— Fotostory, Meinung —

Der Weihnachtsmarkt vorm Roten Rathaus macht Stimmung, und zwar eine ganz besondere. Veranstalter Hans-Dieter Laubinger hat hier kulissenhaft das Berliner Marienviertel aufgebaut, nach dem sich einige Architekten und Politiker Berlins so sehnen. Aber ab dem 27. Dezember wird das aufwendige Fassenwerk am Fuße des Fernsehturms wieder zurückgebaut und schon bald verschwunden sein. Und wer vermisst das Städtchen dann? Laubinger hat ein Gefühl für Orte im Wandel. Seine Weihnachtsmärkte sind vom Alexa und Palastabriss verdrängt worden. Seit drei Jahren schlägt er sein Fest vor dem Roten Rathaus auf, an der Marienkirche. Ein Interview in der Bauwelt 47.10 zeigt, dass er versteht, wie dieser besondere Stadtraum funktioniert. Hier zunächst ein paar Eindrücke. – Die erste Fotostory auf futurberlin mit 13 Bildern.

Temporäres Triadentum: Hier wird mittels leicht übermannshohem Pyramidenbau das bereits vorhandene Stadtbildpotenzial, 365 Tage im Jahr präsentiert durch das Zweiergespann Marienkirche-Fernsehturm, in einen neuen Dreiklang überführt. Berlins höchste Vertikale von 368 Metern wird über die Turmspitze der Marienkirche nahezu bis auf Kopfhöhe der Menschen heruntergebrochen. Girlande gefällig?

Es mittelaltert doch sehr. Der Nachbar dieser Taverne verkauft Ganzkörper-Felle, Met und Trinkhörner aller Art. Nur geschmiedet wird nicht.

"Adressen bilden", dieses Stichwort ist in der Berliner Stadtplanung immer wieder zu hören. Willkommen also an der Marienkirche/Ecke Neptunbrunnen mit straßenbegleitender Laterne. - Kein Armleuchter das Ding, aber vollverkabelt und ohne Gas. Rechts an das Bild schließt sich der Neptunbrunnen mit Eisbahn an.

Hier lässt sich die Marienkirche mal so richtig die Sonne auf den Pelz scheinen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass es sich hier nicht um das originale Kirchenschiff handelt, sondern um ein Altberliner Bürgerhaus. Das beides nahtlos zusammenpasst, ist hier eine Frage der fotografischen Perspektive und dort (in der Debatte) wie reichhaltig man seine Trickkiste vorher füllt, bevor man sich später argumentativ aus ihr bedient.

Alles Fließende erstarrt im neuen deutschen Winter. Auch die Berliner Damen am Beckenrand des Neptunbrunnens, der Legende nach "die einzigen Berlinerinnen, die den Rand halten können", gucken etwas bedäppert aus den Schneemassen ihrer verfrorenen preußischen Flüsse, die sie repräsentieren. Nur das Krokodil scheint irgendwie Spaß daran zu haben.

Gigantisch wie ein Atomreaktor entwächst dem Dachstuhl des Bürgerhäuschens hier der Schaft des Fernsehturms. Wenn´s Türmchen einknickt, ist´s Hüttchen futsch.

Die Kulisse der Altstadt wirkt vor dem Hintergrund der Rathauspassagen wie ein Gartenzaun für den sozialistischen Städtebau.

Auf den Anblick des Schafts des Fernsehturms werden wir verzichten müssen, sollte das Marienviertel auferstehen. Stadthausfassade oder Turmfaszination - man kann nur eines haben.

Das ist die Hauptstraße des Weihnachtsmarkts vorm Roten Rathaus: Sie führt vom Riesenrad am Neptunbrunnen geradewegs zum Hotel Park Inn.

Fassadenspielerei ist eine Facette des Städtebaus. Interessant ist hier die farbliche Verwandschaft mit dem Turm der Marienkirche.

Die Fassadenkulisse auf dem Weihnachtsmarkt ist (nur) maximal 7,50 Meter hoch. Marktleiter Hans-Dieter Laubinger gewährt der Marienkirche durchaus visuelle Mitwirkungsrechte. Bei einer Bebauung des Areals mit 22 Meter Berliner Traufhöhe würde sie aus dem Stadtbild weitesgehend verschwinden. - Aus den Augen aus dem Sinn.

Jemand zu Hause? - Wer hier in Zukunft wohnen würde, hätte weder einen langen Weg zum Rathaus, noch zu den Bänken vor dem Altar: Hier könnte er sich bei den Regierenden für die Baurechte bedanken, dort vor Gott dafür Buße tun, sich mit dem Immobilienkauf öffentlichen Raum unter den Nagel gerissen zu haben, der einst den Berlinern gehörte - und im Grunde jedermann.

Und dann taucht auf dem Weg Richtung Alexanderplatz das richtige, prächtige Kirchenschiff von St. Marien doch noch auf. Gott sei Dank, wenn auch nur in Teilen.

