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Vor der Weiterführung der Stadtdebatte zur Berliner Mitte: Wohin mit Neptun, Marx und Engels? Ein Plädoyer

Nachdem die öffentliche Debatte um den Stadtraum zwischen Fernsehturm und Spree über viele Jahre kontrovers und etwas chaotisch geführt worden war, konnten 2015 mit dem Beteiligungsverfahren „Alte Mitte – neue Liebe?“ die Rahmenbedingungen für die weitere Gestaltung geklärt werden. Im Juni 2016 fanden die erarbeiteten Bürgerleitlinien die fraktionsübergreifende Zustimmung des Abgeordnetenhauses.

Dann wurde es zunächst etwas ruhiger um das Areal, aber alsbald soll der Beteiligungsprozess weitergehen, auch vor dem Hintergrund der für Herbst 2019 in Aussicht gestellten Eröffnung des Humboldt-Forums. Wie soll es dann auf der anderen Seite der Spree aussehen? Zwei Gestaltungselemente werden ein besonderes Interesse auf sich ziehen: der Neptunbrunnen und das Marx-Engels-Denkmal. Was sollte wo stehen und warum?

Brunnen und Denkmal weisen erstaunliche historische Parallelen auf. Beide beinhalteten durchaus eine politische Herrschaftssymbolik, wobei die jeweils Herrschenden damit jedoch wenig anzufangen wussten und ihnen die Gestaltungselemente fast lästig zu sein schienen. Neptun musste schon während der Errichtung des Brunnens 1891 kurzfristig die Blickrichtung wechseln, während das Marx-Engels-Denkmal eigentlich am anderen Spreearm stehen sollte und erst durch einen von Kulturminister Hoffmann 1986 ausgehandelten Ad-hoc-Deal auf das dann gleichnamige Forum gelangte.

Soziale Funktion des Neptunbrunnens

Dass die vier den Brunnen rahmenden weiblichen Skulpturen mit Elbe, Oder, Rhein und Weichsel vier Flüsse des wilhelminischen Reiches darstellten, korrespondierte mit ihrer Platzierung vor der Kaiserresidenz. Der Bedeutungszusammenhang ist jedoch nicht mehr gegeben. Das Humboldt-Forum ist trotz der Fassadengestaltung ein gänzlich anderes Bauwerk mit einer anderen sozialen Funktion. Eine Rückversetzung des Brunnens zur Südseite des Humboldt-Forums erschiene vor diesem Hintergrund willkürlich, zumal der Brunnen am neuen Standort zwischen Rathaus und Marienkirche als Treffpunkt eine eigene soziale Funktion gefunden hat. Seine aus heutiger Sicht problematische geographisch-politische Symbolik ist hier gleichsam entschärft.

Der Brunnen als familienfreundliche Fotokulisse ... (Foto: Peter Born)

Der Brunnen als familienfreundliche Fotokulisse … (Foto: Peter Born)

... und als Abenteuerspielplatz (Foto: Peter Born)

… und als Abenteuerspielplatz (Foto: Peter Born)

Selbst an einem der kälteren Wintertage wird man sich beim Gang über das Areal der magnetenhaften Anziehungskraft des Brunnens bewusst. Die auch jetzt zahlreichen Berlin-Besucher verweilen für einen Moment, suchen die beste Perspektive, um sich selbst mit Brunnen und wahlweise Rotem Rathaus, Marienkirche oder Fernsehturmumbauung abzulichten. Der neobarocke Formenreichtum des Brunnens bietet eine familienfreundliche Fotokulisse und wird teils gar als eine Art Abenteuerspielplatz genutzt. Man erfährt auch sehr gut die Wirkung, die der Brunnen erst durch seine offene Zugänglichkeit von allen Seiten gewinnt. Am ursprünglichen Standort wäre er dagegen zwischen Schlossfassade und Straßenverkehr eingezwängt.

Neue Kunst für den Schlossplatz

Zweifellos kann die zur Breiten Straße hin gelegene Südseite des Humboldt-Forums ein zusätzliches Gestaltungselement gut vertragen. Eine einfache Replik der früheren Gestaltung aus Kaisers Zeiten ergäbe jedoch wenig Sinn. Warum aber nicht einen Wettbewerb für bildende Künstler ausloben, um dort – ob Wasserspiel, ob Skulptur – einen neuen, zeitgenössischen Blickfang zu schaffen, der den neuen stadträumlichen Zusammenhang berücksichtigt und die Idee des Humboldt-Forums thematisch aufgreift?

Das Marx-Engels-Denkmal wiederum ist trotz der mehrfachen Planungsrevision und des Verzichts auf das monumentale Regierungshochhaus natürlich Bestandteil einer DDR-Staatsmitte gewesen, in unmittelbarer Nachbarschaft von Staatsrat und Plenarsaal der Volkskammer. Es repräsentierte in seiner Konfiguration eine hegelianische Geschichtsphilosophie, deren Symbolik heute ebenso ins Leere läuft wie die geographische Symbolik des Neptunbrunnens an seinem ersten Standort. So wie das Humboldt-Forum keine Kaiserresidenz mehr ist, so ist auch der ganze Stadtraum keine DDR-Staatsmitte mehr. Das Areal zwischen Fernsehturm und Spree ist vielmehr ein städtischer Grün- und Freiraum, auf dem eine Vielzahl von Nutzungsansprüchen liegt – von einem Ort für Freizeit und Erholung bis hin zu einem vielschichtigen historischen Erinnerungsort.

