Der Weihnachtsmann muss sich diesjahr scheinbar keine Mühe geben. Er hat nicht tausende Wunschlisten mit tausenden Wünschen von tausenden Kindern abzuarbeiten. Er sieht sich 2016 insbesondere mit Erwachsenen konfrontiert, mit den Großen Berlins. Groß, weil sie große und immer größer werdende Geldbeträge an ihre Vermieter überweisen (und überhaupt nicht mehr damit klarkommen!) Die Großen machen es dem Weihnachtsmann aber einfach. Sie haben nur einen einzigen Wunsch! Nicht tausende. Sie wollen, dass Andrej Holm, „Schild und Schwert“ der Berliner Mieter, Staatssekretär für Berliner Stadtentwicklung bleibt. Er möge mir dieses Etikett verzeihen. Aber es trifft doch gewaltig zu.

Wunschliste Andrej Holm

Auf der Wunschliste Holm stehen aktuell 3.370 Namen (Stand: 22.12.2016, 12:34 Uhr; siehe: Petition change.org). Es werden stündlich mehr. 350 Wissenschaftler unterstützten ihn (siehe: Tagesspiegel). 16 Kiez- und Stadtinitiativen tun es ebenso (siehe: Blog „Wem gehört Moabit“). Wann haben sich die Berliner jemals so für eine Personalie eingesetzt?

Wunschliste 2.0: Holm-Petition auf Change.org

Wunschliste 2.0: Holm-Petition auf Change.org

Die Morgenpost schreibt heute, die Humboldt Universität wolle Holm erst anhören. Eine Entscheidung fällt wohl im Januar. Wir werden sehen, wie der fleißige Weihnachtsmann gedenkt, darauf einzuwirken. Sieht so aus, als bereite ihm die Wunschliste 2.0 doch ein wenig Arbeit, wenn ihm nicht einmal der ganze, restliche Dezember ausreicht, um sie abzuhaken.

Nur ein Wunsch? Sind die Berliner bescheiden geworden? Nein, sie wissen, was sie wollen. Die Großen wollen die Wende.

bescheidene Silhouette

Rathausforum, vor langer Zeit mal fotografiert (Foto: André Franke)

Futurberlin geht in die Weihnachtsferien und kümmert sich um einen fleißigen Weihnachtsmann … Bis Januar 2017 ist auf diesem Blog Pause angesagt. Am Mittwoch gibt es noch einen Stadtkern-Walk, und dann war´s das vorerst! Wünsche einen stressfreien Dezember und guten Rutsch ins neue Jahr!

Schon in der Sommerakademie des Märkischen Museums im Juli hatte Detlev Kerkow, Architekturabsolvent der Beuth-Hochschule, seine Entwürfe für eine neue Waisenbrücke vorgestellt, die ihn und seinen Kollegen, Tom Walter, als Thema der Bachelor- und später der Masterarbeit jahrelang begleiteten. Entsprechend tiefsinnig, detailreich und anspruchsvoll sind die Ideen:

Eine Brücke reicht Kerkow nicht, es soll zwei geben – eine, die an die hölzerne Jochbrücke von Anfang des 18. Jahrhunderts erinnert und eine weitere für die dreibögige Steinbrücke aus der Kaiserzeit, die die erste ersetzt hatte.

Die Waisenbrücke im Historischen Hafen

Am Dienstag um 18 Uhr präsentiert Detlev Kerkow die Pläne im Museumskahn „Renate-Angelika“ im Historischen Hafen Berlin (Märkisches Ufer, U-Bhf. Märkisches Museum, U2). Und so sehen sie aus:

Blick aufs Märkische Museum am südlichen Spreeufer (Abb. Detlev Kerkow)

Blick aufs Märkische Museum am südlichen Spreeufer (Abb. Detlev Kerkow)

Detlev Kerkow plant keine Brücke, sondern einen vielseitigen Stadtraum. Die Waisenbrücke soll nicht nur Verkehr über die Spree führen. Sie soll auch die lokalen und touristischen Interaktionen verstärken, einen architektonisch-funktionalen Mehrwert haben. Dazu zählt, dass mit einer neuen Waisenbrücke auch der verwilderte, vom Wasser aus nicht erkennbare Platz vor dem Märkischen Museum wieder mit der Brücke ein Ganzes bildet.

Brückenaufgang vom Märkischen Museum aus gesehen. Auf der anderen Seite wartet die Stadtmauer (Abb. Detlev Kerkow)

Brückenaufgang vom Märkischen Museum aus gesehen. Auf der anderen Seite wartet die Stadtmauer (Abb. Detlev Kerkow)

Aufs Märkische Museum ausgerichet

Teil von Kerkows Brücken-Entwurf ist deshalb auch eine neue Platzgestaltung. Die Brückenköpfe sind ihm genauso wichtig wie die Brücke selbst. Bootsanleger, Räume für ein Café und (wegen der historischen Lage und dem Märkischen Museum als Institution für Vermittlung von Stadtwissen): ein Geschichtspfad sind ebenso mitgedacht im Konzept. Es lohnt sich, Detlev Kerkow zuzuhören.

Bausinn, Bauwahn, Bauwahnsinn? Ja, Bauen kann Sinn machen, und wahnsinnig machen vielleicht auch (siehe „Germania“). Oder muss man andersherum zuerst wahnsinnig sein, um zu bauen?

Senator Geisel lebe in einer Parallelwelt, die neue Liegenschaftspolitik sei eine Farce, und es gebe ein Kartell von Akteuren, die kleinteilige Nutzungsmischung auf Gebäudeebene verhindere. Das war gestern beim öffentlichen Stadtgespräch im Charlottenburger Stadtbüro von Katrin Lompscher zu hören – Sätze, die nicht von ihr kamen, sondern von den Gästen, dem Publikum.

Eventnotizen, quer durch den Gemüsegarten

Das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Wilmersdorf, das mit mehr als 900 Wohnungen bebaut werden soll, hieße jetzt „Friedenauer Höhe“, sagt jemand mit einem Lächeln auf den Lippen.

Es wurde kritisiert, dass das Land Berlin beim Projekt Elisabeth-Aue in Pankow weiterhin Grundstücke an Private verkauft (etwa 50 Prozent, wie ich hier neulich gelesen habe), anstatt sie zu behalten und ausschließlich in Erbbaupacht zu vergeben.

Es wurde erwähnt, dass ein Investor eine (billige) Bahnfläche am Westkreuz kaufen will, um sie zu bebauen und dass der Bezirk ihm das leicht mache.

Es wurde über die zwei Volksentscheide „Fahrrad“ und „Volksentscheide retten“ gesprochen, die beide für die Bundestagswahl 2017 zu spät kämen, weil sie von der Verwaltung torpediert würden (dazu ein Interview des Tagesspiegel mit Heinrich Strößenreuther vom Fahrradvolksentscheid). Es gäbe für die Verwaltung für die Bearbeitung keine Frist, was der „Retten“-Entscheid eben auch ändern wolle.

Berlin, die „Samsung-Stadt“

Katalin Gennburg, früher Stadtbüro-Mitarbeiterin von Katrin Lompscher, jetzt gewählte Abgeordnete aus Treptow, nannte in ihrer Agenda unter anderem, sie wolle großflächige Fassadenwerbung an Baustellen verhindern. Finde ich sehr symphatisch! Zwei Beispiele fallen mir sofort dazu ein: Beim Festival of Lights vorm mal wieder phänomenal-illuminierten Berliner Dom störte vor zwei Wochen nichts den Farbton des Abends mehr als das grelle Samsungschloss. Wenigstens für das Festival hätte die Stiftung Humboldtforum das Licht ausmachen können. Genauso bezeichnend für die Unsensibilität gegenüber seiner Umwelt ist der Standort „Samsungplatz“ … Na, wo ist der? Samsung-Großbildwerbung hängt auch an der Planfassade des Skandalgrundstücks Leipziger Platz 18/19, wo der „Samsunginvestor“ F100 aus Luxemburg für die erklärte Europäische, nutzungsgemischte Stadt Berlin keine „Samsungwohnungen“ bauen braucht, weil ein „S-Senator“ („S-“ wie Stadtentwicklung) ihm eine Ausnahme erteilt (die Presse berichtete umfangreich). Neben dem Berliner Bauwahnsinn existiert also auch ein Berliner Schauwahnsinn.

Samsungschloss beim Festival of Lights. Tausende Menschen geblendet (Foto: André Franke)

Samsungschloss beim Festival of Lights. Tausende Menschen geblendet (Foto: André Franke)

Apropos Umwelt … Ein Bausenator könne nicht gleichzeitig auch Umweltsenator sein, sagte gestern auch jemand und kritisierte die Ämterhäufung in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Das widerspräche sich und ermögliche Amtsmissbrauch.

Berlin könnte besser sein – in seinem Stadtbild, seiner Funktionalität und seiner Erlebnisqualität. Berlin hat ungenutzte und verbaute Potenziale. Oft steh ich da und denke „Oh wie schade!“ Und wahrscheinlich geht es anderen auch so. Bald gibt es eine Video-Serie zu dem Thema. Ein paar Beispiele zeigen, wie umfangreich der Stoff ist:

Drinnen lichtet es sich etwas. Aber filigran ist anders.

Drinnen lichtet es sich etwas. Aber filigran ist anders.

