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Eine Stunde und einundzwanzig Minuten braucht ein Mensch in Berlin, um vom U-Bahnhof Eberswalder Straße in Prenzlauer Berg zum Askanierring 74 in Spandau zu gelangen – zumindest mit den Öffentlichen. Das ist länger als meine weihnachtliche oder österliche Heimreise ins sachsen-anhaltische Karow dauert. Warum also dorthin fahren? Weil an dieser Adresse die mittigste Mitte der Stadt gespachtelt wird und gebildhauert: die an den Rohbau des Humboldtforums zu hängenden, spendenfinanzierten Barockfassaden in der sogenannten “Schlossbauhütte”.

An einem sonnigen Februarsonntag: das Schlossportal III (Eosanderportal), das sich noch ohne die Portalkrönung zeigt, an der Bildhauer Frank Kösler in der Schlossbauhütte in Spandau gegenwärtig noch arbeitet (Foto: André Franke)

An einem sonnigen Februarsonntag: das Schlossportal III (Eosanderportal), das sich noch ohne die Portalkrönung zeigt, an der Bildhauer Frank Kösler in der Schlossbauhütte in Spandau gegenwärtig noch arbeitet (Foto: André Franke)

Ungefähr 10.000 Steine bearbeiten die Bildhauer hier. Kleine und große, neue und Originale. Ich treffe auf der Führung, die der Architektur- und Ingenieurverein zu Berlin organisiert hat, das Säulen-kapitell wieder, das jahrzehntelang an der Ruine der Kloster-kirche lag, und natürlich gibt es hier sehr viele Adler, über die ich heute alles andere als spotten will (die Satire gibt´s hier).

Eher ergreift mich eine Ahnung von der Größe, der Komplexität der Rekonstruktionsaufgabe, die sich die Schlossstiftung gestellt hat. Es ist ein Puzzle aus tonnenschweren Steinskulpturen, die alle zuerst in Gips modelliert und zuvor ins korrekte Maß gebracht werden müssen. Schlüter, sagt Bertold Just, Leiter der Schlossbauhütte, arbeitete vor dreihundert Jahren mit dem “Rheinischen Fuß”. Franco Stella dagegen denkt und liefert die Pläne metrisch. Die Bildhauer rechnen um, skalieren in dieser Hütte, damit 2019 in Mitte alles passt.

Einer von ihnen ist Frank Kösler. Die klassische Musik, die auf der Tour in der Halle im Hintergrund zu hören ist, kommt von seinem Arbeitsplatz. Bautzener Senf steht auf einem kleinen Pausentisch und eine Packung Salz. Der Bildhauer ist mit einer Portalkrönung beauftragt, an der er seit September arbeitet. Kösler versteht Steine. Er beschreibt mit seinem ganzen Körper, wie sie sich setzen und Ruhepunkte suchen, sich später aber dennoch bewegen. Unbegreiflich ist ihm, warum der Stein, den er mit seinen zwei Töchtern gestaltet (es ist der größte, der in einem Stück an die Fassaden angebracht wird und er wiegt 21 Tonnen), nicht geschnitten und gefugt wird. Bei Schlüter hätte es sowas nicht gegeben, sagt er und prophezeit Risse. “Kollege Sollbruchstelle”, ein Wort Köslers, ist im Gipsmodell schon zu sehen.

Kösler versteht auch Barock. Er lebt ihn, um ihn produzieren zu können, das erklärt er auch ganz ausdrücklich in einem Stiftungs-Video über die Schlossbauhütte und stellt es live unter Beweis (zum Video hier). Spuren der barocken Lebensfreude, die er für seine Arbeit zur Praxis erhebt, stehen auf dem Tisch gleich neben dem Senf: drei leere Flaschen Budweiser. Ich hätte ihm stundenlang zuhören können und war nicht der einzige, der am Ende der Führung noch lange bei ihm stehenblieb, als der Barockbildhauer leidenschaftlich ausführte, dass man nicht mit jedem Stein alles machen könne, zum Beispiel mit schlesischem Sandstein nicht schlüterschen Barock. Und er prophezeit, dass das Ergebnis entsprechend aussehen werde. – Eine Stunde und einundzwanzig Minuten denke ich auf dem Heimweg darüber nach, was ich von dem Projekt jetzt halten soll. Aber die Zeit, die vorher lang war, ist für die Antwort zu kurz.

Mit der Berliner Altstadt sei es wie mit Bordeaux-Weinen, sagt Benedikt Goebel, der im Namen des Bürgerforums Berlin am Dienstag in die Volkshochschule zum Auftakt der Veranstaltungsreihe „Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Berliner Stadtkerns“ einlud. 

„Es dauert ein Weile bis man zum Kenner wird, aber bis dahin hat man einfach eine schöne Zeit.“

Multifunktionsraum in der VHS-Mitte mit den pünktlichen Gästen. Es kamen mehr als zu sehen sind. (Foto: Christina Kautz)

Multifunktionsraum in der VHS-Mitte mit den pünktlichen Gästen. Es kamen mehr als zu sehen sind. (Foto: Christina Kautz)

Der multifunktionale Raum 1.12 in der Linienstraße 162 war gut besucht. Die VHS lieferte Stühle nach. Die Landschafts-architektin Christina Kautz und der Architekt Lutz Mauersberger hielten einen bilderreichen Vortrag über den Ursprung der Doppelstadt Berlin-Cölln und der historischen Stadtentwicklung an der Spree und dem Spreekanal. Und jene Bilder sind es eben, die einen zum Genießer werden lassen, bevor man sich versieht, weil sie Berliner Orte zeigen, die es nicht mehr gibt: Packhöfe, Oberbäume, Unterbäume, Schleusen, Pferdeschwemmen, Wasserkunst, Brückenschmuck, Fischkästen. Und Flussbäder.

