts wären weit in der Minderzahl. Ins Fettnäpfchen trat er, als er seine Klaviermetapher bemühte, um den Mix aus barocker und zeitgenössischer Fassadenarchitektur zu begründen. Es gäbe verschiedene Wahrheiten, sagte er. So wie es auch verschiedene Interpretationen eines Musikstücks gäbe. Jemand, der ihn nach der Wahrheit des Ortes zwischen 1950 und 2008 hätte fragen können, war auf dem Podium nicht zu sehen. Und auch die Fassaden werden darauf keine Antwort geben, wie man weiß.

Auf die Frage der Moderatorin, warum der Entwurf Franco Stellas beim Architekturwettbewerb gewonnen hätte, gab Bernd Neumann eine klare Antwort. Er sei einfach der beste gewesen. Er habe die Vorgaben „am ernstesten genommen“. Bezüglich der Finanzierung des Projekts sagte er, der Kostenrahmen werde zur Zeit sogar unterschritten. – Wenn Engel bauen …

Klaus Wowereit sagte, dass er glaube, viele hätten das Humboldtforum noch nicht verstanden. (Das war vor Parzingers Rede.) Er hofft, dass die Akzeptanz für das Projekt nach der Grundsteinlegung größer wird. „Die Sprengung dieses alten Schlosses war ein Frevel“, sagte er auch, und dass die Teilung der Stadt „widernatürlich“ gewesen sei.

Nach dem Podiumsdialog spielte der javanesische, aber seit 1987 in Berlin lebende Klangkünstler Saichu Yohansyah auf einem türgroßen Gong. Der Gong hatte vorher die ganze Zeit neben dem Grundstein gestanden. Es war ein Moment der befremdlich war, der aber zeigte, dass das Humboldtforum und das neue Schloss mit Polaritäten spielt. Danach kam Präsident Parzinger, unter anderen mit diesen Worten: „Betrachtet uns nicht nur durch die Brille des Kolonialismus!“ – Bei dem Kaiserwetter?

In der Kartusche, die jetzt im Grundstein liegt, befinden sich eine Tageszeitung, die Baupläne von Franco Stella, eine von Bundespräsident Joachim Gauck unterschriebene Urkunde und Euromünzen. Auf welche Tageszeitung die Wahl fiel, blieb ein Geheimnis. Es wird nicht die taz gewesen sein, die am Wochenende noch vom „großen Fassadenschwindel“ sprach und das Projekt inhaltlich wie architektonisch als ein „Mischwesen“ bezeichnete. Die Kartusche wurde senkrecht in den Grundstein hinabgelassen. Dann kam ein runder Steindeckel oben drauf. „Klack, klack“, hämmerte Gauck nachdem er seine Widmungen gegeben hatte. Die Segnungen übernahm ein Pfarrer, ein anderer und sprach „Amen“.

„Engel“, „Frevel“, „Amen“. Machen wir doch eine irreal-sozialistische Pagode draus. Der Wahrheiten zuliebe. Aber das ist nur ein abwegiger Gedanke meinerseits. Andererseits: „Man muss sich in diesem Land auch über etwas freuen können“, das sagte Bernd Neumann jedenfalls auch noch an diesem Nachmittag. Kann man auch, denn es lacht der Himmel über Berlin, zumindest zur Zeit.

Link zum taz-Artikel vom 7. Juni 2013, „Der große Fassadenschwindel“

Link zum Futurberlin-Interview mit Thomas Krüger (Bundeszentrale für politische Bildung) über das Humboldtforum von Juni 2011, „Ein Platzhalter, der Agora genannt wird“

Das Bonbon hob er sich für den Schluss auf: Architekt Hans Kollhoff beteilige sich nach Informationen der Berliner Zeitung am geplanten Architekturwettbewerb zum Hines-Tower am Alexanderplatz, teilte Moderator Nikolaus Bernau nach zwei Stunden und fünfzehn Minuten dem Publikum mit. Damit hatte er eine dreiviertel Stunde überzogen, wie er selber eingestand. Für einen Besucher des gestrigen Leserforums der Berliner Zeitung mit dem Titel “Ist der Alexanderplatz noch zu retten?” konnte der Abend also sehr lang werden, denn schon ab 17 Uhr 30 hatte das Verlagshaus an der Karl-Liebknecht-Straße zum Einlass geladen, obwohl die Veranstaltung erst anderhalb Stunden später begann. Viele verließen den Saal daher auch vorzeitig, was Bernau vielleicht hätte verhindern können, wenn er das Bonbon zu Beginn angekündigt hätte, natürlich noch verpackt, versteht sich. Am Ende passieren eben oft die spannendsten Sachen.

Da rutschte es Christoph Reschke, dem Deutschland-Manager von Hines, in Bezug auf das Alexa heraus, ein hübsches Einkaufszentrum habe er sowieso noch nirgends gesehen. Einen Augenblick später fällt ihm ein, dass neben ihm auf dem Podium Architekt Jan Kleihues sitzt, dessen Vater am Alexanderplatz das Galeria Kaufhof gebaut hat. Aber der Lacher war auf seiner Seite, es hatte etwas Amüsantes. Und es war spät.

Jan Kleihues selber ging es bei der Diskussion zu sehr um Hochhäuser. Er lenkte das Gespräch auf den eigentlichen Platz, den er “grauenhaft” finde, so grauenhaft, dass er nicht einmal den regelmäßig stattfindenden “Budenzauber” der Marktstände wahrnehme oder die den Alexanderplatz schwärzenden Kaugummiflecken. Dass die Leute auf den Platz spuckten, sage auch etwas über den Ort aus. Und dass Hines als erster Investor am Alexanderplatz ein Hochhaus baue, ohne zu wissen, was jetzt überhaupt mit dem Kollhoff-Plan weiter werde, findet Kleihues mutig.