1. Mall of Berlin

Hier haben uns die Architektur-Renderings den blauen Himmel auf Erden versprochen. Transparent und filigran sollte das Glasgewölbedach, unter das man auf die Bundesratsfassade sieht, werden. Hat denn niemand an die Träger gedacht, die es halten? Sie verdecken die Glasfläche heute aus der Perspektive. Das Ergebnis ist: dunkel. Als hätte man dem Hof eine Tonne Pech aufgesetzt. Dumm gelaufen … Futurberlin.de

2. Europacity

Hier werden Berlin 3.000 Wohnungen versprochen, in hochzentraler Lage der Innenstadt. Wieviel davon werden im Sozialen Wohnungsbau gebaut, für 6,50 Euro pro Quadratmeter? – Ganze 42. Die Planungen an der Heidestraße waren schon zu weit fortgeschritten, als das Thema Wohnungsnot auf die Agenda der Politiker gerückt war. Dumm gelaufen …

3. Monarch-Tower

Hier bauen die Russen das erste 150-Meter-Hochhaus am Alexanderplatz. Der Architekturkritiker Bruno Flierl hat mit Perspektivstudien immer wieder darauf hingewiesen, dass ein Tower am Alexa-Standort diesen Preis kostet: die „visuelle Entsorgung“ des Fernsehturms aus Sicht der Karl-Marx-Allee (er steht genauer zwischen den Türmen des Frankfurter Tors). Dumm gelaufen …

4. Luisenblock-Ost

Hier wird das „Band des Bundes“ verlängert und zum Abschluss gebracht mit einer Ovalform, die auf den Schiffbauerdamm trifft. Der soll obendrein ans Spreeufer verlegt werden. Es enstehen auch neue Blöcke an einer abzweigenden Straße, also ein komplett neues Stadtquartier. Nur: Verdi, Besitzer eines abzureißendes Altbaus, verkauft sein Grundstück nicht. So muss der Bund umplanen. Dumm gelaufen …

5. Townhouses Friedrichswerder

Die große Alternative zum Eigenheimbau auf der grünen Wiese sollten die bunten Townhouses sein. Der „Urbanit“, Bekenner zur Großstadt, sollte das städtische Leben in die monumentale Mitte zurückbringen. Eingehandelt hat man sich aber Urba(N)ieten. Ein Townhouse-Eigner klagt gegen die Caféhausnutzung, weil er sich in seiner Gartenruhe im Innenhof gestört fühlt. Dumm gelaufen …

6. Mauerpark

Hier, wo die Mauer stand, sollte ein großer Park Ost- mit Westberlin wieder verbinden. Doch die Hälfte des geplanten Mauerparks wurde über die Zeit privatisiert. So musste Berlin neben der Parkplanung auch Bauinteressen verhandeln. So wird der große Mauerpark (er wird jetzt erweitert) am Ende nur die halbe Wahrheit sein. Im Norden ensteht ein Stadtquartier mit etwa 700 Wohnungen. Dumm gelaufen …

7. Schinkelplatz-Bebauung

Hier entstehen neue Stadthäuser rund um den Schinkelplatz. Zwanghaft hält man sich an die Vorkriegsstrukturen, statt eine Nachkriegsqualität zu gestalten: den Blick vom Berliner Schloss auf Schinkels Friedrichswerdersche Backsteinkirche. Es hätte gereicht, eine Gasse auszusparen. Macht man auch, aber an der falschen Stelle. Zu sehr klebt man am Planwerk Innenstadt. Dumm gelaufen …

8. Mauergedenkstätte

Hier kann man auf 1,4 Kilometern der Mauergeschichte nachgehen. An der Ruppiner Straße aber steht ein Gartenzaun. Dahinter, auf dem „Postenweg“: eine Tischtennisplatte, Dreiränder und Kinderspielzeuge. Zu attraktiv war der Verkauf der Mauergrundstücke nach 1990. Jetzt bekommt Berlin das „Grenzland“ nicht zurück, und alle müssen einen Umweg gehen. Dumm gelaufen …

Diese Liste ist zu erweitern … Wo trefft Ihr auf das unvollständige Berlin? 

Peinlich, verwirrend und inkorrekt sind die Berliner Fehlinfos, die im öffentlichen Raum rumfliegen. Da werden Zahlen verdreht, Grenzen pauschalisiert und Planelemente durcheinander gewürfelt. Drei Beispiele, die hoffentlich die einzigen sind:

Berliner Fehlinfo Nr. 1, die peinliche

Als ich neulich bei den Stadtmodellen bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung war, ging ich in eine der Ausstellungen, die in den Räumen seitlich des Foyers stattfinden. Hier stand und steht immer noch: eine große Schautafel mit der Überschrift „Wussten Sie, Berlin hat …“ und dann folgen Infos zur Stadt, wie „… 440.000 Straßenbäume“ und eine Fehlinfo. Da las ich mit offen stehendem Mund, Berlin habe 3,2 Millionen Einwohner!! Dass man da nicht in der Jahreszahl verrutscht ist, sondern dass das ein Flüchtigkeitsfehler sein muss, zeigt die Zahl 175.000 – um diese Bevölkerungszahl ist Berlin in den letzten vier Jahren gewachsen, die ist aktuell. Aber wie konnte sich die 2.000 Mitarbeiter umfassende Planungsbehörde diesen Schnitzer erlauben? Stolz wie Bolle ist Berlin, dass es wächst und vor kurzem erstmals seit dem Krieg wieder mehr als 3,5 Millionen Menschen in der Stadt wohnen. Die Berlin-Statistik zählt mit Stand 30. Juni 2016 sogar 3,6 Millionen Einwohner.

Falsche Einwohnerzahl in Senatsverwaltung für Stadtentwicklung: 3,2 Mio. statt 3,6 Mio. (Foto: André Franke)

Falsche Einwohnerzahl in Senatsverwaltung für Stadtentwicklung: 3,2 Mio. statt 3,6 Mio. (Foto: André Franke)

Es fehlen 400.000 Einwohner zu Wahrheit (Foto: André Franke)

Es fehlen 400.000 Einwohner zu Wahrheit (Foto: André Franke)

Berliner Fehlinfo Nr. 2, die verwirrende

Konfusion beim Betrachter stiftet eine Übersichtskarte, die am Bauzaun einer Ausgrabungsstätte auf der Fischerinsel in Mitte hängt. Ein Hochhaus entsteht hier an der Ecke Gertraudenstraße, im Moment graben Archäologen aber noch den Cöllner Fischmarkt aus. Gemessen an der Geschichtsträchtigkeit des Ortes, kann die Karte nur enttäuschen, da sie die Sorgfalt vermissen lässt, mit welcher der „alten Dame Cölln“ hier der Hof gemacht wird. Ich weiß nicht, wie gut oder schlecht das Grabungsteam „archaeofakt“ seine Arbeit macht, das kann ich nicht beurteilen. Aber wenn es oben am Bauzaun schon hakt … ?! Was geht dann da unten vor sich?

Am Zaun hängt eine Lagekarte, darin verzeichnet: Gertraudenstraße, Mühlendamm, Spree, ein DDR-Fischerinsel-Hochhaus und die Grenzen der Ausgrabungsstätte. Nur fällt das Verorten der Inhalte schwer, weil das Hochhaus auf der Straße steht, und das Grabungsfeld über der Kreuzung liegt. Seltsam schieben sich die Planebenen übereinander. Das ist doch falsch? Oder habe ich einen Knick in der Optik?

Die nächste Führung durch die Funde findet am 21. Oktober statt, 14 Uhr. Trag ich mir gleich mal in den Kalender ein. Wahrscheinlich auch wieder nur ein Flüchtigkeitsfehler. Tja, wie schlimm ist das denn nun eigentlich? Ist das wichtig oder kann das weg? – Die Fehlinfo geht hier auf das Konto der Wohungsbaugesellschaft Mitte (WBM), der Bauherrin. Schlimm ist es, weil es schwer genug ist, die alten Stadtstrukturen im heutigen Bestandsberlin zu erkennen und Orientierungshilfe not tut.

Bauzaun Fischerinsel: Den Cöllnischen Fischmark ausgraben (Foto: André Franke)

Bauzaun Fischerinsel: Den Cöllnischen Fischmark ausgraben (Foto: André Franke)

Hochhaus verrutscht und Grabungsfeld. Wäre das die Realität, würde kein Auto auf der Gertraudenstraße fahren (Foto: André Franke)

Hochhaus verrutscht und Grabungsfeld. Wäre das die Realität, würde kein Auto auf der Gertraudenstraße fahren (Foto: André Franke)

Berliner Fehlinfo Nr. 3, die inkorrekte

Am Holocaust-Denkmal steht ein Schotte und liest an einer Infotafel. Er erfährt die Geschichte des Standorts an der Ebertstraße, wo auch die Mauer war:

„Nach dem Ausbau des ‚Grenzsicherungssystems‘ zwischen Ost- und Westberlin war das Gelände bis Ende 1989 Teil des verminten ‚Todesstreifens‘.“

"Verminter" Grenzstreifen? Bitte lassen Sie diese Info am besten in Berlin (Foto: André Franke)

„Verminter“ Grenzstreifen? Bitte lassen Sie diese Info am besten in Berlin (Foto: André Franke)

War die Grenze in Berlin wirklich vermint? Behauptet wird das oft, zum Beispiel auch in dem 2015 erschienenen Film „Berlin East Side Gallery“, in dem man das eine Stadtführerin sagen hört. Doch es ist eine Fehlinfo. Historiker sagen Nein. In Berlin explodierten keine Minen, weil es unter den Augen des Westens, der Welt stattgefunden hätte, weil es zu eng war … Sie taten es aber an der innerdeutschen Grenze, die Kilometer breit war. Die Mauer war eine Sondergrenze. Diesen Unterschied nicht zu machen, verdient Berlin nicht. Berlin war speziell.

Die gläsernen Infotafeln am Holocaust-Denkmal wurden von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, der Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten aufgestellt, 2008.

Vermint oder nicht? - Wie wichtig ist es, historisch korrekt zu sein (Foto: André Franke)

Vermint oder nicht? – Wie wichtig ist es, historisch korrekt zu sein (Foto: André Franke)

Zum Trösten: Der Schotte liest den englischen Text der Tafel, und der kommt ohne die Vokabel „vermint“ aus. Von „death-strip“ ist die Rede, sonst nichts. Das ist korrekt. Und das gewährt, dass der Schotte keine falschen Geschichten auf die Insel bringt.

Es braucht nicht viel, um sich ins ICC zu verlieben. Bei mir waren es zwölf Seiten in der werkorientierten Biografie von Ursulina Schüler-Witte, die das Internationale Congress Centrum mit ihrem Mann und Architektenkollegen Ralf Schüler gebaut hat. Zwölf von siebzig Seiten. Ursulina Schüler-Witte schreibt in dem Buch, das vor einiger Zeit im Lukas Verlag erschien, auch von den alltäglichen Umständen, unter denen das Architektenpaar arbeitete. Sie erzählt auch die ein oder andere Anekdote: So haben sie und er den Entwurf für den Messehallen-Wettbewerb nur zehn Minuten vor Fristende abgegeben, am 30. September 1965 um 23:50 Uhr.

