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— Mitteilung der Stiftung Humboldtforum im Berliner Schloss —

Logo SchlossstiftungAufgrund der großen Nachfrage bietet die Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum ab Ostersonntag, den 27. März 2016 und zunächst bis zum 05. Juni immer sonntags um 11.00 Uhr, 13.00 Uhr, 15.00 Uhr und 17.00 Uhr wieder wie im letzten Jahr Führungen über die Baustelle für das Berliner Schloss – Humboldt Forum an.

Die Baustellenführungen dauern etwa eineinhalb Stunden. Bei dem Rundgang durch das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss des Rohbaus erhalten die Besucherinnen und Besucher einen einmaligen Einblick in die Dimensionen dieses zukünftigen Kulturpalastes. Sie werden über den Fortschritt der Bauarbeiten informiert und erhalten alle notwendigen Erläuterungen zum inhaltlichen Planungsstand für das Humboldt Forum, den neuen Ort für den Dialog der Weltkulturen auf der Museumsinsel in der Mitte der deutschen Hauptstadt.  

Karten gibt es an der Kasse der Humboldt-Box und online unter 

http://www.sbs-humboldtforum.de/de/Berliner-Schloss/Fuehrungen/

Der Ticketpreis beträgt 18 € bzw. ermäßigt 12 €.

„Ich freue mich sehr, dass die Neugier auf das Berliner Schloss – Humboldt Forum unverändert hoch ist. Schon über den Winter haben uns viele Anfragen für Baustellenführungen erreicht, denen wir nun gern entsprechen. Natürlich wird es zusätzlich wieder einen Tag der offenen Baustelle geben, und zwar am 11. Juni 2016“, so Johannes Wien, kaufmännischer Vorstand der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum.

Als ich vor Weihnachten über das „Wort zuviel“ schrieb, über das „Noch“ in dem Rettig-Satz, beim Berliner Schloss (eben: noch) auf gutem Wege zu sein, ahnte ich nicht, dass die Wende am Bau so kurz bevorstand. Es war ein Wort der Wahrheit, nichts Geringeres, das wissen wir jetzt. Und es macht jetzt – nach dem erklärten Rückzug Rettigs – sogar Sinn. Nur so. Er wusste, dass er geht. Wir wussten es nicht.

Schlossbaumanager Manfred Rettig wirbt in Tagesspiegel-Anzeige für plankonformes Verhalten aller Baubeteiligten - kurz vor Weihnachten 2015 (Foto: André Franke)

Schlossbaumanager Manfred Rettig wirbt in Tagesspiegel-Anzeige für plankonformes Verhalten aller Baubeteiligten – kurz vor Weihnachten 2015 (Foto: André Franke)

Das kleine Wort entfaltet große Wirkung. Die Zeitungen finden in den Quartalsberichten und Sitzungsprotokollen der Schlossstiftung die Wahrheit über die „beste Baustelle Berlins“: Die Baustelle ist wie alle andern. 2019 gibt´s eine Teileröffnung, der Bau wird teurer. Der Risikopuffer gleicht die Mehrkosten momentan – noch – aus. Denn wie klein erscheint die Risikosumme von 29,9 Millionen Euro vor der Größe des Rufs des Kreateurs von der Insel.

Die dritte Wahrheit tritt hier hervor: Rettig geht, weil MacGregor kommt. Das hat nichts mit groß und klein zu tun. Nur mit der Unvereinbarkeit zweier Projekte. Wo das starre Schloss ist, kann kein dynamisches Humboldtforum sein. Wo Neil MacGregor Welten arrangiert, müssen Wände so flexibel sein wie die Ausstellungsgegenstände selbst. Die Exponate, sagt Rettig in der Morgenpost, seien aber bis auf den Zentimeter genau eingeplant. „Wir wissen genau, wo was hinkommt.“ Das heißt, das Humboldtforum wurde bis jetzt mit dem Geist des Schlosses geplant. Damit ist Schluss. Jetzt kommt der Weltgeist in ein Haus, wo die deutsche Industrienorm schon auf der Zielgeraden war, holt tief Luft, bläst die Backen auf und pustet mit Rückenwind von ganz oben den Laden kräftig durch. Da platzen im Schloss die frisch eingebauten Fenster auf, fallen Wände und am Ende sogar die Barockfassaden. Jetzt kommt die Nutzung, die sich den Körper baut.

Rettigs Ruhestand war eine weise Entscheidung. Und eine sympathische dazu, sagt er doch, er sei gesund und munter und er wolle vom Leben noch etwas haben. Offenbar gibt es Wichtigers als ein Schloss zu bauen. Sehe ich genau so: einen Flughafen bauen. Die Schloss-BER-Assoziation ist in letzter Zeit wahrhaftiger geworden.


Manfred Rettig wird bei Lea Rosh zu Gast sein, wenn es am 1. Februar in der Kommunalen Galerie, Hohenzollerndamm 176, um das Umfeld des Humboldtforums gehen wird – ab 20 Uhr (Eintritt 10 EUR)

Berlin, 12. Januar 2016

Ergebnisse der Stiftungsratssitzung vom 12.01.2016

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Logo Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum

Der Stiftungsrat der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum hat in einer Sondersitzung am 12.01.2016 wichtige Beschlüsse für den Fortgang des Projekts gefasst. Dazu gehört die Gründung einer „Humboldt Forum Kultur GmbH“ als Tochtergesellschaft unter dem Dach der Stiftung, in die die Gründungsintendanz für Deutschlands größtes Kulturbauvorhaben institutionell eingebunden wird. Um ihre kulturellen Aufgaben zu betonen, wird die Stiftung außerdem umbenannt in „Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss“. Der Technische Vorstand und Sprecher Manfred Rettig verlässt zum 01.03.2016 die Stiftung. 

Das Bauvorhaben zur Wiedererrichtung des Berliner Schlosses als Humboldt Forum ist auf einem guten Weg. Kosten und Termine befinden sich im Plan. Änderungen an der beschlossenen Bauplanung sollen nach dem Willen des Stiftungsrates ausgeschlossen bleiben. Immer mehr treten nun die programmatischen Fragen zum Humboldt Forum in den Vordergrund. Dies ist mit vielen Veranstaltungen und Tagungen der beteiligten Partner und nicht zuletzt der Stiftung selbst in letzter Zeit immer deutlicher geworden. 

Mit der Berufung der Gründungsintendanz für das Humboldt Forum, bestehend aus dem ehemaligen Direktor des British Museum Neil MacGregor, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, und dem Professor für Kunstgeschichte an der Humboldt Universität Horst Bredekamp, durch Kulturstaatsministerin Monika Grütters nimmt die Arbeit am Programm für das Humboldt Forum nun konkrete Gestalt an. 

Der notwendige institutionelle Rahmen dafür wurde heute mit dem Beschluss des Stiftungsrates geschaffen, eine Humboldt Forum Kultur GmbH als Tochtergesellschaft der Stiftung zu gründen. Die Humboldt Forum Kultur GmbH wird den kulturellen Betrieb des Humboldt Forums in kuratorischer Gesamtverantwortung für die Stiftung aufbauen und Kulturveranstaltungen im Vorfeld der Eröffnungsphase für die Stiftung durchführen. Ihr Geschäftsführer wird gleichzeitig als Vorstand Kultur neben dem Vorstand Bau und dem kaufmännischen Vorstand angesiedelt.

Manfred Rettig, Vorstand und Sprecher der Stiftung seit ihrer Gründung 2009, wird sein Amt zum 01.03.2016 abgeben. Nach einem langen Berufsleben mit wichtigen Stationen als Leiter des Umzugsstabes der Bundesregierung von Bonn nach Berlin und langjähriger Geschäftsführer der Bundesbaugesellschaft Berlin mbH freut er sich darauf, dass er sich nun verstärkt eigenen Projekten widmen kann.

