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Am Durchbruch beginnt eine neue Passage

Vor 25 Jahren hätte man sich über „Durchbrüche“ am Friedrichshainer Ufer gefreut. Jetzt ist die Freude über sie gleichbedeutend mit einem Totalabriss der East-Side-Gallery, wie Klaus Kurpjuweit im Tagesspiegel nahelegt, oder sie wird einem, wie von Claudia Fuchs in der Berliner Zeitung, felsenschwer als grundlegende Antipathie gegen das Kunstwerk und Denkmal zur Last gelegt. Ist das wirklich so einfach? Man sollte das differenzierter sehen.

Da ist zum einen die Frage der beiden Bauprojekte, die man aus der Protesthaltung heraus ganz oder teilweise ablehnen kann. Das Hochhaus wird der gebaute Mittelpunkt der grünen Uferzone sein und bringt, nicht schon heute, mehr Dramaturgie in den Freiraum. Wir müssen zukünftig an dem Ding vorbei, zwischen Spreewasser und 63 Meter hoher Balkonfassade wie durch ein Nadelöhr hindurch. Aber in beide Richtungen wartet die Freiheit auf uns. Die Grünflächen verhalten sich zum „Living Bauhaus“ wie die Flügel zum Körper eines Schmetterlings. Aber das setzt voraus, dass der 120 Meter lange Gebäuderiegel nicht auch noch gebaut wird. Und dieser Baukörper, in den auch noch ein Hotel einziehen soll, ist das größere Übel: Nimmt viel mehr Grundfläche weg, verhält sich konkurrierend zur East-Side-Gallery, denn man wird sie ja wohl nicht auf einer Länge von Hundert Metern abreißen wollen. Das Hochhaus nimmt sich nur soviel wie es braucht: Wir reden über eine Öffnung von etwa 30 Metern.

Zum andern ist da die Mauer selbst. Sie wurde zum Kunstwerk, und ihr Alleinstellungsmerkmal war einst ihr zusammenhängender Verlauf. Das bröckelt seit der großen Arena, das Werk verändert sich. Wird es deshalb aber obsolet? Die Gallery wird eine Geschichte mehr zu erzählen haben. Der Tagesspiegel hat es mit einem Bericht ja selbst dokumentiert: Die East-Side-Gallery wird sich durch Versetzungsakte einreihen – ja, sie reiht sich, während sie aus der Reihe tanzt, woanders ein -, nämlich in die berlintypische Translokations-Tradition von Gebäuden, Gebäudeteilen und Denkmälern. Man könnte fast sagen, erst wenn sich ein Denkmal an anderem Orte wiederfindet, gehört es nach Berlin. Insofern gereichen der East-Side-Gallery die Durchbrüche sogar zur Ehre. Das Kunstwerk, das einmal die Mauer war, tritt in eine neue Entwicklungs-Phase ein, die es erfordert, das Bauwerk zu reinszenieren. Schon können wieder die Künstler ran! Wie wäre es mit einem „Living Labyrinth“? – Ein dem Hochhauseingang vorgelagerter kleiner Irrgarten aus East-Side-Beständen, dessen unausweichliche Passage man auch den neuen Hochhauskiezlern quasi zur Wohnauflage macht. Dann wären vielleicht alle Interessen bedient.

Kommentar Tagesspiegel

Kommentar Berliner Zeitung

Bericht Tagesspiegel

 

Flughafen und Fußball auf einen Streich! Gebrauchen wir doch die IBA

Wenn Stadtentwicklung, noch dazu Berliner Stadtentwicklung, die Geschichte des europäischen Fußballs zu bestimmen droht, wird es ernst. Zumindest für die Berliner. Halb Deutschland lacht über den Berliner BER, und die andere Hälfte auch. Selbstverständlich gehören zu diesen Glücklichen die Bayern, die sich jetzt mit München für die Fußball-EM im Jahre 2020 beworben haben, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt. Am glücklichsten wohl: Horst Seehofer (CSU). Weil es 2020 neben zwölf europäischen Austragungsorten nur eine geben kann, eine EM-Stadt in Deutschland, konnte Seehofer bei der Verkündung der Bewerbung wohl nicht davon lassen, im Konkurrenzkampf München-Berlin den humoristischen „Dolch“ zu ziehen und pries die Allianzarena „in der Nähe eines funktionierenden Flughafens“. Das ist ein Horst im Glück. Und Klaus? Wowereit kontert, dass Berlin große Sportveranstaltungen hervorragend ausrichten könne. Größtes Defizit der Hauptstadt sind aber seine großen Bauveranstaltungen. Warum also nicht seitens Berlin ein seriöses Schwert ziehen und die Fertigstellung des BER mit der Internationalen Bauaustellung 2020 verknüpfen? Fällt doch die geplante Berliner IBA auch ins Jahr der EM. Was für eine Punktladung das werden könnte: Flughafen-Eröffnung und Fußballfest auf einen einzigen Streich! Das hat doch beim Hauptbahnhof auch so gut geklappt. Oder?

Neues vom Sprengelkiez in Kalifornien

Wenn ich das Wort „Gentrification“ lese, geht mir oft der Refrain eines Songs von den „Red Hot Chili Peppers“ durchs Ohr: Californication… und fühle mich wie im Paradies. Der Prenzlauer Berg, wo ich wohne, befindet sich laut einer Karte des Stadtsoziologen Andrej Holm zur Geografie und zum Verlauf der Aufwertung in der Berliner Innenstadt aus dem Jahre 2009 schon in der Hyper-Gentfizierungs-Phase; Friedrichshain in der Modernisierungsphase, Kreuzberg und der Norden Neuköllns und Treptows in der Pionier- und späten Pionierphase. Wedding kommt in der Karte nicht vor. Andrej Holm hält heute um 15 Uhr einen Vortrag mit anschließendem Workshop unter dem Titel  „Chrashkurs: Gentrifizierung – nächster Halt Wedding?“ Dann geht es um den Sprengelkiez, gelegen zwischen Beuth-Hochschule, Ringbahn und Spandauer Schifffahrtskanal. Und der Ohrwurm ist vorbei. (siehe Eventkalender)

Der Medienspiegel ist tot – es lebe der Quickie!