Ohne den Funkturm wäre das ICC brutal. Der "lange Lulatsch" legitimiert es (Foto: André Franke)

Ohne den Funkturm wäre das ICC brutal. Der „lange Lulatsch“ legitimiert es (Foto: André Franke)

Was wäre passiert, wenn die „Ente“, auf deren Dach sie das Modell transportierten, in dieser Herbstnacht schlappgemacht hätte, nicht getankt gewesen wäre, oder aus anderen Gründen den Weg zu den Berliner Austellungen nicht gefunden hätte? – Die historische Folge wäre gewesen: Die DDR hätte den Palast der Republik nicht gebaut!

Kommunisten schlagen Kapital aus Entwürfen

Die Architekten gewannen als Außenseiter den Wettbewerb. Sie bauten später das Kongresszentrum an anderer Stelle als 1965 vorgesehen. Deshalb steht das ICC heute an der Autobahn und ist wegen der Längsform des Grundstücks 320 Meter lang (ursprünglich dachten sie an ein sechseckiges Kongressgebäude, das von dreizehn Messehallen umgeben war). Die DDR hatte bis dahin im „Schaufenster Ost“ dem geplanten Koloss nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Deshalb machte sie für die international ausgeschriebene Sichtlinienanalyse, die für den Riesensaal des ICC erarbeitet werden musste (5.000 Gäste wollen die Bühne sehen!), ein Angebot, das niemand ausschlagen wollte: 9.500 DM, schreibt Schüler-Witte. Ein belgisches Büro hätte es für 95.000 DM gemacht, die USA für 250.000 DM. Die DDR wollte den Auftrag unbedingt, um das Kongresszentrum zu kopieren.

Die ICC-Pläne verschwanden bereits einen Tag nachdem die Westberliner Architekten das Projekt im Ost-Berliner „Institut für die Technologie kultureller Einrichtungen“ vorgestellt und dort hinterlassen hatten. Das war 1971. Der Institutsleiter telefonierte panisch mit den Architekten, hatte offenbar keine Ahnung von dem Vorgang. (Er verließ die DDR 1977 mit Hilfe des Architektenpaars; bitte selber nachlesen, auf welche Weise!). 1973 begann der Bau des Palasts der Republik und 1976 fertig, also bevor 1979 das ICC Berlin eröffnete. Der Gehirnschmalz von Schüler und Schüler-Witte, der die enorme Nutzungsvielfalt und Raumflexibilität im ICC ersann, wurde also auch für die Volkskammer verbraten.

Der asbestfreie Palast

Als wir am Sonntagnachmittag am Ende der Vivantes-Tour auf das ICC trafen, war die erste Bemerkung eines Gastes: „asbest-verseucht“. Dass das für den Palast der Republik galt, wird jeder wissen. Das ICC … Ich überlegte und sagte nichts. Weil ich nicht wusste, ob das zutraf. Später las ich im Buch weiter, wo steht:

„dass das ICC von Spritzasbest durch einen glücklichen Zufall verschont geblieben ist, weil es inzwischen das asbestfreie Material Kafko zur feuerhemmenden Ummantelung von Stahlbauelementen gab (…).“

Na bitte, meiner kleinen Liebesgeschichte steht also auch DAS nicht im Wege. Was freue ich mich, dass ich nächsten Sonntag um 11 Uhr wieder am S-Bahnhof Messe-Nord stehe, zusammen mit Vivantes. Am Treffpunkt der Etappe 14, der vorletzten von „Vivantes erradeln“ mit Berlin on Bike, blicken wir auf das ICC. Geht gar nicht anders. Wenn man hier ist, muss man es ansehen. Wie es da liegt an der Autobahn … Wer könnte das Stahlschiff anheben? – Auch interessant, dass Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte das „Raumschiff- und Weltraumdesign“ nicht bewusst als Stil entwarfen. Es war mehr ein Ergebnis von „Form follows function“, berichtet die Architektin. Die Devise hätten sich viele für den Nachfolgebau des Palasts der Republik gewünscht.


Das Buch … im Lukas Verlag

Auf Recherche-Fahrt für „Vivantes erradeln“, einer Tourserie von Berlin on Bike, fuhr ich heute nach vielen Jahren den Rohrdamm entlang. Das ist der Ort, an dem ich studiert habe. Das Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU war dort eine Zeit. Jahre lang fuhren wir hier raus, nach Spandau, Nähe Nonnendammallee, wo die Stadt auseinanderreißt und die „Automeile“ beginnt und das Kraftwerk Reuter West mit seinem Riesen-Kühlturm jeden Impuls lähmt, weiter rauszugehen, zu fragen, was da noch kommt am Horizont.

Eine Tasse namens „ROZ“

Hier am Rohrdamm, hatten wir oben im Haus ein Café. Wir nannten es „ROZ“ (sprich: „Rotz!“), die Kurzform von „Rohrdamm-Zentrum“. Ich kann mich erinnern, wie wir hier den Film „Berlin Babylon“ sahen oder Vorträge vorbereiteten. Auf den Sofas. Es gab spezielle ROZ-Tassen hier, Kaffeetassen. Als das Institut hier auszog, nahm jeder welche mit nach Hause. Ich hab auch eine. Und ich nehme sie am Sonntag aus dem Küchenregal und mit auf Tour.

Kaffeetasse aus dem Rohrdamm-Zenter, genannt "ROZ", Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin (Tasse und Foto: André Franke)

Kaffeetasse aus dem Rohrdamm-Zenter, genannt „ROZ“, Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin (Tasse und Foto: André Franke)

Dann kommen wir auf der 13. Vivantes-Etappe hier vorbei, und ich: die Tasse parat. Der Beweis, dass ich studiert habe :-) Gibt es was tolleres als ein Diplom in der Tasche und den ganzen Tag Fahrrad fahren?

Ich staune nur, wie sich hier für mich der Kreis schließt. Der Rohrdamm war eine meiner ersten Adressen in Berlin. Jetzt schickt mich der Chef auf die Strecke und ich fahre nach 1997.

Event: Triennale der Moderne

An diesem Wochenende findet in Berlin die „Triennale der Moderne“ statt (vorher gab es ein Wochenende in Weimar und ein Wochenende in Dessau). Es gibt Filme, Spaziergänge und eine Busfahrt zu den Siedlungen der Berliner Moderne und zu Bauten von Bauhaus-Gründer Walter Gropius. Die „Ring-Siedlung“ (Siemensstadt) ist mit im Programm, am Samstag auf einem geführten Spaziergang, am Sonntag auf der Bustour, die 9 Uhr morgens beginnt und bis 19 Uhr abends geht (alle sechs Siedlungen werden angefahren). Siehe Eventkalender …

Endlich Siemensstadt!

Wär ich ein Igel, könnt ich jetzt sagen: Ich war all hier. Ich bin heute genau durch diese Ringsiedlung geradelt! Die liegt nämlich am Sonntag auf unserer Strecke. Die Bauten von Gropius sehen aus, als wären sie neugebaut, neu, modern, von heute. Schneeweiß und sauber. Ich habe sie zum ersten Mal gesehen. Im Studium hab ich es immer nur bis zum Bäcker in der Nonnendammallee geschafft. Gropius lag zu weit im Norden. Man war sowieso schon weit genug draußen.

Wenn sich morgen ein Kollege findet, der mich von einer (anderen) Tour befreit, dann hoffe ich, an dem Spaziergang durch die Siemensstadt mitmachen zu können, der 13 Uhr beginnt. Das wäre dann auch eine Art Triennale, meine ganz persönliche Ringsiedlungstriennale. Drei Tage Ringsiedlung – und zurück.


Vivantes feiert 15. Geburtstag. Berlin on Bike führt die Mitarbeiter auf 15 Etappen zu den Einrichtungen des Unternehmens, immer sonntags …

Mehr zur Triennale der Moderne …

Mehr zu den Siedlungen der Berliner Moderne bei SenStadtUm …

Schade, dass mein Hirn so löchrig ist. Sonst wären mir die vier Zeilen Donnerstag-Morgen eingefallen, und es hätte keine bessere Einleitung für die Tour gegeben. Denn Schüler des Brecht-Gymnasiums aus Brandenburg an der Havel kamen, um sich über Projekte der aktuellen Stadtplanung Berlins zu informieren. Bei Nieselregen, drei Stunden lang. @Brandenburg: Schön, dass Ihr durchgehalten habt!

Ich hätte also aus der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht zitieren sollen:

„Ja, mach nur einen Plan!
Werd nur ein großes Licht!
Und mach dann noch´nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht“

So, dann hätten wir die Ergebnisse des Pläneschmiedens abgleichen können mit: dem Rathausforum (wo es weit mehr als zwei Pläne, im Sinne von Entwürfen gibt), mit dem Schlossneubau (wo zwei Pläne sich widersprechen), mit den Townhouses auf dem Friedrichswerder (wo nicht Urbaniten, sondern Urbanieten eingezogen sind, zumindest eine), mit dem Band des Bundes am Schiffbauerdamm (wo der Plan von Kusus+Kusus Architekten nicht aufgeht, weil Verdi sein Grundstück nicht verkauft), mit der Europacity (wo das schönste Element, ein dritter Hafen, nicht gebaut wird, weil man ihn nicht über EU-Gelder finanzieren kann), und dem Mauerpark (wo die Bürgerinitiativen um die 15 oder 16 Pläne verhindert und einen, wie ich finde, akzeptablen Kompromiss erreicht haben). Plan und Stadtprodukt – das hätte unser allgemeiner Ansatz sein können.

Mode der Bürgerbeteiligungen

Es waren genau diese Projekte, die wir auch besuchten, nur leider ohne vorher die Brecht-Ballade zu rezitieren. Beim nächsten Mal vielleicht, Brandenburg.

Und wie gut war die Frage einer Schülerin: „Warum gibt es Bürgerbeteiligung am Rathausforum, aber nicht fürs Berliner Schloss?“

Ich antwortete, weil es in den Neunziger und Nuller-Jahren nicht Zeigeist gewesen sei, umfangreich Bevölkerung ins Boot zu holen (oder wenigstens mal kurz über die Reling gucken zu lassen), seit 2014 mit dem Volksentscheid zum Tempelhofer Feld aber sehr wohl. Ich sagte auch, dass es auch beim Schloss eine Beteiligung gegeben hätte, die formale Bürgerbeteiligung im Bebauungsplanverfahren. Doch ihre Frage meinte proaktive Bürgerbeteiligung, die die Stadt von sich aus durchführt, nicht weil sie nach dem Baugesetz es tun muss. (Was ist es doch schade, dass die Piraten nicht mehr im Abgeordnetenhaus vertreten sind! Ich fand den Wahlspruch von Wolfram Prieß toll: „Bürgerbeteiligung ist kein Teufelswerk“). Doch meine Antwort spitzte sich später auf den Satz zu: „Weil dort das Land Berlin baut, und hier der Bund.“

Stadtdebatten des Bundes?

