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Der Satz musste fallen: „Die IBA ist tot, es lebe die IBA“. Er kam aus dem Mund der Moderatorin Frauke Burgdorff, die gestern Abend die von der Friedrich-Ebert-Stiftung organisierte Veranstaltung mit dem Titel „IBA 2020 – Was war, was wird?“ eröffnete. Zu diesem Zeitpunkt stand fest, eine Internationale Bauausstellung in Berlin im Jahre 2020 wird es nicht geben. Wie die Zeitungen berichten, hat der Senat die finanziellen Mittel dafür gestrichen. Es wäre Berlins dritte IBA gewesen.

Mancher kann mit der Senatsabsage leben, Architekt Arno Brandlhuber zum Beispiel. Eine IBA hält er für eine „mangelnde Wertschätzung dessen, was in Berlin längst existiert“. Er war Podiumsgast bei der Veranstaltung und zählte Projekte wie das ExRotaprint, das Flussbad Berlin, das Kater Holzig und den neuen Holzmarkt auf. Und ein Publikumsgast hält die bisherigen IBA-Pläne für „kein sozialorientiertes Konzept“ – zu Hause bei der SPD-Stiftung.

Andere bedauern es. So etwa einer der IBA-Kuratoren Matthias Lilienthal, der wie er erzählt, selber in der Gropiusstadt aufgewachsen ist und die nicht stattfindende Bauausstellung bei seinem Vortrag als „Verlust“ bezeichnet. Wie Berliner Zeitung und taz berichten, kritisieren die IBA-Absage auch die Berliner Architektenkammer und die Grünen. Der SPD-Parteivorsitzende Jan Stöß denkt dagegen schon an eine mögliche IBA im Jahre 2025. Er hatte entgegen des von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher aufgelegten und von SPD-Stadtentwicklungssenator Michael Müller unterstützten IBA-Konzepts „Draußenstadt ist Drinnenstadt“ vor kurzem eine IBA angeregt, die sich mit dem Thema der Wiederbebauung der Berliner Altstadt zwischen Spree und Fernsehturm beschäftigen sollte und löste eine Debatte aus, die gestern ihr vorläufiges Ende fand.

Na, wer sagt’s denn! – Jetzt läuft alles nach Plan. Hartmut Mehdorn wird Manager des Berliner Großflughafens. Niemand, der den Futurberlin-Quickie vom 24. Februar mit Herzblut gelesen hat, hätte sich für die BER-Nachfolge jemals jemand anderen als den Mann vom Hauptbahnhof vorzustellen gewagt. Denn Mehdorn ist der „Colt für alle Fälle“, wenn es um Punktlandungen geht. Brachte er vor sieben Jahren das Kunststück fertig, nur Tage vor der Fußball-WM den Hauptbahnhof zu eröffnen, hat er es diesmal vielleicht auf die Fußball-EM im Jahre 2020 abgesehen. Dann wird eine Stadt in Deutschland die Ehre haben, neben zwölf europäischen anderen, Austragungsort zu sein. München hat die Bewerbung schon abgegeben, und Horst Seehofer freute sich zu diesem Anlass über den glasklaren Standortvorteil Münchens mit funktionierendem Flughafen – mit einem Lächeln in Richtung Berlin. Da aber noch nicht aller Tage Abend ist, schlug Futurberlin in dem Quickie vor, die in Berlin geplante Internationale Bauaustellung, die IBA 2020, die programmatisch bisher ihr Thema auf die Frage des Wohnens richtet, besser für die Fertigstellung des BER heranzuziehen, damit die Punktlandung aus Flughafen und Fußballfest größtmögliche Chancen bekommt. Dass in dieser Woche, die Mehdorns erste als BER-Manager sein wird, der Senator für Stadtentwicklung, Micheal Müller, zum IBA-Erfahrungsaustausch nach Hamburg reist, passt da vorzüglich ins Bild und macht Mut auf den Anstoß in Berlin. Bald, im Sommer 2020.

