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Jovis - 1— Mitteilung aus dem JOVIS Verlag —

Parks entwerfen

Berlins Park am Gleisdreieck oder die Kunst, lebendige Orte zu schaffen

Leonard Grosch / Constanze A. Petrow

Landschaftsarchitektur kann mehr als ästhetisch innovativ sein: Sie kann zu gesellschaftlicher Integration, sozialer Stabilität und einem vitalen öffentlichen Leben beitragen. Wie aber wird ein Park zur intensiv bespielten Bühne, zum gut besuchten Alltagsort? Was führt zur „Wohltat der Lebendigkeit“ (Jane Jacobs)? Und was macht einen Park urban?

Der Park am Gleisdreieck in Berlin – entstanden zwischen 2007 und 2014 – wurde von Bürgerinnen und Bürgern initiiert und im Dialog mit ihnen realisiert. Diese Publikation stellt die Prinzipien vor, die der Gestaltung des Parks zugrunde liegen. Sie bietet damit einen Werkzeugkasten für vielfältig nutzbare, zur Interaktion animierende und sinnlich ansprechende Großstadtparks. Darüber hinaus verortet das Buch den Park im zeitgenössischen Schaffen der Landschaftsarchitektur und zeigt, wie Besucher den Park am Gleisdreieck und seine Atmosphären wahrnehmen. Erkennbar wird in der Zusammenschau der Typus eines Bürgerparks des 21. Jahrhunderts: vielstimmig entwickelt, gestalterisch komplex und offen für Veränderung und Aneignung.


Klappenbroschur
21 x 25,5 cm
216 Seiten mit 105 farb. und 48 s/w Abb. und Plänen
Deutsch
EUR (D) 29,80
ISBN 978-3-86859-369-3

Bild: Technische Universität Berlin

Bild: Technische Universität Berlin

— Aus dem Newsletter des Regionalmanagements City West —

Wussten Sie dass, die Bibliothek der TU Berlin deutschlandweit den größten Fundus von Fachliteratur aus dem Bereich der Gartenliteratur anbietet? Die Sammlung beruht auf Beständen, die der TU Berlin im Jahr 1965 vom Trägerverein Bücherei des Deutschen Gartenbaues e.V. als Dauerleihgabe überlassen wurde. Seitdem umfasst das Angebot etwa 3.500 Monographien und 4.000 Zeitschriftenbände, die in ihrem Ursprung auf Peter-Josef Lenné zurückgehen. Das älteste Buch stammt von 1529, die älteste Zeitschrift von 1783. Die Sammlung in Berlin stellt bundesweit die größte Spezialbibliothek für Gartenliteratur dar.

Am 10. Dezember  2015 feierte die Universitätsbibliothek das 50-jährige Jubiläum der Bücherei des Deutschen Gartenbaus mit einer Sonderveranstaltung und der Eröffnung der Plakatausstellung „Gartenkultur Pur“. Bis zum 13. Februar 2016 können Besucher*innen einen Blick auf Raritäten und Sonderbestände werfen. Die Bestände im Archivraum der Bücherei sowie die frei zugängliche Literatur der Sondersammlung Gartenbaubücherei befinden sich in der ersten Etage der Universitätsbibliothek.


Ort: Universitätsbibliothek, Fasanenstr. 88, (im VOLKSWAGEN-Haus), 10623 Berlin

Trampelpfad im Park am Gleisdreieck

Dieser Weg wird kein leichter sein. Dieser Trampelpfad im Park am Gleisdreieck ist fast schon eine Treppe. (Foto: André Franke, September 2015)

Darf das denn sein? Dass sich die Leute hier nicht die Füße brechen, grenzt an ein Wunder. Wurzeln ragen aus dem Boden, freigespült vom Regen. Unterirdische Plastikrohre streben gen Tageslicht wie Spargel, lassen das Ganze bizarr aussehen. Als wäre man hier auf der Baustelle! Doch es ist der preisgekrönte Park am Gleisdreieck, zumindest sind dessen Gestalter, die Landschaftsarchitekten von LOIDL mit einem Preis gekrönt worden, letzten Freitag: mit dem Landschaftsarchitekturpreis 2015. Zurecht? Muss man da fragen. Die Planer haben sich da nämlich eine Spielerei erlaubt. Einen Weg geschaffen, den niemand braucht. Er führt aus der verlängerten Lützowstraße in den Park, mündet aber in einen anderen Weg, hat also kein direktes Ziel. Dabei schreit das Wegeziel für die Parkquerer (gemeint ist übrigens der Westpark) ja zum Himmel: Die Menschen wollen zur U-Bahn. Sie wollen zum Bahnhof Gleisdreieck und latschen direkt über die Wiese! Der Großstädter hat keine Zeit für Spielchen. Bitte nachbessern! Am besten nach dem Vorbild Spreebogenpark. Dort nimmt das Grünflächenamt Mitte jetzt die Volksvorschläge (geäußert in Form von Trampelpfaden) auf und macht daraus einen befestigten (Park-)Weg. Herzlichen Glückwunsch an LOIDL, trotzdem! Denn was die Parkarchitekten dort mit Elementen wie der „Gleiswildnis“ und den grauen, großen Wackersteinen (ich denke dabei immer an den bösen Wolf, wenn ich vorbeifahre) erschaffen haben, ist vor der Historie, die der Ort hat, poetisch und macht mich glücklich (siehe auch: „Joseph Roth im Hochgras“, ein Beitrag, den ich für Berlin vis à vis geschrieben habe).

Flyer der Mauerpark-Allianz (Ausschnitt): Schwarze Lkw und Pkw zeigen die Befürchtungen vor erhöhter Verkehrsbelastung, besonders durch den Baustellenbetrieb

Flyer der Mauerpark-Allianz (Ausschnitt): Schwarze Lkw und Pkw zeigen die Befürchtungen vor erhöhter Verkehrsbelastung, besonders durch den Baustellenbetrieb

Ab heute beginnt für das Prozedere der Pläne im Mauerpark die zweite Stufe der Bürgerbeteiligung, die sogenannte “Öffentliche Auslegung”. Bis zum 16. März kann jeder, der möchte, seine Einwände gegen den Bebauungsplan 1-64a VE hervorbringen – in der Hoffnung, dass das Bezirksamt Mitte die Einwände berücksichtigt.

Der B-Plan soll dem Investor, der Groth Gruppe, Baurecht für ein Wohngebiet mit derzeit 709 Wohnungen nördlich des Gleim-tunnels verschaffen und ist infolge von städtebaulichen Verträgen die Voraussetzung für die Erweiterung des Mauerparks südlich davon.

Eine erste, “frühzeitige” Beteiligung, hat 2010 stattgefunden. Damals gaben Bürger 2.649 Stellungnahmen ab. Die Intitiativen kritisierten das Auswertungs-ergebnis, in dem die Einwände ihrer Ansicht nach kaum Berücksichtigung fanden. Das Bezirksamt, in Person des damaligen Baustadtrats Ephraim Gothe behauptet das Gegenteil (Fazit aus dem 18-seitigen Auswertungsergebnis; ganzes Dokument hier):

“Zusammenfassend ist zu konstatieren, dass nach Abwägung der privaten und öffentlichen Belange zu den Planungszielen, das Verfahren des Bebauungsplans 1-64 unter Beachtung vorgebrachter Hinweise weiter verfolgt wird.”

Die Mauerpark-Allianz, ein Zusammenschluss aus Initiativen, Der Linken und den Piraten, informierte schon letzten Donnerstag über die Pläne und die Auslegung. Sie sieht das Prenzlauer Berger Gleimviertel und das Brunnenviertel im Wedding (Bezirk Mitte) von Gentrifizierung bedroht. Eine 3D-Animation läuft dazu auf youtube. Sie lässt die Baumassen in die Höhe wachsen und zeigt die befürchtete Verschattung der betroffenen Anrainer, wie die Jugendfarm Moritzhof.

Planzeichnung des offziellen B-Plan-Entwurfs 1-64a VE: rot bedeutet, die Flächen werden als Wohngebiet ausgewiesen. Grün: öffentlicher Spielplatz. Zu dem Plan gibt es eine schriftliche Begründung, die auch eingesehen, gelesen werden kann. Viel Spaß!

Planzeichnung des offziellen B-Plan-Entwurfs 1-64a VE: rot bedeutet, die Flächen werden als Wohngebiet ausgewiesen. Grün: öffentlicher Spielplatz. Zu dem Plan gibt es eine schriftliche Begründung, die auch eingesehen, gelesen werden kann. Viel Spaß!

Die Allianz bietet einen umfangreichen Service. In ihrem fünfsprachigen Flyer gibt sie den Bürgern, die sich beteiligen wollen, ein Abreißformular an die Hand und bietet auf ihrer website sogar Argumente gegen die Groth-Pläne an. Die Mauerpark-Allianz, zu der auch die mit dem Volksentscheid erfolgreiche Initiative 100% Tempelhofer Feld gehört, bereitet außerdem ein Bürgerbegehren gegen den B-Plan vor.


Die Mauerpark-Geschichte ist äußerst komplex. Man kann sie sich bei Gelegenheit mal erklären lassen – immer montags 19:00 Uhr in der Jugendfarm Moritzhof, Schwedter Straße 90, wo sich die Mauerpark-Aktivisten für Fragen zur Beteiligung zur Verfügung stellen. Mehr Infos zum Plan und zur Auslegung auch auf der website des Bezirksamts Mitte, hier.