Projekt Flussbad Berlin: renaturierter Spreekanal für ein sauberes Schwimmbecken direkt am Lustgarten (Bild: Flussbad Berlin e.V., realities:united)

Projekt Flussbad Berlin: renaturierter Spreekanal für ein sauberes Schwimmbecken direkt am Lustgarten (Bild: Flussbad Berlin e.V., realities:united)

Wobei die historischen Spree-Flussbäder hier eine ziemliche Steilvorlage boten für die Diskussion über das Zukunftsprojekt „Flussbad Berlin“, das auf 750 Meter Länge zwischen Bodemuseum und Schleusenbrücke gebaut werden soll und mit vier Millionen Euro aus dem Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ öffentlich gefördert wird (hier mehr zum Projekt).

Das wird beim Bürgerforum sehr kritisch gesehen. Und Gründe, dem Flussbad-Projekt skeptisch gegenüber zu stehen, gibt es einige, zum Beispiel die Standortwahl: Man brauche sowas nicht an einer prominenten Stelle wie der Museumsinsel, meint Christina Kautz. Lutz Mauersberger macht auf den Preis aufmerksam, mit dem das Schwimmbecken bezahlt wird: die Filteranlage und Moorlandschaft, die den restlichen Spreekanal bis zur Mündung ausfüllen sollen. Und Benedikt Goebel ergänzt, dass Projektbilder eben auch nicht riechen. Sprich: das Projekt beeinträchtige potenziell die Wohnqualität an den angrenzenden Ufern, zum Beispiel auf der Fischerinsel.

Für einen Volkshochschulkurs könnte das für manchen ein bisschen viel Meinung gewesen sein. Oder auch nicht. Kennerschaft bringt am Ende eben auch ein handfestes Urteilsvermögen mit sich. – Prost.


Zum „Flussbad Berlin“ wird es beim Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin (AIV) am 23. Februar eine Veranstaltung geben.

Der nächste Kurstermin für angehende und schon gereifte Stadtkernkenner findet in der VHS Mitte am 17. Februar statt, dann unter dem Thema „Vergessene Schönheit der Berliner Altstadt“.

Kommen unkompliziert: keine Anmeldung nötig, kostenfrei, und Stühle gibt es auf jeden Fall genug.

… Schloss-Satire #3

Und das ist der lange Schatten meines Besuchs in der Ausstellung Schlossbaumeister: Der geschundene Adler Preußens ließ mich nicht mehr los, auch nicht auf dem Weg in den Urlaub. Welch schöneren Anlass als einen Aufenthalt in Weimar könnte ich nehmen, das Genre zu wechseln und auch einmal dem Lyrischen zu verfallen? Hier also das erste Gedicht auf Futurberlin – eine Hommage an alle gluckenden Greifvögel:

Halbe Henne, mehr ist nicht dran. Bodemuseum Juli 2014, Ausstellung "Schlossbaumeister"

Halbe Henne, mehr ist nicht dran. Bodemuseum Juli 2014, Ausstellung „Schlossbaumeister“

Die halbe Henne von Hohenzoll

Ist schon ein merkwürdiges Wesen

Sie sitzt nur da und wundert sich

Warum sie nicht kann fliegen

 

Da stolpert in das Museum rein

Und kehrt mit ehrwürdigem Besen

Der Pförtner, spricht: Erinn’re dich!

Du warst ein hohes Wesen

 

Oh sag, mein Lieber, du kanntest mich?

Erzähl mir mehr von diesem Leben

Was war, wo flog, wie stürzte ich?

Wie kam ich ins Museum?

 

Du stiegst gen Himmel – ja wundervoll

Dank deiner hergeraubten Federn

Sie hielten in den Schwingen sich

Die Schwingen bald verwesten

 

Verwesten! – Wo ich doch fliegen soll?

Das ging ja herzlos denn daneben

Zerstaubt mein edles Flügelpaar?

Was bin ich denn gewesen?

 

Du warst der Adler von Hohenzoll

Ein wahrlich jagdtaugliches Wesen

Mit Krallen, Schnabel, Augenlicht –

Nur Großes konnt’ es lesen

Ganz klar: ein Adler. Wohin der fliegen wird, ist unklar.

Krumme Neese – ganz klar: ein Adler. Wohin der fliegen wird, ist unklar.

Ich nahm den Schnabel gar allzu voll?

Ist schon sehr lehrreich, dein Benehmen

Doch warte, langsam dämmert’s mich:

Ich stürzte ganz verwegen …?

 

Des Königs’s-Adlers Kanonenhall

Samt seinen kaiserlichen Späßen

War’n lustig für die Menschen nicht

Die Adler drüber schwebten

 

Im Traume flog ich nach Niederland

War es denn groß, das Reichsbegehren?

Der Luftraum bald verdunkelt sich

Und neuzehnsiebenvierzig …

 

Die Alliierten von überall

In einer meisterlichen Geste

Erkoren als das Übel: dich!

Nur Eier sollst du legen

 

Als Henne wie in’em Hühnerstall?

Da bleibt ja kaum was zu erstreben

Die Flügel wachsen innerlich

Bald werd’ ich mich erheben

Schlossbaustelle Juni 2014

Hier erhebt sich ein Wesen mit steinernen Flügeln. Schlossbaustelle Juni 2014

Du heile Henne von Hohenzoll

Wie eine Katze hast du Leben!

Wie Phoenix aus der Asche kam

Wirst du am Schlosse kleben

 

Jawohl mein Lieber, von Hohenzoll!

Das war der Name meiner Väter

Was kommt zurück im Donnerhall:

Bin ich, ein Adlerswesen

 

Da stolpert aus dem Museum raus

Und hat die Zukunft ausgelesen

Der Pförtner, schwört: Ich spende nicht!

