Sein Name klingt nicht gerade berlinerisch, und doch hat James Simon der Stadt Schätze gebracht. Die Nofretete zum Beispiel, auf der Museumsinsel. Ohne Simon läge sie vielleicht heute noch in Ägypten, unentdeckt, denn der Mann gab sein Geld für die Grabungen.

Warum erzähle ich das? – Weil ich es bis Mittwoch einfach nicht wusste und weil ich mich ernsthaft frage, ob die Wissenslücke „James Simon“ für einen Stadtführer vertretbar ist. (Das kann ja mal jemand kommentieren …)

Es war jedenfalls nicht der mir unbekannte Name, der mich am Dienstag Abend um Sechs auf den Ku’damm trieb, um eine Veranstaltung zu besuchen, bei der es um die neue James Simon Gallerie ging. Wahrscheinlich war es eher das Kutscherhaus, das mich beim Lesen der Einladung neugierig machte und der Architekturpreis e.V., von dem ich noch nichts gehört hatte. Was für ein Verein ist das jetzt wieder?, dachte ich. Und was genau ist mit der Gallerie, der man diesen ausländischen Namen gibt? (Das war noch Dienstag.)

Immer rein in die gute Stube

Das Kutscherhaus liegt am Kurfürstendamm, im zweiten Hinterhof eines Eckhauses. Ich kann nicht sagen, ob das ganze Gebäude so heißt oder nur der Teil, in dem die Veranstaltung war. Dort, im Erdgeschoss, es wirkt wie eine alte Remise, sitzt der Architekturverein, in einem weißen, langen Raum, der interessanterweise an seinem Ende zusammenläuft und immer enger wird, dreieckig. Alles wirkt ziemlich ästhetisch, hier geht es um Architektur.

“Für Ihre Visitenkarten”, liest man an einer großen Schüssel. Sie steht auf einem brusthohen Tisch am Eingang, und es passen noch sehr viele Kärtchen rein. Zum Beispiel die von Futurberlin … Drin. Eine Frau fragt die ankommenden Leute, ob sie sich schon eingetragen hätten. Dort in die Listen. Auch die Listen liegen auf dem Tisch. Ich drehe wieder um und erkenne: Ich habe mich nicht angemeldet. – “Kein Problem”, höre ich die Frau zu einem anderen sagen, der auch nicht angemeldet ist. Man schreibt sich eben unten in die Liste ein. Listen über Listen liegen hier herum. Und am Eingang, der nicht viel Platz gibt, ist es voll. Warum schreiben wir uns nicht nachher ein?

Den großen Mann da vorne, den kenne ich. Er begrüßt die Gäste. “Guten Abend, Herr Mausbach”, sage ich. Und er fragt mich, wie die “kleine Serie” ankommt, die auf Futurberlin läuft. “Gut”, sage ich. Die 22 Artikel, die Florian Mausbach über das Rathausforum schrieb, haben 154 Besuche erhalten, aber das konnte ich ihm nicht sagen, da ich es am Dienstag noch nicht wusste, genauso wenig, wer James Simon war.

Wer zur Hölle ist David Chipperfield?

Der lange Raum ist voll, alle sitzen schon auf Stühlen, gefüllte Gläser in der Hand. Schon vor den Vorträgen?, frage ich mich. Normalerweise kommt die Erfrischung nachher, genau wie die Listen. Aber hier … Ich setze mich ans Ende des Raumes, und schon zu Beginn der Veranstaltung erfahre ich das spannendste: David Chipperfield war in Berlin einmal unbekannt. Florian Mausbach, der als Vorsitzender des Vereins den Abend eröffnet, erzählt, wie in den Neunzigern Hans Stimmann zu ihm sagte: “Der David Chipperfield, das soll ja ein guter Architekt sein.” – Wie sich die Zeiten geändert haben. Der große Architekt, der das Weltkulturerbe der Museumsinsel saniert, ist heute Abend nicht anwesend. Der Meister schickt seinen Gesellen.

Ans Rednerpult geht ein hagerer Mann mit buschig zusammengebundenem Haar. Wegen seines eleganten, feinen Bartes erinnert er mich an d’Artagnan von den drei Musketieren. Alexander Schwarz von David Chipperfield Architects hält eine Powerpoint-Präsentation, und der Degen, mit dem er ficht, ist die James Simon Gallerie.

Und dann sagt er etwas, was es wert war, hierher gekommen zu sein. (Immerhin hatte ich mir ein neues Umweltticket gekauft.) Schwarz sprach von “fünf Freunden, die an einem Tisch sitzen, aber sich den Rücken zukehren”. Und meinte damit die fünf Museen auf der Museumsinsel. Was für ein Bild! Aber wer hatte das gesagt? Ich habe den Satzanfang nicht mitgekriegt. Waren es seine eigenen Worte? Ich hatte sie jedenfalls vorher noch nie gehört. Ist auch diese Wissenslücke vertretbar? In aller Munde ist die Metapher jedenfalls nicht.

Nord-Süd- und Ost-West-Barrieren

Das Problem auf der Museumsinsel, so Schwarz, wäre die Nord-Süd-Trennung. Das Bodemuseum sei auf die nördliche Spitze orientiert, das Alte Museum nach Süden zum Schloss. Wenn in der Zukunft die James Simon Gallerie entsteht, wird sie in der Mitte der Insel sitzen. Das neue Besucherzentrum bildet den Ausgangspunkt für die archäologische Promenade, die unterirdisch, auf Ebene -1, zu allen Museen führen soll, jedem einzelnen. Von der Gallerie aus kann man bald direkt ins Pergamonmuseum gehen, das einen Südeingang bekommt. Und ein sechs Meter hoher Kolonnadengang verbindet die Gallerie mit dem frisch sanierten Kolonnadenhof der Alten Nationalgalerie. Mit diesem Plan wollen Schwarz und Chipperfield die Freunde endlich zusammenbringen.

Aber dann kommt der Landschaftsarchitekt Nicolai Levin. Er hat vor Jahren mit seinem Büro Levin/Monsigny den Freiraumwettbewerb für die Museumsinsel gewonnen und den Kolonnadenhof neugestaltet. Er bescheinigt der Insel auch zwei Seiten: Aber er spricht von der steinernen, hin zur Dorotheenstadt und von der landschaftlichen, hin zur Spree und zur Grünfläche hin. Und welche Grünfläche könnte hier wohl gemeint sein? – Es ist der James Simon Park, der zwischen Spree und Hackeschem Markt liegt, ein Parkname, der mich vor ein, zwei Jahren mal aufhorchen ließ (James Simon?), aber mich aus irgendeinem Grund nicht dazu brachte, ihn zu googeln. Vielleicht war es deswegen, weil er so amerikanisch klang. (Ist Unwissenheit eigentlich strafbar?) Levin will Elemente des Kolonnadenhofes auch auf den Platz an der James Simon Gallerie hinüber transportieren. Ein “Wassertisch” soll dort zum Beispiel hin, eine Art linearer Brunnen. Und Levin erklärt, warum dem Bodemuseum nichts anderes übrig blieb, als dem Freund Pergamon den Rücken zu kehren: Die Stadtbahn kam und zerschnitt die Insel, wenngleich das Pergamonmuseum erst nach ihm gebaut wurde.

