— Bericht —

Die City West nimmt ein neues städtebauliches Projekt in Angriff: den Ernst-Reuter-Platz. Gestern fand dazu eine erste Standortkonferenz statt, bei der Architekten, Stadtplaner, Immobilienhändler, die Senatsverwaltung für Stadtenwicklung, aber vor allem auch Studenten der Technischen Universität (TU) und der Universität der Künste (UdK) sich gegenseitig über den gegenwärtigen Zustand und die potenzielle Zukunft des Platzes informierten. Die öffentliche Veranstaltung wurde vom Regionalmanagement CITY WEST durchgeführt und fand im Architekturgebäude der TU statt, einem der Häuser am Platz. Das Treffen soll der Auftakt für eine Reihe weiterer Strategiegespräche und Konferenzen im nächsten Jahr sein.

Der Ernst-Reuter-Platz wird heute vor allem als Kreisverkehr wahrgenommen. Um auf die Mittelinsel zu gelangen, geht der Fußgänger durch einen unterirdischen Tunnel, ähnlich wie bei der Siegessäule am Großen Stern. Die Gebäude an dem weiträumigen Platz sind in der Nachkriegzeit im Geist der städtebaulichen Moderne errichtet worden. Sie stehen zum Teil als Einzeldenkmale, aber auch als Gesamtanlage unter Denkmalschutz; sogar die Platzfläche ist laut Denkmalkarte der Senatsverwaltung als Gartendenkmal geschützt. Architekturprofessor Harald Bodenschatz von der TU sieht den Ernst-Reuter-Platz deswegen regelrecht „gepanzert mit Denkmalschutz“.

Die Nachkriegsmoderne mache denn auch die Identität des Ortes aus, wie Andreas Schulten, Büroimmobilienanalyst der BulwienGesa AG betont. Sie dürfe auf keinen Fall zerstört werden. Schwierig aus seiner Sicht sei die Konkurrenzsituation zu Berlin-Mitte. Die höchsten Büromieten (22 – 25 Euro pro Quadratmeter) würden aktuell am Sony Center, Unter den Linden/Ecke Friedrichstraße, aber auch in der Spandauer Vorstadt gezahlt, aufgrund von entsprechender Nachfrage. Der Ernst-Reuter-Platz konkurriere insbesondere mit Unter den Linden, „wo die Humboldt-Universität ein Schloss an die Seite gesetzt kriegt“, sagte Schulten.

Studenten der am Platz beheimateten Universitäten verdeutlichten mit ihren präsentierten Projekten, dass die Auseinandersetzung mit dem denkmalgeschützten Ort eher auf künstlerisch-funktionaler, statt auf baulich-räumlicher Ebene stattfinden könnte. Vorgestellt wurden das Projekt „Kreislaufstadt: Loop City“ (TU, Institut für Stadt- und Regionalplanung, Fachgebiet Städtebau und Siedlungswesen), das Projekt „Roundabout“ (TU, Institut für Architektur, Fachgebiet Bildende Kunst) und das Projekt „Klangumwelt Ernst-Reuter-Platz“ von Annette Matthias und Thomas Kusitzky.

Die beiden Studenten forschen an der UdK zum Thema Auditive Architektur und wollen aus dem Verkehrsraum Ernst-Reuter-Platz einen Lebensraum machen. Sie haben die Akustik des Ortes ein Jahr lang erfasst und ausgewertet, dann darauf aufbauend ihre Ideen entworfen: Matthias und Kusitzky verordnen dem Kreisverkehr eine „Generalpause“. Mit direkten Fußwegen in die Mitte des Platzes wollen sie seine „Zirkularität brechen“. Dazu synchronisieren sie die Ampelschaltung für den Autoverkehr auf einen Generalstopp. Eine weitere „Transformationsmaßnahme Ruhewiese“ sieht die topografische Anhebung der Mittelinselränder um ca. einen Meter vor, was den Verkehrslärm abhalten soll. Und transparente Pavillons zum gleichen Zweck stehen vor den Eingangsbereichen der modernen Höchhäuser, senden selbst Klänge aus als Kontrastprogramm.

Für Senatsbaudirektorin Regula Lüscher ist die Standortkonferenz ein voller Erfolg, sie lobt den Entwicklungsprozess. Mit den Leitlinien für die City West und dem Masterplan Universitätscampus City West habe der Senat 2009 einen Schneeball geworfen, den die lokalen Akteure erfolgreich aufgenommen hätten. Sie könne sich auch vorstellen, den Ernst-Reuter-Platz als Ort für die IBA 2020 einzubeziehen. Zuletzt zeigte sie sich sehr beeindruckt von Charlottenburg-Wilmersdorfs stellvertretenden Bezirksbürgermeister Klaus-Dieter Gröhler. So freundlich hätte er sie noch nie begrüßt, sagte sie. (Futurberlin)

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— Nachricht —

Der Fernsehturm wird im Winter modernisiert. Bis März nächsten Jahres sollen Foyer am Boden, Panoramaetage und Restaurant in der Kugel für rund 1,5 Millionen Euro umgebaut werden, schreibt der Spiegel. Das passiert bei laufendem Besucherverkehr, nur im Februar schließt der Turm für zwei bis drei Wochen. Pro Jahr kommen ca. 1,2 Millionen Gäste hierher. Wie die Berliner Zeitung berichtet, hat die letzte Renovierung des Gebäudes vor 15 Jahren stattgefunden, es ist mit 368 Metern das höchste Deutschlands und steht unter Denkmalschutz. Teile der Ausstattung können deshalb nicht verändert werden, zum Beispiel die bunten Glasbausteine in den Wänden und Treppengeländer. Dagegen wird die Bar in der Panoramaetage verspiegelt, der Teppich bekommt wärmere Farben, die Garderobe wird aus Sicherheitsgründen nach unten ins Foyer verlegt, und hier betritt man den Turm zukünftig durch eine Drehtür und wartet – bis zu 90 Minuten – auf roten Sofas bis es mit dem Lift in 40 Sekunden für derzeit mindestens elf Euro Eintritt nach oben geht. Der Fernsehturm feierte am 3. Oktober 2009 sein 40-jähriges Jubiläum. (Spiegel, Berliner Zeitung, Futurberlin)

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— Nachricht —

Die Initiative „Stoppt K21“ in Prenzlauer Berg hat sich aufgelöst. Dies habe Mitinitiator Matthias Aberle gestern Nacht via Facebook bekannt gegeben, wie Prenzlauer Berg Nachrichten berichten. 6.874 Unterschriften seien laut Aberle für das Bürgerbegehren letztlich zusammen gekommen; bis jetzt war die Zahl unklar geblieben, da die Unterschriftenliste zum Stichtag in der letzten Woche beim Bezirksamt überraschenderweise nicht eingereicht worden war. 8.736 Unterschriften hätten es laut Berliner Zeitung aber werden müssen, damit das Bürgerbegehren erfolgreich wird. Auch wenn das Bürgerbegehren damit passé ist, haben Ex-Mitglieder der Initiative die Zusammenarbeit mit den Piraten aufgenommen, um in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Pankow weiter gegen den Umbau der Kastanienallee zu kämpfen. Die Straße soll so umgebaut werden, dass Straßenbahn und Radverkehr sich nicht länger blockieren; die Straßenbahn soll mit Tempo 50 fahren. Für den neuen Radweg am rechten Fahrbahnrand werden die Pkw-Stellplätze auf Kosten der bisher großzügigen Bürgersteige verlagert. Der Umbau ist im Gange und wird nach Einschätzung von Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) gegen Ende nächsten Jahres fertig sein, schreibt die taz. (Prenzlauer Berg Nachrichten, Berliner Zeitung, taz, Futurberlin)

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— Nachricht —

Immer mehr Berliner ziehen nach Lichtenberg. Entgegen demografischer Prognosen, die dem Bezirk nach Angaben der Berliner Zeitung eine Bevölkerungszahl von ca. 250.000 vorhergesagt haben, leben mittlerweile 263.000 Menschen dort. Die Zuzügler kommen aus benachbarten Innenstadt-Bezirken, wo die Mieten steigen, aber auch aus Wedding und Neukölln. Im letzten Halbjahr seien ca. 1.000 neue Einwohner pro Monat hinzugekommen, schreibt die Berliner Zeitung. Es kämen vor allem Familien mit Kindern in den überalterten Bezirk. Daher steht der Bezirk vor der Herausforderung, seine soziale Infrastruktur anzupassen. Es fehlten 1.100 Kitaplätze, und mindestens fünf neue Grundschulen würden gebraucht. Für letztere sollen Schulgebäude reaktiviert werden, die der Bezirk in der Vergangenheit schließen musste. Keine einzige Schule soll neugebaut werden. (Berliner Zeitung)