Alles hat seine Zeit, und die des Medienspiegels auf Futurberlin ist mit dem letzten vom 5. Februar abgelaufen. Die stichpunkthafte Zusammenstellung von Berichten, Videos und Audios zu Stadtentwicklungsthemen in Berlin, die jeden Autor über kurz oder lang ermüden und zur Maschine machen, wird es auf diesem Blog nicht mehr geben. Dafür: jede Menge lebendiger „Quickies“. – Und was ist das?

 

 

 

So wird Berlin Beamtenstadt

In Berlin wackelt nicht nur die Schinkelkirche auf dem Friedrichswerder. Wofür dort der Neubau der luxuriösen Kronprinzengärten die Ursache sein soll – das muss offiziell erst noch bewiesen werden -, sorgen im Westen des Hauptbahnhofs die Bauarbeiten zum neuen Bundesministerium des Innern. Hier klagt heute noch der Hausherr der benachbarten und in Fachwerk so märchenhaft schlummernden Restauranthütte „Paris-Moskau“ über Risse im Gebäude. Aber Wolfram Ritschl wolle das seinen Gästen nicht unbedingt unter die Nase reiben, wie er in der „Abendschau“ sagt. Ein Kamerateam fährt mit der S-Bahn und zeigt die drei Bundesbaustellen Innenministerium, Bildungsministerium und Lüdershaus, die alle, teils verschneit, direkt an der Strecke liegen und ungeachtet von touristischen Augen vor sich hinwachsen. Für das Innenministerium soll das Richtfest schon am 22. Mai stattfinden. Jede Wette, dass das auch ein Grund zum Feiern für Herrn Ritschl ist.

zum Video der „Abendschau“

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Ein Kiez an der East-Side?

Man hält es im ersten Moment für einen Scherz: An der East-Side-Gallery wird ein Hochhaus gebaut. Schaut man aber ins „Planwerk Innere Stadt“ der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, dann ist tatsächlich zwischen neuer Brommybrücke und O2-Arena der grüne Uferstreifen auf Friedrichshainer Seite durch ein orange gefärbtes Baufeld unterbrochen, auf dem der fast quadratische Grundriss eines Gebäudes eingezeichnet ist. Jetzt machen der Initiativkreis „Mediaspree versenken!“, „Megaspree“ und eine ganze Reihe Aktivisten gegen den Bau mobil. Schon im März soll Baubeginn sein, und wie „Megaspree“ schreibt, werden die Wohnungen auf Immonet.de schon zum Verkauf angeboten. Natürlich ist hier Sturmlaufen ein gerechtfertigter Reflex; es gibt ja den Spreeufer-Bürgerentscheid. Aber der 60 Meter hohe Wohnturm wäre eine Bereicherung für die Berliner Architektur, weil er nicht wie zahllose Beispiele von Berliner Büro- und Einkaufsarchitektur das Stadtbild bannalisiert, sondern wegen seiner Wohnnutzung neue Formen hervorbringt. Vielleicht sollte man überlegen: Wo müsste das Haus denn stehen, wenn nicht dort? Am 26. Februar findet dazu eine Pressekonferenz statt (siehe Eventkalender).

zum Artikel von „Megaspree“ mit Bild

zum „Planwerk Innere Stadt“

 

Sag ja! zur Schlossversenkung

Nach Helmut Schmidts Beitrag zur Schlossversenkung scheint die Welle, die er auslöste, ausgelaufen. „Der Freitag“ zieht Bilanz und hat blattübergreifend Kommentare gesammelt und sie nach „Pro und Contra Schlossversenkung“ verdienstvoller Weise auch gezählt. Das Ergebnis wird die Stiftung Humboldtforum kaum mögen. Eine Petition, von Rainer Eigendorff aus Berlin ans Abgeordnetenhaus gerichtet, liefert „der Freitag“ als Textanhang gleich mit. Sie läuft noch bis zum 31. März. Welche Aussicht auf Erfolg hat sie?

zum Artikel des „Freitag“

zur Petition „Kein Neubau des Berliner Stadtschlosses“

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Kaufen, kaufen, kaufen

Wer in Berlin vor Baustellen steht, zum Beispiel am Leipziger Platz, zum Beispiel an der Rathausstraße in Mitte, und davon erfährt, dass dort für neue Einkaufszentren gebaut wird, der schüttelt oft den Kopf. Als ob Berlin nicht genügend davon hätte. Nein, da geht tatsächlich noch was. Die Umsätze im Berliner Einzelhandel sind im vergangenen Jahr um zwei Prozent gegenüber 2011 gestiegen, schreibt das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg. Sie liegen damit sogar über dem Bundesdurchschnitt. Gestiegen ist neben dem Umsatz auch die Beschäftigung mit drei Prozent, vor allem im Teilzeitbereich. Haben das Shopping-Quartier „Leipziger Platz Nr. 12“ und das „Alea 101″ also Zukunft?

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Bezirk Mitte (fast) ohne Mittel gegen Ferienwohnungen

Jetzt geht’s den Partytouristen in den Plattenbauten der Wilhelmstraße an den Kragen. Wie die Berliner Zeitung schreibt, will der Bezirk Mitte mit strengeren Auflagen und Kontrollen dafür sorgen, dass die Nutzung der Gebäude als Ferienwohnungen für den Eigentümer unattraktiver wird. Um das zu tun, braucht der Bezirk offenbar Mieterlisten als „Beweismaterial“, die er sich jetzt vom Eigentümer vorlegen lassen will. Der Bezirk will außerdem Ferienwohnungen verbieten, wie es Pankow und Friedrichshain-Kreuzberg vor kurzem vorgemacht haben. Als Grundlage dafür sollen Milieuschutzgebiete festgelegt werden, Moabit zum Beispiel.