Ein guter Architekt

Nach den Vorträgen wurmt mich immer noch das Zitat von den fünf Freunden. Ich frage Alexander Schwarz nach dem Urheber der Metapher. Für einen Moment lang, klingt er wie ein Österreicher. Aber ich muss mich wohl getäuscht haben. Jedenfalls verzieht ihm die Frage seine Gesichtszüge. Halb spaßig, halb warnend gibt er den “Meister” höchstpersönlich als Urheber an. (Und er sagte “Meister”!) Das hätte ich mir denken können, aber ich tat es nicht. Ich wollte sicher gehen, und jetzt weiß ich es, dass eine Bildersprache wie die von den fünf aparten Freunden nur von einem Künstler kommen kann. Danke, so habe ich die Museumsinsel noch nicht gesehen. Ich glaube, der David Chipperfield, das muss ein guter Architekt sein.

Er hat für den Umbau des Neuen Museums vom Architekturverein einen Sonderpreis bekommen. Das war vor drei Jahren, lese ich in einer Broschüre, die auf dem Tisch am Ausgang liegt. Bei den Visitenkarten und der Spendenbox. Stand die vorhin schon hier? Auf einem anderen Tisch, von dem ich mich längst bedient habe, stehen reihenweise Flensburger. Auch Weißbrot, Käse, Schinken. Wer noch kein Abendbrot gehabt haben sollte, wird im Kutscherhaus satt. Ich spende, und dann gehe ich.

Erst am nächsten Tag frage ich mich, wer eigentlich James Simon war. Und plötzlich fällt mir auch der Park wieder ein, google es, und finde, die fünf Freunde könnten ruhig mal auf den Mann anstoßen.

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Rathausplatz und Bürgerforum

Die Zentral- und Landesbibliothek wäre nicht nur eine bürgernahe öffentliche Nutzung, mit ihr wären auch die Baukörper gegeben, um einen großen Rathausplatz baulich und räumlich zu fassen. Für einen lebendigen Ort bürgerschaftlicher Information und öffentlicher Diskussion bedarf es jedoch mehr. Es bedarf geeigneter Räumlichkeiten. Nach der Wende wurde das Staatsratsgebäude mit seinen großen Sälen und Konferenzräumen zum nach-revolutionären zentralen „Bürgerhaus“ und Bürgerforum. Dort wurden die Ergebnisse der Städtebau- und Architektur-Wettbewerbe zum Wiederaufbau der Hauptstadt vorgestellt und in überfüllten Diskussionsveranstaltungen über die Stadtentwicklung und die Zukunft des wiedervereinten Berlins debattiert.

Heute nach zwanzig Jahren erfolgreichen Wiederaufbaus fehlt in der Stadtmitte ein solcher signifikanter öffentlicher Ort, wo anhand von Stadtmodellen und Plänen die Bürger angehört und beteiligt werden, wo über Bau- und Stadtentwicklung, über Wirtschaft, Verkehr und Umwelt, über Kultur, Bildung und soziale Integration und über öffentliche Sicherheit gesprochen wird, kurz, über die Zukunft Berlins in den kommenden Jahrzehnten. Deshalb sollte das Bauprogramm für die öffentliche Bibliothek erweitert werden um Konferenz-, Ausstellungs- und Veranstaltungsräume für ein Bürgerforum. Ein Bürgerforum, das  über Internet die gesamte interessierte Bürgerschaft informiert und in die Beratung zu den öffentlichen Angelegenheiten einbezieht. Und auch eine lebendige Dauerausstellung zur Stadtgeschichte sollte nicht fehlen, mit der Erinnerung auch an 1848, 1918 und 1989, zur Ermutigung der Weiterentwicklung bürgerschaftlicher Freiheit und sozialer Demokratie. Im Mittelpunkt des Bürgerforums aber sollte die große Stadt Berlin einen großen Rathausplatz erhalten, als Markt- und Schauplatz der Bürgerschaft, zum Versammeln, Demonstrieren und  zum Feiern. Erst dann ist Berlin, die größte Stadt Deutschlands nicht nur Hauptstadt und Metropole, sondern auch lebendige Bürgerstadt.

ENDE der Serie

 

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Masterplan und Stadtbibliothek

Diesem für die ganze Stadt bedeutsamen städtebaulichen Wettbewerb muss nicht nur ein gestalterischer Wille zugrunde liegen, sondern ein klares stadtpolitisches Programm. Als Ergebnis muss ein Masterplan „Rathausforum – Neue bürgerschaftliche Mitte Berlins“ für das Gesamtareal die Grundlage für weitere Architektenwettbewerbe und eine schrittweise bauliche Umsetzung bieten. Es ist ein Programm für die kommenden Jahrzehnte. Die wichtigste und anspruchsvollste Aufgabe in dem neuen Gesamtensemble wird sein, als Gegenüber zum Roten Rathaus ein öffentliches Bürgerforum mit einem großen Rathausplatz zu gestalten.

Es gibt die Absicht, eine neue Zentral- und Landesbibliothek zu errichten, die ihre in der Stadt verteilten Bibliotheken unter einem Dach vereint, die Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg, die Senatsbibliothek in Charlottenburg und die Stadtbibliothek in Mitte. Als Standort ist der Flughafen Tempelhof im Gespräch. Geplant ist ein 270 Millionen teurer Neubau mit über 60 000 Quadratmetern Nutzfläche. Die Berliner Stadtbibliothek liegt heute in der Breite Straße in der historischen Stadtmitte gleich neben dem künftigen Schloss. Dort im wiedererrichteten Schloss wird als Beitrag des Landes Berlin zum Humboldt-Forum für die Zentral- und Landesbibliothek eine Fläche von 4000 qm geplant. Die Unterbringung der Abteilungen Musik, Film und Kunst sowie der Kinder- und Jugendbibliothek ist fester Bestandteil des Bau- und Finanzierungsplans des Humboldtforums.

Was ist im wahrsten Sinne des Wortes naheliegender, als auch den Neubau der Zentral- und Landesbibliothek in der Nachbarschaft anzusiedeln. Vor dem Roten Rathaus wäre ausreichend Platz. Einen zentraleren  Standort für eine Zentralbibliothek gibt es nicht. Angesichts der Haushaltsnot und zusätzlicher künftiger Belastungen des Haushalts durch die Verschiebung und Verteuerung des Hauptstadtflughafens wird die Frage des Standorts, des Bauprogramms  und des Zeitplans für den Bau einer Neuen Zentral- und Landesbibliothek neu gestellt werden müssen. Warum sollte die Amerika-Gedenk-Bibliothek im nahen Kreuzberg  nicht weiterhin Teil der ZLB bleiben, vielleicht als Berliner Fremdsprachen-Bibliothek für die Stadt mit ihrem Migrationshintergrund und ihren vielen fremdsprachigen Bürgern? Ein so abgespeckter Bau wäre eine wirtschaftlichere Lösung als ein vollständiger Neubau in Tempelhof.

