Eine Mitte der Bürgerschaft (4/22)

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4. November 2012
In dieser 22-teiligen Serie beschreibt Florian Mausbach seine persönlichen Vorstellungen für eine Umgestaltung des Rathausforums in Mitte. Die Texte gehen aus einem Vortrag hervor, den der Autor im September 2012 auf einer Veranstaltung zum Thema gehalten hat.

Berlin wird Großstadt – das Rote Rathaus

Unter dem Einfluss der Aufklärung und der französischen Revolution regen sich die Anfänge modernen bürgerlichen Lebens, entwickelt sich aus dem Hofstaat und seinem Umfeld, aus Beamten und Offizieren, Gelehrten und Pädagogen, Wissenschaftlern und Medizinern, Theologen und Philosophen, Musikern und Literaten ein der Welt aufgeschlossenes Bildungsbürgertum. Es wohnt und lebt vorwiegend in den westlichen Stadterweiterungen, in Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt, aber auch in der Altstadt. Mit den Befreiungskriegen, ersten Volksbewegungen und den preußischen Reformen wachsen Selbstbewusstsein und unternehmerischer Spielraum des Bürgertums. Mit der Abschaffung der Leibeigenschaft, mit  Freizügigkeit  und Landflucht bilden sich Arbeits- und Warenmarkt und unternehmerisches Eigentum. Städten und Gemeinden werden unter staatlichem Dach Selbstverwaltung eingeräumt und stadtbürgerliche Freiheiten zurückgegeben. Aus Handwerksbetrieben und Manufakturen entwickeln sich Industriebetriebe und große Unternehmen. Gesellschaft und Wirtschaft wird Dampf gemacht. Bereits 1822 beobachtet der Berliner Student Heinrich Heine, wie mit Dampfmaschinen die Schlossbrücke  errichtet wird. Für das Neue Museum der Museumsinsel liefert Ernst Borsig Dampframmen und Dampfaufzüge. Seine Dampflokomotiven und ein wachsendes Schienennetz reißen die Zollschranken nieder und bereiten von Berlin aus den Weg zur wirtschaftlichen und politischen Einheit Deutschlands. Im Jahre 1848 macht eine Telegrafenleitung von Berlin zur Frankfurter Nationalversammlung ein frisch gegründetes Unternehmen berühmt – Siemens und Halske, das wie auch Emil Rathenaus AEG die spätere Reichshauptstadt zur Elektropolis machen wird.

Sinnbild der Historie von der Altstadt des Mittelalters zur Großstadt der Neuzeit ist das Rote Rathaus, in den Jahren 1860-67 am Ort der Gerichtslaube aus dem 13. Jahrhundert errichtet. (Die Gerichtslaube ziert heute als historisches Denkmal den Park von Babelsberg.) Das neue Rathaus der Großstadt Berlin ist ein mächtiger Bau und mit dem Rathausturm, höher als die Kuppel des Stadtschlosses, weithin sichtbarer Ausdruck eines neu erwachten großstädtischen Bürgersinns.

Der Rathauskubus – drei Mitteltrakte teilen die Vierflügelanlage in drei Höfe – erinnert mit seinen hohen Rundbogenfenstern und dem über dem Eingangsportal emporwachsenden Turm an Renaissance-Palazzi und Rathäuser stolzer italienischer Stadtstaaten. Der rote Backstein gibt dem Rathaus Namen und Tradition. Romantischer Historismus erzählt von märkischer Baukultur und die „Steinerne Chronik“ eines Terrakottareliefs von der Geschichte Berlins und Brandenburgs vom 12. Jahrhundert bis zum Jahr 1871.

Morgen: Teil 5 „Berlin wird Weltstadt – Das Stadthaus“

 

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