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Oswalts Hoffnung

Ernst-Wolf Abée spricht und sagt, es sei in seinem Innern eine Klappe aufgegangen, als er sich in jüngster Vergangenheit einmal öfter mit dem Berliner Schloss konfrontiert sah. Er präsentiert seine Idee, aus dem Humboldtforum ein Anti-Kriegsmuseum zu machen. Ein Bild zeigt die Barockfassaden als Schlachtschiff. Aus den Fenstern stechen Kanonenrohre heraus. Alle Luken sind geöffnet. Feuer frei. Abées Idee ist eine von 153 Ideen zur „Schlossaneignung“. Die gleichnamige Initiative hatte einen Wettbewerb ausgelobt. Nun stellen in der Stadtwerkstatt in der Karl-Liebknecht-Straße in Mitte neben Abée 20 weitere Kritiker, Kreative, Künstler und Weiterdenkende ihre kleinen dreiminütigen Werke vor. Sie, Werke wie Werktätige, zählen zu den ausgewählten.

Präsentation der Ideen zur „Schlossaneignung“ am 10. Oktober 2024. Architekt und Professor Philipp Oswalt begrüßt alle Mitwirkenden und Gäste (Foto: André Franke)

Darunter ist auch Larry Bonchaka, der ein Basecap mit der Aufschrift „HOPE“ trägt. Er präsentiert in Englisch. Was, ist im Grunde zweitrangig, denn die Botschaft, die er vermittelt, besteht aus genau eben diesen vier Buchstaben: H-O-P-E. Moderator Anh-Linh Ngo, Chefredakteur der Zeitschrift Arch+, erkennt das sofort und unterstreicht Larrys Abgang mit dem rhetorischen Wink auf die Hoffnung, die heute im Raum schwebt, hier in der Stadtwerkstatt. Das Berliner Schloss ist zwei Steinwürfe entfernt. Larrys Hoffnung ist die Fortsetzung des großen „ZWEIFEL“, der als riesiger Schriftzug, als Konterfei der Schlossbaugegner, auf dem Dach des ausgeräumten und asbestsanierten Palasts der Republik stand. Früher war Zweifel, heute ist Hoffnung. Es besteht Hoffnung, dass aus Schloss und Humboldtforum mehr wird als Schloss und Humboldtforum.

Auch Philipp Oswalt, Mitgründer der Initiative „Schlossaneignung“, scheint zu hoffen. Das verrät der Ton, in dem er spricht. Er weist daraufhin, betont, dass die Petition, die gestartet wurde, 30.000-mal mitgezeichnet werden muss. Sie läuft bis zum 8. November. Bei Erfolg muss sich der Bundestag mit dem Thema beschäftigen. 30.000 Unterschriften sind aber viel. Ich glaube, sie werden nicht zusammenkommen. Diesmal noch nicht.

Wo Drohnen stören

Dann, beim nächsten Mal vielleicht. Oder beim übernächsten Mal. Was hier nämlich losgetreten wird, hat eine große Zukunft. Es soll ein Rohling geformt werden. Es soll etwas vom Himmel Gefallenes in der Erde anwachsen. Es soll in der Gesellschaft anwachsen. Nutzungen sollen ergänzt werden, Barockfassaden sollen überblendet, demontiert oder vegetativ durchwuchert werden. Neue Zugänge sollen durch Außentreppen entstehen und durch hochgebaggerte Sandhügel. Schwärme von Drohnen sollen wie Krähen die Gemütlichkeit und das Schwelgen in der Schlosserinnerung stören. Der gemeinsame Nenner aller Entwürfe ist: An diesem Schloss fehlt etwas. Das Gebäude und sein Forum erzählen die Gesamtgeschichte nicht. Da genügt es auch nicht, wenn zum Festival of Lights die Spreefassade des Schlosses mit Motiven des Palasts der Republik überspielt wird. Zwar blüht die Glasblume aus dem früheren Palastfoyer über zehn Abende, grüßen Jung-Pioniere mit blauen Halstüchern und Käppis, zieht ein Fuchs über die grüne Wiese. Ein Fuchs?