Neugestaltung des Marx-Engels-Forums

Übertrieben monumental war an dem Denkmal selbst nur dessen äußerst raumgreifende Aufstellung auf einer versiegelten Fläche von 60 Metern Durchmesser. Diese sehr dominante Position und der Platzanspruch lassen sich kaum mit der erwünschten neuen Nutzungsvielfalt auf dem Forum verbinden. Angesichts der großen versiegelten Flächen vom Alexanderplatz bis zur Spandauer Straße und des gleichermaßen steinern geplanten Schlossumfeldes liegt es nahe, zum Ausgleich das gesamte Marx-Engels-Forum als echten Grünraum so gut wie ohne Bodenversiegelung zu gestalten.

In der räumlichen Anordnung so fast ideal und mit maßvollem Flächenanspruch (Foto: Peter Born)

Spreeseitiger Attraktor. In der räumlichen Anordnung so fast ideal und mit maßvollem Flächenanspruch (Foto: Peter Born)

An etwas verschobenem Standort und in anderer, weniger raumgreifender Aufstellung sollte sich das Denkmal aber vortrefflich in eine Neugestaltung des Freiraums auf dem Marx-Engels-Forum einfügen lassen. Es lässt sich immerhin neu interpretieren als Ausdruck einer bei Hegel beginnenden preußisch-deutschen Denktradition, die durch den ins Londoner Exil getriebenen Marx politische Weltgeltung erlangte und so in Form einer DDR-Staatsphilosophie an ihren Ausgangsort zurückkehrte. Das Denkmal mithin nicht mehr als Ausdruck einer zielgerichteten, sondern einer immer offenen Geschichte und Geschichtsdeutung.

In der Datenbank des Landesdenkmalamtes ist die Denkmalgruppe gesondert aufgeführt, mit dem einleitenden Kommentar, sie habe anders als Fernsehturm und angrenzender Freiraum vor allem historische Bedeutung. Das heißt, der alten räumlichen Konfiguration des Denkmals wird keine konstitutive Bedeutung für den städtebaulichen Zusammenhang zuerkannt. Der historischen Bedeutung sollte sich jedoch gut auch durch eine räumliche Neuinterpretation Rechnung tragen lassen.

Standort mit Charme und Konzept

Der jetzige Standort zur Spree und zur Karl-Liebknecht-Straße hin hat durchaus einen großen Charme. Das Denkmal ist hier ein Aufmerksamkeits-Attraktor, es wirkt wie ein Eingang zum Freiraum von Unter den Linden her. Es ist von der Spreepromenade her ebenso wahrnehmbar wie von den auf der Spree fahrenden Touristenschiffen. Und es könnte hier gut Bestandteil eines in der Stadtdebatte vielfach gewünschten Denkmalgartens oder „Philosophenhains“ sein, für den die Nordseite des Marx-Engels-Forums mit ihrer erhaltenen hochwertigen Baumvegetation vielleicht der passende Ort wäre.

Eingangssituation Liebknechtbrücke (Foto: Peter Born)

Eingangssituation Liebknechtbrücke (Foto: Peter Born)

Alternativ wäre ein zum Nikolaiviertel hin gerichteter Standort denkbar, da hier der gemeinsame zeitliche Kontext der 80-er Jahre vorhanden ist. – In jedem Falle sollte der künftige Denkmalstandort von einem Gesamtkonzept für die Gestaltung des Marx-Engels-Forums abhängig gemacht werden, nicht aber umgekehrt.

Was nicht hilft

Eine kurzfristige einfache Rückversetzung des Denkmals im Zuge des BVG-Baustellenrückbaus ist nicht sinnvoll, schon allein deshalb nicht, weil bei späterer sehr wahrscheinlicher nochmaliger Translozierung im Ergebnis des Bürgerdialogs die Statuen dann innerhalb einiger Jahre dreimal versetzt worden wären. Wozu sollte das gut sein?

Ebenso wenig hilfreich ist es, wenn ohne Berücksichtigung der Stadtdebatte über eine Denkmalversetzung an Orte außerhalb des Marx-Engels-Forums spekuliert wird. Im Raum zwischen Fernsehturm und Spree soll auf möglichst vielseitige Weise an Geschichte erinnert werden. Weshalb dann ausgerechnet Marx und Engels ganz woanders hin verbannen?

Fazit

Denken wir den Stadtraum mit Blick in die Zukunft. Wir können Respekt haben vor der Kaiserzeit und vor der DDR-Vergangenheit, aber wir müssen deren Symboliken, denen die früheren Bedeutungszusammenhänge abhanden gekommen sind, nicht im Stadtbild musealisieren.

Lassen wir den Brunnen an seinem gleichsam perfekten jetzigen Standort, und lassen wir uns für die Südseite des Humboldt-Forums etwas Neues einfallen. Lassen wir das Marx-Engels-Denkmal erst einmal am derzeitigen, gut angenommenen spreeseitigen Standort und überlegen derweil, wie das gleichnamige Forum insgesamt nach Ende der U-Bahn-Baustelle eine neue Aufenthaltsqualität gewinnen kann.

Und nehmen wir Abstand von jeglicher ZLB-Standortplanung auf dem Marx-Engels-Forum. Angesichts der massiven geplanten Verdichtung im Umfeld sollte der Raum zwischen Fernsehturm und Spree, zwischen Karl-Liebknecht-Straße und Rathausstraße vollständig als möglichst grüner Freiraum erhalten und weiterentwickelt werden.