Bleibst hier, du krumme Neese!

***

Henne von Hohenzoll 2

Die halbe Henne von Hohenzoll / Ist schon ein merkwürdiges Wesen / Sie sitzt nur da und wundert sich / Warum sie nicht kann fliegen …

Schloss-Satire #2 — Mal ehrlich, ich hätte diesen Vogel nicht ausgestellt. Es ist ja überhaupt nicht klar, welcher Art er ist, welcher Gattung er angehört. Aber er ist das sehenswerteste der aktuellen Ausstellung „Schlossbaumeister“, zumindest für mich. Das gute Stück erlaubt haarsträubende Interpretationen oder führt ganz einfach zu Verwechslungen. Wer also beim Rundgang durchs Bodemuseum (die Ausstellung ist bis 24. August verlängert worden) auf ein Steintier trifft, von dem er nie zuvor gehört oder gesehen hat, dem sei ein Eintrag aus dem Ethymologischen Wörterbuch mit auf den Weg gegeben, der vielleicht weiterhilft:

Adler m. großer heimischer Greifvogel, mhd. adelar(n), adlar, adler (…) ist eine (im Nhd. nicht mehr erkennbare Zusammensetzung von mhd. adel (s. Adel) und ar (s. Aar), eigentl. ‘edler Aar’. Der Name entsteht, als mit der im 12. Jh. zur Blüte gelangenden Falknerei der Adler von den übrigen niederen Jagdvögeln unterschieden wird.”

… „niedere Jagdvögel“ – da haben wir´s doch: Wir sehen ein Huhn mit starkem Schnabel, das Körner jagd und Eier legt, respektive: Spenden sammelt, Beton abwirft. Darüber wird zu berichten sein, zu dichten sein: über „die halbe Henne von Hohenzoll“ – eine Ballade, in der Schloss-Satire #3

Ausstellungsstücke in der Humboldt-Box, 2014

Das Humboldtforum ist ein exotisches Konzept. Nicht nur, wegen des Ethnologischen Museums aus Dahlem, das mit seinem Einzug Ozeanien vom Stadtrand an den Schlossplatz katapultiert. Es ist eben auch (positiv ausgedrückt) vielseitig oder (negativ) zersplittert, weil auch die Humboldt-Uni mit ihren Wissenschaftssammlungen und die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) mit einem repräsentativen Schaufenster einziehen sollen. Sogar kommt als vierte “tragende Säule” das Forum dazu, der Kulturdebattenort. Aber wie sensibel ist diese Exotik des Konzepts gegenüber der Kolonisationsgeschichte der Deutschen? Die asiatisch-deutsche Stadtforscherin Noa Ha vom Center für Metropolitan Studies (CMS) glaubt nicht daran, dass das Humboldtforum einen überzeugenden Beitrag für die urbane Dekolonisierung in Berlin leisten kann und schreibt in einem Beitrag für die Zeitschrift sub\urban in einem Unterkapitel über die Rolle des Humboldtforums als sogenannte (eher negativ konnotierte) “Contact Zone”:

Stadtforscherin Noa Ha, kritisiert den mangelnden Dekolonisierungseffekt des Humboldforums

“Nicht nur können die ethnologischen Sammlungen bzw. deren Ausstellungsorte zu ,Contact Zones‘ werden, in denen enteignetes Wissen über ,Andere‘ katalogisiert und dargestellt wird, sondern, wie das Beispiel des Humboldt-Forums zeigt, sind diese Sammlungen ferner in stadtpolitische Debatten eingebunden, die die europäische Stadt als ,Contact Zone‘ reproduzieren. Diese Funktion als ,Contact Zone‘ wird auch mit einem Umzug der Ethnologischen Sammlung von der Berliner Peripherie nach Berlin-Mitte aufrechterhalten werden, weil die grundsätzliche Gegenüberstellung von Europa als einem Ort der Hochkultur und dem Rest der Welt nicht aufgehoben, sondern nur von einer unglaubwürdigen Rhetorik („Dialog der Welten“) abgelöst wird, die die unüberwindbare Kluft der ,Contact Zone‘ kaum überbrücken kann – während wichtige Fragen nach Provenienz und Restitution in den westlichen Gesellschaften kaum gestellt, geschweige denn beantwortet werden.”

Eosanderportal pink PunkteSchloss-Satire #1 — Ja, ich habe gespendet. Ich habe mein Geld für das Schloss gegeben. Als ich am Tag der offenen Schlossbaustelle (was wundert’s, es war ja Kindertag!) im Vorbeischlendern durch die Humboldtbox das nackte, künftige Eosanderportal glänzen sah, packte mich pures Mitleid mit dem heraufziehenden, Gewitterwolkenartigen Rohbauschloss und verfiel einer verspielten, aber großzügigen Geste. Ich griff in die Konfettibox und klebte so viele pinkfarbene Klebepunkte ans Portal, bis die Humboldtboxer, weil sie mit dem Punkte-Nachzählen gar nicht nachkamen, mich aufforderten, damit aufzuhören. “Wollen Sie denn meine Spende nicht?”, fragte ich. Man hielt mir vor, ich könne das doch gar nicht alles bezahlen. ”Aber ich arbeite im Berlin-Tourismus. Die Saison läuft gut, und ich spende meine ganzen Frühjahrs-Honorare für die Hohenzollernfarce!”, sagte ich. Da ließ man mich weiterkleben und nahm meinen Scheck an. Er liegt in der Spendenbox, zwischen den Zehnern und der Portaldeko, das müsst Ihr mir glauben, auch wenn das schwer zu erkennen ist! Das Foto verruckelte, weil die herandrängenden, verblüfften Leute mich, den Großspender!, im Moment der Aufnahme und sicher ohne böse Absichten, anstießen. Nennen wir es doch die Humboldt’sche Unschärferelation, die an jenem ausgesprochen sonnigen Sommersonntag die Sicht auf die kassierten Finanzen ein bisschen ins Trübe zieht.