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— Nachricht —

Beim Kaufhausbau auf dem Wertheim-Areal am Leipziger Platz in Mitte feilscht die B.Ä.R. Grundstücksgesellschaft als Eigentümerin der benachbarten Plattenbauten an der Voßstraße mit der Orco Germany um eine Abfindung. Es gehe um etwa zehn Millionen Euro, schreibt die Berliner Zeitung. Die deutsche Tochtergesellschaft der Orco Property Group hatte das Baugrundstück 2006 erworben und will es an den Berliner Projektentwickler High Gain House Investments verkaufen, der auf knapp 9 Hektar für 400 Millionen Euro ein neues Wohn- und Einkaufszentrum errichten will. Bisher wurde der Verkauf zwischen den Entwicklern durch Klagen der Anwohner nicht vollzogen. Sie befürchten Lärmbelastungen durch zukünftigen Lieferverkehr, der über die Voßstraße abgewickelt werden soll. Rechtsgutachten der finanzierenden Banken stützen jetzt die Annahme, dass die Klagen gegen das Bauprojekt vor Gericht erfolglos bleiben werden. Ende Januar 2011 soll die Brachfläche gegenüber dem Bundesrat endlich den Besitzer wechseln und mit dem Bau begonnen werden. Der Baubeginn war zuvor immer wieder verschoben worden. Nördlich der Voßstraße, heute Standort von Botschaftsgebäuden und Plattenbauten, stand bis Anfang der 1950er Jahre Adolf Hitlers Neue Reichskanzlei. (Berliner Zeitung, Tagesspiegel, futurberlin)

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— Nachricht —

Der holländische Investor OVG Real Estate will am Humboldthafen ein Bundesministerium bauen. Er hat Anfang Dezember sein Projekt dem Bezirk Mitte vorgestellt, das von Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) hinsichtlich Nutzung und Sicherheitsauflagen kritisiert wurde. Eine Uferpromenade am Hafen und Wegeverbindungen über das Grundstück am Alexander-Ufer / Ecke Kapelle-Ufer würden infolge der Nutzung als Ministerium unmöglich gemacht. Auch befürchet Gothe eine einseitige Entwicklung des Spreebogens hin zu einem „Beamtenghetto“ und sprach von „Bundesbürokratenburgen“. – In direkter Nähe, auf dem Areal des Bundespressestrands zwischen S-Bahntrasse und Spree, bereitet der Bund den Bau des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vor und sucht für das Gebäude, das 650 Mitarbeiter beherbergen soll, einen privaten Investor. Auf dem Moabiter Werder, nördlich des Kanzlerparks, begann am 16. Dezember der Bau des neuen Bundesinnenministeriums. Auf 3,6 Hektar sollen hier bis Ende 2014 Räumlichkeiten für ca. 1.600 Beschäftigte geschaffen werden. Das Projekt der Berliner Architekten Thomas Müller und Ivan Reimann soll 208 Millionen Euro kosten. (Berliner Zeitung)

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— Nachricht —

Ab März 2011 verlängert der Senat die Axel-Springer-Straße in Richtung Spittelmarkt. Der 300 Meter lange Straßenabschnitt soll zwei Fahrspuren je Richtung haben und 11,4 Millionen Euro kosten. Anwohner und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) klagen dagegen, weil sie die Grenzwerte für Lärm und Feinstaub überschritten sehen. Der BUND hält einen zweispurigen Straßenausbau für ausreichend. Die Grünen im Abgeordnetenhaus kritisieren das Vorhaben aus finanziellen Gründen. Die frühere Lindenstraße hatte nach dem Mauerbau ihre Funktion verloren. Ursprünglich waren durch sie die historischen Stadtteile Friedrichswerder und Friedrichsstadt miteinander verbunden. Der Anschluss der heutigen Axel-Springer-Straße an die Leipziger und Gertraudenstraße ist ein verkehrsplanerischer Akt des Planwerks Innenstadt, das Anfang 2011 vom Senat neu beschlossen werden soll. Im Kreuzungsbereich Spittelmarkt eröffnete am 9. Dezember das siebente Motel One-Hotel in Berlin. Das Gebäude wurde von den Architekturbüros Kny+Weber und Knich entworfen und ersetzt einen DDR-Flachbau, in dem bis zu seinem Abriss die Modeläden Exquisit und Ebbinghaus untergebracht waren. (Berliner Zeitung, futurberlin)

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— Nachricht —

Das Land Berlin hat zusammen mit der Vivico Real Estate GmbH einen Wettbewerb zur Gestaltung der Freiräume in der zukünftigen Europacity nördlich des Hauptbahnhofs ausgelobt. Auf 8,2 Hektar sollen zwischen Heidestraße und dem Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal eine Uferpromenade und ein neuer Stadthafen entstehen. Die Freiräume um den Nordhafen sollen aufgewertet werden, östlich davon entsteht die neue Firmenzentrale der Bayer Schering Pharma AG. Das östliche Kanalufer soll als Verflechtungsbereich in die Überlegungen einbezogen werden, hier befinden sich auf dem Gebiet des ehemaligen Grenzstreifens die Gedenkstätte Günter Litfin und der Invalidenfriedhof. Die Wasserflächen in den Häfen jenseits der Fahrrinne sollen für den Wassertourismus erlebbar gemacht werden. Aus dem Hamburger Bahnhof soll sich ein Kunst-Campus entwickeln. Die Europacity wird mit 40 Hektar Gesamtfläche etwa doppelt so groß wie der Potsdamer Platz. Gebaut wird gerade die neue Deutschlandzentrale des Total-Konzerns, der Total-Tower an der Heidestraße, als erstes Gebäude im Gebiet. Die Bewerbungsfrist für den Wettbewerb endet am 23. Dezember. (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, competitionline, fb)

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— Nachricht —

Der Senat will den Steglitzer Kreisel sanieren. Laut einer Parlamentsvorlage soll 2011 ein Planungsbüro gefunden werden, das für den asbestbelasteten Bürotower an der Schlossstraße ein Sanierungskonzept erarbeitet. Die Sanierung soll von Juli 2012 bis Ende 2014 dauern, 31,26 Millionen Euro kosten und von der landeseigenen Berliner Immobilien Management GmbH (BIM) durchgeführt werden. Parallel dazu will das Land Berlin als Miteigentümerin seinen 50 Prozent-Anteil an dem 119 Meter hohen Gebäude verkaufen. Die andere Hälfte des Hauses gehört der Immobilienfirma Becker & Kries, sie bewirtschaftet die unteren Geschosse, den Flachbau mit Hotelnutzung und Geschäften. Die Stockwerke des Turms stehen dagegen seit dem Auszug des Bezirks-Rathauses im November 2007 leer. Die Vermarktung der Immobilie war bislang schwierig. Berlin hat im März auf der internationalen Immobilienmesse in Cannes nach Käufern für das Objekt gesucht. Mit zwei Interessenten laufen Verkaufsverhandlungen. Der Kreisel wurde 1980, nach zwölfjähriger Bauzeit und Konkursgehen der Baufirma fertiggestellt. (Berliner Zeitung, Tagesspiegel, Emporis)

