Heute ebenfalls im T a g e s T o p p e r :  Sich mit Ex-Senator Peter Strieder auf den Rückweg in die Politik machen, am Runden Tisch einen Liegenschaftsfall vorstellen, mit Ticket B einen „Schnitt durch die Mitte“ machen … Weiterlesen

Heute ebenfalls im T a g e s T o p p e r : Ausstellung zum wachsenden Berlin besuchen, Tour mit Archäologen an der Mauer machen, die Gasag zurück zum Gasometer begleiten … Weiterlesen

Heute ebenfalls im T a g e s T o p p e r : Berlins Stadtgrün mitgestalten, die Elsenbrücke besuchen, und Honni´s Gendarmenmarkt feiern … Weiterlesen

Heute ebenfalls im neuen T a g e s T o p p e r : Mit den Grünen den Checkpoint Charlie okkupieren, und schnell noch einen Bahnhof in der Europa-City bauen … Weiterlesen

Heute ebenfalls im neuen T a g e s T o p p e r : Richtfest der ersten Typenhäuser Berlins feiern, ins neue Asisi-Panorama gehen, über den Blücherplatz diskutieren (ab 18:30 Uhr) Weiterlesen

In der Habersaathstraße, gegenüber der neuen BND-Zentrale, steht ein graugelbes langes Haus. Es stammt aus dem Jahr 1984 und diente als Wohnheim für Mitarbeiter der Charité. Nach der Wende in Landesbesitz geblieben, verkaufte Berlin das Haus für zwei Millionen Euro an einen Privateigentümer im Jahre 2006. Ein weiterer Eigentümerwechsel fand 2017 statt; heute gehört das Gebäude – und damit alle 106 Mietwohnungen – einer Firma namens Arcadia Estates.

106 Wohnungen in langem Gebäuderiegel

Arcadia Estates will das Haus abreißen und 91 Luxus-Wohnungen neubauen. Das hat der Bezirk Mitte ihr aber versagt. Baustadtrat Ephraim Gothe benutzt dafür das novellierte Gesetz gegen die Zweckentfremdung, damit schafft er einen Berlin-weiten Präzedenzfall. Investoren müssen den Abriss kompensieren, indem sie Wohnraum schaffen, der für maximal 7,92 Euro pro Quadratmeter netto/kalt zu haben ist. Oder die Häuser bleiben stehen.

Arcadia Estates entmietet die Wohnungen

Weil Arcadia Estates mehr will als 7,92 Euro, steht das Haus also noch. Sie schmeißt allerdings die Mieter raus, hat im September 2018 allen gekündigt. Nur noch 20 Wohnungen sind im November bewohnt (von 106!). Die Mieter wurden auch mit Abfindungen zum Auszug gelockt, berichtet die Morgenpost, aus deren Artikel (siehe unten) die meisten Infos hier stammen.

Eine Modernisierung kommt für Arcadia Estates nicht in Frage. Sie hatte eine angekündigt, aber es scheint, als sei sie nur vorgeschoben. Arcadia sind die Kosten zu hoch, und so betreibt sie jetzt eine „Verwertungskündigung“. Am Ende dieses Weges steht ein leeres Haus. Aber noch ist es nicht so weit: Einer der Mieter, die bleiben, ist Theo Daniel Diekmann. Und der hält aus. Diekmann ist Mietaktivist und seit dem 21. September, wie das ZDF zeigt, auch Opfer eines Brandanschlags auf sein Auto. Es war mit Plakaten für den Mieterkampf beladen. Die Ermittlungen laufen.

In den Fenstern spiegelt sich der rot verklinkerte Neubau des BND

Wie der Präzedenzfall ausgeht, darüber wird vermutlich ein Gericht entscheiden. Arcadia Estates zeigt sich sehr sicher in dem, was sie tut: Das Gutachten zur Verwertungskündigung sei durch Fachleute ganz genau geprüft, sagt der Geschäftsführer der Morgenpost.

Vor Jahren in der Barbarossastraße

In der Barbarossastraße in Schöneberg hat sich vor Jahren ein ähnlicher Fall abgespielt. Ein Wohnhaus aus den 50er Jahren wurde abgerissen. Damals gab es noch keine Zweckentfremdungsverordnung. Der Bezirk handelte Pro Eigentümer, wie bei der Berliner Mietergemeinschaft nachzulesen ist und bei Andrej Holm (siehe unten). Hochtief argumentierte wie die Arcadia in der Habersaathstraße mit einer Verwertungskündigung.


LINKS (zu Habersaathstraße)

  • „Mitte stoppt Abriss von preiswerten Wohnungen“ in der Morgenpost vom 7. November 2018
  • „Luxussanierung und Entmietung in Berlin“ im ZDF vom 22. Oktober 2018
  • Zweckentfremdungsverbot-Gesetz (Novelle vom April 2018)

LINKS (zu Barbarossastraße in Schöneberg)

  • „50er-Jahre-Wohnbau am Barbarossaplatz soll weichen“ in Berliner Woche vom April 2013
  • „In Schöneberg soll Sozialer Wohnungsbau Nobelwohnungen weichen“ im Mieterecho von September 2011
  • „Verdrängung durch Luxuswohnprojekt in Schöneberg“ von Andrej Holm auf Gentrification-Blog vom 1. März 2010

Heute ebenfalls im neuen T a g e s T o p p e r : Spazieren mit Angelika Schöttler durch Schöneberg, Berliner Straßenpflaster bestaunen und vielleicht selber Steinsetzer werden… Weiterlesen

Heute ebenfalls im neuen T a g e s T o p p e r : Im Springer-Campus wasserrutschen, im Bärenzwinger Kunst angucken, und beten, dass die FDP den Thälmann im Regen stehen lässt… Weiterlesen