Da fiel mir auf, dass es nirgends offensive Bürgerbeteiligungen gibt, wo der Bund baut. Nicht auf der Museumsinsel, nicht bei der U5, nicht beim Band des Bundes, nicht beim Schloss, nicht beim Einheitsdenkmal. Mag sein, dass dieser erste Blick darauf unvollständig ist. Aber ich finde kein Beispiel, wo es anders wäre.

Und ich frage mich, warum ist das so? Sind Kultur- und Politbauten kein Stoff für die Wünsche des Volkes?

Auf „Haifische mit Zähnen“ kamen wir übrigens nicht zu sprechen, aber die Zeile aus dem Mackie-Messer-Song könnte man auch mal zum Ausgangspunkt für eine Berlin-Tour machen.

Was einem nicht alles zugetragen wird, wenn man den Menschen sein Ohr schenkt! Besonders als Stadtführer sollte man öfter die Klappe halten und empfangen, was Mitteilungswürdiges der Besucher Berlins mit in die Stadt bringt. Natürlich sitzen die Infos aus der Heimat sprungbereit hinter seiner Stirn. Sowie die Hauptstadt(-geschichte) halt macht, sprudeln sie heraus aus dem Gast.

Hallenser, die ich neulich zwei Tage lang betreute, erzählten mir, das Carillon im Tiergarten sei das zweitgrößte in Europa. Wusste ich gar nicht. Auch nicht, dass es das drittgrößte der Welt sei. Jetzt ratet mal, in welcher Stadt das größte Carillon Europas und das zweitgrößte Carillon der Welt steht! – In Halle.

Hallenser klettern für Christo 1995

Die Christo-Verhüllung des Reichstagsgebäudes im Sommer 1995 ist auch ein erzählenswerter Meilenstein am Platz der Republik und ein starkes Bild fürs Besucherauge dazu. Aber fortan wird in meinen Touren nicht länger der Künstlername Christo das Bemerkenswerte sein. Wohl aber der Name der Stadt, aus der die Industriekletterer kamen, die sein Kunstwerk in die Tat umsetzten: Halle.

Und dann wäre da noch ein Stück geformtes, fundamentiertes Erz, das heute kein Mensch mehr sieht, wohl nie mehr sehen wird. Welches aber mitschwingt, wenn zukünftig die U5 unter dem Schlossplatz durchrattert. Unter der Bodenwanne des Palasts der Republik fährt die U-Bahn bald durch. Sie ruht zwischen Tunnel und Berliner Schloss und ist ein Produkt der Eisenbiegeanlage des VEB Bau- und Montagekombinats „Chemie“ in: Halle an der Saale.

Hier ruht in Frieden: die in Halle hergestellte Fundamentwanne des niedergebauten Palastes der Republik, 2011 (Foto: André Franke)

Hier ruht in Frieden: die in Halle hergestellte Fundamentwanne des niedergebauten Palastes der Republik, 2011 (Foto: André Franke)

Ich wäre dafür, am Mehringplatz das Hallesche Tor wiederaufzubauen. Einfach als Ehrerbietung für das Mitwirken der Saalestadt an der Hauptstadt Berlin. Im Übrigen ist Halle vor allem Musikerstadt, die Geburtsstadt Händels. Finden wir wohl nicht einen Platz am „Musikerofen“ für ihn, im Tiergarten? Oder ein eigenes Denkmal.

Hinter dem Schloss, wo die Container stehen und Franco Stella öfter über die Straße geht, um nach seiner Baustelle zu sehen, wo auch die Busse, steif wie Bock, in die Breite Straße eindrehen und dabei den Radweg mit den todbringenden Doppelreifen der Hinterachse überrollen, und wo, im Gegensatz zur Nordseite, auch kein Weltkulturerbe anzutreffen ist (es würde sich wohl schnell aus dem Staub machen …), – hier ist nicht „hinten“!

„Hier ist vorne“, erkläre ich am Sonntag auf einer Zukunft Berlin Tour, da bei Ulla, die aus Erftstadt bei Köln kommt, der erste Eindruck beim Stoppen vorm alten Staatsratsgebäude folgender war: „Ich war bisher immer nur vorne gewesen, auf der anderen Seite … Aahh, so sieht´s also hinter dem Schloss aus!“

Ich freue mich über solche Steilvorlagen sehr. Man kommt sofort auf das Wichtige zu sprechen, auf das Positive. Was ist das Positive am Schloss? Es bringt die Grundordnung auf der Spreeinsel zurück: einen Lustgarten im Norden, einen Schlossplatz im Süden. Wir können wieder zeigen, wo die Stechbahn war, wo Ritter sich mit Lanzen die Rüstungen durchbohrten, vom Pferd fielen.

Erkennbar wird dadurch auch eine weitere Geschichte: Berlin war nicht das Schloss. Nicht immer jedenfalls. Das Schloss kam erst in der zweiten Welle der Berliner Stadtentwicklung. Mehr als 200 Jahre kam Berlin-Cölln ohne es aus, und Kurfürst Friedrich II., genannt „Eisenzahn“, positionierte seine Residenz am Rande der Stadt. Fortan musste Berlin mit dieser … „Unwucht“ leben. Oh, dieses Bild gefällt mir auch sehr. Und man könnte hinzufügen, dass die Unwucht später ein ganzes Land ins Schleudern brachte und ins Desaster katapultierte, wo die Menschen nicht wussten, wo oben und unten ist.

Das viel bemängelte, geschasste, gehasste und aus den Betonmischern ausgeschiedene Hotel Meininger am Washingtonplatz unserer Stadt hat Nachbarn gekriegt, die Gott sei Dank einige Aufmerksamkeit von ihm nehmen. Dennoch ergab sich heute morgen, Gästen, die ich zu einem Welcome Walk vom Aman Grand Central abholte (Invalidenstraße), bei einem „Rundumschlag“ im Spreebogenpark die neu entstandenen Hotels, inklusive eben auch des Hotels Meininger, zu zeigen, wobei ich dann nicht drumherum kam, das Hotel M. besonders schlecht zu machen. So blieb es uns in Erinnerung, den Gästen und mir, und kam, wie das manchmal so ist, gegen Ende der Tour mir noch mal hoch (das ist fast schon die Phase des Ausscheidens) als wir vor den Stadtmodellen Am Köllnischen Park standen. Ich stellte fest, das Hotel Aman, obwohl schon fertiggebaut, sei gar nicht im Detail ausgefertigt (so sollte es mit realisierten Baukörpern sein, die im Modell auftauchen; nur die noch nicht gebauten erscheinen als grober Holzklotz). Das kann man an einigen Modellgebäuden sehen, dass das nicht so richtig hinhaut, und das Stadtmodell nicht auf der Höhe der (rasenden) Zeit ist. Nur bei einem Gebäude, das ebenfalls nur grob modelliert ist, macht alles Sinn: Mein Blick und Zeigestock fiel auf das Hotel Meininger auf der anderen Seite des Hauptbahnhofs. Zwar ist es fertiggebaut – aber irgendwie ja auch nicht, wenn man den Qualitätsmangel bemisst! Und außerdem, so in etwa hab ich´s gesagt, verdiene das Haus das hübsche Geschnitze nicht. Was will man dem Meininger auch ins Kerbholz ritzen? Es gibt keine Form, keine Deko, was den Kotzkubus irgendwie nicht als bloßen Schuhkarton dastehen lässt. Kratzputz wäre ein kleiner Schritt für den Maurer, aber ein großer Schritt für´s Hotel M.

Dienstag Abend um 22:45 Uhr läuft in der ARD die romantische Komödie Grand Hotel Budapest. Die sollte man mal gesehen haben. Aber vielleicht geht das auch später. Es gibt was besseres. Ein besseres Hotel, gleich um die Ecke oder sagen wir: hier in Berlin.

Im Ballhaus Ost in der Pappelallee in Prenzlauer Berg ist noch bis Sonntag ein temporäres Hotel eingerichtet, eine Schlafstätte mit 75 Betten, die überall in dem Gebäude zu finden sind. Auf sechs Stockwerken verteilt stehen sie auf dem Boden, liegen auf Podesten, auf Balkonen, in aufgebauten Hütten. Sogar in der Waschküsche steht eine Liege. Und unten im großen Saal.

Doppelbett in der Feierhalle des Ballhaus Ost (© David Baltzer)

Doppelbett in der Feierhalle des Ballhaus Ost (© David Baltzer)

Das Ballhaus Ost feiert sein 10-jähriges Jubiläum mit diesem Performanceprojekt. Bevor es in die Heiha geht, werden dem Hotelgast Führungen und Vorführungen geboten. Auf dem Handrücken trägt man eine Schildkröte, eine Erdbeere oder ein Schwert. Die Stempel, die einen beim Einchecken gegen 20 Uhr aufgedrückt werden, dienen der Gruppenzugehörigkeit. „Die Schwerter bitte zu Ali, raus auf den Friedhof“. Ja, das Ballhaus ist aus dem Friedhof und der später gebauten Feierhalle der Freireligiösen Gemeinde Berlin hervorgegangen, ab 1848. Ali erzählt aus dem Leben von Verstorbenen, die hier begraben sind.

Hotel für die Heimatlosen

Währenddessen gehen einige Erdbeeren in den sechsten Stock rauf zu Fernanda, hören sie erzählen von ihrer Suche nach einer Wohnung in Berlin. Dreizehn Schlüssel legt sie einem vor, jeder verbunden mit einer Geschichte, die am Ende jedesmal erfolglos bleibt. Geschichten aus dem Berlin-Boom, der viele zu Großstadtwanderern, Heimatlosen macht. Deshalb ist sie ja hier, Fernanda. Im Hotel Berlin. Ein fiktiver Dauergast.

