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Als Fahrrad-Guide sind mir Reisebusse mindestens suspekt. Von Hass kann keine Rede sein. Mir geht es um die Stadt …

Reisebusse in Berlin

Schon besser: Ein Sightseeing-Bus überquert den Checkpoint Charlie wegen der Baustellenumleitung von Süden nach Norden ohne Abzubiegen (Foto: André Franke)

Der Berliner Kurier macht Stimmung gegen Reisebusse. Warum auch nicht? Sie blockieren Stadtbild und Sehenswürdigkeiten, verpesten die Luft, lärmen und sind ungelenke Riesen unter den Verkehrsteilnehmern und deswegen auch gefährlich. Gerade auch, weil die Fahrer ortsfremd sind. Schwerpunkte des Busgerangels sind schnell aufgezählt: Museumsinsel, Gendarmenmarkt, Holocaust-Mahnmal und Checkpoint-Charlie. Auch die Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße.

? Warum sanieren wir den Kolonnadenhof vor der Alten Nationalgalerie, wenn ich ihn nicht mehr sehen kann, weil der Säulengang von den Bussen zuparkt ist?

?? Wie kontraproduktiv, ja zerstörerisch sind die Reihen rollender Motoren am Gendarmenmarkt, dessen Attraktvität von der Atmosphäre straßenmusikalischer Inszenierungen lebt?

??? Und wie paradox erscheint mir die Lage am Stelenfeld, wo eine lückenlose Wagenburg die Offenheit und Begehbarkeit der Eisenman-Skulptur zu nichte macht?

Beim Checkpoint Charlie sieht man allerdings, wie eine gezielte Verkehrsführung sofort positive Effekte haben kann: Wegen der Baustelle in der Zimmerstraße müssen alle Busse aus Richtung Potsdamer Platz kommend zur Zeit über die Kochstraße fahren. Das heißt, sie überqueren den Checkpoint Charlie geradlinig, ohne links in die Friedrichstraße abzubiegen und vorher aufgrund der Vorfahrtsregeln minutenlang warten zu müssen. Hier bin ich gespannt, was die geplante „Begegnungszone“ bringt.

Berlin braucht mehr als ein Konzept für Reisebusse

Im Kurier fordert Stefan Gelbhaar von den Grünen ein Reisebus-Konzept. Ich halte das für viel zu kurz gegriffen. Denn auch Lieferverkehr stört in sensiblen Bereichen des Hauptstadt-Tourismus, und auch Pkw-Stellplätze blockieren Zugänge zu öffentlichen Räumen. Man denke mal an die East-Side-Gallery, wo die parkenden Autos den Betrachtern der Bilder den Standort für die beste Perspektive versauen.

Wir brauchen ein modifiziertes Verkehrskonzept. Und es muss eben auf die Schnittstellen zum Berlin-Tourismus abgestimmt werden.


weitere Futurberlin-Artikel zu: Checkpoint-Charlie und East-Side-Gallerie

Alle wollen sie, aber jeder versteht unter ihr etwas anderes. Auch im Salon von Lea Rosh letzten Montag bemühten die Gäste den Begriff von der Urbanität, als es erneut ums Rathausforum ging.

„Wir glauben, dass man Urbanität nur durch die Rekonstruktion des historischen Stadtgrundrisses herstellen kann“, sagte Gerhard Hoya von der Gesellschaft Historisches Berlin.

Doch Wolf-Dieter Heilmeyer von der Stiftung Zukunft Berlin verwies darauf, dass Urbanität auch soziologisch interpretiert werden kann. Leider wurde die Frage nicht weiter vertieft. Das Thema verdient sogar eine eigene Veranstaltung, finde ich: Was meint wer mit Urbanität?

Ein Buch, die Dissertation von Thomas Wüst, „Urbanität: ein Mythos und sein Potenzial“, auf das ich gestoßen bin, gibt schon mal einige Antworten, wenn auch nicht direkt zum Berliner Rathausforum.

Auch auf einen studentischen Projektbericht zum Thema Nutzungsmischung im Städtebau der TU Berlin bin ich in meinem Archiv gestoßen, bei dem wir im Jahre 1999 die Urbanitätsdebatte zusammenfassten. Hier ein Auszug:

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Eine der Zielsetzungen, die oft im Zusammenhang mit Nutzungsmischung diskutiert wird, ist die Erhaltung bzw. die Schaffung von Urbanität. Eine intakte funktionsgemischte Stadtstruktur wird häufig als Voraussetzung für Urbanität angesehen. Dieser Meinung ist z.B. Hunkenschroer, die als eine Vertreterin dieses Leitbildes der Stadtentwicklung bezeichnet werden kann.

”Die Mischung von Wohnen und Arbeiten kann in vielfältiger Weise auch in unserer Gesellschaft dazu beitragen, der Verödung von Stadtquartieren etwas entgegenzusetzen. Durch die Überlagerung mannigfacher Funktionen in dichten Strukturen entsteht Öffentlichkeit, da sich unterschiedliche Personen zu mehreren Tageszeiten im öffentlichen Raum (meist auf der Straße) aufhalten.” (Hunkenschroer, 1995: S.20)

Dabei ist für Hunkenschroer Dichte ein zentrales Merkmal von Urbanität. So sei eine Mindestdichte an Bewohnern in einem Quartier nicht nur die Voraussetzung für die Rentierlichkeit sozialer und technischer Infrastruktur sowie für Kommunikationsprozesse und Informationsflüsse.

Café Bauer Unter den linden in Berlin Ende des 19. Jahrhunderts:  (Foto: wikipedia, gemeinfrei, Autor unbekannt, Library of Congress United States)

Café Bauer Unter den linden in Berlin Ende des 19. Jahrhunderts: „Lebendigkeit im öffentlichen Raum“. (Foto: wikipedia, gemeinfrei, Autor unbekannt, Library of Congress United States)

Den Dichtebegriff bezieht Hunkenschroer darüberhinaus auch auf das Maß an städtebaulicher Konzentration (vgl. ebd.).

”Die bauliche Dichte ist auch die Voraussetzung für die Lebendigkeit im öffentlichen Raum.” (ebd.: 101)

Der urbane Charakter eines Gebietes werde jedoch endgültig erst durch eine hohe Interaktionsdichte zwischen den Bewohnern erreicht. Das bedeutet, daß unterschiedliche Nutzungstypen, wie z.B. Wohnen und Versorgung, auf einen kleinen Raum konzentriert werden müssen, und auf diese Weise eine fußläufige Erreichbarkeit ermöglicht wird. Die Folge dieser schnellen Erreichbarkeit ist, daß die Nutzung der im Gebiet ansässigen Versorgungs- und Dienstleistungseinrichtungen intensiviert wird, und somit der urbane Charakter des Gebiets zunimmt.

Hoffmann-Axthelm beschäftigt sich insbesondere mit der inszenierten Urbanität, die er als von der eigentlichen Stadt gelöst sieht. Demnach sind urbane Lebensverhältnisse nicht mehr an die Stadt gebunden. (vgl. Hoffmann-Axthelm, 1996). Vor dem Hintergrund der Suburbanisierung ist Urbanität für ihn der Stadtrest, …

”den diejenigen mitnehmen wollen, die sich aus dem Sozialvertrag Stadt (…) herausstehlen ins grüne (…) Umland” (Hoffmann-Axthelm 1996:55).