zum Futurberlin-Quickie vom 24. Februar

 

Wenn Stadtentwicklung, noch dazu Berliner Stadtentwicklung, die Geschichte des europäischen Fußballs zu bestimmen droht, wird es ernst. Zumindest für die Berliner. Halb Deutschland lacht über den Berliner BER, und die andere Hälfte auch. Selbstverständlich gehören zu diesen Glücklichen die Bayern, die sich jetzt mit München für die Fußball-EM im Jahre 2020 beworben haben, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt. Am glücklichsten wohl: Horst Seehofer (CSU). Weil es 2020 neben zwölf europäischen Austragungsorten nur eine geben kann, eine EM-Stadt in Deutschland, konnte Seehofer bei der Verkündung der Bewerbung wohl nicht davon lassen, im Konkurrenzkampf München-Berlin den humoristischen „Dolch“ zu ziehen und pries die Allianzarena „in der Nähe eines funktionierenden Flughafens“. Das ist ein Horst im Glück. Und Klaus? Wowereit kontert, dass Berlin große Sportveranstaltungen hervorragend ausrichten könne. Größtes Defizit der Hauptstadt sind aber seine großen Bauveranstaltungen. Warum also nicht seitens Berlin ein seriöses Schwert ziehen und die Fertigstellung des BER mit der Internationalen Bauaustellung 2020 verknüpfen? Fällt doch die geplante Berliner IBA auch ins Jahr der EM. Was für eine Punktladung das werden könnte: Flughafen-Eröffnung und Fußballfest auf einen einzigen Streich! Das hat doch beim Hauptbahnhof auch so gut geklappt. Oder?

Das IBA-Konzept “Draußenstadt ist Drinnenstadt” des Senats überzeugt Grüne und Linke nicht. Das liegt an der fehlenden thematischen Botschaft und am elitären Verfahren.

— Bericht — Es klingt vernünftig, was Katrin Lompscher am Mittwoch Vormittag im Ausschuss für Stadtentwicklung sagt: den Senatsbeschluss für die Internationale Bauausstellung 2020 (IBA) aufschieben, zumindest vorher eine öffentliche Debatte führen. “Wenn wir eine IBA machen”, so die stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Linken im Abgeordnetenhaus, “dann muss das eine Angelegenheit der Stadt sein.” Sie findet das Verfahren falsch. Das IBA-Konzept würde bis jetzt nur in der Fachöffentlichkeit diskutiert.

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hatte dem Ausschuss zuvor den Stand des IBA-Konzepts erläutert. Das aktuelle Motto der IBA heißt jetzt “Draußenstadt ist Drinnenstadt”. Mit den drei Schwerpunkten “Gemischte Stadt”, “Wohnen in Vielfalt” und “Stadt selbst machen” will das Konzept der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Orte der Berliner Peripherie behandeln. Auch der “gefühlten” Peripherie, wie Regula Lüscher sagt. Beispielorte könnten monofunktionale Großsiedlungen wie die Gropiusstadt sein, aber auch ein Bezirk wie Lichtenberg, wo Wohnungsbau in oder nahe von Gewerbegebieten das angesagte Thema sei.

Thematisch reicht das Vielen aber nicht, zum Beispiel den Grünen. Antje Kapek war enttäuscht vom Vortrag Lüschers. “Wir haben hier ein bisschen alles und nichts”, sagt sie und erwartet von der Verwaltung, dass sie mit einer IBA ganz klar umreiße, was das drängende, gesellschaftliche Problem sei. Sie bezieht sich dabei auch auf die Kritik der Initiative “Think Berlin plus”, die vor zwei Tagen “sieben kritisch-konstruktive Thesen zu einer IBA in Berlin” veröffentlichte.

