Das Debis-Haus am Potsdamer Platz wird umgebaut und für Besucher geöffnet. Wie der Tagesspiegel schreibt, soll in Zukunft der Zutritt sowohl ins Atrium, als auch zur 100 Meter hohen Aussichtsplattform auf dem Dach möglich sein. Bisher war das exklusiv für den Mieter. Dafür entstünden oben auch ein Restaurant und Café. Die SEB Asset Management AG wolle als Eigentümerin das Gebäude nach dem Auszug von Daimler Financial Services kleinteilig weiterentwickeln. Der ganze Block bekomme zusätzliche Eingänge, bisher hatte er einen. Architekt Renzo Piano soll sich an der Umgestaltung selber beteiligen. Er hatte das Gebäude mit den Terrakottafassaden und dem grünen würfelartigen Debis-Logo auf dem Dach 1997 gebaut. SEB besitzt laut Artikel am Potsdamer Platz insgesamt 18 Immobilien, wolle sie nach Umgestaltung und Neuvermietung aber verkaufen. Architekt Bernard Plattner spricht in dem Artikel vom heutigen Potsdamer Platz als von einer “unnahbaren, festen Burg, ohne Innenleben”. Er hatte das Projekt in den 90er Jahren geleitet.

Das Bettenhochhaus der Charité in Mitte steht leer. Wie der Tagesspiegel berichtet, sei das Gebäude seit knapp zwei Wochen wegen der anstehenden Sanierung geräumt. Unklar ist offenbar, wer die Sanierung überhaupt durchführen soll. Das Vergabeverfahren an einen Generalunternehmer laufe noch. Die vom Senat genehmigten 185 Millionen Euro könnten für die Sanierung laut Artikel zu wenig sein. Die Klinik habe für Sanierungsarbeiten an ihren Standorten in Mitte, Wedding und Steglitz 600 Millionen Euro angefordert; 330 seien ihr insgesamt bewilligt worden. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hatte in einem Wettbewerb 2012 zwei erste Preise für die Erneuerung der Fassaden des Bettenhochhauses an die Architekten Schweger & Partner aus Hamburg und an Thomas Müller und Ivan Reimann aus Berlin vergeben.

Die Feierei im öffentlichen Raum der Berliner Innenstadtbezirke erreicht die Grenzen des Erträglichen und die Grenzen des Machbaren. Ein Artikel in der „Welt am Sonntag“ gibt einen guten Überblick darüber, wo und wie oft gefeiert wird, und wie die Behörden darauf reagieren: Mitte habe einen Kriterienkatalog, der am Brandenburger Tor und auf der Straße des 17. Juni nur Veranstaltungen „von herausragender Bedeutung“ erlauben soll. Events zu Werbezwecken seien nicht genehmigungsfähig. Friedrichshain-Kreuzberg suche nach einem zentralen Festplatz und habe eine Arbeitsgruppe für die Sondernutzung von öffentlichen Straßen und Grünflächen gegründet. Pro Jahr gäbe es hier etwa 150 Feste. Dazu führe der Bezirk seit 2009 eine Datenbank mit Beschwerden von Anwohnern. 1.635 sind seitdem dort gespeichert. Viele richteten sich gegen die im August stattfindende Biermeile in der Karl-Marx-Allee. In Pankow ist es vor allem der Mauerpark, der beim Bezirk eine restriktive Genehmigungspraxis ausgelöst hat. Durch die Karaoke-Show hätte der Park am Amphitheater dermaßen Schaden genommen, dass teilweise der Hang abgerutscht sei und sich die Steinblöcke gelöst hätten. Stadtrat Jens Holger Kirchner (Grüne) bekäme pro Jahr rund 200 Anfragen für Events. Die Bilanz des Parks für 2013 sieht so aus: 24 Karaoke-Shows, die Fête de la Musique, ein Peru-Familienfest und das Knaack-Sommerfest. Die meisten Veranstaltungswünsche bleiben hier unerfüllt. Auch Mittes Stadtrat Carsten Spallek (CDU) lehne die meisten Anfragen ab, heißt es. Er bekomme sie für die Straße des 17. Juni „nahezu täglich“. So habe er zum Deutsch-Amerikanischen Volksfest Nein gesagt, für das die Straße etwa zwei bis drei Wochen gesperrt werden müsste. Auch gegen die 150-Jahrfeier der SPD vor einigen Wochen hatte er sich gewehrt, allerdings erfolglos.