Mehr Beiträge auf Futurberlin.de

  • „Der Stadtrat, der aus der Hüfte schießt“ – Wie Mittes Baustadtrat Carsten Spallek weniger Bürgerbeteiligung wagt und mit seinem kuriosen Stil bisher ganz gut fährt (März 2013), im Fokus drei Mitte-Projekte: Mauerpark, Monbijoupark und Marienkirchhof
  • „Ob es klappt, weiß man nicht“ – Interview mit Frank Bertermann (Grüne), Vorsitzender des Stadtentwicklungsausschusses der BVV Mitte, über die damals initierte Bürgerwerkstatt Mauerpark und den aufgstellten Bebauungsplan 1-64 (August 2010)

Mit der Berliner Altstadt sei es wie mit Bordeaux-Weinen, sagt Benedikt Goebel, der im Namen des Bürgerforums Berlin am Dienstag in die Volkshochschule zum Auftakt der Veranstaltungsreihe „Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Berliner Stadtkerns“ einlud. 

„Es dauert ein Weile bis man zum Kenner wird, aber bis dahin hat man einfach eine schöne Zeit.“

Multifunktionsraum in der VHS-Mitte mit den pünktlichen Gästen. Es kamen mehr als zu sehen sind. (Foto: Christina Kautz)

Multifunktionsraum in der VHS-Mitte mit den pünktlichen Gästen. Es kamen mehr als zu sehen sind. (Foto: Christina Kautz)

Der multifunktionale Raum 1.12 in der Linienstraße 162 war gut besucht. Die VHS lieferte Stühle nach. Die Landschafts-architektin Christina Kautz und der Architekt Lutz Mauersberger hielten einen bilderreichen Vortrag über den Ursprung der Doppelstadt Berlin-Cölln und der historischen Stadtentwicklung an der Spree und dem Spreekanal. Und jene Bilder sind es eben, die einen zum Genießer werden lassen, bevor man sich versieht, weil sie Berliner Orte zeigen, die es nicht mehr gibt: Packhöfe, Oberbäume, Unterbäume, Schleusen, Pferdeschwemmen, Wasserkunst, Brückenschmuck, Fischkästen. Und Flussbäder.

Projekt Flussbad Berlin: renaturierter Spreekanal für ein sauberes Schwimmbecken direkt am Lustgarten (Bild: Flussbad Berlin e.V., realities:united)

Projekt Flussbad Berlin: renaturierter Spreekanal für ein sauberes Schwimmbecken direkt am Lustgarten (Bild: Flussbad Berlin e.V., realities:united)

Wobei die historischen Spree-Flussbäder hier eine ziemliche Steilvorlage boten für die Diskussion über das Zukunftsprojekt „Flussbad Berlin“, das auf 750 Meter Länge zwischen Bodemuseum und Schleusenbrücke gebaut werden soll und mit vier Millionen Euro aus dem Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ öffentlich gefördert wird (hier mehr zum Projekt).

Das wird beim Bürgerforum sehr kritisch gesehen. Und Gründe, dem Flussbad-Projekt skeptisch gegenüber zu stehen, gibt es einige, zum Beispiel die Standortwahl: Man brauche sowas nicht an einer prominenten Stelle wie der Museumsinsel, meint Christina Kautz. Lutz Mauersberger macht auf den Preis aufmerksam, mit dem das Schwimmbecken bezahlt wird: die Filteranlage und Moorlandschaft, die den restlichen Spreekanal bis zur Mündung ausfüllen sollen. Und Benedikt Goebel ergänzt, dass Projektbilder eben auch nicht riechen. Sprich: das Projekt beeinträchtige potenziell die Wohnqualität an den angrenzenden Ufern, zum Beispiel auf der Fischerinsel.

Für einen Volkshochschulkurs könnte das für manchen ein bisschen viel Meinung gewesen sein. Oder auch nicht. Kennerschaft bringt am Ende eben auch ein handfestes Urteilsvermögen mit sich. – Prost.


Zum „Flussbad Berlin“ wird es beim Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin (AIV) am 23. Februar eine Veranstaltung geben.

Der nächste Kurstermin für angehende und schon gereifte Stadtkernkenner findet in der VHS Mitte am 17. Februar statt, dann unter dem Thema „Vergessene Schönheit der Berliner Altstadt“.

Kommen unkompliziert: keine Anmeldung nötig, kostenfrei, und Stühle gibt es auf jeden Fall genug.

Sie schaffen Klarheit und Ordnung, teilen die Welt in ein Drinnen und Draußen, in ein Hier und ein Drüben: Zäune sind wieder beliebt in Berlin. Immerhin haben sie Tradition. Ab 1527 hielt ein Zaun das Wild im Wald, der vor dem Schloss der jagenden Kurfürsten lag. 1961 hielt ein weiterer scheinbar wild gewordenes Ostvolk zurück, und die Jagd am Zaun begann von Neuem. 2010 gab es dann den ersten mit regulären Zaunschließzeiten. Drinnen zu sein, auf der Tempelhofer “Freiheit”, war plötzlich ein Privileg. 250 Protestierende forderten die versprochene Freiheit ein und wollten sie auch in der Nacht. Der Zaun steht noch. Der folgende noch nicht: Um den Tiergarten soll einer gebaut werden, wie seit dem Sommer immer wieder berichtet wird. Es ist einer, der Sicherheit verspricht, nicht Freiheit. Gegen den Tiergartenzaun hat sich zwar die Bezirksverordnetenversammlung von Mitte ausgesprochen, aber Mittes BVV-Beschlüsse wackeln mitunter auch. Baustadtrat Carsten Spallek (CDU) will den Zaun ja immer noch. Und ein anderer will einen anderen jetzt auch um den Görlitzer Park errichten. Timur Husein, Bezirksverordneter der CDU in Friedrichshain-Kreuzberg, setzt sich für einen eingezäunten Görli ein, wie der Tagesspiegel berichtet. Aber momentmal, steht um den Görli nicht noch die alte Bahnhofsmauer? Wilde Zeiten sind das, neue Zäune … hohe Zäune. Es ist die Renaissance des Berliner (Jagd-) Reviermanagements.

Und so klingt der Wunsch nach Gehege vom 13. Mai 1527 aus der Feder des Kurprinzen Joachim, des späteren Kürfürsten Joachim II. (aus „Der Tiergarten in Berlin“, Hrsg. Walther G. Oschilewski, arani Verlag, Berlin-Grunewald 1960, S. 5):

„Wir Joachim, von Gottes Gnaden Marggraff zu Brandenburg, der Jüngere, zu Stettin, Pommern, der Cassuben und Wenden Herzogk. Burggraff zu Nürenbergk und Fürst zu Rügen, Bekennen und thun kund öffentlich mit diesem Briefe für Unß, unsere Erben undt Nachkommen und sonst aller männigklich die ihn sehen, hören oder lesen, Nachdem unß Unser lieben getrewen Burgemeister, Rath, Gewerck undt gantz Gemeinde der Stadt Collen allhier auß Unterthenigen geneigten willen off unser gnädig und gütlich ansuchen, zu sondern gefallen für Unß, Unser Erben undt Nachkommen ein Platz und Raum, dahinden bey der freyen Arch, zu einem Thier- und Lustgarten auffzurichten undt zu machen vorgünt undt gutwilliglich zu eigen eingeräumet undt abgetreten, dass Wir Ihn dan in Gunst und Gnaden billich dankbar sein. Also gereden und aussprechen wir hierauff für Unß, Unser Erben und Nachkommen in gegenwertiger Krafft und Macht dieses Brieffes, ob sich in künftiger Zeit begeben, das Wir oder Unsere und Nachkommen solchen Platz und Raum zum Thier- und Lustgarten ferner nicht haben, sondern denselben wieder vergehen lassen würden und wolten, das Wir oder Unsere Erben undt Nachkommen alßdann den vermelten Platz und Raum, so viel sie unns daran gegeben, Niemants ander, dan dem gedachten Bürgemeister, Rath, gewerken undt Gemeinder zu Jederzeit Ihren Nachkommen wiederumb einräumen, zustellen und zueignen sollen, ohn einig hinder oder gefehr. Darzu sollen und wollen Wir bei Unserm Lieben Herrn und Vater, dem Churfürsten zu Brandenburg von solcher Zustellung wegen des Platzes zum forderlichsten darob undt an sein, das Ihnen daßelbe zu keinen Ungnaden oder Nachtheil gereichen soll. Getreulich Ungefehrlich. Zu Urkund mit Unserm hierunten uffgedruckten Secret besiegelt und gegeben Collen an der Spree am Sontage Cantate Anno MDXXVII.“

Wer wird Berlins neuer „Zaunkönig“ anno MMXIII? Die Königsfrage hat bei den Vögeln übrigens auch mit List zu tun, erzählen jedenfalls die Brüder Grimm im gleichnamigen Märchen.