In diesem Zusammenhang unterscheidet er drei Typen von künstlicher Urbanität:

Der erste sei die gewöhnliche Innenstadt mit Einkaufszentren, die im geschützten Innenraum Stadt simulieren. Urbanität bedeutet hier Einkaufs- und Freizeitumgebung, verknüpft mit Kino, Restaurants, Cafés und Warenhaus. Die Mischung beschränkt sich hierbei auf das oben genannte Angebot an Konsumeinrichtungen, klammert jedoch eine Vielzahl an Funktionen, wie z.B. Handwerk, produzierendes Gewerbe und bestimmte Dienstleistungen, aus.

Im Vergleich zu diesem Urbanitätstyp ist der Zweite nur noch auf tourismusorientierte Funktionen beschränkt. Hoffmann-Axthelm beschreibt, daß sich das städtische Geschehen in den historischen Zentren fast ausschließlich auf die Erdgeschoßbereiche konzentriert.

Altstadt Trier: gefüllte Straßen. Echte römische Historie. Geht sowas in Berlin? (Foto: André Franke)

Altstadt Trier: gefüllte Straßen. Echte römische Historie. Geht sowas in Berlin? (Foto: André Franke)

Die dritte Art von inszenierter Urbanität ist fast vollständig von der Nutzungsmischung losgelöst. Das heißt Lebendigkeit wird durch eine Festivalisierung der Städte erzeugt, wobei sie ausschließlich wegen bestimmter Ereignisse oder Attraktionen besucht werden. Eine wichtige Rolle spielt hierbei der Neubau von Unterhaltungskomplexen, wie z.B. am Potsdamer Platz in Berlin. (vgl. ebd.). Hier gruppieren sich die Investitionen um einen ”unterhaltungsindustriellen Kern”.

”Bei Debis (…) ging es schon sehr früh um ein Musicaltheater. Der Medienkonzern Sony baut im Innern seines Komplexes eine riesige multimediale Bühne, einen Raum, der zugleich Bildschirm und Film, Stadtraum und simulierte Stadt ist.” (ebd.: 60)

Die Typisierung Hoffmann-Axthelms macht deutlich, daß Nutzungsmischung nicht das einzige Instrumentarium ist, um den städtischen Raum zu beleben. Von besonderer Bedeutung für sein Urbanitätsverständnis ist eine ausgewogene soziale Mischung, die zwangsläufig ein erhöhtes Konfliktpotential in sich birgt. Wenn man diese Mischung aus unterschiedlichen ethnischen Bevölkerungsgruppen, sozialen Bevölkerungsschichten sowie mehreren Generationen näher betrachtet, wird deutlich, daß ein hohes Maß an Toleranz und Kompromissbereitschaft bei den Bewohnern erforderlich ist. (vgl. Hoffmann-Axthelm, 1996) Dies kann jedoch nicht vorausgesetzt werden (vgl. Gruen 1975, Schäfers 1997, Hunkenschroer 1995).

Die sich aus der Mischung ergebenden Konflikte sind dagegen ein Hauptpunkt der Kritik am Leitbild der durch Nutzungsmischung erzeugten Urbanität. So schreibt Jakhel, daß die soziale Integration innerhalb eines gemischten Viertels nicht überschätzt werden sollte (Jakhel, 1976: S.83). Er bezweifelt, daß räumliche Planung Lebendigkeit im Stadtgebiet hervorrufen und die Integration des Stadtbürgers in das Stadtgeschehen bzw. in das Marktgeschehen fördern kann. Auch die Tendenz zur sozialen Segregation kann seiner Meinung nach nicht allein durch die Gestaltung des Raumes aufgehoben werden.

Eine ähnliche Haltung vertrat bereits Anfang der 60er Jahren SalinEr bezweifelt, daß Raumplanung tatsächlich urbane Verhältnisse erzeugen könne. Salin definiert Urbanität als …

”kulturell – gesellschaftliche Lebensform, weltoffene Haltung der Bewohner zueinander und gegenüber Fremden, aber nicht (als) die Qualität einer besonderen städtebaulich – räumlichen Struktur.” (in: Sieverts, 1998)

Literaturliste:

  • Hoffmann-Axthelm, Dieter 1996: Anleitung zum Stadtumbau. Frankfurt/M. New York
  • Hunkenschroer, Birgit 1995: Mischung von Wohnen und Arbeit als Potential für eine stadtverträgliche Gewerbentwicklung. Diplomarbeit. Berlin
  • Jakhel, Rudolf 1976: Illusion und Realität der ‚urbanen‘ City: Ein Beitrag zur Kritik der urbanistischen Ideologie, Aachen
  • Sieverts, T. 1998: Zwischenstadt, Braunschweig u.a.

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Ich bin mal gespannt, wie weit man sich bei der anstehenden Stadtdebatte „Alte Mitte – neue Liebe?“ mit diesem Thema befassen wird. Die Auftaktveranstaltung dazu findet am 18. April statt.

Zum Thema Rathausforum und Urbanität siehe auch: „Hingehen, sehen lernen“ – Ein Interview mit Verena Pfeiffer-Kloss von Urbanophil e.V. auf Futurberlin.de

Mit der Berliner Altstadt sei es wie mit Bordeaux-Weinen, sagt Benedikt Goebel, der im Namen des Bürgerforums Berlin am Dienstag in die Volkshochschule zum Auftakt der Veranstaltungsreihe „Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Berliner Stadtkerns“ einlud. 

„Es dauert ein Weile bis man zum Kenner wird, aber bis dahin hat man einfach eine schöne Zeit.“

Multifunktionsraum in der VHS-Mitte mit den pünktlichen Gästen. Es kamen mehr als zu sehen sind. (Foto: Christina Kautz)

Multifunktionsraum in der VHS-Mitte mit den pünktlichen Gästen. Es kamen mehr als zu sehen sind. (Foto: Christina Kautz)

Der multifunktionale Raum 1.12 in der Linienstraße 162 war gut besucht. Die VHS lieferte Stühle nach. Die Landschafts-architektin Christina Kautz und der Architekt Lutz Mauersberger hielten einen bilderreichen Vortrag über den Ursprung der Doppelstadt Berlin-Cölln und der historischen Stadtentwicklung an der Spree und dem Spreekanal. Und jene Bilder sind es eben, die einen zum Genießer werden lassen, bevor man sich versieht, weil sie Berliner Orte zeigen, die es nicht mehr gibt: Packhöfe, Oberbäume, Unterbäume, Schleusen, Pferdeschwemmen, Wasserkunst, Brückenschmuck, Fischkästen. Und Flussbäder.

Projekt Flussbad Berlin: renaturierter Spreekanal für ein sauberes Schwimmbecken direkt am Lustgarten (Bild: Flussbad Berlin e.V., realities:united)

Projekt Flussbad Berlin: renaturierter Spreekanal für ein sauberes Schwimmbecken direkt am Lustgarten (Bild: Flussbad Berlin e.V., realities:united)

Wobei die historischen Spree-Flussbäder hier eine ziemliche Steilvorlage boten für die Diskussion über das Zukunftsprojekt „Flussbad Berlin“, das auf 750 Meter Länge zwischen Bodemuseum und Schleusenbrücke gebaut werden soll und mit vier Millionen Euro aus dem Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ öffentlich gefördert wird (hier mehr zum Projekt).