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— Nachricht —

Die Münchner Baufirma Wöhr + Bauer GmbH hat nach dreijähriger Bauzeit die Tiefgarage am Alexanderplatz fertiggestellt. Ab heute stehen Autofahrern auf drei unterirdischen Parkdecks entlang der Alexanderstraße insgesamt 650 Stellplätze zur Verfügung. Der Bau kostete 32 Millionen Euro und verzögerte sich wegen archäologischer Grabungen. Man fand Fundamente einer preußischen Exerzierhalle aus dem 18. Jahrhundert und 80 Gräber. Die Alexanderstraße selbst wird noch bis Sommer 2011 weitergebaut. Der Straßenbau kostet knapp 10 Millionen Euro und wird von den anliegenden Grundstückseigentümern finanziert, u.a. von den US-amerikanischen Immobilienfirmen Blackstone Group und Hines. Der Tiefgarage kommt nach Ansicht von Wöhr + Bauer-Geschäftsführer Wolfgang Roeck bei der Weiterentwicklung des Hochhausstandorts eine Schlüsselfunktion zu. Hines-Niederlassungsleiter Christoph Reschke dagegen sieht in dem Bau keinen nennenswerten Einfluss auf die weitere Entwicklung. Er schätzt, dass die zehn geplanten Hochhäuser von Hans Kollhoff und Helga Timmermann aus dem Wettbewerb von 1993/94 wegen der wirtschaftlichen Lage erst in 15 bis 20 Jahren gebaut werden. (Berliner Zeitung)

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— Nachricht —

Ein neuer Geldgeber hat den Schlossbauern 4,3 Millionen Euro spendiert. Das ist die bislang größte Spende, die der Förderverein Berliner Schloss e.V. für die Rekonstruktion der barocken Schlossfassaden eingenommen hat. Die Spendensumme steigt damit auf 24 Millionen Euro, bezogen auf gemachte Zusagen von Spendern. Insgesamt 80 Millionen Euro sind für das Fassadenprojekt erforderlich. Gezahlt wurden bis jetzt 14,5 Millionen Euro. Auch der neue Financier bezahlt über 75 Prozent seiner Spende später. Sein Geld soll für das Portal V verwendet werden, dem Schlosseingang gegenüber vom Lustgarten. Spendenbeträge bis zu fünf Millionen Euro sammelt der Förderverein, für Großspender ist die Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum zuständig. Ein Unternehmen und ein Verband wollen angeblich die Rekonstruktion der Schlosskuppel finanzieren. Das würde etwa 15 Millionen Euro kosten. Die Kuppel ist in den Gesamtkosten des Schlossneubaus nicht enthalten. Die veranschlagten Baukosten für das Projekt sind infolge der seit 2007 gestiegenen Baupreise um 30 Millionen Euro auf 582 Millionen Euro erhöht worden. (Berliner Zeitung)

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— Rezension —

„In der Summe bilden profilierte Zimmer ein charaktervolles Haus.“ Allein die bildhafte Sprache der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher verspricht, dass sie es mit Berlin gut meint. In der neuen Edition Gegenstand und Raum sollen dem gestern vorgestellten „Berlin plant“, Herausgeber Thomas Flierl, in einer groß angelegten Buchreihe des Verlags Theater der Zeit weitere Bände folgen.

„Berlin plant“ ist, wie der Untertitel es verspricht, ein „Plädoyer für ein Planwerk Innenstadt Berlin 2.0“. Und ein Sammelband, in dem 16 Beiträge Fehler, aber auch Verdienst des berühmt berüchtigten Planwerks Innenstadt beleuchten. Das 1999 vom Senat beschlossene städtebauliche Leitbild wurde seitdem nur innerhalb der Verwaltung fortgeschrieben, ohne öffentliche Diskussion und parlamentarische Kontrolle. Und natürlich wurde es in Teilen auch gebaut. Das Buch zieht eine faire Bilanz. Es ist keine Abrechnung. Auch klassische Verfechter des Planwerks kommen darin zu Wort, wenn auch nur ein einziger.

Frischer Wind für die Debatte ist, dass Studenten mitreden. Mit wissenschaftlichen Mitteln und dem Blick über den Tellerrand – hier geht er über London bis Chicago – führen sie die Berliner Stadtplanung endlich auf ein strategisches Niveau hinauf. Medien weg von der Spree zum Hauptbahnhof, Kunst weg vom Hauptbahnhof nach Neukölln, „Idea Stores“ wie in London als Leuchtturmprojekte mit mutiger Architektur in benachteiligte Quartiere, verbunden mit der Kunst, Gentrifizierung zu vermeiden: Hier meldet sich die neue Generation der Berliner Stadtplaner und lässt die Lochfassade des Planwerk-Städtebaus hinter sich, wie es einst der Speicherchip mit der Lochkarte aus der Mechanischen Datenverarbeitung tat.

Wenn Stadträume „Begabungen“ haben können, wie wir im Buch lesen, und Planer nach Instrumenten suchen, um „Offenheit zu verstetigen“, dann stimmen die Beiträge eine fachliche Tonart an, die für das Planwerk Innenstadt vor zehn Jahren einfach zu hoch lag.