Fuchs stromert über die Spreefassade des Humboldtforums. Ohne das Festival of Lights gibt es keinen Grund hinzuschauen (Foto: André Franke)

Als ich am ersten Sonnabend des Festivals mit Touristen am Spreeufer gegenüber der Fassade stand, war der Fuchs für mich eine echte Überraschung. Selten hat man als Stadtführer die Gelegenheit diese Geschichte aus der Tasche zu ziehen. Beim Thema 9. November 1989 reicht es meist nur für Schabowskis Zettel und die Bornholmer Straße. Doch Schabowskis Zettel ist auch der Zettel von Gerhard Lauter.

Und wo Füchse ins Theater gehen

Oberst Gerhard Lauter schreibt ihn mit Mitarbeitern am Morgen des 9. November im Ministerium des Innern. Anschließend geht der Entwurf der Reiseregelung ans Politbüro und ins ZK der SED. Am Abend, nach getaner Arbeit, geht Lauter ins Theater. Er schaut sich „Reineke Fuchs“ von Goethe an (vermutlich handelt es sich um die völlig frei vorgetragene und äußerst zu empfehlende Lesung von Eberhard Esche, die schon 1984 im DDR-Fernsehen übertragen wurde und heute noch bei youtube zu sehen ist). In einem späteren Interview gibt er preis, dass das Stück eine perfekte Parodie auf die damaligen DDR-Verhältnisse gewesen sei und dass niemand gelacht hätte. Das Theater, in dem der Oberst saß, war das Theater im Palast der Republik. Als er nach Hause geht, klingelt das Telefon, und er muss ins Ministerium, wo er die Nacht damit verbringt, den „Schaden“ zu begrenzen.

Ein Fuchs zieht durchs Schloss. – Könnte man das nicht irgendwie auch in Echt hinkriegen? Wo Füchse in Berlin über den roten Teppich des Kanzleramts trappeln (letzte Woche auf einem Foto im SPIEGEL zu sehen), und vom „Kita-Fuchs“ und „Schul-Fuchs“ berichten sogar meine Kinder. Der Schulfuchs ist anerkannt, gleichermaßen von Schülern wie Lehrern, und dort immer gern gesehen. Vielleicht könnte man diesen motivieren, vom Prenzlauer Berg runter ins Spreetal zu wandern, wenn die Gastronomie des Humboldtforums einen Eimer Abfälle dauerhaft in den Schlüterhof stellt.

Die Füchse lassen sich vom Schlossplatz nicht vertreiben. Zu überzeugend hat Eberhard Esche seinen „Reineke Fuchs“ gebellt: in zwölf Gesängen und seit 1984 im Palast-Theater (Foto: André Franke)

Bisschen Farbe für die toteste Architektur Berlins

Ohne Fuchs und ohne Festival of Lights ist die Spreefassade des Schlosses tot. Nur „Humboldt Forum“ steht fett drauf. Diese Wand ist das abstoßendste Stadtbild, das Berlin seinen Besuchern und Bewohnern zuzumuten wagt. Ich sehe da nur Wilhelmstraße, sonst gar nichts. Wäre sie entstanden wie Architekt Franco Stella sie geplant hatte, bräuchte es bewegte Füchse nicht. Dann sähen wir Menschen, sähen die Gäste des Humboldforums durch die offene Loggia wandeln, verweilen, winken. Gepanzert hat man das Humboldtforum mit den immer geschlossenen, schwarz-grauen Fensterkreuzen.

Gleichförmig und mit getrübtem Glas, unbewegt und Bewegung im Außenraum nicht im Stande zu verursachen, trennt ausgerechnet die einzige modern gestaltete Fassade was doch zusammengehört: die Menschen im Schloss und die Menschen in der Stadt, die Berliner und die Spree, das Wissen aus dem Humboldtforum und das Wasser im Fluss. Die Besucher des Humboldtforums dieser Begegnung zu berauben, ist beinahe ein Gewaltverbrechen. Da pumpt man sie voll mit den Stoffen der Weltkulturen, maximiert das Raumprogramm des Neubaus, dass das Forum auseinanderplatzt und hält die zugeballerten Köpfe gefangen im Gebäude, ohne dass sie sich durch den Blick auf die langsam dahinziehende Spree, auf den vorbeirollenden Wellen wieder etwas entleeren könnten. Auch das ist schon wieder so eine Ironie. Dass es am Schlossplatz so ganz ohne Gewalt nicht zu gehen scheint. Und ohne Befehlston auch nicht.