 

Hier ging Herrn Grundeis der Arsch auf Grundeis, als “Emil und die Detektive” ihn in die Bankfiliale jagten: am Nollendorfplatz, Ende Kleiststraße. Und wenig später bekam Emil sein Geld zurück – natürlich alles nur fiktiv in Erich Kästners Kinderroman. Dem Nollendorfplatz sieht man seine Legenden nicht an. Zweifelhaft, ob sich Altkanzler Helmut Schmidt mit seiner Loki hier ein zweites Mal verloben würde, wie er es 1942 tat. Der einstige Schmuckplatz ist verschmutzt, deformiert und grau. Dabei ist der “Nolle” das Tor des Nordens für den gründerzeitlichen Winterfeldtkiez. Schaut man von hier aus nach Westen, erkennt man in der Ferne Peek & Cloppenburg am Tauentzien. Das Kaufhaus drüben ist eine Perle des Metropolenboulevards der City West, aufgereiht neben einer anderen, dem KaDeWe am Wittenbergplatz. Doch dazwischen, was liegt da? Ein Spaziergang durch die Kleiststraße zeigt einen Ort, der sich verändern wird …

Der ganze Artikel ist zu lesen: gedruckt im Magazin „berlin vis à vis“ Nr. 55, Ausgabe Sommer 2013 oder hier online.

Wie Mittes Baustadtrat Carsten Spallek weniger Bürgerbeteiligung wagt und mit seinem kuriosen Stil bisher ganz gut fährt

Bis vor kurzem stammte die aktuellste Meldung auf der Internetseite von Carsten Spallek (CDU) vom 24. August 2012. Die CDU-Fraktion des Bezirks Mitte berichtet dort über die tags zuvor abgebrochene Bezirksverordnetenversammlung (BVV) des Bezirks Mitte im Rathaus an der Karl-Marx-Allee. Von einem “traurigen Tag für die BVV” ist die Rede und von “150 selbsternannten Mauerparkschützern”, die den Saal besetzten und es unmöglich machten, “einen ordnungsgemäßen Beratungsverlauf sicherzustellen”. Besorgt äußert sich der CDU-Fraktionsvorsitzende Torsten Reschke in der Meldung über die Gruppen, “die jegliche demokratische Spielregeln bewusst missachteten”. Sie hatten mal eben ein demokratisch legitimiertes Staatsorgan lahmgelegt. Aber sie reagierten damit auch auf einen verwegenen “Streich” von Baustadtrat Carsten Spallek. Und ein Blick über den Mauerpark hinaus zeigt, dass der Stadtrat auch im Monbijoupark und an der Marienkirche wenig Gespür für adäquate Bürgerbeteiligung besitzt.

Auf einen Streich im Mauerpark

Was war also los im Mauerpark? Vor Mittes Chaos-BVV am 23. August hatte es eine andere, friedvolle gegeben, eine BVV, die man vielleicht als Sternstunde der informellen Bürgerwerkstatt in den Auseinandersetzungen um die Mauerparkpläne bezeichnen könnte. Die BVV hatte im April 2012 beschlossen, die Erweiterung des Mauerparks und die mit ihr zusammenhängende nördliche Bebauung an Bedingungen zu knüpfen. Bedingungen, die die Bürgerwerkstatt stellte: das “Grüne Band” entwickeln, Kaltluftschneise und Kinderbauernhof sichern. Eine Wohnbebauung wäre denkbar, heißt es in dem Beschluss. Sie solle ökologisch, nachhaltig und städtebaulich vertretbar sein. Und: “Bei der Umsetzung der Verfahren und weiteren Planungen ist die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger, wie bisher in der Bürgerwerkstatt Mauerpark geschehen, zu gewährleisten.”

Mit dem Beschluss gelang es der informellen, 2009 von der Politik eingesetzten Bürgerwerkstatt, ihren Willen in den politischen Raum zu hieven. Dabei sollte sie ursprünglich nur gestalterischen Einfluss auf die Grünfläche nehmen. Ihr Wille war jetzt demokratisch legitimiert. Aber sollte ihr Wille auch geschehen?

Die Juni-BVV vor der Sommerpause brachte ihn schon mal ins Wanken. Ein Antrag zielte auf einen mit dem Investor zu seinen Gunsten geänderten städtebaulichen Vertrag, der am 13. Juni in einem Ausschuss vorgestellt, und einen Tag später in der BVV beschlossen werden sollte, dringend. Stadtrat Spallek wollte ihn noch im Sommer unterschreiben.

Als die Bürgerwerkstatt davon erfuhr, äußerte sie in einer Mitteilung:

“Sollte die im Dringlichkeitsantrag gewünschte Maximalbebauung in der BVV eine Mehrheit finden, ist die bisher praktizierte und politisch gewollte überbezirkliche Bürgerbeteiligung (Bürgerwerkstatt) sinnlos geworden, da ihre Postitionen und Ergebnisse auf den Kopf gestellt werden. Damit wird die bisher erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Bürger aufgekündigt.”

Sie wurde es erstmal nicht, denn der Antrag wurde auf den 23. August vertagt, jenen “traurigen Tag für die BVV”. Ende Juni, als Politik und Presse schon die Ferien planten, setzte dann Carsten Spallek noch einen Bezirksamtsbeschluss (BA-Beschluss) “über die nächsten Schritte für den Mauerpark” aufs Gleis. Schwarz auf weiß finden sich darin die investorenfreundlichen Inhalte des städtebaulichen Vertrages, die schon im Dringlichkeitsantrag standen, aber noch nicht durch das Bezirksparlament beschlossen waren. Welche demokratische Spielregel missachtet Spallek in diesem Fall? Das Bürgerinitiativen-Netzwerk BIN Berlin nannte das einen “Staatsstreich”, und Alexander Puell, Vereinsvorsitzender der Freunde des Mauerparks, die sich in der Bürgerwerkstatt engagieren, spricht von einem “Faustschlag ins Gesicht der Bürgerwerkstatt”.

Denn der städtebauliche Vertrag legte für die Bebauung nördlich des Gleimtunnels den Entwurf des Architekturbüros Lorenzen zugrunde, den ersten Preisträgerentwurf aus dem städtebaulichen Wettbewerb, den der Investor 2010 durchführte und den die Bürgerwerkstatt schon im Februar 2011 abgelehnt hatte. Hier zeigen sich die Grenzen ihrer damaligen Einflussmöglichkeiten, und desto höher ist die Bedeutung des späteren BVV-Beschlusses vom 19. April 2012 einzuschätzen, des Bürgerwerkstatt-Kompromisses, der von SPD, CDU und Grünen gemeinsam gefunden und getragen wurde. Aber wie sicher ist ein BVV-Beschluss?

Als dann am 23. August die BVV sich selbst vertagte, ohne über den Mauerpark-Vertrag zu beschließen, hatte sich mehr gebildet als die 150-köpfige Protestlergruppe, die die Politiker störte.

“Wir haben uns bereits in der Sommerpause eingehend zu diesem BA-Beschluss beraten und auch die Fraktionen in Pankow hinzugezogen”,

… sagt Franziska Briest (Grüne). Heraus kam ein bezirksübergreifendes Bündnis, dem sich sogar der CDU-Ortsverband Schönhauser Allee anschloss, Parteigenossen Spalleks. Es forderte unter anderem, an der Gestaltung des städtebaulichen Vertrags auch das Bezirksamt und die BVV Pankow mitzubeteiligen. Außerdem solle der städtebauliche Vertrag “erst im Ergebnis eines Bebauungsplanverfahrens” abgeschlossen werden. Aber wieder lag wegen Vertagung die Entscheidung in der Luft, und es blieb spannend, wenn auch nur für drei Wochen.

Dann tagte die BVV unter besonderen Bedingungen nicht im Rathaus Mitte, sondern unter Polizeischutz und obligatorischer Platzreservierung in einer Schulaula. Ergebnis: Der Antrag wurde endlich beschlossen. Aber Carsten Spallek hatte Glück gehabt. Fünf Bezirksverordnete aus den Reihen der Gegner des Antrags fehlten. Wären sie gekommen, hätte die Abstimmung mit 24:24 anders ausfallen können.

“Auch ich hätte selbstverständlich einem Antrag, der einen BVV-Beschluss aushebelt und Bürgerbeteiligung ad absurdum führt, nicht zugestimmt”,

… versichert Franziska Briest, die krank war. Mit diesen Worten bringt sie auf den Punkt, was passiert war. Nur 19 stimmten am 13. September gegen den Mauerparkvertrag. Der Wille Spalleks war geschehen, ein Beschluss rückgängig gemacht, und alles hatte wieder seine parlamentarische Ordnung.

Der tiefenentspannte Stadtrat

Die Saison für die Märchenhütte im Monbijoupark hatte am 7. November 2012 noch nicht begonnen, aber die Schauspieler probten schon. Am späten Nachmittag lief “Hase und Igel”. Im Anschluss kam Carsten Spallek. Als der Stadtrat, kurz nach 18 Uhr und fasziniert von der tollen Akustik, in der Märchenhütte die Bühne betrat, sah es zunächst so aus, als wolle er Gericht halten, anstatt eine Bürgerversammlung zu leiten. Da saß in der einen Ecke Stefan Erfurt, der für das C/O Berlin bis zum 31. Dezember eine “Arche Noah” suchte und glaubte, sie in den Atelierhäusern des Parks gefunden zu haben. Und drüben saß der Geschäftsführer des Hexenkessel Hoftheaters Christian Schulz, der in der Hütte quasi Hausherr war.