Die Berliner Stadtplanung hat die Lust an der Strategie entdeckt. Was die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mit dem neuen „Planwerk Innere Stadt“ noch 2010 herausbringen will, ist wortwörtlich ein Werk aus Plänen. Hier überlagern sich Pläne, Themen, Teilräume und werden grafisch unter Rücksicht auf den Faktor Zeit miteinander verknüpft. Bei der Namensgebung hätte man allerdings mutiger sein können. Die inhaltliche Emanzipation des neuen Planwerks Innere Stadt vom alten Planwerk Innenstadt ist deutlich genug, dass auch sein Titel es verdient hätte, neu geboren zu werden.

(veröffentlicht in Neues Deutschland v. 22. September 2010)

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— Nachricht —

Alexander Kluge hat vor kurzem in der ZEIT daraufhin gewiesen: Im August brach der Erste Weltkrieg aus. Im August warfen die USA Atombomben über Hiroshima und Nagasaki ab. Im August baute die DDR die Berliner Mauer. Im August öffnete sich der Eiserne Vorhang an der ungarisch-österreichischen Grenze. Der August wäre ein gefährlicher Monat, schreibt er. Ein stillstehender Teich. Auch Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) weiß, wann für den Bebauungsplan im Mauerpark der richtige Zeitpunkt für eine Bürgerbeteiligung gekommen ist. Seit 18. August kann die Öffentlichkeit Anregungen und Bedenken äußern, noch bis zum 22. September. Dabei kann – im Gegensatz zur Bürgerwerkstatt – auch auf die Baugebiete Bezug genommen werden. Wie auf futurberlin berichet, laufen zwei verschiedene Beteiligungen. Die nächste Bürgerwerkstatt findet am 15. September statt, dabei geht es um die Gestaltung der zukünftigen Parkerweiterungsfläche. Umstritten bei den Bürgern sind aber vor allem das geplante Wohngebiet nördlich des Gleimtunnels und das Sondergebiet an der Bernauer Straße im Bereich des heutigen Flohmarkts.

ZEIT-Artikel: http://www.zeit.de/2010/32/Interview-Kluge?page=all

— Nachricht —

An der Schönholzer Straße in Prenzlauer Berg wehren sich Anwohner und mehr als zehn Hauseigentümer dagegen, ihre Grundstücke zu Gunsten der Gedenkstätte Berliner Mauer an das Land Berlin zu verkaufen. Durch die Gärten mehrerer Gebäude verläuft heute der ehemalige Postenweg, auf dem zu DDR-Zeiten Grenzsoldaten im Mauerstreifen patrouillierten. Dieser soll im Zuge der Erweiterung der Gedenkstätte wiederhergestellt und öffentlich zugänglich gemacht werden. Die Eröffnung des Postenwegs ist für August 2011 geplant, schreibt der Tagesspiegel. Zur Zeit wird für das Gedenkstättenareal ein Bebauungsplan aufgestellt, am 27. August endete die erneute öffentliche Auslegung. Drei Eigentümer ließen ihre Bedenken von Rechtsanwälten formulieren. Die Bewohner des Mehrgenerationenhauses in der Schönholzer Straße 13/14 schlugen ein Kaufangebot des Senats in Höhe von 100.000 Euro für eine Postenwegfläche von 163 Quadratmetern aus, berichtet die Berliner Zeitung. Sie kündigten an, gegen den Bebauungsplan zu klagen, falls dieser so festgesetzt würde. Eine weitere Eigentümerin lehnte ein Angebot von 305.000 Euro ab. Auf ihrem Grundstück an der Bernauer / Ecke Brunnenstraße ist der zukünftige Eingang in die Gedenkstätte geplant.

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Bewohner der Kastanienallee 86 in Prenzlauer Berg haben mit Unterstützung von Politikern und anderen Protestierenden am Dienstag die Räumung ihres hauseigenen Umsonstladens verhindert. Der Laden bleibt für die Bewohner trotzdem unzugänglich, Handwerker tauschten die Schlösser aus. Wie die Berliner Zeitung schreibt, hatte der Berliner Arzt und Hauseigentümer Michael Brauner versucht, schon zum dritten Mal einen Räumungstitel durchzusetzen. Er will das Haus teilweise sanieren. 80 Menschen wohnen in dem ehemals besetzten Haus, berichtet Neues Deutschland. Der Umsonstladen stammte ursprünglich aus der im November 2009 geräumten Brunnenstraße 183 in Mitte. In dem Souterrain des Gebäudes mit der auffälligen Fassade in der Kastanienallee („Kapitalismus normiert, zerstört, tötet“) gab es vorher eine Galerie. Gegen diese richte sich der Räumungstitel des Berliner Landgerichts, und daher sei die Räumung nach Meinung des Hausbewohner-Anwalts Moritz Heusinger auch unzulässig, schreibt die taz. Der Anwalt hatte zusammen mit Volker Ratzmann, Fraktionschef der Grünen im Abgeordnetenhaus, und dem Bundestagsabgeordneten Stefan Liebich (Linke) das Gespräch mit dem Eigentümer gesucht, der in einem Polizeiwagen der Räumung beiwohnte.