Dann ist da noch Herr Diano. Er hat sich im Hotel Berlin sein Notquartier eingerichtet, sitzt auf dem Sofa und spielt auf einer bunten Gitarre aus Plaste, die Kinderzimmertöne von sich gibt. Herr Diano war Akrobat. Ein Leben lang. Jetzt wird er aus seiner Wohnung verdrängt, entmietet. Alle paar Minuten macht er eine Pause und stellt die Gitarre ans Sofa. Dann erzählt er eine Geschichte aus seinem Leben, zum Beispiel wie er im (alten!) Friedrichstadtpalast auftrat oder wie er mit Kumpels als Junge über die Dächer am Koppenplatz lief und sich einer einen Stock durch den Körper rammte, beim Klettern, aus Versehen, ein Unfall. Der Kumpel starb im Hedwigs-Krankenhaus. Dann sagt Diano von ganzem Herzen: „Danke“ und spielt weiter. Parallel wird das Entmietungsprotokoll verlesen.

Herr Diano in seinem Notquartier im Hotel Berlin (© David Baltzer)

Herr Diano in seinem Notquartier im Hotel Berlin (© David Baltzer)

Dinner in der Feierhalle

Nach drei Stunden Führungen, Workshops und Hauptperformance im Feiersaal gibt es einen Vortrag der Architektin Anna Baltschun, die ein Zukunftsvision für das Ballhaus Ost entworfen hat, eine Mischung aus Theater und Hotel, vereinfacht gesagt. Dann kommt das „diskursive Dinner“, für das eine Tafel aufgebaut wird, die auf ganzer Länge den Feiersaal durchzieht, und dann ist Schluss. Man kann schlafen gehen. Natürlich gibt es eine Bar. Und manchmal (wieder am Freitag, gegen 23:30 Uhr) gibt es auch das:

Oben im zweiten Stock, wo die Betten der Sozialschläfer sind (sieben), steht eine Art kleiner Tisch, mit Wasser gefüllt, das leuchtet, gespiegelt durch gebrochenes Glas, das drin liegt. Stühle stehen rundherum. Hier sitzt der Futurberliner, das Orakel der Stadt, im Bademantel, rasiert sich, putzt sich die Zähne, hat gerade noch ein bisschen Zeit, wenn man sich beeilt, um die Fragen der Hotelgäste zur Zukunft Berlins zu beantworten, bevor er schlafen geht.

Amtlich: Stadtschloss fällt 2048

Kommt eine Frage, bürstet sich der Futurberliner (der übrigens immer im Werden ist, wie ja Berlin) die Weisheit vom Zahn und rührt die Spurenelemente in den Zahnputzbecher ein. Dann kippt er die Suppe ins Wasser-Orakel und leuchtet mit dem Flackerlicht der Halogen-Taschenlampe hinein, wiederholt die Frage und … spricht aus, was das Orakel ihm zurückgibt. Das wird nicht immer das sein, was Ihr hören wollt. Letzten Freitag fragte einer nach seinem künftigen Wohnort in 2022. Und das Orakel sagte offen und ehrlich „Dortmund“. In einem andern Fall „Essen“. Das Stadtschloss würde 2048 abgerissen, 600 Jahre nach dem Berliner Unwillen. Neukölln wird nicht das zweite Prenzlauer Berg in Sachen Gentrifizierung, sagt es. Und im Flughafengebäude in Tempelhof werden 2020 keine Flüchtlinge mehr sein. Nach dem Ausgang der Wahlen am 18. September fragte übrigens niemand. Wohl aber nach der Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses im Jahre 2026 (an dieser Stelle: kein Kommentar).

Am Morgen gibt´s ab acht Uhr Frühstück. Dann wird ausgecheckt aus dem „Grand“ Hotel Berlin in der Pappelallee.


Für alle, die Lust haben, eine Nacht dort zu leben, gilt der Spezialpreis von 5 EURO (für Performance und Hotelübernachtung!), wenn Ihr Euch an mich wendet: info@futurberlin.de Ich melde Euch an. Der Spezialpreis gilt für die nächsten drei Tage, also Dienstag, Mittwoch und Donnerstag. Hotel Berlin läuft noch bis Sonntag. Freitag mit dem Orakel, wie gesagt. 

Tickets und Reservierungen für die anderen Tage (Fr., Sa., So.) unter 030 440 391 68 oder karten @ ballhausost.de und an der Abendkasse

Man kann sich auch nur die Performance anschauen, ohne zu übernachten.

Unglaubliche Orte gibt es in Berlin, wie den hier: Durch ein Schaufenster sehe ich den Stadtkern Berlins, an der Wand eines Cafés abgebildet. Indoor. Und im Fenster selbst spiegelt sich (Outdoor) ein Verkehrsschild „Achtung Fußgängerübergang“, darüber hängt das Wahlplakat von …

Café mit Stadtkern-Wandbild: Im Spiegelbild zu sehen, ist ein Wahlplakat, hängend an einem Straßenschild, das einen Fußgängerüberweg ankündigt (Foto: André Franke, August 2016)

Café mit Stadtkern-Wandbild: Im Spiegelbild zu sehen, ist ein Wahlplakat, hängend an einem Straßenschild, das einen Fußgängerüberweg ankündigt (Foto: André Franke, August 2016)

Ja, von wem denn? – Das will ich Euch fragen. Ein bisschen rätseln im August, kann dem Ferienfeeling doch nicht abträglich sein. Aber hinter diesem rätselhaften Schnappschuss steckt mehr. Die umfassendere Frage lautet vielmehr:

Welcher Politiker aus welcher Partei hat (wie ja offensichtlich wird, wenn man genau hinschaut) den Wiederaufbau der Waisenbrücke als Fußgängerbrücke in ihr Wahlprogramm aufgenommen?

Find ich spannend. Und da ich weiß, wer sich da (höchstwahrscheinlich) aus Versehen in dieses Format hat hängen lassen, fragt Futurberlin.de direkt mal an. Und da ich dem Wiederaufbau der Waisenbrücke vieles abgewinnen kann (sie war ja die siebente Brücke auf der Sieben-Brücken-Tour vom Juli, und ein Artikel über sie steht noch aus), mache ich meine Zweitstimme von der positiven oder negativen Ausprägung der Antwort direkt abhängig. Also, rätselt mit:

  1. Wo befindet sich das Café mit dem Wandbild des Berliner Stadtkerns?
  2. Wer ist auf dem Wahlplakat abgebildet?
  3. Und wann wird Eurer Einschätzung nach die Waisenbrücke wiederaufgebaut?

Ich freue mich über Eure Antworten!!!

Entdeckt habe ich diesen Blick übrigens auf dem NEWS RIDE von Montag, dem fünften von fünf Etappen im August. Im September geht´s damit weiter. Potenziellen Stoff dafür gibt´s schon mal hier, im Medienspiegel …

Die Bedarfsampel an der Mauergedenkstätte in Mitte meldet (wie sollte es anders sein?) Bedarf an, im Minutentakt. „Signal kommt“, leuchtet pausenlos an der Fußgängerampel, die die einzige für Besucher ist, die Bernauer Straße zu überqueren. Nicht an irgendeiner beliebigen, harmlosen, unurbanen Stelle, sondern da, wo sich das magische Dreieck der Gedenkstätte befindet: Dokumentationszentrum, Versöhnungskapelle, Todesstreifen. Nur sind die drei voneinander durch die Acker- und Bernauer Straße getrennt. Besonders die Bernauer als Hauptstraße mit dem Tramverkehr der M10 bedeutet für alle, die hier „rübermachen“ wollen, eine dynamische Barriere. Und das ist eine unglückliche, scheinbar schicksalhafte Reproduktion der hiesigen Stadtteiltektonik.

Mauergedenkstätte: crossoptimiert

Wir müssen die Mauer hier erneut einreißen, einen Nutzungskonflikt gestalten, uns an der Bernauer Straße neuer Berliner Stadtformate bedienen. Geben wir doch der Gedenkstätte mehr Raum und mehr Zeit! Besucher überqueren die Straßen von vier Standorten aus. Bisher gibt es nur eine einzige Furt (und die hängt am seidenen Faden der Bedarfsampel). Schaffen wir doch ein großräumiges, crossoptimales Querungsfeld, das sich über den gesamten Kreuzungsbereich erstreckt. Das gibt es in Berlin schon so ähnlich: an der Kreuzung Friedrichstraße /Ecke Kochstraße südlich vom Checkpoint Charlie. Dort erhalten sämtliche Fußgänger gleichzeitig grün. Sie dürfen auch diagonal kreuzen, was wirklich genial ist. – Was für ein tolles, aber in der Stadt weitestgehend unbemerktes Pilotprojekt in Kreuzberg, das doch seine Fortsetzung sucht! Oder etwa nicht?

Beringstraße für die Besucher der Mauergedenkstätte: Bedarfsampel ist definitiv zu wenig für eine Gedenkstätte von nationaler Bedeutung (Abb. André Franke)

Beringstraße für die Besucher der Mauergedenkstätte: Bedarfsampel ist definitiv zu wenig für eine Gedenkstätte von nationaler Bedeutung (Abb. André Franke)

Die Gedenkstätte Berliner Mauer ist eine Gedenkstätte von nationaler Bedeutung. Im Moment ist sie der Bernauer Straße als Hauptverkehrsstraße und Teil des Innenstadrings ganz klar untergeordnet. Aus Sicht der Verkehrsverwaltung soll wohl die zügige Verbindung der Straßenbahn und des Kfz-Verkehrs sichergestellt werden (mit Höchtsgeschwindigkeit: 50 km/h). Aber ist das wirklich notwendig? Und ist das wirklich nutzungsgerecht?

Prädestiniert für Entschleunigung

Ist es meiner Meinung nach nicht (bezogen auf die zweite Frage). Denn der Besucherverkehr in der Mauergedenkstätte ist langsam und gemächlicher Natur. Ist es nicht denkbar, auch in einer Hauptstraße eine Passage des Runterkommens einzubauen? Immerhin gibt es hier etwas zu sehen, auch für Leute, die mit Bussen (!) und Autos auf der Bernauer Straße fahren. Deshalb erscheint mir die Bernauer Straße prädestiniert für eine grundlegende Entschleunigung! Nach dem Passieren der Gedenkstätte (im Abschnitt zwischen Strelitzer und Gartenstraße) können die Autofahrer ja wieder hochschalten.