— Nachricht —

Das Kulturgelände im Ernst-Thälmann-Park in Pankow soll für 2,2 Millionen Euro saniert werden. Der Bezirk hat nach Angaben von Prenzlauer Berg Nachrichten Fördermittel aus dem „Stadtumbau Ost“-Programm beim Senat beantragt. Die kommunalen Kultur-Einrichtungen, wie „Wabe“, „Theater unterm Dach“ oder „Jugendtheateretage“ sollen eine  „Spielstätte für die darstellende Kunst“ in einem Nachbargebäude erhalten und mit einem besseren Schallschutz ausgestattet werden. Noch vor zwei Jahren hatte die Pankower BVV das Gelände als Stätte für freie Künstler in Frage gestellt, als es darum ging, Jugendeinrichtungen aus dem Eliashof in der Senefelderstraße hierher zu verlagern, um dort eine Grundschule zu reaktivieren. Ein Aktionsbündnis hatte bei den Politikern schließlich ein Umdenken bewirkt. Ihm hatten sich zahlreiche Kulturschaffende angeschlossen, darunter die Schauspieler Axel Prahl und Katja Riemann, aber auch die Bands Rosenstolz und die Puhdys. Die Sanierung des Kulturareals soll jetzt der Auftakt zu einer umfassenden Modernisierung des gesamten Wohnparks sein. Der Thälmann-Park feierte in diesem Jahr sein 25-jähriges Jubiläum. Er wurde 1986 zum 100. Geburtstag seines Namensgebers eingeweiht. (Prenzlauer Berg Nachrichten, Futurberlin)

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— Nachricht —

Das wollen die neuen Koalitionäre von Berlin: ein „Stadtentwicklungskonzept 2030“; eine IBA mit dem Titel „Berlin als Modellstadt für moderne Urbanität – Wissen, Wirtschaft, Wohnen“; einen städtebaulichen Wettbewerb für das „Rathausforum“ zwischen Alex und Spree; den Bau von 30.000 neue Wohnungen; die Erhöhung des Bestands an landeseigenen Wohnungen um 30.000 auf 300.000; kein Zweckentfremdungsverbot zur Verhinderung von Ferienwohnungen; die Beibehaltung der siebenjährigen Kündigungsfrist für Mieter bei Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen; eine Deregulierung des Denkmalschutzes zur Erleichterung von Bauinvestitionen; die Fortsetzung der Programme zur Sozialen Stadt; eine Pflicht zur Online-Beteiligung von Bürgern bei Bebauungsplänen; 10.000 neue Straßenbäume; die Sicherung von Kleingärten; eine Verschärfung des Spielhallengesetzes. Noch zu klären sind: Straßenausbaubeitragsgesetz, Liegenschaftspolitik und S-Bahn. (Tagesspiegel)

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— Bericht —

Die City West läutet die Trendwende ein, der Kurfürstendamm kommt. Gerade gingen am 30. Oktober die Feierlichkeiten zum 125-jährigen Jubiläum des traditionsreichen Boulevards zu Ende. Jetzt kamen am Freitag die Bauherren der Projekte rund um den Breitscheidtplatz zusammen und informierten über ihre weiteren Pläne, wie Tagesspiegel und Berliner Zeitung berichten. Demnach investieren sie mehr als eine Milliarde Euro in den Aufbau der City West. Allein der Umbau des Ku’damm-Karrees soll 500 Millionen Euro kosten, es steht zum Verkauf. Sein irischer Eigentümer Ballymore fehlte bei dem Investorentreffen. Die Nachfrage nach Büros und Gewerbeflächen in der City West steigt, in den letzten zwölf Monaten seien elf Hektar neuvermietet worden. Im Europa-Center sind 91 Prozent der Flächen vermietet, im Neuen Kranzler-Eck sind es 93 Prozent. Ein Apple-Store zieht in die leerstehende ehemalige Filmbühne Wien.

Im denkmalgeschützten Haus Cumberland, das gerade umgebaut wird, sind schon alle 186 Wohnungen verkauft, darunter 20 Penthousewohnungen mit Sauna und Kamin, die Quadratmeterpreise lagen zwischen 3.500 bis 7.000 Euro. „Bread & Butter“-Geschäftsführer Karl-Heinz Müller will in dem Haus einen Modeladen aufmachen. Ins ehemalige Bankhaus Löbbecke, in einer Seitenstraße des Ku’damms, zieht die Berggruen-Holding von Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen.

Das neugebaute Hochhaushotel „Zoofenster“ soll Ende des ersten Quartals nächsten Jahres fertig werden, der Innenausbau verzögert sich. Im gleichen Jahr wird mit dem Bau des benachbarten „Atlas-Tower“ der Strabag Real Estate GmbH begonnen, das mit 119 Meter Höhe das „Zoofenster“ um einen einzigen Meter überragen wird. Das Kino „Zoo-Palast“ und der alte „Zoobogen“ werden gerade saniert und unter dem Namen „Bikini-Berlin“ als Gebäudekomplex Mitte 2013 fertiggestellt, vom Bikini-Haus soll es einen freien Blick in den Zoologischen Garten geben. Daneben werden auch Tauentzienstraße und Gedächtniskirche saniert. (Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Futurberlin)

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— Meinung —

Wenn morgen am Berliner Schlossplatz mit dem Segen von Audi die Eröffnung der Humboldt-Box zelebriert wird, könnte das mehr sein als der Auftakt zum Bau des Humboldtforums. Der Schlussstein auf der Wiese der Nation wäre hier schon vor dem Grundstein gesetzt, wenn sich der vermeintliche Prolog über Jahre und Jahrzehnte schleichend als baulicher Hauptakt entpuppt, als die Alternative.

Warum könnte es so kommen? – In Szenario I geht dem Bund einfach das Geld aus und gibt auf Dauer die Finanzmittel zum Schlossbau nicht frei. In Szenario II ändert der Bundestag nach neu entfachter Debatte und neu eingesetzter Expertenkommission den Beschluss von 2002. In Szenario III hört die CDU/CSU auf, eine konkrete Ausgestaltung von Volksabstimmungsverfahren auf Bundesebene zu blockieren und ermöglicht dadurch direkte Demokratie an einem Ort mit durchweg undemokratischer Geschichte. In Szenario IV geht dem Schloss einfach die Puste aus, weil der Rohbau zunächst zwar zu Stande kommt (später wieder abgerissen wird!), aber nicht der Spendenbetrag für dekorative Kuppel und Schlüterfassaden aufgebracht wird. Und in Szenario V ändert sich der politische Wille des Landes Berlin und setzt sich gegenüber dem Bund durch, nachdem Berlinern und Berlinerinnen die schlichte Box einfach besser gefällt als diktierter, dekorativer Barock.

Was wäre der Mehrwert einer solitären Humboldt-Box auf dem Nicht-Schlossplatz? – Sie wäre die Briese Unbeschwertheit, die auf dem politisch überlasteten Ort gebraucht wird und das Quäntchen Glück, das uns den offenen Platz unter Wahrung zahlreicher Sichtachsen vom neuen Freiheits- und Einheitsdenkmal aus denken lässt. Vor allem aber wäre die Box ein Schaufenster des Nichts, da ihr der rückwärtige Laden fehlt. – Ironie des Schicksals, dass sie ihn miniaturisiert im Inneren beherbergt, in den eigenen Ausstellungsräumen: das Schloss als Modell! Wenn dann auch noch Bauherr Manfred Rettig wie am 25. Mai bekräftigt: „Es geht um Architektur, nicht um Inhalte“, ist die Implosion des kernlosen Projekts nur natürliches Gesetz. Wenn das kein Grund zum Feiern ist.

 

 

 

— Interview —

Das Humboldtforum verdient seinen Namen nicht – jedenfalls nicht, wenn es gebaut wird, wie es geplant ist: zu viel Museum, zu wenig Forum. So sieht es zumindest Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und erklärt im Gespräch mit futurberlin, dass er ein Museum, dass sich am Schlossplatz einfach reproduziert, lächerlich findet. Des Forums Botschafter, die Humboldt-Box, wird am 30. Juni eröffnet und steht gegen 4 Euro Eintritt jedem Interessierten offen – bis 2018.

 

Herr Krüger, wie man am Schlossplatz bis vor kurzem lesen konnte, freut sich Audi mit allen Berlinern auf die Eröffnung der Humboldt-Box. – Auch mit Ihnen?