Außerdem im neuen Futurberlin-Xpress: Im Chamisso-Kiez handeln Anwohner gegen Gentrifizierung, die Schönhauser kriegt ersten Parklet… Weiterlesen

Außerdem im neuen Futurberlin-Xpress: Dreilinden als Autohandelsplatz, Denkmalschutz für Westberliner U-Bahnhof-Architekturen und mehr… Weiterlesen

Außerdem im neuen Futurberlin-Xpress: Mauerparkröhre besuchen, in Bergmannstraßen-Parklets abhängen oder die Holzmarktstraße abradeln … Weiterlesen

Es ist gar nicht selbstverständlich, aber möglich, dass man Professoren auch außerhalb von Universitäten reden hört. So betrachte ich Harald Bodenschatz´s Vortrag vom Freitag als Geschenk. In der Parochialkirche sprach der Architektursoziologe der TU Berlin davon, wie die Zeichen für die Berliner Altstadt schon immer auf Abriss standen. Die Mitte sei durch die Großstadtwerdung schrittweise Richtung Westen gewandert, der Berliner Stadtkern dagegen als zweitklassig (ja sogar „zurückgeblieben“) betrachtet, und von den Stadtvätern und Planern stiefmütterlich behandelt worden, wie „Aschenputtel“. Als solches blieb der Kern Berlins im Osten liegen, der in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der DDR konsequent ausgelöscht werden sollte. Und der Professor zeigte die passenden Bilder, welche, die zum Großteil niemals verwirklicht wurden. Das ist das Erschreckende: die Planungsgeschichte, der Alltag des Aschenputtels.

„City West – ein schrecklicher Begriff“

Das mag der Grund sein, warum baukulturell anspruchsvolle Reurbanisierungsprojekte in Dresden, Frankfurt am Main und Potsdam Erfolg haben, aber die Berliner Ambitionen in diese Richtung der breiten Öffentlichkeit als unzeitgemäß erscheinen: Berlin ist eine Großstadt, die eben größer ist als andere. Berlin ist eine Stadtregion, geboren 1920. Selbst Potsdam zählt für Bodenschatz noch zu Berlin. Nach Mitte (die auch die Altstadt enthält) und der City West („ein schrecklicher Begriff“, wie der Professor klagt) sei Potsdam das dritte Zentrum der Großstadtregion. Die Berliner Altstadt hat einfach zu starke Nachbarn gekriegt, gegen die sie sich nicht behaupten konnte. Helfen jetzt nur noch Haselnüsse und der nackte Wunsch nach aufblühenden Ballkleidern?

Ausstellung „Molkenmarkt und Klosterviertel – Ein lebenswerter Ort?“ im Oktober 2018 (Foto: André Franke)

Wir wissen alle, dass Aschenputtel aus der Geschichte als Gewinnerin hervorgeht. Es braucht die Chance, zu tanzen. Erst als sie auf dem Balle des Prinzen erscheint, bahnt sich ein Weg aus der Misere. Wir wissen auch, dass das Mädchen drei Anläufe braucht, bis sie den Retter mit dem verlorenen Schuh aus dem Schloss ködert. Als so einen Anlauf muss man das Molkenmarkt-Projekt erkennen, von allen Seiten: aus Sicht der Verwaltung, der Bauherren, der aktiven Vereine. Man muss der Altstadt Berlins eine Rolle zuweisen (den Schuh anziehen), die sie klar und deutlich von den Stiefschwestern, also allen anderen Berliner Zentren, Bezirken unterscheidet. Und da es sich bei Aschenputtel nicht um eine alte Dame, sondern einen jungen Geist handelt, sollten alle Akteure, die die Zukunft des Ortes jetzt mitgestalten, es wagen, viel zu experimentieren. Ohne Hacken, ohne Schneiden.


Links

Projektseite des Forums Stadtbild Berlin e.V. (Ausstellung und Vortragsprogramm 10.-14. Oktober 2018): molkenmarkt-berlin.de

Projektseite der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen: stadtentwicklung.berlin.de

Berlin Mitte Archiv. Dokumentation und Recherchen zur Geschichte von Berlin-Mitte: berlin-mitte-archiv.com

Nathaniel, so heißt der Investor, der den Checkpoint Charlie bebaut. Wir könnten uns keinen besseren wünschen, denn der Mann ist sich seiner historischen Aufgabe bewusst. Er zeigt sich willens, mit Berlin zusammenzuarbeiten, ja er macht den Berlinern sogar Geschenke: eine Freifläche ist im Gespräch, die eine Art Stadtplatz bedeuten würde (aber privat ist) und die das erhalten würde, wovon die Massen vor Ort schon heute profitieren: Raum, sich zu bewegen.

Viel Platz drumherum und dahinter: Das Haus der Stiftungen steht frei auf dem Grundstück (Foto: André Franke)

Zwanzig Jahre lang war von so was nicht die Rede gewesen. Die verbliebenen freien Grundstücke sollten mit der Berlin-typischen Blockrandbebauung „gefüllt“ werden. Kein Platz, keine Auffälligkeiten, nichts Besonderes. Die Baulücke sollte nach der „Einfügungsklausel“ des Paragrafen §34 des Baugesetzbuches geschlossen werden und das Leitbild von der Europäischen Stadt konsequent weiterverfolgt werden.

Applaus für die aufgebrochene Europäische Stadt!

Jetzt kehrt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sich davon ab! Ein Fachkolloquium erwägt, die in der Friedrichstadt bereits wieder aufgebaute Rasterstruktur der Blöcke an der Stelle des Checkpoint Charlie „aufzubrechen“ und mit städtebaulichen Mitteln an die Zeit der Berliner Mauer zu erinnern. Zwar soll ein Großteil der bis heute verbliebenen Freiräume bebaut werden, aber neben der geplanten 1.000 Quadratmeter großen Freifläche direkt an der Friedrich- /Ecke Zimmerstraße könnte auch eine Freifläche östlich der Friedrichstraße entstehen. Sie würde die Raumwirkung vergrößern, und ein Hochhaus würde sie flankieren, das bei der Präsentation der aktuellen Planung am Montag auf einer Abbildung zu sehen war. — Applaus! Ich war (fast) der Einzige, der klatschte. Genau das wünschte ich mir für die Zukunft des Checkpoint Charlie in einem Blogartikel, den ich vor zwei Jahren schrieb (siehe hier) … Ein Platz, einen Tower, eine Begegnungszone, bessere Busrouten.

