Berlin plant – endlich

Von
22. September 2010

— Rezension —

„In der Summe bilden profilierte Zimmer ein charaktervolles Haus.“ Allein die bildhafte Sprache der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher verspricht, dass sie es mit Berlin gut meint. In der neuen Edition Gegenstand und Raum sollen dem gestern vorgestellten „Berlin plant“, Herausgeber Thomas Flierl, in einer groß angelegten Buchreihe des Verlags Theater der Zeit weitere Bände folgen.

„Berlin plant“ ist, wie der Untertitel es verspricht, ein „Plädoyer für ein Planwerk Innenstadt Berlin 2.0“. Und ein Sammelband, in dem 16 Beiträge Fehler, aber auch Verdienst des berühmt berüchtigten Planwerks Innenstadt beleuchten. Das 1999 vom Senat beschlossene städtebauliche Leitbild wurde seitdem nur innerhalb der Verwaltung fortgeschrieben, ohne öffentliche Diskussion und parlamentarische Kontrolle. Und natürlich wurde es in Teilen auch gebaut. Das Buch zieht eine faire Bilanz. Es ist keine Abrechnung. Auch klassische Verfechter des Planwerks kommen darin zu Wort, wenn auch nur ein einziger.

Frischer Wind für die Debatte ist, dass Studenten mitreden. Mit wissenschaftlichen Mitteln und dem Blick über den Tellerrand – hier geht er über London bis Chicago – führen sie die Berliner Stadtplanung endlich auf ein strategisches Niveau hinauf. Medien weg von der Spree zum Hauptbahnhof, Kunst weg vom Hauptbahnhof nach Neukölln, „Idea Stores“ wie in London als Leuchtturmprojekte mit mutiger Architektur in benachteiligte Quartiere, verbunden mit der Kunst, Gentrifizierung zu vermeiden: Hier meldet sich die neue Generation der Berliner Stadtplaner und lässt die Lochfassade des Planwerk-Städtebaus hinter sich, wie es einst der Speicherchip mit der Lochkarte aus der Mechanischen Datenverarbeitung tat.

Wenn Stadträume „Begabungen“ haben können, wie wir im Buch lesen, und Planer nach Instrumenten suchen, um „Offenheit zu verstetigen“, dann stimmen die Beiträge eine fachliche Tonart an, die für das Planwerk Innenstadt vor zehn Jahren einfach zu hoch lag.

Die Berliner Stadtplanung hat die Lust an der Strategie entdeckt. Was die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mit dem neuen „Planwerk Innere Stadt“ noch 2010 herausbringen will, ist wortwörtlich ein Werk aus Plänen. Hier überlagern sich Pläne, Themen, Teilräume und werden grafisch unter Rücksicht auf den Faktor Zeit miteinander verknüpft. Bei der Namensgebung hätte man allerdings mutiger sein können. Die inhaltliche Emanzipation des neuen Planwerks Innere Stadt vom alten Planwerk Innenstadt ist deutlich genug, dass auch sein Titel es verdient hätte, neu geboren zu werden.

(veröffentlicht in Neues Deutschland v. 22. September 2010)

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