Screenshot Tagesschau.de vom 12.12.2014 - Da hat einer nicht umsonst gedrückt. (Danke David)

Screenshot Tagesschau.de vom 12.12.2014 – Da hat einer nicht umsonst gedrückt. (Danke David)

Eine Eilmeldung ist eine Nachricht, die schneller unterwegs ist als alle anderen. Sie läuft sogar Gefahr, Schallmauern von so eben Gesagtem und Gehörtem zu durchbrechen und sich selbst wieder einzuholen. Ganz so, wie es die Katze tut, die sich in den eigenen Schwanz beißt. Dann löst sich die Eilmeldung schließlich selber auf … So geschehen am Freitag, als Tagesschau.de Hartmut Mehdorns neuen Eröffnungstermin für den BER kundtat – eben als Eilmeldung. Übers Wochenende muss das Geschoss „2. Jahreshälfte 2017“ dann so dermaßen an Fahrt aufgenommen haben, dass es den Flughafenprotagonisten Mehdorn, ausgerechnet den Schöpfer des „Sprint“-Expertenteams, selber mit fortriss. Am Montag kündigte Mehdorn seinen Rücktritt an. Und Tagesschau.de schickte Eilmeldung BER Nr. 2 raus – sicherlich die gerechtfertigtere unter den zwein. Wenn aber Hartmut Mehdorn früher geht, als erwartet, und die Suche nach dem wahren Bär wieder von vorne losgeht, können wir den verkündeten, mittlerweile dreimal um die Welt gerasten Termin genauso ernst nehmen wie die vorherigen.

Ein Jammer, dass es sie nicht mehr gibt - It makes me feel blue, Blu.

Ein Jammer, dass es sie nicht mehr gibt – It makes me feel blue, Blu.

Diesem malerischen Eingriff weine ich eine dicke, fette Träne nach! Wie mir trotz 13.587 Kilometern Entfernung in Perth zu Ohren kommt, hat man in Berlin die Mega-Bilder des Streetartisten Blu mit totschwarzer Farbe bedeckt. Man möge es mir nachsehen, wenn ich das Ergebnis daher als Leichentuch interpretiere. Was an der Cuvrystraße in nächster Zeit begraben wird, ist nicht unbedingt das, was es bereits seit September nicht mehr gibt, nicht die abgeräumte Zeltstadtromanze. Besiegelt und unter die betonierte Erde gebracht wird vielmehr etwas, womit selbst die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung (SenStadt) seit Jahren wirbt und wovon auch sie sich allmählich verabschieden muss. Dieses Etwas, das Berlin im Vergleich mit anderen Großstädten hat und sukzessive verliert, ist sein natürgemäß nicht dauerhaftes Entwicklungspotenzial. Es schrie durch die Blu-Bilder zum Himmel! Etwa: „Dies ist die Stadt, in der alles noch offen ist, und wir werden sie gestalten.“ Dieser Aussagekraft schien sich auch SenStadt nicht entziehen zu können. Und so schmückt die Verwaltung auf ihrer website das Stadtentwicklungskonzept 2030 seit Jahren mit den Bildern von Blu. Ich warte auf den Moment, wann sie sie löscht.

Blick aus Norden: Schwarzes Tonnengewölbe hält die Besucher von starken Regenfällen ab, auch von Tennisball-großen Hagelkörnern. Glas und Himmelblick sind von hier aus nicht zu haben.

Blick aus Norden: Schwarzes Tonnengewölbe hält die Besucher von starken Regenfällen ab, auch von Tennisball-großen Hagelkörnern. Glas und Himmelblick sind von hier aus nicht zu haben.

Drinnen lichtet es sich etwas. Aber filigran ist anders.

Drinnen lichtet es sich etwas. Aber filigran ist anders.

Perfekt nur in der Vision: Zarte Pinselstriche durch den Berliner Himmel gemalt, so wirkt diese Visualisierung der Piazza. (Bild: nps tchoban Architekten)

Perfekt nur in der Vision: Zarte Pinselstriche durch den Berliner Himmel gemalt, so wirkt diese Visualisierung der Piazza. (Bild: nps tchoban Architekten)

Als Robert Ide vor kurzem im Tagesspiegel-Salon von den sarkastischen Stimmen sprach, welche für den Ende September eröffneten Riesenbau „Leipziger Platz Quartier Nr. 12“ mit keinen geringeren als mit Reagan-Worten („tear town this mall!“) schon den Abriss fordern, da dachte ich unter anderem: So schlimm ist die Sache nun auch wieder nicht. Gerade der glasüberdachten Piazza konnte ich einiges abgewinnen, die dem Besucher den historisch so nie dagewesenen Durchblick und Durchgang zum Bundesrat anbietet. Sie ist ein zentrales Element des Projekts und soll an den Lichthof des einstigen Wertheim-Kaufhauses erinnern. Doch jetzt bin auch ich enttäuscht. Denn versprochen hat man uns für diese Piazza im wahrsten Sinne des Wortes „das Blaue vom Himmel“, einen Sonnenlicht-durchfluteten, filigranen Raum. Bekommen haben wir (an dieser Stelle: trotzdem Danke, wir haben´s ja nicht bezahlt!) eine doch schon ziemlich wuchtige Dachkonstruktion, deren Querstreben aus nördlicher Perspektive das Glasdach auf voller Fläche verdecken. Und damit auch den Berliner Himmel, ob er blau ist oder nicht. Das ist schade und ein interessantes Beispiel für die grundsätzliche Schwierigkeit der Baukunst, eine Fiktion zu idealerweise 100 Prozent vom Bild in die Wirklichkeit zu bringen. Mal sehen, wie Frank Gehry dieses Problem löst, wenn er den Tower am Alexanderplatz baut. Der könnte am Ende nämlich auch ziemlich schrottig ausfallen.