Der „Welt“-Artikel hier zu lesen in gekürzter Fassung bei der Berliner Morgenpost

Das Kabarett-Theater „Distel“ in der Friedrichstraße spielt in seinem Jubiläumsprogramm „Endlich Visionen“ auch einen Sketch über Berlin im Jahre 2050. Auf dem „Wowereiter“ unternimmt eine Familie eine Stadtführung und bekommt ein Bild von der Stadt geboten, das wir heute noch nicht kennen, aber vielleicht schon erahnen: Berlins Innenstadt wird bus- und autofrei, Neukölln ein Safari-Zoo für Touristen, Opernhäuser gibt es sieben, verbunden werden sie mit einem „Transopera“, über den auch das einzige Stadtorchester seine Instrumente austauscht, das Berliner Schloss als Humboldtforum wird unter die Erde gelegt, zugunsten des darüber ausgebauten U-Bahnhofs Museumsinsel, denn es gibt eine neue U-Bahnlinie U55 B, die oberirdisch „über den Linden“ verkehrt – zusätzlich zur unterirdischen U55 -, die Linden werden deswegen gefällt, Hertha schießt wegen der Dauersanierung des Olympiastadions aufs Brandenburger Tor und einen Flughafen gibt es nicht, auch nicht in Tegel. Ich war der einzige, der bei der Vorstellung gestern für die autofreie Innenstadt geklatscht hat. Die „Distel“ feiert ihr 60-jähriges Jubiliäum. In dem Programm wirft sie den Blick 60 Jahre in die Zukunft. Es läuft noch bis Ende des Jahres.

Die Japaner kommen nicht nur nach Berlin, um zu fotografieren. Sie investieren auch und geben ihr Geld für Gebäude aus. Das Allianz-Hochhaus am Osthafen ist nach einem Bericht der Immobilienzeitung (IZ) jetzt in Besitz der japanischen Investmentgesellschaft Nis Arb Edo, die Berlins höchstes Bürogebäude für einen zweistelligen Millionenbetrag vom Voreigentümer gekauft haben soll. Gründe dafür seien der schwache Yen und das Image Deutschlands als „Hort der Stabilität“. Voreigentümer war der Fonds Episo, der laut IZ-Bericht unter dem Management von Tristan Capital Partners und AEW Europe steht und sich nach drei Jahren von dem 125 Meter hohen Tower trennt. Der Verkauf des Hauses mit seinen 35.000 Quadratmetern Geschossfläche sei „im Rahmen des Berlin-Hypes“ denn auch „gewinnbringend“ gewesen. Zur Immobilie gehören auch denkmalgeschützte Gebäude der ehemaligen Elektro-Apparate-Werke aus den 20er und 30er Jahren, in denen das Bundeskriminalamt untergebracht ist. Die drei benachbarten flacheren Büroscheiben der Treptowers blieben durch die Allianz weiterhin genutzt und seien nicht verkauft worden; auch den Allianz-Schriftzug auf dem Turmdach müssen Berliner in der Zukunft nicht missen, er bleibt erhalten.

Durch den Mauerpark soll ein Tunnel gegraben werden. Die Berliner Wasserbetriebe planen einen unterirdischen Abwasserspeicher, der in Spree und Panke eine höhere Gewässerqualität gewährleisten soll, schreibt die Berliner Zeitung. Acht Meter tief und 700 Meter lang soll er sein und einen Durchmesser von 3,80 Meter haben. Ab 2016 soll der Bau beginnen. Der Tunnelbohrer setzt am Eingang Eberswalder Straße an. Der Bezirk Pankow hat beschlossen, dass wegen der Attraktivität des Parks nur in den Wintermonaten gebaut wird. Fünf Jahre würden die Bauarbeiten dann dauern und etwa 13 Millionen Euro kosten. Die Wasserbetriebe planen eine „Schaustelle“, von der die Parkbesucher die Baustelle besichtigen können und Führungen im fertiggestellten Stauraumkanal. Die Initiativen „Weltbürgerpark-Stiftung“ und „Freunde des Mauerparks“ kritisieren, dass die Pläne bisher nicht mit ihnen diskutiert wurden. Der Senat beabsichtigt, 310.000 Kubikmeter unterirdischen Stauraum bis 2020 zu schaffen; zwei Drittel davon hat er laut Berliner Zeitung schon realisiert.