Gedenkstätten-Modus einrichten

Jedenfalls hat die Bedarfsampel Bernauer Straße ausgedient. Hier muss längst ein regulärer Übergang möglich werden, der den Gedenkstättenverkehr (950.000 Besucher im letzten Jahr) auf Augenhöhe mit dem Transitverkehr bringt. Und am besten mehr als das: Der Normalzustand des Ortes sollte die Fußquerung von Norden nach Süden (und umgekehrt) sein. Kommt die Straßenbahn werden die Ampeln für alle Besucher der Mauergedenkstätte auf Rot gestellt. Mit der Straßenbahn fahren dann auch die Autos – als Gefolge. Danach wird auf Gedenkstätten-Modus zurückgeschaltet, und es heißt wieder: „Crosszeit“. Wie wäre das?

Den Ort der alten und vielleicht neuen Waisenbrücke in Berlin haben dank meiner „Sieben Brücken“-Tour Menschen gesehen, die normalerweise, weil in San Francisco lebend, die Golden Gate Bridge überqueren. Greta und John waren gerade erst in Berlin gelandet und ließen sich letzten Samstag trotz Jet-Lag und angekündigter deutscher Toursprache zusammen mit sechs weiteren Gästen auf die erste öffentliche Futurberlin-Radtour ein. Herzlichen Dank! Als wir nach vier Stunden am Waisenbrückenbalkon endeten, fühlte sich die Ankunft wegen der bunten Ballonbögen, die auf beiden Spreeufern diesseits und jenseits des Flusses aufgestellt waren, wirklich wie eine Zieleinfahrt an (es gab den Abschluss der Sommerakademie samt Museums- und Hafenfest). Fehlte tatsächlich nur noch die Brücke! Wenn sie einmal wiederaufgebaut werden sollte, werde ich diese Tour hundertprozentig wiederholen. Und vielleicht fliegen beide Amerikaner zu diesem Anlass noch einmal ein. Dann werden sie zu Hause am Pazifik nicht zuletzt sagen können: „Wir sind über die Berliner Waisenbrücke gefahren … – Was, Du kennst die Waisenbrücke nicht?“ Das erforderte natürlich eine herausragende Architektur. Mehr zu deren Wiederaufbauprojekt später, in einem anderen Blogpost. Nach dem Foto mit den Ufertrommlern der Sommerakademie, dem „Sieben-Brücken“-Tourziel-Event, folgen hier ein paar Infos zu den sechs Brücken, die wir im Vorfeld der siebten (der Waisenbrücke) auf der Tour angesteuert haben:

Trommler-Gruppen beim Museumsfest im Juli 2016, um die Kommunikation zwischen Diesseits und Jenseits zu zelebrieren (Foto: André Franke)

Trommler-Gruppen beim Museumsfest im Juli 2016, um die Kommunikation zwischen Diesseits und Jenseits zu zelebrieren. Im Hintergrund: die Trommler auf dem anderen Ufer (Foto: André Franke)

Radbahn-Brücke

Hier über den Landwehrkanal führt bereits die Brücke der U-Bahnlinie U1. Doch passierbar ist diese nur für Bahnfahrende. Ein spanndendes Projekt verbindet sich mit dem Vorhandenen: die Radbahn-Berlin. Auf einer Strecke von insgesamt acht Kilometern möchte eine Initiative einen überdachten Radweg entwickeln, der vom Bahnhof Zoo bis zur Spree verläuft. Radler benutzen den U-Bahn-Viadukt also als Überdachung und Schattenspender. 80 Prozent der Strecke, sagt die Initiative, seien im Grunde heute schon verfügbar und beradelbar. Nur an 20 Prozent des Weges müsse gearbeitet werden. (radbahn.berlin)

Eine Herausforderung, rot markiert im Streckenplan, ist die Überquerung des Landwehrkanals. Die Radbahn kommt von Westen aus dem Park am Gleisdreieck und muss hinübergebracht werden auf das andere Ufer. Was liegt näher, als die vorhandene Brücke als Aufhänger zu benutzen und die Radbrücke einfach drunterzuklemmen? Genau das plant die Initiative.

Ob es wirklich soweit kommt, ist noch unsicher. Im Moment läuft gerade eine Machbarkeitsstudie, die zwei Jahre dauert. Auch wird abzuwarten sein, wie sich der Volksentscheid Fahrrad weiterentwickelt, er unterstützt das Radbahn-Projekt. Es scheint aber, dass der Senat dem Radbahnprojekt zuvorkommen möchte (Morgenpost). Er plant reguläre Radwege entlang der Uferstraßen. Die heutigen Kfz-Parkplätze sollen dafür unter das Viadukt wandern. Damit wäre sowohl der Viaduktweg funktional blockiert, als auch die Notwendigkeit für eine Radstrecke entlang des Kanals genommen, die heute komplett, auf weiter Strecke fehlt.

Neue Landwehrkanalbrücke

Der Senat plant eine Fußgängerbrücke über den Landwehrkanal. Sie soll in Verlängerung der Flottwellstraße entstehen und auf der anderen Seite in die Gabriele-Tergit-Promenade hinüberführen. Zu dieser Brücke fand offenbar ein Wettbewerb im Jahre 2006 statt. Architekt Max Dudler und Landschaftsarchitekt N. Koehler (Potsdam) haben ihn gewonnen (competitionline.com). Die Fußgängerbrücke ist barrierefrei und auch für Radfahrer benutzbar. Mit ihr würde man von den 280 Meter Umweg über die heutige Köthener Brücke (einzige Möglichkeit bislang) ca. 50 Meter einsparen. Sie soll 2,5 Millionen Euro kosten und ist eine Ausgleichs- und Ersatzmaßnahme der Potsdamer Platz-Bebauung.

Aufmerksam geworden auf diese Planung bin ich über den Gleisdreieckblog. Im Zusammenhang mit dem Radschnellweg auf der Berlin-Potsdamer-Stammbahn kritisiert der Blog diese Brückenpläne und schlägt stattdessen eine ampelfreie Überquerung nach dem Kopenhagener Vorbild der sogenannten „Cycleslangen“ vor. Der Park am Gleisdreieck würde mit dem Tilla-Durieux-Park direkt verbunden werden. Die Brücke würde im Park am Gleisdreieck auf Höhe der Lützowstraße über eine lange Rampe langsam ansteigen und in einem Schwung über den Kanal führen, also anders als die Senatsbrücke, die ja im rechten Winkel den kürzesten Weg über das Wasser nimmt.

Vor dem Hintergrund betrachtet der Blog auch den Durieux-Platz und seine Umgestaltung inklusive guter Radwege zum Potsdamer Platz. Die Schräge solle weg, was offenbar auch schon Mittes Baustadtrat Carsten Spallek (CDU) einfordert hat.

Yorckbrücken

Ingesamt 30 Yorckbrücken gibt es heute noch. Sie sind alle denkmalgeschützt. Eine einzige verbindet den Ostpark des Gleisdreickparks mit dem Flaschenhalspark im Süden und garantiert den überregionalen Radwanderweg Berlin-Leipzig. Doch diese Brücke, es handelt sich um die Yorckbrücke Nr. 10, ist nur ein Provisorium. Sie wurde auf öffentlichen Druck von Anwohnern, des Bezirks Tempelhof-Schöneberg und der Medien im April 2014 kurzfristig vom Senat und der Bahn reaktiviert. Absturzgitter und Asphalt waren das einzige, was nötig dafür war.

Warten auf Sanierung und Reaktivierung: rostende Yorckbrücke auf Brachfläche Nähe Hellweg-Baumarkt (Foto: André Franke)

Warten auf Sanierung und Reaktivierung: rostende Yorckbrücke auf Brachfläche Nähe Hellweg-Baumarkt (Foto: André Franke)

Grund für die Aufregung war die kurz zuvor stattgefundene Eröffnung des neuen Flaschenhalsparks. Die Berliner strömten vom Ostpark in den Flaschenhalspark und umgekehrt, doch an der Yorckstraße trafen sie auf eine gefährliche Blockade: die stark befahrene Straße. Fußgänger wie Radfahrer kletterten über die Absperrungen, um sich den 200 Meter langen Umweg zu ersparen. Eine Ampel gab es nicht. Weil Ostern vor der Tür stand, befürchtete Staatssekretär Christian Gaebler (SPD) „schlechte Stimmung“ (Tagesspiegel). Und Senat und Deutsche Bahn erreichten das Menschenmögliche.

Ursprünglich wollte der Senat diese Yorckbrücke zusammen mit den anderen sanieren. Fünf wurden anfang 2016 ausgehängt und kommen nach Sanierung wieder zurück. Auch sie werden die beiden Parks miteinander verbinden. Danach steht die Sanierung auch für Brücke Nr. 10 an. Insgesamt werden sechs Yorckbrücken reaktiviert. Sechs weitere werden bereits heute von der Bahn genutzt, darunter die Brücke Nr. 17, vom Technikmuseum durch die Museumsbahn. Kritiker befürchten, dass für die verbleibenden 18 Yorckbrücken eine in ferner Zukunft liegende Sanierung zu spät kommen könnte. So fordert der Gleisdreieckblog, der ausführlich über die Sanierung der Brücken berichtet, ein Denkmalschutzkonzept (Gleisdreieckblog).

Alfred-Lion-Steg

Der Alfred-Lion-Steg ist die erste ordentliche Brücke auf unserer Tour. Sie überspannt mit ihren 93 Metern die Bahngleise der Anhalter und Dresdner Bahn und verbindet damit die Schöneberger Rote Insel im Westen (Cherusker Park, Gasometer, Euref-Campus) mit der Fliegersiedlung Neu-Tempelhof im Osten, letztlich also auch mit dem Tempelhofer Feld. Es handelt sich um eine Fußgänger- und Radwegbrücke, als Stahlrohrfachwerk kontruiert. Sie wirkt leicht in ihrer Ästhetik und bildet sich besonders vor dem Hintergrund der kaiserlichen Kasernengebäude in der Papestraße kontrastreich ab.

Schlüsselprojekt im Ost-West-Grünzug: Alfred-Lion-Steg (Foto: André Franke)

Schlüsselprojekt im Ost-West-Grünzug: Alfred-Lion-Steg (Foto: André Franke)

Der Steg ist Teil des neuen Ost-West-Grünzugs, der Hertha-Block-Promenade und damit neben der „Schöneberger Schleife“ ein weiteres Element des Stadtumbaus West (stadtentwicklung.berlin.de). Mit diesem Förderprogramm soll der neue Bahnhof Südkreuz mit Wegeverbindungen und Grünanlagen in sein Umfeld integriert werden. Seit November 2012 funktioniert nun das Schlüsselprojekt der Ost-West-Anbindung: der Alfred-Lion-Steg.