Hier ein kritischer Artikel des Stadtplaners Johannes Novy zum Mall-Projekt im Zusammenhang mit Architektur, Urbanität und Konsum

Park am Gleisdreieck: West- und Ostpark nur durch ein Nadelöhr verbunden, das sogar eine Fahrradstraße ist. Etwa dort wird demnächst gebaut. (Bild: GrünBerlin)

Park am Gleisdreieck: West- und Ostpark nur durch ein Nadelöhr verbunden, das sogar eine Fahrradstraße ist. Etwa dort wird demnächst gebaut. (Bild: GrünBerlin)

Im neuen Park am Gleisdreieck wird wieder geplant. So ganz ist er nämlich noch nicht fertiggebaut. Da gibt es eine vier Hektar große Brachfläche direkt am Hochbahnhof, für die die Eigentümer laut „Morgenpost“ noch keine klaren Vorstellungen haben. Die Beratungsgesellschaft Dr. Markus Vogel GmbH und Copro Projektentwicklung wollen deshalb ein Werkstattverfahren mit interessierten Laien durchführen. In drei Bürgerdialogen können diese sich mit eigenen Vorschlägen für eine zukünftige Nutzung einbringen. Der erste Dialog findet am 25. November statt. Daneben gibt es auch Fachkolloquien mit Experten. Für die „Urbane Mitte“, wie das Bauprojekt heißt, ist nur soviel klar: Es wird keinen Wohnungsbau geben, sondern in Richtung gewerblich-kulturelle Nutzung gehen. Auf das Werkstattverfahren folgt im Sommer 2015 ein städtebaulicher Ideenwettbewerb und im Dezember gleichen Jahres die Aufstellung des Bebauungsplans.

Mehr Infos auch auf gleisdreieck-blog.de

16. Bauabschnitt der A100, Grafik: Flyer SenStadtUm

16. Bauabschnitt der A100, Grafik: Flyer SenStadtUm

Für die Mieter der zwei vor dem Abriss stehenden Altbauten in der nahe des S-Bahnhofs Treptow gelegenen Beermannstraße wird es in diesen Tagen ernst. Ihnen wurde wegen des unmittelbar bevorstehenden Weiterbaus der A100 von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt (SenStadtUm) gekündigt. Die Abendschau hat einen der zwölf noch verbliebenen Mieter interviewt, dem SenStadtUm zuvor Ersatzwohnungen mit (im Vergleich zur Bestandsmiete) 60 bis 120 Prozent höher liegenden Mietpreisen angeboten hatte. Doch Benjamin S. schlug die Angebote aus. Er sieht sich, wie es im Beitrag heißt, mit einer „vorzeitigen Besitzeinweisung“ konfrontiert und wird per Email aufgefordert, die Wohnung bis zum 31.10.2014 zu übergeben. „Man hat uns sozusagen die Pistole auf die Brust gesetzt“, sagt er. Auch die benachbarten Kleingärtner sollen für den 473 Millionen Euro teuren 16. Bauabschnitt der Stadtautobahn zum 15. November die Schlüssel übergeben. 2022 soll sie auf dann neugebauten 3,2 Kilometern Länge vom Autobahndreieck Neukölln zum Treptower Park führen. Tobias Trommer vom „Aktionsbündnis A100 stoppen“ kritisiert die Verwaltung für den Umgang mit den Mietern und ist sprachlos.

RAW-Gelände (Reichsbahnausbesserungswerk) in Friedrichshain, im Hintergrund: Spree mit Oberbaumbrücke. Partizipation erwünscht.

RAW-Gelände (Reichsbahnausbesserungswerk) in Friedrichshain, im Hintergrund: Spree mit Oberbaumbrücke. Partizipation erwünscht. (Bild: RAW-Kulturensemble)

Nachdem die „aktivierende“ Anwohnerbefragung zur Zukunft des Friedrichshainer RAW-Geländes im August zu Ende gegangen war, lädt das RAW-Kulturensemble am 6. November ab 18 Uhr zur Präsentation und Diskussion der Ergebnisse ein. Knapp 1.000 Leute aus dem Kiez haben an der Befragung teilgenommen und ihre Wünsche für die Stadtentwicklung zwischen Revaler Straße und Spree abgegeben. Anwohner und Nutzer des RAW wollen den mittlerweile 15-jährigen Kulturstandort aber auch selber mitgestalten, und so geht es am nächsten Donnerstag auch um die Frage, auf welche Weise eine partizipative Stadtplanung organisiert werden kann. Das RAW-Gelände soll geteilt werden. Die Eigentümer der östlichen Teilfläche wollen Wohnungen bauen.

Leichtgewicht: Ein Elektrolastrad der Transportfirma "Velogista" aus Kreuzberg. Bald in Scharen? - Es wird Zeit, dass sie kommen!

Leichtgewicht: Ein Elektrolastrad der Transportfirma „Velogista“ aus Kreuzberg. Bald in Scharen? – Es wird Zeit, dass sie kommen!

Ein Kreuzberger Transportunternehmen namens „Velogista“ will die Revolution des innerstädtischen Lieferverkehrs in Berlin, aber auch andernorts. Elektrolastenräder, die mehr Masse transportieren können, als sie selber auf die Waage bringen, sollen motorisierte Lkw und Lieferfahrzeuge ersetzen. (Hier das Konzept.) Noch hat „Velogista“ gerade einmal zwei Lasträder, aber die im Mai gegründete Genossenschaft um Gründer Martin Seißler und Mitgründerin Sabine Föppl plant den offensiven Ausbau ihrer Flotte mit einer im Oktober angelaufenen Crowdfunding-Kampagne, die noch 22 Tage läuft. Für „Velogista“ arbeiten derzeit acht Leute ehrenamtlich. Drei Fahrer sind (auch das ist revolutionär, für die Branche) nicht „Velogista“-Subunternehmer, sondern festangestellt. Das Projekt zählt bereits über 30 Geschäftskunden.

Wenn mich nicht alles täuscht, stammen die fünf Varianten, wo am Platz der Republik potenziell ein Neubau für das geplante Besucher- und Informationszentrum des Bundestags (BIZ) hingebaut werden könnte, von der Berliner Zeitung selbst, die am Wochenende über das (inklusive Tunnel) 150 Millionen Euro teure Bauprojekt berichtete. Wenn dem tatsächlich so ist, dann bitte: Malstunde beenden, Rotstifte beiseite legen, auf den Platz der Republik gehen und die Augen öffnen: Vor die Westfassade des Reichstagsgebäudes gehört gar nichts! Dessen ist sich wohl auch der Bundestag bewusst. Sein Ältestenrat hat sich für den BIZ-Neubau für den Standort südlich der Scheidemann-Straße entschieden – abseits des Platzes. (Nicht schlecht, aber ich plädiere wie gesagt für eine Erhaltungssatzung für den Schokopudding im dort heute bereits existierenden Berlin-Pavillon, was einen Abriss desselben und eine Erschwerung der Rückkehr des Puddings an diesen Ort verhindern helfen soll.) Ich wage daher eine Variante Nr. 6: Malt ein rotes BIZ-Rechteck westlich der Heinrich-von-Gagern-Straße auf die Grünfläche, wo einst die Krolloper stand! Das wäre städtebaulich doch rund oder? Zu lang die Tunnelstrecke dann? Und zu teuer? – Macht einen oberirdischen Steg draus und verzichtet auf den Teuer-Tunnel! Drei Meter hoch dieser Steg, von transparenten (von mir aus Panzer-) Glaswänden gesäumt, der direkt ins Portal des Reichstagsgebäudes führt.