Ich freue mich einfach auf eine möglichst kontroverse Diskussion. Die fand leider bisher nicht statt, weil diejenigen, die das Projekt geplant haben, von einer Idee ausgehen, die für das Humboldtforum eine Museumsverlagerung in die Berliner Mitte diskutiert. Die eigentlich nötige Diskussion, die die Sammlungsbestände unter die Kritik eines postkolonialen Diskurses stellt, ist aber bislang nicht erfolgt. Sie würde erst den Weg freimachen für ein Projekt, bei dem die eigentlichen Akteure, um die es geht, zum Zuge kommen: Leute, die für die Kulturen der Welt, die hier verhandelt werden sollen, tatsächlich auch autonom und selbständig sprechen können. Bisher ist es ein Diskurs über sie, anstatt mit ihnen. Die Vorstellung, dass man eine durch Nabelschau und eine selbstreferenzielle, mit den eigenen Sammlungsbeständen und Museen inszenierte Performance vorgibt, kann nur internationales Gelächter auslösen.

Wo soll denn diese Art von Diskurs herkommen?

Jedenfalls nicht von Audi. Die vorherige Frage deutet darauf hin, wie das Projekt bisher gelaufen ist. Es gibt Sponsoring und Goodwill von allen möglichen Beteiligten, die Stadt und die Öffentlichkeit haben aber nur bedingt Aktivitäten und Empathie für dieses Projekt aktiviert. Die Stadt und vor allem das Land müssten eine Diskussion darüber in Gang setzen. Die Öffentlichkeit ist gefordert. Die fehlt bisher. Noch stärker in der Verantwortung als die Politik sind aber diejenigen, die für die Idee stehen und gesagt haben, sie hätten ein massives Interesse daran, von Dahlem in die Berliner Mitte oder von der Berliner Mitte in die Berliner Mitte umzuziehen, um die Stadtbibliothek zum Thema zu machen. Das finde ich völlig absurd.

In Berlin gibt es aber auch die Diskussion, die Zentral- und Landesbibliothek auf das Tempelhofer Feld zu verlegen. Eine der tragenden Säulen im Nutzungskonzept des Humboldtforums bräche damit weg.

Ich glaube, dass die Ideen zum Humboldtforum vorläufige Ideen sind. Die Diskussion um die Zentral- und Landesbibliothek macht ja deutlich, dass die Messen längst nicht gesungen sind. Aber das Kernstück sind die Ethnologischen Sammlungen in Dahlem, um die herum die Diskussion letztendlich geführt wird. Und die wird bislang eben nicht so geführt, dass man den Eindruck hat, dass dort 200 Jahre Sammlungspolitik einer Kritik und Einordnung in die Zeitgeschichte unterworfen werden.

Was wäre eine Alternative zu dieser Museumsverlagerung aus Sicht der Bundeszentrale für politische Bildung?

Zunächst einmal spreche ich nicht im Namen der Bundeszentrale für politische Bildung, sondern als interessierter Bürger, der an der Kommission Historische Mitte mitgewirkt hat und die Diskussion kennt. Ich glaube, dass die beiden Säulen, die in diesem Projekt verhandelt wurden, in der Gewichtung nicht stimmen. Die eine ist der Kern der Museen, der Sammlungen, die präsentiert werden sollen. Und die andere ist die Agora-Idee, also die Idee, eine Art öffentlichen Marktplatz oder eine Plattform für zeitgenössische internationale Dialoge zu schaffen, die das Thema der Kulturen der Welt verhandeln sollen. Aus meiner Sicht muss das ganze Projekt zwingend in erster Linie von der Agora-Idee ausgehend gedacht werden und nicht von den Museen aus. Dann wäre der nächste konsequente Schritt der, dass nicht die Experten aus Deutschland oder Berlin das Wort zu führen haben, sondern dass es einen offenen, autonomen, zeitgenössischen Diskurs unter Akteuren weltweit gibt, die die Diversitäten und Differenzierungen selbst vertreten und in die Diskussion einbringen. Ohne einen solchen Diskurs auf Augenhöhe wird das ganze Projekt nicht glaubwürdig sein. Daraus ergibt sich dann eine Reihe von weiteren Fragen, wie die Architekturfrage.

Verlangt so ein frischer Agora-Gedanke nicht eine andere Architektur als Schloss und Barockfassaden?

Ob diese Fassaden sinnvoll sind, sei ohnehin dahingestellt. Aber das Entscheidende ist, dass sich bisher niemand angesprochen fühlt, zu klären, was hinter den Fassaden letztendlich passieren soll. Es ist bemerkenswert, dass diese Stadt sich nur dafür interessiert, wenn es um den Architekturgegenstand und den Wiederaufbau des Schlosses, um Fassaden geht, aber nicht um das, was dahinter geschehen soll.

Schon im Namen der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum ist das beziehungslose Nebeneinander zweier völlig wesensverschiedener Dinge erkennbar. Halten Sie diese zwiespältige Philosophie aus Schloss und Forum für den Bürger greifbar und verständlich?

Nein, das ganze Projekt ist von einer Vielzahl von Widersprüchen geprägt. Man wird sich wohl damit abfinden müssen, dass dieser Ort mit Widersprüchen permanent zu tun haben wird. Das ist vielleicht auch in Ordnung, weil alles das, was ein reiner Guss wäre – also sozusagen ein Eins-zu-Eins-Wiederaufbau des Schlosses – genauso absurd wäre wie eine völlige moderne Lösung, auch wenn ich dafür große Sympathien hege. Aber das städtebauliche Problem an dieser Stelle, die Wiederaufnahme der Kubatur des Schlosses, das ist natürlich die entscheidende Herausforderung. Dass das nun in eine Form gegossen wird, bei der die Fassaden letztendlich das Schloss als Luftschloss thematisieren, als Fiktion, als etwas, was überhaupt nicht das ist, was es zu sein verspricht, kann für eine kluge Inszenierung eines öffentlichen Diskurses methodisch gesehen sogar ein sehr guter Einstieg sein: Täusche dich nicht, hier wird dir etwas gezeigt, was dahinter überhaupt nicht stattfindet. Es wird weder ein Wiederauferstehen der alten Monarchie geben, noch einen Diskurs über die Monarchie. Für Berlin relativ typisch ist, dass hier kein Stein auf dem anderen bleibt, und dass das, was man sich international vorstellt – ein großer Wurf, ein Grand Projet – an dieser Stelle nicht zu erwarten ist. Es wird voller Widersprüche sein und gleichzeitig eine Chance, die interessierten Öffentlichkeiten dort zu versammeln.

Die Diskussion war bis zum Bundestagsbeschluss durch die Anhänger des Palastes der Republik auf der einen und die Schlossbefürworter auf der anderen Seite geprägt. Jetzt gibt es den Palast nicht mehr, wir haben eine komplett neue städtebauliche Situation. Wir können den Schlossplatz als Freiraum erleben und stoßen auf interessante Sichtachsen zwischen Museumsinsel, Berliner Dom und Staatsratsgebäude. Jetzt kommt noch das neue Freiheits- und Einheitsdenkmal dazu. Verdient der Ort nicht eine neue Grundsatzdebatte?

Das ist sicherlich richtig, aber ich befürchte eine neue Diskussion würde im Ergebnis noch absurder sein, als das, was wir jetzt haben. Wir haben jetzt wenigstens einen Kompromiss, der eine städtebauliche Lösung mit einem relativ interessanten, inhaltlichen Projekt verknüpft. Das Ergebnis einer neuen Debatte könnte, wenn man sich den Mainstream anguckt, auch in einem Eins-zu-Eins-Wiederaufbau des Schlosses enden, weil es dafür mehr Öffentlichkeit gibt.

Es gibt keine Gegenöffentlichkeit zu dem Projekt …

Es gibt Anti-Humboldt, es gibt die Alexandertechnik – da gibt es schon ein paar Leute, die sich kritisch mit dem Humboldtforum-Diskurs auseinandersetzen. Sie spielen aber derzeit in der Diskussion eher als selbstreferenzielle Kritiker eine Rolle und diskutieren nicht mit den Akteuren, sondern in subkulturellen Öffentlichkeiten gegen sie. Und das ist fast ein gegenseitiges Versäumnis. Das heißt, auch diejenigen, die dort Inhalte verhandeln wollen, haben zu sehr eine PR-Initiative oder Kampagne im Kopf und zu wenig die Kontroverse.

Sie kämpfen mit den gleichen Mitteln?

Genau – und zu wenig mit einer öffentlichen Diskussion, die über eine Kontroverse eigentlich die Akzeptanz für einen Kompromiss jedweder Coleur herstellen würde. Das ist ja das Spannende an Diskursen, dass man gegensätzliche Positionen miteinander verhandelt und dort versucht, ein Ergebnis zu erzielen, das akzeptiert wird. Derzeit ist dieser Diskurs relativ provinziell aufgestellt. Die meisten interessieren sich nur dafür, wie dieses Schloss aussieht, aber für das inhaltliche Projekt ist kaum Aktivierung zu verspüren. Ich würde diesen Zipfel festhalten und versuchen, ihn strategisch anders auf dieses Projekt einzunorden, weil für meine Begriffe noch nicht abschließend geklärt ist, welches Verhältnis der Umzug der Museen an diesen Ort zu den öffentlichen Diskussionen, die dort stattfinden sollen, haben wird. Es soll ein Platzhalter dort positioniert werden, der Agora genannt wird, aber der wird eher wie ein Anhängsel verhandelt, als eine Art Büro für Öffentlichkeitsarbeit und nicht als Kernbestandteil eines zeitgenössischen Diskurses, der auch selbstkritisch mit den europäischen Politiken, Sammlungen und kulturellen Selbstverständnissen umgeht. Und das ist, finde ich, die Voraussetzung dafür, das so eine inhaltliche Idee ans Leben gebracht und international akzeptiert wird.