Auch für die Nutzer wäre ein Standort der Zentral- und Landesbibliothek in der Stadtmitte von Vorteil. Der Standort ist eine „Lauflage“.Er ist von überall in der Stadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln bestens erreichbar und ermöglicht vielfältige Synergie-Effekte. Nicht weit liegen die Staatsbibliothek Unter den Linden und die neue Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität, das Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum. Beide sind nur wenige Schritte entfernt wie auch andere private und öffentliche Einrichtungen mit ihren Fachbibliotheken und Informationsmedien, so das Auswärtige Amt am Werderschen Markt mit Bibliothek und Archiv, die Stasi-Unterlagen-Behörde am Alex, das Deutsche Historische Museum Unter den Linden und die Museen der Museumsinsel.

Morgen: letzter Teil „Rathausplatz und Bürgerforum“

 

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Marx und Luther

Wie das Gesamtareal zwischen Schloss und Fernsehturm neu zu gestalten ist, ob in der Nachbarschaft des Nikolaiviertels in Anlehnung an die historische Altstadt, ob in einem zeitgemäßen Maßstab, ob durchsetzt mit grünen Parks oder steinernen Plätzen, ob als Wohnviertel oder gemischtes Wohn- und Geschäftsviertel, als Ort zentraler öffentlicher Einrichtungen oder weiterhin als öffentlicher Park, dies wird  Aufgabe eines städtebaulichen Ideenwettbewerbs sein.

Karl Marx und Friedrich Engels wie Martin Luther, diesen großen deutschen Propheten und revolutionären Weltbewegern, gebührt auch künftig mit ihren Denkmälern ein Ehrenplatz. Das gründerzeitliche Luther-Denkmal von 1895, erst kurz vor dem Fall der Mauer im Oktober 1989 zum 450. Jahrestag der Reformation in Brandenburg im Schatten von St. Marien aufgestellt, sollte auf einem Vorplatz der Marienkirche angemessen ins Licht gerückt werden. Das Marx-Engels-Denkmal, in den 1980er Jahren von dem Bildhauer Ludwig Engelhardt in bewusster Abkehr von sowjetischer Monumentalplastik in menschlichem Maßstab gestaltet, hat viele Besucher aus aller Welt. Es sollte eine neue würdige Umgebung finden, zum Beispiel in einem Marx-Engels-Park am Ufer der Spree mit dem Rücken zum Schloss der ungeliebten Hohenzollern.

Morgen: Teil 21 „Masterplan und Stadtbibliothek“

 

Heute Abend um 18 Uhr gibt es eine Veranstaltung zur James-Simon-Gallerie, dem neuen Eingang zum Neuen Museum auf der Museumsinsel von David Chipperfield. Siehe Eventkalender.

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Der Fernsehturm und sein Sockel

Aber wie soll  eine Neugestaltung der historischen Mitte möglich sein angesichts des jeden Maßstab sprengenden Sockels des Fernsehturms? Dieses bizarre, mit Riesenstacheln in den Raum ausgreifende Beton-Faltwerk ist mit seinen Tentakeln, Wasserkaskaden und Blumenrabatten der Welt des Tivoli entsprungen, der Welt fliegender Bauten und Vergnügungsparks. Seine Dornen drohen St. Marien aufzuspießen, seine alles beherrschende Achse aus dreieckigen Becken und Rabatten stößt bis zum Neptunbrunnen vor. Sein theatralischer Gestus aber geht ins Leere.

Es wird Stimmen geben, die das monströse Stacheltier unter Artenschutz stellen wollen. Die sommerlichen Wasserspiele sind beliebt, doch gönnt der lange Berliner Winter ihnen nur eine kurze, wartungsintensive Spielzeit. Das maßlos Raum fressende Bauwerk aber verstellt jede neue bauliche Entwicklung. Es versperrt zudem den Zugang zu Alexanderplatz und dessen Bahnhof. Dorthin führen heute nur große Umwege oder Schleichwege vorbei an unfreundlichen Sockelhinterhöfen. Ein offener Zugang zum Alexanderplatz aber und umgekehrt eine einladende Öffnung des Alex zum künftigen bürgerschaftlichen Mittelpunkt Berlins würde beiden gut tun. Ein Sockel in neuer Gestalt sollte St. Marien Respekt zollen und Abstand halten. Er sollte wie die heutige Eingangshalle für das zu Aussichtsplattform und Drehrestaurant  hinaufstrebende Publikum sich ganz zu Alex und Bahnhof hin orientieren. So würde der Fernsehturm zum städtebaulichen Höhepunkt des aufwärts strebenden Alexanderplatzes, zum Primus einer wachsenden weithin sichtbaren Hochhaussilhouette.

Morgen: Teil 20 „Marx und Luther“

 

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Historischer Stadtgrundriss und Traditionsinseln

Diese neue bürgerschaftliche Mitte sollte die Geschichte des Ortes zitieren und integrieren, indem sie den historischen Stadtgrundriss mit seinem im Untergrund verborgenen Straßennetz wieder sichtbar macht und die erhaltenen Traditionsinseln Rathaus und Marienkirche stärkt und abrundet. St. Marien sollte den Schutzmantel einer umgebenden Bebauung zurückerhalten. Mit der Rückkehr des Neptunbrunnens auf den Schlossplatz würde das Schlossensemble um ein Original vervollständigt und die große Fläche vor dem Rathaus frei für eine Neugestaltung als Rathausplatz und Bürgerforum. Das Rote Rathaus würde mit einem Rathausplatz die Würde und Bedeutung erhalten, die einer großen Stadt wie Berlin gebührt.

Morgen: Teil 18 „Der Fernsehturm und sein Sockel“

 

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Selbstdarstellung der Kommune

Diktaturen inszenieren ihre Macht in Monumentalbauten, Staatsachsen und Aufmarschplätzen, in organisierten Paraden und Aufzügen. Doch auch die Demokratie braucht symbolische Orte und eigene Formen der Selbstfeier und Selbstbestätigung. Der Literaturwissenschaftler Viktor Klemperer, der als Jude das „Dritte Reich“ in Dresden überlebte, notierte in seinem Tagebuch am 11. August 1934:

“Ich glaube, der 11. August war der >Verfassungstag< der Republik. Dieses >ich glaube< ist charakteristisch; die Feier wurde nie populär, nie mit Schwung und Resonanz durchgeführt. Die Republik war in diesem Punkt allzu protestantisch; sie vertraute allzu sehr auf das Geistige und verachtete das Sinnliche, sie überschätzte das Volk. Bei der gegenwärtigen Regierung ist das Gegenteil der Fall, und sie übertreibt dieses Gegenteil ins Unsinnige.“

Das Gegenteil des Unsinnigen ist nicht der Verzicht, sondern eine sinnvolle, der Demokratie angemessene öffentliche Selbstdarstellung. Aus der Geschichte zu lernen  heißt, die Demokratie populär und sinnlich zu gestalten in Orten, Bauten und Plätzen.