Besucherbuden blockieren Bundestag. Weg damit, mit den Besucherbaracken.

Besucherbuden blockieren Bundestag. Weg damit, mit den Besucherbaracken.

Der Pavillon schmeckt und ist aus manchen Perspektiven kaum zu sehen. Mehr noch, er passt sich bescheiden in die Atmosphäre ein.

Der Pavillon schmeckt und ist aus manchen Perspektiven kaum zu sehen. Mehr noch, er passt sich bescheiden in die Atmosphäre ein.

Fährt man fast dran vorbei, außer man war beim Zahnarzt, musste das Mittagessen aufschieben und hat Hunger. Nochmal: atmosphärisch stört die Bude nicht. - Stehenlassen bitte.

Fährt man fast dran vorbei, außer man war beim Zahnarzt, musste das Mittagessen aufschieben und hat Hunger. Nochmal: atmosphärisch stört die Bude nicht. – Stehenlassen bitte.

Überraschung: Stadtmodell in 3D auf der Grundlage des Planwerks Innenstadt aus dem Jahre 2005. Macht sich mindestens gut als Orientierungshilfe. Holzmarkt muss ge-updated werden!

Überraschung: Stadtmodell in 3D auf der Grundlage des Planwerks Innenstadt aus dem Jahre 2005. Macht sich mindestens gut als Orientierungshilfe. Holzmarkt muss ge-updated werden!

"Stäv" lässt grüßen: Aber ein Altkanzler-Filet ist es nicht. Auch nicht ganz so teuer, sondern "nur" 6,90 Euro.

„Stäv“ lässt grüßen: Aber ein Altkanzler-Filet ist es nicht. Auch nicht ganz so teuer, sondern „nur“ 6,90 Euro.

Na bitte. Das Besucher- und Informationszentrum des Bundestages soll nicht länger unterirdisch geplant, sondern als ganz normales Haus im Tageslicht gebaut werden. Kein “Grab des Volkes” mehr, immerhin. Aber weichen soll ein Haus, wie die Berliner Zeitung schreibt, das am Platz der Republik schon steht, schon länger: der Berlin-Pavillon. Dabei handelt es sich um eine Fressbude, gar nicht mal um eine schlechte. Schöne, dicke Currywürste, wahlweise mit Pommes oder Bratkartoffeln gibt es da; auf dem Teller sieht’s aus wie im “Stäv” am Schiffbauerdamm, wenn man ein Altkanzler-Filet bestellt. Schmeckt auch fast so gut wie dort, nur das Kraut fehlt und die Nationalflagge. Aber die kann sich die Gastro bei dem Schwarz-Rot-Gold-Aufgebot nebenan wirklich sparen. Will sagen: ich mag den Pavillon! Trotz der sechs Euro neunzig, die ich für die Wurst mit Pommes gestern bezahlt habe und vor denen ich nicht zurückschreckte, weil ich mein Mittagessen um zwei Stunden verschieben musste, weil ich zuvor beim Zahnarzt war. (Mal herhören: Der Schoko-Pudding ist der absolute Hammer! Sehr flüssig, fast trinkbar. Tipp: Esslöffel benutzen! Kosten: zwei Euro zwanzig.) Also, ich mag die Bude. Sie ist sogar informativ und besonders bei Regen tourtechnisch ansteuerbar für Berliner Stadtführer, wegen seines großflächigen 3D-Stadtmodells an der Wand. Aber ich mag das Ding auch, weil es architektonisch so unscheinbar ist, grau, gut getarnt. Ich fürchte, von dem zukünftigen Besucherhaus wird man das nicht erwarten dürfen, es wird bestimmt in Sichtbeton, wie beim “Band des Bundes”, hell aus den Büschen des Tiergartens blitzen. Und wir werden denken: noch Baustelle oder schon fertig gebaut? Aber das ist nur eine Vermutung. Naja, der Pavillon ist jedenfalls mehr als ein Zelt, mehr als eine Humboldt-Box. Ich werde Abschied nehmen. Pudding essen. Mit großem Löffel. Tag für Tag. Ab morgen. Oder kommt die Moral etwa doch zuerst?

Ja hat denn der Investor keine Brückenfahrt gemacht? - Überstempelt hat er den Schaft des Fernsehturms, ein Stadtbild versaut. Kann er es durch Architektur wieder gut machen?

Ja hat denn der Investor keine Brückenfahrt gemacht? – Überstempelt hat er den Schaft des Fernsehturms, ein Stadtbild versaut. Kann er es durch Architektur wieder gut machen?

Eine Spreefahrt kann weh tun: Wenn das alte, geliebte, angepriesene, ganz und gar vollendet zu scheinende Stadtbild neuerdings nicht mehr ist, es jemand plötzlich überstempelt, ja überrumpelt hat, zerstört mit einem Pinselstrich, einem, der hätte auf einer anderen Leinwand gemalt werden sollen, aber doch nicht hier! Nicht doch zwischen die Türme der Oberbaumbrücke!! Da wanderte noch im Jahr zuvor der Fernsehturm, wenn man auf der Brückenfahrt in den Kanal einfuhr: ganz langsam, sein schlanker Schaft, von einem Turm zum andern. Jetzt rollt höchstens noch seine Kugel übers Dach vom “Living Levels”. Und die Frage, die ich mir seit dem Frühjahr stelle, ist: Hat Investor Hinkel jemals die Brückenfahrt gemacht? So ist es entweder Zufall oder Kalkül und am Ende auch egal. Nur zu hoffen bleibt, dass der Wohnturm mit seiner strahlend weißen Balkonfassade (und begrünt soll sie sein, obendrein!) in der Wirklichkeit auch hält, was er verspricht. Dann lässt der Schmerz nach, hoffentlich.