Spallek ließ die scheinbaren Kontrahenten zu Wort kommen. Es sah so aus, als müsse hier zwischen zwei Kulturtreibenden vermittelt werden. Der eine rückt dem andern auf die Pelle, und dieser lässt es sich mehr oder weniger gefallen. Wo war das Problem?

Erst als Frank Bertermann (Grüne), Mittes Vorsitzender des Ausschusses für Stadtentwicklung, aus dem Publikum heraus auf das aufmerksam machte, was die Aufgabe des Stadtrats gewesen wäre, kam Schwung in die Bude. Man müsse den Leuten offen sagen, dass es für den Monbijoupark einen rechtskräftigen Bebauungsplan (B-Plan) gäbe, der eine Grünfläche vorschreibe und eine kulturelle Nutzung überhaupt nicht zulasse. Dieser B-Plan war aber nirgendwo im Raum zu sehen. Spallek hatte ihn den Bürgern einfach vorenthalten.

Und wie realistisch war der C/O-Rettungsakt überhaupt? Damit die Fotogalerie in die Atelierhäuser hätte ziehen können, hätten sie umgebaut und erweitert werden müssen. Dafür hätte Stefan Erfurt eine Baugenehmigung gebraucht. Um sie zu bekommen, hätte der B-Plan geändert werden und eine zweistufige Bürgerbeteiligung durchgeführt werden müssen. Das alles in weniger als acht Wochen? “Das war kurz vor ultimo, hätte man sich sparen können”, meint Frank Bertermann heute. Das war wohl auch Carsten Spallek klar, denn der Stadtrat gab sich locker: “Ich bin ganz tiefenentspannt.”

Schauspieler klopfen auf einmal an die Tür. Wann wir fertig wären, fragen sie. Die Diskussion hatte gerade erst begonnen, da musste sie aus Zeitgründen schon wieder abgewürgt werden. Um 19 Uhr kamen die “Bremer Stadtmusikanten”. Der Stadtrat und seine Bürger mussten wieder gehen. Das war lachhaft, aber man saß ja im Theater.

Die Bürgerversammlung in der Märchenhütte war eine Veranstaltung reinster Desinformation. Das begann schon mit der Einladung: Es gab keine, sondern nur eine Presseerklärung. Bertermann erzählt, es wäre den Kiezinitiativen zu verdanken, dass überhaupt Leute kamen. Er und die Grünenfraktion in Mitte haben im Dezember an Spallek eine BVV-Anfrage gerichtet. Sie trug den Titel “Tiefentspannte Märchenstunde im Schwarzbau”.

Ja, die Märchenhütte ist selbst ein mutiger Streich, seit Jahren geduldet, aber offiziell nicht genehmigt. Deshalb stellte sich mit den Standortwünschen der C/O Galerie für den Bezirk Mitte prinzipiell die Frage, ob man den Monbijoupark mit den Atelierhäusern, der illegalen Märchenhütte und dem “fliegenden Bau” des Hexenkessel Hoftheaters zu einem Kulturstandort ausbaut oder als Park vollendet, wie es im B-Plan steht.

Diese perspektivische Frage, die Carsten Spallek in der Märchenhütte sorgfältig ausklammerte, stand nicht erst seit November 2012 auf der Tagesordnung, sagt Bertermann. Schon zu Ephraim Gothes Zeiten wollte man mit den Bürgern diese Frage diskutieren. Der Amtsvorgänger von Carsten Spallek, der heute Staatssekretär in der Senatsverwaltung ist, hatte dem neuen Stadtrat ein Erbe hinterlassen. Spallek schob das Bürgertreffen ein ganzen Jahr vor sich her bis es für einen realistischen Umzug des C/O Berlin einfach zu spät war. Die Galerie zieht im Frühling ins Amerika-Haus am Bahnhof Zoo.

Unter anderem wegen dieser aufgeschobenen Bürgerbeteiligung, auch wegen seines Vorgehens im Mauerpark, sah sich der Stadtrat 2012 sogar mit einem Missbilligungsantrag von der Grünenfraktion konfrontiert. Aber zum zweiten Mal in der Geschichte bleibt der Stadtrat ein Spallek im Glück, denn der Antrag wurde mehrheitlich abgelehnt. Wer so breite Unterstützung erhält, hält sich sicher an die Spielregeln. Nur mit der Wahrheit kann man dann offenbar etwas ungenauer sein. So gab die Abteilung des Stadtrats in einem Bericht an die BVV die Dauer jener “Märchenstunde” mit 18 bis 20 Uhr an. Aber Wahrheitstreue ist nur eine Tugend.

Know-how für das Herz der Stadt

Wo durch die Türe eines Gotteshauses, noch dazu eines mittelalterlichen Schmuckstücks wie der Marienkirche in Mitte, Urin fließt, ist Tatkraft gefragt und entschlossenes Handeln. Erst recht, wenn die Stadt gerade ihr 775-jähriges Jubiläum feiert und die Gemeinde schon in fünf Jahren 500 Jahre Reformation. Den Klagen der Kirchengemeinde St.Petri-St.Marien über die zunehmende Verwahrlosung des Umfelds der Marienkirche durch ungebetenes Nacht- und Partyvolk kam das Bezirksamt Mitte direkt mit der Beauftragung der Landschaftsarchitekten des in Mitte bewährten Büros Levin Monsigny nach. Architekt Rob Grotewal stellte die Entwürfe für die geplante Umgestaltung im September 2012 in der Kirche vor. Das war der Beginn und sogleich das Ende kritisch-konstruktiver Auseinandersetzung des Bauamts mit der interessierten Öffentlichkeit.

Carsten Spallek saß an jenem Nachmittag in der Kirchenbank wie alle andern. Übermorgen würde die BVV über den Mauerparkvertrag abstimmen. Ob er daran dachte, war ihm nicht anzusehen. Der Park lag drei Kilometer von der Kirche entfernt; das Ende des Jahres nur etwa zehn Wochen. Bis dahin mussten für die Umgestaltung des Kirchenumfelds die Fördermittel beantragt werden und die Planung abgestimmt sein. Vielleicht hatte der Stadtrat an diese Tunnelperspektive gedacht, als die Kritik der historischen Vereine ihm nach der Präsentation der Entwürfe die ein oder andere ehrlich gemeinte Antwort entlockte. Er halte eine Gesamtplanung für nicht realistisch und sehe die Möglichkeit dafür erst ab etwa 2020, auf keinen Fall in dieser Wahlperiode, sagte er.

Was die Bürger mit Gesamtplanung da forderten, weist darauf hin, dass die Kirche “heiß” ist. Denn sie ist Anrainer und Teil des Riesenfreiraums, den man neuberlinerisch “Rathausforum” nennt, der Fläche zwischen Fernsehturm und Spree, über die sich Politiker und Architekten die Mäuler zerreißen, weil sie schon bald unter den Hammer kommen soll. Aber darüber entscheiden Landespolitiker. Es sieht aus, als solle der Stadtrat die Kirche im Hof lassen.

Dass darunter Berlins vergessene Altstadt liegt, deren Reste unterirdisch die ganze Kirche umgeben, macht es nicht leichter und sollte ein Argument dafür sein, einen kühlen Kopf zu bewahren, sich Zeit zu nehmen. Aber die Wortwahl Rob Grotewals, des Architekten, bekundet schon die emotionale Grundhaltung im bevorstehenden Planungsakt. Schnell muss es gehen, und natürlich ringt die Kirche mit dem Rathausforum: Grotewal will erreichen, “dass die Kirche wieder Luft zum Atmen hat.“ Sie liegt 1,50 Meter unter dem Platzniveau, eingepfercht in den gepflasterten Boden und umwachsen von Büschen, in denen Passanten bevorzugt den Abort sehen. Der Plan: mehr Licht. Bäume fällen, Büsche beseitigen und neue Straßenlampen aufstellen; auch ein öffentliches Klo.

Aber zum Plan gehörte im September auch, die Kirche durch ein großflächiges Rechteck aus langen Steinbänken einzurahmen und das Erdreich, das die Kirche bedrückt, bis zu diesen Bänken abzugraben. Vor allem an diesem willkürlichen Rechteck, das dem einstigen Marienkirchhof nicht entspricht, rieben sich die Historiker und Altstadtfans, fragen den Stadtrat in der Kirche: “Warum nicht in historischer Authentizität?”

Am Ausgang der Marienkirche steht ein Ideenkasten. Carsten Spallek nimmt die Wünsche der Bürger mit aufs Amt. Ähnliches passiert mit dem Konzept von Rob Grotewal; noch hängt es in der Nähe des Altars. Viele fotografieren, denn es ist das erste und letzte Mal, dass die Eingeladenen dazu die Möglichkeit haben. Wissen tun sie das nicht.

Zwei Monate später entscheidet sich der Ausschuss für Grünflächen für ein Konzept, in dem Cortenstahlbänder, wie man sie von der Mauergedenkstätte kennt, den alten Marienkirchhof im Boden abbilden sollen. Es ist die Antwort auf die angemahnte Authentizität. Das unauthentische Rechteck aber bleibt. Vor diesem 21. November hatte das besorgte Bürgerforum Historische Mitte, in dem sich mehrere Vereine zusammengeschlossen haben, in einem Brief den Stadtrat gefragt, wann die überarbeitete Planung vorgestellt werden solle. Man dachte an eine Bürgerveranstaltung Nummer zwei. “Jetzt, hier in der Ausschusssitzung”, antwortete Carsten Spallek, der eine Debatte mit der Öffentlichkeit über den außergewöhnlichen Ort nicht für notwendig hält und auch deren Expertise nicht.

