Beiträge

Die Meile ist groß, die Meile ist frei!

Fanmeile maximal: Näher kommt man der Bühne nicht. Und näher kam man der Mauer nicht. Drei Wochen lang geht das ganz entspannt. An spielfreien Tagen (Foto: André Franke)

Fanmeile maximal: Näher kommt man der Bühne nicht. Und näher kam man der Mauer nicht. Drei Wochen lang geht das ganz entspannt. An spielfreien Tagen (Foto: André Franke)

Nachdem ich im letzten Post schrieb, die Fanmeile sei dicht, auch an spielfreien Tagen, weil ein „Zaungast“, so nenne ich den Kontrollpostenmensch von neulich mal, mir auf Nachfrage versicherte, man wolle den Veranstaltungsbereich der Meile hundertprozentig schützen, rund um die Uhr, stelle ich fest: Er hat die Unwahrheit erzählt, und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat recht mit der Ankündigung, die Meile sei für Fußgänger und Radfahrer zu spielfreien Zeiten passierbar. Das heißt: Die Meile ist frei! Und das heißt auch: Die Begegnungszone auf der Straße des 17. Juni ist perfekt – geht sie doch tatsächlich von der Siegessäule bis zum Brandenburger Tor. Und was ist das für ein Riesengeschenk, mitten auf der Kreuzung an der doppelten Kopfsteinpflasterreihe zu stehen und hier Zeit zu verbringen … dort zu stehen, wo Reagan stand. Das ist ein Ausnahmezustand am Tor! Noch dreieinhalb Wochen. Und ich werde ihn einbauen in meine Touren, vorausgesetzt es geht ums Tor, um die Mauer oder die Festivalisierung der Stadt.

Familiengang zum Brandenburger Tor: Die Fanmeile ist frei zugänglich für Fußgänger und Radfahrer bis 12. Juli - zur spielfreien Zeit (Foto: André Franke)

Familiengang zum Brandenburger Tor: Die Fanmeile ist frei zugänglich für Fußgänger und Radfahrer bis 12. Juli – zur spielfreien Zeit (Foto: André Franke)

Begegnen wir uns!

Fanmeile am Brandenburger Tor beschert Berlin eine zweite Begegnungszone: so ganz nebenbei

Berlins zweite Begegnungszone - die Straße des 17. Juni. Da geht noch was (Foto: André Franke)

Berlins zweite Begegnungszone – die Straße des 17. Juni. Da geht noch was (Foto: André Franke)

Berlin hat nach der Maaßenstraße in Schöneberg jetzt eine zweite, unverhoffte Begegnungszone: die Straße des 17. Juni. Allerdings ist sie zeitlich begrenzt bis zum Ende der Fußball-EM, dem 12. Juli. Gemeint ist natürlich die Fanmeile. Und nicht gemeint in diesem Zusammenhang sind die Massen vorm Tor, vorm Brandenburger, die nach der Einlasskontrolle ins Festivalgelände ja ohnehin verschmelzen; hier begegnet man sich nicht, hier lösen sich Körper auf. Aber westlich, jenseits der Yitzhak-Rabin-Straße, wo ein Zaun die Fanmeile vom Rest der Straße des 17. Juni abgrenzt, beginnt Richtung Siegessäule, ich nenne es mal: die „breite Freiheit“.

Meine Beobachtungen vom Sonntag: Es gehen die Fußgänger, es fahren die Radfahrer, es reitet die Polizei und es koten die Vierbeiner. Hier ist die Weltstadt echt in Ordnung, und niemanden stört irgendwas – abgesehen von den Autofahrern, die den Preis zahlen: Staus mit „situativen“ Straßensperrungen kündigt die Verkehrsverwaltung für Unter den Linden, Wilhelmstraße, Tiergartenstraße, Leipziger Straße, Scheidemannstraße und Tiergartentunnel an.