Das wird beim Bürgerforum sehr kritisch gesehen. Und Gründe, dem Flussbad-Projekt skeptisch gegenüber zu stehen, gibt es einige, zum Beispiel die Standortwahl: Man brauche sowas nicht an einer prominenten Stelle wie der Museumsinsel, meint Christina Kautz. Lutz Mauersberger macht auf den Preis aufmerksam, mit dem das Schwimmbecken bezahlt wird: die Filteranlage und Moorlandschaft, die den restlichen Spreekanal bis zur Mündung ausfüllen sollen. Und Benedikt Goebel ergänzt, dass Projektbilder eben auch nicht riechen. Sprich: das Projekt beeinträchtige potenziell die Wohnqualität an den angrenzenden Ufern, zum Beispiel auf der Fischerinsel.

Für einen Volkshochschulkurs könnte das für manchen ein bisschen viel Meinung gewesen sein. Oder auch nicht. Kennerschaft bringt am Ende eben auch ein handfestes Urteilsvermögen mit sich. – Prost.


Zum „Flussbad Berlin“ wird es beim Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin (AIV) am 23. Februar eine Veranstaltung geben.

Der nächste Kurstermin für angehende und schon gereifte Stadtkernkenner findet in der VHS Mitte am 17. Februar statt, dann unter dem Thema „Vergessene Schönheit der Berliner Altstadt“.

Kommen unkompliziert: keine Anmeldung nötig, kostenfrei, und Stühle gibt es auf jeden Fall genug.

IMGP7405IMGP7406IMGP7408IMGP7393IMGP7412Als ich vor einiger Zeit einen in Berlin spielenden historischen Hugenottenroman las und der Autor bei seinen Ausführungen zur Leidenschaft des preußischen Königs zum Tabakkollegium Friedrich I. mit dessen Sohn, dem “Soldatenkönig” verwechselte, war das Buch für mich zu Ende, denn die Geschichte war nicht mehr glaubwürdig. Letzte Woche Dienstag im Kino Babylon geschah bei der Weltpremiere von “Berlin East Side Gallery” das Gleiche auf der Leinwand: In der Einleitung werden in chronologischer Reihenfolge die Klassiker-Zitate aus der Historie des geteilten Berlins eingespielt, beginnend mit Ernst Reuter und seinem Luftbrücken-Appell an die “Völker der Welt …”, datiert auf 1961 statt 1948. Darf das in einem Film, der auf die Geschichtsträchtigkeit eines Denkmals setzt, passieren?

Ja, natürlich. Fehler werden überall gemacht. Nur dürfen die Filmemacher nicht erwarten, dass ich als Zuschauer ihnen dann noch irgendetwas glaube. Weder, dass der Grenzstreifen in Berlin vermint war, wie eine Stadtführerin in der Doku erzählt. Noch, dass alle, die gegen den Abriss der East Side Gallery protestieren, die Guten sind. Ich bin nicht einmal mehr von der Notwendigkeit überzeugt, die Gemälde von den Schmierereien zu befreien. Ein falscher Reuter hat seinen Preis.

Die Glaubwürdigkeit des Films ist also dahin für mich. Trotzdem hat er etwas geschafft, was zum 25. Jubiläum des Mauerfalls ohne Frage auch schön ist. Er feiert die Künstler, zeigt viele von ihnen in Portraits. Und er hat sie bei der Premiere zusammen auf die Bühne gebracht. Auch Dave Monty, der 1990 die Idee zu einer Mauergallerie ins Leben gerufen hatte, war mittenmang. Das war wohl historisch. Historisch korrekt. Denn das wird es wahrscheinlich nicht noch einmal so geben.

Der Film will zuviel

Über zwei Stunden Spielzeit (für einen Dokumentarfilm) zeigen dann aber doch die eigentliche Schwäche des Films. Er hat einen schwammigen Fokus. Geschichte, Kunst und Stadtentwicklung kriegten Karin Kaper und Dirk Szuszies, die an dem Film sechs Jahre arbeiteten, nicht unter einen Hut. Sie reihen sich mit ihrem Werk in die Protestdemos von 2013 ein, erklären aber nicht, wie das Politikum des “Living Levels” Luxuswohnhochhauses und das Baurecht des Investors Maik Uwe Hinkel überhaupt entstanden sind. Ich würde sagen, der Fall macht eine eigene Doku (und wäre sie wert).

Was der Film so wenig wie die Proteste in Bezug auf die Aufgabe der East Side Gallery als Geschichtsvermittler macht, ist, eine gesamtstädtische Perspektive einzunehmen. Es wird so getan, als ginge es um das letzte Grenzrelikt in Berlin und als könne die East Side Gallery die Berlinteilung (am besten) erklären. Sie kann es ja gerade nicht! 25 Jahre nach dem Fall der Mauer haben wir in Berlin eine gepflegte Arbeitsteilung unter den Mauersehenswürdigkeiten erreicht. Dokumentieren, was geschah und was die Grenze war, kann die (im Film unerwähnte) Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße viel besser. Wenn der Film die Frage nach der Zukunftsbestimmung der East Side Gallery stellt, ohne über den Tellerrand zu schauen, erscheint mir das irgendwie ignorant.

IMGP7378Die Rolle der East Side Gallery in dieser Arbeitsteilung ist doch keine dokumentarische. Sie ist ein Kunstwerk. Die Menschen kommen wegen der Bilder, des “Bruderkusses” von Dmitri Vrubel zum Beispiel. Das erzählt der Film wiederum sehr gut und umfangreich.

Als Kunstwerk verstanden, kann ich mir die Zukunft der East Side Gallery dann auch flexibel vorstellen, losgelöst von der Straßenbegrenzungslinie der Mühlenstraße. Postiv gesehen, machte “Living Levels” das Betrachten wenigstens eines der Bilder, nämlich “Himlen over Berlin” von der Spree und vom Kreuzberger Ufer möglich. Auch die Fotogallerie „Wall on wall“ von Kai Wiedenhöfer, 2013 an die Westseite montiert, vermittelte die Kunst in eine neue Richtung.

IMGP7387Darum sollte es in Zukunft darum gehen, die Kunst zu erschließen. Die Bürgersteig-Gallerie ist entlang der parkenden Autos eher ein Spießrutenlauf als Vergnügen. Die Bilder sind groß, man muss sie aus ein paar Meter Distanz betrachten, um sie sehen und fotografieren zu können. Geht man auf die andere Straßenseite, stören wiederum die Autos.

"Himlen over Berlin", East-Side-Gallery, März 2013, © André FrankeIMGP7432Stellen wir die Bilder doch in die Grünanlage! Als Bilderhain, Bilderlabyrinth, Bilderstrecken. Lösen wir die East Side Gallery aus ihren Fundamenten, öffenen wir sie! Folgen wir “Himlen over Berlin” ins Grüne, an die Spree! Umdrehen ist noch lange kein Abreißen.

Natürlich müssten die Künstler diese Reinszenierung mitgestalten. Das ist doch der eigentliche Skandal gewesen oder? Dass sie nicht gefragt und von den Eingriffen überrascht wurden.

Und jetzt zu den Schmierereien: Ja. Man kann sie verabscheuen und man kann sie wieder abscheuern. Aber ich glaube, man wird diese Kommentarfunktion auf Dauer nicht ausschalten können. Und das macht die East Side Gallery auch zur Pinwand. Natürlich sind die Tags oberflächlich. Ich bezweifle aber, dass sie durchweg respektlos sind, denn sie sind das Feedback der Welt, international, eigentlich ein Riesen-Kompliment. Wer immer da seinen Wilhelm an die Wand setzt, steht in der Anziehungskraft der Mauerkunst und schmiert, schreibt, kritzelt, weil er oder sie nicht anders kann. Das ist die Macht der Maler, die Helden sind. So hätte ich den Film wegen seiner Portraits übrigens auch genannt: “Die Helden der Wand”.