Dabei gäbe es Diskussionsbedarf. Das Bürgerforum schreibt in einem Positionspapier nach der Sitzung des Ausschusses: “Die Interpretation der Bürgerveranstaltung in der Marienkirche, es seien mehr ‘Brüche’ und ‘mehr Kollision’ gewünscht, die sich dann gestalterisch nach wie vor in einem geschichtslosen rechteckigen Marienkirchenumfeld und noch mehr Cortenstahlbändern ausdrückt, empfinden wir als oberflächlich.” Es müsse “einen Modus der Bürgerbeteiligung an der Fortschreibung der Planung geben”, so das Bürgerforum, und Planungsstände und Planänderungen sollten veröffentlicht werden. Tatsächlich war es ein Modus des Versteckspielens. Wer im September seine Kamera vergessen und im November den Ausschuss verpasst hatte, sah das Konzept erst am 13. Dezember wieder – und dann als eingeladener Journalist. Denn Carsten Spallek stellte die Pläne jetzt nur noch in einem Pressegespräch vor.

Frisch aus dem Urlaub zurückgekehrt, man darf vermuten “tiefenentspannt”, erteilte er dem Bürgerforum bei der Pressekonferenz eine weitere Absage. Anliegen des Bürgerforums war außer der historischen Authentizität immer auch die Frage gewesen, in welchem Umfang und an welchen Stellen Ausgrabungen geplant seien. Waren im November noch Grabungen im Südwesten der Kirche vorgesehen, sagte Spallek lapidar im Dezember: “Das machen wir erstmal nicht”. Im Frühling sollen die Bauarbeiten beginnen.

Vorher fordert das Bürgerforum Historische Mitte eine Beteiligungsveranstaltung. In einer Pressemitteilung vom Dezember bedauern die Mitglieder “die mangelnde Öffentlichkeitsarbeit, die falschen Darstellungen und die Zurückweisung von Sachkenntnis sehr”. Welches Zeichen setzt der Stadtrat, der hier aus der Hüfte zu schießen scheint, für den Umgang mit der historischen Altstadt von Berlin, wenn er den Historikern im Jubiläumsjahr der Stadt die Diskussion verweigert?

In Mitte nichts Neues?

An der Marienkirche war es nicht Glück und auch nicht Tiefenentspannung, die Carsten Spallek an sein Ziel führten. Der Stadtrat von Mitte hat hier einfach ortsrelevante Interessen am Wegesrand stehen lassen. Was hatte er zu verlieren, wäre er offensiv mit ihnen umgegangen – Zeit?

Die fehlte ihm schon in der Märchenhütte, wo seine Bürgerveranstaltung vom 7. November wegen der geschilderten unrealistischen Perspektive für den Umzug des C/O Berlin glatt als Schauspielerei durchgeht. Hier hat Spallek Glaubwürdigkeit eingebüßt. Wie ernst kann man ihn bei künftigen Beteiligungsbekundungen nehmen, sollte es sie je geben?

Das sollte sich vor allem die Bürgerwerkstatt im Mauerpark fragen, die weitermacht im Ringen um die Gestaltung des neuen Mauerparks und heute so tut, als hätte es Spalleks Streich vom Sommer letzten Jahres gar nicht gegeben. Als sie sich Ende Januar 2013 in der Ernst-Reuter-Schule im Weddinger Brunnenviertel neu konstituierte, war Stadtrat Carsten Spallek nicht unter den Anwesenden. Es hatten sich “Störer” angekündigt, die dieses Mal aber nicht gekommen waren.

Natürlich war einer gestern Abend nicht da: Carsten Spallek. Was hat schon ein Baustadtrat auf einer Veranstaltung zu tun, die nur dazu dient, weitere Veranstaltungen anzukündigen? Erst recht, wenn es sich dabei um die Bürgerwerkstatt im Mauerpark handelt. Sie ist keine politische Angelegenheit, sie ist eine Sache der Verwaltung und damit der Grün Berlin GmbH und der von ihr beauftragten Mediatoren Martin Seebauer und Beate Voskamp, die mit Mikrophonen und übergroßen, an die Brust gehängten Namensschildern in der Weddinger Ernst-Reuter-Schule stehen.

Genau wie vor über zwei Jahren sprechen Voskamp und Seebauer mit Bürgern, die gewillt sind, sich mit Ideen, Wünschen und Ansprüchen in die Gestaltung des neuen Mauerparks einzubringen. Mit Bürgern, die darüberhinaus über die beabsichtigte Bebauung nördlich des Gleimtunnels verhandeln wollen, sprechen sie nicht. Zum Beispiel mit Jörg Schleicher von der Stiftung Weltbürgerpark, der sich von Seebauer ausgegrenzt fühlt und im Laufe des Abends öfter dazwischenruft. Aber der Mediator hat dazugelernt. Schleicher wird grundsätzlich abserviert; die Bürgerwerkstatt hat ein Vorspiel.

Jetzt soll weitergespielt werden, und zwar so: Das erste Treffen der Bürgerwerkstatt ist für März geplant. Interne Arbeitstreffen wechseln sich mit öffentlichen Infoveranstaltungen ab. Seebauer will die Bürgerwerkstatt für Interessierte erweitern; bisher seien etwa 40 Teilnehmer registriert, sagt er. Die Ergebnisse sollen auf einer Liste fortgeschrieben werden, die jederzeit und für jedermann auf der Internetseite von Grün Berlin eingesehen werden können. Thematisiert wird nur die Fläche zwischen Gleimstraße im Norden und Bernauer Straße im Süden, also die zukünftige Grünfläche. Und: Seebauer erbittet sich einen fairen Umgang miteinander und erwartet von den Mitgliedern der Bürgerwerkstatt eine kontinuierliche Präsenz.

Obwohl die Bürgerwerkstatt 2011 offiziell für gescheitert erklärt wurde, haben Teile von ihr im Stillen weitergearbeitet. Vorne im Saal hängt ein Konzept (Ausschnitt siehe oben), das Alexander Puell erläutert. Der Park soll vor allem im Interesse der Anwohner gestaltet werden, weniger für die Touristen. Deshalb sollen in der Westhälfte vier Reihen Bäume gepflanzt werden, ein „Platanenhain“, während die Osthälfte auch in Zukunft frei bleiben soll. So verhält es sich auch mit Nord und Süd: Gegenstück für die „quirlige“ Nutzung, wie Puell die Gastronomien und den Flohmarkt an der Bernauer Straße bezeichnet, soll ein Spielgarten mit Teehaus sein, der sich in Höhe des Falkplatzes an der Max-Schmeling-Halle befinden soll. Puell will den Mauerpark nach Norden hin „befrieden“, wie er sagt.

Tolle Idee! Aber gerade im Norden, jenseits des Gleimtunnels (siehe Abbildung unten, roter Bereich), stehen die Zeichen auf Auseinandersetzung. Vor allem die Anwohner der Schwedter Straße im Prenzlauer Berger Gleimviertel wehren sich gegen den städtebaulichen Vertrag, der hier den Bau von 600 Wohnungen mit einer Geschossflächenzahl von 1,7 erlaubt und von der Bezirksverordnetenversammlung Mitte im letzten September nach mehreren verschobenen Sitzungen und mit knapper Mehrheit beschlossen wurde. Der Vertrag war zuvor entgegen dem Kompromiss, den die alte Bürgerwerkstatt und der Bezirk Mitte ausgehandelt hatten, zu Gunsten des Investors kurzerhand geändert worden, was vom Bürgerinitiativen-Netzwerk BIN Berlin als „Staatsstreich“ kritisiert worden war.

Neben der wieder anlaufenden Bürgerwerkstatt-Reihe zur Gestaltung der Grünfläche wird es in den nächsten Monaten auch die Fortführung des Bebauungsplans 1-64 geben. Er soll den städtebaulichen Vertrag „absichern“, wie Hans Göhler von der Grün Berlin GmbH dem Publikum erklärt. Der B-Plan soll irgendwann 2014 festgesetzt werden, nachdem die rechtlich vorgeschriebene Bürgerbeteiligung durchgeführt wurde – die mit der informellen Bürgerwerkstatt nicht zu verwechseln ist. Es hatte sogar schon eine frühzeitige Bürgerbeteiligung gegeben, die erste Stufe im Verfahren, auf der das Bezirksamt Mitte offenbar direkt aufbauen will, ohne den Verfahrensschritt zu wiederholen, wie Frank Bertermann (Grüne), Vorsitzender des Ausschusses für Stadtentwicklung in Mitte, sagte. Er fordert, das B-Planverfahren mit allen Verfahrensschritten zu wiederholen, da sich die Planungsbedingungen ja geändert hätten und außerdem im Raum stehe, den B-Plan vielleicht in verschiedene Bereiche zu teilen.