Die Pressemitteilung finden Sie unter folgendem Link: http://www.sbs-humboldtforum.de/de/Service/Presse/Pressemitteilungen/

V.i.S.d.P:

Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss 
Bernhard Wolter 

Pressesprecher 

Unter den Linden 3 

10117 Berlin

Tel +49 30 3180 572-30 Fax +49 30 3180 572-33

Mobil +49 151 1400 1199 

E-Mail info@sbs-humboldtforum.de

Schlosskuppel mit Weihnachtsbaum

Schloss mit Risiko: Schon wieder Richtfest oder was? Frohe Weihnachten für die beste Baustelle Berlins, wünsch ich! (Foto: André Franke)

Es ist keinesfalls so, dass ich das Schloss schlechtreden will oder mich freuen würde und heimtückisch darauf warten, wenn der Bau doch länger dauern sollte. Im Gegenteil, ich preise die Schlossbaustelle bei fast jeder Führung als “beste Baustelle Berlins”, bei der man voll im Kosten- und Zeitplan liege – noch. Genau dieses Wort – noch – lese ich im letzten Satz einer Anzeige im Tagesspiegel. Der Bauherr selbst, Manfred Rettig, Vorstand und Sprecher der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum, erläutert auf wenigen Zeilen, wie das Risikomanagement auf seiner Baustelle funktioniert. Oft seien im Hinblick auf den Umfang der Baumaßnahme und die Qualität der technischen Ausstattung die Anforderungen der Nutzer zu hoch, unvollständig oder unwirtschaftlich. Und so fährt er fort:

“Sind Entscheidungen zum Bau aber einmal gefallen und mit den technischen Einbauten durchgeplant, dann sind nachträgliche Änderungen das größte Risiko.”

Nachträgliche Änderungen – sofort denkt man an das BER-Terminal, das im Laufe der Planung (und sogar im Laufe des Baus) immer mehr Shopping-Mall wurde als Luftreisehaus. Rettig weiter: Von mehr als zehn verschiedenen Ingenieursfachrichtungen müssten diese Änderungen bei komplexen Baumaßnahmen bearbeitet werden – “mit unabsehbaren Folgen für Kosten und Termine”. Es folgt in der Anzeige ein Appell an die Disziplin von Politikern, Architekten, Nutzern und Bauherrn und: der Satz mit dem Wort zuviel (ich lasse es im Folgenden mal weg): “Beim Berliner Schloss – Humboldtforum sind wir hier (…) auf gutem Wege.”

Wie gesagt, es treibt mich nicht die potenzielle Schadenfreude. Mir ist vielmehr klar geworden, dass der Reiz dieses Positiv-Baus in dem Damokles-Schwert liegt, das über ihm schwebt – über den Bau und über Manfred Rettig selbst, der unstrittig als erfolgreicher Bauherr gilt, (…). Denn einen neuen Nutzerwunsch hat es mit dem Rückzug der ZLB schon gegeben. Berlin will stattdessen ein Stadtmuseum als Beitrag zum Humboldtforum einrichten. Wie Paul Spies als designierter Direktor der Stiftung Stadtmuseum Berlin seinen Wunsch gedenkt auszugestalten, ist auf Inforadio nachzuhören (49:21 min.). Dort gehen Spies und Rettig schon mal auf Tuchfühlung.

Schloss in pink

Pink: In Berlin ein Zeichen für Temporäres, nicht Dauerhaftes. Dafür aber ein „Störer“, der die Aufmerksamkeit von Berlin-Besuchern auf sich zieht. (Foto: André Franke, Juni 2015)

Schloss-Satire #4 – Die FAQ Nr.1, also die most frequently asked Question, die Touristen auf einer Stadtführung durch Berlin stellen, ist diejenige nach den pinkfarbenen Rohren. Manchmal hab ich sogar den Eindruck, die Gäste nehmen die Rohre umso intensiver war, desto mehr Kultur und Geschichte wir ihnen um die Ohren hauen. (Natürlich nur, um sie zu begeistern.) Doch sie lieben eher Rätsel. Die Antwort, dass es sich bei den Rohren um Grundwasser von Baustellen handelt, ruft bei ihnen meistens ein zweifelhaftes Lächeln hervor. Manchmal sogar Enttäuschung, dass es sich nicht um Gasrohre handelt. Fakt ist, sie springen darauf an, weil das Pink eine Störfarbe im Stadtbild ist. Und weil sie denken, die Rohre stünden für immer. Seht es mir nach, wenn auch ich mich nun durch das Pink-Portal II des Schlosses etwas irritiert fühlte, als ich vorgestern vorbeifuhr. Und auch ich hätte da gleich eine Anschlussfrage à la Tourist: „Ist das vorübergehend oder bleibt das für immer?“ Ich meine: das Schloss.

Das Schloss feiert Richtfest. Das Humboldtforum auch. Mögen beide Sonne tanken im „Kaiserwetter“ …

Schlosskuppel mit Dixieklo im Mai 2015: Menschlichkeit auf der Baustelle (Foto: Frank aus Hermsdorf, aufgenommen während der Zukunft-Berlin-Tour)

Schlosskuppel mit Dixieklo im Mai 2015: Menschlichkeit auf der Baustelle (Foto: Frank aus Hermsdorf, aufgenommen während der Zukunft-Berlin-Tour)

Am Freitag wird es sonnig und heiß. Ob dann jemand aus der geladenen Richtfestgesellschaft auf der Schlossbaustelle wieder von „Kaiserwetter“ sprechen wird? Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, hatte vor zwei Jahren bei der Grundsteinlegung keine Scheu, dieses Wort auszusprechen. Ich habe es selbst gehört, ich war dabei. Diesmal wird es mir nicht vergönnt sein. Weil ich nicht in Besitz eines Presseausweises bin, hat das große Haus keinen Platz für kleine Schreiber wie mich. Der Bau, den ich vor kurzem in einem Blogpost willkommen hieß, lässt mich vor der Türe stehen. Wenigstens nicht bei Regen. Oder begünstigt mich das Schicksal etwa mit der Perspektive von außen? Vom Schinkelplatz? Thyssen-Krupp-Platz? Den Kranz auf der Kuppel baumeln sehen, das geht doch am besten mit etwas Abstand, denke ich. So sag ich in weiser Voraussicht schon mal Danke, liebe Stiftung.

Schloss schlägt Humboldtforum

Doch das „Kaiserwetter“ macht mich immer noch ein bisschen kirre. Das Wort, sollte es jemand in Reden bemühen, klängen heute anders als 2013. Damals standen wir in der Baugrube, unter Straßenniveau. Jetzt redet man von der Kuppel herab. Der Bau selber spricht, der Rohbau wohlgemerkt, schreit: Schloss, Kaiser, Deutsches Reich! Das ist ein Dreiklang, der in keinem Forum weggeredet werden kann. Wilhelm von Boddien sagt in einem Interview, das Humboldtforum würde bei den Menschen nicht hängenbleiben. Sie würden zukünftig ins „Schloss“ gehen, weil sie den Begriff „Humboldtforum“ noch nicht verstanden hätten.

Werbung fürs Schloss. Kaiserwetter auch im Thälmannpark möglich

Werbung fürs Schlossrichtfest im Thälmannpark. Links: Gast auf der „Osten ungeschminkt“-Tour mit Berlin on Bike am 10. Juni 2015 (Foto: André Franke)

So ist es. Das habe ich selbst bei jenen beobachtet, die genau wissen, was das Humboldtforum sein soll. Im Februar dieses Jahres bemühte sich Staatssekretär Engelbert Lütke-Daldrup bei einer Veranstaltung in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wirklich darum, nicht vom „Schloss“ zu sprechen. Es fiel ihm gar nicht so leicht. Aber das immer erklärungsbedürftige „Humboldtforum“ wollte sich einfach nicht auf seine Zunge legen. Am Ende seiner Ausführungen, befördert durch Emotion beim Reden, vergaß er den Vorsatz, und es kam wieder das einsilbige, schnelle Schloss heraus. Ist ja auch gar nicht schlimm, ich mach´s ja genauso. Boddien hat längst gewonnen.

