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Auch wenn Serien schön sind, wem gelingt es schon, einer vom ersten Teil bis zum letzten zu folgen, wenn man nicht entschieden immer zur selben Zeitung greift, immer im richtigen Moment, am richtigen Tag – oder überhaupt nicht? Es ist immer noch „Groß-Berlin“-Jahr, und die B.Z. macht eine Serie dazu, die Morgenpost ebenso. Und weil ich am Sonntag in einen anderen Bäcker ging als sonst, einen, der tatsächlich nur Morgenpost im Ständer hatte, erwischte ich die Sonntagsbeilage der Mopo, die „Berliner Illustrirte Zeitung“, in der Groß-Berlin jede Woche Thema ist. Eine Reihe von Zitaten lässt Felix Müller in dem Artikel über „Spandaus Sonderweg“ aus der Feder fließen (im Falle der Zitadellenstadt Spandau könnte man auch sagen, der Autor feuert aus allen Rohren), um den Widerstandsgeist der Nicht-Wahlberliner vor und nach der Eingemeindung zu Groß-Berlin 1920 darzustellen. Wie im „Skyscraper“ angekündigt, folgt hier das, was die sechs zitierten Herren im Einzelnen von sich gaben:

Eine Stadt mit Zitadelle wird immer ein Bollwerk sein

Emil Müller, Spandauer Stadtrat und Maurermeister, bei der Grundsteinlegung des Rathauses am 3. April 1911:

Mög´schützen uns des Kaisers Hand vor Groß-Berlin und Zweckverband.

Hermann Kantorowicz, Spandauer Armenarzt und Kommunalpolitiker, 1913:

Dass wir vom Zweckverband an der Nase herumgeführt werden, muss doch jeder sehen.

Heinrich Jenne, Spandauer Stadtverordneter, 1918:

Was Spandau bei Groß-Berlin soll, ist nicht recht klar.

Kurt Woelck, letzter Spandauer Bürgermeister, 1919:

Wir stehen hier auf dem Standpunkt, dass diese restlose Eingemeindung nur Nachteile für uns bringt und ein Unglück für Spandau darstellen wird.

Martin Stritte, Spandauer Bezirksbürgermeister, 1923:

Die Spandauer haben es nicht gelernt, sich als Berliner zu fühlen und sie werden es in absehbarer Zeit nicht lernen.

Stritte, nochmals:

Die Spandauer sind stolz auf ihre eigene Geschichte und Entwicklung, die älter sind als diejenigen Berlins, und sie werden den Raub ihrer Selbständigkeit immer als Vergewaltigung empfinden.

Günter Matthes, Redakteur des Tagesspiegels, bei der 750-Jahrfeier von Spandau, 1982:

Als die Berliner noch Kaulquappen fingen, waren die Spandauer schon Patrizier.

Blick vom Ufer der Havel auf den Rathausturm

Was folgern wir aus diesen Sätzen und wie lesen sie sich aus der Perspektive von heute? Die Hand Wilhelms II. konnte die Berliner nicht abhalten, über die Havel zu setzen; der Arm, an dem sie hing, war schlichtweg zu kurz, dass er hätte von Utrecht in die Deutsche Republik gereicht. Spandauer und Berliner dürften wohl quitt sein, nachdem Eberhard Diepgen, Ur-Spandauer, als Regierender Bürgermeister eine Zeit lang die Berliner an der Nase herumführen durfte. Heinrich Jenne scheint damals offenbar der Blick auf die regionale Landschaft verstellt gewesen zu sein; was Spandau bei Berlin soll, das ist doch ganz klar: das Wasser der Spree in die Havel aufnehmen. Auch würde wohl jeder Spandauer es als Glück begreifen, nicht als Unglück, nach 1945 nur von Franzosen besetzt worden zu sein, und nicht von den Sowjets; krasse Vorstellung, der Mauerweg verliefe dann auf der anderen Seite, entlang Charlottenburgs. Stritte kann hingegen nicht bestritten werden, denn in drei Jahren Zeit (1920-23) wechselt kein Mensch seine Identität; dankbar muss man ihm für die harten Worte sein, die doch daran erinnern, dass es politische Gewalt auch in parlamentarischen Systemen gibt, und die Schwächeren die exekutiven Folgen womöglich als Unrecht wahrnehmen. Und aus dem Matthes-Spruch, auch wenn er aufgrund seiner Überzogenheit einen gewissen Reiz hat, quilt eine etwas verzweifelt wirkende Überheblichkeit heraus, in die sich bestimmt nur jemand hineinbegeben konnte, der zwischen sich und den Berlin-Cöllnern die Mauer zu verorten wusste. Die Botschaft von der durch und durch zivilisierten Stadtgründung (es waren ja sogar zwei, gleichzeitig) ließe sich heutzutage ganz barrierefrei in den Bezirk Spandau tragen.