In der Humboldt-Universität wurden vor kurzem mit Franco Stella die neuesten Schlosspläne vorgestellt. Sind Sie dort gewesen?

Nein, ich habe es gelesen.

Dort hat Manfred Rettig als Geschäftsführer der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum die Aussage gemacht, hier ginge es um Architektur, nicht um Inhalte. Wie beurteilen Sie diese Äußerung?

Das ist ein Stück weit der Gestus von Architektur: first architecture und dann irgendwie irgendwann der content. Ich kann das nicht nachvollziehen. Das, was da verhandelt werden soll, muss man zwingend von den Inhalten her denken. Ich sage Ihnen ganz ehrlich, ich brauche kein Schloss, ich brauche keine Architektur an dem Ort. Das ist einer der prominentesten Orte, die nicht nur dieses Land und diese Stadt, sondern eigentlich Europa zur Zeit zu bebauen hat. Jeder, der den Anspruch, sich dort über ein inhaltliches Konzept zu verständigen, in Frage stellt, ist für mich nicht nur provinziell, sondern völlig unpolitisch. Von der zeitgeschichtlichen Verantwortung für diesen Ort her müsste eine inhaltliche Debatte zentral sein und nicht ein reiner Bau- oder Architekturdiskurs dort stattfinden. Das finde ich verfehlt. Ich kenne Herrn Rettig gut, weiß wie er und seinesgleichen denken, aber es ist für mich eine nicht ausreichende Haltung gegenüber diesem „kontaminierten“ Ort deutscher, internationaler, europäischer Geschichte.

Wann waren sie selbst das letzte Mal vor Ort?

Als wir in unserem Lateinamerika-Schwerpunkt im vergangenen Jahr ein Projekt dort hatten. Das nannte sich Black Box Ecuador und war ein Kommentar, wenn man so will, zu der entstehenden Humboldt-Box und dem Humboldtforum, über die Geschichte der Afro-Latinos aus dem Chota-Tal in Ecuador. Sie sind die Nachkommen von Sklaven, die geflohen sind und sich im Chota-Tal angesiedelt haben. Die Hälfte der ecuadorianischen Fußballmannschaft kommt von dort. In der Talsohle gibt es einen zentralen Schotterplatz – Sie müssen sich den als sehr unebenes und unwegsames Gelände vorstellen –, auf dem Fußball gespielt wird. Aber der Geist der Welt versammelt sich dort, alle Widersprüche bis hin zu den rassistischen Diskussionen, die in einem Land wie Ecuador gegenüber den schwarzen Vorfahren stattfinden. Absolut spannende Geschichte. Kleine Ergänzung: Wir hatten vier Würfel auf dem Schlossplatz installiert, die begehbar waren und in denen auf eine sehr eingängige Art und Weise die Geschichte des Chota-Tals erzählt wurde. Es waren über 20.000 Besucher dort. Ich würde mir wünschen, dass man viel mehr mit solchen Prospekten vorausschaut auf das, was eigentlich im Humboldtforum verhandelt werden soll und dass man jetzt schon die Zeit nutzt, um die Leute einzustimmen, zu interessieren.

Die Bundeszentrale für politische Bildung will das Bewusstsein für Demokratie und politische Partizipation fördern. Wie kann man als interessierter Bürger auf die Zukunft des Schlossplatzes Einfluss nehmen?

Indem man sich am öffentlichen Diskurs beteiligt. Es wird, man merkt es ja, zunehmend Debatten darum geben: Es ist ein Beraterkreis eingesetzt worden, der das inhaltliche Profil schärfen soll; die Akteure aus dem Museumsbereich werden vorsichtiger, bei der letzten Veranstaltung der Stiftung Zukunft Berlin hat Viola König, Direktorin des Ethnologischen Museums in Dahlem, gesagt, eine Dauerausstellung wäre nicht mehr geplant. Das heißt, die ersten Einsichten, die aus einem relativ groben Diskurskonzert bisher entsprungen sind, weisen in die richtige Richtung. Ein Museum, das sich dort einfach reproduziert, ist lächerlich. Das wissen natürlich die Museumsakteure selber. Die bpb wird sich an dem Diskurs beteiligen. Wir werden mit einem explorierenden Workshop im September versuchen, die Kontroversität in dieser Debatte in den Mittelpunkt zu stellen und internationale Akteure zu diesem Diskurs zu befragen und einzuladen, die vielleicht auch nochmal eine andere Perspektive für die Debatte eröffnen.

Was versprechen Sie sich davon?

Eine Art Wachküssen derjenigen, die wirklich etwas zu dieser Debatte beizutragen haben und ein Wachküssen derjenigen, die sagen: Es kann nicht sein, dass wir eine neue Infrastruktur, die wir eigentlich woanders auch schon haben – die Philosophien der Museen des 19. und 20. Jahrhunderts – hier im 21. Jahrhundert an dieser zentralen Stelle wieder vorgesetzt bekommen. Im Ergebnis wünsche ich mir, um es auf den Punkt zu bringen, dass es eine konzeptuelle Verschiebung gibt, weg von einem reinen musealen Konzept hin zu einem Konzept des Diskurses, in dem die Objekte sprechen können. Black Box Ecuador hat gezeigt, wie man sich so etwas im Humboldtforum diskursiv vorstellen kann. Da sehen wir ein Stück weit unsere Aufgabe als bpb, mitzuwirken, Akzente zu setzen, Debattenfelder aufzuzeigen. „Auf dem Weg zum Humboldtforum“, das ist unser Arbeitstitel, aber „Auf dem Weg zum Humboldtforum“ heißt natürlich nicht, an allen kritischen oder kontroversen Debatten vorbei, sondern mitten durch sie hindurch.

Werden Sie die Humboldt-Box besuchen, wenn sie eröffnet ist?

Sicherlich werde ich sie besuchen, aber ich erwarte mir davon nicht viel.

Herr Krüger, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte André Franke.

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— Bericht —

„Erst graben, dann planen“, auf diese einfache Formel brachte Historiker und Projektentwickler Willo Göpel die Forderungen des Bürgerforums Historische Mitte, das gestern zum zweiten Mal in der Marienkirche stattfand. In der Vergangenheit wäre das in der Berliner Stadtplanung, so Göpel, genau anders herum gewesen, und diese Praxis dauere bis heute an.

So sollen die Überreste der Gerichtslaube vorm Roten Rathaus erst 2014 ausgegraben werden, während die Planungen für den neuen U-Bahnhof der U55 bereits auf Hochtouren laufen und infolge der Diskussion um eine mögliche Integration der archäologischen Funde zum alten Berliner Rathaus schon modifiziert wurden. BVG und Architekt Oliver Collignon planen eine Galerie in dem Bahnhof, durch eine Fensterwand werden die Gemäuer des alten Rathauses sichtbar gemacht.

Das ist dem Bürgerforum zu wenig. Die Funde wolle das Forum nicht wie im Panzerschrank wegsperren, sondern erlebbar machen, so Göpel. Bürgerforum-Architekt Helmut Maier stellte beispielhaft vor, wie die vier Schiffe des Rathauses mithilfe einer Dachkonstruktion geschützt werden könnten und potenziell begehbar würden. Auch schlug er einen unterirdischen Alternativausgang ins Nikolaiviertel vor, um den in der gegenwärtigen Planung notwendigen Abriss des ausgegrabenen, vierten Gebäudeschiffes zu verhindern. Manfred Kühne von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hält einen Fußgängertunnel unter der Spandauer Straße für zu teuer und zu riskant. Man stieße dabei womöglich sehr schnell auf weitere unterirdische Gebäudereste Alt-Berlins.

Grundsätzlich sei eine Verschwenkung des Bahnhofs nach Norden, also weg von der Ausgrabungsstelle, nicht möglich wegen der Anschlussstelle des bereits vorhandenen Bahntunnels in Höhe der Jüdenstraße. Dies sei der Zwangspunkt in der Planung, erklärte der Projektleiter der BVG, Jörg Seegers. Der Tunnelabschnitt zwischen Alexanderplatz und Jüdenstraße wurde schon in den 20er Jahren gebaut.