Vergleicht man das Bauen in Berlin mit der Arbeit eines Chirurgen am Körper, dann fällt auf, die operativen Eingriffe konzentrieren sich zur Zeit stark auf das Herz. Berlins Stadtkern wird von Endoskopen durchdrungen, von Klemmen zerdrückt, mit Pinzetten gepiesackt, mit Messern durchschnitten sowieso. Es wirkt, als wäre kein Arzt am Werk, eher eine Gruppe Aasgeier, die über das blutende Organ herfallen. Ja, mit dem Hammer draufhauen. Wenn am Ende wieder ein Herz herauskommen sollte, hat Berlin mehr als Schwein gehabt.

Die Hölle ist ein Ort auf Erden: Berlin-Mitte. 38 Projekte des Bauens, Planes, Diskutierens

Die Hölle ist ein Ort auf Erden: Berlin-Mitte 2017. 38 Projekte des Bauens, Planes, Diskutierens

Auch innerhalb des Stadtkerns konzentrieren sich die Projekte in bestimmten Bereichen. Ich nenne sie entsprechend „Bauhöllen“. Die 38 Projekte sind aber nicht nur reine Baustellen. Manche sind in Planung. Andere gerade fertiggebaut. Auch Denkmäler sind mit dabei, über deren Standorte gestritten wird. Und Stadtplätze, die neu entstehen. Und jetzt: Ab durch die Mitte – ab durch die Hölle!

Bauhölle Nord (1-5)

Auf der Museumsinsel wird das (1) Pergamonmuseum umgebaut. Es erhält einen vierten Flügel und soll nach Bauverzögerung und Kostenanstieg 2023 fertig sein. Daneben entsteht die (2) James-Simon-Galerie als zentraler Eingang in die unterirdische archäologische Promenade, die alle fünf Museen erschließt. Die Verkehrsverwaltung hat im September angekündigt, das Umfeld der Museumsinsel aufzuwerten, so auch die Straße (3) Am Kupfergraben, die teilweise aus Kopfsteinpflaster besteht. Sie wird erneuert. Der Unternehmer Ernst Freiberger saniert auf der anderen Seite der Insel mit dem (4) Forum Museumsinsel sieben denkmalgeschützte Gebäude zwischen Spree und Oranienburger Straße und belebt dadurch die Verbindung zwischen Spreeinsel und Spandauer Vorstadt. Auch das Berliner Traditionsunternehmen Siemens profiliert sich als Anrainer der Museumsinsel. Es baut seine Firmenrepräsentanz mitten im Garten vom (5) Magnus-Haus und wirkt dabei wie der Elefant im Porzellanladen. Das Gebäude mit Garten ist ein denkmalgeschütztes barockes Stadtpalais, wie es es in Berlin so kein zweites Mal gibt.

Letztes barockes Stadtpalais mit Garten - bitte einmal kräftig reinbauen! Siemens macht´s trotz Architektenprotest. (Foto: André Franke)

Letztes barockes Stadtpalais mit Garten – bitte einmal kräftig reinbauen! Siemens macht´s trotz Architektenprotest. (Foto: André Franke)

Bauhölle West (6-15)

Nach sieben Jahren sind endlich die Bauarbeiten an der (6) Staatsoper beendet. Das macht zwar eine Baustelle weniger in Mitte, aber vom Bebelplatz Richtung Osten häuft sich das Baugeschehen. Das (7) Opernpalais wird saniert, von dem es heißt, Bauherr sei Springer-Chef Mathias Döpfner. Der lässt die Berliner zappeln und verschweigt bislang, was aus dem Gebäude werden soll. Die Luxus-Appartments der (8) Kronprinzengärten sind fast fertig. Völlig fertig ist die (9) Friedrichswerdersche Kirche, und zwar in dem Sinne, dass sie zur Baustelle gemacht wurde. Daran waren die Tiefgaragen der Kronprinzengärten schuld. Sie brachten die Kirchenfundamente zum Wackeln. Jetzt stützen Gerüste Schinkels Bauwerk auf unbestimmte Zeit von innen. Eintreten bleibt ein Traum. Arme Kirche: Auf der anderen Seite baut die Frankonia Eurobau (10) Wohn- und Geschäftshäuser am Schinkelplatz. Durch den Wiederaufbau entsteht auch der (11) Werdersche Markt als Stadtplatz neu. Prominenteste Anrainerin wird hier die (12) Bauakademie. Der Ideenwettbewerb für den langersehnten, 62 Millionen teuren Wiederaufbau läuft bis Januar, die Jury entscheidet im April. Über das (13) Freiheits- und Einheitsdenkmal auf der anderen Seite des Spreekanals ist hingegen entschieden. Der Bundestag bestätigte den umstrittenen Bau der „Wippe“ im Sommer, nachdem das Projekt im wahrsten Sinne des Wortes ins Schaukeln geraten war. Die begehbare Plattform, die sich neigt, wenn sich eine kritische Masse an Besuchern auf eine Seite bewegt (offizieller Titel: „Bürger in Bewegung“), wird genau vorm (14) Berliner Schloss platziert. Es ist immer noch Berlins beste Baustelle, bei der man im Kosten- und Zeitplan liegt. Erste Barockfassaden sind vom Baugerüst befreit. Vom Lustgarten sind sie zu sehen. Wenn das Schloss als Humboldtforum 2019 eröffnen wird, werden die Bauarbeiten in der Nähe aber weitergehen. Nicht wundern. Der (15) U-Bahnhof Museumsinsel der Linie U5 braucht ein bisschen länger.