— Nachricht —

Im alten Flughafengebäude eröffnete Senatsbaudirektorin Regula Lüscher am Freitag eine Ausstellung, in der alle 78 Entwürfe zum landschaftsplanerischen Wettbewerb „Parklandschaft Tempelhof“ zu sehen sind. Schon im Juni waren sechs davon in die engere Auswahl für das jetzt anstehende Verhandlungsverfahren gekommen. Bürger sollen bei der konkreten Ausgestaltung der prämierten Pläne mitreden können. Über den endgültigen Siegerplan entscheidet eine Jury im Dezember, berichtet die Berliner Morgenpost. Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) und Rainer Nagel, Leiter der Abteilung Stadt- und Freiraumplanung, diskutierten am Wochenende die Wettbewerbsergebnisse mit der Öffentlichkeit. Die Entwürfe sind bis zum 12. September, täglich von 10 – 18 Uhr zu sehen. Unabhängig vom Park-Wettbewerb findet ein Ideenwettbewerb zu Zwischen- und Pioniernutzungen auf den zukünftigen Baufeldern statt. Langfristig sollen an den Rändern des Parks drei Stadtquartiere entstehen. Für das „Columbiaquartier“, künftige Adresse für innovatives Wohnen, wurde ein städtebaulicher Wettbewerb schon 2009 durchgeführt.

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347.863 Wohnungen = 347.863 SchlüsselBerliner Wohnungsunternehmen blicken in einer Ausstellung auf ihr Nachwendewerk zurück. Unter dem Titel „Berliner Einsichten – 20 Jahre Wohnen in der wiedervereinigten Hauptstadt“ präsentieren sie zusammen mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung 73 Projekte. In Berlin gibt es insgesamt knapp 1,9 Millionen Wohnungen, berichtet der Tagesspiegel. Davon gehören 347.863 den 26 Wohnungsbaugenossenschaften und sechs städtischen Wohnungsbaugesellschaften. 87 Prozent der Wohnungen sind Mietwohnungen. Und die Bewohnerschaft verändert sich. Bis 2020 wird der Anteil der Menschen, die 80 Jahre alt und älter sind, um 43 Prozent im Vergleich zu 2007 auf 195.000 ansteigen. Die Ausstellung findet in der Spandauer Straße 2 statt und endet am 31. Oktober.

— Nachricht —

Aufgrund von Anwohnerprotesten ändert die Grün Berlin GmbH ihre Pläne für die Gestaltung des Parks am Gleisdreieck. Wie die Berliner Zeitung berichtet, soll der Vegetationsbestand auf der 26 Hektar großen Fläche jetzt mehr Berücksichtigung finden als ursprünglich beabsichtigt. So würde es weiterhin Wildwuchs, Baumgruppen und sogar Totholz im neuen Park geben, Naturspielplätze mit Matsch und Steinen, auch Brombeerbüsche und Apfelbäume. Die 60 Kleingärten im westlichen Parkteil blieben bestehen, die die Projektleitung für zwei neue Sportplätze eigentlich abreißen wollte. Die Sportplätze sollen jetzt nach Vorbild des Metromarktes am Ostbahnhof auf dem Dach eines an der Yorckstraße entstehenden Baumarktes errichtet werden. Ebenso würden hier Kinderwünsche nach einem Trampolin und Labyrinth erfüllt. Im westlichen Park würde ab 2011 gebaut, im östlichen schon seit einem Jahr. Insgesamt 62.000 Tonnen Bauschutt, Gleisschotter und Ziegel seien laut Projektleiterin Regina Krokowski auf der Bahnbrache schon abgeräumt worden.

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— Interview —

mit Frank Bertermann, Vorsitzender des Stadtentwicklungsausschusses der BVV Mitte, über die Bürgerwerkstatt Mauerpark und den Bebauungsplan

Für die Pläne am Mauerpark läuft eine komplizierte Bürgerbeteiligung. Die „Bürgerwerkstatt Mauerpark-Fertigstellung“ ist ein informelles Moderationsverfahren, das von der Grün Berlin GmbH im Auftrag des Bezirks durchgeführt wird und bis Ende 2010 abgeschlossen sein soll. Davon zu unterscheiden ist die formale, gesetzlich vorgeschriebene Beteiligung der Öffentlichkeit im laufenden Bebauungsplanverfahren, das hat Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) in einem offenen Brief an die Bürgerinitiativen klar gestellt. Die Inhalte beider Verfahren werden aufeinander abgestimmt. Bürgerinitiativen hatten in der Auftaktveranstaltung zur Bürgerwerkstatt vom 7. Juli kritisiert, dass sich nur zu der Grünplanung geäußert werden konnte, nicht aber zu den umstrittenen Baugebieten des Bebauungsplans. Für den B-Plan 1-64 Mauerpark gibt es seit dem 4. Mai einen Aufstellungsbeschluss. Die nächste Bürgerwerkstatt findet am 15. September statt.

Herr Bertermann, für den Mauerpark sind zwei verschiedene Bürgerbeteiligungen geplant. Welche ist für den Bürger die wichtigere?

Ich würde nicht sagen, dass die eine wichtiger ist als die andere. Die Bürgerwerkstatt ergänzt das normale Bürgerbeteiligungsverfahren wie es im Land Berlin üblich ist.

Wie läuft so ein Verfahren ab?

Man kann für einen Monat aufs Amt gehen und sich die Unterlagen angucken. In der Regel versteht man sie als normaler Bürger nicht. Man kann sie sich auch erklären lassen, aber ich glaube schon, dass das schwierig ist.

Ist es da einfacher, auf die Straße zu gehen und zu protestieren, wie beim Sternmarsch von Megaspree am 10. Juli?

Das eine ist eine Protestform, das andere ist eine Beteiligungsform.

Beteiligt werden sollen die Bürger in der Bürgerwerkstatt nur an der Grünplanung. Warum stehen die Baugebiete nicht zur Diskussion?

Das Ergebnis der Bürgerwerkstatt ist ja ziemlich eindeutig. Von den Anwesenden wird nicht angenommen, nur über die Grünfläche zu reden. Die Leute stoßen sich an den Bebauungsmöglichkeiten im B-Plan, die der Aufstellungsbeschluss ermöglicht. Was sich unser Baustadtrat dabei gedacht hat, liegt in seinem Erfindungsreichtum.

Ist die Bürgerwerkstatt, die als eine Serie von mehreren Veranstaltungen geplant war, damit gestorben?