Benedikt Goebel, Historiker und Bürgerforum-Mitglied, verwies darauf, dass es nicht darum ginge, die Verkehrsingenieure zu überzeugen, sondern die Politik. Wie Göpel zuvor mitteilte, habe bis dato keine der Berliner Parteien in ihren Wahlprogrammen zur Thematik der Berliner Altstadt Position bezogen. Das Bürgerforum plant im Herbst, 12 Tage vor der Abgeordnetenhauswahl, eine Veranstaltung, zu der baupolitische Sprecher der Parteien eingeladen werden sollen.

Das Bürgerforum fordert neben der sofortigen und vollständigen Ausgrabung des mittelalterlichen Berliner Rathauses, inklusive Gerichtslaube, auch die Anerkennung des Altstadtbereiches als besonderes Planungsgebiet, ein Moratorium aller weiteren Planungen, eine Grabungskampagne und Bauforschung als zukünftige Planungsgrundlage, ein Informationszentrum Berliner Stadtkern im Sinne einer ständigen öffentlichen Ausstellung und eine weitere Änderung der Bahnhofsplanung am Roten Rathaus. Die zusätzlichen Kosten infolge der bisherigen Umplanung belaufen sich nach Angaben von BVG-Projektleiter Seegers auf eine halbe Million Euro.

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— Interview —

In Berlin wetteifern Senat, die Grünen und Stadtplaner um die besten Ideen für eine neue Internationale Bauausstellung. Im Interview mit futurberlin spricht Aljoscha Hofmann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin und Mitgründer der Initiative „ThinkBerl!n“ über den IBA-Vorschlag „Radikal Radial! – Eine neue Bauausstellung für Berlin?“ und meint, dass eine IBA für Berlin nicht um jeden Preis notwendig sei.

 

Aljoscha, die IBA Berlin 2020 hat mittlerweile eine Facebook-Seite. „20 Leuten gefällt das“ (Stand: 13.04.2011). – Dir auch?

Das habe ich, ehrlich gesagt, noch nicht mitbekommen (er lacht).

Es handelt sich um den IBA-Vorschlag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Persönlich finde ich das nicht schlecht, weil ich denke, man sollte sich aller Kommunikationsformen bedienen, die adäquat sind. Letzten Endes bin ich glücklich, wenn eine öffentliche Diskussion zustande kommt. Das ist ja auch das, was tatsächlich noch zu wenig passiert ist.

Wie kommuniziert Ihr Eure IBA-Idee mit der Konkurrenz?

Es hat vor kurzem eine Veranstaltung des Bildungswerk der Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen gegeben, in der genau die drei Konzepte IBA Nord-Neukölln, IBA Berlin 2020 und Radikal-Radial nebeneinander vorgestellt und diskutiert wurden. Die Veranstaltung war sehr spannend, da man natürlich sehen konnte, wo die Schwächen und wo die Stärken sind, aber auch, wo es Überschneidungen, also mögliche Anknüpfungspunkte gibt. Von daher ist es wichtig, für einen Moment aus dem Konkurrenzdenken herauszugehen. Dafür braucht man eben dann das Gespräch, in dem man offen über die Ziele spricht.

Radikal-Radial! nimmt 13 Berliner Ausfallstraßen mit einer Gesamtstrecke von ca. 200 Kilometern plus deren Anrainer-Kieze ins Visier. Ist Euer Vorhaben räumlich nicht zu umfangreich?

Das ist einer der verständnislosen Blicke, die uns immer begegnen, wenn wir das Konzept vorstellen. Uns ist klar, dass selbst mit IBA-Mitteln alle 13 Radialen nicht auf ganzer Länge bespielt werden können.

Also werdet Ihr Euch auf einige Radialen konzentrieren, und nicht alle Radialen kommen unter den Hammer?

Genau. Wir müssen natürlich in beispielhaften Projekten, an unterschiedlichen Orten arbeiten.

Welche Themenvielfalt steckt da drin?

Alle Themen kommen vor. Es geht nicht nur um Leerstand, nicht nur um ökologische Belange, Klimawandel, Sanierung, Verkehr oder Einzelhandel. Es geht um die integrierte Betrachtung anhand konkreter räumlicher Situationen. Dort wird man jedes Mal andere Lösungen finden müssen.

Soziale Stadt im Klimawandel ist das Thema der Grünen-IBA in Nord-Neukölln

Das bedeutet nicht, dass wir diese Themen nicht behandeln, dass sie nicht Teil unseres Konzeptes sind oder sein können. Wir haben das Gefühl, Stadtentwicklung wird zu sehr in sektoralen Themen gedacht. Die Straßenbahn zum Beispiel wird nur als reines Verkehrskonzept vorgestellt. Es wird überhaupt nicht bedacht, dass eine Straßenbahn auch ein urbanes Instrument ist.

Die Ausfallstraßen sind vor allem Transitzonen und haben eine direkte Verkehrsfunktion. Ist Euer Vorschlag nicht eine Kampfansage an den Kfz-Verkehr?

Die äußeren Räume sind die, in denen immer noch das Automobil dominiert, in denen der autogerechte Ausbau immer noch voranschreitet. Man sieht es gerade an dem Anschluss in Brandenburg …

In Pankow zum Beispiel, in der Prenzlauer Promenade, die zur A 14 führt …

 

Richtig. Da oben wird es dann plötzlich vierspurig und sehr, sehr schnell. Aber auch innerhalb von Berlin ist es schwierig, die Straßen wieder zu zivilisieren, wie Denis Bocquet das neulich auf einer Veranstaltung zu Grand Paris so schön bezeichnet hat, als er über die Zivilisierung der Boulevards in Paris sprach. Das ist ein schönes Wort, weil es eben ja nicht darum geht, das Automobil komplett zu verdrängen.

Worum geht es dann?

Die Frage ist vielmehr, wie können die Verkehrsarten miteinander in Einklang gebracht werden? Wie können neue Wege gefunden werden, dass auch stadtverträglicher Verkehr möglich ist? Wie erzeugt man einen guten Verkehrsfluss, der die nötigen Kapazitäten hat, ohne dass es aber gleich eine Autobahn wird? Das ist, glaube ich, nicht so sehr eine Frage, die man nur als harten Konflikt diskutieren muss. Zum Beispiel ist heute bekannt, dass der Verkehr bei 42 km/h flüssiger und mit höherer Kapazität fließt als bei Tempo 55.

Hat sich der ADAC bei Euch schon gemeldet?

Nein. Das wäre aber sehr spannend zu hören, was da kommt.

Welche Reaktionen bekommt Ihr auf Euren IBA-Vorschlag?

Die Kommentare sind natürlich gemischt. Wir bekommen sehr viel positives Feedback, vom ersten Moment an, von verschiedensten Institutionen sowie Privatpersonen. Natürlich gibt es auch Kritik. Oftmals können sich die Leute nicht vorstellen, wie diese Menge an Räumen, die wir in den Blick rücken, überhaupt bewältigt werden kann. Aber da liegt es auch an uns, noch mehr Aufklärung zu betreiben, mit welchen Instrumenten wir uns das vorstellen.

Wer unterstützt Euch?

Wir haben bislang zwei Partner gefunden, die unser Konzept mittragen. Das sind die Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung (SRL) und der Berliner Landesverband des BUND Berlin e.V.

Kam von einem Mitglied der SRL auf der Finissage zur Ausstellung STADTVISIONEN 1910|2010 am 9. Dezember nicht die Kritik, mit dem Format „Internationale Bauausstellung“ zu inflationär umzugehen?

Wenn ich mich richtig erinnere, kam der Kommentar damals vor dem Hintergrund, dass dort erste Überlegungen zu einer IBA Thüringen vorgestellt wurden. Wobei aber auch nicht ganz klar war, was eigentlich das Thema sein soll? Die Kritik erregte sich daran, dass es scheinbar wie folgt läuft: wir machen eine IBA und überlegen uns hinterher, was das Thema ist …

So scheint es heute auch in Berlin zuzugehen.

Genau in die Richtung geht unsere Kritik auch. Wir haben uns bis heute vorbehalten, im Untertitel unserer Idee – „Eine neue Bauausstellung für Berlin?“ – das Fragezeichen zu lassen, weil wir der Meinung sind, dass dieser Begriff und das Instrument der IBA, das international anerkannt und für gute Ergebnisse bekannt ist, nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden darf.

Wie würdest Du Eure selbstgestellte Frage denn beantworten? Braucht Berlin eine IBA?

Wenn man sich die Haushaltssituation anguckt, dann würde ich schon behaupten, eine IBA wäre durchaus ein gangbarer Weg, weil nur so die Konzentration der Mittel und der Ausnahmezustand zu schaffen wären. – Aber auch wiederum nicht um jeden Preis. Ein schlechtes IBA-Konzept hilft nicht weiter.

