Geländergymnastik gegenüber vom Welterbe

Von
3. September 2017

Wanderer, kommst du an diese Kreuzung, dann frage nicht, worin hier der Sinn besteht … Mit den Worten müsste man Schilder an die Ebertbrücke (nahe Museumsinsel) stellen, um Touristen den Lebensmut zurückzugeben. Es würde auch mir selber helfen, nicht auszurasten, wenn ich hier mal als Fußgänger unterwegs bin. Doch die Szene mit den zwangsbeglückenden Stahlrohrgeländern ist letzten Endes ein echter Lacher.

Steigt einer übern Zaun zur Museumsinsel (Foto: André Franke)

Steigt einer übern Zaun zur Museumsinsel (Foto: André Franke)

Kreuzungsalltag an der Museumsinsel

Da kommt eine Gruppe von Leuten aus der Tucholskystraße rüber und erblickt linker Hand die Museumsinsel. Sie geht ungläubig nach rechts in die Straße Am Weidendamm, vom Geländer geführt (entführt!) bis an eine Stelle, wo das Geländer nach zwanzig Metern zwar aufhört, aber alle die Insel schon vergessen haben. So laufen sie halt zur Friedrichstraße. Auch schön, denken sie sich wohl, hier an der Spree lang.

Dann kommt einer, der das Gelände kennt. Und das Geländer. Er sieht aus, als lebte er auf der Straße. Und viele, die das tun, laufen ja stundenlang durch die Stadt. Er kommt ebenfalls von der Tucholskystraße über die Ebertbrücke, möchte aber, geradeaus in die Geschwister-Scholl-Straße. Überlegt nicht lange, guckt nicht nach rechts oder links. Der Mann steigt mit dem Bein durchs Geländer und schwingt in Kniehöhe den Oberkörper geübt hinterher. Jetzt steht er mitten auf der Kreuzung! Muss, um auf den gegenüberliegenden Bürgersteig zu gelangen, durch ein weiteres Geländer durch. Oder drüber. Das machen auch manche, wie der, den ich fotografiert habe (siehe Bild oben).

Einen Hubschrauber möchte ich holen für diese beiden: Ein älteres Pärchen will vom Kupfergraben kommend einfach geradeaus, am Ufer der Spree. Einfach über die Straße. Sie stehen da, stehen da, stehen da immer noch. Dann entscheiden auch sie sich für den Durchbruch. Er scheitert. Das Geländer zwingt sie über die Brücke zu gehen.

Geländerlauf und Stolperfallen

Es gibt jetzt Hoffnung, dass die Epoche der geregelten Entgleisung an der Ebertbrücke zu Ende geht. Die Verkehrsverwaltung hat Baumittel zugesagt, die der Umgebung der Museumsinsel zugute kommen sollen. Vor allem Fußgängern soll der Zugang zum Weltkulturerbe geglättet werden. Es werden Straßen saniert, die es bitter nötig haben, wie die Kopfsteinpflasterstraße Am Kupfergraben. — Das kommt nämlich zum Geländerlauf noch dazu: Dass, wer die Stahlrohre überwunden hat, sich gefasst machen muss, über die herausgewachsenden Pflastersteine zu stolpern.

Ein Pflaster, das sich gewaschen hat. Drüberradeln geht hier echt in die Knochen (Foto: André Franke)

Ein Pflaster, das sich gewaschen hat. Drüberradeln geht hier echt in die Knochen (Foto: André Franke)

Wenn aber die Straße neugemacht und die Geländer beseitigt werden (ich hoffe, das ist ein kombinierter Akt), dann müsste doch im gleichen Atemzug auch die ganze Ebertbrücke zur Debatte stehen. Nach der Wende wurde sie gebaut, um die baufällige Weidendammer Brücke zu ersetzen, vorübergehend … Und jetzt liegt sie, das Permanent-Provisorium, an einem „Chipperfield“. Nicht nur das. Der ganze Straßenzug Tucholskystraße/Geschwister-Scholl-Straße ist eine kleine Architekturmeile geworden, wenn man sich das mal genauer ansieht. Ein Grund mehr, die Menschen hier nicht um die Ecke zu bringen, wenn sie geradeaus gehen wollen.


Mehr zur neuen Berliner Baumittelliste: tagesspiegel.de

Schlagworte: , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.