Beiträge

Baucontainer vor einem grauen Gebäude. Blumenkästen vor den Containern.

Heller wird´s nicht

Kurz nach 22 Uhr, es war „blaue Stunde“, standen wir in der Zionskirchstraße und blickten zur Pfefferberg-Brauerei, wo sich der gläsern-metallische Topbau des Museums für Architekturzeichnung stechend klar von dem Backstein des benachbarten Schornsteins abhob. Es war länger geworden als geplant. Das war gut so in einer Sommernacht wie dieser, in der die Luft umso erträglicher wurde, je tiefer die Sonne sank. Am Wochenende ist Sommersonnenwende. Nächsten Freitag wird der Tag schon wieder ein bisschen kürzer dauern.

Baucontainer vor einem grauen Gebäude. Blumenkästen vor den Containern.

Bunt weil Blumen. Ansonsten graut es mir, dass Berlin bis zum Jahre 2037 auf die vollständige Wiedereröffnung des Pergamonmuseums warten muss (Foto: André Franke)

Der News Ride reloaded #11 startete am Pariser Platz und sollte zum bald beginnenden Umbau Unter den Linden, zum translozierten EM-Fußballrasen im Monbijoupark und zur aus Behördensicht abrissreifen Fassadenhecke an einem Gründerzeitgebäude in Prenzlauer Berg führen. Doch K. und ich haben uns von Anfang an treiben lassen. So sind aus ursprünglich geplanten drei Stopps am Ende 19 geworden.

Wieder was gelernt: „Lebe im Ganzen“

Eine Liste muss her, damit das hier nicht zu lang wird. Wir sahen, entdeckten, besichtigten:

  1. die Stelle vor der Akademie der Künste, an der im letzten Jahr (K. war Augenzeuge) der Verein „Berliner Unterwelten“ den Eingang zum Hotel-Adlon-Bunker ausgegraben hatte,
  2. die Linden Unter den Linden, blühende, fehlende und kommende (nämlich Silberlinden im Jahr 2029)
  3. den vergessenen Bauzaun in der Universitätsstraße, an dem zahlreiche Anti-Baustellen-Sprüche hängen,
  4. den Hegelplatz (hinter der Humboldt-Uni) mit einigen zukunftsweisenden Silberlinden (denken wir jedenfalls), wo auf der Wiese eine Gruppe von ungefähr 30 Menschen eine Art Ringeltanz aufgeführt hat,
  5. den „Treffpunkt Bauwende“ an der Bauakademie, wo tatsächlich drei Silberlinden in der Open-Air-Ausstellung aufgestellt wurden,
  6. den „Südpfeil“ am Humboldtforum, der als achtes und letztes Stück Kunst am Bau auf die „Pfeilstörche“ des 19. Jahrhunderts hinweist,
  7. den Berliner Dom, an dessen Eingang ein Kreuz aus Rettungswesten hängt, welches zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni an die im Mittelmeer ertrunkenen Menschen erinnert,
  8. die Friedrichsbrücke mit Museumsinsel-Hintergrund, die einen Gast von K., so erzählt er, einmal schwärmen ließ, Berlin sei ja so schön wie Paris,
  9. das Adolph-Diesterweg-Denkmal, dessen Sütterlin-Inschrift wir zwar nicht vor Ort enträtseln konnten, ich aber im Nachgang entschlüssele mit: „Lebe im Ganzen“,
  10. den mit Blumenkästen beschmückten Baucontainer an der Ostseite des Pergamonmuseums, den ich vor Jahren auf der Westseite der Baustelle fotografiert hatte (habe mich wirklich gefreut, dass es ihn noch gibt),
  11. den Fussballrasen im Monbijoupark, der aus dem Jahr 2024 und von der Straße des 17. Juni stammt und bei weitem nicht das einzige Stück Ex-Fanmeile ist, das in Berlin Wiederverwendung gefunden hat (es gibt unter anderem auch eine Kita in Weißensee, die sich laut Tagesspiegel über den Teppich sehr gefreut hat),
  12. das Gelände des St. Hedwigs-Krankenhauses mit seinen begrünten Fassaden und dem kleinen Gärtchen im tiefsten Winkel des Grundstücks nahe der Rückseite zur Synagoge Oranienburger Straße,
  13. die Sophienkirche in zarten Rosétönen (es dämmerte schon),
  14. die Sophienstraße, in deren Flucht nun der „Berlinian“ steht (das neue Hochhaus bei Galeria Kaufhof am Alexanderplatz, das ursprünglich von Signa gebaut wurde),
  15. die Gipshöfe, in denen auf echtem Rasen drei Amseln ihr Abendbrot aus dem Boden pickten,
  16. die Pinocchio-Skultpur auf dem Chipperfield-Bau in der Linienstraße,
  17. den auf den zweiten Blick spannenden Neubau mit variierenden Rundbogenfenstern in der Alten Schönhauser Straße, von dem K. meinte, er sei auch von Chipperfield gebaut (glaube ich nicht, aber kann sein),
  18. die Fahrradschleuse Torstraße, an der es mit Schülergruppen, so K., oft zu Missverständnissen kommt, die gefährlich werden,
  19. die freundliche Haushecke in der Zionskirchstraße, deren amtliche Gefährlichkeit unseres Erachtens wohl nur in ihrem Eifer nach Voluminösität bestehen kann und in ihrer klar erkennbaren Zielsetzung, dass sich die Pflanze mit den Pflanzen vom gegenüber liegenden Teutoburger Platz verbinden könnte und so den Straßenverkehr zwischen Pfefferberg und Zionskirche lahm zu legen droht.

Für den Absacker ging´s ins Chagall.

Schock-Bau auf Bötzow

Schnell gebaut, aber nicht schön gebaut. Die temporäre Innovation-Halle vor der Bötzow-Bauerei an der Prenzlauer Allee (Foto: André Franke)

Schnell gebaut, aber nicht schön gebaut. Die temporäre Innovation-Halle vor der Bötzow-Bauerei an der Prenzlauer Allee (Foto: André Franke)

Schon seit Wochen fahr ich die Prenzlauer nur noch mit Scheuklappen runter. Dass ich die grau-schwarze Blechhalle nicht immer aufs Neue anblicken muss. Sie ist ein Neubau auf dem Gelände der alten Bötzow-Brauerei. Chipperfield baut hier, dachte ich. Und die Pläne zeigen ganz andere Architektur. Helle Ziegelsteingebäude, die sogar die gleichen Rundfenster haben wie schon der Chipperfield-Neubau für die School of Transformation im Projekt Forum Museumsinsel an der Spree. Auf meine besorgte Anfrage hin, teilt mir Bötzow Berlin jetzt mit, dass es sich nur um eine Zwischenlösung handelt. Den kreativen Kräften im Open Innovation Space will man mit dem Bau einen möglichst kurzfristigen Start ermöglichen. Man versichert mir: Die baulich-ästhetischen Einschränkungen werden nur von vorübergehender Dauer sein. Na gut.