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Projektentwickler Dirk Moritz wünscht sich Stadtentwicklung als Schulfach …

Gebautes Siegerpodest - The Square3 der Moritz-Gruppe am Sportforum Hohenschönhausen (© Moritz-Gruppe GmbH)

Gebautes Siegerpodest – The Square3 der Moritz-Gruppe am Sportforum Hohenschönhausen (© Moritz-Gruppe GmbH)

Es ist immer das gleiche. In positivem Sinn: Die besten Sätze fallen zum Schluss. Wer Events bis zum Ende aussitzt (und das war am Mittwoch, als es bei den „Plattform Nachwuchs-Architekten“ in deren kleinem Laden in der Nazarethkirchstraße um „Klasse statt Masse“, also um die Flüchtlingsarchitektur ging, wörtlich zu verstehen). Einige Gäste standen. Die ganze Zeit. Zwei Stunden. Weil es keine Hocker mehr gab.

Am „Round Table“ saßen Andrea Hofmann von „Raumlabor“ (zum „Haus der Statistik“), Dirk Müller von der „AG Village“ (thf.openport.berlin) mit Ideen zum Andersdenken der Hangaren im Flughafengebäude Tempelhof, Philipp Hübert von den „Plattform-Architekten“ (zu den MUF-Bauten), Axel Rymarcewicz, der die MUF mit der Schrobsdorff Bau AG baut („viel Unschärfe drin bei Unterscheidung zwischen Container und Modularbauten“), Rainer Latour, Leiter des Stadtentwicklungsamts Charlottenburg-Wilmersdorf („Dieser verfluchte Immissionsschutz!“), Andreas Prüfer, Bezirksstadtrat Lichtenbergs, der wegen der unglücklichen MUF-Vokabel (sprich: „MUFF“) die Kommunikationsstrategie des Senats für schwach hält, die Stadtplanerin Hille Bekic („Es macht überhaupt keinen Sinn, ein schlechtes Haus zu bauen“), Achim Nelke (auch Stadtplaner), von dem bei mir leider nichs hängen blieb, und last but best: Dirk Moritz, Projektentwickler der Moritz-Gruppe und Stadtentwickler mit gesellschaftlichem Anspruch.

Rostes vor sich hin: das ehemalige Konferenzzentrum am Sportforum Hohenschönhausen im April 2015 (Foto: André Franke)

Rostes vor sich hin: das ehemalige Konferenzzentrum am Sportforum Hohenschönhausen im April 2015 (Foto: André Franke)

Er erzählte von seinen Erfahrungen mit dem preisgekrönten (Mipim u.a.) Hochhausprojekt „The Square³“, einem mixed-used Stadtquartier, das er am Sportforum Hohenschönhausen verwirklichen will. Einem Siegerpodest gleich (siehe Foto oben), bilden ein Gold-Tower (118 Meter, natürlich der höchste unter den Dreien), ein Silber-Tower und ein Bronze-Tower den neuen Eingang in das Sportgelände. Heute steht hier noch die Ruine des ehemaligen Konferenzgebäudes aus DDR-Zeiten (siehe Foto 2). Dirk Moritz berichtet, wie schwierig es sei, in dem Gebäudeensemble eine Schule unterzukriegen. Welche Auflagen es zu erfüllen gäbe. Was das koste. Was einem der Investor antworte. „Mach Office!“, sagt Moritz. Und so enstünden überall in der Stadt die gleichen Bürofassaden. – Am Ende jedenfalls der Satz. Er listet fünf Wünsche auf. Einer davon, ich glaube, es war der dritte oder vierte:

„… dass Stadtentwicklung zum obligatorischen Schulfach wird!“

Das fordern auch Stadtplaner

Dass diese Neuerung Not tut, hätte jeder Gast an diesem Abend sofort unterschrieben. Vielleicht wird daraus ja eine (schon wieder eine neue) Petition. Vielleicht ist die Stunde reif. Ich bin ganz schön verblüfft, als eine Stadtplanerin wenig später, unabhängig von dem Event, in einer Email schreibt, sie finde, „dass das allumfassende Thema Stadt- und Regionalplanung im Sinne einer Lebensraumentwicklung an die Schulen gehört.“ Spannender Zufall.