Dies ist nach zwei Jahrzehnten Wiedervereinigung  im Parlaments- und Regierungsviertel, der staatsbürgerlichen Mitte der Bundeshauptstadt, bereits gelungen. Es wird vollendet mit den nationalen Kulturbauten der weltbürgerlichen Mitte im historischen Zentrum und der Erweiterung der Museumsinsel um das Humboldtforum im Berliner Schloss. Die im Bau befindliche U-Bahn-Linie U5 markiert die West-Ost-Wanderung des Wiederaufbaus der Mitte Berlins mit ihren Stationen: Hauptbahnhof, Reichstag, Brandenburger Tor, Unter den Linden, Museumsinsel, Berliner Rathaus.

Der Spatenstich zum Bau der U-Bahnstation Berliner Rathaus, der die Leere vor dem Rathaus für Jahre zur Baustelle machen wird, sollte das Signal sein für den letzten Akt des Wiederaufbaus der Mitte Berlins – die Gestaltung eines Rathausplatzes und Bürgerforums.

Morgen: Teil 18 „Historischer Stadtgrundriss und Traditionsinseln“

 

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Bürgerinitiativen und Bürgerrechtsbewegung

Schon die Siegermächte bauten in der Nachkriegszeit nicht nur aus praktischen Erwägungen die Demokratie von unten auf und sahen in der Kommunalpolitik eine „Schule der Demokratie“. Im Westen Deutschlands folgte nach Aufbau und Konsolidierung der parlamentarischen Demokratie, des  Rechts- und Sozialstaats und einer sozialen Marktwirtschaft eine Zeit gesellschaftlicher Unruhe und Reformen. „Mehr Demokratie wagen!“ hieß es. Antiautoritäre und außerparlamentarische Bewegungen der „68er“ Kulturrevolution haben die Gesellschaft verändert, in ihrer am Ende ausufernden Gewalt aber auch traumatisiert. Seit den 1970er Jahren stärken Bürgerinitiativen die „Basisdemokratie“ mit der Folge einer Erweiterung und gesetzlichen Verankerung von Beteiligungs- und Anhörungsrechten der Bürger. Die größte Demokratiebewegung aber war die friedliche Revolution im Herbst 1989 in der DDR, die mit der Wiedervereinigung endgültig die Nachkriegszeit beendete. Sie begann mit Bürgerinitiativen und  Bürgerrechtsgruppen und hat für ganz Deutschland ein bleibendes Zeichen gesetzt für Zivilcourage und Bürgermut.

Seit jeher weitet sich der öffentliche Raum um eine ideelle vierte Dimension. Seien es Thesenanschläge und Flugschriften, Bücher und Zeitungen oder Rundfunk und Fernsehen, sie  erzeugen öffentliche Meinung und öffentlichen Druck. Eine neue revolutionäre Dimension aber erlebt der öffentliche Raum heute durch seine globale virtuelle Expansion. Soziale Netzwerke des Internets verändern die Welt im Großen  wie im Kleinen, im individuellen Alltag wie in großen sozialen und politischen Umwälzungen.

Volker Hassemer hat anlässlich der Berliner Stiftungswoche zu „bürgerschaftlichem Engagement als Ergänzung und Korrektiv der Politik“, zu „Teilnahme und Teilhabe“ aufgerufen:

“Eine Stadt wie Berlin braucht eine selbstbewusste Bürgerschaft. Bis 1933 war eine solche Bürgerschaft das Rückgrat und die Energiequelle der Stadt. Die Nationalsozialisten haben diese Basis zerstört und vertrieben.“ „Ergebnis waren in beiden Hälften Berlins ungewöhnlich staatsorientierte gesellschaftliche Wirklichkeiten. Weder im Osten noch im Westen konnte an die bürgerschaftliche Tradition angeknüpft werden.“ “Spätestens jetzt, zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer, ist die Zeit gekommen, sich strategisch um den Aufbau einer solchen bürgerschaftlichen Gesellschaft zu bemühen.“

Morgen: Teil 17 „Selbstdarstellung der Kommune“

 

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Selbstverwaltung und Bürgernähe

Alt-Berlin war vom Mittelalter bis zur Neuzeit Mittelpunkt der Bürgerschaft. Mit dem Bau des Roten Rathauses und des Stadthauses und weiterer Verwaltungsgebäude wurde nach der

„jahrhundertealten Geringschätzung“ „Alt-Berlin mehr und mehr zu einem Zentrum und Ort der Selbstdarstellung der Kommune“ (Bodenschatz).

Diese historische Entwicklung gilt es aufzugreifen und in zeitgemäßer Weise fortzusetzen. Berlin als deutsche Hauptstadt wird in ansehnlichen nationalen Staats- und Kulturbauten repräsentiert. Berlin als Kommune, als Bürgerstadt aber fehlt das sichtbare bürgerschaftliche Zentrum, das der Bedeutung und dem Ansehen Berlins als größter deutscher Stadt entspricht.  Es fehlt eine bürgerschaftliche Mitte, die sich  in Plätzen und Bauten als Bürgerforum darstellt, als Ort heutiger bürgernaher Demokratie und lebendiger Bürgergesellschaft.

Die kommunale Selbstverwaltung lebt von Orts- und Bürgernähe wie die ursprüngliche Demokratie der antiken Stadtstaaten in der Agora Athens und dem Forum Romanum. Es ist im physischen Sinne die räumliche Nähe, es ist die sachliche Problemnähe und Ortskenntnis, es ist die Nähe persönlicher Beziehungen und sozialer Milieus und die emotionale Nähe mit der Bereitschaft zu Identifikation, Engagement, Einmischung und Mitwirkung, die die „Politik von unten“ ausmacht.

Morgen: Teil 16 „Bürgerinitiativen und Bürgerrechtsbewegung“

 

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Das Spielfeld

Wie aber ist die Leere vor dem Rathaus zu gestalten? Was ist das Spielfeld? Welche Aufgaben soll dieser bedeutende zentrale Raum in der Stadt künftig erfüllen? Kann hier im mittelalterlichen Maßstab die Altstadt wiederauferstehen? Schon das Rote Rathaus wuchs über die mittelalterliche Stadt hinaus. Und erst recht haben der Fernsehturm und die bis zu zwölf Geschosse aufragenden Gebäudescheiben entlang der Karl-Liebknechtstraße und der Rathausstraße das gesamte Areal in einen neuen rechteckigen Raum großstädtischer Dimension verwandelt. Dieser Großraum wird künftig dominiert vom Fernsehturm im Osten als Symbol modernen technischen Fortschrittsglaubens und dem wiedererrichteten Barockschloss im Westen als Ausdruck historisch-weltlicher Hochkultur. In diesem Spannungsfeld stehen sich in einem großen Freiraum Marienkirche und Rathaus gegenüber, St. Marien als Bürgerkirche des Mittelalters, das Rote Rathaus als Wahrzeichen des Großstadtbürgertums der Neuzeit. Diese baulich unverrückbaren Spielfiguren sind die Eckpfeiler jeder Neugestaltung. Zwischen ihnen liegt ein weiträumiger Spielplatz mit Denkmälern und Brunnen – beweglichen Riesenspielzeugen. Eine Neugestaltung muss in der historischen Rückschau die ganze, auch die jüngere Geschichte im Blick haben und eine weiterreichende in die Zukunft gerichtete städtebauliche wie politische Perspektive entwickeln.