Spendenbox

 

Ostfassade Schloss - SpreeuferEs ist nicht lange her, dass Architekt Stephan Braunfels mit seinem provokanten Entwurf, das Schloss zur Stadt hin öffnen wollte. Eine Initiative versucht seitdem, den Verzicht auf die Ostfassade des Humboldtforums in die Realität umzusetzen, auch wenn diese ganz anders aussieht (die Wand steht schon im zweiten Geschoss). Jetzt lädt die Schlossstiftung am Sonntag zu einem Tag der offenen Baustelle ein und schneidert sich das Braunfelsmotiv maßgerecht um – sprachlich zumindest. Stiftungsvorstand Manfred Rettig lässt sich in einer Pressemitteilung so zitieren:

„Ich bin begeistert von diesem großartigen Gebäude und von den neuen Stadträumen, die entstehen. Architekt Franco Stella öffnet das Schloss für die Stadt. Das Humboldt Forum wird zur Visitenkarte eines weltoffenen Deutschlands im 21. Jahrhundert.“

– Gemeint ist eine öffentliche Baustellenbesichtigung. Na dann, schmerzlich willkommen! 

Das Kabarett-Theater „Distel“ in der Friedrichstraße spielt in seinem Jubiläumsprogramm „Endlich Visionen“ auch einen Sketch über Berlin im Jahre 2050. Auf dem „Wowereiter“ unternimmt eine Familie eine Stadtführung und bekommt ein Bild von der Stadt geboten, das wir heute noch nicht kennen, aber vielleicht schon erahnen: Berlins Innenstadt wird bus- und autofrei, Neukölln ein Safari-Zoo für Touristen, Opernhäuser gibt es sieben, verbunden werden sie mit einem „Transopera“, über den auch das einzige Stadtorchester seine Instrumente austauscht, das Berliner Schloss als Humboldtforum wird unter die Erde gelegt, zugunsten des darüber ausgebauten U-Bahnhofs Museumsinsel, denn es gibt eine neue U-Bahnlinie U55 B, die oberirdisch „über den Linden“ verkehrt – zusätzlich zur unterirdischen U55 -, die Linden werden deswegen gefällt, Hertha schießt wegen der Dauersanierung des Olympiastadions aufs Brandenburger Tor und einen Flughafen gibt es nicht, auch nicht in Tegel. Ich war der einzige, der bei der Vorstellung gestern für die autofreie Innenstadt geklatscht hat. Die „Distel“ feiert ihr 60-jähriges Jubiliäum. In dem Programm wirft sie den Blick 60 Jahre in die Zukunft. Es läuft noch bis Ende des Jahres.

Es war eine „sie“, die gestern zur richtigen Zeit durch die Türe trat. Janine Graf, 28, war die fünfhunderttausendste Besucherin der Humboldt-Box und der Ehrengast der Schlossbauer für einen ganzen Tag. Die Dame wurde mit Blumen beschenkt. Außerdem bekam sie ein Buch übers Humboldtforum und obendrein eine Nachbildung eines Schmuckelementes aus der zukünftigen Fassade des Schlosses, teilt die Stiftung mit.

 

Die Humboldt-Box am Schlossplatz erwartet heute ihren fünfhunderttausendsten Besucher, teilt die Schlossstiftung mit. Wer sie besucht, könnte potenziell ab 10 Uhr vormittags, wenn das Haus öffnet, die Hände schütteln von: Wilhelm von Boddien, Hermann Parzinger, Manfred Rettig, Rainer Bomba und Gerd Henrich. Das sind (in gleicher Reihenfolge) der Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss e.V., der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Vorstand der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum, der Staatssekretär des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, und der Geschäftsführer der Megaposter AG als Betreiber der Humboldt-Box. Gleichzeitig müssen Interessierte nicht mehr leibhaftig an die Baustelle gehen, um zu verfolgen wie das Schloss aus dem Boden wächst. Die Stiftung hat eine neue Webcam installiert, die Bilder in „fullHD“ und aus drei Perspektiven liefert. Sie werden alle 15 Minuten aktualisiert. Auch Zeitrafferfilme sollen auf der website der Stiftung abrufbar sein. Überraschend ist in der Mitteilung allerdings nur noch die Rede von dem „größten Kulturbauvorhaben in der Mitte der deutschen Hauptstadt“, während das Projekt früher als „größtes Kulturbauvorhaben Deutschlands“ bezeichnet wurde. Die Aussicht der Fertigstellung macht offenbar bescheiden. Zur Zeit betonieren die Bauarbeiter die Kellerdecke.

Der Tagesspiegel ist in den Besitz eines ominösen Gutachtens zur Sanierung des langen, langen und vor sich hin bröckelnden Flughafengebäudes gekommen, das erstens seit 2011 aus unbekannten Gründen unter Verschluss gehalten und von dem zweitens weder berichtet wird, wer es erstellt, noch wer es in Auftrag gegeben hat. Das Gutachten bringt drittens eine markante Zahl nach Tempelhof, die der ein oder andere deutsche Steuerzahler vielleicht schon mal im Zusammenhang mit Deutschlands bedeutendstem Kulturbauprojekt zur Kenntnis genommen haben könnte. Die Sanierung des Gebäudes am Platz der Luftbrücke würde 478 Millionen Euro kosten. Soviel gibt die Bundesrepublik für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses an der Spree aus, auf die Million genau und im Moment. Das bedeutet, dass sich Berlin ein 81-prozentiges Schloss auf dem Feld in Tempelhof baute, wäre es an einer langfristigen Nutzung des Hauses interessiert. Damit einher ginge auch keinerlei architektonische Bereicherung. – Na bitte: ein Grund mehr für den Neubau der Zentral- und Landesbibliothek gleich nebenan oder nicht?