Wenn mich nicht alles täuscht, stammen die fünf Varianten, wo am Platz der Republik potenziell ein Neubau für das geplante Besucher- und Informationszentrum des Bundestags (BIZ) hingebaut werden könnte, von der Berliner Zeitung selbst, die am Wochenende über das (inklusive Tunnel) 150 Millionen Euro teure Bauprojekt berichtete. Wenn dem tatsächlich so ist, dann bitte: Malstunde beenden, Rotstifte beiseite legen, auf den Platz der Republik gehen und die Augen öffnen: Vor die Westfassade des Reichstagsgebäudes gehört gar nichts! Dessen ist sich wohl auch der Bundestag bewusst. Sein Ältestenrat hat sich für den BIZ-Neubau für den Standort südlich der Scheidemann-Straße entschieden – abseits des Platzes. (Nicht schlecht, aber ich plädiere wie gesagt für eine Erhaltungssatzung für den Schokopudding im dort heute bereits existierenden Berlin-Pavillon, was einen Abriss desselben und eine Erschwerung der Rückkehr des Puddings an diesen Ort verhindern helfen soll.) Ich wage daher eine Variante Nr. 6: Malt ein rotes BIZ-Rechteck westlich der Heinrich-von-Gagern-Straße auf die Grünfläche, wo einst die Krolloper stand! Das wäre städtebaulich doch rund oder? Zu lang die Tunnelstrecke dann? Und zu teuer? – Macht einen oberirdischen Steg draus und verzichtet auf den Teuer-Tunnel! Drei Meter hoch dieser Steg, von transparenten (von mir aus Panzer-) Glaswänden gesäumt, der direkt ins Portal des Reichstagsgebäudes führt.

Besucherbuden blockieren Bundestag. Weg damit, mit den Besucherbaracken.

Besucherbuden blockieren Bundestag. Weg damit, mit den Besucherbaracken.

Der Pavillon schmeckt und ist aus manchen Perspektiven kaum zu sehen. Mehr noch, er passt sich bescheiden in die Atmosphäre ein.

Der Pavillon schmeckt und ist aus manchen Perspektiven kaum zu sehen. Mehr noch, er passt sich bescheiden in die Atmosphäre ein.

Fährt man fast dran vorbei, außer man war beim Zahnarzt, musste das Mittagessen aufschieben und hat Hunger. Nochmal: atmosphärisch stört die Bude nicht. - Stehenlassen bitte.

Fährt man fast dran vorbei, außer man war beim Zahnarzt, musste das Mittagessen aufschieben und hat Hunger. Nochmal: atmosphärisch stört die Bude nicht. – Stehenlassen bitte.

Überraschung: Stadtmodell in 3D auf der Grundlage des Planwerks Innenstadt aus dem Jahre 2005. Macht sich mindestens gut als Orientierungshilfe. Holzmarkt muss ge-updated werden!

Überraschung: Stadtmodell in 3D auf der Grundlage des Planwerks Innenstadt aus dem Jahre 2005. Macht sich mindestens gut als Orientierungshilfe. Holzmarkt muss ge-updated werden!

"Stäv" lässt grüßen: Aber ein Altkanzler-Filet ist es nicht. Auch nicht ganz so teuer, sondern "nur" 6,90 Euro.

„Stäv“ lässt grüßen: Aber ein Altkanzler-Filet ist es nicht. Auch nicht ganz so teuer, sondern „nur“ 6,90 Euro.

Na bitte. Das Besucher- und Informationszentrum des Bundestages soll nicht länger unterirdisch geplant, sondern als ganz normales Haus im Tageslicht gebaut werden. Kein “Grab des Volkes” mehr, immerhin. Aber weichen soll ein Haus, wie die Berliner Zeitung schreibt, das am Platz der Republik schon steht, schon länger: der Berlin-Pavillon. Dabei handelt es sich um eine Fressbude, gar nicht mal um eine schlechte. Schöne, dicke Currywürste, wahlweise mit Pommes oder Bratkartoffeln gibt es da; auf dem Teller sieht’s aus wie im “Stäv” am Schiffbauerdamm, wenn man ein Altkanzler-Filet bestellt. Schmeckt auch fast so gut wie dort, nur das Kraut fehlt und die Nationalflagge. Aber die kann sich die Gastro bei dem Schwarz-Rot-Gold-Aufgebot nebenan wirklich sparen. Will sagen: ich mag den Pavillon! Trotz der sechs Euro neunzig, die ich für die Wurst mit Pommes gestern bezahlt habe und vor denen ich nicht zurückschreckte, weil ich mein Mittagessen um zwei Stunden verschieben musste, weil ich zuvor beim Zahnarzt war. (Mal herhören: Der Schoko-Pudding ist der absolute Hammer! Sehr flüssig, fast trinkbar. Tipp: Esslöffel benutzen! Kosten: zwei Euro zwanzig.) Also, ich mag die Bude. Sie ist sogar informativ und besonders bei Regen tourtechnisch ansteuerbar für Berliner Stadtführer, wegen seines großflächigen 3D-Stadtmodells an der Wand. Aber ich mag das Ding auch, weil es architektonisch so unscheinbar ist, grau, gut getarnt. Ich fürchte, von dem zukünftigen Besucherhaus wird man das nicht erwarten dürfen, es wird bestimmt in Sichtbeton, wie beim “Band des Bundes”, hell aus den Büschen des Tiergartens blitzen. Und wir werden denken: noch Baustelle oder schon fertig gebaut? Aber das ist nur eine Vermutung. Naja, der Pavillon ist jedenfalls mehr als ein Zelt, mehr als eine Humboldt-Box. Ich werde Abschied nehmen. Pudding essen. Mit großem Löffel. Tag für Tag. Ab morgen. Oder kommt die Moral etwa doch zuerst?

Yadegar Asisi-Panorama im Hintergrund. Die Zeit der Rundumschläge am Checkpoint Charlie ist bald vorbei.

Yadegar Asisi-Panorama im Hintergrund. Die Zeit der Rundumschläge am Checkpoint Charlie ist bald vorbei.

Der “Berliner Kurier” schreibt am Dienstag, dass der irische Eigentümer seine Grundstücke am Checkpoint Charlie beiderseits der Friedrichstraße verkaufen will (oder – die staatliche Bank “Nama” im Nacken sitzend – verkaufen muss). Das heißt, Disneyland verabschiedet sich. Zum Ende des Jahres ziehen die Buden ab. Ich wette, wir werden sie uns zurückwünschen! Denn die Friedrichstraße/ Ecke Zimmerstraße wird bald nicht mehr von der Friedrichstraße/ Ecke Leipzigerstraße und von der Friedrichstraße/ Ecke Krausenstraße und von der Friedrichstraße/ Ecke x-beliebige Straße zu unterscheiden sein. Das wäre schlimmer als das, was wir heute haben. Aber was wäre eigentlich besser als der Mansch von heute? Eine Gedenkstätte? Ein Platz? Ein Park? Ein Panzer-Denkmal? Oder doch ein banales Bürohaus in Rasterfassaden? Eigentlich ist doch alles besser als die Grenze von vor 25 Jahren.