Aber wie aussichtsreich ist diese Idee für die Bewohnerschaft der Wilhelmstraße, und leben sie eigentlich in einem Kiez? Vor einiger Zeit sollte einer der Plattenbauten abgerissen werden, ist er samt seiner Einwohner, inklusive Partytouristen, eigentlich gerettet oder nicht?

zum Artikel der Berliner Zeitung

Europolis am Bahnhof Zoo

Der wertvollste Entwicklungsstandort der Berliner City West mit großem, noch nicht entdecktem Potenzial ist das unmittelbar im Westen an den Bahnhof Zoo grenzende große Areal zwischen Hardenbergstraße, Fasanenstraße, Landwehrkanal und Bahndamm. Er ist einzigartig in der City West. (zu Google.Maps)

Bereits 1999 hatten Josef Paul Kleihues und Florian Mausbach auf die Chance dieses Areals öffentlich aufmerksam gemacht, als sie eine weit vorausschauende städtebauliche Idee entwickelten, die „Europolis am Bahnhof Zoo“ (zum Entwurf). Nachdem die ersten zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall vorrangig dem Wiederaufbau der Mitte Berlins und der City Ost am Alexanderplatz galten, hat heute eine neue wirtschaftliche Aufbruchstimmung auch die City West erfasst. Dieser neue wirtschaftliche Drang in die City West macht aus einer städtebaulichen Idee jetzt ein aktuelles Planungsbedürfnis. Deshalb haben Jan Kleihues und Florian Mausbach die Idee der Europolis am Bahnhof Zoo wieder aufgegriffen und weiter entwickelt.

Es gibt viele Gründe, über das Gesamtareal und seine Möglichkeiten neu nachzudenken. Der Westen der Berliner Innenstadt ist seit eh und je neben der historischen Mitte der angesehenste Standort Berlins. Der Kurfürstendamm ist der lebendigste und attraktivste Boulevard, der Tauentzien mit dem KaDeWe die  gefragteste Einkaufsstraße und das gründerzeitliche Charlottenburg mit seinem Charme die traditionell gute Lage für Wohnen, Hotels, Restaurants, Galerien, Mode, Unterhaltung, Museen, Theater und Oper. Während der Alexanderplatz das Einkaufs- und Versorgungszentrum Ostberlins bildet,  die Berliner Mitte das nationale, touristische, kulturelle und repräsentative Hauptstadt-Zentrum, ist die City West der urbane Dienstleistungs-Schwerpunkt der Berliner Wirtschaft rund um den geschäftigen Verkehrsknoten Bahnhof Zoo mit Industrie- und Handelskammer, Berliner Bank, Finanz- und Versicherungsinstituten, Anwaltspraxen und großen Hotel- und Kongressangeboten. Dass das Waldorf- Astoria Hotel das neue Hochhaus des Zoofensters wählt, ist mit dem geplanten Zwillingsturm „Upper West“ und weiteren Erneuerungsbauten wie dem Bikini-Haus und dem Zoo-Palast ein deutliches Symbol der Renaissance des Berliner Westens und der City West.

Bisher gibt es nur Planungsüberlegungen für den hinteren Teil des Areals zwischen Hertzallee und Landwehrkanal mit Busbahnhof, TU-Bibliothek und Zoo-Gebäude. Die  Investorenpläne für ein Riesenrad sind gescheitert. Seit das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) ins Ernst-Reuter-Haus an die Straße des 17. Juni  gezogen ist, stehen Teile der Bundesbauten an der Fasanenstraße leer. Dies ist Anlass für neue Überlegungen auch für den vorderen Teil des Gesamtareals mit Berliner Bank, Verwaltungsgericht, Museum für Fotografie und Bundesverwaltung. Den Verkehrsmittelpunkt der City West, den benachbarten Bahnhof Zoo, will die Deutsche Bahn AG runderneuern und mit Geschäften beleben. Über einer Tiefgarage soll der Hardenbergplatz neu gestaltet werden. Da die Bundesrepublik Deutschland und das Land Berlin Haupteigentümer auf dem Gesamtareal sind, bietet sich die Möglichkeit weitblickender Gestaltung  in öffentlicher Verantwortung.

Heute teilt sich Charlottenburg in zwei städtebauliche Zonen:  in die wegen ihrer belebenden Nutzungsmischung, ihres einheitlichen Maßstabs und ihrer bildreichen Architektur beliebten Gründerzeitquartiere um Kurfürstendamm und Kantstraße einerseits sowie in das durch modernen Nachkriegswiederaufbau und Autogerechtigkeit, solitäre Geschäfts- und Verwaltungsbauten, Kaufhäuser, Hotels und Hochhäuser geprägte Band zwischen Ernst-Reuter-Platz und Urania-Haus andererseits.

Mit der „Europolis“ wird die urbane Tradition der europäischen Stadt mit ihrer lebendigen Mischung, gestalterischen Ordnung und ihrem vertrauten menschlichen Maßstab fortentwickelt durch Verbindung mit dem Städtebau der Moderne und dessen größerer baulichen und technischen Freiheit und den heutigen verkehrlichen, stadthygienischen und ökologischen Anforderungen. Es entsteht ein neues metropolitanes Cityquartier, das in baulicher Dichte, Höhe und urbanem Qualitätsanspruch dem mit öffentlichen Verkehrsmitteln aller Art besterschlossenen City-Standort am Bahnhof Zoo auch in stadtwirtschaftlicher Sicht entspricht.