Auf die Meile gekackt, aber der Vierbeiner ist nicht schuld - es waren die Polizeipferde (Foto: André Franke)

Auf die Meile gekackt, aber der Vierbeiner ist nicht schuld – es waren die Polizeipferde (Foto: André Franke)

Die „Freiheit“ (53 Meter breit, 1,3 Kilometer lang) bietet soviel Raum, dass man sich dort wie auf dem Feld fühlt, dem Tempelhofer. Und mit diesen Worten schafft die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung die wohl schnellst-gebaute, kostenfreiste und ungeplanteste Begegnungszone Berlins:

„Fußgänger und Radfahrer dürfen den Bereich in der spielfreien Zeit passieren.“

Sperrzaun im Tiergarten, Bellevue-Allee - dahinter lauert die Hundestaffel (Foto: André Franke)

Sperrzaun im Tiergarten, Bellevue-Allee – dahinter lauert die Hundestaffel (Foto: André Franke)

Das sollte offenbar sogar für den Bereich der Fanmeile selbst gelten, aber die Kontrollposten enttäuschen auf Nachfrage. Die Fanmeile bleibt dicht. Bis zum Schluss. Das garantieren übrigens auch jede Menge Vierbeiner, und diesmal meine ich nicht Pferde, sondern die Hundestaffel. An der Bellevue-Allee lauern sie hinter den Zäunen auf Leute, die trotz der Absperrung spontan rübermachen. Das ist ein bisschen unheimlich. Denn ich fuhr Freitag Abend mit vier Damen vom Volkshochschul-Kongress eine „Oasen-Tour“ und landete mit ihnen überrascht am Innenzaun (wir waren nicht die einzigen), weil (nicht erkennbar) Teile des Zaunes an anderer Stelle herausgenommen waren und wir so ins Sperrgebiet gelangten. Wäre das am Sonntag passiert … wir hätten wohl im wahrsten Sinn des Wortes einen Staffellauf hingelegt.

Patrouille Richtung Siegessäule - Berittene Polizisten begegnen einem Passanten (Foto: André Franke)

Patrouille Richtung Siegessäule – Berittene Polizisten begegnen einem Passanten (Foto: André Franke)

Also, Fußgänger und Radfahrer dürfen den Bereich der Fanmeile auch in der spielfreien Zeit NICHT passieren. Das kann jeder selbst ausprobieren. Aber die „breite Freiheit“ bleibt gewonnen, der beschriebene Abschnitt der Straße des 17. Juni. Und das ist ein echtes Geschenk. – Auch das kann man ausprobieren.

Zu viele Feste auf Berlins Straßen und Plätze

Die Feierei im öffentlichen Raum der Berliner Innenstadtbezirke erreicht die Grenzen des Erträglichen und die Grenzen des Machbaren. Ein Artikel in der „Welt am Sonntag“ gibt einen guten Überblick darüber, wo und wie oft gefeiert wird, und wie die Behörden darauf reagieren: Mitte habe einen Kriterienkatalog, der am Brandenburger Tor und auf der Straße des 17. Juni nur Veranstaltungen „von herausragender Bedeutung“ erlauben soll. Events zu Werbezwecken seien nicht genehmigungsfähig. Friedrichshain-Kreuzberg suche nach einem zentralen Festplatz und habe eine Arbeitsgruppe für die Sondernutzung von öffentlichen Straßen und Grünflächen gegründet. Pro Jahr gäbe es hier etwa 150 Feste. Dazu führe der Bezirk seit 2009 eine Datenbank mit Beschwerden von Anwohnern. 1.635 sind seitdem dort gespeichert. Viele richteten sich gegen die im August stattfindende Biermeile in der Karl-Marx-Allee. In Pankow ist es vor allem der Mauerpark, der beim Bezirk eine restriktive Genehmigungspraxis ausgelöst hat. Durch die Karaoke-Show hätte der Park am Amphitheater dermaßen Schaden genommen, dass teilweise der Hang abgerutscht sei und sich die Steinblöcke gelöst hätten. Stadtrat Jens Holger Kirchner (Grüne) bekäme pro Jahr rund 200 Anfragen für Events. Die Bilanz des Parks für 2013 sieht so aus: 24 Karaoke-Shows, die Fête de la Musique, ein Peru-Familienfest und das Knaack-Sommerfest. Die meisten Veranstaltungswünsche bleiben hier unerfüllt. Auch Mittes Stadtrat Carsten Spallek (CDU) lehne die meisten Anfragen ab, heißt es. Er bekomme sie für die Straße des 17. Juni „nahezu täglich“. So habe er zum Deutsch-Amerikanischen Volksfest Nein gesagt, für das die Straße etwa zwei bis drei Wochen gesperrt werden müsste. Auch gegen die 150-Jahrfeier der SPD vor einigen Wochen hatte er sich gewehrt, allerdings erfolglos.