Auch Architekturkritiker Thomas Flierl fand etwas mutig, und zwar dass Senatsbaudirektorin Regula Lüscher mit ihrem Vorschlag, den Kollhoff-Plan anzupassen, “einen Stein ins Wasser geworfen hat.” Zwei der zehn geplanten Tower sollten aus seiner Sicht nicht gebaut werden: der Alexa-Turm und der Turm, der aus dem Galeria-Kaufhof-Sockel herauswachsen soll. Besonders der Alexa-Turm würde vom Straußberger Platz aus die Sicht auf den Fernsehturm blockieren, und er wies darauf hin, dass dieser Blockade-Effekt durch die geringere Höhe des Park Inn Hotels aus Richtung der Prenzlauer Allee dagegen nicht eintrete.

Lüscher wies offen darauf hin, dass in fernerer Zukunft der Fall eintreten könne, auch das Park Inn Hotel abzureißen; aber nur aus pragmatischen Gründen, wenn sich bestimmte Bedingungen bis dahin geändert hätten. Sie will wie Flierl eine bestandsorientierte Modifikation des Kollhoff-Plans und sagt Ja zum Hines-Hochhaus, aber Nein zu einem neuen städtebaulichen Wettbewerb, nach dem Bernau sie fragte. Das Pragmatischste scheint ihr im Moment der Sockelbau zu Füßen des Park Inn Hotels zu sein, der den Platz zur Alexanderstraße hin schließen würde. Dann wäre der Alexanderplatz endlich eingefasst. Aber wäre er dann schon “gerettet”? Zum Glück macht Hans Kollhoff beim Hines-Tower mit.

siehe auch Artikel „Der Saturn-Tower ist der überzeugendere Verbau am Alex“

Auf Anton von Werners Gemälde, das auf den Zentimeter so hoch ist wie einst die Berliner Mauer war, sitzen nur wenige, die meisten stehen. Es zeigt den Hände schüttelnden Otto von Bismarck auf dem Berliner Kongress von 1878 und hängt im Großen Saal des Roten Rathauses, wo letzten Mittwoch zwar die meisten auf Stühlen saßen, aber nicht gerade wenige den Abend auf durchgedrückten Knien verbrachten, stehend. Die Moderatorin des ersten Stadtforums 2030 erkannte das Dilemma früh. Es mögen die Jüngeren bitte ihre Plätze für die Älteren hergeben, appellierte sie vorsichtig. Das taten auch manche. Doch wo sie konnten, ließen sich die Leute früher oder später auf den Fußboden nieder und kauerten für die Zukunft Berlins. Immer wieder kamen weitere in den Saal, fanden sich in einem Wald von Zuhörern wieder, was sie nach vorn schleichen ließ, soweit wie irgend möglich, dorthin, wo noch Fläche zum Kauern war.

Was bedeutet es, wenn so eine Menge von Menschen in ein Rathaus strömt? Menschenmassen strömen für gewöhnlich in Clubs oder in Stadien, oder in Supermärkte, wenn sie vor den Pfingstfeiertagen befürchten, ihre Lebensmittelversorgung bräche ein. Es bricht doch nicht etwa etwas in Berlin ein, Herr Müller? – Es schien, als wollte, wer hierher kam, sich mit einem recht väterlichen “Alles wird gut” versorgen und es mit nach Hause nehmen, in den Kühlschrank packen. Michael Müller als Senator für Stadtentwicklung machte den Ernst der Lage beim Thema Bevölkerungsanstieg aber deutlich. Hunderttausend Menschen seien nach Berlin gezogen, nur innerhalb der letzten drei Jahre. Und jetzt waren sie scheinbar alle hier im Rathaus.

Wenn der Große Rathaussaal also ein Spiegelbild für die Lage auf den Berliner Straßen wäre, dann ließe sich auch hier beobachten, was passiert, wenn am Wohnungsmarkt eine erhöhte Nachfrage auf ein zu knappes Angebot trifft: Die gerade eintreffenden, noch sitzlosen Leute tragen Stühle in den Saal, von denen die andern, die schon drinnen auf dem Boden kauern, gar nicht wissen, dass es sie gibt. Offenbar gibt es Reserven. Und dann kann man auch eine zweite Lösung sehen: Gäste, die Sitzplätze haben, stehen nach einer Weile von selber auf (warum auch immer, es war sehr warm im Saal) und verlassen die Veranstaltung. Müsste in unserem Modell also heißen: Es gibt Menschen, die verlassen Berlin. Aber nein, wer macht denn sowas?

Link zum Tagesspiegel-Bericht übers Stadtforum

Das Haus ist einfach eine Wucht, das alte. Als bei der gestrigen Ausstellungseröffnung am Anfang erst wenige Besucher da waren, konnte man direkt das langgeschwungene Flügelbau-Innere des Flughafengebäudes entlangblicken, wo all die 55 Beiträge von Architekten Platz fanden, die dem Traum Klaus Wowereits von einem Neubau der Zentral- und Landesbibliothek auf dem Tempelhofer Feld allmählich eine Gestalt geben. Neun von ihnen wurden preisgekrönt und kommen dem nahe, was die Jury mit dem offenen Ideenwettbewerb zu finden beabsichtigte: „Wir haben nach einem architektonischen Wahrzeichen gesucht“, sagte Senatsbaudirektorin Regula Lüscher bei der Eröffnungsrede.