Schöne arte-Doku …

Leider liefert die Stadt Paris in diesen Tagen Geschichten, die der Horror sind. Und den Terror und die Trauer, die sich mit ihnen verbinden, will man nicht nach Deutschland kommen sehen. Nirgendwohin. Doch aus Paris hat mich am Wochenende auch eine andere Geschichte erreicht, eine positivere. Arte zeigte in einer vierteiligen Dokureihe mit dem Titel „Nachbarschaftsgeschichten“, wie sich Architektur und Stadtentwicklung in Paris und Berlin seit 1650 wechselseitig beeinflussten, vor allem wie grundverschieden sie sind. Sonntag schaltete ich ein, als der vierte Teil lief, ließ mich aber (gerne) stören durch Family & Co., was zur Folge hatte, dass ich mir heute, am Montag, den vierten, den dritten, den zweiten und auch den ersten Teil (in dieser Reihenfolge und in einem Zug) ansah. Sehr zu empfehlen ist das.

Brandenburger Tor in Berlin. Auch in Paris gab es Schmucktore

Brandenburger Tor früh morgens. Kein Napoleon, nirgends. Auch die Idee, Stadttore zu Schmucktore auszubauen, kam von Paris nach Berlin, wenn auch nicht durch N. (Foto: André Franke)

Am spannendsten: das 20. Jahrhundert. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Albert Speer schon am Zehlendorfer Dächerkrieg in den 20er Jahren beteiligt war. Oder wie „Germania“ konkret mit dem Holocaust zusammenhängt. Auch nicht, dass Florian Hertweck („Der Berliner Architekturstreit“, in Deutsch verfasst) so super französisch spricht. Und nicht, dass das Hansaviertel mit seinen 53 eingeladenen internationalen Architekten und 36 gebauten Häusern im Gegensatz zur Architektur der Karl-Marx-Allee „swingt“, wie es Gabi Dolff-Bonekämper mit den Fingern schnippsend im Film beschreibt.

Mit Schönheitsfehlern

Ein bisschen kurz kommt aus meiner Sicht die Ära der West-Berliner Stadtplanung „Urbanität durch Dichte“. Nach Hansaviertel und Mauerbau macht die Doku dann gleich bei den Hausbesetzungen in Kreuzberg weiter, ohne die Kahlschlagsanierung oder die Entstehung des Märkischen Viertels und der Gropiusstadt zu thematisieren. Auch durfte – begnädigt von arte – die Ruine des Berliner Schlosses zwei Jahre länger stehen bleiben als üblich: nämlich bis 1952. Das will ich nicht auf die Goldwaage legen, aber wenn dort (unter vielen anderen sehenwerten Modellen) auch ein Modell vom zukünftigen Schloss gezeigt wird, an dem der alte Apothekerflügel hängt, dann könnten arte-Zuschauer in ferner Zukunft vielleicht auf die Idee kommen, diesen einzuklagen, denn geplant ist der bekanntlich doch nicht oder?


Teil 1 „Verfeindete Geschwister“ und Teil 2 „Auf in die Moderne!“ sind in der arte-Mediathek zu sehen bis zum 6. Januar 2016

Teil 3 „Gegenüber“ und Teil 4 „Erschütterung“ bis zum 13. Januar 2016

Mit Highspeed durch Alt-Cölln. "Psst, Sie gehen über einen Friedhof!" (Foto: André Franke)

Mit Highspeed durch Alt-Cölln. „Psst, Sie gehen über einen Friedhof!“ (Foto: André Franke)

Die „Planungsgruppe Stadtkern“ im Bürgerforum Berlin e.V. hat eine Sammlung „Argumente für die Mitte“ herausgebracht. Sie will damit die Debatte ums Rathausforum versachlichen und alle Teilnehmer des Partizipationsprojekts „Alte Mitte – Neue Liebe?“ auf die Diskussionsveranstaltungen im Sommer vorbereiten. Dabei geht es der Initiative aber nicht nur um das Rathausforum, sondern um das gesamte Gelände der Berliner Altstadt. Die Argumente richten sich auf diverse Themen, wie zum Beispiel „Geschichtsvergessenheit“, „DDR-Bauerbe“ oder (und aus diesem Abschnitt sei hier zitiert) „Hauptproblem Autoverkehr“:

„Nicht nur die isolierte Betrachtung zerreißt die Stadt. Der große Freiraum ist momentan auch räumlich isoliert von den übrigen Teilen des Stadtkerns und nicht zuletzt dadurch eine städtebauliche Ödnis. Aber auch das Klosterviertel und der Bereich um die Rosenstraße sind durch große Verkehrsstraßen zu Inseln im Verkehrsmeer, Alt-Kölln zum Transitraum geworden. Sowohl die Verbindungen innerhalb des Stadtkerns als auch die Vernetzung mit den angrenzenden Vierteln wird durch die Dominanz überdimensionierter Verkehrsstraßen verhindert.

Die den Stadtkern zerteilenden Verkehrsachsen, allen voran die autobahnartige Gertraudenstraße – Mühlendamm – Grunerstraße, aber auch die Spandauer Straße und die Karl-Liebknecht-Straße – werden bislang nicht in Frage gestellt. Und dies, obwohl seit 20 Jahren das Zielverhältnis von öffentlichem zu Individualverkehr für die gesamte Innenstadt mit 80 zu 20 angegeben wird, die S-Bahn und BVG Fahrgastzuwächse in Millionenhöhe haben und der Motorisierungsgrad in Berlin weniger als 50 Prozent beträgt.

Dass eine Stadt europa- und weltweiter Bedeutung wie Berlin noch kein schlüssiges Konzept für die Verkehrsentwicklung in seiner Innenstadt erarbeitet hat, kommt einem Skandal nahe. Während alle europäischen Hauptstädte (London, Paris, Madrid etc.) sich darum bemühen, ihre Innenstädte im umweltschonenden wie bürgernahen Sinn zu revitalisieren und Konzepte erarbeiten, wie der übermäßige Individualverkehr der PKW (MIV) kanalisiert und begrenzt werden kann, verzichtet Berlin darauf. Keine andere Metropole leistet sich eine derart vom Auto dominierte und stadtzerstörende Verkehrsplanung in ihrem historischen Kern.“

Genau mit diesem Thema geht heute Abend übrigens die Fortbildungsreihe zur „Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Berliner Stadtkerns“ weiter. Verkehrsplaner Bodo Fuhrmann beleuchtet die aktuelle und geplante Verkehrssituation auf dem Gebiet von Alt-Berlin und Alt-Cölln. Es folgen drei weitere Termine in der Reihe im Juni (genauere Infos hier).


Ort: Zentral- und Landesbibliothek (ZLB), Breite Straße 36, Berlin-Saal im 2. OG 

Zeit: 18:30 Uhr

Alle „Argumente für die Mitte“ des Bürgerforums Berlin e.V. hier in diesem Dokument

Heute ist Tag der Städtebauförderung in ganz Deutschland. In Berlin gibt es 35 Veranstaltungen in 10 Bezirken, darunter zum Beispiel Spaziergänge. Hier eine Auswahl:

Moabit Ost (Sportpark, Poststadion)

  • Thema: Förderprogramm Stadtumbau West
  • Zeit: 13:30 – 15:00 Uhr
  • Treff: Haupteingang Fritz-Schloß-Park, Poststadion, an der Minigolfanlage Rathenower Straße, 10559 Berlin

Nördliche Luisenstadt

  • Entwicklung des Spreeufers
  • Workshop-Auftakt mit Diskussionsforum
  • mit Baustadtrat Carsten Spallek
  • Zeit: 13:30 – 16:30 Uhr
  • Ort: Kulturzentrum „Dialog 101“, Köpenicker Straße 101, 10179 Berlin