Die Stadtforscher, deren Thesen sich auch der TU-Professor Harald Bodenschatz anschließt, befürchten, die IBA könne als Instrument der Stadtplanung “abstumpfen”, wenn es Berlin mit der IBA 2020 nicht gelänge, neue Maßstäbe zu setzen. Wohnen als alleiniges Thema reiche für die IBA nicht aus. Die Debatte sei nicht öffentlich, nicht transparent, nicht ergebnisoffen, und es hätte von der Senatsverwaltung auch kein Dialogangebot mit den konkurrierenden Konzepten gegeben, heißt es in den Thesen. Ein solches Konzept war “Radikal Radial!”, das “Think Berlin” zusammen mit dem Planungsbüro Gruppe DASS und dem Büro für Städtebau Machleidt+Partner vor der Abgeordnetenhauswahl 2011 vorgestellt hatten.

Dabei fand die letzte IBA-Veranstaltung erst am Dienstag statt, aber thematisch war sie sehr detailliert. Regula Lüscher lud mit der IBA 2020 ins Flughafengebäude nach Tempelhof ein, zu einem Werkstattgespräch. Titel des Abends: “Stadt. Quartier. Energie.” Es ging vor allem um bautechnische Fragen, nicht um das große Ganze. Die Gastgeberin selbst sagte dazu: “Technologie kann nicht das zentrale Thema der Berliner IBA sein, aber es wird mitgehen.” Im Publikum waren nur Architekten und Stadtplaner, Leute vom Fach. Was ist also mit der großen, öffentlichen Debatte?

Michael Müller hat für eine IBA 2030 keine Zeit. “Ich will darauf nicht warten”, sagt der Stadtentwicklungssenator (SPD) zu den Einwänden von Katrin Lompscher im Ausschuss. Er hält den Zeitpunkt für eine IBA genau richtig und begründet das mit den dramatischen Entwicklungen in der Stadt. Er sagt auch, die IBA-Ideen anderer würden ins Konzept der Senatsverwaltung einfließen. Dafür spricht, dass das IBA-Konzept der Verwaltung tatsächlich beweglich ist; angefangen hatten die Ideen auf dem Tempelhofer Feld.

Nächster Meilenstein für die IBA in Berlin bleibt also die zu erarbeitende Senatsvorlage, und dann kommt vielleicht der Beschluss. Und vielleicht kommen dann auch die Berliner. Die IBA 2020 lädt wieder ein im Januar nächsten Jahres, dann zum Werkstattgespräch “Gemeinschaftliches Wohnen”.

— Nachricht — Stadtplaner der Gruppe “Think Berlin plus”, zu der auch der Architekturprofessor Harald Bodenschatz von der TU Berlin gehört, fordern den Abschied von der Internationalen Bauausstellung IBA 2020, wenn von der Senatsverwaltung kein überzeugendes Konzept entwickelt würde. In einem Thesenpapier kritisieren sie, die IBA hätte keine ausreichende thematische Botschaft, kein räumliches Gliederungskonzept und die Debatte wäre nicht transparent und nicht ergebnisoffen. Vor allem die Beschränkung auf das Berliner Problemthema Wohnen werde dem Instrument einer Bauaustellung nicht gerecht. Als “Welthauptstadt der Bauausstellungen’ stünde Berlin in einer Tradition und müsse neue Maßstäbe setzen. Am Mittwoch soll die IBA 2020 im Ausschuss für Stadtentwicklung diskutiert werden.

Hier die Thesen von „Think Berlin plus“

 