Morgen: Teil 15 „Selbstverwaltung und Bürgernähe“

 

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Planwerk Innenstadt

Der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann hat das Verdienst, die Debatte um die Zukunft der Leere vor dem Rathaus eröffnet zu haben:

Die Teilung der Stadt mit der Inanspruchnahme des historischen Zentrums für eine Ost-Berliner Identität – den Palast eingeschlossen – hielt auch (…) nach dem Fall der Mauer an. Im Grundsatz gilt diese auf Kontinuität der 40jährigen Trennung angelegte Abwehr der Bezugnahme auf die gemeinsame Geschichte Berlins bis heute. Im Zentrum unserer Stadt geht es aber nach dem Ende der DDR und nach dem Abriss des Palastes nicht mehr um Ost- oder Westbefindlichkeiten, sondern um das schwierige Verhältnis der Stadt mit Rathaus, mittelalterlichen Klöstern, Kirchen, Schulen, Straßen und Plätzen zum künftigen Humboldt-Forum im Schloss.“

Für die südliche Altstadt hat das Planwerk Innenstadt in „kritischer Rekonstruktion“ den städtebaulichen Rahmen für die Rückkehr zum historischen Stadtgrundriss und einen zeitgemäßen Weiterbau abgesteckt. Die Stadtplanung der DDR hatte ohne Verkehrsnot mit dem Ausbau der Grunerstraße zur innerstädtischen Schnellstraße die südliche Altstadt zerschnitten und abgetrennt. Jetzt sollen durch Anlehnung des Straßenzuges an ihren historischen Verlauf die Verbindung zu Rathaus und Nikolaiviertel wiederhergestellt, der mittelalterliche Große Jüdenhof, das Gymnasium zum Grauen Kloster und der Molkenmarkt in Umrissen wieder erkennbar werden und mit Stadthaus und Parochialkirche zu einem in Maßstab und Gestalt stimmigen Stadtviertel zusammenwachsen.

Morgen: Teil 14 „Das Spielfeld“

 

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Zukunft von gestern

Heute graben Archäologen nach Schlossfundamenten und vor dem Rathaus nach untergründigen Resten der Berliner Altstadt. Sie wecken die Neugier eingesessener und zugewanderter Berliner nach der Entstehungsgeschichte ihrer Stadt.  Ein Erinnern „ab urbe condita“ kann zu einer neuen gesamtstädtischen Identität Berlins und der bunten Vielfalt seiner Bürger beitragen, der Rückblick auf die Geschichte der gemeinsamen Stadt helfen, die Mauer in den Köpfen zu überwinden, Vergangenheit und Zukunft als eine Dimension der Gegenwart zu begreifen.

Mit wachsendem Abstand sollten auch die 40 Jahre DDR wieder in richtige Relation zur 800jährigen Geschichte Berlins gesetzt werden. Das jüngste Experiment am lebendigen Körper der Gesellschaft war eine Lehre und bleibt unvergessener Teil der Biografie Berlins. Es bleibt unübersehbar auch in seinen baulichen Zeugnissen. Der Fernsehturm, heute ein populäres Wahrzeichen und Orientierungszeichen aller Berliner, bietet Ausguck und Überblick über ganz Berlin und seine gebaute Geschichte. Forum – Hotel, Haus des Lehrers und  Kongresszentrum am Alexanderplatz, Kino und Cafe Moskau, Stalin-Allee, historische Rekonstruktionen wie Nikolaiviertel,  Konzerthaus am Gendarmenmarkt  und Staatsoper – sie werden auch künftig, und nicht nur die Reste der Mauer, im Zentrum Berlins an Geschichte und Baugeschichte der DDR erinnern. Das Staatsratsgebäude gehört mit seinem Schlossportal als geschütztes Baudenkmal längst zum festen Mobiliar der historischen Mitte.

Die Staatsachse der DDR aber zielt seit dem Verschwinden des Palastes der Republik ins Leere. Zwischen Spree und Fernsehturm bietet sich das Bild von Resten einer anderen, untergegangenen Zivilisation, einer Zukunft von gestern.

Morgen: Teil 13 „Planwerk Innenstadt“

Junge Architekten machen sich Gedanken, ob das NKZ in Kreuzberg “failed architecture” ist. Zum Glück laden sie zur Präsentation der Ergebnisse den Hausarchitekten Johann Uhl ein – und nicht Hans Stimmann.

— Bericht — Im DAZ sitzt man hart. Das Deutsche Architektur Zentrum in der Köpenicker Straße lässt seine Besucher nicht gern müde werden. Die Hocker aus Holz haben keine Lehne, aber verrücken kann man sie dafür, wohin man will. Hart sind sie, ganz anders als die jungen Architekten, die heute Abend die Ergebnisse ihres Workshops präsentieren. Sie könnten hart ins Gericht gehen mit dem NKZ; am Neuen Kreuzberger Zentrum könnte man kein Haar lassen, wenn man wollte. Aber sie tun es nicht. Was sie vortragen, klingt eher nach einer Erfolgsgeschichte.

Es ist der Abschluss von “Failed Architecture”, einer Workshop-Reihe, die quer durch Europa tourt und jetzt in Berlin Station gemacht hat. Fünf Tage lang haben 25 internationale Studenten und Architekten sich mit dem Neuen Kreuzberger Zentrum am Kottbusser Tor beschäftigt. Michiel van Iersel, der “Failed Architecture” 2010 in den Niederlanden gründete, führt durch den Freitagabend und spricht gleich zu Beginn das Brisante an: Sie wüssten nicht, ob sie hinter den Titel ein Fragezeichen oder ein Ausrufungszeichen setzen sollten.

Stimmann: NKZ sprengen!

Das NKZ als verfehlte Architektur abzustempeln, würden viele tun, ohne mit der Wimper zu zucken; so Ex-Senatsbaudirektor Hans Stimmann, der 1998 im Tagesspiegel sagte, man müsse den Mut haben, Gebäude wie das NKZ oder auch den “Sozialpalast” in Schöneberg zu sprengen. Im Publikum sitzt aber auch der Architekt des Hauses, Johannes Uhl, der Forderungen dieser Art heute Abend freundlicherweise nicht zu hören kriegt.

Er blickt auf eine breite, weiße Wand, an der hunderte bunt beschrifteter Bilder, Zettel und Karten hängen. Ein Teilnehmer des Workshops erläutert von links nach rechts gehend, wie sich das NKZ von 1970 bis heute entwickelt hat – als Baukörper auf Layer eins des Zeitstrahls. Nach ihm wiederholt eine Teilnehmerin das mit dem Fokus auf der Community, ihre Notizen hängen eine Ebene drunter, auf Layer zwei. Auf Layer drei hängt die ökonomische Entwicklung; Layer vier spiegelt die Wahrnehmung des NKZ in der Öffentlichkeit; Layer fünf, in Kniehöhe, die Ebene der Politik. Einen chaotisch wirkenden, detailreichen Blätterwald haben die Architekten hier an die Wand gepflanzt, der Lust auf das NKZ macht, der aber auch überwältigen kann. Johannes Uhl, auf die Frage, ob er etwas auf die Ergebnisse der Arbeit erwidern könne, sagt offen und ehrlich: “Die Frage ist mir zu groß.”

