Nathaniel, der Weise

Nathaniel, so heißt der Investor, der den Checkpoint Charlie bebaut. Wir könnten uns keinen besseren wünschen, denn der Mann ist sich seiner historischen Aufgabe bewusst. Er zeigt sich willens, mit Berlin zusammenzuarbeiten, ja er macht den Berlinern sogar Geschenke: eine Freifläche ist im Gespräch, die eine Art Stadtplatz bedeuten würde (aber privat ist) und die das erhalten würde, wovon die Massen vor Ort schon heute profitieren: Raum, sich zu bewegen.

Viel Platz drumherum und dahinter: Das Haus der Stiftungen steht frei auf dem Grundstück (Foto: André Franke)

Zwanzig Jahre lang war von so was nicht die Rede gewesen. Die verbliebenen freien Grundstücke sollten mit der Berlin-typischen Blockrandbebauung „gefüllt“ werden. Kein Platz, keine Auffälligkeiten, nichts Besonderes. Die Baulücke sollte nach der „Einfügungsklausel“ des Paragrafen §34 des Baugesetzbuches geschlossen werden und das Leitbild von der Europäischen Stadt konsequent weiterverfolgt werden.

Applaus für die aufgebrochene Europäische Stadt!

Jetzt kehrt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sich davon ab! Ein Fachkolloquium erwägt, die in der Friedrichstadt bereits wieder aufgebaute Rasterstruktur der Blöcke an der Stelle des Checkpoint Charlie „aufzubrechen“ und mit städtebaulichen Mitteln an die Zeit der Berliner Mauer zu erinnern. Zwar soll ein Großteil der bis heute verbliebenen Freiräume bebaut werden, aber neben der geplanten 1.000 Quadratmeter großen Freifläche direkt an der Friedrich- /Ecke Zimmerstraße könnte auch eine Freifläche östlich der Friedrichstraße entstehen. Sie würde die Raumwirkung vergrößern, und ein Hochhaus würde sie flankieren, das bei der Präsentation der aktuellen Planung am Montag auf einer Abbildung zu sehen war. — Applaus! Ich war (fast) der Einzige, der klatschte. Genau das wünschte ich mir für die Zukunft des Checkpoint Charlie in einem Blogartikel, den ich vor zwei Jahren schrieb (siehe hier) … Ein Platz, einen Tower, eine Begegnungszone, bessere Busrouten.

Es läuft die Beteiligung der Öffentlichkeit. Die Ergebnisse beeinflussen den Bebauungsplan, den die Verwaltung jetzt aufstellt und der (jetzt noch) formbar ist, wie Manfred Kühne klar macht. Er arbeitet in der Abteilung städtebauliche Projekte (bei SenStadt) und zwar schon Jahrzehnte lang. Am Montagabend steht er im Rampenlicht des Asisi-Panoramas (wo die Veranstaltung stattfindet) und sagt, weil es ihn blendet, dass nicht er (und ein Mitarbeiter aus der Kulturverwaltung) die Stars seien, sondern das Projekt. Eine weise Attitüde!

Areal am Checkpoint Charlie beiderseits der Friedrichstraße (Bild: URBAN CATALYST GmbH)

Kühne und Nathaniel machen dieses Projekt. Sie bauen den Checkpoint Charlie von morgen, auf der Grundlage UNSERER Wünsche. Kühne betont: „Empfehlen Sie uns …!“ Damit ruft er im Namen seiner Verwaltung die Anwohner, Gewerbetreibenden, die Touristenführer auf, ihre Erfahrungen in die Neugestaltung einzubringen. Deutlicher kann man das nicht tun.

Ein gnädiger Investor, eine offensive Verwaltung (die auf Nathaniel in den letzten Jahren zuging), aber wo ist der Haken? Nathaniel, der Kluge, kann jederzeit die Reißleine ziehen. Wie der Investor auf Nachfrage aus dem Publikum erklärt, hat seine Firma, die Trockland Management GmbH, die Grundschuld der Grundstücke gekauft. Die Grundstücke selbst verbleiben aber beim Land Berlin. Sollte die Annäherung zwischen Investor, Verwaltung und der Öffentlichkeit platzen, dann kann Nathaniel von heute auf morgen den Joker ziehen. Das heißt, die Grundstücke gehen an ihn, er kann die Flächen ohne Bebauungsplan nach §34 bebauuen (ohne die Interessen Berlins zu berücksichtigen) und wir bekommen die für den Checkpoint Charlie so wichtige Freifläche nicht.