Die Farbe des Hauses ist so dunkel wie die Tasten des Cembalos, das drinnen im dritten Stock steht. Der Tagesspiegel nennt es „das große Schwarze“, der Berliner Kurier die „Beton-Bausünde der Linienstraße“. Ersterer stellt das Gemeinschaftsprojekt des Architekten Roger Bundschuh und der Künstlerin Cosima von Bonin zur Abstimmung für den Architekturpreis Berlin. Unter insgesamt 160 Bauten läuft es unter Nummer 145 und wartet auf Stimmen. Meine hat es bekommen, was nicht heißen soll, dass ich in diesen Tagen Schwarz wähle. Heute noch kann man für den Publikumspreis abstimmen, und hiermit bewerbe ich meinen Favorit. Es gibt in Berlin übrigens Bauten der gleichen Farbe, über die man nicht so glücklich ist; ein Beispiel ist der Neubau am Garbátyplatz in Pankow. Wie Sebastian Leber im Artikel des Tagesspiegel schreibt, gehört der Kielflügel, wie man zum Cembalo auch sagt (es ist kein Klavier, wie er schreibt), zur 200 Quadratmeter großen Wohnung des Unternehmers Ralph Anderl. Sie sei so groß und lang, dass er darin sogar Fahrrad fahre. Das macht Sinn, immerhin steht das „L40“, wie der Bau heißt, in einer ausgewiesenen Fahrradstraße. Morgen schon wird der Architekturpreis vergeben (siehe Eventkalender).

„Die Uhren ticken in Bayern anders“, betont FDP-Chef Philipp Rösler vor seinen Parteikollegen, nachdem am Wahlabend klar wird, dass seine Partei die 5-Prozent-Hürde in den bayerischen Landtag nicht genommen hat. Und in der Tat sehen die Ergebnisse anderswo besser aus. Mit 18 Prozent Stimmenanteil ist die FDP zweitstärkste Kraft hinter den Unionsparteien – in einer Online-Umfrage der Immobilienzeitung und der Immo Media Consult. 523 Immobilienprofis hätten an der Befragung im August teilgenommen, schreibt die Immobilienzeitung. Unter den Maklern stimmten sogar 22,5 Prozent für die FDP; unter den Juristen sagenhafte 39 Prozent. Dennoch sind auch in der Immobilienbranche die Liberalen auf Talfahrt. 2009 waren sie mit 42 Prozent immerhin stärkste Partei im „Branchenparlament“. Und was sagt das Branchenparlament zur Einführung einer Mietpreisbremse? – 71 Prozent der Befragten lehnen sie ab.

 

Die Pläne zur Randbebauung des Tempelhofer Feldes werden konkreter. Am Donnerstag hat Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) eine Absichtserklärung mit drei Bauherren unterschrieben, die eine Zusammenarbeit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mit der Degewo AG, der Stadt und Land GmbH und der Ideal eG bekräftigt und zum Ziel hat, am Tempelhofer Damm insgesamt 1.700 Wohnungen zu bauen. Neben diesem „Letter of Intent“, wie die in deutscher Sprache verfasste Erklärung offiziell heißt, teilt die Senatsverwaltung mit, dass der Senator jetzt auch die Aufstellungsbeschlüsse der Bebauungspläne (B-Pläne) für die insgesamt vier Quartiere unterschrieben hätte. Damit beginnen auf dem Tempelhofer Feld die B-Planverfahren, in deren Prozedere auch die Öffentlichkeit beteiligt werden muss. 2016 sollen sie abgeschlossen sein. Noch im September werden die B-Plan-Entwürfe am Tempelhofer Damm und am Südring in der „frühzeitigen“ Bürgerbeteiligung vorgestellt, so heißt der erste Schritt zur Öffentlichkeitsbeteiligung. Währenddessen hat am Wochenende die Unterschriftensammlung für das Volksbegehren 100 % Tempelhofer Feld begonnen, das eine Randbebauung verhindern soll.

 

Es war eine „sie“, die gestern zur richtigen Zeit durch die Türe trat. Janine Graf, 28, war die fünfhunderttausendste Besucherin der Humboldt-Box und der Ehrengast der Schlossbauer für einen ganzen Tag. Die Dame wurde mit Blumen beschenkt. Außerdem bekam sie ein Buch übers Humboldtforum und obendrein eine Nachbildung eines Schmuckelementes aus der zukünftigen Fassade des Schlosses, teilt die Stiftung mit.