Auch wenn im Juni schon der zwei Hektar große, erste Teil der Grünfläche fertig sein soll (siehe Abbildung, dunkelgrüner Bereich), erstmal als Zwischennutzung, wird spannender bleiben, was aus dem Bebauungsplan wird. Ohne ihn, kann die Groth-Gruppe nördlich des Gleimtunnels nicht bauen. Aber ohne ihn wird im Zweifel auch der städtebauliche Vertrag rückabgewickelt, erklärt Göhler, und dann wird es auch mit dem zweiten Teil der Grünfläche nichts (hellgrüner Bereich). Wer hat sich das wohl ausgedacht?


weitere Artikel zum Thema:

„Ins Schwärmen kommt man da nicht“, sagte ein Mann gestern im Berliner Dom auf der Diskussionsveranstaltung zum Siegerentwurf für die neue Freiraumplanung rund um das zukünftige Schloss. Prompt kam die Antwort vom Podium, in dieser Stadt käme man überhaupt nirgends ins Schwärmen. – „Aua“, sagt da Berlin. „Bin ick euch nich mehr scheene? Für meene uffjespritzte Lippen kann ick ja nüscht, und ooch die Zähne habt da mir jezogen, bis uff een‘, aber globt man nich, ihr könnt ma die Haarnadel aus meine Fastglatze ziehn! Ick sare euch eens: Ick freu mir uff mein neuet Glasooge wie sonst watt, ooch wenn’s woll’n blinder Fleck bleiben wird, ick vastehe nur nich, wieso man mir jetze schon den Lidschatten malt!??“

Kleines Quiz: Was ist gemeint mit den „uffjespritzten Lippen“ von Berlin? Was mit dem „letzten Zahn“, der „Haarnadel“, der „Fastglatze“, dem „Glasooge“ und und dem „Lidschatten“?

 

— Bericht — Das Bezirksamt Mitte will das Umfeld der Marienkirche neugestalten. Das von ihm beauftragte Landschaftsarchitektur-Büro Levin Monsigny hat am Dienstag ein Konzept vorgestellt. Es soll ein steinerner, rechteckiger Platz entstehen, der die Kirche einfasst und den Marienkirchhof wieder erkennbar macht; auch das Luther-Denkmal soll vor die Kirche zurückkehren, das heute an ihrer schattigen Nordseite steht. Architekt Rob Grotewal möchte, “dass die Kirche wieder Luft zum Atmen hat”.

Damit will der Bezirk der zunehmenden Verwahrlosung vor Ort wieder Herr werden. Roland Stolte, theologischer Referent der evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien, hält den Zustand für nicht tolerierbar. Er beschwert sich über den Urin, der unter den Türen durchläuft und über Fäkalien an den Außenwänden der Kirche, und spricht von einer “Diskrepanz zwischen der Sorgfalt im Inneren und der Verwahrlosung außen”.

Kritisiert wird das Konzept von der Gesellschaft für Historisches Berlin (GHB) und vom Bürgerforum Historische Mitte. Klaus Krause von der GHB findet die Absenkung des Marienkirchhofs im Grunde gut, fordert aber eine Gesamtplanung des Rathausforums, weil er befürchtet, dass Fakten geschaffen würden, die einer späteren Gesamtplanung im Wege stehen könnten.

Baustadtrat Carsten Spallek (CDU) sieht für einen Masterplan Rathausforum aber wenig Chancen, zumindest “nicht in dieser Wahlperiode”. Er hält das aktuell für nicht realistisch und sieht die Möglichkeit für eine Umgestaltung des Kirchhofs – würde man auf eine Gesamtplanung warten – erst wieder im Jahre 2020.

Das Bürgerforum lobt den guten Willen des Bezirks und des Büros, fordert aber, die historische Figur des Marienkirchhofs besser zu berücksichtigen. Stadtplaner Hildebrand Machleidt fragt: “Warum nicht in historischer Authentizität?” Und für den Historiker Benedikt Goebel steht das Konzept sogar in der radikalen, seit 170 Jahre währenden Modernisierungstradition, die den Stadtraum fortlaufend zerstöre. Er forderte Bezirk und Senat auf, das Konzept zu überdenken und “es anders zu versuchen, es anders zu wollen”, so Goebel.

Nur das Denkmal Martin Luthers wollen alle. Kunsthistoriker Jörg Kuhn vom Arbeitskreis Luther-Denkmal kündigt an, es werde eine moderne Interpretation des

historischen Sockels geben und im Januar 2013 ein Expertentreffen für die Planung stattfinden. Das Denkmal wurde 1895 auf dem Neuen Markt vor der Kirche gebaut, kam zu DDR-Zeiten nach Weißensee und wurde im Oktober 1989 an der Karl-Liebknecht-Straße einzeln, ohne Beifiguren wieder aufgestellt.

Der Umbau solle Mitte 2013 beginnen und 2015 enden, sagte Christoph Katerbau vom Landschaftsplanungsamt Mitte. Bauunterbrechungen seien wegen potenzieller Ausgrabungen einkalkuliert. Im September soll das Bezirksamt einen Beschluss fassen, dann die Kosten für eine Finanzierungszusage vorbereiten. Die Finanzierung sei “das ganz, ganz, große Fragezeichen”, so Katerbau. Es handele sich dabei um einen 7-stelligen Betrag, sagte er.

— Audio — Der Bezirk Mitte will das Umfeld der Marienkirche verschönern. Ihr Pfarrer beschwert sich über Urin und Fäkalien im Außenraum. Ein Architekt hat gestern in der Kirche sein Konzept vorgestellt. Er will sie mit steinernen Sitzbänken einrahmen und das Luther-Denkmal vor den Eingang der Kirche zurückholen. Zu kurz gegriffen im Großen, meint die Gesellschaft Historisches Berlin und fordert eine Gesamtplanung für das Rathausforum. Zu kurz gegriffen im Detail, meint das Bürgerforum Historische Mitte, die in dem „sinnlosen, großen Rechteck“, wie Benedikt Göbel das Konzept beschreibt, Schwierigkeiten hat, den historischen Marienkirchhof wiederzuerkennen. Hier der ganze Kommentar des Historikers in Audio … (und wegen der überbordenden Akustik der Marienkirche zum Mitlesen ins Zitat gesetzt.)

[audio:https://futurberlin.de/wp-content/uploads/2012/09/Auszug-Benedikt-Göbel.mp3|titles=Kommentar von Benedikt Göbel]

Mein Name ist Benedikt Göbel, ich bin Historiker und auch Teil der Planungsgruppe Stadtkern des Bürgerforums Historische Mitte. Ich möchte gerne in aller Kürze sagen, dass aus meiner historischen Betrachtung in diesem Stadtraum Alt-Berlin/Alt-Cölln seit 170 Jahren radikal modernisiert worden ist; die alte Stadt ist zerstört worden und banalisiert. Diese Planung, die uns heute vom Büro Levin Monsigny vorgestellt worden ist, im Auftrag des Bezirksamtes, des Senats, steht für mich in dieser Modernisierungstradition. Ihre Planung ist gut gemeint, Sie meinen es gut, Sie führen schöne Worte im Mund. An der Folie stand, dem Genius Loci wird man nur gerecht, wenn man (…). Was machen Sie aber faktisch? Faktisch ästhetisieren Sie diese Brachialmodernisierung, die in den 60er/70er Jahren durchgeführt worden ist; Sie verharmlosen sie, Sie verschleifen sie; Sie führen ein sehr großes Rechteck, völlig sinnloses großes Rechteck ein, in den Stadtraum, parallel zur großen Achse; und Sie ignorieren, treten mit Füßen die historische Figur des Marienkirchhofs. Das ist eine weitere Banalisierung und Zerstörung dieses Stadtraums. Und ich kann den Bezirk, den Senat, der das verantwortet, nur dringend dazu ermuntern, es anders zu versuchen, es anders zu wollen; dem Ort gerecht zu werden, indem man ihn ernst nimmt, und wirklich die historischen Schichten in die gegenwärtige Gestaltung in echten Dialog treten lässt und es nicht alles zudeckt mit neuer Art von Oberfläche. Vielen Dank.

[flattr btn='compact' cat='audio' tag='Marienkirchhof' /]

— Nachricht — Am Freitag hat der Tagesspiegel in seiner Serie “Platz da!” mit Anwohnern, Initiativen, Architekten und Politikern auf einer Veranstaltung im Goya in Schöneberg über die Zukunft des Nollendorfplatzes geredet. Wie die Zeitung berichtet, hätten Anwohner das radikale Konzept von Janine Teßmer und Janika Schmidt favorisiert. Die Studentinnen der Landschaftsarchitektur hatten Pläne für die Umgestaltung des Platzes in einem Projekt der Technischen Universität Berlin erarbeitet (Futurberlin berichtete, siehe “Nolle unter die Lupe genommen”). Sie schlagen einen Kreisverkehr vor, der aus dem Verkehrsplatz wieder einen Stadtplatz mit Aufenthaltsqualitäten machen soll. Das fordert auch Florian Mausbach in einem zuvor erschienenen Artikel im Tagesspiegel; der Parkplatz vor dem Goya verhindere den würdigen Auftrtitt des geschichtsträchtigen Kulturdenkmals, so der Stadtplaner. Überhaupt fragt er nach dem Schönheitssinn und Gestaltungswillen Berlins und fordert in Anbetracht des vermüllten Neptunbrunnens unter der Hochbahn “Blumen statt Kronkorken”. Auch auf Berlin als Fahrradstadt weist er hin, indem er eine Radstation unter der Hochbahn am Platz vorschlägt. Anwohner wünschten sich in diesem Punkt, so der Tagesspiegel weiter, auch eine Verkehrsberuhigung und fahrbahnintegrierte Radwege in der Maaßenstraße. Ein Umbau der Verkehrswege, wie ihn die Studentinnen vorschlagen, wäre aber kostenintensiv. Stadträtin Sibyll Klotz (Grüne) versuche daher, etwas mit kleinen Maßnahmen zu bewirken; etwa durch den Rückbau von Straßenecken, wie schon geschehen an der Kleist-/Ecke Einemstraße. Im August starte ein Dialog mit Bürgern, Interessengruppen und Investoren. Dabei ginge es aber um den gesamten Kiez bis zum Winterfeldtplatz. (Tagesspiegel, Futurberlin)