 

Eigentlich wollte ich gestern noch was zum Zu-Fuß-Gehen schreiben, aber angesichts der „Critical Mass“ vom Freitag schalte ich in den zweiten Gang menschlicher Mobilität. Ist das nicht das Radfahren?

Als sich am Freitagabend gegen halb acht Uhr etwa 20 Leute am Mariannenplatz in Kreuzberg versammelt hatten, dachte ich nicht, dass wir zwei Stunden später mit, ich schätze, mehr als 2.000 Rädern die Spandauer Altstadt umrunden würden. Was zog sich die Strecke dorthin jenseits der Stadtautobahn … U-Bahhof Ruhleben … Endlich Ikea! Die „Ruhlebener Klause“ klatschte Beifall. An den Tanken holten wir was zum Trinken. Ein Vater, der seine Tochter im Lastenrad chauffierte, rief: „Und einen Lutscher!“ Andere „korkten“, wie es heißt, die Straßenquerungen, um sicherzustellen, dass nicht Busse, nicht Autos, nicht andere Fahrradfahrer, auch nicht Fußgänger die mobile Masse, die „kritische“ Masse an der Durchfahrt hinderten. Denn die ist legitim. Jedenfalls solange der Verband zusammenhängend bleibt. Und zu einem solchen werden wir nach der Straßenverkehrsordnung ab 16 Radfahrern.

Korken? Die Critical Mass ist auch „critical“

Das Korken bringt Konflikte mit genervten Auto- aber auch Mopedfahrern mit sich. Eigentlich ist es rechtlich „Too much“. Aber ohne diese Flankensicherung würden querende Verkehrsteilnehmer frustriert in die Menge fahren. Ein Mopedfahrer hat das gegen dreiundzwanzig Uhr auf der Leipziger Straße getan, fuhr einfach in die Masse rein. – Sehr verrückt. Das brachte einen Critical-Mass-Fahrer dermaßen in Rage, dass ich glaubte, auch dieser müsse verrückt geworden sein. Er schrie den Verkehrsverletzer mit maximaler Lautstärke an. Das Verrückte, das Zivilisierte: Er kam ihm nicht zu nahe, wurde nicht handgreiflich, nicht ausfällig, nicht vulgär. Stattdessen rezitierte er die Straßenverkehrsordnung. Akkurat im Kasernenton. Aber voller Leidenschaft.

Macht mal anders

Die „Critical Mass“ ist eine Machtdemonstration. Das begriff ich nach etwa 30 Kilometern. Sie kehrt das alltägliche Kräfteverhältnis zwischen (insbesondere) Autofahrern und Radfahrern ins Gegenteil. Einmal pro Monat. Das tut gut. Ich glaube, beide Seiten lernen.

Gegen Mitternacht war ich wieder zu Hause. War etwa 45 Kilometer gefahren. Hatte einen Sturz gesehen, auch: eine verzweifelt auf der Kreuzung Potsdamer- /Ecke Bülowstraße stehende Polizistin, die entweder nicht informiert war oder den sich lose auseinanderziehenden „Verband“ nicht akzeptieren wollte. Und hatte mit meinem niederländischen Kollegen Sido radelnd auch einmal entspannt über unsere Rente geplaudert. Sieht so aus, als würden wir noch sehr lange radeln müssen. Aber das w o l l e n wir ja.