Benannt ist die Brücke nach Alfred Löw, der in Schöneberg in der Gotenstraße 7 geboren wurde und hier aufwuchs. Er flüchtete vor den Nazis nach New York und gründete zusammen mit Francis Wolff (der Löwe und der Wolf sozusagen …) das berühmte Jazz-Label „Blue Note Records“. Nach seiner Emigration änderte Löw seinen Nachnamen in Lion. Die Namensgebung der Brücke war aber umstritten. Hertha Block wäre eine Alternative gewesen. Die Bibliothekarin wurde von den Nazis inhaftiert, überlebte und baute nach dem Krieg in Berlin Stadtteilbibliotheken auf. (Tagesspiegel)

Kiehlsteg

Von den legendären „über 1.000 Brücken“, mit denen sich Berlin gegenüber Venedig gerne rühmt und profiliert, sind offenbar auch manche unnütz. So ließ der Senat den Kieler Steg abreißen, der direkt neben der Lohmühlenbrücke über den Neuköllner Schifffahrtskanal führte. Er war ein Relikt aus Mauerzeiten, eine Behelfsbrücke für die Neuköllner, die die Lohmühlenbrücke, weil sie gesperrt war, nicht benutzen konnten, beziehungsweise machte ihre Benutzung keine Sinn, denn sie führte auf die Mauer zu. Doch im Frühjahr 2014 wehrten sich die Anwohner des Weichselplatzes gegen den Abriss. Sie zogen sogar vor Gericht, um eine einstweilige Verfügung zu beantragen, was nichts half. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bestand auf den Abriss, der mit 42.000 Euro bedeutend geringer ausfiel als die notwendige Instandsetzung mit 260.000 Euro (Tagesspiegel).

Die Anwohner gründeten eine Initiative, wollten den Kiehlsteg sogar auf die Denkmalliste bringen, was so einfach nicht geht. Sie ärgerte, dass die Verwaltung den Abriss der Brücke nicht mit ihnen kommunizierte. In der Sanierungszeitung „Karlson“ (Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße / Sonnenallee) sei der Steg offenbar eingezeichnet geblieben (stadtentwicklung.berlin.de) und damit der vermutbare Erhalt fehlkommuniziert worden, sagen Anwohner (neuköllner.net). Sie hätten zu Gunsten des Stegs auch gerne auf die offenbar geplante Aussichtsplattform verzichtet, die bei der Sanierung des angrenzenden Weichselplatzes entstehen soll. Der Sanierungsträger BSG dokumentiert auf einer website allerdings, dass bei mehreren Bürgerinfoveranstaltungen auf den Abriss des Kiehlstegs hingewiesen worden sei (demokratische-stadtentwicklung.org).

Die Anwohner argumentierten auch mit der historischen Bedeutung der Brücke, schmückten sie in den Tagen vor dem Abriss mit Bildern aus Mauerzeiten. Und sie hatte im Grunde sogar eine ästhetische Bedeutung, auch wenn sie selbst simpel konstruiert war. Der Kiehlsteg war eine praktische, alltagstaugliche Kiezbrücke. Doch er machte den Blick auf die schönere Lohmühlenbrücke erst so richtig möglich. Von hier aus konnten sich die Stegnutzer das auf ihr abgebildete Stadtwappen Neuköllns ansehen – von Angesicht zu Angesicht beider Brücken.

Brommybrücke

Schon vor zehn Jahren berichtete die „Welt“ von einem Entwurf des Architekten Gerhard Spangenbergs, der die Brommybrücke aus Glas bauen wollte und mit zwei Ebenen: eine für den Verkehr und darüber eine Etage für Gewerbe. Was für eine exotische Idee. – Bis heute ist nichts draus geworden (Welt, 2006). Eine Weite von etwa 1,3 Kilometern erstreckt sich zwischen den gebliebenen Spreebrücken, der Schillingbrücke und der Oberbaumbrücke. Das ist nicht nur unattraktiv fürs Stadtbild und unfunktional für die Spreebezirke Friedrichshain und Kreuzberg, sondern natürlich auch unhistorisch, denn es gab sie ja einmal: die alte Brommybrücke, von der heute nur noch eine Pfeilerruine übrig ist und ein Widerlager, auf dem seit 2007 der Kreuzberger Spreebalkon steht.

Pläne für einen Wiederaufbau der Brommybrücke gibt es daher schon seit der Wiedervereinigung. Anfangs vom Senat als Straßenbrücke geplant, ist die Nutzung einer zukünftigen Brücke durch den Bürgerentscheid zu Mediaspree von 2008 verändert worden: nur noch für Fußgänger und Radfahrer soll die Spreeüberquerung eingerichtet werden, also als Steg. (Tagesspiegel)

Blick vom Kreuzberger Spreebalkon: Restpfeiler der Brommybrücke und Wohnsolitär "Living Levels" im alten Todesstreifen (Foto: André Franke)

Blick vom Kreuzberger Spreebalkon: Restpfeiler der Brommybrücke und Wohnsolitär „Living Levels“ im alten Todesstreifen (Foto: André Franke)

Eine Fußgänger- und Radweg-Überquerung (eventuell auch für Busse) favorisierte auch der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ein Jahr zuvor. 2007 war eine Verkehrsstudie durchgeführt worden (stadtentwicklung.berlin.de). Nicht nur ein neue Brommybrücke war im Gespräch, sondern auch eine neue Spreebrücke aus der Kreuzberger Manteuffelstraße heraus. Im Vergleich mit den anderen Brücken unserer bisherigen Tour fällt am Beispiel der Brommybrücke als Überquerung der breiten Oberspree die besondere stadtbildprägende Bedeutung eines möglichen Brückenneubaus auf. Hier ginge es nicht nur um die Funktion. Hier geht es vor allem um Perspektive und Bild. Und um Bewegung: Die Fahrgastschiffe mit den aufblickenden Touristenköpfen unten, und die Berliner – womöglich etwas herabblickend – die Brücke querend oben. Eine neue Brommybrücke sollte deshalb auch überdurchschnittlich transparent sein, finde ich.

Der Entwurf von André Hieronimus von der Beuth-Hochschule in Berlin ist das. Auf zwei gegenläufigen Bahnen überqueren Fußgänger und Radfahrer die Brücke getrennt. Wobei hier eigentlich die Idee war, einen Weg für Langsame und einen Weg für Schnelle zur Verfügung zu stellen. Der Entwurf gewann den zweiten Preis beim Förderpreis des Deutschen Stahlbaus 2012 (bauforumstahl.de).

Waisenbrücke

Zu dieser Brücke mehr in einem der nächsten Blogposts …

Wie treffend ist der Name der Waisenbrücke, wenn man in Betracht zieht, für welches Schicksal sie steht. Kriegszerstört, bis heute nicht wieder aufgebaut und zurückgeblieben nur ein Brückenkopf, von dem die auf Bänken sitzenden Leute glauben, es handele sich um eine Spreeterrasse. Verwaist also, baulich und funktional. Und dieses Schicksal teilen mit der alten Waisenbrücke noch andere, zum Beispiel die Brommybrücke, die den mystischen Rest eines Brückenpfeilers hinterließ, auf dem heute Bäumchen wachsen und Vögel leben.

Fels in der Brandung: Reste des Brückenpfeilers der Brommybrücke in der Spree. Sie soll wieder aufgebaut werden (Foto: André Franke)

Fels in der Brandung: Reste des Brückenpfeilers der Brommybrücke in der Spree. Sie soll wieder aufgebaut werden (Foto: André Franke)

Dass vom 8. bis 17. Juli das Stadtmuseum zusammen mit dem Verein Berliner Künstler die Sommerakademie veranstaltet und sich dem Neubau der Waisenbrücke zwischen Märkischem Museum und Littenstraße im alten Berlin widmet, nehme ich als guten Anlass, eine öffentliche Tour anzubieten, auf der wir uns kürzlich gebaute und noch geplante Brückenprojekte Berlins ansehen. Die Waisenbrücke wird dabei den ehrenhaften Schlusspunkt setzen. Denn hier, am Märkischen Ufer, in der Nähe des Historischen Hafens, werden am 16. Juli um 17 Uhr Schüler des Gymnasiums Tiergarten zusammen mit Künstlern ihre Visionen von einer neuen Waisenbrücke vorstellen.

Zuvor fahren wir mit dem Fahrrad zu anderen aktuellen Neubrücken Berlins und beleuchten deren Geschichte und Bedeutung. Es müssen natürlich insgesamt sieben sein! Schon seit Tagen trage ich den Ohrwurm „Über sieben Brücken musst du geh´n“ mit mir rum. Der Karat-Song wird also Programm sein. Auch werden nicht nur stattliche Spreebrücken dabei sein. Manchmal reicht schon ein kleiner „Link“ für Radfahrer und Fußgänger, um die Stadt besser zu machen. Viele davon überbrücken Kanäle, Straßen, Eisenbahnen.

Infos zur Tour:

TOUR „Sieben Brücken“Mitbringen: Fahrrad (falls keins vorhanden, bei mir melden!). Treffpunkt / Startzeit: Potsdamer Platz, Historische Ampel / 13 Uhr. Dauer: ca. 3-4 Stunden. Ende: Märkisches Ufer, Märkisches Museum / 17 Uhr. Kosten: 10 / ermäßigt 5 Euro. Anmeldung: info@futurberlin.de oder Tel. 0163 / 372 6024. Guide: André Franke (Kontakt)

Dieter Janik ist wieder sicher im Hafen. Der Pianist hat in seinem Leben schon einige rollende Wellen erlebt. Überlebt. Am 2. Januar 1986 hatte er das Glück, nicht zu kentern. Die „Arkona“ war im Golf von Biskaya in einen Sturm geraten. Mit ihm, seiner Band und vielen anderen Seelen. Die Stabilisatoren des Schiffs waren ausgefallen. Die „Arkona“ legte sich zu 37 Grad zur Seite, sagt Janik. Sein Klavier lag kopfüber. Doch es gab einen Tag danach.