Ein Gönner am Checkpoint Charlie, ein Nutznießer an der Spree

Nathaniel ist ein symphatischer Investor. Er tritt von selbst auf die Bühne im Asisi-Panorama und antwortet auf die Fragen des Publikums. Aber eine ist dabei, die mit dem Checkpoint Charlie nichts zu tun hat, eine Frage, die Berlin als Ganzes tangiert: Die Trockland baut eben auch woanders an der Mauer. Sie baut an der East Side Gallery. Dort wird mit dem Projekt Pier 61/63 bekanntlich ein langer Hotelriegel in den Sand gesetzt, der in direkte Konkurrenz zur East Side Gallery tritt. Bei den Künstlern der East Side Gallery hat Nathaniel, der Weise, keinen guten Stand. Sie misstrauen ihm. Wieder wurden Gemälde der Gallery für eine Baustellen-Zufahrt herausgerissen und aus dem zusammenhängenden Mauerverlauf entfernt – wie damals 2013 beim Bau von Living Levels, gleich nebenan. Der kluge und weise Nathaniel wird hier zum Pragmatiker, Opportunisten. Er antwortet einem empörten Künstler sachlich und kurz. Die Trockland habe das Projekt mit einem Bauvorbescheid übernommen.

Damit ist Nathaniel aus dem Schneider. Das Karussel dreht sich weiter, und Manfred Kühne muss ran. Er schiebt die Schuld (hart ausgedrückt) auf … einen vormaligen Senatsbaudirektor „unseres Hauses“, der seinerzeit die Bebauung des Spreeufers konsequent vorangetrieben habe. Was wird mir doch im Laufe der Zeit der Verwaltungsmensch Kühne verständlich. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber ich sehe einen Handwerker, der aufrichtig, mit den beschränkten Mitteln der Stadtplanung, im Angesicht der Gesetze (das darf man bei der Betrachtung von Amtsarbeit nicht aus den Augen verlieren!) am Schicksal der Stadt Berlin feilt. Und von oben überfällt ihn das politische Wetter.

Das „Pier 61/67“ ist der „böse“ Bau an der East Side Gallery. Der Living Levels Tower geht bei mir tatsächlich als „guter“ durch. (Muss ich erklären, aber nicht hier…)

Beim Pier 61/63 wäscht sich Nathaniel die Hände im Becken von Politik und Verwaltung, und wir müssen die Schuldigen an der Misere von Mediaspree bei den Politikern von gestern suchen. Das ist relativ reizlos und eine Schwäche der Demokratie. Es können keine Köpfe mehr rollen, wenn die Köpfe schon auf dem Sofakissen ruhen.

Adressat für Veränderung, fürs Bessermachen, fürs Ruder-Rumreißen bleibt immer die Politik von heute (nicht die Verwaltung, der die zweifelhaft-glorreiche Aufgabe obliegt, die Ergebnisse politischer Gesten zu kommunizieren, und diese Aufgabe, diesen Spagat zwischen Gestern und Heute, hat Manfred Kühne mittlerweile eben zur Perfektion gebracht). Deshalb rufe ich den Vorschlag von Annette Ahme hier ab: für das Pier-Projekt an der East Side Gallery der Trockland ein Ersatzgrundstück anzubieten. Möge sich ein weiser Politiker dafür finden.

Bald Berlins dritte Begegnungszone? Hoffentlich! (Foto: André Franke)

Ginge es nach mir, Herr Nathaniel, dann nähmen Sie bitte das amtlich garantierte Bauvolumen vom Spreeufer und packten es auf den Checkpoint Charlie oben drauf!!! – Mit der einzigen Anmerkung, ja Bedingung, es in die Vertikale zu bringen, damit uns die Freifläche bleibt. Wenn in Berlin nämlich ein Hochhaus von 150 Meter Höhe (und mehr) gebaut würde, dann sollte es nicht der Hardenbergplatz, nicht das Estrel in Neukölln, nicht einmal der Alexanderplatz sein, der als Standort dafür diskutiert wird. Der Checkpoint Charlie erzählt die stärkste Geschichte Berlins. Genau hier brauchen wir die ambitionierteste Architekturmarke der früheren Frontstadt.