Dr. Engelbert Lütke Daldrup, damaliger Staatssekretär im Bundesbauministerium, hat 2008 von einer „Laborsituation“ gesprochen, die für eine erfolgreiche IBA erforderlich sei. Ist Berlin aus seiner nachwendezeitlichen Experimentierphase nicht längst heraus?

Das ist natürlich eine interessante Frage. Man kann da jetzt gleichzeitig viele Beispiele heranziehen, bei denen man sich fragt, ob Berlin nicht noch ständig am Experimentieren ist, zum Beispiel beim Umgang mit der historischen Mitte. Auch haben wir in Berlin die Situation, dass der Fahrradverkehr massiv steigt, allerdings derzeit und zukünftig besonders stark in den innerstädtischen Räumen. Das sind ja nicht die Räume, die wir in unserem Konzept betrachten.

Die Laborsituation liegt also eher in den suburbanen Räumen?

Auf jeden Fall. Eine Stadt wie Berlin, die das Zentrum einer Metropolregion sein möchte, kann man nicht nur auf die Innenstadt beschränken, die muss man größer denken.

Die Radialen reichen bis nach Brandenburg hinaus. Damit wäre es nicht nur eine Berlin-IBA. Die IBA wäre also auch in politisch-organisatorischer Hinsicht umfangreicher als die anderen Vorschläge. Wie stellt Ihr Euch die Zusammenarbeit zweier Bundesländer im Rahmen einer IBA vor?

Die Internationale Bauausstellung Fürst-Pückler-Land 2000-2010 hat Ihre Projekte in der Lausitz über zwei Bundesländer (Brandenburg und Sachsen) verteilt. Wie die genaue Trägerschaft hier lief, weiß ich allerdings nicht. Es ist natürlich auch so, dass Berlin und Brandenburg über eine gemeinsame Landesplanung verfügen. Das ist also schon mal ein existierendes Instrument. Gleichzeitig muss man die Wirksamkeit dieses Instrument natürlich hinterfragen. Wir haben ja alleine schon innerhalb des Berliner Stadtgebietes unterschiedliche Bezirke, die entlang einer Radiale liegen, und allein dort ist die Zusammenarbeit im Normalfall schwierig. Insofern ist auch die Institution einer IBA, also die Einrichtung einer Sonderbehörde, immens wichtig, d.h. die Einrichtung einer übergeordneten Instanz, die es schaffen kann, die unterschiedlichen Beteiligten an einen Tisch zu holen und das Ganze zu managen.

Was hat die Ausstellung mit einer Behörde zu tun?

Es gibt natürlich neben der Ausstellung immer einen institutionellen Apparat, beispielsweise eine Gesellschaft, der auch nicht unbedingt personell riesig sein muss. Es gibt natürlich zwei Bereiche: Dinge, die im Hintergrund laufen, also die gesamte Organisation der Ausstellung, und zweitens die Projekte, die umgesetzt werden, die dann auch sichtbar bleiben und hoffentlich dann auch den Paradigmenwechsel erzeugen – also über das Einzelprojekt hinaus eine Wirkung haben. Letztendlich sind sie das Wichtige, weil die Projekte den Wandel im Denken erzeugen können.

Welches Paradigma muss Berlin überwinden?

Derzeit reden in Berlin viele immer nur über die Berliner Kieze, über die Unterschiedlichkeit und Vielfalt und daraus entstehende Qualität Berlins. Das ist sicherlich an sich auch richtig, allerdings verleitet diese Sichtweise dazu, die Stadt nur noch als viele kleine Inseln zu betrachten. Dass eine Stadt von der Größe Berlins viele verschiedene Quartiere mit teilweise fast dörflichem Charakter hat, ist aber keine ausgesprochene Einzigartigkeit Berlins. Das findet man auch an anderen Orten. Problematisch wird es aber dann, wenn das Inseldenken, räumlich, wie sektoral dazu führt, dass die Stadt nicht mehr in ihrer Gesamtheit gedacht und beplant wird.

Was heißt das konkret, für Kiez und Bürger?

Für Bewohner der Außenstadt muss genauso begründet werden, warum es wichtig ist, das Stadtzentrum als Schaufenster der Stadtregion zu gestalten und zu stärken, wie einem Bewohner der Innenstadtquartiere erklärt werden muss, warum Maßnahmen im Bereich der Außenstadt wichtig sind. Betrachtet man nur seinen kleinen Kiez, ohne auf den Zusammenhalt der Gesamtstadt zu achten, riskiert man, dass die Stadtteile sozialräumlich immer weiter auseinanderdriften. In der Berliner Stadtentwicklung muss also der Fokus wieder erweitert werden. Welche Auswirkungen haben räumlich begrenzte Maßnahmen und Projekte auf die restliche Stadt? Was muss diese dafür geben, was bekommt sie dadurch?

Aljoscha, Dankeschön für das Gespräch.

Das Interview führte André Franke.

Event-Tip: Think Berl!n – Ist Stadtentwicklung nach der Wahl egal? Amerikahaus, 6. Mai 2011 (siehe Events / futurberlin-Kalender und http://www.think-berlin.de/strategietagung.html)

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— Meinung —

Der folgende Text entstand als Beitrag zum Schreibwettbewerb der Akademie c/o, Neuer Kunstverein im Oktober 2010. Ausgeschriebenes Thema war die Beantwortung der Frage: „Was ist Raumproduktion in der Berliner Republik?“ Mein Text zielt auf den Schlossplatz ab.

Was ist Raumproduktion in der Berliner Republik? – Gegenfrage: Was erhofft sich der Fragesteller von dem Strauß an Antworten, die auf diese Frage möglich sind? Eine Bilanz? Eine Definition? Eine Kritik?

Zu bilanzieren wäre ein Zeitfenster von zwei Dekaden, maximal. Denn was ist die Geburtsstunde der Berliner Republik? Die Deutsche Einheit, der 3. Oktober 1990? Der Hauptstadtbeschluss des Bundestages vom 20. Juni 1991? Oder ist die neue Republik geboren, als Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1994 ins Schloss Bellevue einzog, Bundeskanzler Gerhard Schröder 1998 ins ehemalige Staatsratsgebäude oder derselbe 2001 ins neu gebaute Kanzleramt an der Spree? Je nach Länge des Zeitfensters fiele eine Bilanz entsprechend üppiger oder schlanker aus.

Zu definieren wäre vor allem der Begriff Raumproduktion. Im Kern der Sache wird Raum dort produziert, wo gebaut wird; das leuchtet jedem ein. Wir sprächen dann über Architektur und Städtebau, auch über Infrastrukturprojekte, von der Saar bis an die Oder, von Rügen bis zum Bodensee. Das eröffnet uns ein thematisches Panorama, das nur in Auszügen dargestellt werden soll: In Ostdeutschland glänzen die Innenstädte, gerettet aus der grauen Republik. Gleichsam schrumpfen dort Großsiedlungen und produzieren mit ihrem Rückzug neue Raumfreiheiten. Im Ruhrgebiet legt eine Region ihre Autobahn lahm, errichtet auf 60 Kilometern Asphalt eine temporäre Tafel. Die Leipziger untertunneln ihren Stadtkern, auf dessen Boden sie im Herbst 1989 der Berliner Republik den Weg bereiteten. Beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs verkehrt sich Raumproduktion ins Gegenteil, in Raumdestruktion; auch hier produzierte man untertage. In Dresden ist die barocke Frauenkirche aus ihrer Ruine auferstanden und krönt das Elbtal, das wenig später wegen eines Brückenbaus das Weltkulturerbe verliert. Die Stuttgarter hinterfragen die Grundfaktoren republikanischer Raumproduktion und entblößen eine staatliche Härte, die selbst vor den Weichteilen eines 66-jährigen Mannes nicht halt macht und ihm mittels Wasserwerfer sein Augenlicht nimmt; na so was, in der Berliner Republik?

Doch Deutschland existiert, lebt und stirbt auch am Hindukusch, setzt mit den Einsatzliegenschaften der Bundeswehr Bauten in den nordafghanischen Wüstensand. Mehr noch: Militärische Kampfhandlungen sind Raumproduktion! Das Bombardement bei Kunduz hat Chaos produziert und Raum zerstört. An diesem Punkt lässt sich der Begriff, ähnlich wie beim Kölner Stadtarchiv, ins Negative überführen und zusätzlich ins Extreme. Ins Leidvolle gerät er, wenn wir uns vor Augen halten, dass die Afghanistan-Aktivitäten der Berliner Republik im niedersächsischen Seedorf ein neues Grab entstehen lassen, für den dorther stammenden, 26-jährigen Soldat, der Anfang Oktober als 44. Todesopfer des Bundeswehreinsatzes bei einem Attentat in der Provinz Baghlan ums Leben gekommen war. – Da ist der Stein auf dem Friedhof, der zur Stätte für die Trauer der Angehörigen wird, ein neuer Lebensraum für sie, produziert von der Republik.