Bauhölle Mitte (16-21)

Die Linie der „Kanzlerbahn“, die vom Alexanderplatz bis zum Brandenburger Tor gebaut wird, bringt noch eine weitere Bahnhofsbaustelle mit sich. Für den neuen (16) U-Bahnhof Berliner Rathaus wurden die Reste der bei den Bauarbeiten freigegrabenen Tuchhalle des alten Rathauses zerstört. Keine schöne Geschichte. Nur weil in Berlin immer alles schnell gehen muss. Vier Denkmäler stehen auf dem Rathausforum, der Freifläche zwischen Spree und Fernsehturm. Das (17) Marx-Engels-Denkmal ist wegen der Baustelle der BVG an die Karl-Liebknecht-Straße gerückt. Wo es in Zukunft stehen soll, ist nicht sicher. Der neueste Vorschlag kommt von Annette Ahme (Verein Berliner Historische Mitte), es vor das Haus des Reisens zu bringen (mehr dazu später). Doch vermutlich kommt es ins Zentrum des Marx-Engels-Forums, einer Teilfläche des Rathausforums, zurück. Das (18) Luther-Denkmal ist zum Reformationsjubiläum vor die Marienkirche zurückgekehrt. Hier stand Luther seit Ende des 19. Jahrhunderts, allerdings auf einem Sockel und mit Begleitfiguren. Ein zweiter Neuzugang in der Nähe ist das (19) Denkmal für Moses Mendelssohn. Micha Ullmann („Bibliothek“ auf dem Bebelplatz) hat die Fassade des Hauses in der Spandauer Straße in die Horizontale gelegt. Der Aufklärer, der mit 14 Jahren als Jude nach Berlin kam, wohnte hier. Zwischen Marienkirche und Rathaus steht der (20) Neptunbrunnen. Auch er ist in der Diskussion, vielmehr sein Standort. Mit dem Bau des Schlosses wird auch der Wunsch bei vielen stärker, den ehemaligen Schlossbrunnen zurück zum Schlossplatz zu bringen. Zwar hatte der Bund dafür Geld zugesagt, aber das Land Berlin hat bislang nichts dergleichen entschieden. Alle genannten Projekte sind Teil des schon erwähnten (21) Rathausforums. Für dieses große Areal beschloss das Abgeordnetenhaus 2016 zehn Bürgerleitlinien, die das Ergebnis einer ganzjährigen Stadtdebatte mit Bürgern, Architekten und Stadtplanern waren. Es soll ein Stadtraum für alle sein, mit öffentlicher Nutzung und viel Grünfläche. Ein städtebaulicher Wettbewerb, wie er noch im Koalitionsvertrag von Rot-Schwarz 2011 geplant war, ist damit vom Tisch.

Genial und nur bei Regen: gespiegelte Umwelt des Denkmals (Foto: André Franke)

Mendelssohn-Denkmal von Micha Ullmann: Genial und nur bei Regen: gespiegelte Umwelt des Denkmals (Foto: André Franke)

Bauhölle Ost (22-29)

Rund um den Alex entstehen vor allem Hotelneubauten. Mit dem (22) Motel One an der Grunerstraße ist das erste, 60 Meter hohe und mit 708 Zimmern größte der Marke in Europa schon fertig. Ins (23) „Volt Berlin“ (südlich vom „Alexa“ und der Voltaire-Straße), wo nach ursprünglichen Plänen mit Surfing und Skydiving das Einkaufen zum Erlebnis gemacht werden sollte, zieht ein Hotel der Lindner-Gruppe. Hier werden gerade die Fundamente gegraben, für einen nun doch eher normalen Geschäfts- und Büroblock, wie es heißt. Südlich vom „Volt“ kommt (24) The Student Hotel, für das entlang der Alexanderstraße auf einer Fläche von 17.000 Quadratmetern 457 Zimmer für Studenten errichtet werden. Nördlich vom „Volt“ baut dagegen ein niederländischer Investor mit dem (25) „Grandaire“ ein klassisches, von Chicago inspiriertes Wohnhochhaus von 65 Metern Höhe und mit 269 Wohnungen. Der Bau eines (26) Hotels nördlich des Panorama-Hauses an der Karl-Liebknecht-Straße wird gerade in zweiter Instanz vor Gericht verhandelt. Eine Baugenehmigung gibt es hier schon seit 2012. Das Panorama-Haus landet gewissermaßen im Hinterhof. Soweit zu den konventionellen Projekten. Doch der (27) Alexanderplatz wird Hochhausstandort. Und die ersten zwei (von insgesamt neun geplanten) 150 Meter hohen Türme befinden sich auf dem Weg der Verwirklichung. Am Alexa baut nach Plänen des Architekturbüros Ortner & Ortner das russische Unternehmen Monarch, und am Saturn-Gebäude hat sich das US-amerikanische Unternehmen Hines für Entwürfe von Frank O. Gehry entschieden. Nicht nur die Skyline des Stadtkerns verändert sich. Es ist die Skyline Berlins. Nachdem die Hochhauspläne am Alex überarbeitet worden sind, entstehen auch neue Stadtplätze: (28) „Vorm Haus des Reisens“ und (29) „An der Markthalle“ sind die ersten Projekte, an deren Gestaltung auch die Berliner mitwirken können. Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) hat angekündigt, die Stadtdebatte vom Rathausforum (siehe oben) weiterzuführen und die Bürger mitentscheiden zu lassen.