NÄCHSTE VERANSTALTUNGEN

  • Mo, 4. Juni, 18 Uhr: Themenabend: Städtebau, Verkehr, Freiraum, Ort: FORUM Factory, Besselstraße 13-14
  • Mi, 4. Juli, 18 Uhr: Diskusion der Ergebnisse, Ort: tba (siehe auch unter: berlin.de)

Moabit: Die Insel umrunden!

Als ich vor ein paar Wochen bei der Jahrespressekonferenz des Zentrums für Kunst und Urbanistik in Moabit war, führte man uns durch das Gebäude und durch einen langen Flur im Obergeschoss, von dem die Studios der Künstler abgingen, die zeitweise dort als sogenannte „Residents“ leben. Dort sah ich im Flur eine selbst gemalte Karte von Moabit hängen, überschrieben mit „Die Insel“. In dem Moment wurde mir zum ersten Mal klar, dass dieser Berliner Stadtteil von ALLEN Seiten von Wasser umgeben ist. Auf welchen anderen trifft das noch zu? Ich glaube, keinen. (Doch, die Mierendorff-Insel, gleich nebenan in Charlottenburg. Aber vergessen wir die mal gerade.)

INSEL TO GO

Von einer Sekunde auf die andere gewann Moabit für mich eine Art neue Farbe. Sagen wir, blau. Denn mit der Spree im Süden, dem Charlottenburger Verbindungskanal im Westen, dem Westhafenkanal im Norden und dem Spandauer Schifffahrtskanal im Osten könnte man Moabit auf seinen Gewässergrenzen potenziell umschwimmen. Leider verboten. Ein Stadtteil, der sich über das Wasser definiert, müsste aber eines unbedingt haben: offene Ufer. Kann man Moabit an den Ufern umrunden? Die Frage wird mein Leitmotiv für eine Tour, die ich am Sonntag für A. und O. aus München mache.

Blick vom Nordhafen nach Süden in den Spandauer Schifffahrtskanal (Foto: André Franke)

Da wir im östlichen Bereich der Perleberger Straße starten, ginge es erstmal in Richtung Nordhafen und Spandauer Schifffahrtskanal. Hier begegnet und das Dilemma, dass die Europacity ja noch nicht fertig ist und mit ihr der Uferweg entlang der Westseite des Kanals nicht (der kommt aber!). Das heißt, wir müssten „die Insel“ schon zu Beginn verlassen, über die Kieler Brücke (von der das Foto aufgenommen ist, siehe oben) aufs „Festland“ (Alt-Bezirk Mitte) rüber und den Mauerweg runter bis zum Humboldthafen fahren. Kann man natürlich machen, aber O. und A. kennen die Strecke wohl schon. Deshalb wäre es spannender, von der Perleberger in die Lehrter Straße einzubiegen und mal zu gucken, wie das dort neugebaute, gleichnamige Stadtquartier aus direkter Nähe aussieht. Man sieht es ja sonst nur von der anderen Seite, von der Gedenkstätte Günter Litfin und dem Invalidenfriedhof aus.

Die Lehrter Straße hat aber seit letzter Woche auch den (1) neuen, nachgemalten „Weltbaum“, das Wandbild, dessen Original von Ben Wagin am S-Bahnhof Tiergarten bald durch einen Neubau aus dem Stadtbild gedrückt wird. Das (2) Zellengefängnis mit seinem Geschichtspark am Ende der Lehrter ist auch ein schönes, besinnliches Etappenziel, bevor wir an der Moltkebrücke zur „Hauptstadtspree“ gelangen.

Moabit heißt auch Hauptstadt

Entlang der Spree gäbe es natürlich viel zu zeigen, oft zu stoppen, aber da muss eine Auswahl erfolgen. Die Sachen, die mich hier reizen, sind: das (3) Moabiter Werder mit historischer Pulvermühle, Bundesschlange und vom tiergarten-inspirierten Eibenbüschen, die (4) Gedenkpromenade am verglasten „Spreebogen“-Bürokomplex, den Pizzakönig Ernst Freiberger erschuf, das auf der dem anderen Ufer liegende (5) Hansaviertel und die (6) Erlöserkirche in ihrer märkischen Backsteingotik und dem ihr eigenes Kirchenschiff überragenden, benachbarten Gemeindehaus.