Flussbad Berlin

  • Thema: Baden im Spreekanal an der Museumsinsel
  • 2 Spaziergänge vom Verein Flussbad Berlin e.V. geführt
  • Zeit: 11:00 Uhr und 14:00 Uhr (evt. dritte Führung 16:00 Uhr)
  • Treff: U-Bhf. Spittelmarkt, 10117 Berlin (90 Minuten)
Tag der Städtebauförderung 2015: Führung zum Flussbad Berlin

Spreekanal Nähe Schleusenbrücke: Hier soll bald gebadet werden bzw. die Filteranlage zur Reinigung des Spreewassers errichtet werden (Foto: André Franke)

Südliche Friedrichstadt, Mehringplatz

  • Thema: Umgestaltung Mehringplatz
  • Bürgerbeteiligung mit Planspiel vor Ort
  • Zeit: 12:00 – 15:00 Uhr
  • Ort: Fußgängerzone Friedrichstraße (Nähe Friedrichstraße 256, 10969 Berlin)

Schöneberg Südkreuz

  • Thema: Stadtumbau West
  • Rundgang und Fahrradtour
  • Zeit: 13:00 Uhr
  • Treff: Torgauer Straße, gegenüber Nr. 1 / Ecke Naumannstraße, 10829 Berlin, nahe Bhf. Südkreuz

Unabhängig vom Tag der Städtebauförderung gibt es außerdem heute wieder eine Zukunft-Berlin-Tour mit mir und Berlin on Bike um 11:00 Uhr ab der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg mit Themen vom Mauerpark bis Rathausforum …

Harald Bodenschatz/Christina Kautz: Themenkarte »Verlorene Mitte« Eine verblüffend hohe Zahl von verlorenen Gebäuden der Mitte Berlins wurde in verschiedenen früheren Listen und Publikationen als baugeschichtlich oder historisch wertvoll bezeichnet. Diese historischen Listen wurden von Lutz Mauersberger erstmals zusammengestellt und von Christina Kautz von der Planungsgruppe Stadtkern im Bürgerforum Berlin e. V. kartiert (Quelle: Bürgerforum Berlin e.V.)

Harald Bodenschatz/Christina Kautz: Themenkarte »Verlorene Mitte«
Eine verblüffend hohe Zahl von verlorenen Gebäuden der Mitte Berlins wurde in verschiedenen früheren Listen und Publikationen als baugeschichtlich oder historisch wertvoll bezeichnet. Diese historischen Listen wurden von Lutz Mauersberger erstmals zusammengestellt und von Christina Kautz von der Planungsgruppe Stadtkern im Bürgerforum Berlin e. V. kartiert (Quelle: Bürgerforum Berlin e.V.)

Zeitgleich mit der heute stattfindenden Auftaktveranstaltung zur Bürgerbeteiligung am Rathausforum startet das Bürgerforum Berlin e.V. unter dem Titel „Mitte! 150 Jahre Transformation des Berliner Stadtkerns 1865-2015“ eine Open-Air-Ausstellung am Neptunbrunnen. Sie soll als Säulenausstellung bis 31. August Tag und Nacht zu besichtigen sein. Das Bürgerforum informiert dabei über die wichtigsten Fakten und Bilder zur Geschichte der Berliner Mitte. Der Verlust der Bauten durch die moderne Stadtentwicklung ist in dessen Flyer beziffert:

„Von den um 1865 vorhandenen zirka 1.500 Bauten des Stadtkerns sind nur noch 85 erhalten: Aus dem Mittelalter stammen nur vier Kirchen, kein einziges Bürgerhaus – ein solcher Verlust ist auch im europäischen Maßstab einzigartig.“

Mehr über die Ausstellung, das Bürgerforum und dessen Ziele – hier im Flyer

© Dorothea Wimmer - Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen

© Dorothea Wimmer – Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen

Na das ist doch mal was ganz Neues! 40 Experten aus der Stadtentwicklung Berlins stellen sich am Mittwoch ab 18:00 Uhr für 25-minütige Gespräche zur Verfügung – Face-to-Face. Es warten auf uns: Ralf Schönball vom Tagesspiegel; Katrin Rothe, die Filmemacherin; Kathrin Lompscher, Stadtentwicklungssprecherin im Abgeordnetenhaus (Die Linke) und eben 37 weitere. Ein Gespräch kostet 1 Euro. Man kann aber auch „nur“ zuhören. Dabei hat man die Möglichkeit, über Kopfhörer sich in die Gespräche einzuklinken und mitzuhören. Das muss man echt mal ausprobieren! Der Event heißt „DIALOG EXTREM“ und erinnert mich ein bisschen an Speed-Dating. Ort der Veranstaltung: Lichthof der TU Berlin, Straße des 17. Juni 135. Der Eintritt ist frei. Veranstalter ist openberlin e.V.