Bauhölle Süd (30-32)

Eher klein, aber fein erscheinen drei Projekte am Märkischen Museum. Mit dem (30) Metropolpark bauen die Architekten Axthelm Rolvien die expressionistische AOK-Zentrale zu Apartments um. Bis zu 370 Quadratmeter werden die Eigentumswohnungen groß, manche Räume haben eine Deckenhöhe von 6 Metern. Gleich gegenüber ist mit dem Tod der Stadtbären Maxi und Schnute die Geschichte des legendären (31) Bärenzwingers abgelaufen. In den nächsten zwei Jahren wird über eine neue Nutzung des denkmalgeschützten Gebäudes diskutiert, es laufen auch Austellungen. Um den schlecht angebundenen Köllnischen Park aus seinem Schattendasein zu befreien, gibt es auch Entwürfe des Architekten Detlev Kerkow für den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten (32) Waisenbrücke. Auf der To-Do-Liste des Senats erscheint sie aber bis auf weiteres leider nicht.

Enturf für eine neue Waisenbrücke. Blick aufs Märkische Museum am südlichen Spreeufer (Abb. Detlev Kerkow)

Bauhölle Süd-Ost (33-36)

Schließlich verändet sich auch das Zentrum Alt-Cöllns. Nach dem Abriss des DDR-Bauminsteriums und den archäologischen Grabungen ensteht an der Breiten Straße ein ganzer Block neu. Das sanierte (33) Kaufhaus Hertzog ist Teil davon. Am Petriplatz nebenan kommt der Neubau des (34) Archäologischen Zentrums, von dem aus ein Informationswegesystem geplant ist, das durch die Altstadt führt. Aufsehen erregt hier vor allem aber das (35) House of One. Das interreligiöse Gotteshaus, das Kirche, Synagoge und Moschee in einem sein soll, ist mittlerweile zu einem Projekt des nationalen Städtebaus prämiert worden. Selbst die (36) Fischerinsel ist vor Bauaktivitäten nicht mehr sicher. Zwar sind die Pläne nach Protesten der Anwohner für ein Hochhaus abgesagt worden, doch die Ecke an der Grunerstraße, wo im Moment noch ein tiefes Loch klafft, bekommt auf jeden Fall einen neuen Block.

Bauhölle kommunikativ (37-38)

Zwei umfangreiche Projekte dürfen nicht unerwähnt bleiben. Beim Projekt (37) Molkenmarkt wird die Grunerstraße nach Norden an die Rückseite des Rathauses verschwenkt und Bauland gewonnen. Zweieinhalb Berliner Blöcke erwachsen so dem Klosterviertel. Die Bauhölle Ost verbindet sich mit der Bauhölle Süd-Ost. Und das (38) Flussbad Berlin, dem Ort, an dem Berlin bald baden gehen könnte, zieht sich entlang des Spreekanals vom Märkischen Museum an Alt-Cölln vorbei bis zur Museumsinsel. Drei Bauhöllen stehend somit in direkter Verbindung.

Neptunbrunnen

Neptunbrunnen vor Marienkirche (Foto: André Franke)

Nachdem der Bund sich am Freitag so generös gezeigt hat, dem Neptunbrunnen mit 10 Millionen Euro die Heimreise vors Schloss zu bezahlen, lehnt Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) eine Entscheidung über den Standort des Brunnens ab. Er will erst die Stadtdebatte zum Rathausforum „Alte Mitte – neue Liebe?“ zu Ende gehen sehen, was am 28. November, 14 – 19 Uhr, im Haus Ungarn in der Karl-Liebknecht-Straße 9 der Fall sein wird. Bis dahin stünde eine Versetzung des Neptunbrunnens „nicht zur Diskussion“. Auch Katrin Lompscher (Die Linke) findet das Timing dieser Finanzzusage unpassend und rät dem Senat, „den Bürgerwillen ernst zu nehmen und sich hier nicht erpressen zu lassen“. Unterdessen erreicht mich eine Mitteilung von SenStadt, dass das Abgeordnetenhaus im Frühjahr 2016 über das Rathausforum entscheiden wird – „einschließlich der Standortfrage für den Neptunbrunnen“. Also abwarten.

Warum die Rückkehr des Neptunbrunnens vom Rathausforum auf den Schlossplatz Sinn macht …

Neptunbrunnen auf dem Schlossplatz statt auf dem Rathausforum

Der zukünftige Schlossplatz mit Blick von der Rathausbrücke: mit Visualisierung des zurückgeholten Neptunbrunnens / Schlossbrunnens (Quelle: bbz Landschaftsarchitekten / Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum)

Jetzt, wo die Berliner Luft wieder erträglich ist, will ich bei lauen 25 Grad Celsius mitteilen, was die Hitze mich lehrte: dass es doch vielleicht ein guter Zug wäre, der Wegzug, Rückzug des Neptunbrunnens vom Rathausforum hin zum Schlossplatz, von woher er nach dem Krieg kam. Denn als ich bei 39 Grad Celsius vor Ort war, und die Wasserkaskaden am Fernsehturm sprudelten, und die Leute in sie hineinstiegen, durch die Becken wateten, verstand ich das doppelte Nass nicht. Zumal die Wasserkaskaden echt groß sind. Halb Berlin passt da rein. Warum also brauchen wir zwei Brunnenanlagen an einem Ort? Rein funktional betrachtet, macht das keinen Sinn. Und wenn ich mich entscheiden müsste zwischen beiden, dann blieben auf jeden Fall die Wasserkaskaden. Sie sind doch der größere Wurf für das Rathausforum als Freiraum.