Da gibt es Bibliotheken, die auf dem Feld zu stranden scheinen, wie Wale. Andere wachsen aus dem Erdboden heraus, und eine stellt sich „frech“, wie Lüscher sagt, genau an die alte Start- und Landebahn. Die „freche“ Bibliothek, die wie eine Treppe vom Feld raufwächst, ist wegen ihrer Rollbahnstellung auch mein Favorit geworden. Sie stammt von der FAR frohn & rojas Planungsgesellschaft und ANNABAU Architecture und Landschaft aus Berlin. Aber es gibt spektakulärere Entwürfe, wie den von Envés Arquitectos S.L.P., Alcorcón aus Madrid, die, so wie es aussieht, auf dem Feld ein Raumschiff landen lassen. Das ist vielleicht das imposantere Wahrzeichen, dieses Raumschiff. Und ich nenne es Raumschiff, ohne dass ich negativ davon abgeschreckt wäre. Vielleicht liegt das auch an den romantischen Farben im Hintergrund. Die Abendsonne über der Fliegersiedlung am Tempelhofer Damm macht den Entwurf ja durchaus realistisch.

Das bessere Wahrzeichen wäre aber vielleicht das bescheidenere, das auch ein bisschen mit dem Flughafengebäude kann, also dann doch das Rollbahn-Treppenhaus. Und dann gibt es da noch das Flughafengebäude selbst. Warum sucht man eigentlich ein neues architektonisches Wahrzeichen direkt neben dem drittgrößten Gebäude der Welt? Ein Besucher sprach mich an, ob ich den Entwurf links von mir hässlich fände. Es war keiner meiner Favoriten. Aber ich sagte, nein. Und dann wusch er mir kräftig den Kopf. Man solle überhaupt keine neue Bibliothek bauen, sondern erstmal das Flughafengebäude nachnutzen, das seiner Kenntnis nach zu 85 Prozent leer stehe. Das Allierten-Museum könne hinein, auch Künstler, Maler und vor allem Musiker, die in den tiefliegenden und lärmabgeschotteten Kellerräumen des Gebäudes ungestört proben könnten. Er sorgte sich auch um die Amerika-Gedenkbibliothek am Blücherplatz, deren Zukunft ungewiss sei. Aber das ist die Zukunft der ZLB sicher auch.

Einige der Entwürfe sind in der Slidshow in der Futurberlin-Sidebar zu sehen und hier:

[fsg_gallery id=“6″]

 

Natürlich war einer gestern Abend nicht da: Carsten Spallek. Was hat schon ein Baustadtrat auf einer Veranstaltung zu tun, die nur dazu dient, weitere Veranstaltungen anzukündigen? Erst recht, wenn es sich dabei um die Bürgerwerkstatt im Mauerpark handelt. Sie ist keine politische Angelegenheit, sie ist eine Sache der Verwaltung und damit der Grün Berlin GmbH und der von ihr beauftragten Mediatoren Martin Seebauer und Beate Voskamp, die mit Mikrophonen und übergroßen, an die Brust gehängten Namensschildern in der Weddinger Ernst-Reuter-Schule stehen.

Genau wie vor über zwei Jahren sprechen Voskamp und Seebauer mit Bürgern, die gewillt sind, sich mit Ideen, Wünschen und Ansprüchen in die Gestaltung des neuen Mauerparks einzubringen. Mit Bürgern, die darüberhinaus über die beabsichtigte Bebauung nördlich des Gleimtunnels verhandeln wollen, sprechen sie nicht. Zum Beispiel mit Jörg Schleicher von der Stiftung Weltbürgerpark, der sich von Seebauer ausgegrenzt fühlt und im Laufe des Abends öfter dazwischenruft. Aber der Mediator hat dazugelernt. Schleicher wird grundsätzlich abserviert; die Bürgerwerkstatt hat ein Vorspiel.

Jetzt soll weitergespielt werden, und zwar so: Das erste Treffen der Bürgerwerkstatt ist für März geplant. Interne Arbeitstreffen wechseln sich mit öffentlichen Infoveranstaltungen ab. Seebauer will die Bürgerwerkstatt für Interessierte erweitern; bisher seien etwa 40 Teilnehmer registriert, sagt er. Die Ergebnisse sollen auf einer Liste fortgeschrieben werden, die jederzeit und für jedermann auf der Internetseite von Grün Berlin eingesehen werden können. Thematisiert wird nur die Fläche zwischen Gleimstraße im Norden und Bernauer Straße im Süden, also die zukünftige Grünfläche. Und: Seebauer erbittet sich einen fairen Umgang miteinander und erwartet von den Mitgliedern der Bürgerwerkstatt eine kontinuierliche Präsenz.

Obwohl die Bürgerwerkstatt 2011 offiziell für gescheitert erklärt wurde, haben Teile von ihr im Stillen weitergearbeitet. Vorne im Saal hängt ein Konzept (Ausschnitt siehe oben), das Alexander Puell erläutert. Der Park soll vor allem im Interesse der Anwohner gestaltet werden, weniger für die Touristen. Deshalb sollen in der Westhälfte vier Reihen Bäume gepflanzt werden, ein „Platanenhain“, während die Osthälfte auch in Zukunft frei bleiben soll. So verhält es sich auch mit Nord und Süd: Gegenstück für die „quirlige“ Nutzung, wie Puell die Gastronomien und den Flohmarkt an der Bernauer Straße bezeichnet, soll ein Spielgarten mit Teehaus sein, der sich in Höhe des Falkplatzes an der Max-Schmeling-Halle befinden soll. Puell will den Mauerpark nach Norden hin „befrieden“, wie er sagt.

Tolle Idee! Aber gerade im Norden, jenseits des Gleimtunnels (siehe Abbildung unten, roter Bereich), stehen die Zeichen auf Auseinandersetzung. Vor allem die Anwohner der Schwedter Straße im Prenzlauer Berger Gleimviertel wehren sich gegen den städtebaulichen Vertrag, der hier den Bau von 600 Wohnungen mit einer Geschossflächenzahl von 1,7 erlaubt und von der Bezirksverordnetenversammlung Mitte im letzten September nach mehreren verschobenen Sitzungen und mit knapper Mehrheit beschlossen wurde. Der Vertrag war zuvor entgegen dem Kompromiss, den die alte Bürgerwerkstatt und der Bezirk Mitte ausgehandelt hatten, zu Gunsten des Investors kurzerhand geändert worden, was vom Bürgerinitiativen-Netzwerk BIN Berlin als „Staatsstreich“ kritisiert worden war.