Nordfassade Schloss: Noch Werbeplane statt Sandsteinfiguren. Aber bald kommen sie - aus der Spandauer Schlossbauhütte.

Nordfassade Schloss: Noch Werbeplane statt Sandsteinfiguren. Aber bald kommen sie – aus der Spandauer Schlossbauhütte.

Heute beginnt die offizielle Saison bei Berlin on Bike und damit auch die wöchentliche Radtour „Zukunft Berlin“, bei der wir aus aktuellem Anlass am Mauerpark die Rede von Amadeus Hollitzer verlesen, die er am Donnerstag in der BVV gehalten hat, um zu verhindern, dass der Senat die Planung an sich zieht. Zu spät, wie sich herausstellte. Aber auch die BND-Zentrale zeigt Neuigkeiten: Drinnen wurden die Wasserhähne geklaut, draußen gibt´s jetzt eine Fußgängertreppe vom Pankepark zu den Townhouses. Außerdem im Programm:

  • Straßenbau in der Europacity
  • pulverisierte Plattenbauten direkt an der Spree
  • Neues von den Barockfassaden
  • Partizipationsgebaren am Rathausforum

Wirt starten um 11 Uhr in der Kulturbrauerei.

Es ist schon ganz schön viel verlangt, was Stefan Evers sich da wünscht. “Mit einem weißen Blatt Papier” sollten wir in den Stadtdialog ums Rathausforum gehen. Der stadtentwicklungs-politische Sprecher der CDU im Abgeordnetenhaus hat da schlichtweg eine Unmöglichkeit geäußert. Oder eben einen Wunsch.

Rathausforum, Design der website www.stadtdebatte.berlin.de (zebralog). Um diesen Stadtraum geht´s

Rathausforum, Design der website www.stadtdebatte.berlin.de (zebralog). Um diesen Stadtraum geht´s

Die Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung zur “Berliner Mitte” vom letzten Montag hatte Ausnahmecharakter. Es wirkte, als fände sie in einem geschützten Raum statt. Und dieser Raum kam zustande, weil jedem klar war, dass es heute nicht um Inhalte ging, sondern um die Form. Zebralog, Agentur für crossmediale Bürgerbeteiligung, stellte das “Prozessdesign” für das Debattenprojekt ums Rathausforum vor. Heute wurde nicht geboxt, sondern der Boxkampf verabredet.

Maria Brückner (links) und Daniela Riedel von zebralog: "Bürgerbeteiligung muss auch Spaß machen."

Maria Brückner (links) und Daniela Riedel von zebralog: „Bürgerbeteiligung muss auch Spaß machen.“

Und das ist nicht einmal das falsche Wort. Antje Kapek von den Grünen, wünschte sich ausdrücklich, dass die anstehende Diskussion “knackig und kontrovers” geführt werde. Bisher war es so, dass die Debatte, ob Freiraum oder Bebauung, in den Medien und über Veröffentlichungen ausgetragen wurde. Ein Vorschlag jagte den anderen. Alle waren sie unverbindlich. Und die Giganten der Stadtplanung blieben unter sich, in ihren eigenen Veranstaltungen und übten am Punching Ball. Jetzt sollen sie sich treffen. Jetzt MÜSSEN sie sich treffen. Denn wer bei diesem Partizipationsprojekt, das sich an alle wendet, nicht mitmacht und später meckert, dem wird niemand mehr zuhören. Wenn am 18. April mit der Auftaktveranstaltung im bcc am Alex der Gong zur ersten Runde schlägt, darf es kein Ausweichen mehr geben.