Jenseits der Gotzkowskybrücke ist der Uferweg unterbrochen. Jetzt könnten wir a) über die Brücke auf das Südufer wechseln (wieder „die Insel“ verlassend), müssten dann aber großräumig das Spreekreuz umfahren, was bedeuten würde, Moabit für – aus meiner Sicht – zu lange Zeit zu verlassen; oder wir könnten b) auf der Nordseite der Spree bleiben und ein paar Hundert Meter über die Kaiserin-Augusta-Allee radeln, dann zurück zum Ufer kommen, ein kurzes Stück weiter am Wasser entlangfahren, um dann aber einen ABSTECHER NACH NORDEN (und damit ins „Inselinnere“) in die Reuchlinstraße zu machen (mit dem Ziel, die (7) Turbinenhalle in der Huttenstraße zu besuchen). Damit weichen wir zwar von der konsequenten Inselumrundung ab. Aber den Gebäudekomplex mit den alten Spreespeichern müsste man sowieso umfahren. Warum also nicht einen Block mehr Strecke machen, um Peter Behrens zu huldigen? Architektur verpflichtet.

Die Ausnahme bestätigt die Regel. Über die Wiebestraße gelangen wir nach Süden zum Wasser zurück, in den Fitnesspark an der Spree. Von hier aus werfen wir einen weiten Blick auf die andere Spreeseite, wo Kleihues+Kleihues Architekten sich in die (8) alte Müllverladestation eingemietet haben. Wir fahren die „Moabiter Landzunge“ aus (eigene Namensschöpfung) und folgen von hier an dem Charlottenburger Verbindungskanal nach Norden, wo nach ein paar hundert Metern eine (9) urst lange Rampe erscheint. Sie steigt aus dem Kanal heraus und führt aufwärts zur Huttenstraße oder eben umgekehrt, der Verkehr rollt die Rampe hinab. Die Gasturbinen aus dem nahe gelegenen Siemenswerk werden hier auf die Wasserstraße verladen, nachdem sie nur eine sehr kurze Strecke auf der Straße transportiert werden müssen. Auch wegen dieser Rampe macht der Besuch bei Behrens Sinn.

Wasser heißt „Happy City!“

Es geht weiter nach Norden. Der (10) Berliner Großmarkt kommt. Das Riesen-Areal tangiert sowohl den Verbindungskanal, als auch den Westhafenkanal. Ein interner Gehweg führt am äußeren Rand des Geländes entlang. Der News Ride #16/18 hat bewiesen, dass man ihn radeln kann. Man muss nur wissen, wo man ins Gelände „einsteigt“. Das heißt, wir radeln und blicken weiterhin aufs Wasser! An dieser Stelle möchte ich eine Anmerkung von Annette Ahme einflechten, der Vorsitzenden des Vereins Berliner Historische Mitte. Im März verwies sie in einer Mitteilung auf das Potenzial der Wasserlagen in Berlin. Es gäbe Studien, sagt sie, die bewiesen, dass allein der Blick auf das Wasser für den Menschen heilsam sei, und die Gewässer böten allgemeine, automatische Orientierung, ganz nebenbei. Sie schreibt:

Wenn alle Ufer für Fußgänger und Fahrradfahrer tauglich ausgebaut wären, bräuchte man fast keine zusätzlichen überörtlichen Verbindungen. Und nutzt dabei den Sondervorteil, dass der Wegenutzer vom Gewässer eigenständig geführt wird, also wenig weitere Orientierungs-Hilfsmittel braucht. Der Lohn ist eine auf breiter Front wachsende Gesundheit der Bewohner – das könnte man jetzt in Geld umrechnen, wenn man Volkswirtschaftler wäre.

Oben, auf der Brücke, kommen wir mit einem mächtigen Blick auf den (11) Westhafen an der Beusselstraße raus und überqueren die Brücke über den Westhafenkanal. Dann geht´s nach rechts über die Seestraße, plus Brücke (es gibt einen Radweg parallel) zum: Nordufer, das ja auch einer der „20 Hauptwege durch Berlin“ ist, nämlich der 3er. Radeltechnisch ist das ein Sahnehäubchen. Die Alternative (auf der „Insel“ bleibend) wäre hier der Ritt durch das Hafengelände, wenn man´s mal intensiver wissen will. Wir BEgnügen uns und VERgnügen uns mit der großräumigen, bewegten Ansicht von außen (Container, Wasser, Speichergebäude) bis uns das Nordufer an die Fennbrücke bringt, wo wir drüber fahren, wieder rein „auf die Insel“.