Im "Kulturklub.berlin": Pianist Dieter Janik spielt mit all seiner Atlantikerfahrung als reisender Musiker endlich im sicheren Hafen (Foto: Pollok PIctures)

Im „Kulturklub.berlin“: Pianist Dieter Janik spielt mit all seiner Atlantikerfahrung als reisender Musiker endlich im sicheren Hafen (Foto: Pollok PIctures)

Das erzählt mir der Pianist an einem Abend letzte Woche im historischen Hafen. Er scheint, das Wasser nicht ganz und gar hinter sich lassen zu können. Denn Dieter Janik spielt im Bauche eines Saalemaßkahns, der hier im Hafen liegt, hier in Berlin auf der Spree. An den Atlantik fühlt er sich bestimmt selten erinnert. Und an den Beinahe-Crash … aber wer weiß?

Nur durch Zufall bin ich in den Kahn gefallen, aufs weiche Sofa direkt vor Janiks E-Piano. Oben an Deck war das Bier ausgegangen. Hier unten im Boot gibt´s den „Kulturklub.berlin“, freitags mit Jazz. Die Menge der Gäste konnte man neulich zwar an anderthalb Händen abzählen, aber das hat ja die schöne Stimmung gemacht. Dieter Janik hatte auch seine Frau mitgebracht.

Am nächsten Mittwoch werden es sicher mehr Besucher werden. Dann gibt es den mittlerweile 45. Lichtbilderabend von Benedikt Goebel, der ab 18:30 Uhr Dias zum historischen Rolandufer, der Waisenstraße und der Gegend an der Stralauer Brücke zeigt – eine Ausnahme und deshalb sehr empfehlenswert. Hereinspaziert, der Kahn trägt bis zu 99 Leute.

Da ist sie also gekippt, die Wippe. Die Wippe, die der Deutschen Einheit ein Denkmal setzen sollte. Gekippt vom historischen Sockel in die Spree, und dann weiter flussabwärts Richtung Havel. Und wurde nicht mehr gesehen. Diesmal war es der Bundestag, der die Planung und den Bau des Freiheits- und Einheitsdenkmal stoppte, dass auf dem Sockel des ehemaligen Nationaldenkmals vor dem im Bau befindlichen Humboldtforum errichtet werden sollte. Es solle eine erneute Baukatastrophe mit steigenden Kosten und unvorhergesehenen bautechnischen Problemen vermieden werden. Was für eine Blamage für das Bauvermögen einer wohlhabenden Nation. Der leere Sockel wird ein Denkmal für das Bau-Unvermögen der geeinten Republik.

Die "Schlossfreiheit" vor dem neuen Schloss bleibt frei, ohne das Freiheits- und Einheitsdenkmal, das auch als "Wippe" die Runde machte (Foto: André Franke)

Die „Schlossfreiheit“ vor dem neuen Schloss bleibt frei, ohne das Freiheits- und Einheitsdenkmal, das auch als „Wippe“ die Runde machte (Foto: André Franke)

Zur Erinnerung: nicht ein, sondern gleich zwei Wettbewerbe wurden für das Einheitsdenkmal ausgelobt. Allein die Verwerfung des ersten, Anfang 2009 ausgelobten offenen Wettbewerbes, bei dem es etliche gelungene Entwürfe gab, war ein Affront gegen die Teilnehmer. Die nun beschlossene Nicht-Realisierung des Einheitsdenkmals nach einem zweiten Wettbewerb ist eine unglaubliche Geringschätzung der kreativen Kräfte in dieser Republik und darüber hinaus, die international ihresgleichen sucht. Wenn ein über acht Jahre andauernder Entwicklungsprozess für ein Bauwerk zu einem historisch, soziologisch und emotional so beladenen Thema wie der Deutschen Einheit so leichtfertig in den Wind geschrieben wird, so muss dies als Indiz dafür gelten, dass diese Republik jegliche Vision zur eigenen Repräsentation verloren hat – und dies spiegelt sich leider an vielen Orten der deutschen Hauptstadt wieder.

Die Absage des Einheitsdenkmals ist auch eine Bankrotterklärung des Bundes, der sich – aufgeschreckt von einem vergeigten Flughafen, einer pekuniär in der Elbe versenkten Philharmonie und mehreren, den Kosten- und Zeitrahmen sprengenden Kultur- und Verwaltungsgebäuden in Berlin – noch nicht einmal die Realisierung einer Wippe, ein absolut überschaubares Bauprojekt, als Denkmal für die Deutsche Einheit zutraut.

Eventing kann ein Drahtseilakt sein. 12:15 Uhr trafen sich die Volksentscheid-Radler, um die gesammelten Unterschriften mit Lastenrädern zur Senatsverwaltung für Inneres zu bringen, 12:30 Uhr fand die Einweihung des Moses-Mendelssohn-Denkmals von Micha Ullmann an der Spandauer Straße statt. Meine zündende Idee, zuerst zum Volksentscheid-Treff und dann mit der Kolonne zu fahren und an der Liebknecht-Straße /Ecke Spandauer abzuspringen und rein ins historisch-kulturell-philosophische, ging nicht auf. Die Volksentscheidler tranken Bier und ließen sich Zeit mit dem Start.

Fassade des Hauses von Moses Mendelssohn, schematisch auf der Broschüre der Mendelssohn-Gesellschaft e.V. (Foto: André Franke)

Fassade des Hauses von Moses Mendelssohn, schematisch auf der Broschüre der Mendelssohn-Gesellschaft e.V. (Foto: André Franke)

So wurde es am Dienstag Mittag doch erstmal Mendelssohn. Nach acht Jahren Planungszeit hat Ullmann ihm ein Denkmal gesetzt. An der Stelle, wo er einst wohnte: in der Spandauer Straße Nr. … Die Hausnummer ist irrelevant, denn in der Spandauer Straße zwischen Liebknecht- und Rathausstraße stehen längst keine Häuser mehr. Mendelssohn wohnte heute in den Büschen des Rathausforums, am Rande eines gepflasterten Weges, der vom Neptunbrunnen zu „Nordsee“ rüberführt.  Weil man am Rathausforum nach politischer Anerkennung der „Bürgerleitlinien“ aus der Stadtdebatte um die Berliner Mitte aber noch weit davon entfernt ist, das Riesengelände wiederzubebauen, braucht es die Kreativität eines echten Künstlers, die Dimension des Verlustes auszudrücken – auch des städtebaulichen.

Genial und nur bei Regen: gespiegelte Umwelt des Denkmals (Foto: André Franke)

Genial und nur bei Regen: gespiegelte Umwelt des Denkmals (Foto: André Franke)

So hat Micha Ullmann die Fassade des verlorenen Hauses in die Horizontale gekippt: eine Tür, zwölf Fenster, und man spaziert jetzt drüber. Manche merken´s gar nicht. Moses M., der zum Dreiergestirn der Berliner Aufklärung zählt, sorgt also sogar nach über 200 Jahren noch für eine gewisse Aufklärung über die harte Realität des Berliner Grund und Bodens. Kulturstaatssekretär Tim Renner sagte bei seiner Eröffnungsrede (noch trocken), bei Regen würde der Effekt eintreten, dass die Fenster, weil nass, die Umwelt des Denkmals spiegeln, so wie es der Künstler beabsichtigt habe. – Es regnete dann tatsächlich. Und ich sah die vertikal gespiegelte Marienkirche in Mendelssohns Fenster.

Das mein´ich mit "Kindervorderlader". Sie war begeistert. (Foto: André Franke)

Das mein´ich mit „Kindervorderlader“. Sie war begeistert (Foto: André Franke)

Ja, wir müssen die Stadt auf den Kopf stellen, um zu erkennen, was sie kann. Die Fahrradvolksentscheidler taten das am Dienstag auf ihre Weise, indem sie fünfmal mehr Unterschriften einreichten als für die erste Hürde auf dem Weg zum Volksentscheid notwendig waren. Sie fuhren die Aktenordner direkt an der Denkmalseinweihung vorbei!! Wohl nahmen weder sie Kenntnis von der Mendelssohn-Gesellschaft, noch die Mendelssohn-Gesellschaft von der anrollenden Fahrradstadt. Aber die beiden für die Stadtentwicklung in Berlin sehr prägnanten Events gingen doch auf diese irgendwie schöne Weise Hand in Hand. Ich hab´s gesehen. Und mir gleich ein neues Fahrrad gekauft – plus Kindervorderlader. Endlich.

Fanmeile maximal: Näher kommt man der Bühne nicht. Und näher kam man der Mauer nicht. Drei Wochen lang geht das ganz entspannt. An spielfreien Tagen (Foto: André Franke)

Fanmeile maximal: Näher kommt man der Bühne nicht. Und näher kam man der Mauer nicht. Drei Wochen lang geht das ganz entspannt. An spielfreien Tagen (Foto: André Franke)

Nachdem ich im letzten Post schrieb, die Fanmeile sei dicht, auch an spielfreien Tagen, weil ein „Zaungast“, so nenne ich den Kontrollpostenmensch von neulich mal, mir auf Nachfrage versicherte, man wolle den Veranstaltungsbereich der Meile hundertprozentig schützen, rund um die Uhr, stelle ich fest: Er hat die Unwahrheit erzählt, und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat recht mit der Ankündigung, die Meile sei für Fußgänger und Radfahrer zu spielfreien Zeiten passierbar. Das heißt: Die Meile ist frei! Und das heißt auch: Die Begegnungszone auf der Straße des 17. Juni ist perfekt – geht sie doch tatsächlich von der Siegessäule bis zum Brandenburger Tor. Und was ist das für ein Riesengeschenk, mitten auf der Kreuzung an der doppelten Kopfsteinpflasterreihe zu stehen und hier Zeit zu verbringen … dort zu stehen, wo Reagan stand. Das ist ein Ausnahmezustand am Tor! Noch dreieinhalb Wochen. Und ich werde ihn einbauen in meine Touren, vorausgesetzt es geht ums Tor, um die Mauer oder die Festivalisierung der Stadt.

Familiengang zum Brandenburger Tor: Die Fanmeile ist frei zugänglich für Fußgänger und Radfahrer bis 12. Juli - zur spielfreien Zeit (Foto: André Franke)

Familiengang zum Brandenburger Tor: Die Fanmeile ist frei zugänglich für Fußgänger und Radfahrer bis 12. Juli – zur spielfreien Zeit (Foto: André Franke)

Begegnen wir uns!