Dr. Benedikt Goebel, Historiker und Mitglied des Kuratoriums. Johanna Schlaack (links), von Think Berlin und ebenfalls im Kuratorium

Dr. Benedikt Goebel, Historiker und Mitglied des Kuratoriums. Dr. Johanna Schlaack (links), von Think Berlin und ebenfalls im Kuratorium

Kommen wir zu den Ringrichtern. Es gibt sie wirklich, nämlich als 14-köpfiges Kuratorium, das aus Experten besteht, die über das Verfahren wachen sollen. Am Montag bekamen wir zumindest acht von ihnen zu sehen, was ich als Veranstaltungselement sehr sympathisch fand. Aber an der Zusammensetzung des Gremiums entzündet sich Kritik. So ist an einer Schreibtafel zu lesen: “Im Kuratorium gibt es nur einen Historiker!” Die Teilnehmer der Veranstaltung konnten hier auf Akteure hinweisen, die ihrer Meinung nach im Stadtdialog noch fehlten.

Daniela Riedel und Maria Brückner von Zebralog erklären vorher Struktur und Ablauf des breitangelegten Stadtdialogs, betitelt mit: “Alte Mitte – neue Liebe?” Nach der Auftaktveranstaltung im April als Aufwärm-Event gibt es eine Online-Beteiligung. Sie wird mit Werkstätten, Spaziergängen, Kolloquien, Ausstellungen, sogar mit Theater kombiniert. Die Ergebnisse gelangen über “entsandte” Bürger ins Halbzeit-Forum. Hier entscheiden die Entsandten über die weiteren Schwerpunkte, die nach der Sommerpause zu vertiefen sind. Im November dann: das Abschluss-Forum mit einem “offenen” Ergebnis.

Prozessdesign der Stadtdebatte "Alte Mitte - neue Liebe?" 2015 (Quelle: zebralog)

Prozessdesign der Stadtdebatte „Alte Mitte – neue Liebe?“ 2015 (Quelle: zebralog)

Diese “Ergebnisoffenheit” hat manchem an diesem Abend zu schaffen gemacht. Eine Frau sagt, sie finde den Prozess nur deshalb ergebnisoffen, weil sie das Beteiligungskonzept für schwammig hält. Riedel erklärt, das Ergebnis müsse inhaltlich offen bleiben, aber ein Ergebnis als solches müsse es auf jeden Fall geben. Empfehlungen, Leitlinien, Vorschläge können das sein. Sie werden dem Abgeordnetenhaus vorgelegt, das 2016 über alles weitere entscheidet. Viele zweifeln daher an der Verbindlichkeit des Ergebnisses. Das ist an einem spontanen Meinungsbild mit Klebepunkten deutlich zu erkennen. Warum dann überhaupt mitmachen?

Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, Andreas Geisel (SPD), Nachfolger von Michael Müller

Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, Andreas Geisel (SPD), Nachfolger von Michael Müller

Weil es ein Experiment ist. So versteht es auch Andreas Geisel. Der neue Stadt-entwicklungssenator will, dass die Kontrahenten aufeinander zugehen, auch die eigene Meinung in Frage stellen und lernen. “Nicht in den Prozess reingehen, um zu gewinnen”, sagt er. Das klingt weniger nach Boxen. Das geht eher in Richtung Capoeira, den brasilianischen Kampftanz. Man setzt sich miteinander auseinander, aber niemand erleidet einen ernsthaften Schaden.

24 Stunden nachdem Geisel dies in seinen Schlussworten sagte, hat einer vorgemacht, wie dieses “Aufeinander Zugehen” aussehen könnte. Benedikt Goebel kommentierte vergangenen Dienstag in einem Vortrag über “Die vergessene Schönheit der Berliner Altstadt” auch ein Bild aus DDR-Zeiten. Abgebildet war der junge Freiraum am Fuße des Fernsehturms (das Rathausforum), ein coloriertes Foto, das die sozialistische Stadt von ihrer Sonnenseite zeigt (es war ein vergleichbares Foto wie unten). Goebel, der Historiker aus dem Kuratorium, gestand dem Ort in seinem damaligen Zustand eine eigene Schönheit zu (die er heute natürlich nicht mehr habe). Zugeständnisse dieser Art sind mir im Bürgerforum Berlin bisher nicht zu Ohren gekommen. Find ich gut.