Neben der wieder anlaufenden Bürgerwerkstatt-Reihe zur Gestaltung der Grünfläche wird es in den nächsten Monaten auch die Fortführung des Bebauungsplans 1-64 geben. Er soll den städtebaulichen Vertrag „absichern“, wie Hans Göhler von der Grün Berlin GmbH dem Publikum erklärt. Der B-Plan soll irgendwann 2014 festgesetzt werden, nachdem die rechtlich vorgeschriebene Bürgerbeteiligung durchgeführt wurde – die mit der informellen Bürgerwerkstatt nicht zu verwechseln ist. Es hatte sogar schon eine frühzeitige Bürgerbeteiligung gegeben, die erste Stufe im Verfahren, auf der das Bezirksamt Mitte offenbar direkt aufbauen will, ohne den Verfahrensschritt zu wiederholen, wie Frank Bertermann (Grüne), Vorsitzender des Ausschusses für Stadtentwicklung in Mitte, sagte. Er fordert, das B-Planverfahren mit allen Verfahrensschritten zu wiederholen, da sich die Planungsbedingungen ja geändert hätten und außerdem im Raum stehe, den B-Plan vielleicht in verschiedene Bereiche zu teilen.

Auch wenn im Juni schon der zwei Hektar große, erste Teil der Grünfläche fertig sein soll (siehe Abbildung, dunkelgrüner Bereich), erstmal als Zwischennutzung, wird spannender bleiben, was aus dem Bebauungsplan wird. Ohne ihn, kann die Groth-Gruppe nördlich des Gleimtunnels nicht bauen. Aber ohne ihn wird im Zweifel auch der städtebauliche Vertrag rückabgewickelt, erklärt Göhler, und dann wird es auch mit dem zweiten Teil der Grünfläche nichts (hellgrüner Bereich). Wer hat sich das wohl ausgedacht?


weitere Artikel zum Thema:

Sein Name klingt nicht gerade berlinerisch, und doch hat James Simon der Stadt Schätze gebracht. Die Nofretete zum Beispiel, auf der Museumsinsel. Ohne Simon läge sie vielleicht heute noch in Ägypten, unentdeckt, denn der Mann gab sein Geld für die Grabungen.

Warum erzähle ich das? – Weil ich es bis Mittwoch einfach nicht wusste und weil ich mich ernsthaft frage, ob die Wissenslücke „James Simon“ für einen Stadtführer vertretbar ist. (Das kann ja mal jemand kommentieren …)

Es war jedenfalls nicht der mir unbekannte Name, der mich am Dienstag Abend um Sechs auf den Ku’damm trieb, um eine Veranstaltung zu besuchen, bei der es um die neue James Simon Gallerie ging. Wahrscheinlich war es eher das Kutscherhaus, das mich beim Lesen der Einladung neugierig machte und der Architekturpreis e.V., von dem ich noch nichts gehört hatte. Was für ein Verein ist das jetzt wieder?, dachte ich. Und was genau ist mit der Gallerie, der man diesen ausländischen Namen gibt? (Das war noch Dienstag.)

Immer rein in die gute Stube

Das Kutscherhaus liegt am Kurfürstendamm, im zweiten Hinterhof eines Eckhauses. Ich kann nicht sagen, ob das ganze Gebäude so heißt oder nur der Teil, in dem die Veranstaltung war. Dort, im Erdgeschoss, es wirkt wie eine alte Remise, sitzt der Architekturverein, in einem weißen, langen Raum, der interessanterweise an seinem Ende zusammenläuft und immer enger wird, dreieckig. Alles wirkt ziemlich ästhetisch, hier geht es um Architektur.

“Für Ihre Visitenkarten”, liest man an einer großen Schüssel. Sie steht auf einem brusthohen Tisch am Eingang, und es passen noch sehr viele Kärtchen rein. Zum Beispiel die von Futurberlin … Drin. Eine Frau fragt die ankommenden Leute, ob sie sich schon eingetragen hätten. Dort in die Listen. Auch die Listen liegen auf dem Tisch. Ich drehe wieder um und erkenne: Ich habe mich nicht angemeldet. – “Kein Problem”, höre ich die Frau zu einem anderen sagen, der auch nicht angemeldet ist. Man schreibt sich eben unten in die Liste ein. Listen über Listen liegen hier herum. Und am Eingang, der nicht viel Platz gibt, ist es voll. Warum schreiben wir uns nicht nachher ein?

Den großen Mann da vorne, den kenne ich. Er begrüßt die Gäste. “Guten Abend, Herr Mausbach”, sage ich. Und er fragt mich, wie die “kleine Serie” ankommt, die auf Futurberlin läuft. “Gut”, sage ich. Die 22 Artikel, die Florian Mausbach über das Rathausforum schrieb, haben 154 Besuche erhalten, aber das konnte ich ihm nicht sagen, da ich es am Dienstag noch nicht wusste, genauso wenig, wer James Simon war.

Wer zur Hölle ist David Chipperfield?