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Eine Stunde und einundzwanzig Minuten braucht ein Mensch in Berlin, um vom U-Bahnhof Eberswalder Straße in Prenzlauer Berg zum Askanierring 74 in Spandau zu gelangen – zumindest mit den Öffentlichen. Das ist länger als meine weihnachtliche oder österliche Heimreise ins sachsen-anhaltische Karow dauert. Warum also dorthin fahren? Weil an dieser Adresse die mittigste Mitte der Stadt gespachtelt wird und gebildhauert: die an den Rohbau des Humboldtforums zu hängenden, spendenfinanzierten Barockfassaden in der sogenannten “Schlossbauhütte”.

An einem sonnigen Februarsonntag: das Schlossportal III (Eosanderportal), das sich noch ohne die Portalkrönung zeigt, an der Bildhauer Frank Kösler in der Schlossbauhütte in Spandau gegenwärtig noch arbeitet (Foto: André Franke)

An einem sonnigen Februarsonntag: das Schlossportal III (Eosanderportal), das sich noch ohne die Portalkrönung zeigt, an der Bildhauer Frank Kösler in der Schlossbauhütte in Spandau gegenwärtig noch arbeitet (Foto: André Franke)

Ungefähr 10.000 Steine bearbeiten die Bildhauer hier. Kleine und große, neue und Originale. Ich treffe auf der Führung, die der Architektur- und Ingenieurverein zu Berlin organisiert hat, das Säulen-kapitell wieder, das jahrzehntelang an der Ruine der Kloster-kirche lag, und natürlich gibt es hier sehr viele Adler, über die ich heute alles andere als spotten will (die Satire gibt´s hier).

Eher ergreift mich eine Ahnung von der Größe, der Komplexität der Rekonstruktionsaufgabe, die sich die Schlossstiftung gestellt hat. Es ist ein Puzzle aus tonnenschweren Steinskulpturen, die alle zuerst in Gips modelliert und zuvor ins korrekte Maß gebracht werden müssen. Schlüter, sagt Bertold Just, Leiter der Schlossbauhütte, arbeitete vor dreihundert Jahren mit dem “Rheinischen Fuß”. Franco Stella dagegen denkt und liefert die Pläne metrisch. Die Bildhauer rechnen um, skalieren in dieser Hütte, damit 2019 in Mitte alles passt.

Einer von ihnen ist Frank Kösler. Die klassische Musik, die auf der Tour in der Halle im Hintergrund zu hören ist, kommt von seinem Arbeitsplatz. Bautzener Senf steht auf einem kleinen Pausentisch und eine Packung Salz. Der Bildhauer ist mit einer Portalkrönung beauftragt, an der er seit September arbeitet. Kösler versteht Steine. Er beschreibt mit seinem ganzen Körper, wie sie sich setzen und Ruhepunkte suchen, sich später aber dennoch bewegen. Unbegreiflich ist ihm, warum der Stein, den er mit seinen zwei Töchtern gestaltet (es ist der größte, der in einem Stück an die Fassaden angebracht wird und er wiegt 21 Tonnen), nicht geschnitten und gefugt wird. Bei Schlüter hätte es sowas nicht gegeben, sagt er und prophezeit Risse. “Kollege Sollbruchstelle”, ein Wort Köslers, ist im Gipsmodell schon zu sehen.

Kösler versteht auch Barock. Er lebt ihn, um ihn produzieren zu können, das erklärt er auch ganz ausdrücklich in einem Stiftungs-Video über die Schlossbauhütte und stellt es live unter Beweis (zum Video hier). Spuren der barocken Lebensfreude, die er für seine Arbeit zur Praxis erhebt, stehen auf dem Tisch gleich neben dem Senf: drei leere Flaschen Budweiser. Ich hätte ihm stundenlang zuhören können und war nicht der einzige, der am Ende der Führung noch lange bei ihm stehenblieb, als der Barockbildhauer leidenschaftlich ausführte, dass man nicht mit jedem Stein alles machen könne, zum Beispiel mit schlesischem Sandstein nicht schlüterschen Barock. Und er prophezeit, dass das Ergebnis entsprechend aussehen werde. – Eine Stunde und einundzwanzig Minuten denke ich auf dem Heimweg darüber nach, was ich von dem Projekt jetzt halten soll. Aber die Zeit, die vorher lang war, ist für die Antwort zu kurz.