Freiraum zwischen Fernsehturm und Spree zu DDR-Zeiten. Im Hintergrund: Palast der Republik. Blick in westliche Richtung +++ Foto: John Spooner, „Berlin - Hauptstadt der DDR“, CC-Lizenz (BY 2.0) http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de Alle Bilder stammen aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de

Freiraum zwischen Fernsehturm und Spree zu DDR-Zeiten. Im Hintergrund: Palast der Republik. Blick in westliche Richtung +++ Foto: John Spooner, „Berlin – Hauptstadt der DDR“, CC-Lizenz (BY 2.0) http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
Bild stammt aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de

Stefan Evers´ Ideal vom “weißen Blatt Papier” bleibt in meinen Augen aber eine absolute Illusion oder erfordert die Kunst des Vergessens. Das gilt zumindest für Fachleute und Initiativen. Bei demselben Vortrag, der zu einer Veranstaltungsreihe in der Volkshochschule Mitte gehört, wurde geboxt. Eine Dame, die sich als Berlin-Gast ausgab, äußerte ihre ganz persönliche Stadtwahrnehmung. Sie deckte sich aber nicht mit der vorherrschenden Meinung im Raum. Eine gestandene Architektin konterte die Touristin in den Boden, dass Ex-IBA-Moderator Hildebrand Machleidt sie mit warmen Worten nach der Veranstaltung wieder auf die Beine zu bringen gedachte. Das zeigt, wie unverrückbar Haltungen sein können, die mit jahrelanger Arbeit und Leidenschaft aufgebaut, gepflegt und in die Welt getragen wurden. (Diese Arbeit verdient nebenbei gesagt auch Respekt.)

Für die Dame, die für eine ganze Interessensgruppe steht, war das “weiße Blatt Papier” allerdings Realität. Sie sieht die Stadt wie sie ist – ohne Bilder. Schade, dass dieser fruchtbare Moment am Dienstag in der Volkshochschule nicht für eine Diskussion genutzt wurde. Ihre Frage war doch eine Steilvorlage für jeden, der sich mit Stadt auskennt: “Dann erklären Sie mir, wie die Stadt funktioniert …” Allein, es blieb keine Zeit mehr dafür. Ein bisschen unglücklich war´s.

Solche Begegnungen zwischen “beschriebenen und unbeschriebenen Blättern” werden sich im Stadtdialog “Alte Mitte – Neue Liebe?” mit Sicherheit wiederholen. Dann wird es darauf ankommen, wie weit Experten Nichtfachleute mitnehmen können. Denn Zebralog hat das Prozessdesign auf eine breite Beteiligung angelegt. “Vergessen” wir also zumindest nicht den 18. April. Drei Tage nachdem die Dialogwebsite Online ging, hatten sich schon 170 Teilnehmer für die Auftaktveranstaltung angemeldet – übers Wochenende.


website des Stadtdialogs „Alte Mitte – neue Liebe?“ unter www.stadtdebatte.berlin.de (mit Anmeldung, Umfrage und Newsletter)

Livestream und Video-Aufzeichnung der Veranstaltung vom 15. Februar im Umspannwerk Alexanderplatz der Friedrich-Ebert-Stiftung unter www.sagwas.net

nächster Vortrag in der Veranstaltungsreihe „Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Berliner Stadtkerns“ des Bürgerforums Berlin e.V. in der Volkshochschule Mitte am 3. März, dann das Thema „Totale Transformation – Stadtumbau zwischen 1840 und 1939“, mit Historiker Dr. Benedikt Goebel (kostenfrei, Anmeldung prinzipiell nicht nötig, aber erwünscht, und zwar hier)

Screenshot Tagesschau.de vom 12.12.2014 - Da hat einer nicht umsonst gedrückt. (Danke David)