Das VOLT Berlin ist die Fortsetzung des Alexa-Einkaufszentrums mit anderen Mitteln. – Ein Tourbericht zur gestrigen Zukunft-Berlin-Tour mit Berlin on Bike und der Antwort, was zwischen Alexa und Jannowitzbrücke gebaut wird.

VOLT Berlin, J. Mayer H.Kommt Zeit, kommt Rat. Und manchmal schneller als man denkt. Bei der Zukunft-Berlin-Tour am Sonnabend tauchte die Frage auf, was eigentlich auf dem Gelände hinterm Alexa geplant sei. Wir radelten daran vorbei und sahen die Bier-Bikes darauf parken. Als wir beim dritten Stopp dann zu den Stadtmodellen bei der Senatsverwaltung kamen, stießen wir auf eine aktuelle Ausstellung, die die Ergebnisse eines Architektenwettbewerbs zeigt. Zwischen Alexanderstraße und Stadtbahn, da wo jeden Dezember Berlins größter Weihnachtsmarkt, der “Wintertraum” aufschlägt, entsteht das sogenannte “Volt Berlin Future Urban Home”, ein Einkaufs- und Erlebniszentrum mit Skydiving und Surfen drin. Die Kernschmelze von Alexa-Konsum und Marktspektakel lasse ich mir ein anderes Mal auf der Zunge zergehen. Sie verdient auf jeden Fall Beachtung und ist zumindest konsequent. Die Architektur erinnert an das “Alea 101”, dass in der Nähe gerade gegenüber dem Cubix-Kino gebaut wird. Sie stammt vom Architekten Jürgen Mayer H. und ist neben den Alternativ-Entwürfen der Ausstellung noch bis zum 23. Mai im Lichthof der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Am Köllnischen Park 3 in Mitte zu sehen.

Die Feierei im öffentlichen Raum der Berliner Innenstadtbezirke erreicht die Grenzen des Erträglichen und die Grenzen des Machbaren. Ein Artikel in der „Welt am Sonntag“ gibt einen guten Überblick darüber, wo und wie oft gefeiert wird, und wie die Behörden darauf reagieren: Mitte habe einen Kriterienkatalog, der am Brandenburger Tor und auf der Straße des 17. Juni nur Veranstaltungen „von herausragender Bedeutung“ erlauben soll. Events zu Werbezwecken seien nicht genehmigungsfähig. Friedrichshain-Kreuzberg suche nach einem zentralen Festplatz und habe eine Arbeitsgruppe für die Sondernutzung von öffentlichen Straßen und Grünflächen gegründet. Pro Jahr gäbe es hier etwa 150 Feste. Dazu führe der Bezirk seit 2009 eine Datenbank mit Beschwerden von Anwohnern. 1.635 sind seitdem dort gespeichert. Viele richteten sich gegen die im August stattfindende Biermeile in der Karl-Marx-Allee. In Pankow ist es vor allem der Mauerpark, der beim Bezirk eine restriktive Genehmigungspraxis ausgelöst hat. Durch die Karaoke-Show hätte der Park am Amphitheater dermaßen Schaden genommen, dass teilweise der Hang abgerutscht sei und sich die Steinblöcke gelöst hätten. Stadtrat Jens Holger Kirchner (Grüne) bekäme pro Jahr rund 200 Anfragen für Events. Die Bilanz des Parks für 2013 sieht so aus: 24 Karaoke-Shows, die Fête de la Musique, ein Peru-Familienfest und das Knaack-Sommerfest. Die meisten Veranstaltungswünsche bleiben hier unerfüllt. Auch Mittes Stadtrat Carsten Spallek (CDU) lehne die meisten Anfragen ab, heißt es. Er bekomme sie für die Straße des 17. Juni „nahezu täglich“. So habe er zum Deutsch-Amerikanischen Volksfest Nein gesagt, für das die Straße etwa zwei bis drei Wochen gesperrt werden müsste. Auch gegen die 150-Jahrfeier der SPD vor einigen Wochen hatte er sich gewehrt, allerdings erfolglos.

Der „Welt“-Artikel hier zu lesen in gekürzter Fassung bei der Berliner Morgenpost

Das Kabarett-Theater „Distel“ in der Friedrichstraße spielt in seinem Jubiläumsprogramm „Endlich Visionen“ auch einen Sketch über Berlin im Jahre 2050. Auf dem „Wowereiter“ unternimmt eine Familie eine Stadtführung und bekommt ein Bild von der Stadt geboten, das wir heute noch nicht kennen, aber vielleicht schon erahnen: Berlins Innenstadt wird bus- und autofrei, Neukölln ein Safari-Zoo für Touristen, Opernhäuser gibt es sieben, verbunden werden sie mit einem „Transopera“, über den auch das einzige Stadtorchester seine Instrumente austauscht, das Berliner Schloss als Humboldtforum wird unter die Erde gelegt, zugunsten des darüber ausgebauten U-Bahnhofs Museumsinsel, denn es gibt eine neue U-Bahnlinie U55 B, die oberirdisch „über den Linden“ verkehrt – zusätzlich zur unterirdischen U55 -, die Linden werden deswegen gefällt, Hertha schießt wegen der Dauersanierung des Olympiastadions aufs Brandenburger Tor und einen Flughafen gibt es nicht, auch nicht in Tegel. Ich war der einzige, der bei der Vorstellung gestern für die autofreie Innenstadt geklatscht hat. Die „Distel“ feiert ihr 60-jähriges Jubiliäum. In dem Programm wirft sie den Blick 60 Jahre in die Zukunft. Es läuft noch bis Ende des Jahres.

Es war eine „sie“, die gestern zur richtigen Zeit durch die Türe trat. Janine Graf, 28, war die fünfhunderttausendste Besucherin der Humboldt-Box und der Ehrengast der Schlossbauer für einen ganzen Tag. Die Dame wurde mit Blumen beschenkt. Außerdem bekam sie ein Buch übers Humboldtforum und obendrein eine Nachbildung eines Schmuckelementes aus der zukünftigen Fassade des Schlosses, teilt die Stiftung mit.

 

Die Humboldt-Box am Schlossplatz erwartet heute ihren fünfhunderttausendsten Besucher, teilt die Schlossstiftung mit. Wer sie besucht, könnte potenziell ab 10 Uhr vormittags, wenn das Haus öffnet, die Hände schütteln von: Wilhelm von Boddien, Hermann Parzinger, Manfred Rettig, Rainer Bomba und Gerd Henrich. Das sind (in gleicher Reihenfolge) der Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss e.V., der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Vorstand der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum, der Staatssekretär des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, und der Geschäftsführer der Megaposter AG als Betreiber der Humboldt-Box. Gleichzeitig müssen Interessierte nicht mehr leibhaftig an die Baustelle gehen, um zu verfolgen wie das Schloss aus dem Boden wächst. Die Stiftung hat eine neue Webcam installiert, die Bilder in „fullHD“ und aus drei Perspektiven liefert. Sie werden alle 15 Minuten aktualisiert. Auch Zeitrafferfilme sollen auf der website der Stiftung abrufbar sein. Überraschend ist in der Mitteilung allerdings nur noch die Rede von dem „größten Kulturbauvorhaben in der Mitte der deutschen Hauptstadt“, während das Projekt früher als „größtes Kulturbauvorhaben Deutschlands“ bezeichnet wurde. Die Aussicht der Fertigstellung macht offenbar bescheiden. Zur Zeit betonieren die Bauarbeiter die Kellerdecke.

