Wie die Bramstedter Landfrauen mich in die Bethlehemkirche brachten

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26. Juni 2012

— Kurzgeschichte — Wenn Gäste Wünsche äußern, sollte man auf der Hut sein. Sie können einen in die Bredouille bringen, das ganze Schiff zum Kentern bringen, sagt man zu allen Ja und Amen. Manchmal aber blasen sie damit genau das frische Lüftchen an, das die kleine Reise so richtig rund macht und den Seemann glücklich.

Als meine lieben Landfrauen aus Bramstedt kurz vor dem Ende der Tour vehement nach einer Kirche verlangten, die sie auch von innen zu sehen wünschten, war ich drauf und dran, mit ihnen zur Hedwigskathedrale zurückzuradeln. Sowas ist unschön. Doppelt hält da nicht besser, sondern macht schlapp. Ganz verwehren konnte ich ihnen den Wunsch aber nicht. Also, was tun? In einer dreiviertel Stunde, abends halb Sieben, wollten wir am Hotel in der Anhalter Straße sein. Jetzt standen wir nach Kaffee und Kuchen auf dem Gendarmenmarkt. Alle Kirchen lagen nach drei Stunden Radtour schon hinter uns, und hinzu kam, dass der Reisebusfahrer der Landfrauen, Lutz L., der an diesem Samstag seit 5 Uhr früh mit insgesamt und ausschließlich 48 Damen unterwegs gewesen war, uns drei Guides telefonisch in die Lindenstraße vors Jüdische Museum bestellte. Ein zufriedener Mann. Es lagen noch zu viele Handtaschen auf den Sitzen im Bus. Die Landfrauen würden sie brauchen, in der Stadt. Und Landfrau ist ein Beruf.

Sie hätten die Kirche nicht gefordert, wären sie auf dem Weg in die Französische Friedrichstadtkirche nicht auf verschlossene Türen gestoßen. Ausgerechnet heute, da hatten sie einfach Pech gehabt. Zuvor waren sie schon in den Deutschen Dom gegangen und hatten drinnen einen Altar erwartet. Den Hinweis auf die Ausstellung hatte ich mir heute geschenkt. Ausgerechnet heute. Die Rede ist von zwei der Landfrauen, die sich in der Kaffeepause ein bisschen die Füße vertraten. Die Beiden waren es dann auch gewesen, die den seltenen Wunsch äußerten, als ich die Räder aufschloss. Soviel Gottessuche muss belohnt werden, dachte ich. Und dann kam das leise Lüftchen, die anfliegende Idee: auf einen “halben” Kirchgang in die Mauerstraße.

Wer hier Kirchen sucht, sucht womöglich vergeblich, liegt aber gar nicht so falsch. Wir standen mit den Rädern zwischen den Bänken der Dreifaltigkeitskirche, aber meine Landfrauen zeigten auf das Museum für Kommunikation, als ich sie fragte, wo hier die Kirche sei. Die Überraschung war gelungen. Für den Kirchenraum, der sich aus dem rot-schwarz gepflasterten Grundriss erhebt, bräuchte man schon Phantasie, sagte ich. Und so ist es ja auch. Wer kennt den Ort schon? Allerdings, wer hatte ihn schon alles betreten? Vor 181 Jahren stand hier der kleine Otto, der Deutschlands größter Kanzler werden sollte und wurde konfirmiert. Das beflügelt die Phantasie, auch die Phantasie Bramstedter Landfrauen. “Kirche von unten”, mal ganz anders.

So, dann käme jetzt noch der Handtaschenpflichtstopp und das wärs, dachte ich. Zur Lindenstraße, na klar, einfach die Mauerstraße runterbrettern, Checkpoint Charlie ignorieren, links halten und da. Das war der Moment, als aus dem Lüftchen ein Wind wurde: Wir kämen zwangsläufig auch am Bethlehemkirchplatz vorbei. Gleiches Phänomen, nur ohne Reichskanzler. Nicht halten? Nicht ansprechen? – Das ist die Falle, in die man als Guide ja öfters mal tappt. An diesem Tag hatte ich keine Wahl. Nur, ich wusste es nicht.

Und dann glotzte der Seemann auf das Land, das er nicht erwartet hatte. Das Haus, in dem die Böhmen beteten, es stand wieder da! Wir sahen ein Gerippe aus Stahl, aber für die Landfrauen muss es normaler gewesen sein als für mich selbst. Hier baute ein Künstler die Bethlehemkirche wieder auf. Kein gepflasterter Grundriss mehr nötig, keine Phantasien. Ich hatte die Landfrauen in ihre Kirche geführt und war baff. Das war zwar nicht das Hotel, und die Handtaschen mussten wir auch noch holen. Aber angekommen, nach vier Stunden Fahrradtour, waren wir hier.


Der Künstler, der die Bethlehemkirche als Lichtinstallation wieder aufgebaut hat, heißt Juan Garaizabal und kommt aus Spanien. Die Installation ist vom 27. Juni bis 19. August auf dem Bethlehemkirchplatz, Mauerstraße/Ecke Krausenstraße, zu sehen. Das Museum für Kommunikation präsentiert eine Begleitausstellung. 

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