Die Europolis am Bahnhof Zoo ist ein aus Geschäfts-, Wohn-, Wissenschafts- und Kulturbauten gemischtes, hochverdichtetes, zugleich aber ein großzügig durchgrüntes Stadtquartier. Indem es  den vertrauten Maßstab und die lebendige Mischung der Gründerzeit mit der aufstrebenden Freiheit der Moderne verbindet und so die Vorzüge des klassischen Städtebaus mit denen der Moderne zum Einklang bringt, könnte das neue Quartier auch ein Beispiel geben, wie der ideologische Streit zwischen Traditionalisten und Modernisten, der die Berliner Architekturszene prägt und spaltet, sich überwinden lässt. Auf eine Formel gebracht: Europolis ist Savignyplatz plus Hansaviertel.

Das überwiegend in Landesbesitz befindliche große Gelände  zwischen Hertzallee und Landwehrkanal, mit Anschluss an die Straße des 17. Juni und damit an  die Hauptmagistrale Berlins sowie über die Fasanenstraße, Jebensstraße und Hertzallee an das Zentrum Charlottenburgs, ist heute in seinem Wert völlig unterentwickelt. Sein Hinterhof-Charakter hat seinen Grund in der Sperrriegel-Wirkung des Blocks  auf der Westseite des Bahnhofs. Mit dem Teil-Leerstand von Bürobauten des Bundes – Militärverwaltungsbauten der 1930er Jahre – bietet sich die Chance einer Neuordnung des dortigen Blockinneren und zugleich die Öffnung und Erschließung des Gesamtareals. Dass das Hochhaus der Berliner Bank und die denkmalwerten wilhelminischen Bauten an Hardenberg- und Jebensstraße erhaltenswert sind, steht außer Frage. Gilt dies in Gänze auch für die ehemaligen Militärverwaltungsbauten der 1930er Jahre?

Ein Freiräumen des Blockinneren und Öffnen zum Bahnhof Zoo, zu Hardenbergstraße und Fasanenstraße wie zum Areal nördlich der Hertzallee bietet die einmalige Chance, ein großes Stadtquartier aus einem Guss neu zu gestalten, das in seiner städtebaulichen Bedeutung für Berlin dem neuen Quartier am Potsdamer Platz zu vergleichen ist. Ein Netz der Durchgängigkeit vom Bahnhof Zoo und vom Hardenbergplatz, von der Hardenberg- und Fasanenstraße über die Hertzallee hinaus bis zu Landwehrkanal und Tiergarten würde das Gesamtareal erschließen und öffnen, ihm den heutigen Hinterhof-Charakter nehmen und durch eine entsprechend anspruchsvolle städtebauliche und architektonische Gestaltung zu einem der wertvollsten und attraktivsten urbanen Standorte Berlins machen.

“Vorne der Kudamm hinten die Ostsee“, hat Kurt Tucholsky den Wunschstandort des Großstädters knapp beschrieben. Das trifft, ersetzt man Ostsee durch Tiergarten, auf diesen Standort zu. Durch die Nähe zum Wasser und zum weitläufigen Grün des Tiergartens bietet sich der Ort auch zum urbanen innerstädtischen Wohnen an. Die Gestalt  der Europolis orientiert sich zum einen an der Blockstruktur des gründerzeitlichen Charlottenburgs, um den vertrauten Maßstab der „Erdbewohner“, die Berliner Traufhöhe, als Erlebnishorizont zu erhalten. Aus den vertrauten Blöcken aber wachsen wie städtebauliche „Erker“ und Ecktürme Hochhäuser. Die dem wertvollen Standort geschuldete Dichte wird ausgeglichen durch großzügige Freiflächen, Grün- und Platzflächen, die sich zu einer grünen Kette verbinden, die aus der steinernen lauten City hinaus zum grünen und stillen Tiergarten führt. Angesichts allgemein hoher Nachfrage nach Wohnimmobilien und damit steigender Mieten, aber auch der wachsenden Attraktivität Berlins, ist an diesem Ort eine großzügige und rasche Wohnentwicklung möglich, für ein beispielhaftes modernes innerstädtisches Wohn-, Arbeits-, Kultur- und Wissenschafts-Quartier.

Heute hat die Jebensstraße den Charakter eines Bahn-Hinterhofs – keine gute Adresse für das dortige Fotografiemuseum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz! Die Jebensstraße könnte zusammen mit der Sanierung und Aufwertung des Bahnhofs Zoo und seines Umfeldes durch Verkehrsberuhigung zum westlichen Vorplatz des Bahnhofs werden, das benachbarte Bundesareal öffnen, als attraktive Verbindung  zu dem neuen großstädtischen Arbeits- und Wohnquartier zwischen Hertzallee und Landwehrkanal führen bis hinein ins Grün des Tiergartens, entlang an Bahnhof und Bahndamm mit zu öffnenden S-Bahn-Bögen. Die als Einkaufspassagen neu gestalteten Aus- und Durchgänge des Bahnhofs Zoologischer Garten von Ost nach West könnten ihre Fortsetzung finden  in den bereits gegebenen und sich anbietenden Gebäudeabständen der Bauten an der Jebensstraße.

So kann das Blockinnere, von Verwaltungsbauten des Bundes  befreit, sich öffnen und Platz schaffen für einen hohen Turmbau als Mittel- und Höhepunkt der Quartiersentwicklung.

Als Büro- und Hotel-Hochhaus in der Nachbarschaft von IHK und Berliner Bank stärkt der Turmbau sichtbar die City West als Standort der Berliner Wirtschaft. In der Nachbarschaft der Universität der Künste und der Technischen Universität,  in Ergänzung zum Museum für Fotografie und zur TU-Bibliothek kann die Piazza um den Turmsockel und das weitere Umfeld zum Fokus von Aktivitäten in Kunst, Kultur und Wissenschaft werden. Mit einem Aussichtsrestaurant in der Spitze  könnte der Turmbau auch zu einer weiteren Attraktion für den Stadttourismus werden.