Spazierengehen - um die Wette: 2014 gilt es, "Sequenzen" aufzuspüren

Spazierengehen – um die Wette: 2014 gilt es, „Sequenzen“ aufzuspüren

Mikromakrowelt (Büro für Stadtforschung, experimentelle Raumpraxis und urbane Bildung) hat wieder einen Spaziergangswettbewerb ausgelobt. Bis zum 31. Oktober können Ideen zu Spaziergängen eingereicht werden, die in direkter oder kreativer Weise das Thema “Sequenzen” behandeln. Die Städte, in denen sie stattfinden, sind frei wählbar. Beiträge für Berlin haben jedoch den Vorteil, dass sie im Falle der Prämierung Anfang 2015 zusammen abgelaufen werden können. Mitmachen kann jeder, auch hauptberufliche Stadtführer. Dann allerdings unter besonderen Voraussetzungen, da die Spaziergangswettbewerbe von mikromakrowelt eine nicht-kommerzielle Veranstaltung sind. Mehr Infos zum Wettbewerb hier … Im letzten Jahr gewann Pieke Blieffert mit ihrem Spaziergang „Lost and found“ in Leipzig.

Rathausforum-Entwurf Achim und Andreas Linde

Nicht das „Festival of Lights“, sondern der Entwurf für eine Lichtinstallation zwischen Fernsehturm, Rotes Rathaus und Marienkirche – gegen eine zukünftige Medienfassade an einer noch zu bauenden, noch zu diskutierenden Zentralbibliothek (Visualisierung: Achim und Andreas Linde, 2014)

Während für das Rathausforum in Berlin-Mitte gerade ein Dialogverfahren in Vorbereitung ist, gibt es für seine zukünftige Gestaltung einen neuen Vorschlag von Architekt Achim Linde und seinem Bruder Andreas Linde. Sie entwerfen einen Mix aus Grünfläche, Bebauung und Stadtplatz. Im Detail so:

Das Marx-Engels-Forum, etwa die Hälfte des heutigen, soll eine Grünfläche mit viel Baumbestand werden (beziehungsweise bleiben) und sich mit einem Amphitheater zur Spree und zum Schloss öffnen.

Neben dem Park, also auf der anderen Hälfte des heutigen Marx-Engels-Forums, an der Spandauer Straße, soll eine Zentralbibliothek mit einem Berlin-Pavillion entstehen. Dieses Gebäude soll den anschließenden Platz fassen und eine multimedial bespielbare, konkav zum Platz verlaufende Medienfassade abgeben, auf der im Sommer Berlin-Filme laufen. Entlang der historischen Bischofstraße soll eine Sicht- und Wegeverbindung freigelassen werden, also der Blick vom Platz zum Schloss möglich sein. Der Berlin-Pavillon soll die Stadtmodelle aufnehmen und als Diskussionsort mit der Stadtverwaltung dienen. Hierbei nehmen die in Berlin lebenden Linde-Brüder eine Idee von Thomas Flierl von der Herrmann-Henselmann-Stiftung auf, die dieser in dem Buch “Berlin plant” (2010) beschrieb. So soll ein Kommunikationsort für öffentliches Leben entstehen, ein “Platz der Demokratie”.

Rathausforum-Entwurf von Achim und Andreas Linde, 2014

Park, Stadt, Platz – der Entwurf ordnet die Fläche zwischen Spree und Fernsehturm in drei klare Bereiche. Neptun soll gehen. Luther kommt. (Entwurf: Achim und Andreas Linde, 2014)

Auf dem Platz, an der Stelle, wo heute der Neptunbrunnen steht, soll eine flexible, multifunktionale Installation errichtet werden, wahlweise als Tribüne für die Medienfassade, Kristallkugel, versenktes Amphitheater oder ebenerdiger Platz. Der Neptunbrunnen soll dafür wieder zurück auf den Schlossplatz rücken. Die Brüder finden, dem Neptunbrunnen würde “zuviel Prominenz und auch Präsenz abverlangt”, und dass dieser beides nicht liefern könne. Sie treten auch für die (bereits in die Wege geleitete) Rückführung des Luther-Denkmals an den historischen Ort vor der Marienkirche ein und für die Markierung des Wohnhauses von Moses Mendelssohn in der Spandauer Straße 68, wie es auch Stadthistoriker fordern.

Die Oberfläche des Platzes soll mit einem innovativem Lichtkonzept farblich und plastisch gestaltet werden, und der Platzraum (besonders vom Fernsehturm aus gesehen) als erkennbare Gestaltungseinheit wirken. „Hier liegt das Hauptproblem des Gebietes“, heißt es im Linde-Entwurf, „es ist halb Platz und halb Park, aber keins von beiden richtig.“

Unterirdisch, direkt unter dem Platz, soll es Geschäfte und öffentliche Toiletten geben. Der Entwurf sieht außerdem die Integration des Eingangs der U5 in die Platzgestaltung vor und strebt auch die Zugänglichkeit der ausgegrabenen Alt-Berliner Rathausreste an.

Rathaus, Fernsehturm und Marienkirche werden als die drei Hauptakteure betrachtet. Der durch Teilbebauung gefasste Platz soll deren Hauptrolle unterstützen.

Achim und Andreas Linde wollen ihren Beitrag als Anregung zur Diskussion und Aufforderung zur Weiterentwicklung verstanden wissen. Das Gebäude der Bibliothek sei als Platzhalter für einen Entwurf zu betrachten, auch die Installation könne anders aussehen.


Kontakt: Dipl.-Ing. Architekt Achim Linde und Dr. Andreas Linde, ehemaliger Bezirksverordneter 

achimlinde@gmail.com 

Die neue Online-Plattform openBerlin mit Infos zu alternativen Projekten der Stadtentwicklung in Berlin.

Die neue Online-Plattform openBerlin mit Infos zu alternativen Projekten der Stadtentwicklung in Berlin.