Der „Welt“-Artikel hier zu lesen in gekürzter Fassung bei der Berliner Morgenpost

„Es lebe die deutsche Republik!“ – Sozis scheiden mit Kaiser vom Brandenburger Tor

Der Mensch hat zwei Ohren, aber richten kann er sie nur auf eine Melodie. Was sich am Wochenende rund um den Reichstag abspielte, könnte man als Versuch auffassen, den Bundesbürger über diese biologische Grenze hinauszutreiben, genauer gesagt: über seine biologisch-politische. Während Samstagabend am Spreeufer die multimediale Show des Bundestages zur Geschichte der Deutschen Demokratie und des Reichstagsgebäudes läuft, singt Nena für die Sozialdemokraten vor dem Brandenburger Tor und wird am Sonntagmorgen sogar gefolgt von einem Kaiser, einem singenden, nämlich Roland Kaiser.

Das stört und ist frech. Eine oppositionelle Wahlkämpferin, die alte Dame SPD (Herzlichen Glückwunsch zum Hundertfünfzigsten!), drängt sich mit Dezibel und Sieben-Tage-Straßensperrung, mit Pauken und Trompeten ins deutsche Parlament, quasi in seinen Luftraum. Dabei muss man den dokumentarisch-emotionalen 30-minütigen Cocktail, der am Ufer als Open-Air-Kino täglich bis zum 3. Oktober gezeigt wird, loben. Mehr noch, man müsste die Veranstaltung für “unverletzlich” erklären. Aber am 17. August wird sie akustisch angegriffen. Was aus den Lautsprechern am Ufer noch in die Ohren dringt: Worte Reuters, Brandts, Ulbrichts, Schabowskis, Heyms, Wolfs, Gaucks – sie werden schwammig und schwach. Dabei sind darunter starke Sätze wie diese zu hören, vom Bundestagspräsidenten Norbert Lammert zum Beispiel:

“Was ein politisches System als Demokratie qualifiziert, ist nicht die Existenz einer Regierung, sondern die Existenz eines Parlamentes und seine gefestigte Rolle im Verfassungsgefüge wie in der politischen Realität. (…) Hier schlägt das Herz der Demokratie oder es schlägt nicht. (…) Das Parlament ist im Übrigen nicht Vollzugsorgan der Bundesregierung, sondern umgekehrt ist Auftraggeber.”

So was muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, ganz zu schweigen von den „Wir sind das Volk“-Rufen, die in der Kulisse der Parlamentsbauten unter die Haut gehen. Was dagegen vom Brandenburger Tor herüberbebt, ist klar: Wahlkampf und Spaß, den sich die ergraute Arbeiterfrau mit über zwei Millionen Euro viel Geld kosten ließ, wie der Tagesspiegel schreibt. Vielleicht war es sogar ein bisschen zu viel der Mühe der Partei, wenn manche Besucher des Festes nicht wegen Steinbrück kamen, sondern für den oben genannten Kaiser, wie die Berliner Zeitung berichtet. Renate Pflugmacher aus Göttingen ist da ehrlich.

Nach dem Abzug von Partei und Kaiser aus Berlins Straße des 17. Juni können die Deutschen bis zum Herbst wieder ihr gesamtes Gehör auf ihre Geschichte richten. Über die weitere Zukunft der Straße vorm Brandenburger Tor sollte man in Berlin wegen ihrer kontraproduktiven Kräfte wirklich einmal nachdenken, auch mehrmals, am besten bevor man einen Sicherheitszaun drum herum baut, wie geplant. Im „Vorwärts“ feiert die SPD sie als „rote Meile“.

Roland Kaiser ist übrigens selbst ein Sozialdemokrat. Er trat der Partei vor elf Jahren bei, als sie im Umfragetief lag, wie er im „Vorwärts“ erzählt. Ob die „rote Meile“ sich für die Partei am 22. September zum roten Teppich ins Kanzleramt mausert, entscheiden diejenigen, die zum Parlamentskino pilgern. Unweit der Philipp-Scheidemann-Straße wird jetzt wieder die Republik gefeiert.