Zerbrechliche Republik

Republiken in Berlin sind von Natur aus fragil. Möge man die kurze von 1848, die vom Kaiserreich unterdrückte von 1871 und die Weimarer von 1918 als solche betrachten. Im Grunde können wir stolz auf die Bonner sein, stabil wie sie war. – Zerbrechlich also nenne ich das Wesen der Berliner Republik und konstatiere: Umso kolossaler hat sie ihr Nest an der Spree gebaut. Das Thema des Essays provoziert natürlich den Blick in die Hauptstadt. Und so soll es sein.

In Berlin bleibt Axel Schultes Band des Bundes ohne sein (bestechendes!) Bürgerforum bislang ein gerissenes. „Das Kanzleramt ist das, was es nie sein sollte: ein solitärer, ein isolierter Ort“,[1] klagt der Architekt – ein Solitär, geradezu wie ein Grabstein. Die Parlamentsbauten abgehängt, den Volksplatz auf verkehrlichen Durchzug gestellt, bleibt die gebaute Demokratie der Republik am Spreebogen ein flüchtiges Phänomen für Passanten. Aufenthalt unerwünscht.

Ein wahrer Titan baut sich dagegen an der Chausseestraße auf. Nicht unbedingt, weil der Neubau der BND-Zentrale so groß ist; Eindruck macht vielmehr die innere Geschlossenheit und der Zusammenhalt des Baus. Schon der Baustelle sieht man an, dass es da einen festen, unzugänglichen Kern in diesem Raumgebilde geben wird. Das wird der Ort sein, an dem zum Schutze der Republik derselben große und kleine Geheimnisse ruhen. Hoffen wir, dass wir das Gelände niemals stürmen müssen, wie 1990 die Normannenstraße in Lichtenberg.

Nicht Kolossalität, sondern Kulisse! – Das ist das Mittel, das Bund und Berliner Senat dem Schlossplatz injizieren wollen. Hier produziert die Berliner Republik ihre Trophäe, setzt sich die Krone auf, macht sich das Leben leicht. Deshalb soll der Berliner Schlossplatz als republikanisches Raumprodukt im Folgenden zum Brennpunkt für die Beantwortung der Essayfrage gemacht werden.

Am Schlossplatz scheiden sich die deutschen Geister. Das ist gut so, denn wir müssen über diesen Ort miteinander reden. Wir müssen an diesem Ort zueinander finden, groß genug ist er allemal. Dort geschieht gerade, was eigentlich am Anfang von Planung steht: Wir setzen uns mit dem Ort auseinander; das braucht Zeit. Wir regen uns auf; das braucht Meinung. Wir reiben uns an den Vorstellungen der anderen; das braucht Begegnung. Erst diese Reibung wird hervorbringen, worüber eine Kommission zu entscheiden haben sollte und worüber der Bundestag seine Beschlüsse fasst. Der Bau, der in diesem Jahr hätte beginnen sollen, gehört ans Ende dieser Geschichte. Nicht umgedreht. Der Bund aber macht es umgedreht! Am Schlossplatz wird das Pferd von hinten aufgezäumt, und die Folge davon wird sein, dass sich der Gaul nicht reiten lassen wird. Somit erleben wir gerade eine raumproduktive Frühgeburt. Mit allen Wehwehchen. – Am Schlossplatz findet die Raumproduktion in der Berliner Republik gewissermaßen im Brutkasten statt.

Betriebsblind

Es ist nicht Franco Stella, der kritisiert werden soll. Der Architekt ist ja nur als treuer Vasall den Wettbewerbsvorgaben gefolgt. Der Wettbewerb selbst ist der Irrtum, der auf das Schloss abzielte – und nur das Schloss. Dieser Ort aber hat Ideen verdient, Kreativität und die Achtung seiner Nachbarn. Denken wir vom Denkmal aus die Zukunft dieses Ortes! Auf der Schlossfreiheit steht bald das Freiheits- und Einheitsdenkmal. Von dort aus überschaut man den ganzen Platz. Die Blicke sind frei zwischen den Anrainerbauten, als hielten sie Konferenz: vom Marstall zur Museumsinsel, vom Dom zum Schlossportal im Staatsratsgebäude; von der Schlossfreiheit hinüber zum Fernsehturm; und im Rücken Schinkelplatz und Bauakademie. Der Schlossplatz brauchte keinen Schlosswettbewerb, sondern einen städtebaulichen Ideenwettbewerb vom Alten Museum bis zur Marienkirche. Hier geht es um Städtebau im Herzen der Hauptstadt, nicht nur um die Bebauung eines bundeseigenen Grundstückes. – Von daher werfe ich den Raumproduzenten in der Berliner Republik am Schlossplatz aus stadtplanerischer Sicht Betriebsblindheit vor.

Blindheit kann aber auch Methode sein, im Dienste der Politik. Und weil der Ort mit Hohenzollernschloss und DDR-Palast eine politische Seele hat, ist es nicht wirklich verwunderlich, dass sich die Raumproduktion des Bundes dort von der von Boddien´schen Stadtschlosspropaganda politisieren lässt. Wie viel Demokratie verträgt das Schlossplatzprojekt? „Die wiederholte Forderung einiger Kommissionsmitglieder, einen städtebaulichen Wettbewerb […] durchzuführen, wurde mehrheitlich zurückgewiesen“,[2] berichtet der Architekturkritiker Bruno Flierl, der als Experte dabei war. Er schreibt, Verfahren und Entscheidung der Kommission wären von einzelnen Mitgliedern kritisiert worden; Sondervoten hätten im Abschlussbericht keinen Eingang gefunden. Sollte ein so räuberisches Kommissionsergebnis die geistige Grundlage für einen für Deutschland so wichtigen Bau sein? Die zerstrittene Expertenrunde hat mit ihrer Empfehlung zum Schlossaufbau der deutschen Politik einen brisanten Pass in die Tiefe zugespielt. Der Bundestagsbeschluss soll hier nicht kritisiert werden, aber was davor geschah. – An dieser Stelle finden wir das undemokratische Element, das faule Ei, in der Raumproduktion der Berliner Republik am ausgewählten Ort.

Gewalttätig

Ist der Ort reif für einen Bau? Machen wir einen Exkurs vom Städte- in den Ackerbau. Hier wurde die zur Ruhe gelassene Brache als konsequenter Bestandteil in der Dreifelderwirtschaft über Jahrhunderte zum Garant für agrarische Qualität. Hat der Berliner Schlossplatz nicht auch ein Recht auf Regeneration? Preußen, Sozialismus, Preußen. Hält hier der Bund als Bauherr die lokale Fruchtfolge nicht ein? Was werden die Deutschen ernten, wenn die Berliner Republik ihren kostbaren, steuerlichen Samen unbedacht auf politisch ausgelaugten, vergewaltigten Boden aussät? Und die Gewalt geht weiter: Der Bau der Humboldt-Box wird vorangetrieben, auch wenn der 28 Meter hohe Solitär (ein weiterer Grabstein?) durch die bis 2014 ausgesetzten Schlossbauarbeiten seine Existenzberechtigung verliert; Bundesbauminister Peter Raumsauer fordert den legendären ersten Spatenstich noch vor Ende der Legislaturperiode, damit mit Hängen und Würgen endlich der Point Of No Return überschritten werden kann. – Die Raumproduktion in der Berliner Republik ist am Schlossplatz in der Tat eine gewalttätige.

Baupause her!

Anschlussfrage: Sind wir reif für diesen Ort? Preußen, Sozialismus, Denkpause. Das sollte aus meiner Sicht der Dreiklang sein, den wir am Schlossplatz in der aktuellen Lage der Republik zu kultivieren haben. Für Bruno Flierl sollte er „ein kulturell-kommunikativer Ort der Gesellschaft und ihrer Bürgerinnen und Bürger aus Ost und West sein, ein identitätsstiftender Ort im Prozess ihrer nationalen Vereinigung […]“[3]. Hervorragend sieht man am Wettbewerb zum Freiheits- und Einheitsdenkmal und seinen Ergebnissen, wie schwierig es ist, das Thema der Deutschen Einheit in Kunst und Architektur zu transportieren. Wie könnte sich die gesellschaftliche Annäherung an einen Stadtraum wie dem Schlossplatz gestalten, gäbe man dem Ort statt der barocken Fassaden lediglich ein bestimmtes Thema mit auf den Weg in seine Zukunft? Wie vollzöge sich die Deutsche Einheit auf der Wiese der Nation? – Angesichts dieses nicht unbedingt architekturspezifischen Aspekts trägt das Schlossprodukt der Berliner Republik dazu bei, sich potenzielle Antworten auf diese Frage wortwörtlich zu verbauen.