Die letzten Sonnenstrahlen im Schloss 1918

Aber mit dem Kaiserwetter sollte man vorsichtiger sein am Freitag. Mögen die Gäste es bloß nicht herbeirufen! Einmal aufgegangen, bleibt die wilhelminische Sonne, jegliche Menschlichkeit verachtend, fest am Himmel stehen. Und geht als letzte unter. Wie im November 1918. Über die letzten „Sonnenstrahlen“ im Berliner Schloss (als Lebensmittelvorräte des Kaisers) schreibt Heinz Knobloch unter Berufung auf den Zeitzeugen Wilhelm Carlé etwas, bei dem sich des Lesers Magen umdreht, so er denn gefüllt ist:

„Bereitwillig führt man mich in die großen Lagerräume. Ich war darauf gefasst, ein Lager vorzufinden, aber das dort gesehene übertrifft doch alle meine Erwartungen. In großen, weiß getäfelten Kammern stand hier alles, aber auch wirklich alles, was man sich an Lebensmittelvorräten überhaupt denken kann. Nein, ich muss mich verbessern, man kann es sich nicht ausdenken, dass nach vierjährigem Krieg noch solche ungeheuren Mengen von Lebensmitteln aufgespeichert sind. Da finden wir Fleisch und Geflügel auf Eis, Saucentunken in großen Kisten, blütenweißes Mehl in Säcken bis an die hohe Decke aufgestapelt, tausende von Eiern, Riesenbassins mit Schmalz, Kaffee, Tee, Schokoladen, Gelees und Konserven jeder Art aufgeschichtet in unendlich scheinenden Reihen. Hunderte von blauen Zuckertüten, Hülsenfrüchte, Dörrobst, Zwieback usw. Man ist sprachlos und denkt unwillkürlich an den alten Witz, dass die Mengen so groß sind, dass ein Mann allein sich davon unmöglich einen Begriff machen kann. Der Wert der Vorräte beläuft sich auf mehrere hunderttausend Mark. Wenn diese Lebensmittelvorräte augenblicklich nicht besser zu gebrauchen wären, so möchte  man vorschlagen, sie unberührt dem deutschen Volke im Nationalmuseum als ein ewiges Zeichen zu erhalten, damit Kinder und Kindeskinder noch sehen mögen, wie in Deutschland, während Millionen hungerten, ‚Gottbegnadete‘ durchhielten.“ (aus: Berlins alte Mitte, Jaron-Verlag, 1996, Berlin)


Futurberlin-Eventreport zur Grundsteinlegung des Schlosses am 13. Juni 2013 

Boddien-Interview mit Deutschlandradio Kultur

Kürzliche, jetzt fragwürdige Futurberlin-Anfreundung mit dem Schlossbau

"Extrablatt" des Fördervereins Berliner Schloss e.V. - Herstellungskosten 30 Cent, Spendeneffekt: 17.000 Euro (Foto: André Franke)

„Extrablatt“ des Fördervereins Berliner Schloss e.V. – Herstellungskosten 30 Cent, Spendeneffekt: 17.000 Euro (Foto: André Franke)

Wilhelm von Boddien ist ein bestechender Rhetoriker. Alle gesammelte Erfahrung gipfelt in Anekdoten. Dabei besitzt er die Gelassenheit eines Mannes, der es geschafft hat. Immerhin hat er nicht nur den Bundestag vom Schlossbau überzeugt, sondern ist auch Vater und Großvater von 5 Kindern und 13 Enkelkindern, wie er letzten Montag bei dem Vortrag zu den Schlossfassaden sagte. Seine Erzählkunst verbindet sich aber automatisch mit dem Marketingexperten, der er gleichermaßen ist. Das „Extrablatt“, das er als Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss herausgibt, koste ihn pro Heft 30 Cent, sagt er. Mit Versandkosten etwa 2,50 Euro. Aber jedes einzelne bringe immerhin bis zu 17.000 Euro in die Spendenkasse. Deshalb sei ihm das Heft sehr wichtig. Und am wichtigsten die letzte Seite, die mit dem Ausfüllformular: „Bitte ankreuzen und abschicken!“. Das ist nicht nur in Ordnung, sondern fast schon beneidenswert. Seine Leidenschaft hat einen klaren Zweck (die Spende). So ist auch das Humboldtforum für ihn ein Mittel zum Zweck (die Schlossgeschichte). Mit den Geschichten, die das Humboldtforum zu erzählen vermag, so beschreibt es Boddien metaphorisch, müsse der Geist der unkultivierten, ungebildeten Jugendlichen unseres Landes geöffnet werden, wie man die Schnäbel von Gänsen öffnet, bevor man sie stopft. Dann käme es darauf an, in die freudige, erwartungsvolle Offenheit (das sind meine eigenen Worte) das nachzuschieben, was ab 2019 dann die Kunstsprache der rekonstruierten Fassadenwelt kommuniziert. Das ist hohe Erzählkunst, die bei der Seidenstraße beginnen mag und in Berlin am Schlosse endiget. Tja, und genau das hat Wilhelm von Boddien am Montag vorgemacht.

Vom Beton zum Buch. So schnell kann´s gehen: "Unser König" - Erst beworben, dann erworben: Ersteres hat die gesprächige Frau aus Charlottenburg für mich getan, blechen war mein Part. Danke! (Foto: nette Passantin, ohne Buchempfehlung)

Vom Beton zum Buch. So schnell kann´s gehen: „Unser König“ – Erst beworben, dann erworben: Ersteres hat die gesprächige Frau aus Charlottenburg für mich getan, blechen war mein Part. Danke! (Foto: nette Passantin, ohne Buchempfehlung)

Neulich stand ich vorm Schloss und fotografierte. Da sprach eine Frau mich an: „Und was halten Sie vom Schloss?“ Ein Gespräch begann, und die Sonne schien, und schwupps-die-wupps kam die munter erzählende Charlottenburgerin auf König Friedrich. Den „Großen“. Nicht vom Humboldtforum redete sie, nicht vom Palast, nicht von den Barockfassaden. „Unser König“ schwebte ihr im Geist, der im Schloss geboren wurde. Und vom gleichnamigen Buch fing sie an zu schwärmen, das zum 300. Geburtstag Friedrichs als Biografie von Jens Bisky herauskam. Das war vor drei Jahren. Damals konnte ich mich für keine der vielen Veröffentlichungen entscheiden. Jetzt empfahl sie mir eine bestimmte davon persönlich, soufflierend, herzlich werbend. Und es dauerte. Was hatte Bisky mit dieser Frau gemacht? Für derartige Winke mit dem Zaunpfahl bin ich empfänglich. Ich habe das Buch noch am gleichen Tag gekauft und lese auf Seite 248, wie die Königin während des Krieges aus dem Schlosse flieht, weil die österreichischen Husaren Berlin erobern. Eine Woche lang wohnt sie unköniglich in der Festung Spandau:

„Vier Verbrecher, Eisen an den Füßen und eine kleine Lampe in der Hand, führen Ihre Majestät und die Prinzessinnen in die Wohnung, die aus fünf Räumen besteht, in denen die Fenster zerbrochen sind, keine Tür schließt, keine Stuhl zu erblicken ist.“ (aus dem Tagebuch des Kammerherrn von Lehndorff in „Unser König“, siehe unten)

Wie dem auch sei, wenn das die Kraft des neuen Schlosses ist, dass es die „großen“ Themen in uns weckt, dann ist es mir heute schon ein Stück weit willkommener als es das gestern war.

Buch: Unser König. Friedrich der Große und seine Zeit – ein Lesebuch, Jens Bisky, Rowohlt, 2012

Eine Stunde und einundzwanzig Minuten braucht ein Mensch in Berlin, um vom U-Bahnhof Eberswalder Straße in Prenzlauer Berg zum Askanierring 74 in Spandau zu gelangen – zumindest mit den Öffentlichen. Das ist länger als meine weihnachtliche oder österliche Heimreise ins sachsen-anhaltische Karow dauert. Warum also dorthin fahren? Weil an dieser Adresse die mittigste Mitte der Stadt gespachtelt wird und gebildhauert: die an den Rohbau des Humboldtforums zu hängenden, spendenfinanzierten Barockfassaden in der sogenannten “Schlossbauhütte”.