Als Wahrzeichen der City West kann der Turm das mittlerweile historische Europa Center – Symbol des Westberlins der 60/70er Jahre – ablösen Als weithin wirkendes Stadtzeichen markiert der neue Turm wie schon der Fernsehturm am Alexanderplatz mit seinen Nachbar-Türmen oder die Hochhäuser am Potsdamer Platz die sich wandelnde Innenstadtsilhouette Berlins mit ihren City-Standorten unterschiedlicher Bedeutung. Als enger Nachbar des markanten Bauwerks des Bahnhofs Zoo gestaltet sich das neue Hochhaus als Campanile-Typus  vergleichbar dem Messeturm an der historischen Frankfurter Festhalle oder dem neuen EZB-Doppelturm an der „Gemüsekirche“ der Frankfurter Großmarkthalle.

Statt des gescheiterten Riesenrades wird in vergleichbarer Höhe, aber mit anderer Symbolwirkung, der Campanile am Bahnhof Zoo zum signifikanten und werbenden Zeichen für die mutige Weiterentwicklung Berlins zur aufblühenden europäischen Metropole.

Erst der Lidschatten, dann das Auge

„Ins Schwärmen kommt man da nicht“, sagte ein Mann gestern im Berliner Dom auf der Diskussionsveranstaltung zum Siegerentwurf für die neue Freiraumplanung rund um das zukünftige Schloss. Prompt kam die Antwort vom Podium, in dieser Stadt käme man überhaupt nirgends ins Schwärmen. – „Aua“, sagt da Berlin. „Bin ick euch nich mehr scheene? Für meene uffjespritzte Lippen kann ick ja nüscht, und ooch die Zähne habt da mir jezogen, bis uff een‘, aber globt man nich, ihr könnt ma die Haarnadel aus meine Fastglatze ziehn! Ick sare euch eens: Ick freu mir uff mein neuet Glasooge wie sonst watt, ooch wenn’s woll’n blinder Fleck bleiben wird, ick vastehe nur nich, wieso man mir jetze schon den Lidschatten malt!??“

Kleines Quiz: Was ist gemeint mit den „uffjespritzten Lippen“ von Berlin? Was mit dem „letzten Zahn“, der „Haarnadel“, der „Fastglatze“, dem „Glasooge“ und und dem „Lidschatten“?

 

Vom Rücktritt zum Fortschritt – und zurück

Muss er denn, muss er denn, aus dem Städtele hinaus? Nein, Klaus Wowereit regiert weiter. Der zurückgetretene Aufsichtsratsvorsitzende des großen BER muss nun nicht, muss nun nicht, aus dem Städtele hinaus und bleibt Berlins Regierender Bürgermeister. Das heutige Misstrauensvotum fiel positiv für ihn aus. Aber ist das auch gut so?

Nein, es ist schade. Mit ein wenig Wirbel hätte ein Votums-„Ja“ das Ende der rot-schwarzen Koalition im Schlepptau gehabt. Zwar bemüht sich Raed Saleh, auf Inforadio Klaus Wowereits Legitimation als gewählter Bürgermeister herauszukehren, aber er vergisst, dass die Berliner im Herbst 2011 nicht nur die SPD gewählt haben, sondern auch die Grünen. Und die kompromisslose Haltung des wiedergewählten Regierenden hatte mit dazu beigetragen, dass ein Teil der Wähler in Berlin heute in der zweiten Reihe sitzt. Mit Neuwahlen, einem ähnlichen Wahlergebnis wie vor anderthalb Jahren und vor allem ohne den Regierenden, wäre Berlins Zukunft eine andere und fortschrittlichere.

Und vielleicht sähe diese Zukunft nach einem durchgeschüttelten Berliner Politbarometer auch für das BER-Projekt samt seinem anhängigen Untersuchungsausschuss anders, nämlich zielführender aus. Martin Delius von den Piraten fordert, dass der Ausschuss sich mehr mit den Versäumnissen, die in der Gegenwart gemacht wurden, auseinandersetzen solle, heißt es bei Inforadio, und nicht nur mit den Vorgängen in den 1990er Jahren. Auch über diese Frage werden die Abgeordneten bald entscheiden. Sagen sie dann „Ja“, wird es dieses Mal auch gut so sein, und nicht schade. Denn die verprellten Berliner sind auf der Suche nach Schuldigen, die noch zu greifen sind. Man lasse sich an dieser Stelle den Satz auf der Zunge zergehen, den Raed Saleh im Gespräch mit Inforadio außerdem noch gesagt hat: „Es ist ein Desaster, aber es ist falsch, das Ganze zu personalisieren.“ –

Genau des Gegenteil sollte der Fall sein. Politische Personalisierung, also diejenigen finden, die innerhalb des Politikbetriebs für Fehler, erst recht für Desaster verantwortlich sind, ist ja die unbedingte Voraussetzung für politische Verantwortbarkeit gegenüber den Bürgern schlechthin. Jeder Politiker steht überhaupt in einer permanenten Personalisierungspflicht. Und kommt er dieser nicht nach, dann ist das mehr als nur schade.

 

 

 

Eine Mitte der Bürgerschaft (22/22)

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Rathausplatz und Bürgerforum

Die Zentral- und Landesbibliothek wäre nicht nur eine bürgernahe öffentliche Nutzung, mit ihr wären auch die Baukörper gegeben, um einen großen Rathausplatz baulich und räumlich zu fassen. Für einen lebendigen Ort bürgerschaftlicher Information und öffentlicher Diskussion bedarf es jedoch mehr. Es bedarf geeigneter Räumlichkeiten. Nach der Wende wurde das Staatsratsgebäude mit seinen großen Sälen und Konferenzräumen zum nach-revolutionären zentralen „Bürgerhaus“ und Bürgerforum. Dort wurden die Ergebnisse der Städtebau- und Architektur-Wettbewerbe zum Wiederaufbau der Hauptstadt vorgestellt und in überfüllten Diskussionsveranstaltungen über die Stadtentwicklung und die Zukunft des wiedervereinten Berlins debattiert.