Es läuft die Beteiligung der Öffentlichkeit. Die Ergebnisse beeinflussen den Bebauungsplan, den die Verwaltung jetzt aufstellt und der (jetzt noch) formbar ist, wie Manfred Kühne klar macht. Er arbeitet in der Abteilung städtebauliche Projekte (bei SenStadt) und zwar schon Jahrzehnte lang. Am Montagabend steht er im Rampenlicht des Asisi-Panoramas (wo die Veranstaltung stattfindet) und sagt, weil es ihn blendet, dass nicht er (und ein Mitarbeiter aus der Kulturverwaltung) die Stars seien, sondern das Projekt. Eine weise Attitüde!

Areal am Checkpoint Charlie beiderseits der Friedrichstraße (Bild: URBAN CATALYST GmbH)

Kühne und Nathaniel machen dieses Projekt. Sie bauen den Checkpoint Charlie von morgen, auf der Grundlage UNSERER Wünsche. Kühne betont: „Empfehlen Sie uns …!“ Damit ruft er im Namen seiner Verwaltung die Anwohner, Gewerbetreibenden, die Touristenführer auf, ihre Erfahrungen in die Neugestaltung einzubringen. Deutlicher kann man das nicht tun.

Ein gnädiger Investor, eine offensive Verwaltung (die auf Nathaniel in den letzten Jahren zuging), aber wo ist der Haken? Nathaniel, der Kluge, kann jederzeit die Reißleine ziehen. Wie der Investor auf Nachfrage aus dem Publikum erklärt, hat seine Firma, die Trockland Management GmbH, die Grundschuld der Grundstücke gekauft. Die Grundstücke selbst verbleiben aber beim Land Berlin. Sollte die Annäherung zwischen Investor, Verwaltung und der Öffentlichkeit platzen, dann kann Nathaniel von heute auf morgen den Joker ziehen. Das heißt, die Grundstücke gehen an ihn, er kann die Flächen ohne Bebauungsplan nach §34 bebauuen (ohne die Interessen Berlins zu berücksichtigen) und wir bekommen die für den Checkpoint Charlie so wichtige Freifläche nicht.

Ein Gönner am Checkpoint Charlie, ein Nutznießer an der Spree

Nathaniel ist ein symphatischer Investor. Er tritt von selbst auf die Bühne im Asisi-Panorama und antwortet auf die Fragen des Publikums. Aber eine ist dabei, die mit dem Checkpoint Charlie nichts zu tun hat, eine Frage, die Berlin als Ganzes tangiert: Die Trockland baut eben auch woanders an der Mauer. Sie baut an der East Side Gallery. Dort wird mit dem Projekt Pier 61/63 bekanntlich ein langer Hotelriegel in den Sand gesetzt, der in direkte Konkurrenz zur East Side Gallery tritt. Bei den Künstlern der East Side Gallery hat Nathaniel, der Weise, keinen guten Stand. Sie misstrauen ihm. Wieder wurden Gemälde der Gallery für eine Baustellen-Zufahrt herausgerissen und aus dem zusammenhängenden Mauerverlauf entfernt – wie damals 2013 beim Bau von Living Levels, gleich nebenan. Der kluge und weise Nathaniel wird hier zum Pragmatiker, Opportunisten. Er antwortet einem empörten Künstler sachlich und kurz. Die Trockland habe das Projekt mit einem Bauvorbescheid übernommen.

Damit ist Nathaniel aus dem Schneider. Das Karussel dreht sich weiter, und Manfred Kühne muss ran. Er schiebt die Schuld (hart ausgedrückt) auf … einen vormaligen Senatsbaudirektor „unseres Hauses“, der seinerzeit die Bebauung des Spreeufers konsequent vorangetrieben habe. Was wird mir doch im Laufe der Zeit der Verwaltungsmensch Kühne verständlich. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber ich sehe einen Handwerker, der aufrichtig, mit den beschränkten Mitteln der Stadtplanung, im Angesicht der Gesetze (das darf man bei der Betrachtung von Amtsarbeit nicht aus den Augen verlieren!) am Schicksal der Stadt Berlin feilt. Und von oben überfällt ihn das politische Wetter.

Das „Pier 61/67“ ist der „böse“ Bau an der East Side Gallery. Der Living Levels Tower geht bei mir tatsächlich als „guter“ durch. (Muss ich erklären, aber nicht hier…)

Beim Pier 61/63 wäscht sich Nathaniel die Hände im Becken von Politik und Verwaltung, und wir müssen die Schuldigen an der Misere von Mediaspree bei den Politikern von gestern suchen. Das ist relativ reizlos und eine Schwäche der Demokratie. Es können keine Köpfe mehr rollen, wenn die Köpfe schon auf dem Sofakissen ruhen.

Adressat für Veränderung, fürs Bessermachen, fürs Ruder-Rumreißen bleibt immer die Politik von heute (nicht die Verwaltung, der die zweifelhaft-glorreiche Aufgabe obliegt, die Ergebnisse politischer Gesten zu kommunizieren, und diese Aufgabe, diesen Spagat zwischen Gestern und Heute, hat Manfred Kühne mittlerweile eben zur Perfektion gebracht). Deshalb rufe ich den Vorschlag von Annette Ahme hier ab: für das Pier-Projekt an der East Side Gallery der Trockland ein Ersatzgrundstück anzubieten. Möge sich ein weiser Politiker dafür finden.