 

Die Humboldt-Box am Schlossplatz erwartet heute ihren fünfhunderttausendsten Besucher, teilt die Schlossstiftung mit. Wer sie besucht, könnte potenziell ab 10 Uhr vormittags, wenn das Haus öffnet, die Hände schütteln von: Wilhelm von Boddien, Hermann Parzinger, Manfred Rettig, Rainer Bomba und Gerd Henrich. Das sind (in gleicher Reihenfolge) der Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss e.V., der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Vorstand der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum, der Staatssekretär des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, und der Geschäftsführer der Megaposter AG als Betreiber der Humboldt-Box. Gleichzeitig müssen Interessierte nicht mehr leibhaftig an die Baustelle gehen, um zu verfolgen wie das Schloss aus dem Boden wächst. Die Stiftung hat eine neue Webcam installiert, die Bilder in „fullHD“ und aus drei Perspektiven liefert. Sie werden alle 15 Minuten aktualisiert. Auch Zeitrafferfilme sollen auf der website der Stiftung abrufbar sein. Überraschend ist in der Mitteilung allerdings nur noch die Rede von dem „größten Kulturbauvorhaben in der Mitte der deutschen Hauptstadt“, während das Projekt früher als „größtes Kulturbauvorhaben Deutschlands“ bezeichnet wurde. Die Aussicht der Fertigstellung macht offenbar bescheiden. Zur Zeit betonieren die Bauarbeiter die Kellerdecke.

Das „Kulturensemble RAW“ lädt heute auf das Gelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerks in Friedrichshain zu mehreren Veranstaltungen, unter anderem zwei Podiumsdiskussionen zur Zukunft des „RAW-Tempels“ ein: ab 15 Uhr 30 in der Theaterlounge des Stoff- und Gerätelagers unter dem Titel „Beteiligungsmöglichkeiten in der Stadtentwicklung – wo soll es hingehen?“ und ab 18 Uhr im Cassiopeia unter dem Titel „Verstetigung von Pionierprojekten“ mit Katrin Lompscher, Sprecherin der Linken für Stadtentwicklung im Abgeordnetenhaus. Das Kulturensemble RAW ist eine im Januar 2013 gegründete Initiative, die sich für eine bestandsorientierte Weiterentwicklung des Geländes mit seiner soziokulturellen Nutzung und gegen seine geplante Teilung und den Wohnungsbau der Eigentümer im östlichen Bereich einsetzt. Die Initiative will die Zukunft des Ortes mitgestalten und den Bezirk dazu bewegen, sich für den gewachsenen Kulturstandort gegenüber den Eigentümern stark zu machen. Sie stellt gerade einen „Einwohnerantrag“, den man auf der Internetseite der Initiative unterschreiben kann und führt dort eine Umfrage durch. Die anklickbaren „Luxuswohnungen“ schneiden gegenüber den favorisierten „Grünanlagen“, „Kulturvereinen“ und „Ateliers“ erwartungsgemäß schlecht ab. Die heutige Veranstaltung findet im Rahmen des Tags des offenen Denkmals und der Experimentdays 2013 statt.

Mutter und Kind füttern Meisen. Das Eichhörnchen hilft beim Wäsche aufhängen. Ein Ehepaar ergötzt sich am Ara im Baum, aber um den zu erkennen, muss man schon genauer hinsehen. Das Wandbild an dem Plattenbau in der Straße Am Tierpark im Bezirk Lichtenberg ist schön. Am Donnerstag fand seine feierliche Übergabe statt. Als größtes bewohntes Wandbild der Welt ist es fürs Guinnessbuch der Rekorde angemeldet, schreibt die Berliner Morgenpost.

Es ist aber auch scheinheilig. Die Kunst des “Friedrichsfelder Triptychons”, das ist der Name der Idee, bereichert das Stadtbild, keine Frage. Aber macht es uns nicht auch etwas vor? Die Aras waren früher die Friedenstauben. Und wo sie flogen, wachte unweit ein Soldat. Das sieht man am Mosaikfries am Haus des Lehrers noch. Schön ist auch das. Aber auch wenn die “Bauchbinde” dort ein Beispiel des sozialistischen Realismus ist, verkündete es Ideale und nicht die Realität. Und was verkündet das Triptychon, das aus insgesamt drei verschiedenen Wandbildern besteht?

Verheißt es eine Zukunft in Friedrichsfelde, in der die Freiheit eines womöglich vermissten, ausgebüchsten Papageien mehr wiegt als der potenzielle Gefallen, den das fröhlich-kulant dreinschauende Mieterpaar seinem klagenden Nachbarn erweisen würde, wenn es stattdessen zum Kescher greifen und den Vogel für ihn einfangen würde? Oder gibt es eine Zukunft hier, in der Musiker vom Gang in den Proberaum verschont bleiben, indem man ihnen erlaubt, bei geöffnetem Fenster E-Gitarre zu spielen, ohne dass sich auch nur ein einziger Mieter, inklusive Meisen, Eichhörnchen und auch nicht unser bunter Ara gestört fühlen? Wenn Menschen aus verschiedenen Gründen zur gleichen Zeit strahlen, muss etwas faul sein. – Heile Welt im Osten? Ich bevorzuge den “Osten ungeschminkt”. Bei der gleichnamigen Radtour von Berlin on Bike wird man in Zukunft einen großen Bogen um das Triptychon machen müssen, wo der Osten von jetzt an geschminkt ist.

