Fake City und die Lügenbauten: Zum Geburtstag von Interbau und Nikolaiviertel

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9. Mai 2017

2017 jähren sich zwei Städtebauprojekte, die beide in die Kategorie „Stadtentwicklung im geteilten Berlin“ fallen. Das Nikolaiviertel wurde vor 30 Jahren eröffnet, als man in der Hauptstadt der DDR 750 Jahre Berlin feierte. Das tat man auch in West-Berlin, als das Hansaviertel dort seinerseits schon dreißig Jahre alt wurde. Jetzt wird es 60, und damit die ganze Interbau-Ausstellung von 1957. Ich habe noch von keinen Veranstaltungen gehört oder gelesen, die diese zwei Jubiläen thematisieren.

Interbau - 1

Da muss doch was passieren … Ein Lied!

Weil diesjahr dein Geburtstag ist,

Da habe ich gedacht,

Ich schreibe dir ein kleines Lied,

Weil dir das Freude macht.

***

Berliner Nikolaiviertel,

Oh süßes Nest der Stadt,

Kriegst sämtliche Touristen ab,

Weil keiner Ahnung hat.

***

Das Hansaviertel ganz versteckt,

Im Grünen an der Spree,

Wirbt um den Status Welterbe,

Mit der Karl-Marx-Allee.

***

In Zeiten von Fake-News fällt mir das Wort von der Fake-City zu, und dich, mein Viertel, als solche zu bezeichnen, drängt sich mir zwangsläufig auf. Sorry ey! Alle deine Hotspots der feierlichen Rekonstruktion belügen den Boden, auf dem sie gebaut sind: Die Kneipe „Zum Nussbaum“, die „Gerichtslaube“ und auch das „Lessing-Haus“, in dem die „Minna von Barnhelm“ gefinished worden sein soll, standen woanders. Kann ich ein Städtchen, das zwölf Millionen Gäste im Jahr so an der Nase rumführt, für bare Münze nehmen? Warum vertrauen wir dir noch, Viertel? Ich find´s ganz schön fies gegenüber der Fantasie, die ja Kraft braucht, dass sie sich aufbaut, sich den Heinrich Zille vorm „Nussbaum“ vorzustellen, wie er Bier säuft und auf die Nikolaikirche blickt, wo die Hütte doch drüben in Cölln stand? Nee, du. Aber Glückwunsch zum Dreißigsten.

Hansaviertel verschläft UNESCO

Und dir: Glückwunsch zum Sechzigsten, verschlafenes Hansaviertel. Dich hab ich noch nie zu fassen gekriegt. Mehr Luft als Gebäudesubstanz schwebt hier durch die Baumkronen. Man muss die Häuser ja schon suchen. Geh mal zum Friseur! Zwölf Millionen Menschen sehen dich nicht von den Spreeschiffen aus und denken beim Worte „Bauausstellung“ bestenfalls an Gartenbau. Wie willst du denn in solch dunklen Zeiten, wo deine Bäume mehr Schatten werfen als deine Solitäre Licht ausstrahlen, den Esprit der freien Stadt von vor 60 Jahren vermitteln – frei im Sinne von freiräumlich, freigeräumt, abgeräumt. Ich drücke dir die Daumen, dass die UNESCO dich entdeckt („Euch“ muss man ja sagen, ich drücke „Euch“ die Daumen, es geht ja hier nicht nur um dich, auch um die sozialistische Ost-Allee). Mein Tipp zum großen Jahrestag: Bäume stutzen, und die Marzahner IGA-Seilbahn ab 2018 von der Siegessäule zur Moabiter Heilandkirche schweben lassen.

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