Eine Mitte der Bürgerschaft (7/22)

Von
7. November 2012
In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Gleichschaltung und „Volksgemeinschaft“

Hatte in der Folge der sozialen und demokratischen Revolution von 1918 die Weimarer Republik  auch die bürgerschaftliche Selbstverwaltung der Städte und Gemeinden gestärkt und durch die Weimarer Reichsverfassung garantiert, wird 1935 mit der Gleichschaltung im nationalsozialistischen Einheitsstaat, dem „Führerprinzip“ und dem  „Einklang der Gemeindeverwaltung mit der Partei“ auch die kommunale Selbstverwaltung abgeschafft. Die Macht des Bürgermeisters leitet sich vom „Führer“ ab. An die Stelle eines durch Recht und Gesetz und die Teilung der Gewalten kontrollierten Ausgleichs gesellschaftlicher Interessen treten Willkür, Zwang, Gewalt, Raub und Mord. Die bunte, vielfältige, widersprüchliche, individualistische und pluralistische Massengesellschaft wird gleichgeschaltet zur „Volksgemeinschaft“. Das „Volk“ wird, je weniger das Volk zu sagen hat, in Wort-Kompositionen inflationär: Volksgerichtshof, Volkssturm, Volksempfänger, Volkswagen –  der Propagandaminister leitet ein Ministerium für Volksaufklärung. Architektur und Städtebau werden zu Kulissen pseudodemokratischer Choreografie zur Inszenierung jubelnder Massen unter Fahnenmeeren. In der Reichshauptstadt gipfelt dies in den Plänen zur Errichtung der „Welthauptstadt Germania“, für deren megalomane Nord-Süd-Achse bereits Tausende Berliner Wohnungen dem Abriss geopfert werden, bevor der Weltkrieg sein Vernichtungswerk beginnt und schließlich Berlin in Schutt und Asche legt.

Morgen: Teil 8 „Demokratischer Zentralismus“

 

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