Akustische Attraktivitätsefffekte

Realität Frühling 2015: Baustelle, Busverkehr, Stop and Go (Foto: André Franke)

Realität Frühling 2015: Baustelle, Busverkehr, Stop and Go (Foto: André Franke)

Wenn das Rathausforum also ein Mal Wasser zu viel hat, warum kann es es dann nicht brüderlich abgeben an einen Ort, der alles nimmt, was er kriegen kann. Der Schlossplatz vor den Schlossportalen I und II kriegt nach den aktuellen Freiraumplänen keine Bäume, keine Grünflächen. Nur Parkplätze. Und ratternde, blökernde, weil an der Ampel stehende Reise- und Sightseeing-Busse (in der Abbildung von bbz Landschaftsarchitekten übrigens nicht zu sehen, weder eine Ampel, noch Busse). Allein akustisch brächte ein Brunnen hier direkte Attraktivitätseffekte. Wer zukünftig aus der Passage des Schlosses kommt, träfe auf dem Schlossplatz auf das Geräusch sprudelnden Wassers, statt auf den Lärm röhrender Motoren. Manfred Rettig hatte auf der Stadtkern-Veranstaltung im April auch auf den visuellen Effekt hingewiesen. Der rückgekehrte Neptunbrunnen bildete das Pendant zum Brunnen auf dem Lustgarten am andern Ende der Schlosspassage. Ganz nach der Idee von Schlossarchitekt Franco Stella. Brunnen, Passage, Brunnen – das ist eine plausible Sequenz, finde ich. Noch dazu eine, die die Breite Straße stärkt, in dem sie sie verlängert bis in den Lustgarten hinein.

Neptunbrunnen und Marienkirche auf dem Rathausforum 2015: Siamesische Zwillinge, die nicht getrennt werden sollten, finde ich (Foto: André Franke)

Neptunbrunnen und Marienkirche auf dem Rathausforum 2015: Siamesische Zwillinge, die nicht getrennt werden sollten, finde ich (Foto: André Franke)

Aus rein funktionaler Sicht kann Neptun also von mir aus zurück. Hinsichtlich des Stadtbildes, das er zusammen mit der Marienkirche und dem Roten Rathaus produziert, bin ich allerdings anderer Meinung. Warum bauen wir eigentlich nicht einfach einen zweiten Schlossbrunnen? Ein zweites Liebknecht-Portal bauen wir ja auch.

Harald Bodenschatz/Christina Kautz: Themenkarte »Verlorene Mitte« Eine verblüffend hohe Zahl von verlorenen Gebäuden der Mitte Berlins wurde in verschiedenen früheren Listen und Publikationen als baugeschichtlich oder historisch wertvoll bezeichnet. Diese historischen Listen wurden von Lutz Mauersberger erstmals zusammengestellt und von Christina Kautz von der Planungsgruppe Stadtkern im Bürgerforum Berlin e. V. kartiert (Quelle: Bürgerforum Berlin e.V.)

Harald Bodenschatz/Christina Kautz: Themenkarte »Verlorene Mitte«
Eine verblüffend hohe Zahl von verlorenen Gebäuden der Mitte Berlins wurde in verschiedenen früheren Listen und Publikationen als baugeschichtlich oder historisch wertvoll bezeichnet. Diese historischen Listen wurden von Lutz Mauersberger erstmals zusammengestellt und von Christina Kautz von der Planungsgruppe Stadtkern im Bürgerforum Berlin e. V. kartiert (Quelle: Bürgerforum Berlin e.V.)

Zeitgleich mit der heute stattfindenden Auftaktveranstaltung zur Bürgerbeteiligung am Rathausforum startet das Bürgerforum Berlin e.V. unter dem Titel „Mitte! 150 Jahre Transformation des Berliner Stadtkerns 1865-2015“ eine Open-Air-Ausstellung am Neptunbrunnen. Sie soll als Säulenausstellung bis 31. August Tag und Nacht zu besichtigen sein. Das Bürgerforum informiert dabei über die wichtigsten Fakten und Bilder zur Geschichte der Berliner Mitte. Der Verlust der Bauten durch die moderne Stadtentwicklung ist in dessen Flyer beziffert:

„Von den um 1865 vorhandenen zirka 1.500 Bauten des Stadtkerns sind nur noch 85 erhalten: Aus dem Mittelalter stammen nur vier Kirchen, kein einziges Bürgerhaus – ein solcher Verlust ist auch im europäischen Maßstab einzigartig.“

Mehr über die Ausstellung, das Bürgerforum und dessen Ziele – hier im Flyer

Schlossplatz, März 2015: Passanten passieren die zukünftige Schlosspassage ohne sie wahrzunehmen. Muss ja auch noch nicht sein. (Foto: André Franke)

Schlossplatz, März 2015: Passanten passieren die zukünftige Schlosspassage ohne sie wahrzunehmen. Muss ja auch noch nicht sein. (Foto: André Franke)

Noch gehen sie vorbei, überqueren die Breite Straße und würdigen Schlossplatz und Schlossportal mit keinerlei Blicken. Was, wenn der verschleppte Schlossbrunnen dort wieder stünde, der Neptunbrunnen? Die Diskussion um seine Rückkehr ist ein zentraler Aspekt bei der Freiraumgestaltung rund ums Schloss. Ein weiterer ist die irrwitzige Verkehrsführung: Weder Radfahrer fahren die rechtwinklige Kurve auf vorgeschriebener Bahn, noch die Busse und Pkw (weil sie gar nicht können). Überhaupt fehlt und wird fehlen: Grün. Der Entwurf von bbz Landschaftsarchitekten, die 2013 den Wettbewerb für das Schlossumfeld gewannen, gönnt dem Schlossplatz vor den Portalen I und II keinen einzigen Baum. Ja, nicht einmal einen Grashalm. Am Mittwoch Abend (nicht Dienstag!) geht es beim 11. Forum der Schlossstiftung um das Thema „Städtebau, Platzgestaltung und Erschließung. Podiumsgäste: Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, Publizistin Leah Rosh und BVG-Projektleiter der U5 Jörg Seegers (ab 18.30 Uhr in der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, Schloßplatz 7, 10178 Berlin).