Behutsame Stadterneuerung auf Kosten des NKZ

Später erzählt er, dass ihm eine ganze Menge Gedanken durch den Kopf gingen. Vor allem der, dass sein Hochhaus nicht fertiggebaut worden sei. Dass es sogar absichtlich in dem unfertigen Zustand belassen worden sei, um mit dem Erhalt der benachbarten Mietskasernen unter dem Slogan der “Behutsamen Stadterneuerung” in Kreuzberg Politik zu machen. Architektur verfehlt – also doch?

Achmed sieht das anders. Er kennt das Gebäude von innen, denn er wohnt in ihm. Der Student ist zufrieden, kann die Miete zahlen und kritisiert die Medien, weil sie über das NKZ und den “Kotti” einseitig berichten würden, zum Beispiel über die Drogenszene. Achmed nutzt die Chance und steht während er spricht. Dann setzt er sich auf den harten Hocker zurück, und die Diskussion geht weiter.

Jemand anders steht auf, kann nicht mehr sitzen? Und macht klar, dass der “Kotti” kein Ghetto ist. Es ist Peter Ackermann, Vorsitzender des Verwaltungsrats des NKZ. Gegen Ende der Veranstaltung will er unbedingt wissen: “Ist das NKZ failed architecture?” Im Gegensatz zu Michiel van Iersel hat er hinter den Titel ein eindeutiges Fragezeichen gesetzt. Und er fragt das ganze Publikum, mehrmals, dreht sich im Kreis. Nein, geben die meisten per Handzeichen zu erkennen. – Also doch nicht verfehlt. Aber gelungen? Das müsste man mal Hans Stimmann fragen.

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Absolutismus und „real existierender Sozialismus“

Dem Jahrhundert zentralistischer Machtentfaltung des barocken Absolutismus nach Bauernkriegen, Religionskriegen und Dreißigjährigem Krieg verdankt Europa eine Blütezeit seiner Entwicklung und die Grundlagen des modernen Staatswesens. Der Absolutismus stabilisierte zwar die feudale Macht, durch das Zurückdrängen streitender Gewalten des Adels, der Stände, der Kirche und freier Städte schuf er jedoch Territorial- und Nationalstaaten mit effizienter Verwaltung und gesetzlicher Rechtsprechung, förderte Medizin und Wissenschaft, organisierte und kontrollierte die Wirtschaft und ersetzte die Söldnerheere durch diszipliniertes Militär mit stehendem Heer. Die Zentralisierung der Macht in Hofstaaten ging einher mit einer bis heute fortwirkenden europäischen Hochkultur in Städtebau, Architektur, Gartenkunst, bildender Kunst, Musik, Oper, Theater, Dichtkunst und Kochkunst. Auf den Errungenschaften jener Zeit konnte, nachdem in der französischen Revolution mit den Köpfen auch die Perücken und Zöpfe gefallen waren, die moderne bürgerliche Gesellschaft aufbauen.

Reaktionär  war im Gegenteil – nach zwei Jahrhunderten bürgerlich-demokratischer und freier, sozialer marktwirtschaftlicher Entwicklung – die Re-Feudalisierung der Gesellschaft durch den Totalitarismus des letzten Jahrhunderts. Die Dialektik der Geschichte kennt auch die Rückwärtsspirale.

So waren die Partei- und Staatsfunktionäre der DDR Vasallen und ihr Staat ein Lehen des Kreml-Imperiums. Im Inneren verwandelte die Verstaatlichung und Kollektivierung von Produktionsmitteln und Grund und Boden die Bürger in Leibeigene des Staates, in Staatseigene. Bürger wurden erneut zu Untertanen. Die Bürgerrechte, historisch aus dem mittelalterlichen Stadtrecht hervorgegangen und über Jahrhunderte erkämpft, werden ihnen genommen – Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, Meinungs- und Pressefreiheit, Freizügigkeit, freie Berufswahl, Widerstandsrecht, freies, gleiches und geheimes Wahlrecht.

Der staatseigene Untertan hat feudale Gefolgschaft zu leisten, sich dem Führer- und Personenkult der Partei- und Staatshierarchie zu unterwerfen. Unbotsame Untertanen müssen mit Verbannung durch Ausbürgerung rechnen. Nicht einmal den Verkauf von Landeskindern scheuen die Landesherren, für Devisen verkaufen sie die wachsende Zahl ihrer politischen Gefangenen.

Morgen: Teil 12 „Zukunft von gestern“

 

 

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Streit ums Schloss

Heute, zwei Jahrzehnte nach friedlicher Revolution und Wiedervereinigung ist die Hochhausscheibe des DDR-Außenministeriums verschwunden und bereits vergessen. Sie wurde in den Neunzigern abgetragen. An ihrer Stelle künden Kulissen vom Wiederaufbau der Bauakademie. Im Lustgarten – er macht seinem Namen wieder Ehre – tummelt sich heiter Volk aus aller Welt. Der Palast und seine Republik sind nicht mehr. Langen Streit gab es um Abriss oder Erhalt der Asbest-Ruine. Hätte man den Palast einfach abschrauben können und als „Erichs Lampenladen“ ins Einkaufszentrum am Alexanderplatz versetzt, stünde er noch – am passenden Ort.

Günter de Bruyn sieht eine Ursache des Streits um den Wiederaufbau der historischen Mitte in dem

in Berlin besonders ausgeprägten Mangel an Ehrfurcht vor dem historisch Überkommenen, wie heutzutage auch der hartnäckige, glücklicherweise aber erfolglose Widerstand gegen die aus städtebaulichen und historischen Gründen notwendige Wiedererrichtung des Schlosses zeigt. Vielleicht ist das auf den immer hohen Anteil von Neuberlinern, besonders auch unter den Regierenden, zurückzuführen, mehr aber wohl auf einen allgemeinen Mangel an historischem Empfinden, der, da alle Kultur auf Geschichte gründet, auch ein Zeichen von Kulturlosigkeit ist.“

Das Hohenzollern-Schloss wurde 1950 als angeblich reaktionäres Symbol des preußischen Absolutismus zerstört. Die Diskussion um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses wird weiterhin bestimmt von einer ideologischen oder antiautoritären Geschichtsbetrachtung seiner Gegner, von einer seltsamen Geringschätzung eines architektonischen Meisterwerks des barocken Absolutismus und einer seltsamen Zuneigung für die banale Palast-Architektur einer spießbürgerlich-proletarischen Diktatur.