Ab heute gibt es die neue Online-Plattform openberlin.org. Sie ist ein interaktives Werkzeug für partizipative Stadtentwicklung in Berlin und bündelt Informationen zu Projekten, Ideen, Akteuren und Erfahrungen unter der Devise „Stadt selber machen!“ Zu den Projekten zählen unter anderen die Prinzessinnengärten, der Spreepark, aber auch das Tempelhofer Feld. Im Rahmen der Experimentdays’14 laden die Vereinsgründer von openBerlin e.V. heute ab 20:00 Uhr in den Wilhelmine-Gemberg-Weg 10-14 (ehemals Kiki Blofeld) an die Spree zur Projektvorstellung und zum gemeinsamen Launch ein. Hervorgegangen ist openBerlin aus einer Gruppe von Architekturstudenten um Johannes Dumpe von der TU Berlin.

Yadegar Asisi-Panorama im Hintergrund. Die Zeit der Rundumschläge am Checkpoint Charlie ist bald vorbei.

Yadegar Asisi-Panorama im Hintergrund. Die Zeit der Rundumschläge am Checkpoint Charlie ist bald vorbei.

Der “Berliner Kurier” schreibt am Dienstag, dass der irische Eigentümer seine Grundstücke am Checkpoint Charlie beiderseits der Friedrichstraße verkaufen will (oder – die staatliche Bank “Nama” im Nacken sitzend – verkaufen muss). Das heißt, Disneyland verabschiedet sich. Zum Ende des Jahres ziehen die Buden ab. Ich wette, wir werden sie uns zurückwünschen! Denn die Friedrichstraße/ Ecke Zimmerstraße wird bald nicht mehr von der Friedrichstraße/ Ecke Leipzigerstraße und von der Friedrichstraße/ Ecke Krausenstraße und von der Friedrichstraße/ Ecke x-beliebige Straße zu unterscheiden sein. Das wäre schlimmer als das, was wir heute haben. Aber was wäre eigentlich besser als der Mansch von heute? Eine Gedenkstätte? Ein Platz? Ein Park? Ein Panzer-Denkmal? Oder doch ein banales Bürohaus in Rasterfassaden? Eigentlich ist doch alles besser als die Grenze von vor 25 Jahren.

Berlin wird ein Dorf: Bauwagen auf dem Holzmarkt-Gelände im September 2014

Berlin wird ein Dorf: Bauwagen auf dem Holzmarkt-Gelände im September 2014

Der “Spiegel” berichtet in der Ausgabe von letzter Woche (Nr. 36) vom Holzmarkt-Projekt an der Spree. Autor Philipp Oehmke begleitet die Clubbetreiber Juval Dieziger, Christoph Klenzendorf und deren Clubanwalt Mario Husten ins Bauamt von Friedrichshain-Kreuzberg zum Investorengespräch mit Baustadtrat Hans Panhoff. Das tun sie auf unkonventionelle Weise, in “Jogginghosen und Wanderstiefel”, und ist lesenswert. Der Artikel zeigt aber auch, wie schwer es für die Genossenschaft werden könnte, 75 Jahre Zukunft in Erbbaupacht zu gestalten. Pro Jahr sei ein Erbbauzins von mehr als 500.000 Euro fällig, und das Projekt koste mindestens 100 Millionen Euro, schreibt Oehmke. Es müsse auch der Bebauungsplan der Verwaltung geändert werden. Im Oktober könnte das schon geschehen.

Plattform Nachwuchsarchitekten suchen für ihren diesjährigen Plattformpreis Vorschläge zu fragwürdiger Architektur in Berlin im Bereich Wohnen. Mein Vorschlag: das für Studenten gebaute Containerdorf am Plänterwald in der Eichbuschallee 51 in Treptow. Aus später einmal insgesamt 412 ausgedienten, übereinander gestapelten Schiffscontainern stellt Investor Jörg Duske mit dem Projekt „Franky & Johnny“ comfortablen, der deutschen Baunorm entsprechenden Wohnraum für Berliner Studenten her und baut damit auch ein Stück Stadt. Fragwürdig daran ist für mich:

  1. Ist das schon Städtebau oder einfach nur herzlos?
  2. Wie wegweisend wird das Bauen in Modulen bei Erfolg des Projekts für Berlin an anderen Orten in der Zukunft sein?
  3. Warum leisten sich die Studenten für die 14 Euro pro Quadratmeter, die sie für den Container zahlen, keine herkömmliche, frisch sanierte Berliner Dachgeschoss-Wohnung in den innerstädtischen Gründerzeitvierteln?

20 von insgesamt 412 Containern sind schon gebaut. Jeden Samstag finden Führungen statt, bei denen man die Wohnungen besichtigen kann.

Containerdorf in der Eichbuschallee 51: modular wie Plattenbau, aber hochflexibel, Juli 2014

Containerdorf in der Eichbuschallee 51: modular wie Plattenbau, aber hochflexibel, Juli 2014

 

… Schloss-Satire #3

Und das ist der lange Schatten meines Besuchs in der Ausstellung Schlossbaumeister: Der geschundene Adler Preußens ließ mich nicht mehr los, auch nicht auf dem Weg in den Urlaub. Welch schöneren Anlass als einen Aufenthalt in Weimar könnte ich nehmen, das Genre zu wechseln und auch einmal dem Lyrischen zu verfallen? Hier also das erste Gedicht auf Futurberlin – eine Hommage an alle gluckenden Greifvögel:

Halbe Henne, mehr ist nicht dran. Bodemuseum Juli 2014, Ausstellung "Schlossbaumeister"

Halbe Henne, mehr ist nicht dran. Bodemuseum Juli 2014, Ausstellung „Schlossbaumeister“

Die halbe Henne von Hohenzoll

Ist schon ein merkwürdiges Wesen

Sie sitzt nur da und wundert sich

Warum sie nicht kann fliegen

 

Da stolpert in das Museum rein

Und kehrt mit ehrwürdigem Besen

Der Pförtner, spricht: Erinn’re dich!

Du warst ein hohes Wesen

 

Oh sag, mein Lieber, du kanntest mich?

Erzähl mir mehr von diesem Leben

Was war, wo flog, wie stürzte ich?

Wie kam ich ins Museum?

 

Du stiegst gen Himmel – ja wundervoll

Dank deiner hergeraubten Federn

Sie hielten in den Schwingen sich

Die Schwingen bald verwesten

 

Verwesten! – Wo ich doch fliegen soll?

Das ging ja herzlos denn daneben

Zerstaubt mein edles Flügelpaar?

Was bin ich denn gewesen?