An einem sonnigen Februarsonntag: das Schlossportal III (Eosanderportal), das sich noch ohne die Portalkrönung zeigt, an der Bildhauer Frank Kösler in der Schlossbauhütte in Spandau gegenwärtig noch arbeitet (Foto: André Franke)

An einem sonnigen Februarsonntag: das Schlossportal III (Eosanderportal), das sich noch ohne die Portalkrönung zeigt, an der Bildhauer Frank Kösler in der Schlossbauhütte in Spandau gegenwärtig noch arbeitet (Foto: André Franke)

Ungefähr 10.000 Steine bearbeiten die Bildhauer hier. Kleine und große, neue und Originale. Ich treffe auf der Führung, die der Architektur- und Ingenieurverein zu Berlin organisiert hat, das Säulen-kapitell wieder, das jahrzehntelang an der Ruine der Kloster-kirche lag, und natürlich gibt es hier sehr viele Adler, über die ich heute alles andere als spotten will (die Satire gibt´s hier).

Eher ergreift mich eine Ahnung von der Größe, der Komplexität der Rekonstruktionsaufgabe, die sich die Schlossstiftung gestellt hat. Es ist ein Puzzle aus tonnenschweren Steinskulpturen, die alle zuerst in Gips modelliert und zuvor ins korrekte Maß gebracht werden müssen. Schlüter, sagt Bertold Just, Leiter der Schlossbauhütte, arbeitete vor dreihundert Jahren mit dem “Rheinischen Fuß”. Franco Stella dagegen denkt und liefert die Pläne metrisch. Die Bildhauer rechnen um, skalieren in dieser Hütte, damit 2019 in Mitte alles passt.

Einer von ihnen ist Frank Kösler. Die klassische Musik, die auf der Tour in der Halle im Hintergrund zu hören ist, kommt von seinem Arbeitsplatz. Bautzener Senf steht auf einem kleinen Pausentisch und eine Packung Salz. Der Bildhauer ist mit einer Portalkrönung beauftragt, an der er seit September arbeitet. Kösler versteht Steine. Er beschreibt mit seinem ganzen Körper, wie sie sich setzen und Ruhepunkte suchen, sich später aber dennoch bewegen. Unbegreiflich ist ihm, warum der Stein, den er mit seinen zwei Töchtern gestaltet (es ist der größte, der in einem Stück an die Fassaden angebracht wird und er wiegt 21 Tonnen), nicht geschnitten und gefugt wird. Bei Schlüter hätte es sowas nicht gegeben, sagt er und prophezeit Risse. “Kollege Sollbruchstelle”, ein Wort Köslers, ist im Gipsmodell schon zu sehen.

Kösler versteht auch Barock. Er lebt ihn, um ihn produzieren zu können, das erklärt er auch ganz ausdrücklich in einem Stiftungs-Video über die Schlossbauhütte und stellt es live unter Beweis (zum Video hier). Spuren der barocken Lebensfreude, die er für seine Arbeit zur Praxis erhebt, stehen auf dem Tisch gleich neben dem Senf: drei leere Flaschen Budweiser. Ich hätte ihm stundenlang zuhören können und war nicht der einzige, der am Ende der Führung noch lange bei ihm stehenblieb, als der Barockbildhauer leidenschaftlich ausführte, dass man nicht mit jedem Stein alles machen könne, zum Beispiel mit schlesischem Sandstein nicht schlüterschen Barock. Und er prophezeit, dass das Ergebnis entsprechend aussehen werde. – Eine Stunde und einundzwanzig Minuten denke ich auf dem Heimweg darüber nach, was ich von dem Projekt jetzt halten soll. Aber die Zeit, die vorher lang war, ist für die Antwort zu kurz.

Henne von Hohenzoll 2

Die halbe Henne von Hohenzoll / Ist schon ein merkwürdiges Wesen / Sie sitzt nur da und wundert sich / Warum sie nicht kann fliegen …

Schloss-Satire #2 — Mal ehrlich, ich hätte diesen Vogel nicht ausgestellt. Es ist ja überhaupt nicht klar, welcher Art er ist, welcher Gattung er angehört. Aber er ist das sehenswerteste der aktuellen Ausstellung „Schlossbaumeister“, zumindest für mich. Das gute Stück erlaubt haarsträubende Interpretationen oder führt ganz einfach zu Verwechslungen. Wer also beim Rundgang durchs Bodemuseum (die Ausstellung ist bis 24. August verlängert worden) auf ein Steintier trifft, von dem er nie zuvor gehört oder gesehen hat, dem sei ein Eintrag aus dem Ethymologischen Wörterbuch mit auf den Weg gegeben, der vielleicht weiterhilft:

Adler m. großer heimischer Greifvogel, mhd. adelar(n), adlar, adler (…) ist eine (im Nhd. nicht mehr erkennbare Zusammensetzung von mhd. adel (s. Adel) und ar (s. Aar), eigentl. ‘edler Aar’. Der Name entsteht, als mit der im 12. Jh. zur Blüte gelangenden Falknerei der Adler von den übrigen niederen Jagdvögeln unterschieden wird.”

… „niedere Jagdvögel“ – da haben wir´s doch: Wir sehen ein Huhn mit starkem Schnabel, das Körner jagd und Eier legt, respektive: Spenden sammelt, Beton abwirft. Darüber wird zu berichten sein, zu dichten sein: über „die halbe Henne von Hohenzoll“ – eine Ballade, in der Schloss-Satire #3

Ostfassade Schloss - SpreeuferEs ist nicht lange her, dass Architekt Stephan Braunfels mit seinem provokanten Entwurf, das Schloss zur Stadt hin öffnen wollte. Eine Initiative versucht seitdem, den Verzicht auf die Ostfassade des Humboldtforums in die Realität umzusetzen, auch wenn diese ganz anders aussieht (die Wand steht schon im zweiten Geschoss). Jetzt lädt die Schlossstiftung am Sonntag zu einem Tag der offenen Baustelle ein und schneidert sich das Braunfelsmotiv maßgerecht um – sprachlich zumindest. Stiftungsvorstand Manfred Rettig lässt sich in einer Pressemitteilung so zitieren:

„Ich bin begeistert von diesem großartigen Gebäude und von den neuen Stadträumen, die entstehen. Architekt Franco Stella öffnet das Schloss für die Stadt. Das Humboldt Forum wird zur Visitenkarte eines weltoffenen Deutschlands im 21. Jahrhundert.“

– Gemeint ist eine öffentliche Baustellenbesichtigung. Na dann, schmerzlich willkommen! 

Es war eine „sie“, die gestern zur richtigen Zeit durch die Türe trat. Janine Graf, 28, war die fünfhunderttausendste Besucherin der Humboldt-Box und der Ehrengast der Schlossbauer für einen ganzen Tag. Die Dame wurde mit Blumen beschenkt. Außerdem bekam sie ein Buch übers Humboldtforum und obendrein eine Nachbildung eines Schmuckelementes aus der zukünftigen Fassade des Schlosses, teilt die Stiftung mit.

 

Die Humboldt-Box am Schlossplatz erwartet heute ihren fünfhunderttausendsten Besucher, teilt die Schlossstiftung mit. Wer sie besucht, könnte potenziell ab 10 Uhr vormittags, wenn das Haus öffnet, die Hände schütteln von: Wilhelm von Boddien, Hermann Parzinger, Manfred Rettig, Rainer Bomba und Gerd Henrich. Das sind (in gleicher Reihenfolge) der Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss e.V., der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Vorstand der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum, der Staatssekretär des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, und der Geschäftsführer der Megaposter AG als Betreiber der Humboldt-Box. Gleichzeitig müssen Interessierte nicht mehr leibhaftig an die Baustelle gehen, um zu verfolgen wie das Schloss aus dem Boden wächst. Die Stiftung hat eine neue Webcam installiert, die Bilder in „fullHD“ und aus drei Perspektiven liefert. Sie werden alle 15 Minuten aktualisiert. Auch Zeitrafferfilme sollen auf der website der Stiftung abrufbar sein. Überraschend ist in der Mitteilung allerdings nur noch die Rede von dem „größten Kulturbauvorhaben in der Mitte der deutschen Hauptstadt“, während das Projekt früher als „größtes Kulturbauvorhaben Deutschlands“ bezeichnet wurde. Die Aussicht der Fertigstellung macht offenbar bescheiden. Zur Zeit betonieren die Bauarbeiter die Kellerdecke.

