NKZ? – „Die Frage ist mir zu groß“

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12. November 2012

Junge Architekten machen sich Gedanken, ob das NKZ in Kreuzberg “failed architecture” ist. Zum Glück laden sie zur Präsentation der Ergebnisse den Hausarchitekten Johann Uhl ein – und nicht Hans Stimmann.

— Bericht — Im DAZ sitzt man hart. Das Deutsche Architektur Zentrum in der Köpenicker Straße lässt seine Besucher nicht gern müde werden. Die Hocker aus Holz haben keine Lehne, aber verrücken kann man sie dafür, wohin man will. Hart sind sie, ganz anders als die jungen Architekten, die heute Abend die Ergebnisse ihres Workshops präsentieren. Sie könnten hart ins Gericht gehen mit dem NKZ; am Neuen Kreuzberger Zentrum könnte man kein Haar lassen, wenn man wollte. Aber sie tun es nicht. Was sie vortragen, klingt eher nach einer Erfolgsgeschichte.

Es ist der Abschluss von “Failed Architecture”, einer Workshop-Reihe, die quer durch Europa tourt und jetzt in Berlin Station gemacht hat. Fünf Tage lang haben 25 internationale Studenten und Architekten sich mit dem Neuen Kreuzberger Zentrum am Kottbusser Tor beschäftigt. Michiel van Iersel, der “Failed Architecture” 2010 in den Niederlanden gründete, führt durch den Freitagabend und spricht gleich zu Beginn das Brisante an: Sie wüssten nicht, ob sie hinter den Titel ein Fragezeichen oder ein Ausrufungszeichen setzen sollten.

Das NKZ als verfehlte Architektur abzustempeln, würden viele tun, ohne mit der Wimper zu zucken; so Ex-Senatsbaudirektor Hans Stimmann, der 1998 im Tagesspiegel sagte, man müsse den Mut haben, Gebäude wie das NKZ oder auch den “Sozialpalast” in Schöneberg zu sprengen. Im Publikum sitzt aber auch der Architekt des Hauses, Johannes Uhl, der Forderungen dieser Art heute Abend freundlicherweise nicht zu hören kriegt.

Er blickt auf eine breite, weiße Wand, an der hunderte bunt beschrifteter Bilder, Zettel und Karten hängen. Ein Teilnehmer des Workshops erläutert von links nach rechts gehend, wie sich das NKZ von 1970 bis heute entwickelt hat – als Baukörper auf Layer eins des Zeitstrahls. Nach ihm wiederholt eine Teilnehmerin das mit dem Fokus auf der Community, ihre Notizen hängen eine Ebene drunter, auf Layer zwei. Auf Layer drei hängt die ökonomische Entwicklung; Layer vier spiegelt die Wahrnehmung des NKZ in der Öffentlichkeit; Layer fünf, in Kniehöhe, die Ebene der Politik. Einen chaotisch wirkenden, detailreichen Blätterwald haben die Architekten hier an die Wand gepflanzt, der Lust auf das NKZ macht, der aber auch überwältigen kann. Johannes Uhl, auf die Frage, ob er etwas auf die Ergebnisse der Arbeit erwidern könne, sagt offen und ehrlich: “Die Frage ist mir zu groß.”

Später erzählt er, dass ihm eine ganze Menge Gedanken durch den Kopf gingen. Vor allem der, dass sein Hochhaus nicht fertiggebaut worden sei. Dass es sogar absichtlich in dem unfertigen Zustand belassen worden sei, um mit dem Erhalt der benachbarten Mietskasernen unter dem Slogan der “Behutsamen Stadterneuerung” in Kreuzberg Politik zu machen. Architektur verfehlt – also doch?

Achmed sieht das anders. Er kennt das Gebäude von innen, denn er wohnt in ihm. Der Student ist zufrieden, kann die Miete zahlen und kritisiert die Medien, weil sie über das NKZ und den “Kotti” einseitig berichten würden, zum Beispiel über die Drogenszene. Achmed nutzt die Chance und steht während er spricht. Dann setzt er sich auf den harten Hocker zurück, und die Diskussion geht weiter.

Jemand anders steht auf, kann nicht mehr sitzen? Und macht klar, dass der “Kotti” kein Ghetto ist. Es ist Peter Ackermann, Vorsitzender des Verwaltungsrats des NKZ. Gegen Ende der Veranstaltung will er unbedingt wissen: “Ist das NKZ failed architecture?” Im Gegensatz zu Michiel van Iersel hat er hinter den Titel ein eindeutiges Fragezeichen gesetzt. Und er fragt das ganze Publikum, mehrmals, dreht sich im Kreis. Nein, geben die meisten per Handzeichen zu erkennen. – Also doch nicht verfehlt. Aber gelungen? Das müsste man mal Hans Stimmann fragen.

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