Sie schaffen Klarheit und Ordnung, teilen die Welt in ein Drinnen und Draußen, in ein Hier und ein Drüben: Zäune sind wieder beliebt in Berlin. Immerhin haben sie Tradition. Ab 1527 hielt ein Zaun das Wild im Wald, der vor dem Schloss der jagenden Kurfürsten lag. 1961 hielt ein weiterer scheinbar wild gewordenes Ostvolk zurück, und die Jagd am Zaun begann von Neuem. 2010 gab es dann den ersten mit regulären Zaunschließzeiten. Drinnen zu sein, auf der Tempelhofer “Freiheit”, war plötzlich ein Privileg. 250 Protestierende forderten die versprochene Freiheit ein und wollten sie auch in der Nacht. Der Zaun steht noch. Der folgende noch nicht: Um den Tiergarten soll einer gebaut werden, wie seit dem Sommer immer wieder berichtet wird. Es ist einer, der Sicherheit verspricht, nicht Freiheit. Gegen den Tiergartenzaun hat sich zwar die Bezirksverordnetenversammlung von Mitte ausgesprochen, aber Mittes BVV-Beschlüsse wackeln mitunter auch. Baustadtrat Carsten Spallek (CDU) will den Zaun ja immer noch. Und ein anderer will einen anderen jetzt auch um den Görlitzer Park errichten. Timur Husein, Bezirksverordneter der CDU in Friedrichshain-Kreuzberg, setzt sich für einen eingezäunten Görli ein, wie der Tagesspiegel berichtet. Aber momentmal, steht um den Görli nicht noch die alte Bahnhofsmauer? Wilde Zeiten sind das, neue Zäune … hohe Zäune. Es ist die Renaissance des Berliner (Jagd-) Reviermanagements.

Und so klingt der Wunsch nach Gehege vom 13. Mai 1527 aus der Feder des Kurprinzen Joachim, des späteren Kürfürsten Joachim II. (aus „Der Tiergarten in Berlin“, Hrsg. Walther G. Oschilewski, arani Verlag, Berlin-Grunewald 1960, S. 5):

„Wir Joachim, von Gottes Gnaden Marggraff zu Brandenburg, der Jüngere, zu Stettin, Pommern, der Cassuben und Wenden Herzogk. Burggraff zu Nürenbergk und Fürst zu Rügen, Bekennen und thun kund öffentlich mit diesem Briefe für Unß, unsere Erben undt Nachkommen und sonst aller männigklich die ihn sehen, hören oder lesen, Nachdem unß Unser lieben getrewen Burgemeister, Rath, Gewerck undt gantz Gemeinde der Stadt Collen allhier auß Unterthenigen geneigten willen off unser gnädig und gütlich ansuchen, zu sondern gefallen für Unß, Unser Erben undt Nachkommen ein Platz und Raum, dahinden bey der freyen Arch, zu einem Thier- und Lustgarten auffzurichten undt zu machen vorgünt undt gutwilliglich zu eigen eingeräumet undt abgetreten, dass Wir Ihn dan in Gunst und Gnaden billich dankbar sein. Also gereden und aussprechen wir hierauff für Unß, Unser Erben und Nachkommen in gegenwertiger Krafft und Macht dieses Brieffes, ob sich in künftiger Zeit begeben, das Wir oder Unsere und Nachkommen solchen Platz und Raum zum Thier- und Lustgarten ferner nicht haben, sondern denselben wieder vergehen lassen würden und wolten, das Wir oder Unsere Erben undt Nachkommen alßdann den vermelten Platz und Raum, so viel sie unns daran gegeben, Niemants ander, dan dem gedachten Bürgemeister, Rath, gewerken undt Gemeinder zu Jederzeit Ihren Nachkommen wiederumb einräumen, zustellen und zueignen sollen, ohn einig hinder oder gefehr. Darzu sollen und wollen Wir bei Unserm Lieben Herrn und Vater, dem Churfürsten zu Brandenburg von solcher Zustellung wegen des Platzes zum forderlichsten darob undt an sein, das Ihnen daßelbe zu keinen Ungnaden oder Nachtheil gereichen soll. Getreulich Ungefehrlich. Zu Urkund mit Unserm hierunten uffgedruckten Secret besiegelt und gegeben Collen an der Spree am Sontage Cantate Anno MDXXVII.“

Wer wird Berlins neuer „Zaunkönig“ anno MMXIII? Die Königsfrage hat bei den Vögeln übrigens auch mit List zu tun, erzählen jedenfalls die Brüder Grimm im gleichnamigen Märchen.

 

Der Mensch hat zwei Ohren, aber richten kann er sie nur auf eine Melodie. Was sich am Wochenende rund um den Reichstag abspielte, könnte man als Versuch auffassen, den Bundesbürger über diese biologische Grenze hinauszutreiben, genauer gesagt: über seine biologisch-politische. Während Samstagabend am Spreeufer die multimediale Show des Bundestages zur Geschichte der Deutschen Demokratie und des Reichstagsgebäudes läuft, singt Nena für die Sozialdemokraten vor dem Brandenburger Tor und wird am Sonntagmorgen sogar gefolgt von einem Kaiser, einem singenden, nämlich Roland Kaiser.

Das stört und ist frech. Eine oppositionelle Wahlkämpferin, die alte Dame SPD (Herzlichen Glückwunsch zum Hundertfünfzigsten!), drängt sich mit Dezibel und Sieben-Tage-Straßensperrung, mit Pauken und Trompeten ins deutsche Parlament, quasi in seinen Luftraum. Dabei muss man den dokumentarisch-emotionalen 30-minütigen Cocktail, der am Ufer als Open-Air-Kino täglich bis zum 3. Oktober gezeigt wird, loben. Mehr noch, man müsste die Veranstaltung für “unverletzlich” erklären. Aber am 17. August wird sie akustisch angegriffen. Was aus den Lautsprechern am Ufer noch in die Ohren dringt: Worte Reuters, Brandts, Ulbrichts, Schabowskis, Heyms, Wolfs, Gaucks – sie werden schwammig und schwach. Dabei sind darunter starke Sätze wie diese zu hören, vom Bundestagspräsidenten Norbert Lammert zum Beispiel:

“Was ein politisches System als Demokratie qualifiziert, ist nicht die Existenz einer Regierung, sondern die Existenz eines Parlamentes und seine gefestigte Rolle im Verfassungsgefüge wie in der politischen Realität. (…) Hier schlägt das Herz der Demokratie oder es schlägt nicht. (…) Das Parlament ist im Übrigen nicht Vollzugsorgan der Bundesregierung, sondern umgekehrt ist Auftraggeber.”

So was muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, ganz zu schweigen von den „Wir sind das Volk“-Rufen, die in der Kulisse der Parlamentsbauten unter die Haut gehen. Was dagegen vom Brandenburger Tor herüberbebt, ist klar: Wahlkampf und Spaß, den sich die ergraute Arbeiterfrau mit über zwei Millionen Euro viel Geld kosten ließ, wie der Tagesspiegel schreibt. Vielleicht war es sogar ein bisschen zu viel der Mühe der Partei, wenn manche Besucher des Festes nicht wegen Steinbrück kamen, sondern für den oben genannten Kaiser, wie die Berliner Zeitung berichtet. Renate Pflugmacher aus Göttingen ist da ehrlich.