Der Stammtisch Moritzplatz neigte sich dem Ende, als der Begriff „zweite Protestgeneration“ fiel. Die erste hatte gerade eine gute Stunde lang über den Schlossbau geredet, lässig und mit Bierchen in der Hand. Und sie hat sich eingestanden: „Man hat einen Kampf geführt, und man hat ihn verloren“, so deutlich sprach es zumindest Marion Pfaus aus, nachdem der Moderator in die Runde gefragt hatte, warum sich die schweigende Schlossgegner-Masse nicht artikuliere, warum der Aufschrei aus dem Volke ausbleibe. Jetzt, wo am Schlossplatz der Grundstein gelegt ist.

„Glaubst du noch an das Schloss?“, fragten sich Pfaus, Nina Brodowski und Ernst Wolf Abée am Donnerstag Abend gegenseitig, und was dabei herauskam, war eine Mischung aus einer Bilanz der vergangenen Protestgeschichte und der Prophezeiung einer konfliktreichen Schlosszukunft. „Sie werden viele Fehler machen“, sagte jemand aus dem Publikum, und spätestens dann werde der Protest wieder in Schwung kommen.

Nina Brodowski, damals Mitinitiatorin der Kampagne „Kein Schloss in meinem Namen“, empörte sich zum Beispiel über die Beauftragung Martin Hellers für das Konzept zum Humboldtforum, das gerade vorgestellt, aber in der Öffentlichkeit kaum Beachtung gefunden hatte – im Gegensatz zur Grundsteinlegung am 12. Juni. Sie habe davon nichts mitbekommen und rief „Empört Euch!“ vom Podium hinein ins Publikum. Dort saßen etwa 25 Gäste und blieben relativ ruhig. Die zweite Generation, wenn es sie gibt, steckt noch in den Kinderschuhen.

Was die Filmemacherin und Schriftstellerin Marion Pfaus betreibt, ist denn auch ein Beispiel dafür, dass der Protest neue Formen angenommen hat, und wegen der gebauten Fakten vielleicht auch annehmen muss: Der Schlossprotest wird Satire. Wie der Förderverein Berliner Schloss sammelt Pfaus Spenden, allerdings nicht für des Schlosses Barockfassaden, sondern für deren Rückbau. „Mich beflügelt die Sache“, sagt sie und meint die Grundsteinlegung, bei der sie als akkreditierte Journalistin dabei war. Auf ihrer Internetseite „humboldt21.de“ kann man außerdem auf den Eröffnungstermin des neuen Schlosses wetten. Der entfernteste liegt aktuell bei August 2045. Zu gewinnen gibt es den Jackpot, mit im Moment 25 Euro. Achtung: Das Wettbüro schließt am 30. Juni 2015.

Das könnte für weitere, neue Proteste schon zu spät sein. „Jeder Kubikmeter Beton, der dort erstarrt, ist auch erstarrt“, sagte Ernst Wolf Abée, der dritte Podiumsgast bei der Veranstaltung. Anders als Pfaus, die dem Schloss gewissermaßen eine Chance gibt, eine Chance auf Realisierung und es dann wieder rückbauen will, ist Abée der Meinung, man müsse das Wiederaufbauprojekt jetzt bekämpfen. Mit dem Kollektiv „Schlossfreiheit“ fordert er einen sofortigen Baustopp und unter anderen Punkten auch Transparenz in der Spendensammlung für die Barockfassaden. Er glaubt nicht an das Schloss. „Es ist ein zynisches Projekt, weil es ein Beharrungsprojekt ist“, sagte Abée.

Über „Beharrlichkeit“ schrieb übrigens schon Friedrich der Große. Ein Auszug aus seinem gleichnamigen Gedicht:

„Stillsichere Seelenkraft,

Die sich im Dulden strafft,

Die allen Schicksalsschlägen

Ausdauernd, heldenhaft,

Trotz setzt entgegen –

Preis dir und Ehren!“

(aus: Friedrich der Große, Historische, militärische und philosophische Schriften, Gedichte und Briefe, Hrsg. Gustav Berthold Volz, Anaconda Verlag, Köln, 2006, S. 563)

Der Schweizer Kulturkurator Martin Heller hat ein Inhaltskonzept für die Agora und das Humboldtforum im wiederaufgebauten Berliner Schloss vorgelegt. Ein Artikel der F.A.Z. berichtet darüber und sieht die Agora gar „abgeschafft“ und „in Rente“ geschickt. Das Konzept umfasst 45 Seiten. Das Projekt Humboldtforum hat jetzt auch ein neues Logo und eine extra Internetseite bekommen (www.humboldt-forum.de).

Als Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) vergangenen Mittwoch von den Wahrheiten der zukünftigen Schlossarchitektur sprach, konnte man durchaus ungläubig werden – selbst wenn man sich zu den Schlossbefürwortern zählen sollte. Bei der Grundsteinlegung verkaufte er den Architekturmix aus zeitgenössischen und Barockfassaden als Geste für ein Geschichtsverständnis, das immer auch „verschiedene Wahrheiten“ gelten lasse. Der Ort hätte nach seiner Auffassung also nur zwei Geschichten zu erzählen: die des Schlosses der Berliner Könige und Kaiser auf der einen Seite und die Geschichte des zukünftigen Humboldtforums auf der anderen. Das konnte natürlich auch eine rhetorische Raffinesse gewesen sein, die Volkspalastgeschichte vom „Wahrheits“-Begriff komplett auszuklammern. Doch die Humboldt-Box selber zeigt, dass die Verdrängung der DDR-Geschichte auch an diesem Ort nicht möglich ist: Die taz-Autorin Nina Apin hat bei einem Besuch der „offenen Baustelle“ am Sonntag im Souvenirsverkauf in der Box Trabant-Modelle entdeckt. Die dritte Wahrheit, in Gestalt des sozialistischen Volksgefährts, bahnt sich ihren Weg. Immerhin war der Ort auch einmal Großparkplatz! Aber da beißt sich doch die Katze, der Bauakt, in den eigenen Schwanz. Der Schlossverein kalkuliert sein Barockprojekt mit der Attraktivität des untergegangenen Staates. Dabei setzt er in der Humboldt-Box auf die Touristen und muss sich vielleicht auch eingestehen, dass aus Besucherperspektive der DDR-Kitsch heute greifbarer ist – weil nicht so lange her -, als die schwerer zu greifende Antwort auf die Frage, warum eine Demokratie ein Gebäude der Monarchie aufbaut.

Berlin, gestern, gegen 14 Uhr. Die Sonne brennt. „Wenn Engel bauen“, begann Hermann Parzinger seine Rede auf der Grundsteinlegung zum Bau des Schlosses. „Ich könnte auch von Kaiserwetter sprechen“, sprach der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz weiter und hatte mit diesem Begriff im Grunde „Alle Neune“ abgeräumt. Es folgte der einzige wirklich lebhafte Beitrag an dem Nachmittag, der heute schon wieder Geschichte ist. Nach Parzingers Worten erschien die Idee des Humboldtforums als etwas Selbstverständliches. Nun ja, und der Himmel lachte ja auch tatsächlich.

Zuvor probten Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU), Staatsminister für Kultur Bernd Neumann (CDU) und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), was für das Humboldforum Programm werden soll: den Dialog. Eine arte-Journalistin moderierte auf dem Podium.

Das Wort vom „Flughafen“ fiel insgesamt zweimal, kam immer aus dem Mund von Ramsauer, der auch behauptete, die Skeptiker des Bauprojekts wären weit in der Minderzahl. Ins Fettnäpfchen trat er, als er seine Klaviermetapher bemühte, um den Mix aus barocker und zeitgenössischer Fassadenarchitektur zu begründen. Es gäbe verschiedene Wahrheiten, sagte er. So wie es auch verschiedene Interpretationen eines Musikstücks gäbe. Jemand, der ihn nach der Wahrheit des Ortes zwischen 1950 und 2008 hätte fragen können, war auf dem Podium nicht zu sehen. Und auch die Fassaden werden darauf keine Antwort geben, wie man weiß.

Auf die Frage der Moderatorin, warum der Entwurf Franco Stellas beim Architekturwettbewerb gewonnen hätte, gab Bernd Neumann eine klare Antwort. Er sei einfach der beste gewesen. Er habe die Vorgaben „am ernstesten genommen“. Bezüglich der Finanzierung des Projekts sagte er, der Kostenrahmen werde zur Zeit sogar unterschritten. – Wenn Engel bauen …

Klaus Wowereit sagte, dass er glaube, viele hätten das Humboldtforum noch nicht verstanden. (Das war vor Parzingers Rede.) Er hofft, dass die Akzeptanz für das Projekt nach der Grundsteinlegung größer wird. „Die Sprengung dieses alten Schlosses war ein Frevel“, sagte er auch, und dass die Teilung der Stadt „widernatürlich“ gewesen sei.