Der lange Raum ist voll, alle sitzen schon auf Stühlen, gefüllte Gläser in der Hand. Schon vor den Vorträgen?, frage ich mich. Normalerweise kommt die Erfrischung nachher, genau wie die Listen. Aber hier … Ich setze mich ans Ende des Raumes, und schon zu Beginn der Veranstaltung erfahre ich das spannendste: David Chipperfield war in Berlin einmal unbekannt. Florian Mausbach, der als Vorsitzender des Vereins den Abend eröffnet, erzählt, wie in den Neunzigern Hans Stimmann zu ihm sagte: “Der David Chipperfield, das soll ja ein guter Architekt sein.” – Wie sich die Zeiten geändert haben. Der große Architekt, der das Weltkulturerbe der Museumsinsel saniert, ist heute Abend nicht anwesend. Der Meister schickt seinen Gesellen.

Ans Rednerpult geht ein hagerer Mann mit buschig zusammengebundenem Haar. Wegen seines eleganten, feinen Bartes erinnert er mich an d’Artagnan von den drei Musketieren. Alexander Schwarz von David Chipperfield Architects hält eine Powerpoint-Präsentation, und der Degen, mit dem er ficht, ist die James Simon Gallerie.

Und dann sagt er etwas, was es wert war, hierher gekommen zu sein. (Immerhin hatte ich mir ein neues Umweltticket gekauft.) Schwarz sprach von “fünf Freunden, die an einem Tisch sitzen, aber sich den Rücken zukehren”. Und meinte damit die fünf Museen auf der Museumsinsel. Was für ein Bild! Aber wer hatte das gesagt? Ich habe den Satzanfang nicht mitgekriegt. Waren es seine eigenen Worte? Ich hatte sie jedenfalls vorher noch nie gehört. Ist auch diese Wissenslücke vertretbar? In aller Munde ist die Metapher jedenfalls nicht.

Nord-Süd- und Ost-West-Barrieren

Das Problem auf der Museumsinsel, so Schwarz, wäre die Nord-Süd-Trennung. Das Bodemuseum sei auf die nördliche Spitze orientiert, das Alte Museum nach Süden zum Schloss. Wenn in der Zukunft die James Simon Gallerie entsteht, wird sie in der Mitte der Insel sitzen. Das neue Besucherzentrum bildet den Ausgangspunkt für die archäologische Promenade, die unterirdisch, auf Ebene -1, zu allen Museen führen soll, jedem einzelnen. Von der Gallerie aus kann man bald direkt ins Pergamonmuseum gehen, das einen Südeingang bekommt. Und ein sechs Meter hoher Kolonnadengang verbindet die Gallerie mit dem frisch sanierten Kolonnadenhof der Alten Nationalgalerie. Mit diesem Plan wollen Schwarz und Chipperfield die Freunde endlich zusammenbringen.

Aber dann kommt der Landschaftsarchitekt Nicolai Levin. Er hat vor Jahren mit seinem Büro Levin/Monsigny den Freiraumwettbewerb für die Museumsinsel gewonnen und den Kolonnadenhof neugestaltet. Er bescheinigt der Insel auch zwei Seiten: Aber er spricht von der steinernen, hin zur Dorotheenstadt und von der landschaftlichen, hin zur Spree und zur Grünfläche hin. Und welche Grünfläche könnte hier wohl gemeint sein? – Es ist der James Simon Park, der zwischen Spree und Hackeschem Markt liegt, ein Parkname, der mich vor ein, zwei Jahren mal aufhorchen ließ (James Simon?), aber mich aus irgendeinem Grund nicht dazu brachte, ihn zu googeln. Vielleicht war es deswegen, weil er so amerikanisch klang. (Ist Unwissenheit eigentlich strafbar?) Levin will Elemente des Kolonnadenhofes auch auf den Platz an der James Simon Gallerie hinüber transportieren. Ein “Wassertisch” soll dort zum Beispiel hin, eine Art linearer Brunnen. Und Levin erklärt, warum dem Bodemuseum nichts anderes übrig blieb, als dem Freund Pergamon den Rücken zu kehren: Die Stadtbahn kam und zerschnitt die Insel, wenngleich das Pergamonmuseum erst nach ihm gebaut wurde.

Ein guter Architekt

Nach den Vorträgen wurmt mich immer noch das Zitat von den fünf Freunden. Ich frage Alexander Schwarz nach dem Urheber der Metapher. Für einen Moment lang, klingt er wie ein Österreicher. Aber ich muss mich wohl getäuscht haben. Jedenfalls verzieht ihm die Frage seine Gesichtszüge. Halb spaßig, halb warnend gibt er den “Meister” höchstpersönlich als Urheber an. (Und er sagte “Meister”!) Das hätte ich mir denken können, aber ich tat es nicht. Ich wollte sicher gehen, und jetzt weiß ich es, dass eine Bildersprache wie die von den fünf aparten Freunden nur von einem Künstler kommen kann. Danke, so habe ich die Museumsinsel noch nicht gesehen. Ich glaube, der David Chipperfield, das muss ein guter Architekt sein.

Er hat für den Umbau des Neuen Museums vom Architekturverein einen Sonderpreis bekommen. Das war vor drei Jahren, lese ich in einer Broschüre, die auf dem Tisch am Ausgang liegt. Bei den Visitenkarten und der Spendenbox. Stand die vorhin schon hier? Auf einem anderen Tisch, von dem ich mich längst bedient habe, stehen reihenweise Flensburger. Auch Weißbrot, Käse, Schinken. Wer noch kein Abendbrot gehabt haben sollte, wird im Kutscherhaus satt. Ich spende, und dann gehe ich.

Erst am nächsten Tag frage ich mich, wer eigentlich James Simon war. Und plötzlich fällt mir auch der Park wieder ein, google es, und finde, die fünf Freunde könnten ruhig mal auf den Mann anstoßen.

Junge Architekten machen sich Gedanken, ob das NKZ in Kreuzberg “failed architecture” ist. Zum Glück laden sie zur Präsentation der Ergebnisse den Hausarchitekten Johann Uhl ein – und nicht Hans Stimmann.