Die Insel, Asha Bee Abraham in Zusammenarbeit mit Ana Tiquia (ZK/U)

Über die Quitzowstraße und Ellen-Epstein-Straße nehmen wir noch den (12) Gedenkort Güterbahnhof Moabit mit und, wenn Zeit bleibt, das (13) Zentrum für Kunst und Urbanistik in der Siemensstraße. Beides liegt auf dem Weg ins Café „Arema“, unserer geplanten Destination.


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Eine Brache, wo sich Hund und Hund gute Nacht sagen

Ich will mal anfangen, über die News Rides zu berichten. Heute über den 9. Mai, einem warmen, sonnigen (es fühlte sich an wie ein) Sommerabend …

Zu Sechst, wenn man F. mitzählt, der vier Beine hat (und wer würde es wagen, ihn zu übersehen!), starteten wir von der holprigen „Frühlingswiese“ des Dong Xuan Centers, wo ein Unbekannter vor unseren Augen in die Büsche pinkelte, nach Osten in die Herzbergstraße zum Kunstquartier von Axel und Barbara Haubrok. Es tat gut, Lichtenberg jenseits von Stasi-Knast, Stasi-Museum, Sportforum und Dong Xuan Center zu sehen. Ich wollte schon immer mal wissen, wo genau die ehemalige Fahrbereitschaft des DDR-Ministerrats liegt, von der man seit ein paar Jahren hört – eben weil da jetzt Kunst gemacht wird. Sie befindet sich gleich um die Ecke.

Mit freundlichen Grüßen, Bezirksamt

Wir drehten eine Runde über das Gelände, konnten in die offenstehende 100 Meter lange, von Arno Brandlhuber entworfene Halle reinschauen, wo sogar jemand rumsaß und die ein Bilderrahmenbauer zu über die Hälfte der Fläche nutzt, wie es heißt. Den Haubroks hatte vor kurzem Stadträtin Birgit Monteiro (SPD) untersagt, weitere Ausstellungen durchzuführen. Im Moment läuft noch „Paper Works“, aber ab 7. Juli soll nach den Worten von Axel Haubrok „Schluss sein“. Monteiro will das in der Herzbergstraße ansässige Gewerbe schützen, 800 Unternehmen mit bis zu 10.000 Arbeitsplätzen. Die B.Z. hatte berichtet. Auch die Künstler des alten Tacheles gründeten vor ein paar Wochen in der Nachbarschaft einen neuen Kunststandort, die „Kulturbotschaft“. Das hat möglicherweise zu der harten Haltung des Bezirks beigetragen. Erst als wir das Gelände verließen, bemerkten wir das Riesenplakat am Eingang. Es war das Behördenverbot in Form der originalen Email an Haubrok. Hängt dort, kann jeder lesen.

Baurechtliche Untersagung von Kunst im Gewerbegebiet per Email (Foto: Andrea Künstle)

Dann ging´s über Herzbergstraße, Vulkanstraße (hier für ein paar Meter von M. begleitet, der uns auf dem Nachhauseweg von Küstrin nach Pankow durch Zufall traf), Ruschestraße und Schulze-Boysen-Straße (…) westlich an der Viktoriastadt vorbei, ziemlich straight nach Alt-Stralau. Die Kynaststraße bleibt Radfahrern ein Rätsel. Man ist gezwungen, auf der Straße (ohne Radweg) zu fahren. Tut man es nicht und benutzt den Gehweg, fährt man bald gegen eine Straßenlaterne, weil der Gehweg immer schmaler wird, auf dem sie steht. Umgekehrt entwächst der Fahrbahn, hat man die Brücke im Scheitel überquert, unverhofft ein Radweg, über den man sich wundert: Warum tauchst Du erst jetzt auf?

Teppichfabrik à la Baukademie

Von der Alten Teppichfabrik in Alt-Stralau war letzte Woche zu lesen, dass es mehrere Bauanfragen gab. Nach der Besetzung im Sommer 2017 steht sie leer (und unter Denkmalschutz). Völlig offen, ob Wohnungen oder Gewerbe einzieht. Jedenfalls hat sie einen neuen Eigentümer, „s.Oliver“, die Bekleidungsfirma. Die B.Z. berichtete darüber (man muss es wegen der spärlichen Infos wohl eher „erwähnen“ nennen). Das Backsteingebäude, das auf der Stralauer Halbinsel die Industrialisierung einleitete, erinnert voll an die Bauakademie, die in der nächsten Woche wohl mit in den News Ride kommt.