Nein. Ich gehe davon aus, dass auf Grundlage dieser ersten Bürgerwerkstatt es ein Beteiligungsverfahren geben wird, das die Bebauung mit einbezieht. Und dann gibt es viele Möglichkeiten, das praktisch auszugestalten.

Rennt dem Bezirk nicht die Zeit davon, weil die Allianz Umweltstiftung die Fördergelder zurückfordern könnte?

Den Zeitdruck hat der Bezirk erstmal nicht. Den Zeitdruck hat die Senatsverwaltung. Im Endeffekt wird der Bebauungsplan vom Parlament, von der Bezirksverordnetenversammlung beschlossen. Deswegen kann die BVV jederzeit sagen, wir wollen weitere Bürgerbeteiligungsformen, um einen Konsens zu finden. Also den Zeitdruck finde ich erstmal konstruiert, was die Bezirksebene betrifft. Das ist in der Regel ein schönes Totschlagargument von Leuten, die sich nicht vernünftig unterhalten wollen.

Welche Rolle spielt die Stiftung dann?

Klar ist, dass der Vertrag mit der Allianz Stiftung, den das Land Berlin abgeschlossen hat, vorsieht, dass der Park bis Ende 2010 erweitert sein soll. Die Allianz Stiftung hat aber durchaus mehreren Leuten gegenüber vermittelt, dass sie nach 20 Jahren auch wissen, dass solche Verfahren einem Veränderungsprozess unterliegen. Für die Allianz Stiftung ist wichtig, dass wir auf einem guten Weg sind. Also ich gehe nicht davon aus, dass sie am 1.1. mit dem Hammer dastehen und das Geld eintreiben.

Wo genau auf dem Weg sind Sie?

Wir haben einen Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan. Wir haben erstmal eine Linie, was die Bürgerbeteiligung angeht. Wenn hinterher gesagt wird, wir haben im Konsens mit allen Beteiligten andere Vorstellungen, dann ist der Bebauungsplan anzupassen und anders festzusetzen als im Aufstellungsbeschluss. Wichtig ist, dass die Ergebnisse dieser Bürgerwerkstätten in die Abwägung einfließen. Am Ende wird es eine Vorlage für die BVV geben, in der die Kritikpunkte drin stehen. Dann sind die Politiker gefragt, sich dieser Kritikpunkte anzunehmen.

Kritisiert wird zum Beispiel die geplante Bebauung an der Bernauer Straße. Halten Sie es für möglich, dass die Vivico, über den bisher errungenen Kompromiss hinaus, auf das Baufeld verzichtet?

Da würde ich mich nicht in die Spekulation begeben. Es besteht auch die Möglichkeit, dass man da unten irgendetwas Neues schafft, ohne große Sechs- oder Siebengeschosser zu bauen. Deswegen war ja auch unser Vorschlag – und der steht ja auch im Aufstellungsbeschluss – dass man insbesondere zur „unteren“ Bebauung sich erstmal zur Nutzung im Klaren wird. Und danach richtet sich, ob man da nun in Stein gehauene Mauern hinsetzt oder ob man sich vielleicht andere städtebauliche Lösungen vorstellen kann.

Auch Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) sagte auf einer Veranstaltung im Juni, er könne sich „alles Denkbare, außer Wohnen“ vorstellen.

Sicher. Muss man sehen. Ich bin auch ganz gespannt, was bei dieser Diskussion, welche Anforderungen an welche Fläche gestellt werden, die unterschiedlichen Bürgerinitiativen dort formulieren.

Manche Initiativen vertreten extreme Positionen und bestehen auf eine konsequente Nicht-Bebauung und Fertigstellung des Parks.

Wir müssen im Rahmen der Bürgerbeteiligung halt ausfechten, ob es nicht doch einen Konsens zwischen allen Beteiligten gibt. Das ist meine Wunschvorstellung. Ob es klappt, weiß man nicht. So ein Verfahren ist nicht eine Sache, von der man sagen kann, das hat man schon 500 mal gemacht, und deswegen weiß man, wie es ausgeht.

Wie sollte es ausgehen?

Ich unterstelle mal, dass am Ende ein Bebauungsplan rauskommt, der zumindest den Großteil der Interessen aufnimmt. Man wird garantiert nicht von allen Freundschaft damit bekommen. Aber man hat am Ende zumindest die Möglichkeit, dass die Grünfläche doch fertiggestellt wird. Diese Alternative gab es vor einem dreiviertel Jahr noch nicht.

Das Gespräch führte André Franke.



— Bericht —

Die Planungen für den Mauerpark gehen in eine neue Runde. Der Bezirk Mitte hat das Bebauungsplanverfahren eröffnet. Grundlage ist der Kompromissentwurf aus dem Winter, der eine Bebauung des zukünftigen Parks nach Protesten nur noch im Norden des Gleimtunnels und im Süden an der Bernauer Strasse vorsieht.

Mitte-Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) hatte am Dienstag im Brunnenviertel zu einer Diskussionsveranstaltung eingeladen. “Ich finde es eigentlich ganz schön hier”, sagte er und kündigte eine ganze Reihe von Bürgertreffen an. Die Auftaktveranstaltung für die Öffentlichkeitsbeteiligung soll noch vor dem 7. Juli stattfinden.

Ein B-Planverfahren sei ein sehr langer und schwieriger Prozess, sagte Berlin-Vivico-Chef Henrik Thomson. Wir seien noch nicht an der Machbarkeit angelangt. “Es kann scheitern”, warnte er.

Zum Beispiel an der Frage, wie das Wohngebiet im Norden erschlossen werden soll. Gothe will dazu ein Verkehrsgutachten erstellen lassen. Der Denkmalwert des Gleimtunnels sei aber unbestritten, betonte er.