Bald Berlins dritte Begegnungszone? Hoffentlich! (Foto: André Franke)

Ginge es nach mir, Herr Nathaniel, dann nähmen Sie bitte das amtlich garantierte Bauvolumen vom Spreeufer und packten es auf den Checkpoint Charlie oben drauf!!! – Mit der einzigen Anmerkung, ja Bedingung, es in die Vertikale zu bringen, damit uns die Freifläche bleibt. Wenn in Berlin nämlich ein Hochhaus von 150 Meter Höhe (und mehr) gebaut würde, dann sollte es nicht der Hardenbergplatz, nicht das Estrel in Neukölln, nicht einmal der Alexanderplatz sein, der als Standort dafür diskutiert wird. Der Checkpoint Charlie erzählt die stärkste Geschichte Berlins. Genau hier brauchen wir die ambitionierteste Architekturmarke der früheren Frontstadt.


NÄCHSTE VERANSTALTUNGEN

  • Mo, 4. Juni, 18 Uhr: Themenabend: Städtebau, Verkehr, Freiraum, Ort: FORUM Factory, Besselstraße 13-14
  • Mi, 4. Juli, 18 Uhr: Diskusion der Ergebnisse, Ort: tba (siehe auch unter: berlin.de)

Als ich vor ein paar Wochen bei der Jahrespressekonferenz des Zentrums für Kunst und Urbanistik in Moabit war, führte man uns durch das Gebäude und durch einen langen Flur im Obergeschoss, von dem die Studios der Künstler abgingen, die zeitweise dort als sogenannte „Residents“ leben. Dort sah ich im Flur eine selbst gemalte Karte von Moabit hängen, überschrieben mit „Die Insel“. In dem Moment wurde mir zum ersten Mal klar, dass dieser Berliner Stadtteil von ALLEN Seiten von Wasser umgeben ist. Auf welchen anderen trifft das noch zu? Ich glaube, keinen. (Doch, die Mierendorff-Insel, gleich nebenan in Charlottenburg. Aber vergessen wir die mal gerade.)

INSEL TO GO

Von einer Sekunde auf die andere gewann Moabit für mich eine Art neue Farbe. Sagen wir, blau. Denn mit der Spree im Süden, dem Charlottenburger Verbindungskanal im Westen, dem Westhafenkanal im Norden und dem Spandauer Schifffahrtskanal im Osten könnte man Moabit auf seinen Gewässergrenzen potenziell umschwimmen. Leider verboten. Ein Stadtteil, der sich über das Wasser definiert, müsste aber eines unbedingt haben: offene Ufer. Kann man Moabit an den Ufern umrunden? Die Frage wird mein Leitmotiv für eine Tour, die ich am Sonntag für A. und O. aus München mache.

Blick vom Nordhafen nach Süden in den Spandauer Schifffahrtskanal (Foto: André Franke)

Da wir im östlichen Bereich der Perleberger Straße starten, ginge es erstmal in Richtung Nordhafen und Spandauer Schifffahrtskanal. Hier begegnet und das Dilemma, dass die Europacity ja noch nicht fertig ist und mit ihr der Uferweg entlang der Westseite des Kanals nicht (der kommt aber!). Das heißt, wir müssten „die Insel“ schon zu Beginn verlassen, über die Kieler Brücke (von der das Foto aufgenommen ist, siehe oben) aufs „Festland“ (Alt-Bezirk Mitte) rüber und den Mauerweg runter bis zum Humboldthafen fahren. Kann man natürlich machen, aber O. und A. kennen die Strecke wohl schon. Deshalb wäre es spannender, von der Perleberger in die Lehrter Straße einzubiegen und mal zu gucken, wie das dort neugebaute, gleichnamige Stadtquartier aus direkter Nähe aussieht. Man sieht es ja sonst nur von der anderen Seite, von der Gedenkstätte Günter Litfin und dem Invalidenfriedhof aus.

Die Lehrter Straße hat aber seit letzter Woche auch den (1) neuen, nachgemalten „Weltbaum“, das Wandbild, dessen Original von Ben Wagin am S-Bahnhof Tiergarten bald durch einen Neubau aus dem Stadtbild gedrückt wird. Das (2) Zellengefängnis mit seinem Geschichtspark am Ende der Lehrter ist auch ein schönes, besinnliches Etappenziel, bevor wir an der Moltkebrücke zur „Hauptstadtspree“ gelangen.

Moabit heißt auch Hauptstadt

Entlang der Spree gäbe es natürlich viel zu zeigen, oft zu stoppen, aber da muss eine Auswahl erfolgen. Die Sachen, die mich hier reizen, sind: das (3) Moabiter Werder mit historischer Pulvermühle, Bundesschlange und vom tiergarten-inspirierten Eibenbüschen, die (4) Gedenkpromenade am verglasten „Spreebogen“-Bürokomplex, den Pizzakönig Ernst Freiberger erschuf, das auf der dem anderen Ufer liegende (5) Hansaviertel und die (6) Erlöserkirche in ihrer märkischen Backsteingotik und dem ihr eigenes Kirchenschiff überragenden, benachbarten Gemeindehaus.

Jenseits der Gotzkowskybrücke ist der Uferweg unterbrochen. Jetzt könnten wir a) über die Brücke auf das Südufer wechseln (wieder „die Insel“ verlassend), müssten dann aber großräumig das Spreekreuz umfahren, was bedeuten würde, Moabit für – aus meiner Sicht – zu lange Zeit zu verlassen; oder wir könnten b) auf der Nordseite der Spree bleiben und ein paar Hundert Meter über die Kaiserin-Augusta-Allee radeln, dann zurück zum Ufer kommen, ein kurzes Stück weiter am Wasser entlangfahren, um dann aber einen ABSTECHER NACH NORDEN (und damit ins „Inselinnere“) in die Reuchlinstraße zu machen (mit dem Ziel, die (7) Turbinenhalle in der Huttenstraße zu besuchen). Damit weichen wir zwar von der konsequenten Inselumrundung ab. Aber den Gebäudekomplex mit den alten Spreespeichern müsste man sowieso umfahren. Warum also nicht einen Block mehr Strecke machen, um Peter Behrens zu huldigen? Architektur verpflichtet.