Morgen: Teil 11 „Absolutismus und real-existierender Sozialismus“

 

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

„Sozialistische Siegessäule“ und Palast

In den 1960er und 70er Jahren wird diese gewaltsam in die historische Stadt geschlagene Schneise zur monumentalen Ost-West-Achse ausgebaut, zur neuen repräsentativen Staatsachse der DDR. Sie reicht vom Alexanderplatz im Osten, wo der Fernsehturm als Siegessäule sozialistischen Fortschritts errichtet wird, bis zur Hochhausscheibe des DDR-Außenministeriums im Westen. Zum neuen Mittelpunkt wird – verquer zur historischen Stadtkomposition – der „Palast der Republik“. Eine „sozialistische Mehrzweckhalle am falschen Ort im falschen Winkel“  hat Wolf Jobst Siedler ihn genannt. An die Stelle des echten Barockschlosses tritt ein falscher Palast. Geschichte wiederholt sich als Farce.

Die kalte Pracht des Palastes der Republik ist der Stolz der neuen herrschenden Klasse – braun verglast, verhängt wie die Staatskarosse eines Parteifunktionärs, in der Fassadenmitte das Staatswappen der DDR wie am Revers der Reichsbank das Parteiabzeichen der SED. Wappen, Abzeichen und Orden – heute auf Trödelmärkten angeboten – sie liebt und sammelt der neue Funktionärsadel. Die „Volkskammer“ im Inneren des falschen Palastes ist ein einstimmiges Parlament – es hat nicht zu parlieren, nichts zu sagen. Als  „Volkshaus“ bietet der Palast ein „Kessel Buntes“, harmloses Amüsement unter den Augen von Partei und Staat.

Morgen: Teil 10 „Streit ums Schloss“

 

Heute um 17 Uhr werden die Ergebnisse des workshops zur Zukunft des Neuen Kreuzberger Zentrums (NKZ) präsentiert. Siehe Eventkalender.

Was wie eine Rettungsaktion für das C/O Berlin aussieht, ist in Wahrheit ein Kurswechsel in der Stadtplanung am Monbijoupark. Aber nicht alle wollen die Grünfläche für einen neuen Kulturstandort preisgeben.

— Bericht — Kein Wunder, dass es Stephan Erfurt auf der Suche nach der Arche Noah auch in die Märchenhütte treibt. Sie ist aus Holz und stünde auf dem Bunkerdach in sicherer Höhe, würde eine Spreeflut den Monbijoupark unter Wasser setzen. Bis jetzt steht das Wasser aber nur ihm bis zum Hals, dem Direktor des C/O Berlin, der mit seinem Forum für Fotografie bis zum Ende des Jahres das Postfuhramt in Mitte wegen Mietvertragsende verlassen muss und immer noch keinen Standort gefunden hat, auf den er ausweichen kann.

So hatte Mittes CDU-Baustadtrat Carsten Spallek am Mittwoch Abend in die Märchenhütte zu einer Bürgerversammlung eingeladen und bezeichnet sie als “frühzeitig”. Im Baugesetzbuch verwendet man die Vokabel für die erste Stufe der Bürgerbeteiligung bei der Aufstellung oder Änderung eines Bauleitplans. Als er anfängt zu reden, freut sich Spallek über die gute Akustik. Später wird er sie ausnutzen und laut werden, weil andere in der Hütte laut werden. Man ist eben zu Gast in einem Theater. Eben lief noch „Hase und Igel“, nachher kommen „Die Bremer Stadtmusikanten“. Aber Spallek tritt hier als Moderator auf, will die Kontrahenten zu Wort kommen lassen, wie es scheint, und die Bürger.

Stephan Erfurt vom C/O möchte gerne in die baufälligen Atelierhäuser ziehen oder am besten gleich einen Neubau im Park errichten, seine “lichtdurchflutete Bauskulptur mit begehbarer Dachlandschaft”, wie das Projekt auf der Internetseite des Architekten Ingo Pott betitelt wird. Dort, auf der Dachlandschaft, errichtet in den Sommermonaten Christian Schulz das Hexenkessel Hoftheater und im Winter öffnet sich die Türe zur Märchenhütte. Der Geschäftsführer des Theaters ist von den Plänen Erfurts deshalb wenig angetan. Aber damit die Pläne in Erfüllung gehen, müsste ein anderer Plan geändert werden.

Der vor Jahren festgesetzte Bebauungplan I-57 (B-Plan) sieht hier eine Grünfläche vor. Im Monbijoupark kann man nicht einfach so bauen. Es sei denn, es handelt sich um einen “fliegenden Bau” wie im Falle des Hexenkessel-Hoftheaters oder um einen “Schwarzbau”, wie die Märchenhütte einer ist. Für das, was Stephan Erfurt mit dem C/O hier vorhat, auch wenn er die Atelierhäuser nur sanieren würde, müsste der B-Plan geändert werden. Und dafür wäre wiederum eine Bürgerbeteiligung notwendig. Da macht ein rechtzeitiges Treffen aus Sicht Carsten Spalleks durchaus Sinn, der jetzt das Publikum zu Wort kommen lässt.

Die Bürger haben zum Monbijoupark verschiedene Meinungen. Die einen wollen die kulturfreie Grünfläche, wie Holger Werner von der Initiative “Rettet den Monbijoupark”. Ein Anwohner weist darauf hin, dass der Park zu Gunsten von Neubauten am östlichen Rand vor zehn Jahren schon verkleinert worden sei. Er schimpft. Das ist der Moment, in dem Spalleks Stimme die Hütte erfüllt. Tolle Akustik!

Aber nicht alle wollen mehr Grün. Es gibt auch Anwohner, die die kulturelle Nutzung vor Ort gutheißen und dem C/O Berlin gerne Asyl geben würden, auf Kosten der Grünfläche. Architekt Heinrich Burchardt sagt zum Beispiel, dass man Recht, also den B-Plan, auch ändern könne.

Na klar kann man das, wenn die Politik es will. Und die Bezirksverordnetenversammlung Mitte hat die Richtung schon vorgegeben. 2011 hat sie ihren Beschluss rückgängig gemacht, die Atelierhäuser abzureißen. Die erweiterte Grünfläche, wie einst politisch beschlossen, steht also nur noch im B-Plan. Die Verwaltung ist jetzt am Zug, Carsten Spallek. Und in weiser Voraussicht vermutet er, dass es wahrscheinlich nicht die letzte Versammlung ist, zu der er einlädt. Dann also bis demnächst, in diesem Theater.

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

„Demokratischer Zentralismus“ 

Berlin wird geteilt. Was von der historischen Mitte und der Altstadt Berlins übrig ist, liegt im sowjetisch besetzten Ostteil der Stadt. In der sowjetischen Besatzungszone  gilt zunächst  mit der „Demokratischen Gemeindeordnung“ von 1946 ein demokratisches Selbstverwaltungsrecht. Die anfangs in der SBZ und der 1949 gegründeten DDR verbreiteten Hoffnungen auf einen demokratischen und sozialen Neubeginn werden bald enttäuscht. Schon in den frühen 1950er Jahren werden Städte und Gemeinden dem Prinzip der Parteidoktrin des  „demokratischen Zentralismus“ unterworfen und zur unteren Verwaltungsebene des zentralistischen Einheitsstaats DDR degradiert und durchgängiger Kontrolle der Einheitspartei SED unterworfen. An die Stelle der Demokratie tritt die „Volksdemokratie“, die „Deutsche Demokratische Republik“ mit dem Scheinparlament der „Volkskammer“, bewacht durch „Volksarmee“ und „Volkspolizei“. Aus Ost-Berlin wird „Berlin, Hauptstadt der DDR“.