Heute nach zwanzig Jahren erfolgreichen Wiederaufbaus fehlt in der Stadtmitte ein solcher signifikanter öffentlicher Ort, wo anhand von Stadtmodellen und Plänen die Bürger angehört und beteiligt werden, wo über Bau- und Stadtentwicklung, über Wirtschaft, Verkehr und Umwelt, über Kultur, Bildung und soziale Integration und über öffentliche Sicherheit gesprochen wird, kurz, über die Zukunft Berlins in den kommenden Jahrzehnten. Deshalb sollte das Bauprogramm für die öffentliche Bibliothek erweitert werden um Konferenz-, Ausstellungs- und Veranstaltungsräume für ein Bürgerforum. Ein Bürgerforum, das  über Internet die gesamte interessierte Bürgerschaft informiert und in die Beratung zu den öffentlichen Angelegenheiten einbezieht. Und auch eine lebendige Dauerausstellung zur Stadtgeschichte sollte nicht fehlen, mit der Erinnerung auch an 1848, 1918 und 1989, zur Ermutigung der Weiterentwicklung bürgerschaftlicher Freiheit und sozialer Demokratie. Im Mittelpunkt des Bürgerforums aber sollte die große Stadt Berlin einen großen Rathausplatz erhalten, als Markt- und Schauplatz der Bürgerschaft, zum Versammeln, Demonstrieren und  zum Feiern. Erst dann ist Berlin, die größte Stadt Deutschlands nicht nur Hauptstadt und Metropole, sondern auch lebendige Bürgerstadt.

ENDE der Serie

 

Eine Mitte der Bürgerschaft (21/22)

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Masterplan und Stadtbibliothek

Diesem für die ganze Stadt bedeutsamen städtebaulichen Wettbewerb muss nicht nur ein gestalterischer Wille zugrunde liegen, sondern ein klares stadtpolitisches Programm. Als Ergebnis muss ein Masterplan „Rathausforum – Neue bürgerschaftliche Mitte Berlins“ für das Gesamtareal die Grundlage für weitere Architektenwettbewerbe und eine schrittweise bauliche Umsetzung bieten. Es ist ein Programm für die kommenden Jahrzehnte. Die wichtigste und anspruchsvollste Aufgabe in dem neuen Gesamtensemble wird sein, als Gegenüber zum Roten Rathaus ein öffentliches Bürgerforum mit einem großen Rathausplatz zu gestalten.

Es gibt die Absicht, eine neue Zentral- und Landesbibliothek zu errichten, die ihre in der Stadt verteilten Bibliotheken unter einem Dach vereint, die Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg, die Senatsbibliothek in Charlottenburg und die Stadtbibliothek in Mitte. Als Standort ist der Flughafen Tempelhof im Gespräch. Geplant ist ein 270 Millionen teurer Neubau mit über 60 000 Quadratmetern Nutzfläche. Die Berliner Stadtbibliothek liegt heute in der Breite Straße in der historischen Stadtmitte gleich neben dem künftigen Schloss. Dort im wiedererrichteten Schloss wird als Beitrag des Landes Berlin zum Humboldt-Forum für die Zentral- und Landesbibliothek eine Fläche von 4000 qm geplant. Die Unterbringung der Abteilungen Musik, Film und Kunst sowie der Kinder- und Jugendbibliothek ist fester Bestandteil des Bau- und Finanzierungsplans des Humboldtforums.

Was ist im wahrsten Sinne des Wortes naheliegender, als auch den Neubau der Zentral- und Landesbibliothek in der Nachbarschaft anzusiedeln. Vor dem Roten Rathaus wäre ausreichend Platz. Einen zentraleren  Standort für eine Zentralbibliothek gibt es nicht. Angesichts der Haushaltsnot und zusätzlicher künftiger Belastungen des Haushalts durch die Verschiebung und Verteuerung des Hauptstadtflughafens wird die Frage des Standorts, des Bauprogramms  und des Zeitplans für den Bau einer Neuen Zentral- und Landesbibliothek neu gestellt werden müssen. Warum sollte die Amerika-Gedenk-Bibliothek im nahen Kreuzberg  nicht weiterhin Teil der ZLB bleiben, vielleicht als Berliner Fremdsprachen-Bibliothek für die Stadt mit ihrem Migrationshintergrund und ihren vielen fremdsprachigen Bürgern? Ein so abgespeckter Bau wäre eine wirtschaftlichere Lösung als ein vollständiger Neubau in Tempelhof.

Auch für die Nutzer wäre ein Standort der Zentral- und Landesbibliothek in der Stadtmitte von Vorteil. Der Standort ist eine „Lauflage“.Er ist von überall in der Stadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln bestens erreichbar und ermöglicht vielfältige Synergie-Effekte. Nicht weit liegen die Staatsbibliothek Unter den Linden und die neue Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität, das Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum. Beide sind nur wenige Schritte entfernt wie auch andere private und öffentliche Einrichtungen mit ihren Fachbibliotheken und Informationsmedien, so das Auswärtige Amt am Werderschen Markt mit Bibliothek und Archiv, die Stasi-Unterlagen-Behörde am Alex, das Deutsche Historische Museum Unter den Linden und die Museen der Museumsinsel.

Morgen: letzter Teil „Rathausplatz und Bürgerforum“

 

Eine Mitte der Bürgerschaft (20/22)

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Marx und Luther

Wie das Gesamtareal zwischen Schloss und Fernsehturm neu zu gestalten ist, ob in der Nachbarschaft des Nikolaiviertels in Anlehnung an die historische Altstadt, ob in einem zeitgemäßen Maßstab, ob durchsetzt mit grünen Parks oder steinernen Plätzen, ob als Wohnviertel oder gemischtes Wohn- und Geschäftsviertel, als Ort zentraler öffentlicher Einrichtungen oder weiterhin als öffentlicher Park, dies wird  Aufgabe eines städtebaulichen Ideenwettbewerbs sein.