Keine Bebauung an der Bernauer Strasse und dafür “ein schönes, offenes Entrée in den Mauerpark” fordert der Bürgerverein Gleimviertel. In dem geplanten “Sondergebiet” kann nach Gothes Vorstellung “alles Denkbare, außer Wohnen” entstehen. Sechs- bis siebengeschossige Häuser für Hotels oder die Kreativwirtschaft sollen hier gebaut werden können. Genaueres soll ein städtebauliches Gutachterverfahren klären.

Das Recht, an der Bernauer Strasse zu bauen, wird sich die Vivico nicht ohne weiteres nehmen lassen, schließlich ist der Plan schon ein Kompromiss. “Der Bezirk hat sich bewegt, und wir haben uns bewegt”, sagte Thomson. Der Park wächst um 5,8 Hektar, die Vivico bekommt die gewünschte “Gegenleistung in Form von Bauflächen”, wie es Thomson nennt.

Gothe wünscht sich für das anstehende Beteiligungsverfahren eine konsktruktive Atmosphäre. Mit ihr steht und fällt der Bebauungsplan. Mit zwei Gutachten, zwei beteiligten Bezirken und dem Hype um Flohmarkt und Mauersegler wird der Plan bis Ende des Jahres wohl nicht festgesetzt und der Park damit nicht auf die kritische Größe von 10 Hektar erweitert sein.

Dann könnten die Millionen fließen, um die es eigentlich geht. Die Allianz Umweltstiftung könnte vom Land Berlin Fördermittel in Höhe von 2,3 Millionen Euro zurückfordern, mit denen sie die Errichtung des Mauerparks in den 1990er Jahren finanzierte. Das möchte Gothe nicht verantworten müssen.

Die Vivico dagegen könnte jeder Zeit von dem rasenden Zug abspringen, sollte es ihr zu ungemütlich werden, und ihre Gewerbeflächen gewinnbringend weiterverpachten und warten bis die sich derzeit in Gründung befindliche Stiftung Weltbürgerpark ihr das Gelände mit noch zu sammelnden Geldern abkauft. Laut Stiftung bemisst sich der Verkehrswert der Flächen auf etwa neun Millionen Euro. Aber auch die Stiftung hat – im Unterschied zu Gothe – Zeit.

— Bericht —

Es ist ein Sieg für die Ost-Moderne. Platte bezwingt Planwerk. Thomas Flierl (Linke), Stadtentwicklungspolitiker aus dem Berliner Abgeordnetenhaus, spricht vom „geordneten Rückzug des Planwerk Innenstadt.“ Der Ex-Baustadtrat von Mitte hatte zur Abwehr des Planwerks einst B-Pläne aufstellen lassen, um die sozialistischen Großstadtsiedlungen entlang der Karl-Marx-Allee zu schützen, mit Erfolg. Der Senat hatte die Weiterbearbeitung der B-Pläne zwar untersagt, aber es kam zu einem politischen Kompromiss. Die verschollene Landsberger Straße sollte nur noch als Fuß- und Radwegebeziehung ausgebaut werden, anstatt als Erschließungsstraße mit Straßenbahnlinie wiederbelebt zu werden. Das war 1998.

Diese Lösung wird jetzt mit dem prämierten Entwurf von Augustin und Frank Architekten Berlin für das Areal des ehemaligen „Hauses der Statistik“ am Alexanderplatz fortgeschrieben. Mehr noch, die geplanten Blöcke passen sich an die Plattenbauten an. Und, im Hinblick auf die Nutzung, auch die Solitäre, in denen nur gewohnt werden soll.

„Noch vor Jahren hätten wir eine Hochhausdiskussion gehabt und hätten einen Wohnanteil festschreiben müssen“, hieß es von Manfred Kühne bei der Ausstellungseröffnung letzten Donnerstag. Der Städtebauer vom Senat verwies auf die Marktlage und Nutzungsinteressen der Eigentümer. Der Bund und das Land Berlin wollen auf dem Gelände keine Grünfläche errichten, denn die kostet. Das Planwerk Innenstadt hatte ihnen die Nutzung aufgebrummt, verbindlich als städtbebauliches Leitbild seit dem Planwerks-Beschluss des Senats vom 18. Mai 1999.

Gedacht war damals eine extreme Verdichtung an der Karl-Marx-Straße / Ecke Otto-Braun-Straße. Eine dahinterliegende Grünfläche sollte die Verdichtung kompensieren. Jetzt räumt Kühne ein, dass eine Grünfläche an einer Hauptstraße wie der Otto-Braun-Straße keine hohe Aufenthaltsqualität haben könne. Das alte Planwerk ist obsolet geworden.

Zwar sei es nach 1999 verwaltungsintern weiterentwickelt und überarbeitet worden, sagt Flierl. Eine politische Diskussion und ein neuer Senats-Beschluss stünden dagegen noch aus. Noch 2010, kündigte Kühne an, werde ein Beschluss vorbereitet werden. Fehlt nur noch die Debatte. Stadtplaner veranstalten am 28./29. Januar im Center for Metropolitan Studies an der TU Berlin einen Workshop „Beyond Planwerk Innenstadt“ und rufen zum strategischen Weiterdenken auf.

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— Bericht —

Für das Gelände des ehemaligen „Hauses der Statistik“ an der Karl-Marx-Allee Ecke Otto-Braun-Straße in Mitte gibt es eine neue städtebauliche Planung. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat ein konkurrierendes städtebauliches Gutachterverfahren durchgeführt und präsentiert die Entwürfe von vier Berliner Architekturbüros im Rahmen einer Ausstellung. Das Areal am Alexanderplatz sei in den vergangenen Jahren „Ort heftigster planungspolitischer Auseinandersetzungen“ gewesen, sagte Manfred Kühne, Leiter der Abteilung Städtebau und Projekte in der Senatsverwaltung. Er eröffnete die Ausstellung am Donnerstag und betonte die Kooperation im Verfahren mit Architekten, dem Bezirk Mitte und den Eigentümern, der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und dem Liegenschaftsfond Berlin.