Tagesspiegel-Artikel Nr. 1

Tagesspiegel-Artikel Nr. 2

Tagesspiegel-Artikel Nr. 3 (Kommentar)

Der Stammtisch Moritzplatz neigte sich dem Ende, als der Begriff „zweite Protestgeneration“ fiel. Die erste hatte gerade eine gute Stunde lang über den Schlossbau geredet, lässig und mit Bierchen in der Hand. Und sie hat sich eingestanden: „Man hat einen Kampf geführt, und man hat ihn verloren“, so deutlich sprach es zumindest Marion Pfaus aus, nachdem der Moderator in die Runde gefragt hatte, warum sich die schweigende Schlossgegner-Masse nicht artikuliere, warum der Aufschrei aus dem Volke ausbleibe. Jetzt, wo am Schlossplatz der Grundstein gelegt ist.

„Glaubst du noch an das Schloss?“, fragten sich Pfaus, Nina Brodowski und Ernst Wolf Abée am Donnerstag Abend gegenseitig, und was dabei herauskam, war eine Mischung aus einer Bilanz der vergangenen Protestgeschichte und der Prophezeiung einer konfliktreichen Schlosszukunft. „Sie werden viele Fehler machen“, sagte jemand aus dem Publikum, und spätestens dann werde der Protest wieder in Schwung kommen.

Nina Brodowski, damals Mitinitiatorin der Kampagne „Kein Schloss in meinem Namen“, empörte sich zum Beispiel über die Beauftragung Martin Hellers für das Konzept zum Humboldtforum, das gerade vorgestellt, aber in der Öffentlichkeit kaum Beachtung gefunden hatte – im Gegensatz zur Grundsteinlegung am 12. Juni. Sie habe davon nichts mitbekommen und rief „Empört Euch!“ vom Podium hinein ins Publikum. Dort saßen etwa 25 Gäste und blieben relativ ruhig. Die zweite Generation, wenn es sie gibt, steckt noch in den Kinderschuhen.

Was die Filmemacherin und Schriftstellerin Marion Pfaus betreibt, ist denn auch ein Beispiel dafür, dass der Protest neue Formen angenommen hat, und wegen der gebauten Fakten vielleicht auch annehmen muss: Der Schlossprotest wird Satire. Wie der Förderverein Berliner Schloss sammelt Pfaus Spenden, allerdings nicht für des Schlosses Barockfassaden, sondern für deren Rückbau. „Mich beflügelt die Sache“, sagt sie und meint die Grundsteinlegung, bei der sie als akkreditierte Journalistin dabei war. Auf ihrer Internetseite „humboldt21.de“ kann man außerdem auf den Eröffnungstermin des neuen Schlosses wetten. Der entfernteste liegt aktuell bei August 2045. Zu gewinnen gibt es den Jackpot, mit im Moment 25 Euro. Achtung: Das Wettbüro schließt am 30. Juni 2015.

Das könnte für weitere, neue Proteste schon zu spät sein. „Jeder Kubikmeter Beton, der dort erstarrt, ist auch erstarrt“, sagte Ernst Wolf Abée, der dritte Podiumsgast bei der Veranstaltung. Anders als Pfaus, die dem Schloss gewissermaßen eine Chance gibt, eine Chance auf Realisierung und es dann wieder rückbauen will, ist Abée der Meinung, man müsse das Wiederaufbauprojekt jetzt bekämpfen. Mit dem Kollektiv „Schlossfreiheit“ fordert er einen sofortigen Baustopp und unter anderen Punkten auch Transparenz in der Spendensammlung für die Barockfassaden. Er glaubt nicht an das Schloss. „Es ist ein zynisches Projekt, weil es ein Beharrungsprojekt ist“, sagte Abée.

Über „Beharrlichkeit“ schrieb übrigens schon Friedrich der Große. Ein Auszug aus seinem gleichnamigen Gedicht:

„Stillsichere Seelenkraft,

Die sich im Dulden strafft,

Die allen Schicksalsschlägen

Ausdauernd, heldenhaft,

Trotz setzt entgegen –

Preis dir und Ehren!“

(aus: Friedrich der Große, Historische, militärische und philosophische Schriften, Gedichte und Briefe, Hrsg. Gustav Berthold Volz, Anaconda Verlag, Köln, 2006, S. 563)

Der Schweizer Kulturkurator Martin Heller hat ein Inhaltskonzept für die Agora und das Humboldtforum im wiederaufgebauten Berliner Schloss vorgelegt. Ein Artikel der F.A.Z. berichtet darüber und sieht die Agora gar „abgeschafft“ und „in Rente“ geschickt. Das Konzept umfasst 45 Seiten. Das Projekt Humboldtforum hat jetzt auch ein neues Logo und eine extra Internetseite bekommen (www.humboldt-forum.de).

Berlin, gestern, gegen 14 Uhr. Die Sonne brennt. „Wenn Engel bauen“, begann Hermann Parzinger seine Rede auf der Grundsteinlegung zum Bau des Schlosses. „Ich könnte auch von Kaiserwetter sprechen“, sprach der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz weiter und hatte mit diesem Begriff im Grunde „Alle Neune“ abgeräumt. Es folgte der einzige wirklich lebhafte Beitrag an dem Nachmittag, der heute schon wieder Geschichte ist. Nach Parzingers Worten erschien die Idee des Humboldtforums als etwas Selbstverständliches. Nun ja, und der Himmel lachte ja auch tatsächlich.

Zuvor probten Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU), Staatsminister für Kultur Bernd Neumann (CDU) und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), was für das Humboldforum Programm werden soll: den Dialog. Eine arte-Journalistin moderierte auf dem Podium.