Dabei käme es am Schlossplatz darauf an, Spielräume offen zu halten und nicht die Spielzeuge von Gestern auszustellen: die Büffelmaske aus Kamerun, das Opfermesser aus Peru. Wer Indianer will, soll nach Dahlem fahren. Das Ethnologische Museum im Humboldt-Forum auf dem Schlossplatz überzeugt mich nicht, auch nicht Hand in Hand mit einem Schaufenster der Wissenschaften aus der Humboldt-Universität (HUB). Der Fehlgriff besteht in der Art der Nutzung. Das ist zuviel Museum auf der Museumsinsel. Am Ende geht sie uns unter. – Die Republik produziert hier ein Schwergewicht, wo die Waage weltweiter Anerkennung schon am Anschlag ist: Die Museumsinsel gehört mit ihren fünf Häusern und zehn Sammlungen zum Weltkulturerbe.

Die Ironie in der Historie ist schon bemerkenswert. Die Museumsinsel ist die von seinen Nachfolgern zu Ende gedachte und zu Ende gebaute Idee Friedrich Wilhelms III., die in den Schlössern verborgen gehaltene Kunst der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. – Jetzt bringen wir die Kunst zurück in das Stadtschloss; und was symbolisiert dieser Akt?

Opportun

Dass die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB), der dritten Nutzerin im Bunde des Humboldt-Konzepts, ihre Bücherregale um keine 50 Meter von der Breiten Straße auf den Schlossplatz tragen soll, anstatt am Schlossplatz zu bleiben, zeigt uns: Der Bauherr produziert das mental-fixierte Fassadenwerk in anspruchsloser und opportuner Art und Weise. – Hier nimmt die Republik, was sie kriegt, um sich nicht vorwerfen lassen zu müssen, sie produziere ein Luftschloss.

Am Schlossplatz wächst leider nicht zusammen, was zusammengehört. „Form und Funktion sind als eigene Wertsetzungen völlig unabhängig voneinander konzipiert worden“,[4] kritisiert Bruno Flierl. Stattdessen soll hier komprimiert werden, was als Kulturangebot in der Stadt (mit HUB und ZLB sogar in direkter Nachbarschaft) schon vorhanden ist. – Mit dem Museums- und Medienschloss auf der Spreeinsel putzt die Republik mutlos eine Adresse auf, die eine viel volksnähere Funktion verdient hätte und homogenisiert, nicht bereichert, das städtische Nutzungsgefüge in der Mitte Berlins.

Selber forschen!

Stellen wir den Forschergeist der Humboldt-Brüder nicht aus, sondern wenden wir ihn auf das Fallbeispiel selbst an! Erforschen wir den deutschen Schlossplatz, solange es uns die Gnadenfrist der Republik gewährt. Und soll die Regierung vor Ort auch selber forschen: Sportstätten und Stadtentwicklung, multifunktionale Zentren, Jugendliche im Stadtquartier – so heißen aktuelle Forschungsfelder des Experimentellen Städtebaus in ihrem zuständigen Ministerium. Machen wir statt staubiger Bücher eine Sportstätte zum Mittelpunkt der Republik, in der Stadt zentral zugänglich und unter den Augen der Weltöffentlichkeit!

Holen wir die Tafel von Ruhr.2010 an die Spree und sitzen an ihr länger als einen Sonntag. Überlassen wir den Ruhm für wiederbelebte Barockbauten den Sachsen, die Kulturschätze jetzt dringender brauchen denn je. Irritieren wir die Menschen in Kabul nicht damit, dass ihre Schutzmacht in ihrem Heimatland mit einem Prestigeprojekt architektonische Sehnsüchte nach einem Gebäude zu stillen sucht, in welchem auch der einstige Kolonial-Kaiser Wilhelm II. zu Hause war. Beachten wir, dass bald auch der Schlossplatz von einer Bahn untertunnelt wird. Vergessen wir auch nicht, dass vor den Fenstern des alten Schlosses schon 1848 scharf geschossen worden war; der Mob der Märzrevolutionäre verlor damals mehr als sein Augenlicht und liegt heute im Volkspark Friedrichshain begraben. Ihre Grabkreuze stehen noch, produziert vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV., der heute im Kolonnadenhof vor der Alten Nationalgalerie posiert, auf der Museumsinsel. Seine Raumproduktion ist abgeschlossen. – Diejenige der Berliner Republik dagegen läuft auf Hochtouren und ist am Berliner Schlossplatz völlig offen.

Literatur

Schultes, Axel, „Das Bundeskanzleramt“ in Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (Hrsg.), Demokratie als Bauherr – Die Bauten des Bundes in Berlin 1991-2000, Junius Verlag, Hamburg, 2000.

Flierl, Bruno, Berlin – Die Neue Mitte: Texte zur Stadtentwicklung seit 1990,  Thomas Flierl (Hrsg.), Edition Gegenstand und Raum, Verlag Theater der Zeit, Berlin, 2000.


[1] A. Schultes, „Das Bundeskanzleramt“ in Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (Hrsg.), Demokratie als Bauherr – Die Bauten des Bundes in Berlin 1991-2000, Junius Verlag, Hamburg, 2000, S. 166.

[2] B. Flierl, Berlin – Die Neue Mitte: Texte zur Stadtentwicklung seit 1990,  T. Flierl (Hrsg.), Edition Gegenstand und Raum, Verlag Theater der Zeit, Berlin, 2000, S. 170.

[3] Ebd., S. 159.

[4] Ebd., S. 170.


— Nachricht —

Die Stiftung Berliner Schloss/Humboldtforum hat auf dem Schlossplatz ein Teilgrundstück gekauft. Ein weiteres soll in Kürze aus dem Besitz Berlins an sie übertragen werden, schreibt die Berliner Zeitung Ende Dezember. Gleichzeitig weigert sich Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), für das Projekt zum Wiederaufbau des Schlosses finanziell in Vorleistung zu gehen. Er werde die für 2012 vereinbarten Zuschüsse nicht zahlen, solange es vom Bund keine verbindliche Zusage für den Bau gebe. Der Frankfurter Ethnologe Karl-Heinz Kohl hat währenddessen die neue Expertengruppe kritisiert, die das Kultur- und Veranstaltungszentrum im Humboldtforum konzipieren soll; es gebe keinen einzigen Ethnologen darin. Das Ethnologische Museum soll einer der Hauptnutzer im Humboldtforum werden. Kulturstaatsminister Bernd Neumann hatte im Dezember den Schweizer Kulturmanager Martin Heller zum Projektleiter des acht-köpfigen Beraterteams berufen. Auch hält Kohl die Leiterin des Ethnologischen Museums in Dahlem, Viola König, mit der Aufgabe der Museumspräsentation im Humboldtforum für überfordert. Der Vorsitzende der deutschen Gesellschaft für Völkerkunde hatte im Mai 2009 in der Zeitschrift Merkur einen Beitrag zu ethnologischen Sammlungen im Humoldtforum veröffentlicht. (Berliner Zeitung, Lausitzer Rundschau)

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— Nachricht —

Mit voraussichtlich elfjähriger Verspätung wird ab 2013 die Straßenbahn auch zwischen Nordbahnhof und Hauptbahnhof verkehren. Nachdem das Verwaltungsgericht Berlin zwei Tage vor Heilig Abend die Klagen des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der City Grund Verwaltungsgesellschaft und zwei Anwohnern abgewiesen hat, steht dem Ausbau der Invalidenstraße im Bezirk Mitte nichts mehr entgegen. – Es sei denn, der Antrag des Hoteliers Carl Loyal beim Oberverwaltungsgericht auf Zulassung der Berufung hätte Erfolg; das Gericht hatte gegen das Urteil keine Berufung zugelassen. Die Bauarbeiten könnten im März beginnen, kündigte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) an. Die einst durch die Mauer geteilte Invalidenstraße soll auf insgesamt vier Fahrspuren mit zwei integrierten Straßenbahngleisen und Radwegen an den Fahrbahnrändern verbreitert werden. Die Klagen richteten sich gegen zu erwartende Belastungen durch Lärm und Luftschadstoffe infolge des ansteigenden Kfz-Verkehrs. Der Senat plant, lärmmindernden Asphalt zu verbauen und Tempo 30-Zonen einzurichten; zur Schadstoffbegrenzung käme auch ein Lkw-Verbot in Betracht. Mit dem Ausbau der Invalidenstraße bezweckt der Senat, die Innenstadt von Kfz-Durchgangsverkehr zu entlasten und den Hauptbahnhof an das Tramnetz anzuschließen. (Berliner Zeitung, Tagesspiegel, futurberlin)

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