Rückseite Neptunbrunnen vor Rotem Rathaus und Rathauspassagen, 2013 (Foto: André Franke)

Rückseite Neptunbrunnen vor Rotem Rathaus und Rathauspassagen, 2013 (Foto: André Franke)

Beide Denkmäler sind besonders. Das Luther-Denkmal und der Neptunbrunnen stammen aus der Kaiserzeit und sind nach dem Zweiten Weltkrieg umgesetzt worden: Luther an die Nordseite der Marienkirche, Neptun vor das Rote Rathaus. Dass Luther den Standort wieder wechseln wird, nämlich auf die andere Seite der Marienkirche, wo früher der Neue Markt war, ist, glaube ich, schon beschlossene Sache. Beim Neptunbrunnen ist noch unklar, ob er auf den Schlossplatz zurückkehren wird. Das ist eine umstrittene Sache. In der Volkschule Mitte hält u.a. Manfred Rettig von der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum heute Abend einen Vortrag dazu. Ab 18:30 Uhr in der Linienstraße 161. Freier Eintritt.

Rathausforum-Entwurf Achim und Andreas Linde

Nicht das „Festival of Lights“, sondern der Entwurf für eine Lichtinstallation zwischen Fernsehturm, Rotes Rathaus und Marienkirche – gegen eine zukünftige Medienfassade an einer noch zu bauenden, noch zu diskutierenden Zentralbibliothek (Visualisierung: Achim und Andreas Linde, 2014)

Während für das Rathausforum in Berlin-Mitte gerade ein Dialogverfahren in Vorbereitung ist, gibt es für seine zukünftige Gestaltung einen neuen Vorschlag von Architekt Achim Linde und seinem Bruder Andreas Linde. Sie entwerfen einen Mix aus Grünfläche, Bebauung und Stadtplatz. Im Detail so:

Das Marx-Engels-Forum, etwa die Hälfte des heutigen, soll eine Grünfläche mit viel Baumbestand werden (beziehungsweise bleiben) und sich mit einem Amphitheater zur Spree und zum Schloss öffnen.

Neben dem Park, also auf der anderen Hälfte des heutigen Marx-Engels-Forums, an der Spandauer Straße, soll eine Zentralbibliothek mit einem Berlin-Pavillion entstehen. Dieses Gebäude soll den anschließenden Platz fassen und eine multimedial bespielbare, konkav zum Platz verlaufende Medienfassade abgeben, auf der im Sommer Berlin-Filme laufen. Entlang der historischen Bischofstraße soll eine Sicht- und Wegeverbindung freigelassen werden, also der Blick vom Platz zum Schloss möglich sein. Der Berlin-Pavillon soll die Stadtmodelle aufnehmen und als Diskussionsort mit der Stadtverwaltung dienen. Hierbei nehmen die in Berlin lebenden Linde-Brüder eine Idee von Thomas Flierl von der Herrmann-Henselmann-Stiftung auf, die dieser in dem Buch “Berlin plant” (2010) beschrieb. So soll ein Kommunikationsort für öffentliches Leben entstehen, ein “Platz der Demokratie”.

Rathausforum-Entwurf von Achim und Andreas Linde, 2014

Park, Stadt, Platz – der Entwurf ordnet die Fläche zwischen Spree und Fernsehturm in drei klare Bereiche. Neptun soll gehen. Luther kommt. (Entwurf: Achim und Andreas Linde, 2014)

Auf dem Platz, an der Stelle, wo heute der Neptunbrunnen steht, soll eine flexible, multifunktionale Installation errichtet werden, wahlweise als Tribüne für die Medienfassade, Kristallkugel, versenktes Amphitheater oder ebenerdiger Platz. Der Neptunbrunnen soll dafür wieder zurück auf den Schlossplatz rücken. Die Brüder finden, dem Neptunbrunnen würde “zuviel Prominenz und auch Präsenz abverlangt”, und dass dieser beides nicht liefern könne. Sie treten auch für die (bereits in die Wege geleitete) Rückführung des Luther-Denkmals an den historischen Ort vor der Marienkirche ein und für die Markierung des Wohnhauses von Moses Mendelssohn in der Spandauer Straße 68, wie es auch Stadthistoriker fordern.

Die Oberfläche des Platzes soll mit einem innovativem Lichtkonzept farblich und plastisch gestaltet werden, und der Platzraum (besonders vom Fernsehturm aus gesehen) als erkennbare Gestaltungseinheit wirken. „Hier liegt das Hauptproblem des Gebietes“, heißt es im Linde-Entwurf, „es ist halb Platz und halb Park, aber keins von beiden richtig.“

Unterirdisch, direkt unter dem Platz, soll es Geschäfte und öffentliche Toiletten geben. Der Entwurf sieht außerdem die Integration des Eingangs der U5 in die Platzgestaltung vor und strebt auch die Zugänglichkeit der ausgegrabenen Alt-Berliner Rathausreste an.