— Bericht — Im DAZ sitzt man hart. Das Deutsche Architektur Zentrum in der Köpenicker Straße lässt seine Besucher nicht gern müde werden. Die Hocker aus Holz haben keine Lehne, aber verrücken kann man sie dafür, wohin man will. Hart sind sie, ganz anders als die jungen Architekten, die heute Abend die Ergebnisse ihres Workshops präsentieren. Sie könnten hart ins Gericht gehen mit dem NKZ; am Neuen Kreuzberger Zentrum könnte man kein Haar lassen, wenn man wollte. Aber sie tun es nicht. Was sie vortragen, klingt eher nach einer Erfolgsgeschichte.

Es ist der Abschluss von “Failed Architecture”, einer Workshop-Reihe, die quer durch Europa tourt und jetzt in Berlin Station gemacht hat. Fünf Tage lang haben 25 internationale Studenten und Architekten sich mit dem Neuen Kreuzberger Zentrum am Kottbusser Tor beschäftigt. Michiel van Iersel, der “Failed Architecture” 2010 in den Niederlanden gründete, führt durch den Freitagabend und spricht gleich zu Beginn das Brisante an: Sie wüssten nicht, ob sie hinter den Titel ein Fragezeichen oder ein Ausrufungszeichen setzen sollten.

Stimmann: NKZ sprengen!

Das NKZ als verfehlte Architektur abzustempeln, würden viele tun, ohne mit der Wimper zu zucken; so Ex-Senatsbaudirektor Hans Stimmann, der 1998 im Tagesspiegel sagte, man müsse den Mut haben, Gebäude wie das NKZ oder auch den “Sozialpalast” in Schöneberg zu sprengen. Im Publikum sitzt aber auch der Architekt des Hauses, Johannes Uhl, der Forderungen dieser Art heute Abend freundlicherweise nicht zu hören kriegt.

Er blickt auf eine breite, weiße Wand, an der hunderte bunt beschrifteter Bilder, Zettel und Karten hängen. Ein Teilnehmer des Workshops erläutert von links nach rechts gehend, wie sich das NKZ von 1970 bis heute entwickelt hat – als Baukörper auf Layer eins des Zeitstrahls. Nach ihm wiederholt eine Teilnehmerin das mit dem Fokus auf der Community, ihre Notizen hängen eine Ebene drunter, auf Layer zwei. Auf Layer drei hängt die ökonomische Entwicklung; Layer vier spiegelt die Wahrnehmung des NKZ in der Öffentlichkeit; Layer fünf, in Kniehöhe, die Ebene der Politik. Einen chaotisch wirkenden, detailreichen Blätterwald haben die Architekten hier an die Wand gepflanzt, der Lust auf das NKZ macht, der aber auch überwältigen kann. Johannes Uhl, auf die Frage, ob er etwas auf die Ergebnisse der Arbeit erwidern könne, sagt offen und ehrlich: “Die Frage ist mir zu groß.”

Behutsame Stadterneuerung auf Kosten des NKZ

Später erzählt er, dass ihm eine ganze Menge Gedanken durch den Kopf gingen. Vor allem der, dass sein Hochhaus nicht fertiggebaut worden sei. Dass es sogar absichtlich in dem unfertigen Zustand belassen worden sei, um mit dem Erhalt der benachbarten Mietskasernen unter dem Slogan der “Behutsamen Stadterneuerung” in Kreuzberg Politik zu machen. Architektur verfehlt – also doch?

Achmed sieht das anders. Er kennt das Gebäude von innen, denn er wohnt in ihm. Der Student ist zufrieden, kann die Miete zahlen und kritisiert die Medien, weil sie über das NKZ und den “Kotti” einseitig berichten würden, zum Beispiel über die Drogenszene. Achmed nutzt die Chance und steht während er spricht. Dann setzt er sich auf den harten Hocker zurück, und die Diskussion geht weiter.

Jemand anders steht auf, kann nicht mehr sitzen? Und macht klar, dass der “Kotti” kein Ghetto ist. Es ist Peter Ackermann, Vorsitzender des Verwaltungsrats des NKZ. Gegen Ende der Veranstaltung will er unbedingt wissen: “Ist das NKZ failed architecture?” Im Gegensatz zu Michiel van Iersel hat er hinter den Titel ein eindeutiges Fragezeichen gesetzt. Und er fragt das ganze Publikum, mehrmals, dreht sich im Kreis. Nein, geben die meisten per Handzeichen zu erkennen. – Also doch nicht verfehlt. Aber gelungen? Das müsste man mal Hans Stimmann fragen.

Was wie eine Rettungsaktion für das C/O Berlin aussieht, ist in Wahrheit ein Kurswechsel in der Stadtplanung am Monbijoupark. Aber nicht alle wollen die Grünfläche für einen neuen Kulturstandort preisgeben.

— Bericht — Kein Wunder, dass es Stephan Erfurt auf der Suche nach der Arche Noah auch in die Märchenhütte treibt. Sie ist aus Holz und stünde auf dem Bunkerdach in sicherer Höhe, würde eine Spreeflut den Monbijoupark unter Wasser setzen. Bis jetzt steht das Wasser aber nur ihm bis zum Hals, dem Direktor des C/O Berlin, der mit seinem Forum für Fotografie bis zum Ende des Jahres das Postfuhramt in Mitte wegen Mietvertragsende verlassen muss und immer noch keinen Standort gefunden hat, auf den er ausweichen kann.