Screenshot Tagesschau.de vom 12.12.2014 – Da hat einer nicht umsonst gedrückt. (Danke David)

Eine Eilmeldung ist eine Nachricht, die schneller unterwegs ist als alle anderen. Sie läuft sogar Gefahr, Schallmauern von so eben Gesagtem und Gehörtem zu durchbrechen und sich selbst wieder einzuholen. Ganz so, wie es die Katze tut, die sich in den eigenen Schwanz beißt. Dann löst sich die Eilmeldung schließlich selber auf … So geschehen am Freitag, als Tagesschau.de Hartmut Mehdorns neuen Eröffnungstermin für den BER kundtat – eben als Eilmeldung. Übers Wochenende muss das Geschoss „2. Jahreshälfte 2017“ dann so dermaßen an Fahrt aufgenommen haben, dass es den Flughafenprotagonisten Mehdorn, ausgerechnet den Schöpfer des „Sprint“-Expertenteams, selber mit fortriss. Am Montag kündigte Mehdorn seinen Rücktritt an. Und Tagesschau.de schickte Eilmeldung BER Nr. 2 raus – sicherlich die gerechtfertigtere unter den zwein. Wenn aber Hartmut Mehdorn früher geht, als erwartet, und die Suche nach dem wahren Bär wieder von vorne losgeht, können wir den verkündeten, mittlerweile dreimal um die Welt gerasten Termin genauso ernst nehmen wie die vorherigen.

Ein Jammer, dass es sie nicht mehr gibt - It makes me feel blue, Blu.

Ein Jammer, dass es sie nicht mehr gibt – It makes me feel blue, Blu.

Diesem malerischen Eingriff weine ich eine dicke, fette Träne nach! Wie mir trotz 13.587 Kilometern Entfernung in Perth zu Ohren kommt, hat man in Berlin die Mega-Bilder des Streetartisten Blu mit totschwarzer Farbe bedeckt. Man möge es mir nachsehen, wenn ich das Ergebnis daher als Leichentuch interpretiere. Was an der Cuvrystraße in nächster Zeit begraben wird, ist nicht unbedingt das, was es bereits seit September nicht mehr gibt, nicht die abgeräumte Zeltstadtromanze. Besiegelt und unter die betonierte Erde gebracht wird vielmehr etwas, womit selbst die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung (SenStadt) seit Jahren wirbt und wovon auch sie sich allmählich verabschieden muss. Dieses Etwas, das Berlin im Vergleich mit anderen Großstädten hat und sukzessive verliert, ist sein natürgemäß nicht dauerhaftes Entwicklungspotenzial. Es schrie durch die Blu-Bilder zum Himmel! Etwa: „Dies ist die Stadt, in der alles noch offen ist, und wir werden sie gestalten.“ Dieser Aussagekraft schien sich auch SenStadt nicht entziehen zu können. Und so schmückt die Verwaltung auf ihrer website das Stadtentwicklungskonzept 2030 seit Jahren mit den Bildern von Blu. Ich warte auf den Moment, wann sie sie löscht.

Die neue Online-Plattform openBerlin mit Infos zu alternativen Projekten der Stadtentwicklung in Berlin.

Die neue Online-Plattform openBerlin mit Infos zu alternativen Projekten der Stadtentwicklung in Berlin.

Ab heute gibt es die neue Online-Plattform openberlin.org. Sie ist ein interaktives Werkzeug für partizipative Stadtentwicklung in Berlin und bündelt Informationen zu Projekten, Ideen, Akteuren und Erfahrungen unter der Devise „Stadt selber machen!“ Zu den Projekten zählen unter anderen die Prinzessinnengärten, der Spreepark, aber auch das Tempelhofer Feld. Im Rahmen der Experimentdays’14 laden die Vereinsgründer von openBerlin e.V. heute ab 20:00 Uhr in den Wilhelmine-Gemberg-Weg 10-14 (ehemals Kiki Blofeld) an die Spree zur Projektvorstellung und zum gemeinsamen Launch ein. Hervorgegangen ist openBerlin aus einer Gruppe von Architekturstudenten um Johannes Dumpe von der TU Berlin.