Karl Marx und Friedrich Engels wie Martin Luther, diesen großen deutschen Propheten und revolutionären Weltbewegern, gebührt auch künftig mit ihren Denkmälern ein Ehrenplatz. Das gründerzeitliche Luther-Denkmal von 1895, erst kurz vor dem Fall der Mauer im Oktober 1989 zum 450. Jahrestag der Reformation in Brandenburg im Schatten von St. Marien aufgestellt, sollte auf einem Vorplatz der Marienkirche angemessen ins Licht gerückt werden. Das Marx-Engels-Denkmal, in den 1980er Jahren von dem Bildhauer Ludwig Engelhardt in bewusster Abkehr von sowjetischer Monumentalplastik in menschlichem Maßstab gestaltet, hat viele Besucher aus aller Welt. Es sollte eine neue würdige Umgebung finden, zum Beispiel in einem Marx-Engels-Park am Ufer der Spree mit dem Rücken zum Schloss der ungeliebten Hohenzollern.

Morgen: Teil 21 „Masterplan und Stadtbibliothek“

 

EVENT zur James-Simon-Gallerie

Heute Abend um 18 Uhr gibt es eine Veranstaltung zur James-Simon-Gallerie, dem neuen Eingang zum Neuen Museum auf der Museumsinsel von David Chipperfield. Siehe Eventkalender.

Eine Mitte der Bürgerschaft (19/22)

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Der Fernsehturm und sein Sockel

Aber wie soll  eine Neugestaltung der historischen Mitte möglich sein angesichts des jeden Maßstab sprengenden Sockels des Fernsehturms? Dieses bizarre, mit Riesenstacheln in den Raum ausgreifende Beton-Faltwerk ist mit seinen Tentakeln, Wasserkaskaden und Blumenrabatten der Welt des Tivoli entsprungen, der Welt fliegender Bauten und Vergnügungsparks. Seine Dornen drohen St. Marien aufzuspießen, seine alles beherrschende Achse aus dreieckigen Becken und Rabatten stößt bis zum Neptunbrunnen vor. Sein theatralischer Gestus aber geht ins Leere.

Es wird Stimmen geben, die das monströse Stacheltier unter Artenschutz stellen wollen. Die sommerlichen Wasserspiele sind beliebt, doch gönnt der lange Berliner Winter ihnen nur eine kurze, wartungsintensive Spielzeit. Das maßlos Raum fressende Bauwerk aber verstellt jede neue bauliche Entwicklung. Es versperrt zudem den Zugang zu Alexanderplatz und dessen Bahnhof. Dorthin führen heute nur große Umwege oder Schleichwege vorbei an unfreundlichen Sockelhinterhöfen. Ein offener Zugang zum Alexanderplatz aber und umgekehrt eine einladende Öffnung des Alex zum künftigen bürgerschaftlichen Mittelpunkt Berlins würde beiden gut tun. Ein Sockel in neuer Gestalt sollte St. Marien Respekt zollen und Abstand halten. Er sollte wie die heutige Eingangshalle für das zu Aussichtsplattform und Drehrestaurant  hinaufstrebende Publikum sich ganz zu Alex und Bahnhof hin orientieren. So würde der Fernsehturm zum städtebaulichen Höhepunkt des aufwärts strebenden Alexanderplatzes, zum Primus einer wachsenden weithin sichtbaren Hochhaussilhouette.

Morgen: Teil 20 „Marx und Luther“

 

Eine Mitte der Bürgerschaft (18/22)

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Historischer Stadtgrundriss und Traditionsinseln

Diese neue bürgerschaftliche Mitte sollte die Geschichte des Ortes zitieren und integrieren, indem sie den historischen Stadtgrundriss mit seinem im Untergrund verborgenen Straßennetz wieder sichtbar macht und die erhaltenen Traditionsinseln Rathaus und Marienkirche stärkt und abrundet. St. Marien sollte den Schutzmantel einer umgebenden Bebauung zurückerhalten. Mit der Rückkehr des Neptunbrunnens auf den Schlossplatz würde das Schlossensemble um ein Original vervollständigt und die große Fläche vor dem Rathaus frei für eine Neugestaltung als Rathausplatz und Bürgerforum. Das Rote Rathaus würde mit einem Rathausplatz die Würde und Bedeutung erhalten, die einer großen Stadt wie Berlin gebührt.

Morgen: Teil 18 „Der Fernsehturm und sein Sockel“

 

Eine Mitte der Bürgerschaft (17/22)

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Selbstdarstellung der Kommune

Diktaturen inszenieren ihre Macht in Monumentalbauten, Staatsachsen und Aufmarschplätzen, in organisierten Paraden und Aufzügen. Doch auch die Demokratie braucht symbolische Orte und eigene Formen der Selbstfeier und Selbstbestätigung. Der Literaturwissenschaftler Viktor Klemperer, der als Jude das „Dritte Reich“ in Dresden überlebte, notierte in seinem Tagebuch am 11. August 1934:

“Ich glaube, der 11. August war der >Verfassungstag< der Republik. Dieses >ich glaube< ist charakteristisch; die Feier wurde nie populär, nie mit Schwung und Resonanz durchgeführt. Die Republik war in diesem Punkt allzu protestantisch; sie vertraute allzu sehr auf das Geistige und verachtete das Sinnliche, sie überschätzte das Volk. Bei der gegenwärtigen Regierung ist das Gegenteil der Fall, und sie übertreibt dieses Gegenteil ins Unsinnige.“

Das Gegenteil des Unsinnigen ist nicht der Verzicht, sondern eine sinnvolle, der Demokratie angemessene öffentliche Selbstdarstellung. Aus der Geschichte zu lernen  heißt, die Demokratie populär und sinnlich zu gestalten in Orten, Bauten und Plätzen.