 

Du warst der Adler von Hohenzoll

Ein wahrlich jagdtaugliches Wesen

Mit Krallen, Schnabel, Augenlicht –

Nur Großes konnt’ es lesen

Ganz klar: ein Adler. Wohin der fliegen wird, ist unklar.

Krumme Neese – ganz klar: ein Adler. Wohin der fliegen wird, ist unklar.

Ich nahm den Schnabel gar allzu voll?

Ist schon sehr lehrreich, dein Benehmen

Doch warte, langsam dämmert’s mich:

Ich stürzte ganz verwegen …?

 

Des Königs’s-Adlers Kanonenhall

Samt seinen kaiserlichen Späßen

War’n lustig für die Menschen nicht

Die Adler drüber schwebten

 

Im Traume flog ich nach Niederland

War es denn groß, das Reichsbegehren?

Der Luftraum bald verdunkelt sich

Und neuzehnsiebenvierzig …

 

Die Alliierten von überall

In einer meisterlichen Geste

Erkoren als das Übel: dich!

Nur Eier sollst du legen

 

Als Henne wie in’em Hühnerstall?

Da bleibt ja kaum was zu erstreben

Die Flügel wachsen innerlich

Bald werd’ ich mich erheben

Schlossbaustelle Juni 2014

Hier erhebt sich ein Wesen mit steinernen Flügeln. Schlossbaustelle Juni 2014

Du heile Henne von Hohenzoll

Wie eine Katze hast du Leben!

Wie Phoenix aus der Asche kam

Wirst du am Schlosse kleben

 

Jawohl mein Lieber, von Hohenzoll!

Das war der Name meiner Väter

Was kommt zurück im Donnerhall:

Bin ich, ein Adlerswesen

 

Da stolpert aus dem Museum raus

Und hat die Zukunft ausgelesen

Der Pförtner, schwört: Ich spende nicht!

Bleibst hier, du krumme Neese!

***

Auf dem Schöneberger Euref-Campus wird die Stadt von morgen gebaut. Was Berlin fürs Jahr 2050 anstrebt, ist hier schon heute Realität, zum Beispiel CO2-Neutralität. Aber wer versteht die Stadt der Zukunft eigentlich? Wer begreift, was die Wissenschaftler am Gasometer im Einzelnen treiben? – Ehrlich gesagt, ich nicht. Der Ort ist mir bisher verschlossen geblieben, weil er mir zu technisch ist – Elektromobilität, Emissionen … Und ich glaube, so geht es vielen. „Die Menschen mitnehmen … auch gedanklich“, heißt es deshalb nicht umsonst in dem neuen Image-Film des Euref-Campus, der jetzt auf youtube zu sehen ist und den ich heute empfehle. Mir helfen immer auch Bilder wie dieses: Der Euref-Campus spart eine Wassermenge von 27.864 Badewannen pro Jahr, wie es in einem Artikel von dab-online heißt. Die Gelegenheit, sich dort umzugucken, ist übrigens gerade günstig: Bis zum 26. September kann man sich mit Veranstaltungen in den Gasometer einmieten, zu Sonderkonditionen, weil Günther Jauch seine Sommerpause macht.

Euref-Campus

Euref-Campus in der Entstehung: 27.864 Badewannen. Die stehen hier zwar nicht herum, aber genau diese Menge an Wasser spart die Schöneberger Klimastadt pro Jahr. (Bild: EUREF AG)

 

Henne von Hohenzoll 2

Die halbe Henne von Hohenzoll / Ist schon ein merkwürdiges Wesen / Sie sitzt nur da und wundert sich / Warum sie nicht kann fliegen …

Schloss-Satire #2 — Mal ehrlich, ich hätte diesen Vogel nicht ausgestellt. Es ist ja überhaupt nicht klar, welcher Art er ist, welcher Gattung er angehört. Aber er ist das sehenswerteste der aktuellen Ausstellung „Schlossbaumeister“, zumindest für mich. Das gute Stück erlaubt haarsträubende Interpretationen oder führt ganz einfach zu Verwechslungen. Wer also beim Rundgang durchs Bodemuseum (die Ausstellung ist bis 24. August verlängert worden) auf ein Steintier trifft, von dem er nie zuvor gehört oder gesehen hat, dem sei ein Eintrag aus dem Ethymologischen Wörterbuch mit auf den Weg gegeben, der vielleicht weiterhilft:

Adler m. großer heimischer Greifvogel, mhd. adelar(n), adlar, adler (…) ist eine (im Nhd. nicht mehr erkennbare Zusammensetzung von mhd. adel (s. Adel) und ar (s. Aar), eigentl. ‘edler Aar’. Der Name entsteht, als mit der im 12. Jh. zur Blüte gelangenden Falknerei der Adler von den übrigen niederen Jagdvögeln unterschieden wird.”

… „niedere Jagdvögel“ – da haben wir´s doch: Wir sehen ein Huhn mit starkem Schnabel, das Körner jagd und Eier legt, respektive: Spenden sammelt, Beton abwirft. Darüber wird zu berichten sein, zu dichten sein: über „die halbe Henne von Hohenzoll“ – eine Ballade, in der Schloss-Satire #3

Es war ein Satz wie aus einem Drehbuch. Deshalb war er mir sofort symphatisch. Senator für Stadtentwicklung Michael Müller (SPD) freut sich in einem Artikel der “Welt” darüber, dass immer mehr Berliner mit dem Rad fahren, lässt die Infrastruktur für den Radverkehr ausbauen, schiebt aber allzu großen Hoffnungen auf eine entschlossene Wende in der Berliner Verkehrspolitik den Riegel vor:

„Wir werden den alten Fehler einer autogerechten Stadt nicht durch den neuen Fehler einer fahrradgerechten Stadt wiederholen.”

Linienstraße Ecke Gormannstraße

Linienstraße Ecke Gormannstraße: eine Alltagsblockade im Juni 2014. Ich zähle 4 Kfz und 5 Radfahrer. Das macht zwar einen Radverkehrsanteil im Modalsplit von über 50 Prozent, aber durch kommt hier keiner mehr.