Jung-Pioniere am Humboldtforum. Blaue Halstücher an der nicht ganz so blauen Spree (Foto: André Franke)

Da komme ich mit einer Gruppe Schülern auf Rädern oben ans Schloss. Es ist Nachmittag, Hochsommer. Die Spreefassade liegt gnädig im Schatten, und die Schüler setzen sich auf die hüfthohe (für die Kleinen brusthohe) Balustrade aus Stein. Kühler Stein ist eine Wohltat in der Hitzestadt. Hier lässt es sich für ein paar Minuten aushalten. Und ich erzähle der Gruppe von Schloss, Palast und Humboldtforum. Komme grade bis zum Kaiser, dem letzten, da nötigen Sicherheitskräfte meine aufmerksamen Schüler (aufmerksame Schüler sind Gold wert), von der Balustrade herunterzusteigen! Dieses Steingeländer, ähnlich der Mauer am Brandenburger Tor, das wie eine Bühne einlud, sie zu besteigen, zu bespielen, zu beleben, zu bevölkern, ist die ideale Sitzgelegenheit im öffentlichen Raum östlich des Humboldtforums, erst recht wenn der Ort im Sommer im Schatten liegt. Und es ist die einzige Sitzgelegenheit noch dazu. Als die Typen um die Ecke gegangen waren, stiegen wir wieder drauf. Das war auch eine Form der Aneignung.

Menschenmenge auf dem Marx-Engels-Forum beim Festival of Lights 2024. Im Hintergrund Fassade des Humboldtforums (Foto: E.F.)

Diesen Ort muss man sich aneignen oder meiden und vergessen. Und damit meine ich eben den ganzen Schlossplatz wie es im Sinne des Wettbewerbs Programm ist. Ernst-Wolf Abée machte in seiner Vorstellung einen weiten Zukunftsraum auf. Die Jahreszahl 2089 erschien an irgendeiner Stelle seiner Präsi. Das war – für mich jedenfalls – „mind blowing“. Es werden die Jungen kommen und das Ding umkrempeln. Wir haben ja alle Zeit der Welt.

Vielleicht muss dafür mehr als eine Petition aufs Gleis gesetzt werden. Oder vielleicht auch weniger. Vielleicht kommt die Aneignung oder Auflösung dessen, was heute dort steht, auch auf einem ganz anderen Weg zustande. Vielleicht verdampft dieser Dampfer unmerklich. Ausbleibende Besucher wären ein unterschätztes Szenario. „Wanderer, kommst Du nach Berlin, bleibe den Barockfassaden fern!“ Ja, was wäre das für ein spannender Ort: alle pilgern zum Schloss, aber keiner geht rein. Außen die Hölle los, innen aus die Maus.

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Auf eine Kaltschale an der Freiheitswaage

Wenn es in Berlin ein Projekt gibt, auf das ich wirklich gespannt bin und das ich hundertmal lieber eingeweiht sehen möchte als den Flughafen eröffnet, dann ist es das Freiheits- und Einheitsdenkmal. Für die „Wippe“ in Mitte würde ich – wenns drauf ankommt – auch beten, und vielleicht ist dieser Zeitpunkt schon nahe. Denn jetzt will auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer die Volksschale kaltstellen, nachdem es der Haushaltsausschuss des Bundestages vergeblich versucht hat. Bekommen wir letztlich vorm Schloss eine „Kaltschale“ serviert?

Freiheits- und Einheitsdenkmal als soziale Skulptur (Entwurf: Milla & Partner)

Freiheits- und Einheitsdenkmal als soziale Skulptur (Entwurf: Milla & Partner)

Bitte nicht gleich „verschaukelt“ fühlen! Die Kaltschale ist nur die letzte Konsequenz eines Kunstwerks, das auf alle Regungen eine Antwort parat hat und in alle Richtungen gleichermaßen wirkt. Von der Kaltschale kriegt jeder, was er herauszuschöpfen hofft. Und das Geniale ist: Das Bauwerk wirkt jetzt schon, ohne gebaut zu sein.