Nach dem Podiumsdialog spielte der javanesische, aber seit 1987 in Berlin lebende Klangkünstler Saichu Yohansyah auf einem türgroßen Gong. Der Gong hatte vorher die ganze Zeit neben dem Grundstein gestanden. Es war ein Moment der befremdlich war, der aber zeigte, dass das Humboldtforum und das neue Schloss mit Polaritäten spielt. Danach kam Präsident Parzinger, unter anderen mit diesen Worten: „Betrachtet uns nicht nur durch die Brille des Kolonialismus!“ – Bei dem Kaiserwetter?

In der Kartusche, die jetzt im Grundstein liegt, befinden sich eine Tageszeitung, die Baupläne von Franco Stella, eine von Bundespräsident Joachim Gauck unterschriebene Urkunde und Euromünzen. Auf welche Tageszeitung die Wahl fiel, blieb ein Geheimnis. Es wird nicht die taz gewesen sein, die am Wochenende noch vom „großen Fassadenschwindel“ sprach und das Projekt inhaltlich wie architektonisch als ein „Mischwesen“ bezeichnete. Die Kartusche wurde senkrecht in den Grundstein hinabgelassen. Dann kam ein runder Steindeckel oben drauf. „Klack, klack“, hämmerte Gauck nachdem er seine Widmungen gegeben hatte. Die Segnungen übernahm ein Pfarrer, ein anderer und sprach „Amen“.

„Engel“, „Frevel“, „Amen“. Machen wir doch eine irreal-sozialistische Pagode draus. Der Wahrheiten zuliebe. Aber das ist nur ein abwegiger Gedanke meinerseits. Andererseits: „Man muss sich in diesem Land auch über etwas freuen können“, das sagte Bernd Neumann jedenfalls auch noch an diesem Nachmittag. Kann man auch, denn es lacht der Himmel über Berlin, zumindest zur Zeit.

Link zum taz-Artikel vom 7. Juni 2013, „Der große Fassadenschwindel“

Link zum Futurberlin-Interview mit Thomas Krüger (Bundeszentrale für politische Bildung) über das Humboldtforum von Juni 2011, „Ein Platzhalter, der Agora genannt wird“

Kurz vor der Grundsteinlegung am 12. Juni informiert der Förderverein Berliner Schloss die fast gleichlautende Bundesstiftung über den Stand der eingegangenen Spenden für die Rekonstruktion der Barockfassaden. Insgesamt seien bis Ende Mai 2013 mehr als 26 Millionen Euro gesammelt worden, wovon gut zehn Millionen Euro als zweckgebundene Überweisungen und ebenfalls fast zehn Millionen Euro als Sachleistungen des Vereins an die Stiftung gegangen wären, schreibt Wilhelm von Boddin, Geschäftsführer des Vereins. Damit sind etwa 20 Prozent des Spendensolls in Geld- und Sachleistungen erbracht. 2012 konnten die Bareinnahmen mit 5,4 Millionen Euro sogar gesteigert werden. Die Humboldt-Box erwies sich dabei als “Spendenmotor”: Allein dort seien seit ihrer Eröffnung Anfang Juli 2011 über 1,8 Millionen Euro akquiriert worden.

Von Boddien schreibt aber auch, der Spendeneingang müsse sich deutlich erhöhen, weil sich der Geldbedarf durch den Baufortschritt dramatisch steigern werde. “Der Deutsche Bundestag wird für die Rekonstruktion der historischen Fassaden kein Geld zur Verfügung stellen”, warnte er. Für das weitere Vorgehen hat der Verein mit der Stiftung eine Arbeitsteilung vereinbart. Sie bemüht sich um Großspenden aus börsennotierten Unternehmen, der Verein um Spenden aus der Bevölkerung.

Die Vereinskosten für Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit beliefen sich laut von Boddien seit 2004 auf insgesamt 5,3 Millionen Euro mit denen mehr als 30 Wanderausstellungen, der Betrieb der Humboldt-Box und die Produktion von drei Millionen Exemplaren des “Berliner Extrablatt”, die Schlosszeitung, finanziert wurden. Auch die Schlossbauhütte in Spandau, wo die historischen Fassadenstücke hergestellt werden, wird ausschließlich über Spenden finanziert. Ihre Finanzierung sei bis ins Jahr 2014 gesichert.

— Nachricht — Heute beginnt der Bau des Berliner Schlosses. Wie die Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum mitteilt, treffen sich um 11:30 Uhr Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU), Staatsminister Bernd Neumann (CDU), Stiftungsratsvorsitzender und Staatssekretär Rainer Bomba (CDU), Stiftungsvorstand Manfred Rettig, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Architekt Franco Stella auf dem Schlossplatz am Eingang Breite Straße. Es wird damit begonnen, die Baugrube auszuheben. Bis zu 300 Holzpfähle werden im Untergrund vermutet, berichtet „Berlin1.de“. Sie sollen mit dem gesamten Boden entfernt und durch Sand und Kies ausgetauscht werden. Die ausgegrabenen Fundamente des Eosanderportals sollen dagegen als begehbares archäologisches Fenster in den Neubau integriert werden. Auch die Betonwanne des ehemaligen Palastes der Republik bleibt im Boden erhalten. 2013 soll der Grundstein gelegt werden. Das Schloss soll momentan 590 Millionen Euro kosten. (Futurberlin, Berlin1.de)

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— Meinung —

Wenn morgen am Berliner Schlossplatz mit dem Segen von Audi die Eröffnung der Humboldt-Box zelebriert wird, könnte das mehr sein als der Auftakt zum Bau des Humboldtforums. Der Schlussstein auf der Wiese der Nation wäre hier schon vor dem Grundstein gesetzt, wenn sich der vermeintliche Prolog über Jahre und Jahrzehnte schleichend als baulicher Hauptakt entpuppt, als die Alternative.

Warum könnte es so kommen? – In Szenario I geht dem Bund einfach das Geld aus und gibt auf Dauer die Finanzmittel zum Schlossbau nicht frei. In Szenario II ändert der Bundestag nach neu entfachter Debatte und neu eingesetzter Expertenkommission den Beschluss von 2002. In Szenario III hört die CDU/CSU auf, eine konkrete Ausgestaltung von Volksabstimmungsverfahren auf Bundesebene zu blockieren und ermöglicht dadurch direkte Demokratie an einem Ort mit durchweg undemokratischer Geschichte. In Szenario IV geht dem Schloss einfach die Puste aus, weil der Rohbau zunächst zwar zu Stande kommt (später wieder abgerissen wird!), aber nicht der Spendenbetrag für dekorative Kuppel und Schlüterfassaden aufgebracht wird. Und in Szenario V ändert sich der politische Wille des Landes Berlin und setzt sich gegenüber dem Bund durch, nachdem Berlinern und Berlinerinnen die schlichte Box einfach besser gefällt als diktierter, dekorativer Barock.

Was wäre der Mehrwert einer solitären Humboldt-Box auf dem Nicht-Schlossplatz? – Sie wäre die Briese Unbeschwertheit, die auf dem politisch überlasteten Ort gebraucht wird und das Quäntchen Glück, das uns den offenen Platz unter Wahrung zahlreicher Sichtachsen vom neuen Freiheits- und Einheitsdenkmal aus denken lässt. Vor allem aber wäre die Box ein Schaufenster des Nichts, da ihr der rückwärtige Laden fehlt. – Ironie des Schicksals, dass sie ihn miniaturisiert im Inneren beherbergt, in den eigenen Ausstellungsräumen: das Schloss als Modell! Wenn dann auch noch Bauherr Manfred Rettig wie am 25. Mai bekräftigt: „Es geht um Architektur, nicht um Inhalte“, ist die Implosion des kernlosen Projekts nur natürliches Gesetz. Wenn das kein Grund zum Feiern ist.