So hatte Mittes CDU-Baustadtrat Carsten Spallek am Mittwoch Abend in die Märchenhütte zu einer Bürgerversammlung eingeladen und bezeichnet sie als “frühzeitig”. Im Baugesetzbuch verwendet man die Vokabel für die erste Stufe der Bürgerbeteiligung bei der Aufstellung oder Änderung eines Bauleitplans. Als er anfängt zu reden, freut sich Spallek über die gute Akustik. Später wird er sie ausnutzen und laut werden, weil andere in der Hütte laut werden. Man ist eben zu Gast in einem Theater. Eben lief noch „Hase und Igel“, nachher kommen „Die Bremer Stadtmusikanten“. Aber Spallek tritt hier als Moderator auf, will die Kontrahenten zu Wort kommen lassen, wie es scheint, und die Bürger.

Stephan Erfurt vom C/O möchte gerne in die baufälligen Atelierhäuser ziehen oder am besten gleich einen Neubau im Park errichten, seine “lichtdurchflutete Bauskulptur mit begehbarer Dachlandschaft”, wie das Projekt auf der Internetseite des Architekten Ingo Pott betitelt wird. Dort, auf der Dachlandschaft, errichtet in den Sommermonaten Christian Schulz das Hexenkessel Hoftheater und im Winter öffnet sich die Türe zur Märchenhütte. Der Geschäftsführer des Theaters ist von den Plänen Erfurts deshalb wenig angetan. Aber damit die Pläne in Erfüllung gehen, müsste ein anderer Plan geändert werden.

Der vor Jahren festgesetzte Bebauungplan I-57 (B-Plan) sieht hier eine Grünfläche vor. Im Monbijoupark kann man nicht einfach so bauen. Es sei denn, es handelt sich um einen “fliegenden Bau” wie im Falle des Hexenkessel-Hoftheaters oder um einen “Schwarzbau”, wie die Märchenhütte einer ist. Für das, was Stephan Erfurt mit dem C/O hier vorhat, auch wenn er die Atelierhäuser nur sanieren würde, müsste der B-Plan geändert werden. Und dafür wäre wiederum eine Bürgerbeteiligung notwendig. Da macht ein rechtzeitiges Treffen aus Sicht Carsten Spalleks durchaus Sinn, der jetzt das Publikum zu Wort kommen lässt.

Die Bürger haben zum Monbijoupark verschiedene Meinungen. Die einen wollen die kulturfreie Grünfläche, wie Holger Werner von der Initiative “Rettet den Monbijoupark”. Ein Anwohner weist darauf hin, dass der Park zu Gunsten von Neubauten am östlichen Rand vor zehn Jahren schon verkleinert worden sei. Er schimpft. Das ist der Moment, in dem Spalleks Stimme die Hütte erfüllt. Tolle Akustik!

Aber nicht alle wollen mehr Grün. Es gibt auch Anwohner, die die kulturelle Nutzung vor Ort gutheißen und dem C/O Berlin gerne Asyl geben würden, auf Kosten der Grünfläche. Architekt Heinrich Burchardt sagt zum Beispiel, dass man Recht, also den B-Plan, auch ändern könne.

Na klar kann man das, wenn die Politik es will. Und die Bezirksverordnetenversammlung Mitte hat die Richtung schon vorgegeben. 2011 hat sie ihren Beschluss rückgängig gemacht, die Atelierhäuser abzureißen. Die erweiterte Grünfläche, wie einst politisch beschlossen, steht also nur noch im B-Plan. Die Verwaltung ist jetzt am Zug, Carsten Spallek. Und in weiser Voraussicht vermutet er, dass es wahrscheinlich nicht die letzte Versammlung ist, zu der er einlädt. Dann also bis demnächst, in diesem Theater.

Das IBA-Konzept “Draußenstadt ist Drinnenstadt” des Senats überzeugt Grüne und Linke nicht. Das liegt an der fehlenden thematischen Botschaft und am elitären Verfahren.

— Bericht — Es klingt vernünftig, was Katrin Lompscher am Mittwoch Vormittag im Ausschuss für Stadtentwicklung sagt: den Senatsbeschluss für die Internationale Bauausstellung 2020 (IBA) aufschieben, zumindest vorher eine öffentliche Debatte führen. “Wenn wir eine IBA machen”, so die stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Linken im Abgeordnetenhaus, “dann muss das eine Angelegenheit der Stadt sein.” Sie findet das Verfahren falsch. Das IBA-Konzept würde bis jetzt nur in der Fachöffentlichkeit diskutiert.

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hatte dem Ausschuss zuvor den Stand des IBA-Konzepts erläutert. Das aktuelle Motto der IBA heißt jetzt “Draußenstadt ist Drinnenstadt”. Mit den drei Schwerpunkten “Gemischte Stadt”, “Wohnen in Vielfalt” und “Stadt selbst machen” will das Konzept der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Orte der Berliner Peripherie behandeln. Auch der “gefühlten” Peripherie, wie Regula Lüscher sagt. Beispielorte könnten monofunktionale Großsiedlungen wie die Gropiusstadt sein, aber auch ein Bezirk wie Lichtenberg, wo Wohnungsbau in oder nahe von Gewerbegebieten das angesagte Thema sei.

Thematisch reicht das Vielen aber nicht, zum Beispiel den Grünen. Antje Kapek war enttäuscht vom Vortrag Lüschers. “Wir haben hier ein bisschen alles und nichts”, sagt sie und erwartet von der Verwaltung, dass sie mit einer IBA ganz klar umreiße, was das drängende, gesellschaftliche Problem sei. Sie bezieht sich dabei auch auf die Kritik der Initiative “Think Berlin plus”, die vor zwei Tagen “sieben kritisch-konstruktive Thesen zu einer IBA in Berlin” veröffentlichte.