Die Ausnahme bestätigt die Regel. Über die Wiebestraße gelangen wir nach Süden zum Wasser zurück, in den Fitnesspark an der Spree. Von hier aus werfen wir einen weiten Blick auf die andere Spreeseite, wo Kleihues+Kleihues Architekten sich in die (8) alte Müllverladestation eingemietet haben. Wir fahren die „Moabiter Landzunge“ aus (eigene Namensschöpfung) und folgen von hier an dem Charlottenburger Verbindungskanal nach Norden, wo nach ein paar hundert Metern eine (9) urst lange Rampe erscheint. Sie steigt aus dem Kanal heraus und führt aufwärts zur Huttenstraße oder eben umgekehrt, der Verkehr rollt die Rampe hinab. Die Gasturbinen aus dem nahe gelegenen Siemenswerk werden hier auf die Wasserstraße verladen, nachdem sie nur eine sehr kurze Strecke auf der Straße transportiert werden müssen. Auch wegen dieser Rampe macht der Besuch bei Behrens Sinn.

Wasser heißt „Happy City!“

Es geht weiter nach Norden. Der (10) Berliner Großmarkt kommt. Das Riesen-Areal tangiert sowohl den Verbindungskanal, als auch den Westhafenkanal. Ein interner Gehweg führt am äußeren Rand des Geländes entlang. Der News Ride #16/18 hat bewiesen, dass man ihn radeln kann. Man muss nur wissen, wo man ins Gelände „einsteigt“. Das heißt, wir radeln und blicken weiterhin aufs Wasser! An dieser Stelle möchte ich eine Anmerkung von Annette Ahme einflechten, der Vorsitzenden des Vereins Berliner Historische Mitte. Im März verwies sie in einer Mitteilung auf das Potenzial der Wasserlagen in Berlin. Es gäbe Studien, sagt sie, die bewiesen, dass allein der Blick auf das Wasser für den Menschen heilsam sei, und die Gewässer böten allgemeine, automatische Orientierung, ganz nebenbei. Sie schreibt:

Wenn alle Ufer für Fußgänger und Fahrradfahrer tauglich ausgebaut wären, bräuchte man fast keine zusätzlichen überörtlichen Verbindungen. Und nutzt dabei den Sondervorteil, dass der Wegenutzer vom Gewässer eigenständig geführt wird, also wenig weitere Orientierungs-Hilfsmittel braucht. Der Lohn ist eine auf breiter Front wachsende Gesundheit der Bewohner – das könnte man jetzt in Geld umrechnen, wenn man Volkswirtschaftler wäre.

Oben, auf der Brücke, kommen wir mit einem mächtigen Blick auf den (11) Westhafen an der Beusselstraße raus und überqueren die Brücke über den Westhafenkanal. Dann geht´s nach rechts über die Seestraße, plus Brücke (es gibt einen Radweg parallel) zum: Nordufer, das ja auch einer der „20 Hauptwege durch Berlin“ ist, nämlich der 3er. Radeltechnisch ist das ein Sahnehäubchen. Die Alternative (auf der „Insel“ bleibend) wäre hier der Ritt durch das Hafengelände, wenn man´s mal intensiver wissen will. Wir BEgnügen uns und VERgnügen uns mit der großräumigen, bewegten Ansicht von außen (Container, Wasser, Speichergebäude) bis uns das Nordufer an die Fennbrücke bringt, wo wir drüber fahren, wieder rein „auf die Insel“.

Die Insel, Asha Bee Abraham in Zusammenarbeit mit Ana Tiquia (ZK/U)

Über die Quitzowstraße und Ellen-Epstein-Straße nehmen wir noch den (12) Gedenkort Güterbahnhof Moabit mit und, wenn Zeit bleibt, das (13) Zentrum für Kunst und Urbanistik in der Siemensstraße. Beides liegt auf dem Weg ins Café „Arema“, unserer geplanten Destination.


Links

Ich will mal anfangen, über die News Rides zu berichten. Heute über den 9. Mai, einem warmen, sonnigen (es fühlte sich an wie ein) Sommerabend …

Zu Sechst, wenn man F. mitzählt, der vier Beine hat (und wer würde es wagen, ihn zu übersehen!), starteten wir von der holprigen „Frühlingswiese“ des Dong Xuan Centers, wo ein Unbekannter vor unseren Augen in die Büsche pinkelte, nach Osten in die Herzbergstraße zum Kunstquartier von Axel und Barbara Haubrok. Es tat gut, Lichtenberg jenseits von Stasi-Knast, Stasi-Museum, Sportforum und Dong Xuan Center zu sehen. Ich wollte schon immer mal wissen, wo genau die ehemalige Fahrbereitschaft des DDR-Ministerrats liegt, von der man seit ein paar Jahren hört – eben weil da jetzt Kunst gemacht wird. Sie befindet sich gleich um die Ecke.