Das Wort vom „Flughafen“ fiel insgesamt zweimal, kam immer aus dem Mund von Ramsauer, der auch behauptete, die Skeptiker des Bauprojekts wären weit in der Minderzahl. Ins Fettnäpfchen trat er, als er seine Klaviermetapher bemühte, um den Mix aus barocker und zeitgenössischer Fassadenarchitektur zu begründen. Es gäbe verschiedene Wahrheiten, sagte er. So wie es auch verschiedene Interpretationen eines Musikstücks gäbe. Jemand, der ihn nach der Wahrheit des Ortes zwischen 1950 und 2008 hätte fragen können, war auf dem Podium nicht zu sehen. Und auch die Fassaden werden darauf keine Antwort geben, wie man weiß.

Auf die Frage der Moderatorin, warum der Entwurf Franco Stellas beim Architekturwettbewerb gewonnen hätte, gab Bernd Neumann eine klare Antwort. Er sei einfach der beste gewesen. Er habe die Vorgaben „am ernstesten genommen“. Bezüglich der Finanzierung des Projekts sagte er, der Kostenrahmen werde zur Zeit sogar unterschritten. – Wenn Engel bauen …

Klaus Wowereit sagte, dass er glaube, viele hätten das Humboldtforum noch nicht verstanden. (Das war vor Parzingers Rede.) Er hofft, dass die Akzeptanz für das Projekt nach der Grundsteinlegung größer wird. „Die Sprengung dieses alten Schlosses war ein Frevel“, sagte er auch, und dass die Teilung der Stadt „widernatürlich“ gewesen sei.

Nach dem Podiumsdialog spielte der javanesische, aber seit 1987 in Berlin lebende Klangkünstler Saichu Yohansyah auf einem türgroßen Gong. Der Gong hatte vorher die ganze Zeit neben dem Grundstein gestanden. Es war ein Moment der befremdlich war, der aber zeigte, dass das Humboldtforum und das neue Schloss mit Polaritäten spielt. Danach kam Präsident Parzinger, unter anderen mit diesen Worten: „Betrachtet uns nicht nur durch die Brille des Kolonialismus!“ – Bei dem Kaiserwetter?

In der Kartusche, die jetzt im Grundstein liegt, befinden sich eine Tageszeitung, die Baupläne von Franco Stella, eine von Bundespräsident Joachim Gauck unterschriebene Urkunde und Euromünzen. Auf welche Tageszeitung die Wahl fiel, blieb ein Geheimnis. Es wird nicht die taz gewesen sein, die am Wochenende noch vom „großen Fassadenschwindel“ sprach und das Projekt inhaltlich wie architektonisch als ein „Mischwesen“ bezeichnete. Die Kartusche wurde senkrecht in den Grundstein hinabgelassen. Dann kam ein runder Steindeckel oben drauf. „Klack, klack“, hämmerte Gauck nachdem er seine Widmungen gegeben hatte. Die Segnungen übernahm ein Pfarrer, ein anderer und sprach „Amen“.

„Engel“, „Frevel“, „Amen“. Machen wir doch eine irreal-sozialistische Pagode draus. Der Wahrheiten zuliebe. Aber das ist nur ein abwegiger Gedanke meinerseits. Andererseits: „Man muss sich in diesem Land auch über etwas freuen können“, das sagte Bernd Neumann jedenfalls auch noch an diesem Nachmittag. Kann man auch, denn es lacht der Himmel über Berlin, zumindest zur Zeit.

Link zum taz-Artikel vom 7. Juni 2013, „Der große Fassadenschwindel“

Link zum Futurberlin-Interview mit Thomas Krüger (Bundeszentrale für politische Bildung) über das Humboldtforum von Juni 2011, „Ein Platzhalter, der Agora genannt wird“

Spätestens als Stefan Erfurt neulich, wie das Regionalmanagement City West berichtet, ein Bittschreiben für eine Fußgängerampel über die Hardenbergstraße an Klaus Wowereit übergab, muss dem Geschäftsführer des c/o Berlin klar geworden sein, dass das hier nicht mehr Mitte ist, wo er seine Galerie hinmanövriert hat. Und wenn er die Band Tocotronic kennen sollte, mag ihm dabei vielleicht auch die Melodie des oben angesprochenen Songs durch den Kopf gegangen sein. In der Oranienburger Straße, wo das c/o vorher war, muss kein Anrainer fürchten, von Fußvolkmassen nicht wahrgenommen und womöglich verfehlt zu werden, erst recht nicht, wenn man wie das c/o im schönen Postfuhramt saß. Hier aber, jenseits des Bahnhof Zoos kann man sich da nicht sicher sein. Wer das neue c/o im Amerikahaus besucht, der gelangt dorthin nicht zufällig, muss er doch durch die verruchte Hintertür des Bahnhofs, an der schon Christiane F. gestanden hat, und (noch) ohne Ampel die Straße überqueren. Unter Umständen nimmt er sogar mit dem Newton Museum in der benachbarten Jebenstraße vorlieb. Was liegt näher, als die beiden Kulturorte, deren Mitarbeiter sich quasi zuwinken können, wenn sie die Fenster öffnen, besucherfreundlich miteinander zu verbinden. Stefan Erfurt hat also einen Wunsch geäußert, der berechtigt ist. Aber es ist auch ein Wunsch, der unausgesprochen auch über anderen Berliner Orten schwebt: der Philipp-Scheidemann-Straße zum Beispiel, wo ein Zebrastreifen vom Platz der Republik zum Brandenburger Tor führen sollte, oder an der Karl-Liebknecht-Straße, wo morgen um 13 Uhr der Grundstein für den Grund gelegt wird, für den Touristen ab 2019 in verstärktem Maße von Museumsinsel und Lustgarten herüber gelaufen kommen. Die Songzeile endet übrigens mit „… und werden es auch niemals sein“ – Insofern, beharren Sie auf Ihren Wünschen, Herr Erfurt!