Um ihre von der Sowjetunion geliehene Macht den Anschein historischer Legitimität zu geben und ihre Deutungshoheit über Geschichte, Gegenwart und Zukunft zu demonstrieren, besetzt die DDR die historische Mitte der Stadt. Andreas Schlüters Barockschloss wird gesprengt und Karl Friedrich Schinkels Bauakademie beseitigt. 500 Jahre Stadtgeschichte und nationale Baugeschichte werden zunichte gemacht und geleugnet.

In Stefan Heyms Schlüsselroman „Die Architekten“ schwärmt der Staatsarchitekt vom neuen Stadtzentrum Berlins, von der

„Vista auf die große Plaza für Aufmärsche und Demonstrationen als sichtbarem Beweis für die Macht des Volkes, und auf den zentralen Hochhausturm, in dem die Büros von Partei- und Bezirksleitung sich befinden werden.“

Tatsächlich soll ein alles überragendes stalinistisches  Hochhaus als Dominante Berlin beherrschen. Am Ende aber bleiben von den hochfliegenden Plänen nur eine Tribüne und ein gigantischer Aufmarschplatz für 275 000 Menschen. Der Aufmarsch- und Paradeplatz umfasst den im „Dritten Reich“ zu gleichen Zwecken gepflasterten Lustgarten und reicht vom Alten Museum im Norden bis zum Staatsratsgebäude im Süden. Das Staatsratsgebäude dient der äußeren Repräsentation des künstlichen Staatsgebildes, die reale Macht aber, das Zentralkomitee der Einheitspartei SED, verschanzt sich nebenan in der steinernen  Reichsbank. Zur Sicherheit wird die Umgebung von verbliebener Bebauung geräumt.

Nach dem Hohenzollern-Schloss verschwindet ein Jahrzehnt später auch das Gegenüber jenseits der Spree, die Reste der historischen Altstadt mit ihren Handwerker- und Bürgerhäusern, und ihrem Gewirr von Straßen, Plätzen und Gassen. An die Stelle historischer Nachbarschaft von Bürgerstadt, Kirche und Schloss tritt, vom neuen Marx-Engels-Platz bis zum Alexanderplatz, gähnende Leere.

Morgen: Teil 9 „Sozialistische Siegessäule und Palast“

 

Das IBA-Konzept “Draußenstadt ist Drinnenstadt” des Senats überzeugt Grüne und Linke nicht. Das liegt an der fehlenden thematischen Botschaft und am elitären Verfahren.

— Bericht — Es klingt vernünftig, was Katrin Lompscher am Mittwoch Vormittag im Ausschuss für Stadtentwicklung sagt: den Senatsbeschluss für die Internationale Bauausstellung 2020 (IBA) aufschieben, zumindest vorher eine öffentliche Debatte führen. “Wenn wir eine IBA machen”, so die stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Linken im Abgeordnetenhaus, “dann muss das eine Angelegenheit der Stadt sein.” Sie findet das Verfahren falsch. Das IBA-Konzept würde bis jetzt nur in der Fachöffentlichkeit diskutiert.

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hatte dem Ausschuss zuvor den Stand des IBA-Konzepts erläutert. Das aktuelle Motto der IBA heißt jetzt “Draußenstadt ist Drinnenstadt”. Mit den drei Schwerpunkten “Gemischte Stadt”, “Wohnen in Vielfalt” und “Stadt selbst machen” will das Konzept der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Orte der Berliner Peripherie behandeln. Auch der “gefühlten” Peripherie, wie Regula Lüscher sagt. Beispielorte könnten monofunktionale Großsiedlungen wie die Gropiusstadt sein, aber auch ein Bezirk wie Lichtenberg, wo Wohnungsbau in oder nahe von Gewerbegebieten das angesagte Thema sei.

Thematisch reicht das Vielen aber nicht, zum Beispiel den Grünen. Antje Kapek war enttäuscht vom Vortrag Lüschers. “Wir haben hier ein bisschen alles und nichts”, sagt sie und erwartet von der Verwaltung, dass sie mit einer IBA ganz klar umreiße, was das drängende, gesellschaftliche Problem sei. Sie bezieht sich dabei auch auf die Kritik der Initiative “Think Berlin plus”, die vor zwei Tagen “sieben kritisch-konstruktive Thesen zu einer IBA in Berlin” veröffentlichte.

Die Stadtforscher, deren Thesen sich auch der TU-Professor Harald Bodenschatz anschließt, befürchten, die IBA könne als Instrument der Stadtplanung “abstumpfen”, wenn es Berlin mit der IBA 2020 nicht gelänge, neue Maßstäbe zu setzen. Wohnen als alleiniges Thema reiche für die IBA nicht aus. Die Debatte sei nicht öffentlich, nicht transparent, nicht ergebnisoffen, und es hätte von der Senatsverwaltung auch kein Dialogangebot mit den konkurrierenden Konzepten gegeben, heißt es in den Thesen. Ein solches Konzept war “Radikal Radial!”, das “Think Berlin” zusammen mit dem Planungsbüro Gruppe DASS und dem Büro für Städtebau Machleidt+Partner vor der Abgeordnetenhauswahl 2011 vorgestellt hatten.

Dabei fand die letzte IBA-Veranstaltung erst am Dienstag statt, aber thematisch war sie sehr detailliert. Regula Lüscher lud mit der IBA 2020 ins Flughafengebäude nach Tempelhof ein, zu einem Werkstattgespräch. Titel des Abends: “Stadt. Quartier. Energie.” Es ging vor allem um bautechnische Fragen, nicht um das große Ganze. Die Gastgeberin selbst sagte dazu: “Technologie kann nicht das zentrale Thema der Berliner IBA sein, aber es wird mitgehen.” Im Publikum waren nur Architekten und Stadtplaner, Leute vom Fach. Was ist also mit der großen, öffentlichen Debatte?

Michael Müller hat für eine IBA 2030 keine Zeit. “Ich will darauf nicht warten”, sagt der Stadtentwicklungssenator (SPD) zu den Einwänden von Katrin Lompscher im Ausschuss. Er hält den Zeitpunkt für eine IBA genau richtig und begründet das mit den dramatischen Entwicklungen in der Stadt. Er sagt auch, die IBA-Ideen anderer würden ins Konzept der Senatsverwaltung einfließen. Dafür spricht, dass das IBA-Konzept der Verwaltung tatsächlich beweglich ist; angefangen hatten die Ideen auf dem Tempelhofer Feld.

Nächster Meilenstein für die IBA in Berlin bleibt also die zu erarbeitende Senatsvorlage, und dann kommt vielleicht der Beschluss. Und vielleicht kommen dann auch die Berliner. Die IBA 2020 lädt wieder ein im Januar nächsten Jahres, dann zum Werkstattgespräch “Gemeinschaftliches Wohnen”.