Halsbrecherisch: Verspielte Landschaftsarchitektur provoziert Trampelpfade in Park am Gleisdreieck

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22. September 2015
Trampelpfad im Park am Gleisdreieck

Dieser Weg wird kein leichter sein. Dieser Trampelpfad im Park am Gleisdreieck ist fast schon eine Treppe. (Foto: André Franke, September 2015)

Darf das denn sein? Dass sich die Leute hier nicht die Füße brechen, grenzt an ein Wunder. Wurzeln ragen aus dem Boden, freigespült vom Regen. Unterirdische Plastikrohre streben gen Tageslicht wie Spargel, lassen das Ganze bizarr aussehen. Als wäre man hier auf der Baustelle! Doch es ist der preisgekrönte Park am Gleisdreieck, zumindest sind dessen Gestalter, die Landschaftsarchitekten von LOIDL mit einem Preis gekrönt worden, letzten Freitag: mit dem Landschaftsarchitekturpreis 2015. Zurecht? Muss man da fragen. Die Planer haben sich da nämlich eine Spielerei erlaubt. Einen Weg geschaffen, den niemand braucht. Er führt aus der verlängerten Lützowstraße in den Park, mündet aber in einen anderen Weg, hat also kein direktes Ziel. Dabei schreit das Wegeziel für die Parkquerer (gemeint ist übrigens der Westpark) ja zum Himmel: Die Menschen wollen zur U-Bahn. Sie wollen zum Bahnhof Gleisdreieck und latschen direkt über die Wiese! Der Großstädter hat keine Zeit für Spielchen. Bitte nachbessern! Am besten nach dem Vorbild Spreebogenpark. Dort nimmt das Grünflächenamt Mitte jetzt die Volksvorschläge (geäußert in Form von Trampelpfaden) auf und macht daraus einen befestigten (Park-)Weg. Herzlichen Glückwunsch an LOIDL, trotzdem! Denn was die Parkarchitekten dort mit Elementen wie der „Gleiswildnis“ und den grauen, großen Wackersteinen (ich denke dabei immer an den bösen Wolf, wenn ich vorbeifahre) erschaffen haben, ist vor der Historie, die der Ort hat, poetisch und macht mich glücklich (siehe auch: „Joseph Roth im Hochgras“, ein Beitrag, den ich für Berlin vis à vis geschrieben habe).

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4 Kommentare zu Halsbrecherisch: Verspielte Landschaftsarchitektur provoziert Trampelpfade in Park am Gleisdreieck

  1. Gunter Bauer on 1. Oktober 2015 at 5:46 PM

    Bei diesem „Park“ (ich bin da eher altmodisch und erkenne eher eine große Spiel- uns Sportwiese mit Wegen drum rum, und nutze daher meist den kleinen, verträumten Nelly-Sachs-Park nebenan) stellt sich mir als Hundebesitzer vor allem die Frage, was man als ordentlicher Hundesteuerzahler verbrochen hat, dass die 4-beinigen Freunde in einen vergrößerten Zwinger direkt neben der ICE-Trasse zum artgerechten Freilauf eingezwercht werden. Der übrigens so klein ist im Verhältnis zum Park, dass er bald zur Sandwüste verkommen dürfte, da hilft die karge Grasnarbe und lieblose Garnitur aus 3 Bäumchen auch nichts.

    Als gelegentlicher Parknutzer frage ich mich vielmehr, was man mit der stets neu eingezäunten sog. „Wildnis“ zwischen Schrebergärten und Beachvolleyball-Feldern vorhat. Als sackgassenartiger Flaschenhals wäre es, gerade in seinem naturbelassen, eher derben Zustand aus alten Gleisbetten und Wiesen, ein idealer Tummelplatz für verspielte Fellnasen. Die würden dort keinen arglosen Parkbesucher stören, da kein Weg kreuzt und das Gelände durch die tief eingeschnittene Yorckstraße begrenzt ist. Aber da fehlte es wohl auch den preisgekrönten Parkgestaltern und mitspracheberechtigten Bürgern und Stadträten an Fantasie. Stattdessen kann man sich als Hundeliebhaber hinter Gittern neben laut vorbeirasenden Zügen verlustieren, auf halbem Weg zu einem lieblos gestalteten Baumarkt nebst Brache. Gelebtes Gemeinwohl mit Mitsprache für Minderheiten (und das sind Hundebesitzer zwangsläufig immer) sieht anders aus.

  2. André Franke on 22. September 2015 at 5:20 PM

    Hallo Frank Schumacher,
    sicher ist der „Pfad ohne Nutzen“ nur ein Detail. Der Park am Gleisdreieck findet ja auch im Grunde meine 98-prozentige Unterstützung. Es ist eben so, dass ich es einfach nicht verstehe, wie eine solche Wegeverbindung geboren wird. (Das Foto meines Beitrags zeigt übrigens nicht diese gemeinte Wegeverbindung). Ganz und gar nicht sollen LOIDL den Preis zurückgeben! Aber schauen Sie doch in den hier gemachten Kommentar von Sascha Möllering: In Holland lässt man die Parkbesucher tatsächlich selber gestalten. Das ist das, was ich mit „Volksvorschläge“ meine. Andere Assoziationen habe ich bezüglich dieses Wortes nicht.

  3. Sascha Möllering on 22. September 2015 at 2:34 PM

    In den Niederlanden ist es mittlerweile recht weit verbreitet bei neuen Parks erst einmal gar keine Wege anzulegen und nach einem Jahr die entstandenen Trampelpfade baulich zu verstetigen. Scheint mir irgendwie das sinnvollere Vorgehen; wenn man sich die Berliner Parks anschaut gibt es überall solche wilden Wege die intensiv genutzt werden, weil die Leute sich ohnehin einen eigenen Pfad suchen.

  4. frank schumacher on 22. September 2015 at 11:54 AM

    ach, herr franke, was ist das für ein gejammer…

    sie wissen schon, dass der park zu recht preisgekrönt ist.
    das wegen eines, gemessen an der größe des gesamten projektes, kleinen fehlers in frage zu stellen, nun ja, das ist schon sehr michelhaft deutsch.
    warum muss immer alles ‚quadratisch, praktisch, gut‘ sein? warum muss das verspielte aus unser aller leben verschwinden?
    ‚Der Großstädter hat keine Zeit für Spielchen.‘? dieser park ist auch dafür da uns diese zeit wiederzugeben.

    und wenn ich so was lese wie ‚volksvorschläge‘ wird mir ganz anders.

    klar, es gibt immer was zu verbessern, aber kritisieren kann man auch konstruktiv, nicht wahr?.

    in diesem sinne,

    einen schönen, verspielten tag noch… 🙂

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