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Bürger platzen mit Bannern ins Tempelhofer Feld-Bürgergespräch: "Früh stören" - na, wenn das nicht zur Fußball-EM passt! (Foto: André Franke)Moderatorin Ursula Flecken greift zum Mikro, um es sogleich wieder aus der Hand zu geben. Ohne das vorher gewusst zu haben. Als die Stadtplanerin das Publikum zum Bürgergespräch über die Zukunft des Tempelhofer Feldes begrüßt, ziehen Bürgerinitiativen aus Kreuzberg, Neukölln und Tempelhof mit Bannern vor der Brust vor den Altar der Passionskirche am Marheinekeplatz. Dass man in die Kieze hineingehen wolle, teilt sie mit. Dann kann das Publikum auf den Transparenten lesen: “Kiez wehrt sich” und “Wir wollen keine Spielwiese, wir wollen die Freiheit, wie sie ist!”

Die Bürger fordern das Wort. Ursula Flecken lenkt ein. “Ich gebe das Mikrofon für fünf Minuten aus der Hand”, sagt sie. Doch es wurden mehr als dreißig. Erst liest eine Frau vom “Mieterrat Chamissoplatz” aus einer vorbereiteten Erklärung. Dann fordert ein Mann von “100% Tempelhofer Feld” die Sicherung des gesamten Tempelhofer Feldes als Freiraum und einen direkten Dialog mit der Politik, gefolgt von einem jungen Aktivisten aus Neukölln, dessen Initiative noch in der Gründung sei und noch keinen Namen hätte, wie er sagt. “Es ist eine soziale Frage”, sind seine letzten Worte, als noch schnell eine Piratin nach vorn springt und ihre Unterstützung für “100% Tempelhofer Feld” kund tut. Wer an diesem Donnerstagabend moderieren will, hat ein dickes Brett zu bohren.

So, jetzt sei alles raus, möchte man meinen. Als wäre dieser Fehlstart nicht schwierig genug, bekommt Ursula Flecken auch noch einen nicht bestellten Co-Moderator an die Seite gestellt. Ein Anwohner mit stadtplanerischem Hintergrund erklärt sich selbst dazu und will sie durch die Abend-Veranstaltung begleiten. Er stellt erstmal das Programm um und schlägt eine große Fragestunde vor.

Gegen 18:45 Uhr kommt endlich Ursula Flecken wieder zu Wort. Sie erklärt sich solidarisch und findet den Programmvorschlag und die eigene Themensetzung der Bürger erstmal gut. Gerne würde sie aber erläutern, welches Programm sie und der Veranstalter, die Tempelhof Projekt GmbH, sich für heute Abend ausgedacht haben. “Wir wollen informieren”, stellt sie klar. Über den aktuellen Stand der Planung, auch wären Arbeitsgruppen vorgesehen. – Aber das Publikum lässt sie nicht. Ein Mann ruft dazwischen: “Wir wollen nicht, dass in der Zeitung steht, man hätte die Bürger informiert!” Die Zwischenrufe reißen nicht ab. Es war weiß Gott nicht der erste. Apropos: “Das Wort Gottes hören”, steht an der märchenhaften Backsteinkanzel. Im Rücken von Flecken.

Doch aus der Fragestunde wird nichts. Die Moderatorin erkennt, dass es im Publikum durchaus Interesse daran gibt, was die Veranstalter zu berichten haben. Auf Nachfrage melden sich eine Hand voll Leute. Und als Ursula Flecken die Rebellen geschickt fragt, ob sie es den Neutralinteressierten wirklich verwehren möchten, zu ihrem Recht auf allgemeine Information zu kommen, da können die Lautstarken, so wütend sie auch sind, dann doch nicht anders und stimmen der Quickinfo zu.

Zuvor war schon der Versuch gescheitert, den Landschaftsarchitekten der geplanten Parklandschaft seine Ideen erläutern zu lassen und der Diskussion eine Grundlage zu geben. Der Co-Moderator schritt ein, forderte im Auftrag der Initiativen die Fragerunde ein. Der Architekt von GROSS.MAX. aus Edinburgh kam nicht zu Wort.

Ursula Flecken gibt das Wort also an Martin Pallgen von der Tempelhof Projekt GmbH. Nur kurz. Vorm Altar kommen jetzt Beamer und Leinwand zum Einsatz. Gäste aus dem Publikum hatten schon vor Beginn der Veranstaltung über Pallgens Outfit gelästert: Glänzende Anzüge stünden keinem Mann, urteilten sie auf der Kirchenbank. Pallgen versucht jetzt das Unmögliche: für eine Minderheit das Notwendigste in halber Zeit zu berichten und gleichzeitig die Protestler im Publikum durch vage gehaltene Informationen nicht gegen sich aufzubringen. Er schlägt sich gut. Aber die Fragen und Einwände, die das Publikum Martin Palgen immer wieder entgegenruft, entgegenschreit, lassen den Vortrag nicht allzu lang werden. Es scheint, als lehne die Menge prinzipiell das Format ab. Anzugträger, Powerpoint und die immer willkürlich erscheinende Geometrie der Pläne, mit denen “die da oben” den Berliner Boden abstecken. – “Das Wort Gottes hören”? – Die Bürger wollen selber sprechen. Fordern das jetzt. Ursula Flecken leitet über zur Fragerunde.

Kurz nach 19 Uhr hat sich am Saalmikro eine lange Schlange gebildet. Etwa zehn bis fünfzehn Wortbeiträge gehen in der nächsten knappen Stunde durch das Mikrofon. Die meisten fragen nicht, sie stellen fest. Empören sich. Ein Mann regt sich über die Grün Berlin GmbH auf, weil die Gesellschaft seiner Meinung nach an zu vielen Projekten in Berlin beteiligt ist. “Welches Recht hat Grün Berlin …?”, schimpft er. Die Antwort bekommt er vom Geschäftsführer. “Wir haben einen Auftrag vom Land Berlin, das kann man ganz nüchtern sagen”, so Christoph Schmidt, dem ein Lächeln über die Mundwinkel läuft. Die Pläne wären zum jetzigen Zeitpunkt noch aufhaltbar, mahnt ein anderer Sprecher. Und dann wieder Zwischenrufe. Viele ersparen sich ein Anstehen in der Rednerschlange, posaunen ihre Anliegen quer durch die Kirche. Heute gibt es viel Leidenschaft in der Kreuzberger Passionskirche. “Gänseblümchen sammeln und Brennnessel, mit den Kindern, das ist Bildung!”, ruft ein Vater, der sich auf das von Martin Pallgen erwähnte Bildungsquartier am Tempelhofer Damm bezieht.

Einer der Schreier kommt aus den Bänken hervor und greift zum Mikrofonständer. Ohne sich hinten anzustellen. Es sieht zuerst wie Sabotage aus. Dann erkennt man, dass der Mann das Mikro um 180 Grad drehen will, damit das Publikum die Bürgersprecher besser sehen kann. Die Moderatorin lässt ihn gewähren. Damit ist der Kirchenraum endgültig zur Verlautbarungsbühne der besorgten Initiativen geworden. Die Manager- und Moderatorenriege des Senats ist in die zweite Reihe gerückt.

Ein Berliner Ire, der für das Quartiersmanagement Schillerpromenade arbeitet, beklagt, die Tempelhof Projekt GmbH hätte mehrere seiner Projekte zur Weiterentwicklung des Tempelhofer Feldes als unausgegoren abgelehnt. Ein anderer bezweifelt den grundsätzlichen Ansatz der Parklandschaft: “Landschaft braucht nicht geplant werden, die Landschaft ist schon da!” Der junge Initiativengründer aus Neukölln kontert einen Redebeitrag einer Sachbearbeiterin aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung damit, dass Protest marginalisiert würde, und dass das eine große Frechheit sei; seine Vorrednerin hatte die Bürgerbeteiligung erläutert, die sie seit 2007 begleitet hat.

Wenn das Kriterium für ein erfolgreiches Bürgergespräch der Fakt ist, dass Bürger sprechen, dann war die Veranstaltung gelungen, bevor sie zu Ende war. Nach zwei Stunden Kirchenbank sind um 20 Uhr längst nicht alle Messen gesungen. Ursula Flecken und ihr Co-Moderator, der nicht von ihrer Seite wich, drängen jetzt in die Arbeitsgruppen. Der Forderung des Publikums nach eigener Themensetzung wird entsprochen. Aber müde nur rufen die von der Gemeinschaftsmoderation aufgeforderten Bürger nach ihrem Protesteifer die Stichworte aus, mit denen die AG’s betitelt werden sollen. Es stockt. Die Luft ist raus.