Klingt gut, wie gesagt, trifft aber ins Leere:

  1. weil die neuen, potenziellen Fehler einer fahrradgerechten Stadt verglichen mit den Schwerst-Eingriffen der autogerechten Stadt leichtfüßiger, stadtraumverträglicher und schneller revidierbar wären. Der Umbau der Stadt von der autogerechten zur fahrradgerechten ist organisatorischer Art, nicht baulicher;
  2. weil sich “Autogerechtigkeit” und “Fahrradgerechtigkeit” gar nicht unbedingt ausschließen. Die “Fahrradstraße” Linienstraße in Mitte zum Beispiel soll ja von ihrer Konzeption her Klarheit schaffen: Autos auf die Torstraße, Räder auf die parallel verlaufende Linienstraße. Beide Verkehrsarten profitierten davon, wenn man das Konzept konsequent umgesetzt hätte und den Kompromiss mit der Anliegerstraße nicht eingegangen wäre. Stattdessen haben wir mit der unheilvollen Kombination aus (sowohl fahrendem, als auch ruhendem) Anlieger-, Liefer- und besonders durch die Taxen praktizierten Durchgangsverkehr, nach einem Bericht der Berliner Zeitung den drittgefährlichsten Radverkehrsort in Berlin geschaffen (nach Schönhauser Allee: Nr. 1 und Unter den Linden: Nr. 2);
  3. weil es jenseits von beidem um eine übergeordnete Verkehrsgerechtigkeit gehen muss, die nicht nur kleinräumig, wie am Beispiel von Tor- und Linienstraße, sondern auch auf größerem Maßstab zum Tragen kommen sollte. Michael Müller sagt ja auch, es sei wichtig, die Verkehrspolitik an das sich wandelnde Mobilitätsverhalten anzupassen. Das hieße aber, die gemessenen Verschiebungen im Modalsplit auf die Straße zu übertragen. Automatisch entstünde die Fahrradstadt in Teilen der Berliner Innenstadt, und es bliebe gleichzeitig genug Autogerechtigkeit für den Kfz-Verkehr in den Außenbezirken, Radial- und Tangentialstraßen.

Wir dürfen keinen Leitbild-Krieg führen. Vielleicht meint der Senator das. Aber wie zwei Muskeln im konträren Zusammenspiel dafür sorgen, dass sich der Knochen bewegt (was mir mein gerade zu Ende gehender Hexenschuss im Negativ vor Augen führte), so brauchen wir auch beide, aufeinander abgestimmte und sich nicht gegenseitig blockierende “Teilgerechtigkeiten” für die Bewegung in Berlin – damit kein Krampf entsteht wie in der Linienstraße und damit wir uns die Knochen am Ende nicht brechen.

Schiller philosophierte bei seiner akademischen Antrittsrede in Jena einst über die Frage: “Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?” und beschreibt die ideale Geisteshaltung des Wissenschaftlers, den “philosophischen Kopf”, den wir wider aller Systeme und Fahneninschriften in Berlin brauchen:

“Neue Entdeckungen im Kreise seiner Tätigkeit, die den “Brotgelehrten” niederschlagen, entzücken den philosophischen Geist. Vielleicht füllen sie eine Lücke, die das werdende Ganze seiner Begriffe noch verunstaltet hatte, oder setzen den letzten noch fehlenden Stein an sein Ideengebäude, der es vollendet. Sollten sie es aber auch zertrümmern, sollte eine neue Gedankenreihe, eine neue Naturerscheinung (z.B. 50 Prozent Radverkehrsanteil in der Kastanienallee schon im Jahre 2010 – Anm. d. Verf.), ein neuentdecktes Gesetz in der Körperwelt den ganzen Bau seiner Wissenschaft umstürzen: so hat er die Wahrheit immer mehr geliebt als sein System, und gerne wird er die alte mangelhafte Form mit einer neuern und schönern vertauschen. Ja, wenn kein Streich von außen sein Ideengebäude erschüttert, so ist er selbst, von einem ewig wirksamen Trieb nach Verbesserung gezwungen, er selbst ist der erste, der es unbefriedigt auseinanderlegt, um es vollkommener wiederherzustellen.”

Die Eröffnung des Leipziger Platz Quartiers verzögert sich. Dennoch steht der “Alte Dessauer” bereit und leitet die zukünftigen Besucherströme in die neue Shopping Mall – bald, vielleicht im Herbst

Warenhaus Wertheim Leipziger Platz, "Frau Wertheim"

Lichthof des alten Warenhaus Wertheim mit Kupferstatue „Frau Wertheim“

Es war sein Lichthof, der das Besondere war. Und das Besondere wird wieder ein Lichthof sein. Mit der überdachten Piazza zitieren die Architekten des Leipziger Platz Quartiers das Herzstück des einstigen Warenhauses Wertheim. Zwischen den Weltkriegen war es das größte in Europa, nach dem Mauerbau war es weg. Und mit ihm auch der Lichthof mit der an den Treppen postierten sechs Meter hohen Kupferstatue “Arbeit”, von den Mitarbeitern auch “Frau Wertheim” genannt. Am Bauzaun Leipziger Platz Nr. 12 war sie in den letzten Monaten zu sehen. Aber die neue Piazza braucht Statuen nicht, sie bietet den Besuchern den Blick auf die Borussia im Giebel des Bundesrats.

Seit dreieinhalb Jahren wird am Leipziger Platz gebaut und gleichfalls an der Voss-, Wilhelm- und Leipziger Straße. Was hier auf einer Geschossfläche von 21 Hektar entsteht, ist mehr als nur ein Lückenschluss in der Barockform des achteckigen Platzes, des „Octogons“. Das Leipziger Platz Quartier der High Gain House Investment GmbH (HGHI) des Unternehmers Harald G. Huth ist ein Brückenschlag zwischen den vier Himmelsrichtungen. Vom Westen werden die Besucher das Quartier auf ihrem Weg in den Osten zum Gendarmenmarkt passieren, vom Norden kommen sie vom Holocaust-Mahnmal direkt in die Piazza hereinmarschiert, motiviert vom durchscheinenden Portal des ehemaligen Preußischen Herrenhauses, das das Bundesratsgebäude einmal war. Im Herbst, sagt ein Bauarbeiter, könnte es mit dem Flanieren und Konsumieren losgehen, wobei die Eröffnung eigentlich schon diesen Frühling geplant war.