Nach dem Abzug von Partei und Kaiser aus Berlins Straße des 17. Juni können die Deutschen bis zum Herbst wieder ihr gesamtes Gehör auf ihre Geschichte richten. Über die weitere Zukunft der Straße vorm Brandenburger Tor sollte man in Berlin wegen ihrer kontraproduktiven Kräfte wirklich einmal nachdenken, auch mehrmals, am besten bevor man einen Sicherheitszaun drum herum baut, wie geplant. Im „Vorwärts“ feiert die SPD sie als „rote Meile“.

Roland Kaiser ist übrigens selbst ein Sozialdemokrat. Er trat der Partei vor elf Jahren bei, als sie im Umfragetief lag, wie er im „Vorwärts“ erzählt. Ob die „rote Meile“ sich für die Partei am 22. September zum roten Teppich ins Kanzleramt mausert, entscheiden diejenigen, die zum Parlamentskino pilgern. Unweit der Philipp-Scheidemann-Straße wird jetzt wieder die Republik gefeiert.

 

Als Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) vergangenen Mittwoch von den Wahrheiten der zukünftigen Schlossarchitektur sprach, konnte man durchaus ungläubig werden – selbst wenn man sich zu den Schlossbefürwortern zählen sollte. Bei der Grundsteinlegung verkaufte er den Architekturmix aus zeitgenössischen und Barockfassaden als Geste für ein Geschichtsverständnis, das immer auch „verschiedene Wahrheiten“ gelten lasse. Der Ort hätte nach seiner Auffassung also nur zwei Geschichten zu erzählen: die des Schlosses der Berliner Könige und Kaiser auf der einen Seite und die Geschichte des zukünftigen Humboldtforums auf der anderen. Das konnte natürlich auch eine rhetorische Raffinesse gewesen sein, die Volkspalastgeschichte vom „Wahrheits“-Begriff komplett auszuklammern. Doch die Humboldt-Box selber zeigt, dass die Verdrängung der DDR-Geschichte auch an diesem Ort nicht möglich ist: Die taz-Autorin Nina Apin hat bei einem Besuch der „offenen Baustelle“ am Sonntag im Souvenirsverkauf in der Box Trabant-Modelle entdeckt. Die dritte Wahrheit, in Gestalt des sozialistischen Volksgefährts, bahnt sich ihren Weg. Immerhin war der Ort auch einmal Großparkplatz! Aber da beißt sich doch die Katze, der Bauakt, in den eigenen Schwanz. Der Schlossverein kalkuliert sein Barockprojekt mit der Attraktivität des untergegangenen Staates. Dabei setzt er in der Humboldt-Box auf die Touristen und muss sich vielleicht auch eingestehen, dass aus Besucherperspektive der DDR-Kitsch heute greifbarer ist – weil nicht so lange her -, als die schwerer zu greifende Antwort auf die Frage, warum eine Demokratie ein Gebäude der Monarchie aufbaut.

Spätestens als Stefan Erfurt neulich, wie das Regionalmanagement City West berichtet, ein Bittschreiben für eine Fußgängerampel über die Hardenbergstraße an Klaus Wowereit übergab, muss dem Geschäftsführer des c/o Berlin klar geworden sein, dass das hier nicht mehr Mitte ist, wo er seine Galerie hinmanövriert hat. Und wenn er die Band Tocotronic kennen sollte, mag ihm dabei vielleicht auch die Melodie des oben angesprochenen Songs durch den Kopf gegangen sein. In der Oranienburger Straße, wo das c/o vorher war, muss kein Anrainer fürchten, von Fußvolkmassen nicht wahrgenommen und womöglich verfehlt zu werden, erst recht nicht, wenn man wie das c/o im schönen Postfuhramt saß. Hier aber, jenseits des Bahnhof Zoos kann man sich da nicht sicher sein. Wer das neue c/o im Amerikahaus besucht, der gelangt dorthin nicht zufällig, muss er doch durch die verruchte Hintertür des Bahnhofs, an der schon Christiane F. gestanden hat, und (noch) ohne Ampel die Straße überqueren. Unter Umständen nimmt er sogar mit dem Newton Museum in der benachbarten Jebenstraße vorlieb. Was liegt näher, als die beiden Kulturorte, deren Mitarbeiter sich quasi zuwinken können, wenn sie die Fenster öffnen, besucherfreundlich miteinander zu verbinden. Stefan Erfurt hat also einen Wunsch geäußert, der berechtigt ist. Aber es ist auch ein Wunsch, der unausgesprochen auch über anderen Berliner Orten schwebt: der Philipp-Scheidemann-Straße zum Beispiel, wo ein Zebrastreifen vom Platz der Republik zum Brandenburger Tor führen sollte, oder an der Karl-Liebknecht-Straße, wo morgen um 13 Uhr der Grundstein für den Grund gelegt wird, für den Touristen ab 2019 in verstärktem Maße von Museumsinsel und Lustgarten herüber gelaufen kommen. Die Songzeile endet übrigens mit „… und werden es auch niemals sein“ – Insofern, beharren Sie auf Ihren Wünschen, Herr Erfurt!

Link zum Tocotronic-Song „Wir sind hier nicht in Seattle Dirk“

Link zum c/o Berlin

Link zum Regionalmanagement City West

Ist das der Anfang vom Ende des Berlin-Tourismus? Im vergangenen April kommen weiterhin mehr Touristen nach Berlin, aber die Zuwachszahlen fallen diesmal geringer aus, berichtet das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg. Gemessen am gleichen Zeitraum des Vorjahres verbuchen die Berliner Beherbergungsbetriebe jetzt (nur noch) 3,4 Prozent mehr Gäste und 2,4 Prozent mehr Übernachtungen. Das könnte aber auch daran liegen, dass Ostern dieses Jahr in den März gefallen war. Auch die Anzahl der für die Gäste zur Verfügung stehenden Betten steigt weiterhin: Es sind jetzt schon insgesamt 128.900 in 784 Hotels. In der Statistik berücksichtigt sind Beherbergungsstätten mit mindestens zehn Schlafplätzen. Sie sind mit durchschnittlich 58 Prozent ausgelastet; Hotels mittlerer Größe (250 bis 500 Betten) sind es sogar mit 62 Prozent. Interessant an der Statistik ist auch, dass in Bezug auf April 2012 auffällig weniger Spanier (-36,9 Prozent) kommen, dafür aber mehr Briten (+24,8 Prozent) und Deutsche (+4,1 Prozent).

Auch an der East-Side-Gallery bahnt sich die Prophezeiung ihren Weg. Ein Denkmal wird versetzt, auf die eine Weise oder auf die andere. Schon am Sonntag geht es los, wenn David Hasselhoff kommt. Aber wenn Hasselhoff kommt, dann kommen viele andere auch, wahrscheinlich mehr als vor zwei Wochen, und dann ist das Thema vollends international, so wie es sich für die bunte Mauer ja auch gehört.

