Die Stadt gehört den Sesshaften

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3. April 2013

In einem Leserbrief des aktuellen “Spiegel” reagiert Berlins Ex-Senatsbaudirektor Hans Stimmann auf einen Artikel von Georg Diez, der in der vorletzten Woche (Spiegel Nr. 12) gegen Berlins neue Architektur wetterte und die Verantwortung für “fade” Fassaden und den “Lego-Klassizismus” Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit höchstpersönlich in die Schuhe schob. Stimmann entlastet Wowereit und schreibt, die Verantwortung für die “ästhetischen Sünden” ruhe auf vielen Schultern.

In der Tat klingt es märchenhaft, was Georg Diez da vom Stadtoberhaupt erwartet: “Ein Bürgermeister sollte ein Bild von seiner Stadt haben, das er den Bürgern vermittelt, er sollte zeigen, was er will und was er nicht will (…) als wäre das nicht seine Aufgabe, gestalterisch zu wirken.” Ist es auch nicht. Zum Glück nicht. Es ist ja nicht seine Stadt.

Aber wie abwegig der Gedanke von der stadtbildprägenden “Wurstigkeit” Wowereits ist, wird in der Verschiedenartigkeit der angeführten Bauprojekte schnell klar. Eine Aufzählung: Hauptbahnhof, Bahnhofsvorplatz mit Hotelbauten, Trampelpfad am Spreebogen, Kanzleramt, O2-Arena, Zoofenster, East-Side-Gallery, Flughafen, Steglitzer Kreisel, Schloss, Alexa, Rathausforum, Yoo, Kronprinzengärten, Total Tower, Holzmarkt. Diez wirft der Stadt “ästhetischen Opportunismus” vor, scheint seine Beispiele aber selber opportunistisch auszusuchen. Allein der “vom Himmel gefallene” und “unelegante” Hauptbahnhof: Er wäre elegant, wenn sein Ost-West-Dach zu Ende gebaut worden wäre. Das Land Berlin, hat die Deutsche Bahn dafür immerhin verklagt, wenn auch nicht aus ästhetischen Gründen und ohne Erfolg.

Das Yoo und die Kronprinzengärten sind für Georg Diez Anzeichen einer “Russifizierung” von Mitte und einer “fortschreitenden Anästhesierung der Innenstadt”, die Fassaden des Investorenstils “von erschlagender Feigheit”. Er wundert sich, dass in Berlin “nichts Berauschendes” mehr gebaut würde und empfiehlt der Stadt Unter den Linden eine Art “Gegenwartsschock”.

Dass man die Rasterfassaden aus Naturstein mit ihrer Fifty-Fifty-Balance aus Fenster- und Fassadenfläche öde finden kann, ist gar keine Frage. Aber eine bessere wäre die: Ist das wirklich Opportunismus oder ist es gewollt und Programm?

Als es im Jahre 2010 am Center for Metropolitan Studies der TU Berlin bei einem Workshop um die Fortschreibung des Planwerks Innenstadt ging, meldete sich auch Manfred Kühne von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zu Wort. In einem Nebensatz, aber sehr überzeugend, sprach er von sich selbst als einen “Stimmann-Schüler”. Der heutige Leserbriefschreiber hat in der Verwaltung seine Spuren hinterlassen, seinen Geist, obwohl er zum Zeitpunkt des Workshops schon seit vier Jahren kein Senatsbaudirektor mehr war.

Die Stadt gehört den Sesshaften, denjenigen, die bleiben, wenn die Verantwortlich-Wechselnden gehen. Und sie gehört denen, die jene Sesshafte für ihre Ideen entflammen können, wie Stimmann. Aber ein Bürgermeister? In einer Metropole wie Berlin ist er bestimmt zu weit von der Verwaltung entfernt. Das müsste schon ein sehr großer Funke sein, der da überspringen könnte. Die “Wurstigkeit”, die keine ist, scheint also wirklich den falschen Namen zu tragen.

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