Ein Tier namens „Europa“? – Studenten fragen nach dem Sinn der Europacity

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27. Juli 2015
Europacity, Städtebauliches Konzept: traditionelle Blockrandbebauung (Quelle: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, ASTOC Köln)

Europacity, Städtebauliches Konzept: traditionelle Blockrandbebauung (Quelle: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, ASTOC Köln)

Es gibt also eine Gruppe von internationalen Studenten, die sich einen Monat lang mit der Europacity an der Heidestraße auseinandergesetzt hat. Ich hatte sie auf einer Mauertour getroffen als sie am Invalidenfriedhof ein paar Leute befragten. Keiner von den Studenten sprach deutsch. Und genau das macht die Sache interessant. Denn welche Erwartungen produziert ein Projektname wie „Europacity“ in unmittelbarer Nachbarschaft zum Parlaments- und Regierungsviertel Deutschlands bei Slowenen, Rumänen, Venezolanern, Mexikanern, Kanadiern, US-Amerikanern und Neuseeländern? Genau aus diesen Ländern kommen sie nämlich und bringen deshalb genügend Unverkrampftheit mit, um die Berliner mit der exotischen Frage zu konfrontieren:

„WENN EUROPA EIN TIER WÄRE – WELCHES WÄRE DAS?“

Das ist nur eine unter mehreren Fragen aus dem Katalog. Und ich beantworte diesen folgendermaßen, doch zuvor will ich noch auf die zwei Schlussveranstaltungen dieses Workshops hinweisen, die am Donnerstag, den 30. Juli stattfinden:

Open Skies (17 – 20 Uhr)

Interventions in the public space
Ort: Minna-Cauerstrasse / Invalidenstrasse

„Wir laden dich auf eine Reise ein: jenseits des Masterplans durch die Landschaft der entstehenden Europacity. Mit einer Zusammenstellung aus Aktionen und Ansichten machen wir uns gemeinsam ein Bild der zukünftigen Stimmung. Feste Schuhe und Wasser mitbringen.“

Open Plot (20:30 – 22:30 Uhr)

Display, discussion & drinks
Ort: Agora 3rd floor, Mittelweg 50, 12053 Berlin

„Berlin möchte sich als Pionier der “self-made-city” positionieren und beherbergt mehr oder weniger bereitwillig viele Initiativen. Wir möchten diese Beziehung hinterfragen anhand eines von Berlins wichtigsten städtebaulichen Projekten, die Europacity. Der Ort verändert sich stetig, doch gleichzeitig seltsam abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit, und das, obwohl wir uns doch mitten in der Hauptstadt Deutschlands befinden.“

Europacity, Heidestraße

Aussicht auf die „Mondlandschaft“ Heidestraße vom 16. Stock des Total-Towers, Herbst 2012 (Foto: André Franke)

Und das sind die Fragen der Studenten zur Europacity – und meine Antworten darauf:

Nenne 3 Wörter für Berlin!

Mauer, Spree, unberechenbar

Warum lebst du in Berlin?

Weil ich von und für die Stadt lebe. Wenn ich woanders leben wollte, müsste ich mir einen (etwas) anderen Beruf suchen.

Gibt es etwas in deiner Nachbarschaft, das geändert werden sollte?

Ja. Die Ampelschaltung Danziger /Ecke Knaackstraße müsste mal neugetaktet werden. Und vorher unbedingt durchdacht. Da haben Radfahrer beim Überqueren der Danziger Grün, während die Tram bei Rot auf voller Länge die Überfahrt blockiert.

Welcher Platz in Berlin gefällt dir?

Vor allem der Platz der Republik.

Beschreibe deinen liebsten geheimen Platz in Berlin mit einem Satz!

Er lässt sich in der Höhe verstellen und ist leicht nach vorne geneigt.

Was sollte an einem Ort sein, der „Europa-Platz“ heißt?

Die „Europa“ aus der griechischen Mythologie, entführt vom griechischen Stier

Man könnte Bezirke mit verschiedenen Charakteren beschreiben: Mitte – die lange verschollene Freundin des Westens; Friedrichshain – der Ex-Kommunist; Prenzlauer Berg – der voranschreitende Freigeist; Treptow – der nostalgische Revisionist; Kreuzberg – die Künstlernatur, arm aber sexy — Wer wäre die „neue Nachbarin“ Europacity?

Eine Streberin, der die großen Reize fehlen

Was (wenn du es nicht weißt, was glaubst du) war früher in dieser Gegend?

Der Lehrter Güterbahnhof

Zeichne deine „Europa City“ auf dieses Foto!

Beim nächsten Mal dann …

Wenn Europa ein Tier wäre – welches wäre es?

Auf jeden Fall ein Rudeltier. Ein Haufen schwacher Wesen, aber in der Summe stark. Deshalb wäre Europa für mich ein Erdmännchen. Die behaupten sich nämlich sogar gegen Schlangen.


Mehr Fotos aus dem 16. Stock des bereits gebauten Total-Towers gibt es hier zu sehen …

Und auf was für Ideen Studenten andernorts, zum Beispiel am Nollendorfplatz kommen: hier …

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Ein Kommentar zu Ein Tier namens „Europa“? – Studenten fragen nach dem Sinn der Europacity

  1. Pe.Bo. on 29. Juli 2015 at 5:51 PM

    Wenn Europa ein Tier wäre, welches Tier wäre es?

    Das Bild des Erdmännchens ist eine zu schöne und nostalgische Rückbesinnung auf eine Zeit, da „Europa“ noch eine positive, fortschrittliche Erzählung von sich selbst hatte.

    Die hat es nicht mehr. Heute ist Europa eine Inkasso-Agentur, die in einem ihrer Mitgliedsländer schon vor Jahren ein faktisches Besatzungsregime errichtet hat, die jetzt noch einen Treuhandfonds zur Zwangsprivatisierung von öffentlichem Vermögen draufgeschnallt hat, die gerade ein weiteres fast 1000-seitiges Besatzungsstatut durch das dortige Parlament gepeitscht hat. Und das ist nur die Blaupause für einen schleichenden Putsch gegen Demokratie und Rechtsstaat auf dem ganzen Kontinent. #thisisacoup

    Das institutionelle „Europa“ wird nicht mehr durch Hoffnung auf gemeinsame bessere Zukunft zusammengehalten, sondern durch Angst und Schrecken. Ähnlich wie damals der Ostblock nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968.

    Letztes Jahr hieß es in der FAZ mal, Russland sei eine Sau, die ihre eigenen Jungen frisst. Das war natürlich Propaganda. Über die Nachbarn schreibt man sowas nicht.

    Über die eigenen Zustände kann man so schreiben. Deshalb: Wenn Europa ein Tier ist, dann ist es eine Sau, die ihre eigenen Jungen frisst. Man mag auch an das alptraumhafte Bild von Goya denken, den Saturn…

    Tut mir leid, wenn ich als erster Kommentator auf die spielerische Tierbildidee mit so einer düsteren Betrachtung antworte. Scheint mir im aktuellen Kontext aber angemessen.

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