Aber es ist auch dem Wechsel der Spielart geschuldet. Der Bürger soll jetzt wieder was. Er soll denken. Er soll diskutieren. Er soll sogar selbst moderieren, alles in den AG’s. Die Passionskirche verwandelt sich in eine Schulbank. Und in jeder Ecke stehen Stühle und Flipcharts bereit, liegen Stifte zum Malen. Zögerlich füllen sich die AG’s. Einer ruft: “Wir brauchen hier noch einen Moderator.” Viele stehen an der Bar. Hier gibt es Brezel und Saft, gesponsert vom Veranstalter. Serviert von Kirchenleuten. Verlässt man zu diesem Zeitpunkt den Ort, kann man draußen vor dem Eingang manchen stehen und frische Luft schnappen sehen. Zum Beispiel den Mann, der mit der Politik sprechen will.

— Nachricht —

Die “Stiftung Zukunft Berlin” kritisiert die Pläne für Tempelhof. Nicht nur die für 2017 geplante Internationale Gartenschau (IGA) sei überflüssig, sondern auch der Landschaftspark, sagte Stiftungschef Volker Hassemer (CDU) nach einem Bericht der “Welt”. Der Ex-Stadtentwicklungssenator fordert stattdessen, den finanziellen und konzeptionellen Aufwand auf die Nachnutzung von Tegel zu konzentrieren. Seiner Meinung nach funktioniere das Tempelhofer Feld, es würde von den Berlinern in seiner heutigen Form geliebt und vielfältig genutzt. 2013 sollen für den Landschaftspark die ersten Bäume gepflanzt werden, insgesamt sind 2000 geplant. Auf 240 Hektar soll nach Plänen des schottischen Büros Gross.Max eine Wiesenlandschaft mit Wasser-, Plansch- und Eislaufflächen, dazu weiteren Sport- und Spielmöglichkeiten, zum Beispiel ein Kletterfelsen entstehen. (Die Welt)

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— Fotostory —

Wie am 9. März berichet, soll der Nollendorfplatz umgestaltet werden. Wie der Platz und sein Umfeld in Schöneberg heute aussehen und was genau sich die Studenten der Landschaftsarchitektur an der TU Berlin bei ihren Entwürfen vorstellen – Futurberlin präsentiert fünf der insgesamt 14 Entwürfe neben einer fotografischen Bestandsaufnahme in der folgenden Fotostory.

Die von Westen einfahrende U-Bahn „klettert“ den Bahnhof rauf. Immerhin vier U-Bahnlinien (U1, U2, U3, U4) verkehren über den Nollendorfplatz. Im Hintergrund das „Goya“, heutige Eventlocation, historischer Theaterbau, führt in die Motzstraße.

 

Der oberirdische Teil des Bahnhofs von Süden aus der Maaßenstraße betrachtet. An seiner westlichen Seite die in der Nachwendezeit wiedererrichtete Kuppelkonstruktion.

Der Bahnhof von Norden her gesehen, Einem-Str./Ecke E.-Lasker-Schüler-Str.

Aus der Einemstraße gesehen: Der Platz funktioniert als Verkehrsknotenpunkt, nicht nur für den U-Bahnverkehr, sondern auch für den Kfz-Verkehr. Die Straßenführung wurde in den 70er Jahren im Sinne der „autogerechten“ Stadt umgestaltet.

Schmuddelecke am Nollendorfplatz (auf Nahaufnahme freundlich verzichtet.) – Dieses Image soll der Platz loswerden.

Schmuddelecke II – Historisches Relief unter der Hochbahntrasse verschreckt als Müllkippe, Geländer verhindert direkten Zugang, dient nur als Fahrradständer.

Blick aus den Bahnhofsfenstern in die Einemstraße und E.-Lasker-Schüler-Straße nach Norden. Der Schmuddel liegt hier im Dunkeln, die Taubenpiekser sind kein Garant für Reinlichkeit).

Blick in die nach Norden zur Siegessäule führende Einemstraße.

Und so könnte es sein: Die U-Bahneinfahrt inszenieren, auch die Ausfahrt natürlich. Die Höhenstufung zur Bahntrasse hin ist Teil des Entwurfs von Andi Streidl.

Die Treppen zur Bahntrasse (voriges Bild) resultieren aus der Streifengestaltung der Gesamtidee. Die veränderte, nach außen verlegte Straßenführung ermöglicht mehr Platzfläche. Auch gedacht: 70 Fahrradständer unter der Bahntrasse und ein neues Gebäude dort für ein Café oder eine Bar (Andi Streidl).

Im Entwurf von Johanna Kühnelt finden wir im südöstlichen Bereich des Platzes einen Skulpturengarten. Hier, direkt vor dem „Goya“, stellt sich die Studentin in Lebensgröße aufgestellte und in Bronze gegossene, Schöneberger Berühmtheiten vor.

Mehr als „Kiezgrößen“: David Bowie wohnte in Schöneberg, Bertolt Brecht arbeitete im Theater am Nollendorfplatz (heute: „Goya“).

Das sind die „Trampelpfade“ des Fußgängers, der sich heutzutage über den Nollendorfplatz bewegt. Wie ginge das anders?

Mit einem umlaufenden, baumbestandenen Promenadenring in Anlehnung an die Platzstruktur um 1900 entwirft Janika Schmidt eine attraktive Verbindung aller sechs Kopfplätze – und damit auch der Kieze – an das zentral gelegene Bahnhofsgebäude. Voraussetzung auch hier: eine Reduzierung von Verkehrsflächen (auch der Parkplätze) zu Gunsten von Fuß- und Radverkehr.

Ausschnitt des Promenadenringes mit Kopfplatz südöstlich vom Bahnhof, direkt vor dem „Goya“ (Janika Schmidt).

Die Bodenplatten zitieren die Bahnhofsfassade aus großen Natursteinen (Janika Schmidt).

„Im Sog des Nollendorfplatzes“, so nennt Maik Karl seinen Entwurf. Seine Idee ist es, die Fußgänger schnell an ihr Ziel zu führen. Das zentrale Bahnhofsgebäude soll die Umgebung wie ein Strudel „anziehen“. Der neue Platz wird durch Wege und Aufenthaltsflächen unterteilt.

Der Entwurf von Maik Karl mit den umliegenden Kiezen aus der Luft betrachtet.

Perta Dorottya Mandoky orientiert sich bei ihrem Entwurf an der Linearität des Platzes, die durch die oberirdische U-Bahntrasse vorgegeben wird. Im Bild zu sehen ist die abstrahierte Grundstruktur.

Und das hat sie daraus abgeleitet: Einen Platzentwurf, der vor allem mehr Transparenz schaffen soll, durchlässiger sein soll. Die längs positionierten Elemente stellen Pflanzenbeete dar und eine neuartige Bodenbeleuchtung unter der Hochbahn.

— Nachricht —

Unter diesem Titel haben Studenten der Landschaftsarchitektur an der Technischen Universität Berlin (TU) Ideen für eine Umgestaltung des Nollendorfplatzes entwickelt. Ziel der Entwürfe war es, die Aufenthaltsqualität des Platzes zu erhöhen und die Diskussion um seine Zukunft anzustoßen. Das Projekt leitete die Landschaftsarchitektin Astrid Zimmermann. Anwohner sollen das Projekt an der Uni angeregt haben. Sie haben jetzt auch eine Facebook-Seite „Zukunft Nollendorfplatz – jetzt!“ eingerichtet, die bis dato 118 Mitglieder zählt. 2011 hatten Bezirkspolitiker von SPD und Grünen in Tempelhof-Schöneberg vereinbart, für das Gebiet Nollendorfplatz, Maaßenstraße, Winterfeldplatz eine Planungswerkstatt einzurichten. Die Entwürfe der Studenten werden bis 13. März in einer Ausstellung im Amerika-Haus, Hardenbergstraße 22-24, präsentiert. (Berliner Zeitung, winterfeldt-markt.de)

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— Nachricht —

Das Land Berlin hat zusammen mit der Vivico Real Estate GmbH einen Wettbewerb zur Gestaltung der Freiräume in der zukünftigen Europacity nördlich des Hauptbahnhofs ausgelobt. Auf 8,2 Hektar sollen zwischen Heidestraße und dem Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal eine Uferpromenade und ein neuer Stadthafen entstehen. Die Freiräume um den Nordhafen sollen aufgewertet werden, östlich davon entsteht die neue Firmenzentrale der Bayer Schering Pharma AG. Das östliche Kanalufer soll als Verflechtungsbereich in die Überlegungen einbezogen werden, hier befinden sich auf dem Gebiet des ehemaligen Grenzstreifens die Gedenkstätte Günter Litfin und der Invalidenfriedhof. Die Wasserflächen in den Häfen jenseits der Fahrrinne sollen für den Wassertourismus erlebbar gemacht werden. Aus dem Hamburger Bahnhof soll sich ein Kunst-Campus entwickeln. Die Europacity wird mit 40 Hektar Gesamtfläche etwa doppelt so groß wie der Potsdamer Platz. Gebaut wird gerade die neue Deutschlandzentrale des Total-Konzerns, der Total-Tower an der Heidestraße, als erstes Gebäude im Gebiet. Die Bewerbungsfrist für den Wettbewerb endet am 23. Dezember. (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, competitionline, fb)

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