Zwei Flughäfen auf dem Abstellgleis, eine Bibliothek, die mehr Aufmerksamkeit kriegt als mancher Stadtteil, eine IBA, die mit jeder Kalenderwoche das Motto wechselt und eine Altstadt, die mehr verlangt als die Retourkutsche Schloss. Und dann wäre da noch das Problem mit den Mieten. Berlin quillt über vor Themen, so viel ist einem klar, wenn man am letzten Mittwoch nach dreieinhalb Stunden Vortrag und Diskussion das Architekturgebäude am Ernst-Reuter-Platz verlässt. Die Stadtplaner-Initiative “Think Berlin” hatte unter dem Titel “Berlin sieht schwarz-rot” zu einem ersten Dialog “Stadtpolitik trifft Stadtforschung” geladen. Da darf natürlich auch der Ernst-Reuter-Platz selbst als Thema nicht fehlen. Und so wird Berlins To-Do-Liste nicht kürzer an diesem Abend. Glaubt man Cordelia Polinna vom Fachgebiet Architektursoziologie der TU Berlin, ist zu ihrer erfolgreichen Abarbeitung sogar eine “Urban Task Force” nötig, die projektübergreifend in der Stadt agieren soll. Als Rettungsring für eine überforderte Verwaltung verstanden, springt dann auch in der Diskussion ein Verwaltungsinterner aus dem Publikum auf und verteidigt sich, seine Kollegen und seine Arbeit. Wer sich mit der IBA 84/87 auskennt, entdeckt in der “Task Force” den Versuch der TU-Planer, jene Parallelverwaltung einzurichten, die damals zum Erfolg führte. Ein Produkt wird von “Think Berlin” gleich mitgeliefert: der IBA-Vorschlag “Radikal Radial!”. Er wird in einem Impulsvortrag auch nach der Berlin-Wahl brav durchexerziert. Es klingt wie eine Werbeveranstaltung der Gastgeber und nährt den Zweifel, ob Berlin das braucht, diese fünfte Bauausstellung.

Was Berlin allerdings braucht, ist Dialog. Und da erschafft “Think Berlin” mit dem als Reihe angedachten “Stadtpolitik trifft Stadtforschung” etwas Neues. Nach sechs Vorträgen von Wissenschaftlern äußern sich fünf Politiker der Berliner Abgeordnetenhausfraktionen auf dem Podium zu den Themen. Allein die Zeit scheint zu kurz und die Themen sind zu viele, als dass es hier zu dem kommen könnte, was sich Aljoscha Hofmann von der Initiative von der Dialogreihe erhofft. Eine langfristig angelegte Plattform soll sie sein, auf der Argumente ausgetauscht werden und man die Themen tiefer kommunizieren kann. Da darf man gespannt sein, wieviel Unterhaltung Teil 2 bieten wird. Noch wird hier nämlich gelacht: als dem Publikum vom Veranstalter scherzhaft die Pause verwehrt wird, als dem Moderator Gerd Nowakowski vom Tagesspiegel das Handy in der Hosentasche klingelt, als SPD-Staatssekretär Ephraim Gothe mit dem vermeintlichen Pfund wuchert, mit Katrin Lompscher von der Linken “gut zu können”. Darf Stadtentwicklung so locker sein?

Ernsthaft besorgt um die Stadt schien hier nur eine. Antje Kapek sprach aus, was einem in Berlin tatsächlich spanisch vorkommen kann: “Ja wieviel Zukunftstechnologie wollen wir denn noch bauen?” Braucht Berlin ein zweites Adlershof in Reinickendorf? Und warum muss Wirtschaft auch noch aufs Tempelhofer Feld, wo Freizeit herrscht und bald auch die Stille der Bücher?

Aber wo soll der Wohnungsbau herrschen? 30.000 Wohnungen neubauen und damit gewachsene Quartiere auffüllen, das wird eng – in den Quartieren und in Bezug auf die Frage, ob man dieses Ziel erreicht. Warum gibt man dem Thema nicht auch den Raum – in räumlichen Sinne –, den es angesichts des neuen Bevölkerungswachstums in der Stadt jetzt verdient und angesichts der zwei Leerflughäfen haben kann? Wohnen in Tegel am Terminal. Und den Raum im Sinne von Priorität auf der Liste gleich dazu! Vor allem das konnte man bei der Veranstaltung nicht erkennen: Was derzeit das Wichtigste in Berlins Stadtentwicklung ist, weder von wissenschaftlicher Seite, noch aus Sicht der Politik. Bedenklich im Sinne der Veranstaltung ist also weniger, dass Berlin seit September schwarz-rot sieht, sondern eher den Wald vor lauter Bäumen nicht.

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