Link zum Tocotronic-Song „Wir sind hier nicht in Seattle Dirk“

Link zum c/o Berlin

Link zum Regionalmanagement City West

Kurz vor der Grundsteinlegung am 12. Juni informiert der Förderverein Berliner Schloss die fast gleichlautende Bundesstiftung über den Stand der eingegangenen Spenden für die Rekonstruktion der Barockfassaden. Insgesamt seien bis Ende Mai 2013 mehr als 26 Millionen Euro gesammelt worden, wovon gut zehn Millionen Euro als zweckgebundene Überweisungen und ebenfalls fast zehn Millionen Euro als Sachleistungen des Vereins an die Stiftung gegangen wären, schreibt Wilhelm von Boddin, Geschäftsführer des Vereins. Damit sind etwa 20 Prozent des Spendensolls in Geld- und Sachleistungen erbracht. 2012 konnten die Bareinnahmen mit 5,4 Millionen Euro sogar gesteigert werden. Die Humboldt-Box erwies sich dabei als “Spendenmotor”: Allein dort seien seit ihrer Eröffnung Anfang Juli 2011 über 1,8 Millionen Euro akquiriert worden.

Von Boddien schreibt aber auch, der Spendeneingang müsse sich deutlich erhöhen, weil sich der Geldbedarf durch den Baufortschritt dramatisch steigern werde. “Der Deutsche Bundestag wird für die Rekonstruktion der historischen Fassaden kein Geld zur Verfügung stellen”, warnte er. Für das weitere Vorgehen hat der Verein mit der Stiftung eine Arbeitsteilung vereinbart. Sie bemüht sich um Großspenden aus börsennotierten Unternehmen, der Verein um Spenden aus der Bevölkerung.

Die Vereinskosten für Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit beliefen sich laut von Boddien seit 2004 auf insgesamt 5,3 Millionen Euro mit denen mehr als 30 Wanderausstellungen, der Betrieb der Humboldt-Box und die Produktion von drei Millionen Exemplaren des “Berliner Extrablatt”, die Schlosszeitung, finanziert wurden. Auch die Schlossbauhütte in Spandau, wo die historischen Fassadenstücke hergestellt werden, wird ausschließlich über Spenden finanziert. Ihre Finanzierung sei bis ins Jahr 2014 gesichert.

In einem Leserbrief des aktuellen “Spiegel” reagiert Berlins Ex-Senatsbaudirektor Hans Stimmann auf einen Artikel von Georg Diez, der in der vorletzten Woche (Spiegel Nr. 12) gegen Berlins neue Architektur wetterte und die Verantwortung für “fade” Fassaden und den “Lego-Klassizismus” Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit höchstpersönlich in die Schuhe schob. Stimmann entlastet Wowereit und schreibt, die Verantwortung für die “ästhetischen Sünden” ruhe auf vielen Schultern.

In der Tat klingt es märchenhaft, was Georg Diez da vom Stadtoberhaupt erwartet: “Ein Bürgermeister sollte ein Bild von seiner Stadt haben, das er den Bürgern vermittelt, er sollte zeigen, was er will und was er nicht will (…) als wäre das nicht seine Aufgabe, gestalterisch zu wirken.” Ist es auch nicht. Zum Glück nicht. Es ist ja nicht seine Stadt.

Aber wie abwegig der Gedanke von der stadtbildprägenden “Wurstigkeit” Wowereits ist, wird in der Verschiedenartigkeit der angeführten Bauprojekte schnell klar. Eine Aufzählung: Hauptbahnhof, Bahnhofsvorplatz mit Hotelbauten, Trampelpfad am Spreebogen, Kanzleramt, O2-Arena, Zoofenster, East-Side-Gallery, Flughafen, Steglitzer Kreisel, Schloss, Alexa, Rathausforum, Yoo, Kronprinzengärten, Total Tower, Holzmarkt. Diez wirft der Stadt “ästhetischen Opportunismus” vor, scheint seine Beispiele aber selber opportunistisch auszusuchen. Allein der “vom Himmel gefallene” und “unelegante” Hauptbahnhof: Er wäre elegant, wenn sein Ost-West-Dach zu Ende gebaut worden wäre. Das Land Berlin, hat die Deutsche Bahn dafür immerhin verklagt, wenn auch nicht aus ästhetischen Gründen und ohne Erfolg.

Das Yoo und die Kronprinzengärten sind für Georg Diez Anzeichen einer “Russifizierung” von Mitte und einer “fortschreitenden Anästhesierung der Innenstadt”, die Fassaden des Investorenstils “von erschlagender Feigheit”. Er wundert sich, dass in Berlin “nichts Berauschendes” mehr gebaut würde und empfiehlt der Stadt Unter den Linden eine Art “Gegenwartsschock”.

Dass man die Rasterfassaden aus Naturstein mit ihrer Fifty-Fifty-Balance aus Fenster- und Fassadenfläche öde finden kann, ist gar keine Frage. Aber eine bessere wäre die: Ist das wirklich Opportunismus oder ist es gewollt und Programm?

Als es im Jahre 2010 am Center for Metropolitan Studies der TU Berlin bei einem Workshop um die Fortschreibung des Planwerks Innenstadt ging, meldete sich auch Manfred Kühne von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zu Wort. In einem Nebensatz, aber sehr überzeugend, sprach er von sich selbst als einen “Stimmann-Schüler”. Der heutige Leserbriefschreiber hat in der Verwaltung seine Spuren hinterlassen, seinen Geist, obwohl er zum Zeitpunkt des Workshops schon seit vier Jahren kein Senatsbaudirektor mehr war.