 

Sie schaffen Klarheit und Ordnung, teilen die Welt in ein Drinnen und Draußen, in ein Hier und ein Drüben: Zäune sind wieder beliebt in Berlin. Immerhin haben sie Tradition. Ab 1527 hielt ein Zaun das Wild im Wald, der vor dem Schloss der jagenden Kurfürsten lag. 1961 hielt ein weiterer scheinbar wild gewordenes Ostvolk zurück, und die Jagd am Zaun begann von Neuem. 2010 gab es dann den ersten mit regulären Zaunschließzeiten. Drinnen zu sein, auf der Tempelhofer “Freiheit”, war plötzlich ein Privileg. 250 Protestierende forderten die versprochene Freiheit ein und wollten sie auch in der Nacht. Der Zaun steht noch. Der folgende noch nicht: Um den Tiergarten soll einer gebaut werden, wie seit dem Sommer immer wieder berichtet wird. Es ist einer, der Sicherheit verspricht, nicht Freiheit. Gegen den Tiergartenzaun hat sich zwar die Bezirksverordnetenversammlung von Mitte ausgesprochen, aber Mittes BVV-Beschlüsse wackeln mitunter auch. Baustadtrat Carsten Spallek (CDU) will den Zaun ja immer noch. Und ein anderer will einen anderen jetzt auch um den Görlitzer Park errichten. Timur Husein, Bezirksverordneter der CDU in Friedrichshain-Kreuzberg, setzt sich für einen eingezäunten Görli ein, wie der Tagesspiegel berichtet. Aber momentmal, steht um den Görli nicht noch die alte Bahnhofsmauer? Wilde Zeiten sind das, neue Zäune … hohe Zäune. Es ist die Renaissance des Berliner (Jagd-) Reviermanagements.

Und so klingt der Wunsch nach Gehege vom 13. Mai 1527 aus der Feder des Kurprinzen Joachim, des späteren Kürfürsten Joachim II. (aus „Der Tiergarten in Berlin“, Hrsg. Walther G. Oschilewski, arani Verlag, Berlin-Grunewald 1960, S. 5):

„Wir Joachim, von Gottes Gnaden Marggraff zu Brandenburg, der Jüngere, zu Stettin, Pommern, der Cassuben und Wenden Herzogk. Burggraff zu Nürenbergk und Fürst zu Rügen, Bekennen und thun kund öffentlich mit diesem Briefe für Unß, unsere Erben undt Nachkommen und sonst aller männigklich die ihn sehen, hören oder lesen, Nachdem unß Unser lieben getrewen Burgemeister, Rath, Gewerck undt gantz Gemeinde der Stadt Collen allhier auß Unterthenigen geneigten willen off unser gnädig und gütlich ansuchen, zu sondern gefallen für Unß, Unser Erben undt Nachkommen ein Platz und Raum, dahinden bey der freyen Arch, zu einem Thier- und Lustgarten auffzurichten undt zu machen vorgünt undt gutwilliglich zu eigen eingeräumet undt abgetreten, dass Wir Ihn dan in Gunst und Gnaden billich dankbar sein. Also gereden und aussprechen wir hierauff für Unß, Unser Erben und Nachkommen in gegenwertiger Krafft und Macht dieses Brieffes, ob sich in künftiger Zeit begeben, das Wir oder Unsere und Nachkommen solchen Platz und Raum zum Thier- und Lustgarten ferner nicht haben, sondern denselben wieder vergehen lassen würden und wolten, das Wir oder Unsere Erben undt Nachkommen alßdann den vermelten Platz und Raum, so viel sie unns daran gegeben, Niemants ander, dan dem gedachten Bürgemeister, Rath, gewerken undt Gemeinder zu Jederzeit Ihren Nachkommen wiederumb einräumen, zustellen und zueignen sollen, ohn einig hinder oder gefehr. Darzu sollen und wollen Wir bei Unserm Lieben Herrn und Vater, dem Churfürsten zu Brandenburg von solcher Zustellung wegen des Platzes zum forderlichsten darob undt an sein, das Ihnen daßelbe zu keinen Ungnaden oder Nachtheil gereichen soll. Getreulich Ungefehrlich. Zu Urkund mit Unserm hierunten uffgedruckten Secret besiegelt und gegeben Collen an der Spree am Sontage Cantate Anno MDXXVII.“

Wer wird Berlins neuer „Zaunkönig“ anno MMXIII? Die Königsfrage hat bei den Vögeln übrigens auch mit List zu tun, erzählen jedenfalls die Brüder Grimm im gleichnamigen Märchen.