Leipziger Platz Quartier vom Kollhoff-Tower aus

Neues Leipziger Platz Quartier: fast fertig, Blick vom Kollhoff-Tower auf auf die Dächer der Gebäude an Leipziger Straße und Vossstraße, Juni 2004

„Shopping is coming home”, verkündet der Bauherr an den Bauzäunen und schlägt eine Brücke auch von der Historie in die Gegenwart. Das Leipziger Platz Quartier wird in der Hauptsache ein Einkaufszentrum mit 270 Läden auf 76.000 Quadratmeter Verkaufsfläche. “Wir erinnern in unserem Projekt an das alte Wertheim-Warenhaus”, sagt Huth. Mittendrin wird es aber auch ein Hotel geben. Drumherum und obendrauf entstehen 175 Townhouses und Apartments, auch Büros, wie im alten Vosspalais. Das denkmalgeschützte Palais mit der roten Sandsteinfassade ist die authentische Perle in dem Projekt, 130 Jahre alt und das einzige Gebäude aus dem 19. Jahrhundert weit und breit. Geschäfte des gehobenen Einzelhandels sollen hier einziehen, von wo aus man einst auf die 420 Meter lange Fassade von Hitlers neuer Reichskanzlei blickte. Die Vossstraße im Norden des Shopping-Districts ist eine historisch brisante Gegend. Aber das kann man von der Wilhelmstraße im Osten des Quartiers genauso sagen. Immerhin ist die Hauptstraße des alten Regierungsviertels heute eine “Geschichtsmeile”. Der interessierte Flaneur durchzieht sie und durchliest sie von Unter den Linden kommend auf seinem Weg zur “Topografie des Terrors”. Es ist davon auszugehen, dass die Meile ihre Spaziergänger Ecke Vossstraße kraft des Konsums verlieren wird. Denn “Shopping is coming home”.

Harald G. Huth investiert dafür etwa 800 Millionen Euro. Nach Angaben von HGHI sind mindestens 95 Prozent der Flächen vermietet. Einziehen werden die einschlägigen Marken, die man auch andernorts kennt, zum Beispiel aus den Potsdamer Platz Arkaden. 45 Handelsketten, die heute schon im benachbarten Shopping-Center an der Alten Potsdamer Straße zu finden sind, werden ihr zweites Standbein im Leipziger Platz Quartier errichten, schreibt der Tagesspiegel, darunter H&M, Esprit und Zara. Der Elektronikfachmarkt Saturn entscheidet sich sogar komplett für den Leipziger Platz und damit für ein fast doppelt so großes Einkaufszentrum. Die 40.000 Quadratmeter umfassenden Arkaden bekommen eine große Schwester.

Warenhaus Wertheim, 1920er Jahre

Alfred-Messel-Bau: schlanke Granitpfeiler in Warenhausfassade am Leipziger Platz, 1920er Jahre

Erstaunlich, dass beide Shopping-Center zusammen fast auf die 108.000 Quadratmeter kommen, die der Nutzfläche ihres Ahnen, des Warenhauses Wertheim entsprachen. Es hatte eine Schaufensterfront von 330 Meter Länge. Alfred Messel hatte es ab 1897 gebaut. Schlanke, durchlaufende Granitpfeiler strebten in der Hauptfassade des Hauses bis unter die Traufe. Sie prägten das Stadtbild am Leipziger Platz. Messel baute oft für Wertheim. Einziges Zeugnis dessen steht heute in der Rosenthaler Straße in Mitte. Dort blickt man auf die kunstvoll detaillierte, denkmalgeschützte Pfeilerfassade des Warenhauses Wertheim, das Messel dort 1903 baute.

Das neue Leipziger Platz Quartier ist eine Schöpfung der Architektengemeinschaft NPS Tchoban Voss/Architekturbüro Pechtold, die mehr als ein einzelnes Gebäude entwirft. Das Einkaufszentrum, das Hotel, die Büros und die Wohnungen fügen sich ins Format der traditionellen Berliner Blockrandbebauung ein. Betrachtet man die Piazza als Straße, entstehen zwei Blöcke mit begrünten Innenhöfen und mit Gebäudehöhen, die sich an der Berliner Traufhöhe von 22 Meter orientieren – so hoch war auch der Lichthof von “Frau Wertheim”.

Leipziger Platz, barockes "Octogon" beinahe wiederhergestellt, Juni 2014

Leipziger Platz, Juni 2014: barockes „Octogon“ beinahe wiederhergestellt

Es gibt am Leipziger Platz bald eine Lücke weniger, und das barocke “Octogon” mit seinen acht Platzecken tritt wieder hervor. Eine Wunde heilt. Oder mit den Worten des Stadtplaners Dieter Hoffmann-Axthelm gesagt: Das “Widerlager” für das “Westberliner Triumphtor” entsteht, womit er die Hochhäuser des Potsdamer Platzes meint.

An die Berliner Mauer, die den Platz überquerte, wird im Quartier nichts erinnern. Sechs Teile von ihr stehen ja auch direkt auf dem Platz, und wer mehr davon will, der findet in der Erna-Berger-Straße einen “Rundblickbeobachtungsturm” vom Typ BT6, zu dem ein Durchgang am Dalimuseum führt.

Der "Alte Dessauer" treibt sie alle in die Shopping-Mall, und zwar im Gleichschritt! Der hat schon ganz andere unter ganz anderen Bedingungen ganz woanders hochgejagt.

Der „Alte Dessauer“ treibt sie alle in die Shopping-Mall, und zwar im Gleichschritt! Der hat schon ganz andere unter ganz anderen Bedingungen ganz woanders hochgejagt.

Eine Statue gibt es dann doch noch, die für das Quartier von Bedeutung sein könnte: Auf dem Weg zur Friedrichstraße treffen die Shoppenden am Zietenplatz auf Fürst Leopold von Dessau. Er ist im Gegensatz zu „Frau Wertheim“ nicht aus Kupfer, sondern Bronze und hält keinen Warenkorb, sondern die Hand am Säbel. Vom “Alten Dessauer” erzählt der Historiker Siegfried Fischer-Fabian, dass der General in Kesselsdorf im Krieg für Friedrich den Großen “mit seinen Männern einen eisbedeckten Hang hinauf gegen eine aus 34 Geschützen bestehende sächsische Batterie anstürmte”. Er hat auch den Gleichschritt eingeführt. – Man nehme sich also in Acht und gehorche auch den tieferliegenden Gesetzen des Ortes, marschiere in die neue Piazza ein und kaufe, kaufe, kaufe.

(Artikel erschienen auch in: Berlin vis à vis, Nr. 56, Herbst 2013, allerdings leicht verändert)