Mit freundlichen Grüßen, Bezirksamt

Wir drehten eine Runde über das Gelände, konnten in die offenstehende 100 Meter lange, von Arno Brandlhuber entworfene Halle reinschauen, wo sogar jemand rumsaß und die ein Bilderrahmenbauer zu über die Hälfte der Fläche nutzt, wie es heißt. Den Haubroks hatte vor kurzem Stadträtin Birgit Monteiro (SPD) untersagt, weitere Ausstellungen durchzuführen. Im Moment läuft noch „Paper Works“, aber ab 7. Juli soll nach den Worten von Axel Haubrok „Schluss sein“. Monteiro will das in der Herzbergstraße ansässige Gewerbe schützen, 800 Unternehmen mit bis zu 10.000 Arbeitsplätzen. Die B.Z. hatte berichtet. Auch die Künstler des alten Tacheles gründeten vor ein paar Wochen in der Nachbarschaft einen neuen Kunststandort, die „Kulturbotschaft“. Das hat möglicherweise zu der harten Haltung des Bezirks beigetragen. Erst als wir das Gelände verließen, bemerkten wir das Riesenplakat am Eingang. Es war das Behördenverbot in Form der originalen Email an Haubrok. Hängt dort, kann jeder lesen.

Baurechtliche Untersagung von Kunst im Gewerbegebiet per Email (Foto: Andrea Künstle)

Dann ging´s über Herzbergstraße, Vulkanstraße (hier für ein paar Meter von M. begleitet, der uns auf dem Nachhauseweg von Küstrin nach Pankow durch Zufall traf), Ruschestraße und Schulze-Boysen-Straße (…) westlich an der Viktoriastadt vorbei, ziemlich straight nach Alt-Stralau. Die Kynaststraße bleibt Radfahrern ein Rätsel. Man ist gezwungen, auf der Straße (ohne Radweg) zu fahren. Tut man es nicht und benutzt den Gehweg, fährt man bald gegen eine Straßenlaterne, weil der Gehweg immer schmaler wird, auf dem sie steht. Umgekehrt entwächst der Fahrbahn, hat man die Brücke im Scheitel überquert, unverhofft ein Radweg, über den man sich wundert: Warum tauchst Du erst jetzt auf?

Teppichfabrik à la Baukademie

Von der Alten Teppichfabrik in Alt-Stralau war letzte Woche zu lesen, dass es mehrere Bauanfragen gab. Nach der Besetzung im Sommer 2017 steht sie leer (und unter Denkmalschutz). Völlig offen, ob Wohnungen oder Gewerbe einzieht. Jedenfalls hat sie einen neuen Eigentümer, „s.Oliver“, die Bekleidungsfirma. Die B.Z. berichtete darüber (man muss es wegen der spärlichen Infos wohl eher „erwähnen“ nennen). Das Backsteingebäude, das auf der Stralauer Halbinsel die Industrialisierung einleitete, erinnert voll an die Bauakademie, die in der nächsten Woche wohl mit in den News Ride kommt.

Über die Elsenbrücke ging´s weiter durch den Treptower Park. In Höhe des Sowjetischen Ehrenmals war ganz schön was los: Uns fiel ein, dass ja „Tag der Befreiung“ war, und in sich die „Nachtwölfe“ in Berlin angekündigt hatten. Am Karpfenteich vorbei, folgten wir von da an dem Heidekampgraben, durch zahlreiche Kleingartenkolonien in Treptow, kamen an dem Denkmal für die Trepower Mauertoten vorbei, kamen in den Regen. Tja.

Herzbergstraße in der Abendsonne (Foto: Andrea Künstle)

Als es wieder aufgehört hatte, überquerten wir den Britzer Verbindungskanal und folgten ihm (immer noch auf dem Mauerweg unterwegs) bis zum Denkmal für Chris Gueffroy. Auf Treptower Seite erstrecken sich hier vier Kleingartenkolonien, die ich zum Anlass nahm, über die Vision von Arne Piepgras zu berichten, der die Gärten alle nach Brandenburg auslagern möchte, um die Flächen mit Wohnungen zu bebauuen. Die Schrebergärten Berlins haben seinen Angaben zufolge ein Potenzial von 3.000 Hektar. Das ist 15 mal der Tiergarten. 400.000 Wohnungen fänden darauf Platz, so Piepgras, der als Investor in Berlin auch am Dragoner-Areal tätig war und jetzt vor Gericht gegen die Übertragung des Grundstücks an Berlin streitet. Der Tagesspiegel hatte den offenen Brief als Anzeige gedruckt und u.a. infolge dessen eine interaktive Karte mit Berlins Kleingärten erstellt, in der man sogar Infos darüber erhält, wieviele Dauerbewohner in der jeweiligen Anlage leben (sehr zu empfehlen, sich da mal durchzuklicken).

Es folgen noch ein paar Kilometer entlang des Teltowkanals. Langsam wurde es dunkler. In Johannesthal wechselten wir auf die andere Seite der Autobahn und gelangten in den Eisenhutweg, eine Straße, die die Wissenschaftsstadt Adlershof westlich begrenzt und an der lauter Einfamilienhäuser stehen, manche mit Säulenportalen oder anderem Schnickschnack, angesichts der vorstädtischen Lage so affig, dass man drüber lachen muss. Ein Hochspannungsmast markiert das Ende der Stromleitung. Die Siedlungsmasse rechts reißt ab, und wir radeln entlang einer Brache. Einer großen Brache. Nach einer Weile biegen wir rechts rein und fahren einfach drauf. Hinter uns der Eisenhutweg, vorne die Autobahn. Dazwischen Gras und Büsche. Und Hunde. Die bellen, weil wir ihr Revier betreten. Und die bellen wohl auch wegen F., der seit drei Kilometern im Lenkerkorb sitzt und nicht mehr selbst rennt.