Wenn der Bauherr von „Living Bauhaus“, das künftige Hochhaus, das die Lücke verlangt, jetzt mitdenkt, organisiert er für Sonntag den Kran, den gleichen, der vor zwei Wochen das Mauerstück aus dem Gemälde von Lotte Haubart und Karina Bjerregaard herausgehoben hatte. Mit Hasselhoff auf dem Kran, medienwirksam inszeniert, singend und schwebend diesmal nicht überm Brandenburger Tor, sondern über der East-Side-Gallery, werden noch bevor Günter Jauch sonntagabend das Gasometer verlässt, auch die restlichen, noch zu verkaufenden Eigentumswohnungen an den Mann gebracht sein. Und wer sich bis heute das Werk der dänischen Künstlerinnen einmal näher angesehen hat, mit seiner Lücke, und es von vorher kennt, dem bleibt nicht viel anderes übrig, als im Sprung Hasselhoffs über den großen Teich die Rückkehr des Engels von Berlin zu erkennen. Ja, es fehlt ausgerechnet der Engel im Bild, dem Bild mit dem legendären Titel „Himlen over Berlin“, das das Brandenburger Tor zeigt. Der bauliche Eingriff steckt so voller Symbolik! Es könnte alles geplant sein. Aber von wem?

Das Schicksalhafte, das sich jetzt abzeichnet, hat mit der Berliner Tradition, Baudenkmäler zu versetzen, zu tun. Unter der Bedingung, dass sie von Künstlern als Kunstobjekt reinszeniert würde, könnte die teilversetzte East-Side-Gallery am Spreeufer in diese Tradition mit Würden eingehen. Aber offensichtlich befürwortet das außer mir niemand anders. Alle wollen die Gallery retten, sogar David Hasselhoff. Und genau hier geschieht es: Es wird nicht die Mauer, sondern das Monument Hasselhoff versetzt. Der Kransänger vom Silvester’89, ein Denkmal für Deutschlands Wiedervereinigung, findet sein Berliner Domizil im Jahre’13 am Mühlendamm an der Spree.

 

 

Zwei Mahnmale in einem Hain – das geht nun wirklich nicht. Die Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft möchte ein Mahnmahl neben dem Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma im Tiergarten errichten. Das bedeutet, dass es ein sehr kleines werden wird, denn zwischen Reichstag und dem Denkmal ist kaum Platz. Nur ein paar Büsche stehen dort und schützen das kreisrunde Wasserbecken mit der immer frischen Blume auf dem Podest vor dem Straßenlärm. Wer auf dem Weg vom Platz der Republik zum Brandenburger Tor diese ruhige Idylle betritt, ist durch eine Art Tür gegangen, die ständig offen steht. Wer sie wieder verläßt, geht mit erhobenem Zeigefinger und trägt die Mahnung, von den Toten überbracht, zu denen, die sie brauchen, notfalls vor Ort. Möge der Zeigefinder überzeugend sein! Zwei, zur gleichen Zeit in der Luft, sind es aus meine Sicht jedenfalls nicht.

Jetzt geht’s den Partytouristen in den Plattenbauten der Wilhelmstraße an den Kragen. Wie die Berliner Zeitung schreibt, will der Bezirk Mitte mit strengeren Auflagen und Kontrollen dafür sorgen, dass die Nutzung der Gebäude als Ferienwohnungen für den Eigentümer unattraktiver wird. Um das zu tun, braucht der Bezirk offenbar Mieterlisten als „Beweismaterial“, die er sich jetzt vom Eigentümer vorlegen lassen will. Der Bezirk will außerdem Ferienwohnungen verbieten, wie es Pankow und Friedrichshain-Kreuzberg vor kurzem vorgemacht haben. Als Grundlage dafür sollen Milieuschutzgebiete festgelegt werden, Moabit zum Beispiel.

Aber wie aussichtsreich ist diese Idee für die Bewohnerschaft der Wilhelmstraße, und leben sie eigentlich in einem Kiez? Vor einiger Zeit sollte einer der Plattenbauten abgerissen werden, ist er samt seiner Einwohner, inklusive Partytouristen, eigentlich gerettet oder nicht?

zum Artikel der Berliner Zeitung

Not macht erfinderisch, sagt man. Es war die Gefahr des Terrors, die den Besucherempfang im Reichstag wie einen Hund hinaus auf die Straße setzte. Jetzt erfinden die Hausherren das Tier neu und wollen einen stattlichen Löwen aus dem begossenen Pudel machen. Die Gäste des Reichstags sollen sich über die deutsche Demokratie aufklären, Filme gucken, ihre Kinder ruhigstellen. Und mehr: an Seminaren teilnehmen und dem Bundespräsidenten begegnen – alles unter Tage bitte. Aber haben wir Erfindungen nötig, die keine sind?

Der wohl überzeugendste „Ort der Aufklärung“, wie ihn Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse vom geplanten unterirdischen Besucherzentrum nach einem Artikel von „Spiegel Online“ wünscht, ist heute schon der Deutsche Dom am Gendarmenmarkt. Hier kann man sich in einer Dauerausstellung des Bundestags (Hat er etwa vergessen, dass es sie gibt?) auf fünf Etagen kostenfrei und multimedial über die deutsche Volksherrschaft informieren bis der Parlamentsarzt kommt, wenn er denn hinfindet. Filme gucken inklusive. Was den geplanten Kinderraum angeht: Eine funktionierende Kita in himmelblau gibt es gleich um die Ecke vom Reichstag in der Otto-von-Bismarck-Allee 2. Seminarräume? – In die Politik- und Gesellschaftslehre kann man bei der Bundeszentrale für politische Bildung gehen, gleich um die Ecke vom Deutschen Dom am Checkpoint-Charlie. Und einen Repräsentationsbereich für den Bundespräsidenten, der ein Schloss (ein Schloss!) hat, auch noch mit da unten reinzuquetschen, bezeugt die heraufziehende Humboldtforums-Denke: Alles muss rein, komprimiert wie in der zip-Datei. Auch wenn es woanders längst herumschwirrt. „Woanders“ muss zu uns.

Auch das Finanzformat scheint mit 500 Millionen Euro Baukosten fast deckungsgleich mit dem Berliner Schloss. Zwei Jahre nach Eintreffen der Not sind es vorm Reichstag – Gott sei dank – die Kosten, die explodieren, und keine Bomben. Aber das muss man sich doch mal auf der Zunge zergehen lassen: Da wird vor der Türe des Reichstags ein ganzes Barockschloss versenkt! Das klingt irgendwie nicht gesund. Hier ist ein Schneeball ins Rollen gekommen und hat so dermaßen an Masse gewonnen, dass sich mir der Verdacht auftut, der Bundestag wolle seine Besucher mit dem unterirdisch-außerirdischen Besucherzentrum nicht empfangen, sondern betäuben, sie unter allen Umständen davon abhalten, die eigentliche Sehenswürdigkeit zu betreten. Kuppel ejal, ick kenn‘ dir schon vom Fülm. Neulich erzählte mir eine Frau, die in die Gedenkstätte Hohenschönhausen gehen wollte, sie hätte sich nicht mehr hineingetraut, nachdem sie sich zu Beginn den Einführungsfilm angesehen hatte. Der unpersönliche Film hat sie um die persönliche Begegnung mit einem Ex-Stasi-Häftling gebracht. Wie denken Bürger über Politik, wenn sie ihre Abgeordneten nur durch die Kamera kennen, den Plenarsaal nie unter ihren eigenen Füßen hatten?

Das Besucherzentrum als Betäubungszentrum wird auf diese Art nicht nur das viel befürchtete Milliarden-Grab. Es wird auch das Grab des Volkes, dem man bei seinem Aufstieg zur Kuppel beschäftigungstherapeutische Steine in den Weg legt. Wer hier vergisst, dass er in den Reichstag wollte, ist an der Firewall gescheitert. So gesehen, ist es eben doch eine Erfindung. Eine raffinierte sogar. Wer nicht stolpert, hat die Kuppel verdient.