 

 

 

— Interview —

Das Humboldtforum verdient seinen Namen nicht – jedenfalls nicht, wenn es gebaut wird, wie es geplant ist: zu viel Museum, zu wenig Forum. So sieht es zumindest Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und erklärt im Gespräch mit futurberlin, dass er ein Museum, dass sich am Schlossplatz einfach reproduziert, lächerlich findet. Des Forums Botschafter, die Humboldt-Box, wird am 30. Juni eröffnet und steht gegen 4 Euro Eintritt jedem Interessierten offen – bis 2018.

 

Herr Krüger, wie man am Schlossplatz bis vor kurzem lesen konnte, freut sich Audi mit allen Berlinern auf die Eröffnung der Humboldt-Box. – Auch mit Ihnen?

Ich freue mich einfach auf eine möglichst kontroverse Diskussion. Die fand leider bisher nicht statt, weil diejenigen, die das Projekt geplant haben, von einer Idee ausgehen, die für das Humboldtforum eine Museumsverlagerung in die Berliner Mitte diskutiert. Die eigentlich nötige Diskussion, die die Sammlungsbestände unter die Kritik eines postkolonialen Diskurses stellt, ist aber bislang nicht erfolgt. Sie würde erst den Weg freimachen für ein Projekt, bei dem die eigentlichen Akteure, um die es geht, zum Zuge kommen: Leute, die für die Kulturen der Welt, die hier verhandelt werden sollen, tatsächlich auch autonom und selbständig sprechen können. Bisher ist es ein Diskurs über sie, anstatt mit ihnen. Die Vorstellung, dass man eine durch Nabelschau und eine selbstreferenzielle, mit den eigenen Sammlungsbeständen und Museen inszenierte Performance vorgibt, kann nur internationales Gelächter auslösen.

Wo soll denn diese Art von Diskurs herkommen?

Jedenfalls nicht von Audi. Die vorherige Frage deutet darauf hin, wie das Projekt bisher gelaufen ist. Es gibt Sponsoring und Goodwill von allen möglichen Beteiligten, die Stadt und die Öffentlichkeit haben aber nur bedingt Aktivitäten und Empathie für dieses Projekt aktiviert. Die Stadt und vor allem das Land müssten eine Diskussion darüber in Gang setzen. Die Öffentlichkeit ist gefordert. Die fehlt bisher. Noch stärker in der Verantwortung als die Politik sind aber diejenigen, die für die Idee stehen und gesagt haben, sie hätten ein massives Interesse daran, von Dahlem in die Berliner Mitte oder von der Berliner Mitte in die Berliner Mitte umzuziehen, um die Stadtbibliothek zum Thema zu machen. Das finde ich völlig absurd.

In Berlin gibt es aber auch die Diskussion, die Zentral- und Landesbibliothek auf das Tempelhofer Feld zu verlegen. Eine der tragenden Säulen im Nutzungskonzept des Humboldtforums bräche damit weg.

Ich glaube, dass die Ideen zum Humboldtforum vorläufige Ideen sind. Die Diskussion um die Zentral- und Landesbibliothek macht ja deutlich, dass die Messen längst nicht gesungen sind. Aber das Kernstück sind die Ethnologischen Sammlungen in Dahlem, um die herum die Diskussion letztendlich geführt wird. Und die wird bislang eben nicht so geführt, dass man den Eindruck hat, dass dort 200 Jahre Sammlungspolitik einer Kritik und Einordnung in die Zeitgeschichte unterworfen werden.

Was wäre eine Alternative zu dieser Museumsverlagerung aus Sicht der Bundeszentrale für politische Bildung?

Zunächst einmal spreche ich nicht im Namen der Bundeszentrale für politische Bildung, sondern als interessierter Bürger, der an der Kommission Historische Mitte mitgewirkt hat und die Diskussion kennt. Ich glaube, dass die beiden Säulen, die in diesem Projekt verhandelt wurden, in der Gewichtung nicht stimmen. Die eine ist der Kern der Museen, der Sammlungen, die präsentiert werden sollen. Und die andere ist die Agora-Idee, also die Idee, eine Art öffentlichen Marktplatz oder eine Plattform für zeitgenössische internationale Dialoge zu schaffen, die das Thema der Kulturen der Welt verhandeln sollen. Aus meiner Sicht muss das ganze Projekt zwingend in erster Linie von der Agora-Idee ausgehend gedacht werden und nicht von den Museen aus. Dann wäre der nächste konsequente Schritt der, dass nicht die Experten aus Deutschland oder Berlin das Wort zu führen haben, sondern dass es einen offenen, autonomen, zeitgenössischen Diskurs unter Akteuren weltweit gibt, die die Diversitäten und Differenzierungen selbst vertreten und in die Diskussion einbringen. Ohne einen solchen Diskurs auf Augenhöhe wird das ganze Projekt nicht glaubwürdig sein. Daraus ergibt sich dann eine Reihe von weiteren Fragen, wie die Architekturfrage.

Verlangt so ein frischer Agora-Gedanke nicht eine andere Architektur als Schloss und Barockfassaden?

Ob diese Fassaden sinnvoll sind, sei ohnehin dahingestellt. Aber das Entscheidende ist, dass sich bisher niemand angesprochen fühlt, zu klären, was hinter den Fassaden letztendlich passieren soll. Es ist bemerkenswert, dass diese Stadt sich nur dafür interessiert, wenn es um den Architekturgegenstand und den Wiederaufbau des Schlosses, um Fassaden geht, aber nicht um das, was dahinter geschehen soll.

Schon im Namen der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum ist das beziehungslose Nebeneinander zweier völlig wesensverschiedener Dinge erkennbar. Halten Sie diese zwiespältige Philosophie aus Schloss und Forum für den Bürger greifbar und verständlich?

Nein, das ganze Projekt ist von einer Vielzahl von Widersprüchen geprägt. Man wird sich wohl damit abfinden müssen, dass dieser Ort mit Widersprüchen permanent zu tun haben wird. Das ist vielleicht auch in Ordnung, weil alles das, was ein reiner Guss wäre – also sozusagen ein Eins-zu-Eins-Wiederaufbau des Schlosses – genauso absurd wäre wie eine völlige moderne Lösung, auch wenn ich dafür große Sympathien hege. Aber das städtebauliche Problem an dieser Stelle, die Wiederaufnahme der Kubatur des Schlosses, das ist natürlich die entscheidende Herausforderung. Dass das nun in eine Form gegossen wird, bei der die Fassaden letztendlich das Schloss als Luftschloss thematisieren, als Fiktion, als etwas, was überhaupt nicht das ist, was es zu sein verspricht, kann für eine kluge Inszenierung eines öffentlichen Diskurses methodisch gesehen sogar ein sehr guter Einstieg sein: Täusche dich nicht, hier wird dir etwas gezeigt, was dahinter überhaupt nicht stattfindet. Es wird weder ein Wiederauferstehen der alten Monarchie geben, noch einen Diskurs über die Monarchie. Für Berlin relativ typisch ist, dass hier kein Stein auf dem anderen bleibt, und dass das, was man sich international vorstellt – ein großer Wurf, ein Grand Projet – an dieser Stelle nicht zu erwarten ist. Es wird voller Widersprüche sein und gleichzeitig eine Chance, die interessierten Öffentlichkeiten dort zu versammeln.

Die Diskussion war bis zum Bundestagsbeschluss durch die Anhänger des Palastes der Republik auf der einen und die Schlossbefürworter auf der anderen Seite geprägt. Jetzt gibt es den Palast nicht mehr, wir haben eine komplett neue städtebauliche Situation. Wir können den Schlossplatz als Freiraum erleben und stoßen auf interessante Sichtachsen zwischen Museumsinsel, Berliner Dom und Staatsratsgebäude. Jetzt kommt noch das neue Freiheits- und Einheitsdenkmal dazu. Verdient der Ort nicht eine neue Grundsatzdebatte?

Das ist sicherlich richtig, aber ich befürchte eine neue Diskussion würde im Ergebnis noch absurder sein, als das, was wir jetzt haben. Wir haben jetzt wenigstens einen Kompromiss, der eine städtebauliche Lösung mit einem relativ interessanten, inhaltlichen Projekt verknüpft. Das Ergebnis einer neuen Debatte könnte, wenn man sich den Mainstream anguckt, auch in einem Eins-zu-Eins-Wiederaufbau des Schlosses enden, weil es dafür mehr Öffentlichkeit gibt.