Die Stadt gehört den Sesshaften, denjenigen, die bleiben, wenn die Verantwortlich-Wechselnden gehen. Und sie gehört denen, die jene Sesshafte für ihre Ideen entflammen können, wie Stimmann. Aber ein Bürgermeister? In einer Metropole wie Berlin ist er bestimmt zu weit von der Verwaltung entfernt. Das müsste schon ein sehr großer Funke sein, der da überspringen könnte. Die “Wurstigkeit”, die keine ist, scheint also wirklich den falschen Namen zu tragen.

Nach Helmut Schmidts Beitrag zur Schlossversenkung scheint die Welle, die er auslöste, ausgelaufen. „Der Freitag“ zieht Bilanz und hat blattübergreifend Kommentare gesammelt und sie nach „Pro und Contra Schlossversenkung“ verdienstvoller Weise auch gezählt. Das Ergebnis wird die Stiftung Humboldtforum kaum mögen. Eine Petition, von Rainer Eigendorff aus Berlin ans Abgeordnetenhaus gerichtet, liefert „der Freitag“ als Textanhang gleich mit. Sie läuft noch bis zum 31. März. Welche Aussicht auf Erfolg hat sie?

zum Artikel des „Freitag“

zur Petition „Kein Neubau des Berliner Stadtschlosses“

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In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Streit ums Schloss

Heute, zwei Jahrzehnte nach friedlicher Revolution und Wiedervereinigung ist die Hochhausscheibe des DDR-Außenministeriums verschwunden und bereits vergessen. Sie wurde in den Neunzigern abgetragen. An ihrer Stelle künden Kulissen vom Wiederaufbau der Bauakademie. Im Lustgarten – er macht seinem Namen wieder Ehre – tummelt sich heiter Volk aus aller Welt. Der Palast und seine Republik sind nicht mehr. Langen Streit gab es um Abriss oder Erhalt der Asbest-Ruine. Hätte man den Palast einfach abschrauben können und als „Erichs Lampenladen“ ins Einkaufszentrum am Alexanderplatz versetzt, stünde er noch – am passenden Ort.

Günter de Bruyn sieht eine Ursache des Streits um den Wiederaufbau der historischen Mitte in dem

in Berlin besonders ausgeprägten Mangel an Ehrfurcht vor dem historisch Überkommenen, wie heutzutage auch der hartnäckige, glücklicherweise aber erfolglose Widerstand gegen die aus städtebaulichen und historischen Gründen notwendige Wiedererrichtung des Schlosses zeigt. Vielleicht ist das auf den immer hohen Anteil von Neuberlinern, besonders auch unter den Regierenden, zurückzuführen, mehr aber wohl auf einen allgemeinen Mangel an historischem Empfinden, der, da alle Kultur auf Geschichte gründet, auch ein Zeichen von Kulturlosigkeit ist.“

Das Hohenzollern-Schloss wurde 1950 als angeblich reaktionäres Symbol des preußischen Absolutismus zerstört. Die Diskussion um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses wird weiterhin bestimmt von einer ideologischen oder antiautoritären Geschichtsbetrachtung seiner Gegner, von einer seltsamen Geringschätzung eines architektonischen Meisterwerks des barocken Absolutismus und einer seltsamen Zuneigung für die banale Palast-Architektur einer spießbürgerlich-proletarischen Diktatur.

Morgen: Teil 11 „Absolutismus und real-existierender Sozialismus“

 

— Nachricht — Die Zahl der Kritiker der umstrittenen Repräsentanz von Thyssen-Krupp am Schlossplatz wächst. Nachdem zuletzt der Stadtplaner Florian Mausbach in der Berliner Zeitung gegen das Projekt plädiert hatte, hat sich jetzt auch der Landesdenkmalrat dagegen ausgesprochen und rät, auf den Bau zu verzichten, wie der Tagesspiegel und die Berliner Zeitung heute und gestern berichten. Die Umgebung des ehemaligen Staatsratsgebäudes als Baudenkmal mit dem Liebknechtportal würde durch den neuen Glaskubus massiv geschädigt. Auch Manfred Rettig von der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum und der stadtenwicklungspolitische Sprecher der CDU im Abgeordnetenhaus, Stefan Evers, schließen sich laut Tagesspiegel dieser Meinung an. Thyssen-Krupp hatte im Januar einen Entwurf des Architekturbüros Schweger & Partner präsentiert, der wegen seiner Glasarchitektur und räumlichen Nähe zum ehemaligen Staatsratsgebäude schnell auf Kritik gestoßen war. Später hatte Thyssen-Krupp angekündigt, das Gebäude nicht gegen den Willen der Berliner bauen zu wollen. (Tagesspiegel, Berliner Zeitung)

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— Nachricht — Heute beginnt der Bau des Berliner Schlosses. Wie die Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum mitteilt, treffen sich um 11:30 Uhr Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU), Staatsminister Bernd Neumann (CDU), Stiftungsratsvorsitzender und Staatssekretär Rainer Bomba (CDU), Stiftungsvorstand Manfred Rettig, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Architekt Franco Stella auf dem Schlossplatz am Eingang Breite Straße. Es wird damit begonnen, die Baugrube auszuheben. Bis zu 300 Holzpfähle werden im Untergrund vermutet, berichtet „Berlin1.de“. Sie sollen mit dem gesamten Boden entfernt und durch Sand und Kies ausgetauscht werden. Die ausgegrabenen Fundamente des Eosanderportals sollen dagegen als begehbares archäologisches Fenster in den Neubau integriert werden. Auch die Betonwanne des ehemaligen Palastes der Republik bleibt im Boden erhalten. 2013 soll der Grundstein gelegt werden. Das Schloss soll momentan 590 Millionen Euro kosten. (Futurberlin, Berlin1.de)

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