Rathaus, Fernsehturm und Marienkirche werden als die drei Hauptakteure betrachtet. Der durch Teilbebauung gefasste Platz soll deren Hauptrolle unterstützen.

Achim und Andreas Linde wollen ihren Beitrag als Anregung zur Diskussion und Aufforderung zur Weiterentwicklung verstanden wissen. Das Gebäude der Bibliothek sei als Platzhalter für einen Entwurf zu betrachten, auch die Installation könne anders aussehen.


Kontakt: Dipl.-Ing. Architekt Achim Linde und Dr. Andreas Linde, ehemaliger Bezirksverordneter 

achimlinde@gmail.com 

— Fotostory, Meinung —

Der Weihnachtsmarkt vorm Roten Rathaus macht Stimmung, und zwar eine ganz besondere. Veranstalter Hans-Dieter Laubinger hat hier kulissenhaft das Berliner Marienviertel aufgebaut, nach dem sich einige Architekten und Politiker Berlins so sehnen. Aber ab dem 27. Dezember wird das aufwendige Fassenwerk am Fuße des Fernsehturms wieder zurückgebaut und schon bald verschwunden sein. Und wer vermisst das Städtchen dann? Laubinger hat ein Gefühl für Orte im Wandel. Seine Weihnachtsmärkte sind vom Alexa und Palastabriss verdrängt worden. Seit drei Jahren schlägt er sein Fest vor dem Roten Rathaus auf, an der Marienkirche. Ein Interview in der Bauwelt 47.10 zeigt, dass er versteht, wie dieser besondere Stadtraum funktioniert. Hier zunächst ein paar Eindrücke. – Die erste Fotostory auf futurberlin mit 13 Bildern.

Temporäres Triadentum: Hier wird mittels leicht übermannshohem Pyramidenbau das bereits vorhandene Stadtbildpotenzial, 365 Tage im Jahr präsentiert durch das Zweiergespann Marienkirche-Fernsehturm, in einen neuen Dreiklang überführt. Berlins höchste Vertikale von 368 Metern wird über die Turmspitze der Marienkirche nahezu bis auf Kopfhöhe der Menschen heruntergebrochen. Girlande gefällig?

Es mittelaltert doch sehr. Der Nachbar dieser Taverne verkauft Ganzkörper-Felle, Met und Trinkhörner aller Art. Nur geschmiedet wird nicht.

"Adressen bilden", dieses Stichwort ist in der Berliner Stadtplanung immer wieder zu hören. Willkommen also an der Marienkirche/Ecke Neptunbrunnen mit straßenbegleitender Laterne. - Kein Armleuchter das Ding, aber vollverkabelt und ohne Gas. Rechts an das Bild schließt sich der Neptunbrunnen mit Eisbahn an.

Hier lässt sich die Marienkirche mal so richtig die Sonne auf den Pelz scheinen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass es sich hier nicht um das originale Kirchenschiff handelt, sondern um ein Altberliner Bürgerhaus. Das beides nahtlos zusammenpasst, ist hier eine Frage der fotografischen Perspektive und dort (in der Debatte) wie reichhaltig man seine Trickkiste vorher füllt, bevor man sich später argumentativ aus ihr bedient.

Alles Fließende erstarrt im neuen deutschen Winter. Auch die Berliner Damen am Beckenrand des Neptunbrunnens, der Legende nach "die einzigen Berlinerinnen, die den Rand halten können", gucken etwas bedäppert aus den Schneemassen ihrer verfrorenen preußischen Flüsse, die sie repräsentieren. Nur das Krokodil scheint irgendwie Spaß daran zu haben.

Gigantisch wie ein Atomreaktor entwächst dem Dachstuhl des Bürgerhäuschens hier der Schaft des Fernsehturms. Wenn´s Türmchen einknickt, ist´s Hüttchen futsch.

Die Kulisse der Altstadt wirkt vor dem Hintergrund der Rathauspassagen wie ein Gartenzaun für den sozialistischen Städtebau.

Auf den Anblick des Schafts des Fernsehturms werden wir verzichten müssen, sollte das Marienviertel auferstehen. Stadthausfassade oder Turmfaszination - man kann nur eines haben.

Das ist die Hauptstraße des Weihnachtsmarkts vorm Roten Rathaus: Sie führt vom Riesenrad am Neptunbrunnen geradewegs zum Hotel Park Inn.

Fassadenspielerei ist eine Facette des Städtebaus. Interessant ist hier die farbliche Verwandschaft mit dem Turm der Marienkirche.

Die Fassadenkulisse auf dem Weihnachtsmarkt ist (nur) maximal 7,50 Meter hoch. Marktleiter Hans-Dieter Laubinger gewährt der Marienkirche durchaus visuelle Mitwirkungsrechte. Bei einer Bebauung des Areals mit 22 Meter Berliner Traufhöhe würde sie aus dem Stadtbild weitesgehend verschwinden. - Aus den Augen aus dem Sinn.

Jemand zu Hause? - Wer hier in Zukunft wohnen würde, hätte weder einen langen Weg zum Rathaus, noch zu den Bänken vor dem Altar: Hier könnte er sich bei den Regierenden für die Baurechte bedanken, dort vor Gott dafür Buße tun, sich mit dem Immobilienkauf öffentlichen Raum unter den Nagel gerissen zu haben, der einst den Berlinern gehörte - und im Grunde jedermann.

Und dann taucht auf dem Weg Richtung Alexanderplatz das richtige, prächtige Kirchenschiff von St. Marien doch noch auf. Gott sei Dank, wenn auch nur in Teilen.

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