Politik blind für Altstadt

— Bericht —

„Erst graben, dann planen“, auf diese einfache Formel brachte Historiker und Projektentwickler Willo Göpel die Forderungen des Bürgerforums Historische Mitte, das gestern zum zweiten Mal in der Marienkirche stattfand. In der Vergangenheit wäre das in der Berliner Stadtplanung, so Göpel, genau anders herum gewesen, und diese Praxis dauere bis heute an.

So sollen die Überreste der Gerichtslaube vorm Roten Rathaus erst 2014 ausgegraben werden, während die Planungen für den neuen U-Bahnhof der U55 bereits auf Hochtouren laufen und infolge der Diskussion um eine mögliche Integration der archäologischen Funde zum alten Berliner Rathaus schon modifiziert wurden. BVG und Architekt Oliver Collignon planen eine Galerie in dem Bahnhof, durch eine Fensterwand werden die Gemäuer des alten Rathauses sichtbar gemacht.

Das ist dem Bürgerforum zu wenig. Die Funde wolle das Forum nicht wie im Panzerschrank wegsperren, sondern erlebbar machen, so Göpel. Bürgerforum-Architekt Helmut Maier stellte beispielhaft vor, wie die vier Schiffe des Rathauses mithilfe einer Dachkonstruktion geschützt werden könnten und potenziell begehbar würden. Auch schlug er einen unterirdischen Alternativausgang ins Nikolaiviertel vor, um den in der gegenwärtigen Planung notwendigen Abriss des ausgegrabenen, vierten Gebäudeschiffes zu verhindern. Manfred Kühne von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hält einen Fußgängertunnel unter der Spandauer Straße für zu teuer und zu riskant. Man stieße dabei womöglich sehr schnell auf weitere unterirdische Gebäudereste Alt-Berlins.

Grundsätzlich sei eine Verschwenkung des Bahnhofs nach Norden, also weg von der Ausgrabungsstelle, nicht möglich wegen der Anschlussstelle des bereits vorhandenen Bahntunnels in Höhe der Jüdenstraße. Dies sei der Zwangspunkt in der Planung, erklärte der Projektleiter der BVG, Jörg Seegers. Der Tunnelabschnitt zwischen Alexanderplatz und Jüdenstraße wurde schon in den 20er Jahren gebaut.

Benedikt Goebel, Historiker und Bürgerforum-Mitglied, verwies darauf, dass es nicht darum ginge, die Verkehrsingenieure zu überzeugen, sondern die Politik. Wie Göpel zuvor mitteilte, habe bis dato keine der Berliner Parteien in ihren Wahlprogrammen zur Thematik der Berliner Altstadt Position bezogen. Das Bürgerforum plant im Herbst, 12 Tage vor der Abgeordnetenhauswahl, eine Veranstaltung, zu der baupolitische Sprecher der Parteien eingeladen werden sollen.

Das Bürgerforum fordert neben der sofortigen und vollständigen Ausgrabung des mittelalterlichen Berliner Rathauses, inklusive Gerichtslaube, auch die Anerkennung des Altstadtbereiches als besonderes Planungsgebiet, ein Moratorium aller weiteren Planungen, eine Grabungskampagne und Bauforschung als zukünftige Planungsgrundlage, ein Informationszentrum Berliner Stadtkern im Sinne einer ständigen öffentlichen Ausstellung und eine weitere Änderung der Bahnhofsplanung am Roten Rathaus. Die zusätzlichen Kosten infolge der bisherigen Umplanung belaufen sich nach Angaben von BVG-Projektleiter Seegers auf eine halbe Million Euro.

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3 Kommentare
  1. Wulf Beil sagte:

    Das Echo in den Medien widerspiegelt eindrucksvoll das gewachsene Interesse der Öffentlichkeit am Schicksal der mittelalterlichen Architekturreste, die bei den Ausgrabungen in der Rathausstraße zu Tage getreten sind. Ich selber stimme den Forderungen des vor wenigen Monaten gegründeten Bürgerforums Historische Mitte voll und ganz zu, die Reste des alten gotischen Rathauses voll-ständig zu bewahren und die zugehörigen Fundamente der Gerichtslaube nicht erst 2014 son-
    dern jetzt auszugraben.
    Außerdem wäre es sinnvoll, das älteste profane Gebäude des historischen Berlin, das sich einst auf diesen Fundamenten befand, nämlich die im Wesentlich noch original erhaltene Gerichtslaube, die seit rund 140 Jahren ein Schattendasein im Babelsberger Schloßpark fristet, endlich in die Rathausstaße zurückzuholen: an die Nordwestecke des Roten Rathauses.
    Welches Gebäude der Stadt steht so klar und unmissverständlich für den Ursprung Berlins und das Selbstbewusstsein seiner Bürger? Die Gerichtslaube würde auch den idealen Zugang zu den Resten der „Tuchhalle“ des alten Rathauses darstellen und sich als bestens geeigneter Ort für museale Zwecke und Ausstellungen eignen.
    Für sehr wesentlich halte ich im Übrigen die Forderung des Bürgerforums, daß man erst graben dann planen solle. So kann man verhindern, daß sich aus Planungszwängen Abrisszwänge ergeben. (28.5.2011)

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    • André Franke sagte:

      Sind die Potsdamer denn überhaupt willens, die Gerichtslaube wieder herzugeben, frage ich mich? Nach über 100 Jahren hat der Bau sicher Wurzeln in Babelsberg geschlagen.

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  1. […] Altstadt des Mittelalters zur Großstadt der Neuzeit ist das Rote Rathaus, in den Jahren 1860-67 am Ort der Gerichtslaube aus dem 13. Jahrhundert errichtet. (Die Gerichtslaube ziert heute als historisches Denkmal den Park […]

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