Eine Berliner Großwippe, die funktionert

Das Denkmal wippt: Der Bundestag beschloss 2007, ein Denkmal zu bauen (rauf). 2009 brach man den Wettbewerb ab, weil die Jury die Entwürfe doof fand – ich übrigens auch – (runter). Dann führte eine zweite Runde zum Erfolg mit gleich drei Siegern, später fiel die Auswahl auf „Bürger in Bewegung“, wie das geplante Denkmal offiziell heißt (rauf). Das Medienecho (Wippe, Schaukel & Co.) und der verpasste Baustart förderten das schlechte Image des Projekts (runter). Endlich kam 2015 die Baugenehmigung (rauf), aber der Haushaltsausschuss stoppte das Projekt 2016 wegen gestiegener Kosten (runter). Als dasselbe Gremium etwas später 18,5 Millionen Euro für die Schlosskolonnaden am selben Ort bereitstellte, schlug die Wippe hart auf den Boden auf (runter!). Bundestagspräsident Norbert Lammert und das Groko-Machtwort der Bundesfraktionsspitzen brachten das Einheitsdenkmal vor kurzem wieder auf den Plan zurück (rauf), doch Senator Lederer sorgt, wie gesagt, erneut für „Bewegung“ (runter). — Was will man eigentlich mehr? Das Ding funktioniert doch.

Bei diesem ganzen Hin und Her trifft eben auch die Vokabel vom Verschaukeltsein voll ins Schwarze. Braucht man nicht weiter zu erklären.

Standort Einheitsdenkmal

Mythisch aufgeladen: Das Einheitsdenkmal „wippt“ hoch und runter und ist noch nicht gebaut. Das Foto zeigt die Schlossfreiheit von 2012, glaub ich (Foto: André Franke)

Ein Denkmal in Schieflage

Lesen konnte man auch von der „Waage“. Und auch diese Zuschreibung findet ihre Entsprechung in der aktuellen Diskussion. Das Freiheits- und Einheitsdenkmal befindet sich in totaler Schieflage. Alle reden vom Einheitsdenkmal, aber nur einer hebt den Kampf um die Freiheit 1989 hervor. Wolfgang Thierse tut es in diesem NDR-Interview, und ich finde diese Betrachtung bestechend korrekt – genauso wie ich die mechanisch aufwendige, mehrheitsfähige Schwankung der Schale als Sinnbild für eine Revolution perfekt finde. Einfach perfekt. Irgendwann kippt ein System eben, aber es braucht eine kritische Masse. Wieder eine Schlagzeile, eine neue, möcht ich sagen: Auf der „Kippe der Einheit. Da sind manches und so mancher ins Schlittern gekommen, ins Abseits gerutscht.

Selbstbefreite Bürger vor der Haustür hätten dem Palast besser gestanden als dem Schloss

Was hätte eigentlich „Bürger in Bewegung“ für eine Aussage gehabt, wenn statt des Schlosses der Palast der Republik (auch ein „Gekippter“) der Nachbar des Denkmals geworden wäre? Eine stärkere. Und ich stelle fest, das meine Sympathien fürs Schloss sich wieder verflüchtigt haben. Schloss und Schale passen nicht zusammen. Überhaupt nicht, weder inhaltlich noch vom Gestalterischen her. Leider kam das Schloss zuerst, und da es ´ne ziemliche Wucht ist, scheint es die Schale zu bedrängen und zu erdrücken. So eine Plattform, auf der was los ist, soll man doch sehen können, von Weitem. Zumindest aus etwas Distanz. Dazu hätte der Palast die bessere Position gehabt. Auch inhaltlich: Vorm Haus des Volkes ein Denkmal des Volkes … Immer fehlt was.

Am Ende fehlt das Freiheits- und Einheitsdenkmal vielleicht sogar ganz. In folgenden Fällen werde ich das Projekt konsequent nur noch die „Kaltschale“ nennen. Wenn es:

  1. vom Bundestag wieder abgesagt und nie gebaut wird oder
  2. gebaut wird, aber aus Sicherheitsgründen statisch und unbeweglich bleibt wie die Großwippen im Tilla-Durieux-Park am Potsdamer Platz.

Ansonsten nenne ich das Denkmal ab heute „Freiheitswaage“, damit die Einheit auf der Wippe nicht zu dick wird.

ICC Berlin: Das ist der Palast des Westens, ohne Asbest

Es braucht nicht viel, um sich ins ICC zu verlieben. Bei mir waren es zwölf Seiten in der werkorientierten Biografie von Ursulina Schüler-Witte, die das Internationale Congress Centrum mit ihrem Mann und Architektenkollegen Ralf Schüler gebaut hat. Zwölf von siebzig Seiten. Ursulina Schüler-Witte schreibt in dem Buch, das vor einiger Zeit im Lukas Verlag erschien, auch von den alltäglichen Umständen, unter denen das Architektenpaar arbeitete. Sie erzählt auch die ein oder andere Anekdote: So haben sie und er den Entwurf für den Messehallen-Wettbewerb nur zehn Minuten vor Fristende abgegeben, am 30. September 1965 um 23:50 Uhr.