 

Nachdem vor drei Wochen der Tagesspiegel über den schlechten Zustand des Flughafengebäudes in Tempelhof berichtet hatte, weist die Tempelhof Projekt GmbH in einer Pressemitteilung Darstellungen zurück, in der das Gebäude als “Bauruine” bezeichnet wird. Es sei nur “stark sanierungsbedürftig”. Sie beschreibt darin auch, wie das Flughafengebäude in Zukunft genutzt werden soll und warum es sich nicht als Standort für die Zentral- und Landesbibliothek eignet.

Das steht im Entwicklungskonzept:

  • Nutzung der historischen Räume durch Unternehmen der Kreativwirtschaft und aus dem Bildungbereich
  • Sanierung und Öffnung des bislang geschlossenen ehemaligen Offiziershotels der U.S. Air Force am Platz der Luftbrücke als Kreativ- und Gründerzentrum mit Gastronomie, Touristeninfo, Ausstellungen und Konferenzen
  • weitere und verstärkte Nutzung der Hangars, Haupthalle, Transitbereiche und des Vorfelds für Veranstaltungen
  • Installation einer Photovoltaikanlage auf dem 1,2 Kilometer langen Dach
  • Einrichtung von öffentlich zugänglichen Besucherterrassen mit Geschichtsgalerie auf dem Dach
  • Einzug des Alliierten-Museums ab 2017 in Hangar 7

Und hier die Gründe, die gegen eine Bibliothek im Flughafengebäude sprechen:

“Das Flughafengebäude Tempelhof eignet sich nach Ansicht der Zentral- und Landesbibliothek auch nicht für den Bibliotheksbetrieb. Das langgestreckte Terminalgebäude, für den Flugbetrieb gebaut, entspricht in keiner Weise den heutigen logistischen Anforderungen an einen Bibliotheksbau. Ein effizienter und wirtschaftlicher Betrieb ist auf einen überaus kompakten, funktionalen Baukörper angewiesen, der ein hohes Maß an Flexibilität aufweisen und in seiner Geometrie so schlicht wie möglich sein muss. Die erforderliche Einbeziehung der Flugsteige für die öffentlichen Bereiche würde beispielsweise mehrere hundert Meter lange Wege für die Bibliotheksnutzerinnen und –nutzer zur Folge haben. Auch sämtliche Transportstrecken für Medien innerhalb der Bibliothek wären sehr aufwändig. Sie verhindern eine hohe Servicedichte und fordern gleichzeitig mehr Personaleinsatz. So wäre die Bibliothek im Flughafengebäude nicht wirschaftlich zu betreiben. Die Unterbringung der ZLB im Flughafengebäude gliche einem Neubauvorhaben unter erschwerten Bedingungen. Die Kosten sind nicht günstiger als bei dem geplanten Neubau am Rand des Tempelhofer Feldes.”

 

Der Mensch hat zwei Ohren, aber richten kann er sie nur auf eine Melodie. Was sich am Wochenende rund um den Reichstag abspielte, könnte man als Versuch auffassen, den Bundesbürger über diese biologische Grenze hinauszutreiben, genauer gesagt: über seine biologisch-politische. Während Samstagabend am Spreeufer die multimediale Show des Bundestages zur Geschichte der Deutschen Demokratie und des Reichstagsgebäudes läuft, singt Nena für die Sozialdemokraten vor dem Brandenburger Tor und wird am Sonntagmorgen sogar gefolgt von einem Kaiser, einem singenden, nämlich Roland Kaiser.

Das stört und ist frech. Eine oppositionelle Wahlkämpferin, die alte Dame SPD (Herzlichen Glückwunsch zum Hundertfünfzigsten!), drängt sich mit Dezibel und Sieben-Tage-Straßensperrung, mit Pauken und Trompeten ins deutsche Parlament, quasi in seinen Luftraum. Dabei muss man den dokumentarisch-emotionalen 30-minütigen Cocktail, der am Ufer als Open-Air-Kino täglich bis zum 3. Oktober gezeigt wird, loben. Mehr noch, man müsste die Veranstaltung für “unverletzlich” erklären. Aber am 17. August wird sie akustisch angegriffen. Was aus den Lautsprechern am Ufer noch in die Ohren dringt: Worte Reuters, Brandts, Ulbrichts, Schabowskis, Heyms, Wolfs, Gaucks – sie werden schwammig und schwach. Dabei sind darunter starke Sätze wie diese zu hören, vom Bundestagspräsidenten Norbert Lammert zum Beispiel:

“Was ein politisches System als Demokratie qualifiziert, ist nicht die Existenz einer Regierung, sondern die Existenz eines Parlamentes und seine gefestigte Rolle im Verfassungsgefüge wie in der politischen Realität. (…) Hier schlägt das Herz der Demokratie oder es schlägt nicht. (…) Das Parlament ist im Übrigen nicht Vollzugsorgan der Bundesregierung, sondern umgekehrt ist Auftraggeber.”

So was muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, ganz zu schweigen von den „Wir sind das Volk“-Rufen, die in der Kulisse der Parlamentsbauten unter die Haut gehen. Was dagegen vom Brandenburger Tor herüberbebt, ist klar: Wahlkampf und Spaß, den sich die ergraute Arbeiterfrau mit über zwei Millionen Euro viel Geld kosten ließ, wie der Tagesspiegel schreibt. Vielleicht war es sogar ein bisschen zu viel der Mühe der Partei, wenn manche Besucher des Festes nicht wegen Steinbrück kamen, sondern für den oben genannten Kaiser, wie die Berliner Zeitung berichtet. Renate Pflugmacher aus Göttingen ist da ehrlich.

Nach dem Abzug von Partei und Kaiser aus Berlins Straße des 17. Juni können die Deutschen bis zum Herbst wieder ihr gesamtes Gehör auf ihre Geschichte richten. Über die weitere Zukunft der Straße vorm Brandenburger Tor sollte man in Berlin wegen ihrer kontraproduktiven Kräfte wirklich einmal nachdenken, auch mehrmals, am besten bevor man einen Sicherheitszaun drum herum baut, wie geplant. Im „Vorwärts“ feiert die SPD sie als „rote Meile“.

Roland Kaiser ist übrigens selbst ein Sozialdemokrat. Er trat der Partei vor elf Jahren bei, als sie im Umfragetief lag, wie er im „Vorwärts“ erzählt. Ob die „rote Meile“ sich für die Partei am 22. September zum roten Teppich ins Kanzleramt mausert, entscheiden diejenigen, die zum Parlamentskino pilgern. Unweit der Philipp-Scheidemann-Straße wird jetzt wieder die Republik gefeiert.

 

Bei seinem kürzlichen Kritiker-Ritt über die Rathausbrücke für die Berliner Zeitung spricht er von Ästen und Wurzeln und zitiert sogar die “germanische Waldeslust” aus der völkischen Architekturtheorie. Nikolaus Bernau mag diese Brücke nicht. Ich mag sie auch nicht. Aber der Versuch, die Waldeskunst des Schweizer Künstlers Erik Steinbrecher zu “entziffern”, wie er selber schreibt, scheitert. Der Kritiker “liest” die ast- und wurzelhaft gestalteten Geländerstangen der Brücke, aber er nennt das Kind beim Namen nicht. Sie sollen an einen alten Berliner Knüppeldamm erinnern. Vor Jahrhunderten war es hier sumpfig.

“Mitten auf der langen Brücke nun, wo die Sümpfe waren und Weideplätze fürs Vieh, und unten trieben die Färber ihr Wesen, da stand das gemeinschaftliche Rathaus”,

schreibt Willibald Alexis in seinem historischen Roman “Der Roland von Berlin” aus dem Jahr 1840 über diesen Ort. Aber den Knüppel ließ Bernau nicht aus dem Sack. Stattdessen versteht er auch das nächste, worüber er sich aufregt, nicht. Er will über den Knüppeldamm die Tram fahren sehen und bedauert das “Nein” der Senatsverwaltung dazu. Die Rathausbrücke ist für eine Straßenbahn nicht gemacht, weil – und das schreibt oder weiß er nicht – die geplante Ost-West-Linie vom Alex bis zum Kulturforum über die benachbarte Mühlendammbrücke führen soll. Das macht das Nein verständlich. Bitte nicht weiterreiten. Unverständlich bleibt dagegen, warum die Eisenknüppel an der Rathausbrücke eine grau-silbrige Farbe bekamen und keine hölzern-braune. Aber wer schon mal, vielleicht an der Spree entlang, unter einem Lebensbaum städtischer Fischreiher spazieren war, der weiß, dass man notfalls auch das mit Lokalbezügen begründen kann.