Im Airport-Korridor

In Adlershof gibt es also noch Brachen. Die hier soll mit 600 Wohnungen bebaut werden, von den Architekten, die auch im Mauerpark bauen. Nach Fertigstellung sollen die Wohnungen – voraussichtlich – an eine städtische Wohnungsbaugesellschaft übergeben werden, um sozialverträgliche Mieten zu gewährleisten. Die B.Z. berichtete, wenn auch nur kurz. Allerdings fand ich bei der Recherche noch ein weiteres Bauprojekt, das gleich daneben entsteht: die „BRAIN BOX BERLIN“. Klingt krass. Sieht auch spektakulär aus, ein Bürokomplex mit flexiblen Raumstrukturen und Marktplatz im Gebäude, langgezogen über die Riesenbrache, von der hier draußen kein Ende zu sehen ist. Wir befanden uns trotzdem nicht „draußen“. Der News Ride endete im „in Entstehung befindlichen“ Airportkorridor. Betonung auf: in Entstehung befindlich … (wie man auf der website der Wissenschaftsstadt Adlershof liest). Und weil wir dabei auf den aktuellen BER-Eröffnungstermin zu sprechen kamen, hier noch mal der Stand der Dinge: Herbst 2020, wie die Berliner Zeitung im März schrieb.

 

Vor der Weiterführung der Stadtdebatte zur Berliner Mitte: Wohin mit Neptun, Marx und Engels? Ein Plädoyer

Nachdem die öffentliche Debatte um den Stadtraum zwischen Fernsehturm und Spree über viele Jahre kontrovers und etwas chaotisch geführt worden war, konnten 2015 mit dem Beteiligungsverfahren „Alte Mitte – neue Liebe?“ die Rahmenbedingungen für die weitere Gestaltung geklärt werden. Im Juni 2016 fanden die erarbeiteten Bürgerleitlinien die fraktionsübergreifende Zustimmung des Abgeordnetenhauses.

Dann wurde es zunächst etwas ruhiger um das Areal, aber alsbald soll der Beteiligungsprozess weitergehen, auch vor dem Hintergrund der für Herbst 2019 in Aussicht gestellten Eröffnung des Humboldt-Forums. Wie soll es dann auf der anderen Seite der Spree aussehen? Zwei Gestaltungselemente werden ein besonderes Interesse auf sich ziehen: der Neptunbrunnen und das Marx-Engels-Denkmal. Was sollte wo stehen und warum?

Brunnen und Denkmal weisen erstaunliche historische Parallelen auf. Beide beinhalteten durchaus eine politische Herrschaftssymbolik, wobei die jeweils Herrschenden damit jedoch wenig anzufangen wussten und ihnen die Gestaltungselemente fast lästig zu sein schienen. Neptun musste schon während der Errichtung des Brunnens 1891 kurzfristig die Blickrichtung wechseln, während das Marx-Engels-Denkmal eigentlich am anderen Spreearm stehen sollte und erst durch einen von Kulturminister Hoffmann 1986 ausgehandelten Ad-hoc-Deal auf das dann gleichnamige Forum gelangte.

Soziale Funktion des Neptunbrunnens

Dass die vier den Brunnen rahmenden weiblichen Skulpturen mit Elbe, Oder, Rhein und Weichsel vier Flüsse des wilhelminischen Reiches darstellten, korrespondierte mit ihrer Platzierung vor der Kaiserresidenz. Der Bedeutungszusammenhang ist jedoch nicht mehr gegeben. Das Humboldt-Forum ist trotz der Fassadengestaltung ein gänzlich anderes Bauwerk mit einer anderen sozialen Funktion. Eine Rückversetzung des Brunnens zur Südseite des Humboldt-Forums erschiene vor diesem Hintergrund willkürlich, zumal der Brunnen am neuen Standort zwischen Rathaus und Marienkirche als Treffpunkt eine eigene soziale Funktion gefunden hat. Seine aus heutiger Sicht problematische geographisch-politische Symbolik ist hier gleichsam entschärft.

Der Brunnen als familienfreundliche Fotokulisse ... (Foto: Peter Born)

Der Brunnen als familienfreundliche Fotokulisse … (Foto: Peter Born)

... und als Abenteuerspielplatz (Foto: Peter Born)

… und als Abenteuerspielplatz (Foto: Peter Born)

Selbst an einem der kälteren Wintertage wird man sich beim Gang über das Areal der magnetenhaften Anziehungskraft des Brunnens bewusst. Die auch jetzt zahlreichen Berlin-Besucher verweilen für einen Moment, suchen die beste Perspektive, um sich selbst mit Brunnen und wahlweise Rotem Rathaus, Marienkirche oder Fernsehturmumbauung abzulichten. Der neobarocke Formenreichtum des Brunnens bietet eine familienfreundliche Fotokulisse und wird teils gar als eine Art Abenteuerspielplatz genutzt. Man erfährt auch sehr gut die Wirkung, die der Brunnen erst durch seine offene Zugänglichkeit von allen Seiten gewinnt. Am ursprünglichen Standort wäre er dagegen zwischen Schlossfassade und Straßenverkehr eingezwängt.

Neue Kunst für den Schlossplatz

Zweifellos kann die zur Breiten Straße hin gelegene Südseite des Humboldt-Forums ein zusätzliches Gestaltungselement gut vertragen. Eine einfache Replik der früheren Gestaltung aus Kaisers Zeiten ergäbe jedoch wenig Sinn. Warum aber nicht einen Wettbewerb für bildende Künstler ausloben, um dort – ob Wasserspiel, ob Skulptur – einen neuen, zeitgenössischen Blickfang zu schaffen, der den neuen stadträumlichen Zusammenhang berücksichtigt und die Idee des Humboldt-Forums thematisch aufgreift?

Das Marx-Engels-Denkmal wiederum ist trotz der mehrfachen Planungsrevision und des Verzichts auf das monumentale Regierungshochhaus natürlich Bestandteil einer DDR-Staatsmitte gewesen, in unmittelbarer Nachbarschaft von Staatsrat und Plenarsaal der Volkskammer. Es repräsentierte in seiner Konfiguration eine hegelianische Geschichtsphilosophie, deren Symbolik heute ebenso ins Leere läuft wie die geographische Symbolik des Neptunbrunnens an seinem ersten Standort. So wie das Humboldt-Forum keine Kaiserresidenz mehr ist, so ist auch der ganze Stadtraum keine DDR-Staatsmitte mehr. Das Areal zwischen Fernsehturm und Spree ist vielmehr ein städtischer Grün- und Freiraum, auf dem eine Vielzahl von Nutzungsansprüchen liegt – von einem Ort für Freizeit und Erholung bis hin zu einem vielschichtigen historischen Erinnerungsort.