Ohne den Funkturm wäre das ICC brutal. Der "lange Lulatsch" legitimiert es (Foto: André Franke)

Ohne den Funkturm wäre das ICC brutal. Der „lange Lulatsch“ legitimiert es (Foto: André Franke)

Was wäre passiert, wenn die „Ente“, auf deren Dach sie das Modell transportierten, in dieser Herbstnacht schlappgemacht hätte, nicht getankt gewesen wäre, oder aus anderen Gründen den Weg zu den Berliner Austellungen nicht gefunden hätte? – Die historische Folge wäre gewesen: Die DDR hätte den Palast der Republik nicht gebaut!

Kommunisten schlagen Kapital aus Entwürfen

Die Architekten gewannen als Außenseiter den Wettbewerb. Sie bauten später das Kongresszentrum an anderer Stelle als 1965 vorgesehen. Deshalb steht das ICC heute an der Autobahn und ist wegen der Längsform des Grundstücks 320 Meter lang (ursprünglich dachten sie an ein sechseckiges Kongressgebäude, das von dreizehn Messehallen umgeben war). Die DDR hatte bis dahin im „Schaufenster Ost“ dem geplanten Koloss nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Deshalb machte sie für die international ausgeschriebene Sichtlinienanalyse, die für den Riesensaal des ICC erarbeitet werden musste (5.000 Gäste wollen die Bühne sehen!), ein Angebot, das niemand ausschlagen wollte: 9.500 DM, schreibt Schüler-Witte. Ein belgisches Büro hätte es für 95.000 DM gemacht, die USA für 250.000 DM. Die DDR wollte den Auftrag unbedingt, um das Kongresszentrum zu kopieren.

Die ICC-Pläne verschwanden bereits einen Tag nachdem die Westberliner Architekten das Projekt im Ost-Berliner „Institut für die Technologie kultureller Einrichtungen“ vorgestellt und dort hinterlassen hatten. Das war 1971. Der Institutsleiter telefonierte panisch mit den Architekten, hatte offenbar keine Ahnung von dem Vorgang. (Er verließ die DDR 1977 mit Hilfe des Architektenpaars; bitte selber nachlesen, auf welche Weise!). 1973 begann der Bau des Palasts der Republik und 1976 fertig, also bevor 1979 das ICC Berlin eröffnete. Der Gehirnschmalz von Schüler und Schüler-Witte, der die enorme Nutzungsvielfalt und Raumflexibilität im ICC ersann, wurde also auch für die Volkskammer verbraten.

Der asbestfreie Palast

Als wir am Sonntagnachmittag am Ende der Vivantes-Tour auf das ICC trafen, war die erste Bemerkung eines Gastes: „asbest-verseucht“. Dass das für den Palast der Republik galt, wird jeder wissen. Das ICC … Ich überlegte und sagte nichts. Weil ich nicht wusste, ob das zutraf. Später las ich im Buch weiter, wo steht:

„dass das ICC von Spritzasbest durch einen glücklichen Zufall verschont geblieben ist, weil es inzwischen das asbestfreie Material Kafko zur feuerhemmenden Ummantelung von Stahlbauelementen gab (…).“

Na bitte, meiner kleinen Liebesgeschichte steht also auch DAS nicht im Wege. Was freue ich mich, dass ich nächsten Sonntag um 11 Uhr wieder am S-Bahnhof Messe-Nord stehe, zusammen mit Vivantes. Am Treffpunkt der Etappe 14, der vorletzten von „Vivantes erradeln“ mit Berlin on Bike, blicken wir auf das ICC. Geht gar nicht anders. Wenn man hier ist, muss man es ansehen. Wie es da liegt an der Autobahn … Wer könnte das Stahlschiff anheben? – Auch interessant, dass Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte das „Raumschiff- und Weltraumdesign“ nicht bewusst als Stil entwarfen. Es war mehr ein Ergebnis von „Form follows function“, berichtet die Architektin. Die Devise hätten sich viele für den Nachfolgebau des Palasts der Republik gewünscht.


Das Buch … im Lukas Verlag