Es gibt keine Gegenöffentlichkeit zu dem Projekt …

Es gibt Anti-Humboldt, es gibt die Alexandertechnik – da gibt es schon ein paar Leute, die sich kritisch mit dem Humboldtforum-Diskurs auseinandersetzen. Sie spielen aber derzeit in der Diskussion eher als selbstreferenzielle Kritiker eine Rolle und diskutieren nicht mit den Akteuren, sondern in subkulturellen Öffentlichkeiten gegen sie. Und das ist fast ein gegenseitiges Versäumnis. Das heißt, auch diejenigen, die dort Inhalte verhandeln wollen, haben zu sehr eine PR-Initiative oder Kampagne im Kopf und zu wenig die Kontroverse.

Sie kämpfen mit den gleichen Mitteln?

Genau – und zu wenig mit einer öffentlichen Diskussion, die über eine Kontroverse eigentlich die Akzeptanz für einen Kompromiss jedweder Coleur herstellen würde. Das ist ja das Spannende an Diskursen, dass man gegensätzliche Positionen miteinander verhandelt und dort versucht, ein Ergebnis zu erzielen, das akzeptiert wird. Derzeit ist dieser Diskurs relativ provinziell aufgestellt. Die meisten interessieren sich nur dafür, wie dieses Schloss aussieht, aber für das inhaltliche Projekt ist kaum Aktivierung zu verspüren. Ich würde diesen Zipfel festhalten und versuchen, ihn strategisch anders auf dieses Projekt einzunorden, weil für meine Begriffe noch nicht abschließend geklärt ist, welches Verhältnis der Umzug der Museen an diesen Ort zu den öffentlichen Diskussionen, die dort stattfinden sollen, haben wird. Es soll ein Platzhalter dort positioniert werden, der Agora genannt wird, aber der wird eher wie ein Anhängsel verhandelt, als eine Art Büro für Öffentlichkeitsarbeit und nicht als Kernbestandteil eines zeitgenössischen Diskurses, der auch selbstkritisch mit den europäischen Politiken, Sammlungen und kulturellen Selbstverständnissen umgeht. Und das ist, finde ich, die Voraussetzung dafür, das so eine inhaltliche Idee ans Leben gebracht und international akzeptiert wird.

In der Humboldt-Universität wurden vor kurzem mit Franco Stella die neuesten Schlosspläne vorgestellt. Sind Sie dort gewesen?

Nein, ich habe es gelesen.

Dort hat Manfred Rettig als Geschäftsführer der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum die Aussage gemacht, hier ginge es um Architektur, nicht um Inhalte. Wie beurteilen Sie diese Äußerung?

Das ist ein Stück weit der Gestus von Architektur: first architecture und dann irgendwie irgendwann der content. Ich kann das nicht nachvollziehen. Das, was da verhandelt werden soll, muss man zwingend von den Inhalten her denken. Ich sage Ihnen ganz ehrlich, ich brauche kein Schloss, ich brauche keine Architektur an dem Ort. Das ist einer der prominentesten Orte, die nicht nur dieses Land und diese Stadt, sondern eigentlich Europa zur Zeit zu bebauen hat. Jeder, der den Anspruch, sich dort über ein inhaltliches Konzept zu verständigen, in Frage stellt, ist für mich nicht nur provinziell, sondern völlig unpolitisch. Von der zeitgeschichtlichen Verantwortung für diesen Ort her müsste eine inhaltliche Debatte zentral sein und nicht ein reiner Bau- oder Architekturdiskurs dort stattfinden. Das finde ich verfehlt. Ich kenne Herrn Rettig gut, weiß wie er und seinesgleichen denken, aber es ist für mich eine nicht ausreichende Haltung gegenüber diesem „kontaminierten“ Ort deutscher, internationaler, europäischer Geschichte.

Wann waren sie selbst das letzte Mal vor Ort?

Als wir in unserem Lateinamerika-Schwerpunkt im vergangenen Jahr ein Projekt dort hatten. Das nannte sich Black Box Ecuador und war ein Kommentar, wenn man so will, zu der entstehenden Humboldt-Box und dem Humboldtforum, über die Geschichte der Afro-Latinos aus dem Chota-Tal in Ecuador. Sie sind die Nachkommen von Sklaven, die geflohen sind und sich im Chota-Tal angesiedelt haben. Die Hälfte der ecuadorianischen Fußballmannschaft kommt von dort. In der Talsohle gibt es einen zentralen Schotterplatz – Sie müssen sich den als sehr unebenes und unwegsames Gelände vorstellen –, auf dem Fußball gespielt wird. Aber der Geist der Welt versammelt sich dort, alle Widersprüche bis hin zu den rassistischen Diskussionen, die in einem Land wie Ecuador gegenüber den schwarzen Vorfahren stattfinden. Absolut spannende Geschichte. Kleine Ergänzung: Wir hatten vier Würfel auf dem Schlossplatz installiert, die begehbar waren und in denen auf eine sehr eingängige Art und Weise die Geschichte des Chota-Tals erzählt wurde. Es waren über 20.000 Besucher dort. Ich würde mir wünschen, dass man viel mehr mit solchen Prospekten vorausschaut auf das, was eigentlich im Humboldtforum verhandelt werden soll und dass man jetzt schon die Zeit nutzt, um die Leute einzustimmen, zu interessieren.

Die Bundeszentrale für politische Bildung will das Bewusstsein für Demokratie und politische Partizipation fördern. Wie kann man als interessierter Bürger auf die Zukunft des Schlossplatzes Einfluss nehmen?

Indem man sich am öffentlichen Diskurs beteiligt. Es wird, man merkt es ja, zunehmend Debatten darum geben: Es ist ein Beraterkreis eingesetzt worden, der das inhaltliche Profil schärfen soll; die Akteure aus dem Museumsbereich werden vorsichtiger, bei der letzten Veranstaltung der Stiftung Zukunft Berlin hat Viola König, Direktorin des Ethnologischen Museums in Dahlem, gesagt, eine Dauerausstellung wäre nicht mehr geplant. Das heißt, die ersten Einsichten, die aus einem relativ groben Diskurskonzert bisher entsprungen sind, weisen in die richtige Richtung. Ein Museum, das sich dort einfach reproduziert, ist lächerlich. Das wissen natürlich die Museumsakteure selber. Die bpb wird sich an dem Diskurs beteiligen. Wir werden mit einem explorierenden Workshop im September versuchen, die Kontroversität in dieser Debatte in den Mittelpunkt zu stellen und internationale Akteure zu diesem Diskurs zu befragen und einzuladen, die vielleicht auch nochmal eine andere Perspektive für die Debatte eröffnen.

Was versprechen Sie sich davon?

Eine Art Wachküssen derjenigen, die wirklich etwas zu dieser Debatte beizutragen haben und ein Wachküssen derjenigen, die sagen: Es kann nicht sein, dass wir eine neue Infrastruktur, die wir eigentlich woanders auch schon haben – die Philosophien der Museen des 19. und 20. Jahrhunderts – hier im 21. Jahrhundert an dieser zentralen Stelle wieder vorgesetzt bekommen. Im Ergebnis wünsche ich mir, um es auf den Punkt zu bringen, dass es eine konzeptuelle Verschiebung gibt, weg von einem reinen musealen Konzept hin zu einem Konzept des Diskurses, in dem die Objekte sprechen können. Black Box Ecuador hat gezeigt, wie man sich so etwas im Humboldtforum diskursiv vorstellen kann. Da sehen wir ein Stück weit unsere Aufgabe als bpb, mitzuwirken, Akzente zu setzen, Debattenfelder aufzuzeigen. „Auf dem Weg zum Humboldtforum“, das ist unser Arbeitstitel, aber „Auf dem Weg zum Humboldtforum“ heißt natürlich nicht, an allen kritischen oder kontroversen Debatten vorbei, sondern mitten durch sie hindurch.

Werden Sie die Humboldt-Box besuchen, wenn sie eröffnet ist?

Sicherlich werde ich sie besuchen, aber ich erwarte mir davon nicht viel.

Herr Krüger, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte André Franke.

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