Der prämierte Entwurf des Büros Augustin und Frank Architekten lieferte die geforderte hohe Bandbreite an Gebäudetypologien und beantwortete die zentrale Wettbewerb-Frage nach der räumlichen Vernetzung des Plangebiets mit dem angrenzenden Wohngebiet an der Karl-Marx-Allee am überzeugendsten. Ausgehend von einer klaren Stadtkante an der Otto-Braun-Straße verjüngen sich drei 9-geschossige Blöcke trapezartig im rückwärtigen Bereich. Der Nutzungsmix aus Einzelhandel, Büros/Hotels und Wohnen variiert zwischen den Geschossen und in Abhängigkeit von der Nähe zum Wohngebiet. Zwei 11- und 15-geschossige Solitäre leiten zur offenen Bauweise über und dienen fast ausschließlich dem Wohnen. Ecke Karl-Marx-Allee schließt ein 13-stöckiges Büro- und Hotelhochhaus das Gebiet an den Alexanderplatz an, es ragt aus einem 4-geschossigen Block-Sockelbau heraus, der die Bauflucht der alten Landsberger Straße wieder aufnimmt.

Entgegen älteren Planungen hat die Landsberger Straße in dem Entwurf keine grundstückserschließende Funktion und wird nur mit landschaftsgestalterischen Mitteln wiederhergestellt. Die Blöcke orientieren sich am rechtwinkligen Straßengrundriss des DDR-Wohngebiets. Der radikale Ansatz des Planwerks Innenstadt von 1998, der eine starke städtebauliche Überformung des Gebiets mit der radialen Struktur der alten Königsstadt vorsah, sei aufgegeben worden, sagte Kühne. Inzwischen hätten sich die Nutzungsinteressen der Eigentümer, wie auch die Lage am Markt geändert, und es gäbe eine höhere Nachfrage nach Wohnen als in den Jahren zuvor.

Der Vorsitzende des Stadtentwicklungsausschusses im Abgeordnetenhaus Thomas Flierl (Linke) findet die Planung richtig und gut. Schon als Baustadtrat von Mitte (1998-2000) hatte er sich für den Erhalt der Ost-Moderne an der Karl-Marx-Allee eingesetzt, heute fordert er die verwaltungsexterne Weiterentwicklung des Planwerks Innenstadt mit politischem Beschluss. Nach Angaben von Kühne soll ein neuer Planwerksbeschluss noch in diesem Jahr gefasst werden. Die Ausstellung der Gutachter-Entwürfe läuft bis 6. Februar im Lichthof der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Am Köllnischen Park 3.

(teilweise veröffentlicht in Neues Deutschland v. 23.01.2010)

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— Bericht —

Getrost kann man an der Karl-Marx-Allee Ecke Otto-Braun-Straße von einem städtebaulichen Missstand sprechen. Das ehemalige „Haus der Statistik“ am Alexanderplatz verschreckt durch sein ruinöses Erscheinungsbild Autofahrer in den unterirdischen Kreuzungstunnel. Aber das wird sich ändern, das Grundstück wird neu bebaut.

Vier Berliner Architekturbüros haben dazu Entwürfe erarbeitet, Senatsbaudirektorin Regula Lüscher stellt die Pläne am Donnerstag vor. Sie sind das Ergebnis eines konkurrierenden städtebaulichen Gutachterverfahrens, das die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zusammen mit den Eigentümern und dem Bezirk Mitte durchgeführt hat. Der Siegerentwurf des Büros Augustin und Frank Architekten sieht vor, den baufälligen Gebäudekomplex in drei Blöcke aufzubrechen und im Kreuzungsbereich ein Hochhaus zu errichten. Die Arbeiten werden bis 6. Februar im Lichthof der Senatsverwaltung Am Köllnischen Park 3 ausgestellt.

Der 1970 errichtete Bürobau ist heute abrissreife Bausubstanz. Die Staatliche Zentralverwaltung für Statistik hatte vor der Wende hier ihren Sitz. Bekannt war das Haus auch für den „Natascha-Laden“ und die „Suhler Jagdhütte“. DDR-Bürger konnten hier Erzeugnisse aus der Sowjetunion kaufen oder sich in dem Jägerei-Fachgeschäft mit Ferngläsern, Flinten und Hirschfängern ausrüsten. Mieter nach 1990 waren die Berliner Außenstelle des Statistischen Bundesamtes und die Zentralstelle der „Birthler-Behörde“. Das Gebäude steht heute leer. Eine Zukunft jenseits des 40. Geburtstages wird es für das Bauwerk nicht geben. Auf den Jahrestag genau folgt es dem Staat ins Grab, der es gebaut hat.

Auferstehen wird auf dem Gelände ein Stück Vorkriegs-Berlin. Hier lag einst die historische Georgenvorstadt, später Königstadt genannt, deren Straßen ursprünglich strahlenförmig vom Alexanderplatz wegführten. DDR-Architekten haben den alten Stadtgrundriss an dieser Stelle mit einem 1962 fertiggestellten Plattenbau-Wohngebiet überplant. Die Landsberger Straße verschwand so aus dem Stadtraum. Einzig das 1913 gebaute „Haus der Gesundheit“ steht noch in der alten Straßenflucht. Mit ihrem Entwurf holen die Gewinner-Architekten sie ins Gedächtnis der Stadt zurück – teilweise.

(teilweise veröffentlicht in Neues Deutschland v. 23.01.2010)

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