Die Stadtforscher, deren Thesen sich auch der TU-Professor Harald Bodenschatz anschließt, befürchten, die IBA könne als Instrument der Stadtplanung “abstumpfen”, wenn es Berlin mit der IBA 2020 nicht gelänge, neue Maßstäbe zu setzen. Wohnen als alleiniges Thema reiche für die IBA nicht aus. Die Debatte sei nicht öffentlich, nicht transparent, nicht ergebnisoffen, und es hätte von der Senatsverwaltung auch kein Dialogangebot mit den konkurrierenden Konzepten gegeben, heißt es in den Thesen. Ein solches Konzept war “Radikal Radial!”, das “Think Berlin” zusammen mit dem Planungsbüro Gruppe DASS und dem Büro für Städtebau Machleidt+Partner vor der Abgeordnetenhauswahl 2011 vorgestellt hatten.

Dabei fand die letzte IBA-Veranstaltung erst am Dienstag statt, aber thematisch war sie sehr detailliert. Regula Lüscher lud mit der IBA 2020 ins Flughafengebäude nach Tempelhof ein, zu einem Werkstattgespräch. Titel des Abends: “Stadt. Quartier. Energie.” Es ging vor allem um bautechnische Fragen, nicht um das große Ganze. Die Gastgeberin selbst sagte dazu: “Technologie kann nicht das zentrale Thema der Berliner IBA sein, aber es wird mitgehen.” Im Publikum waren nur Architekten und Stadtplaner, Leute vom Fach. Was ist also mit der großen, öffentlichen Debatte?

Michael Müller hat für eine IBA 2030 keine Zeit. “Ich will darauf nicht warten”, sagt der Stadtentwicklungssenator (SPD) zu den Einwänden von Katrin Lompscher im Ausschuss. Er hält den Zeitpunkt für eine IBA genau richtig und begründet das mit den dramatischen Entwicklungen in der Stadt. Er sagt auch, die IBA-Ideen anderer würden ins Konzept der Senatsverwaltung einfließen. Dafür spricht, dass das IBA-Konzept der Verwaltung tatsächlich beweglich ist; angefangen hatten die Ideen auf dem Tempelhofer Feld.

Nächster Meilenstein für die IBA in Berlin bleibt also die zu erarbeitende Senatsvorlage, und dann kommt vielleicht der Beschluss. Und vielleicht kommen dann auch die Berliner. Die IBA 2020 lädt wieder ein im Januar nächsten Jahres, dann zum Werkstattgespräch “Gemeinschaftliches Wohnen”.

— Bericht — Das Bezirksamt Mitte will das Umfeld der Marienkirche neugestalten. Das von ihm beauftragte Landschaftsarchitektur-Büro Levin Monsigny hat am Dienstag ein Konzept vorgestellt. Es soll ein steinerner, rechteckiger Platz entstehen, der die Kirche einfasst und den Marienkirchhof wieder erkennbar macht; auch das Luther-Denkmal soll vor die Kirche zurückkehren, das heute an ihrer schattigen Nordseite steht. Architekt Rob Grotewal möchte, “dass die Kirche wieder Luft zum Atmen hat”.

Damit will der Bezirk der zunehmenden Verwahrlosung vor Ort wieder Herr werden. Roland Stolte, theologischer Referent der evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien, hält den Zustand für nicht tolerierbar. Er beschwert sich über den Urin, der unter den Türen durchläuft und über Fäkalien an den Außenwänden der Kirche, und spricht von einer “Diskrepanz zwischen der Sorgfalt im Inneren und der Verwahrlosung außen”.

Kritisiert wird das Konzept von der Gesellschaft für Historisches Berlin (GHB) und vom Bürgerforum Historische Mitte. Klaus Krause von der GHB findet die Absenkung des Marienkirchhofs im Grunde gut, fordert aber eine Gesamtplanung des Rathausforums, weil er befürchtet, dass Fakten geschaffen würden, die einer späteren Gesamtplanung im Wege stehen könnten.

Baustadtrat Carsten Spallek (CDU) sieht für einen Masterplan Rathausforum aber wenig Chancen, zumindest “nicht in dieser Wahlperiode”. Er hält das aktuell für nicht realistisch und sieht die Möglichkeit für eine Umgestaltung des Kirchhofs – würde man auf eine Gesamtplanung warten – erst wieder im Jahre 2020.

Das Bürgerforum lobt den guten Willen des Bezirks und des Büros, fordert aber, die historische Figur des Marienkirchhofs besser zu berücksichtigen. Stadtplaner Hildebrand Machleidt fragt: “Warum nicht in historischer Authentizität?” Und für den Historiker Benedikt Goebel steht das Konzept sogar in der radikalen, seit 170 Jahre währenden Modernisierungstradition, die den Stadtraum fortlaufend zerstöre. Er forderte Bezirk und Senat auf, das Konzept zu überdenken und “es anders zu versuchen, es anders zu wollen”, so Goebel.

Nur das Denkmal Martin Luthers wollen alle. Kunsthistoriker Jörg Kuhn vom Arbeitskreis Luther-Denkmal kündigt an, es werde eine moderne Interpretation des

historischen Sockels geben und im Januar 2013 ein Expertentreffen für die Planung stattfinden. Das Denkmal wurde 1895 auf dem Neuen Markt vor der Kirche gebaut, kam zu DDR-Zeiten nach Weißensee und wurde im Oktober 1989 an der Karl-Liebknecht-Straße einzeln, ohne Beifiguren wieder aufgestellt.

Der Umbau solle Mitte 2013 beginnen und 2015 enden, sagte Christoph Katerbau vom Landschaftsplanungsamt Mitte. Bauunterbrechungen seien wegen potenzieller Ausgrabungen einkalkuliert. Im September soll das Bezirksamt einen Beschluss fassen, dann die Kosten für eine Finanzierungszusage vorbereiten. Die Finanzierung sei “das ganz, ganz, große Fragezeichen”, so Katerbau. Es handele sich dabei um einen 7-stelligen Betrag, sagte er.