Über die Elsenbrücke ging´s weiter durch den Treptower Park. In Höhe des Sowjetischen Ehrenmals war ganz schön was los: Uns fiel ein, dass ja „Tag der Befreiung“ war, und in sich die „Nachtwölfe“ in Berlin angekündigt hatten. Am Karpfenteich vorbei, folgten wir von da an dem Heidekampgraben, durch zahlreiche Kleingartenkolonien in Treptow, kamen an dem Denkmal für die Trepower Mauertoten vorbei, kamen in den Regen. Tja.

Herzbergstraße in der Abendsonne (Foto: Andrea Künstle)

Als es wieder aufgehört hatte, überquerten wir den Britzer Verbindungskanal und folgten ihm (immer noch auf dem Mauerweg unterwegs) bis zum Denkmal für Chris Gueffroy. Auf Treptower Seite erstrecken sich hier vier Kleingartenkolonien, die ich zum Anlass nahm, über die Vision von Arne Piepgras zu berichten, der die Gärten alle nach Brandenburg auslagern möchte, um die Flächen mit Wohnungen zu bebauuen. Die Schrebergärten Berlins haben seinen Angaben zufolge ein Potenzial von 3.000 Hektar. Das ist 15 mal der Tiergarten. 400.000 Wohnungen fänden darauf Platz, so Piepgras, der als Investor in Berlin auch am Dragoner-Areal tätig war und jetzt vor Gericht gegen die Übertragung des Grundstücks an Berlin streitet. Der Tagesspiegel hatte den offenen Brief als Anzeige gedruckt und u.a. infolge dessen eine interaktive Karte mit Berlins Kleingärten erstellt, in der man sogar Infos darüber erhält, wieviele Dauerbewohner in der jeweiligen Anlage leben (sehr zu empfehlen, sich da mal durchzuklicken).

Es folgen noch ein paar Kilometer entlang des Teltowkanals. Langsam wurde es dunkler. In Johannesthal wechselten wir auf die andere Seite der Autobahn und gelangten in den Eisenhutweg, eine Straße, die die Wissenschaftsstadt Adlershof westlich begrenzt und an der lauter Einfamilienhäuser stehen, manche mit Säulenportalen oder anderem Schnickschnack, angesichts der vorstädtischen Lage so affig, dass man drüber lachen muss. Ein Hochspannungsmast markiert das Ende der Stromleitung. Die Siedlungsmasse rechts reißt ab, und wir radeln entlang einer Brache. Einer großen Brache. Nach einer Weile biegen wir rechts rein und fahren einfach drauf. Hinter uns der Eisenhutweg, vorne die Autobahn. Dazwischen Gras und Büsche. Und Hunde. Die bellen, weil wir ihr Revier betreten. Und die bellen wohl auch wegen F., der seit drei Kilometern im Lenkerkorb sitzt und nicht mehr selbst rennt.

Im Airport-Korridor

In Adlershof gibt es also noch Brachen. Die hier soll mit 600 Wohnungen bebaut werden, von den Architekten, die auch im Mauerpark bauen. Nach Fertigstellung sollen die Wohnungen – voraussichtlich – an eine städtische Wohnungsbaugesellschaft übergeben werden, um sozialverträgliche Mieten zu gewährleisten. Die B.Z. berichtete, wenn auch nur kurz. Allerdings fand ich bei der Recherche noch ein weiteres Bauprojekt, das gleich daneben entsteht: die „BRAIN BOX BERLIN“. Klingt krass. Sieht auch spektakulär aus, ein Bürokomplex mit flexiblen Raumstrukturen und Marktplatz im Gebäude, langgezogen über die Riesenbrache, von der hier draußen kein Ende zu sehen ist. Wir befanden uns trotzdem nicht „draußen“. Der News Ride endete im „in Entstehung befindlichen“ Airportkorridor. Betonung auf: in Entstehung befindlich … (wie man auf der website der Wissenschaftsstadt Adlershof liest). Und weil wir dabei auf den aktuellen BER-Eröffnungstermin zu sprechen kamen, hier noch mal der Stand der Dinge: Herbst 2020, wie die Berliner Zeitung im März schrieb.