Dies ist nach zwei Jahrzehnten Wiedervereinigung  im Parlaments- und Regierungsviertel, der staatsbürgerlichen Mitte der Bundeshauptstadt, bereits gelungen. Es wird vollendet mit den nationalen Kulturbauten der weltbürgerlichen Mitte im historischen Zentrum und der Erweiterung der Museumsinsel um das Humboldtforum im Berliner Schloss. Die im Bau befindliche U-Bahn-Linie U5 markiert die West-Ost-Wanderung des Wiederaufbaus der Mitte Berlins mit ihren Stationen: Hauptbahnhof, Reichstag, Brandenburger Tor, Unter den Linden, Museumsinsel, Berliner Rathaus.

Der Spatenstich zum Bau der U-Bahnstation Berliner Rathaus, der die Leere vor dem Rathaus für Jahre zur Baustelle machen wird, sollte das Signal sein für den letzten Akt des Wiederaufbaus der Mitte Berlins – die Gestaltung eines Rathausplatzes und Bürgerforums.

Morgen: Teil 18 „Historischer Stadtgrundriss und Traditionsinseln“

 

Eine Mitte der Bürgerschaft (16/22)

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Bürgerinitiativen und Bürgerrechtsbewegung

Schon die Siegermächte bauten in der Nachkriegszeit nicht nur aus praktischen Erwägungen die Demokratie von unten auf und sahen in der Kommunalpolitik eine „Schule der Demokratie“. Im Westen Deutschlands folgte nach Aufbau und Konsolidierung der parlamentarischen Demokratie, des  Rechts- und Sozialstaats und einer sozialen Marktwirtschaft eine Zeit gesellschaftlicher Unruhe und Reformen. „Mehr Demokratie wagen!“ hieß es. Antiautoritäre und außerparlamentarische Bewegungen der „68er“ Kulturrevolution haben die Gesellschaft verändert, in ihrer am Ende ausufernden Gewalt aber auch traumatisiert. Seit den 1970er Jahren stärken Bürgerinitiativen die „Basisdemokratie“ mit der Folge einer Erweiterung und gesetzlichen Verankerung von Beteiligungs- und Anhörungsrechten der Bürger. Die größte Demokratiebewegung aber war die friedliche Revolution im Herbst 1989 in der DDR, die mit der Wiedervereinigung endgültig die Nachkriegszeit beendete. Sie begann mit Bürgerinitiativen und  Bürgerrechtsgruppen und hat für ganz Deutschland ein bleibendes Zeichen gesetzt für Zivilcourage und Bürgermut.

Seit jeher weitet sich der öffentliche Raum um eine ideelle vierte Dimension. Seien es Thesenanschläge und Flugschriften, Bücher und Zeitungen oder Rundfunk und Fernsehen, sie  erzeugen öffentliche Meinung und öffentlichen Druck. Eine neue revolutionäre Dimension aber erlebt der öffentliche Raum heute durch seine globale virtuelle Expansion. Soziale Netzwerke des Internets verändern die Welt im Großen  wie im Kleinen, im individuellen Alltag wie in großen sozialen und politischen Umwälzungen.

Volker Hassemer hat anlässlich der Berliner Stiftungswoche zu „bürgerschaftlichem Engagement als Ergänzung und Korrektiv der Politik“, zu „Teilnahme und Teilhabe“ aufgerufen:

“Eine Stadt wie Berlin braucht eine selbstbewusste Bürgerschaft. Bis 1933 war eine solche Bürgerschaft das Rückgrat und die Energiequelle der Stadt. Die Nationalsozialisten haben diese Basis zerstört und vertrieben.“ „Ergebnis waren in beiden Hälften Berlins ungewöhnlich staatsorientierte gesellschaftliche Wirklichkeiten. Weder im Osten noch im Westen konnte an die bürgerschaftliche Tradition angeknüpft werden.“ “Spätestens jetzt, zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer, ist die Zeit gekommen, sich strategisch um den Aufbau einer solchen bürgerschaftlichen Gesellschaft zu bemühen.“

Morgen: Teil 17 „Selbstdarstellung der Kommune“

 

Eine Mitte der Bürgerschaft (15/22)

In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Selbstverwaltung und Bürgernähe

Alt-Berlin war vom Mittelalter bis zur Neuzeit Mittelpunkt der Bürgerschaft. Mit dem Bau des Roten Rathauses und des Stadthauses und weiterer Verwaltungsgebäude wurde nach der

„jahrhundertealten Geringschätzung“ „Alt-Berlin mehr und mehr zu einem Zentrum und Ort der Selbstdarstellung der Kommune“ (Bodenschatz).

Diese historische Entwicklung gilt es aufzugreifen und in zeitgemäßer Weise fortzusetzen. Berlin als deutsche Hauptstadt wird in ansehnlichen nationalen Staats- und Kulturbauten repräsentiert. Berlin als Kommune, als Bürgerstadt aber fehlt das sichtbare bürgerschaftliche Zentrum, das der Bedeutung und dem Ansehen Berlins als größter deutscher Stadt entspricht.  Es fehlt eine bürgerschaftliche Mitte, die sich  in Plätzen und Bauten als Bürgerforum darstellt, als Ort heutiger bürgernaher Demokratie und lebendiger Bürgergesellschaft.

Die kommunale Selbstverwaltung lebt von Orts- und Bürgernähe wie die ursprüngliche Demokratie der antiken Stadtstaaten in der Agora Athens und dem Forum Romanum. Es ist im physischen Sinne die räumliche Nähe, es ist die sachliche Problemnähe und Ortskenntnis, es ist die Nähe persönlicher Beziehungen und sozialer Milieus und die emotionale Nähe mit der Bereitschaft zu Identifikation, Engagement, Einmischung und Mitwirkung, die die „Politik von unten“ ausmacht.

Morgen: Teil 16 „Bürgerinitiativen und Bürgerrechtsbewegung“