Neugestaltung des Marx-Engels-Forums

Übertrieben monumental war an dem Denkmal selbst nur dessen äußerst raumgreifende Aufstellung auf einer versiegelten Fläche von 60 Metern Durchmesser. Diese sehr dominante Position und der Platzanspruch lassen sich kaum mit der erwünschten neuen Nutzungsvielfalt auf dem Forum verbinden. Angesichts der großen versiegelten Flächen vom Alexanderplatz bis zur Spandauer Straße und des gleichermaßen steinern geplanten Schlossumfeldes liegt es nahe, zum Ausgleich das gesamte Marx-Engels-Forum als echten Grünraum so gut wie ohne Bodenversiegelung zu gestalten.

In der räumlichen Anordnung so fast ideal und mit maßvollem Flächenanspruch (Foto: Peter Born)

Spreeseitiger Attraktor. In der räumlichen Anordnung so fast ideal und mit maßvollem Flächenanspruch (Foto: Peter Born)

An etwas verschobenem Standort und in anderer, weniger raumgreifender Aufstellung sollte sich das Denkmal aber vortrefflich in eine Neugestaltung des Freiraums auf dem Marx-Engels-Forum einfügen lassen. Es lässt sich immerhin neu interpretieren als Ausdruck einer bei Hegel beginnenden preußisch-deutschen Denktradition, die durch den ins Londoner Exil getriebenen Marx politische Weltgeltung erlangte und so in Form einer DDR-Staatsphilosophie an ihren Ausgangsort zurückkehrte. Das Denkmal mithin nicht mehr als Ausdruck einer zielgerichteten, sondern einer immer offenen Geschichte und Geschichtsdeutung.

In der Datenbank des Landesdenkmalamtes ist die Denkmalgruppe gesondert aufgeführt, mit dem einleitenden Kommentar, sie habe anders als Fernsehturm und angrenzender Freiraum vor allem historische Bedeutung. Das heißt, der alten räumlichen Konfiguration des Denkmals wird keine konstitutive Bedeutung für den städtebaulichen Zusammenhang zuerkannt. Der historischen Bedeutung sollte sich jedoch gut auch durch eine räumliche Neuinterpretation Rechnung tragen lassen.

Standort mit Charme und Konzept

Der jetzige Standort zur Spree und zur Karl-Liebknecht-Straße hin hat durchaus einen großen Charme. Das Denkmal ist hier ein Aufmerksamkeits-Attraktor, es wirkt wie ein Eingang zum Freiraum von Unter den Linden her. Es ist von der Spreepromenade her ebenso wahrnehmbar wie von den auf der Spree fahrenden Touristenschiffen. Und es könnte hier gut Bestandteil eines in der Stadtdebatte vielfach gewünschten Denkmalgartens oder „Philosophenhains“ sein, für den die Nordseite des Marx-Engels-Forums mit ihrer erhaltenen hochwertigen Baumvegetation vielleicht der passende Ort wäre.

Eingangssituation Liebknechtbrücke (Foto: Peter Born)

Eingangssituation Liebknechtbrücke (Foto: Peter Born)

Alternativ wäre ein zum Nikolaiviertel hin gerichteter Standort denkbar, da hier der gemeinsame zeitliche Kontext der 80-er Jahre vorhanden ist. – In jedem Falle sollte der künftige Denkmalstandort von einem Gesamtkonzept für die Gestaltung des Marx-Engels-Forums abhängig gemacht werden, nicht aber umgekehrt.

Was nicht hilft

Eine kurzfristige einfache Rückversetzung des Denkmals im Zuge des BVG-Baustellenrückbaus ist nicht sinnvoll, schon allein deshalb nicht, weil bei späterer sehr wahrscheinlicher nochmaliger Translozierung im Ergebnis des Bürgerdialogs die Statuen dann innerhalb einiger Jahre dreimal versetzt worden wären. Wozu sollte das gut sein?

Ebenso wenig hilfreich ist es, wenn ohne Berücksichtigung der Stadtdebatte über eine Denkmalversetzung an Orte außerhalb des Marx-Engels-Forums spekuliert wird. Im Raum zwischen Fernsehturm und Spree soll auf möglichst vielseitige Weise an Geschichte erinnert werden. Weshalb dann ausgerechnet Marx und Engels ganz woanders hin verbannen?

Fazit

Denken wir den Stadtraum mit Blick in die Zukunft. Wir können Respekt haben vor der Kaiserzeit und vor der DDR-Vergangenheit, aber wir müssen deren Symboliken, denen die früheren Bedeutungszusammenhänge abhanden gekommen sind, nicht im Stadtbild musealisieren.

Lassen wir den Brunnen an seinem gleichsam perfekten jetzigen Standort, und lassen wir uns für die Südseite des Humboldt-Forums etwas Neues einfallen. Lassen wir das Marx-Engels-Denkmal erst einmal am derzeitigen, gut angenommenen spreeseitigen Standort und überlegen derweil, wie das gleichnamige Forum insgesamt nach Ende der U-Bahn-Baustelle eine neue Aufenthaltsqualität gewinnen kann.

Und nehmen wir Abstand von jeglicher ZLB-Standortplanung auf dem Marx-Engels-Forum. Angesichts der massiven geplanten Verdichtung im Umfeld sollte der Raum zwischen Fernsehturm und Spree, zwischen Karl-Liebknecht-Straße und Rathausstraße vollständig als möglichst grüner Freiraum erhalten und weiterentwickelt werden.