 

Aus dem Wahlspruch der FDP zur Bundestagswahl im September geht nicht eindeutig hervor, ob die Partei damit die politische Mitte meint oder das Zentrum Berlins. “Die Mitte entlasten”, ruft sie und trifft damit den Nerv der Stadt. Vielleicht ist es Absicht, vielleicht ahnt sie es nicht. Aber ihrem Ruf folgen viele. Denn in Berlin hat eine Welle der Peripherisierung eingesetzt. Ob es die Arbeitslosen sind wie Ursula Neue oder die Prostituierten aus Südosteuropa oder selbst die legendäre Kunststätte des Tacheles – Etwas zieht sie alle an den Rand der Stadt, oder vertreibt sie dorthin: das zahlungsunwillige Jobcenter, die angestammte Konkurrenz oder ein herzloser Verwaltungsakt. Heimatlos lebt Frau Neue in Staaken. Verloren laufen die Bulgarinnen draußen in Buch. Zwangsgeräumt springt das Tacheles nach Marzahn. Die Mitte ist reserviert für die anderen. Entlastet ist sie deshalb noch nicht.

 

Der Stadtplaner Florian Mausbach hält Berlins Haltung in Sachen Stadtentwicklung für “kleinbürgerlich” und attestiert Berlin sogar eine “Angst vor der Metropolenentwicklung”, wie der Tagesspiegel schreibt. Angst – Das ist ein starkes Wort. Wovor muss sich die Stadt fürchten? Manche haben Angst, dass aus Berlin Pjöngjang wird. Andere haben Angst, dass Marzahn Berlins Mitte überholt. Wieder andere haben Angst, auf dem Kurfürstendamm zu verdursten. Und dann gibt es da noch die Angst vor dem großen BER. Aber wir brauchen in Berlin keine Angst vor Hochhäusern, Plattenbauten, schrumpelnden Boulevards und erst recht nicht vor Baustellen zu haben. Wir müssen uns nur sorgen, dass die Hochhäuser an der falschen Stelle gebaut werden, dass Berliner Plattenbauten ausschließlich von realexistierenden Kommunisten bezogen werden, dass die Boulevards nicht zu Baumarktmeilen mutieren, und dass die Baustellen bloß nicht kleiner werden. Wenn es soweit ist, dass sich in dieser Stadt die Wände nicht mehr bewegen, dann gibt es wirklich Grund, vor Berlin Angst zu haben, egal ob die Stadt dann eine Metropole ist oder nicht. Bitte weiterbaggern!

So schnell kann es gehen. Drei Tage hat es gedauert, und die Lage im Flughafengebäude in Tempelhof hat sich bemerkenswert geändert. War am 31. Juli noch ein Drittel der Flächen im Gebäude vermietet, ist es seit dem 3. August die Hälfte, beide Angaben stammen aus ein und derselben Redaktion, des Tagesspiegels. Aber auch bröckeln tut’s nicht mehr. “Es seien noch keine Betonbrocken von der Decke gefallen, toi-toi-toi …”, steht jetzt in einem Artikel, wogegen neulich die Rede davon war, dass bei der Bread & Butter-Messe Betonbrocken und Mörtel heruntergefallen wären. Was kann man denn jetzt weitererzählen?

Der Tagesspiegel ist in den Besitz eines ominösen Gutachtens zur Sanierung des langen, langen und vor sich hin bröckelnden Flughafengebäudes gekommen, das erstens seit 2011 aus unbekannten Gründen unter Verschluss gehalten und von dem zweitens weder berichtet wird, wer es erstellt, noch wer es in Auftrag gegeben hat. Das Gutachten bringt drittens eine markante Zahl nach Tempelhof, die der ein oder andere deutsche Steuerzahler vielleicht schon mal im Zusammenhang mit Deutschlands bedeutendstem Kulturbauprojekt zur Kenntnis genommen haben könnte. Die Sanierung des Gebäudes am Platz der Luftbrücke würde 478 Millionen Euro kosten. Soviel gibt die Bundesrepublik für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses an der Spree aus, auf die Million genau und im Moment. Das bedeutet, dass sich Berlin ein 81-prozentiges Schloss auf dem Feld in Tempelhof baute, wäre es an einer langfristigen Nutzung des Hauses interessiert. Damit einher ginge auch keinerlei architektonische Bereicherung. – Na bitte: ein Grund mehr für den Neubau der Zentral- und Landesbibliothek gleich nebenan oder nicht?

Tagesspiegel-Artikel Nr. 1

Tagesspiegel-Artikel Nr. 2

Tagesspiegel-Artikel Nr. 3 (Kommentar)