Auf eine Kaltschale an der Freiheitswaage

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11. April 2017

Wenn es in Berlin ein Projekt gibt, auf das ich wirklich gespannt bin und das ich hundertmal lieber eingeweiht sehen möchte als den Flughafen eröffnet, dann ist es das Freiheits- und Einheitsdenkmal. Für die „Wippe“ in Mitte würde ich – wenns drauf ankommt – auch beten, und vielleicht ist dieser Zeitpunkt schon nahe. Denn jetzt will auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer die Volksschale kaltstellen, nachdem es der Haushaltsausschuss des Bundestages vergeblich versucht hat. Bekommen wir letztlich vorm Schloss eine „Kaltschale“ serviert?

Freiheits- und Einheitsdenkmal als soziale Skulptur (Entwurf: Milla & Partner)

Freiheits- und Einheitsdenkmal als soziale Skulptur (Entwurf: Milla & Partner)

Bitte nicht gleich „verschaukelt“ fühlen! Die Kaltschale ist nur die letzte Konsequenz eines Kunstwerks, das auf alle Regungen eine Antwort parat hat und in alle Richtungen gleichermaßen wirkt. Von der Kaltschale kriegt jeder, was er herauszuschöpfen hofft. Und das Geniale ist: Das Bauwerk wirkt jetzt schon, ohne gebaut zu sein.

Eine Berliner Großwippe, die funktionert

Das Denkmal wippt: Der Bundestag beschloss 2007, ein Denkmal zu bauen (rauf). 2009 brach man den Wettbewerb ab, weil die Jury die Entwürfe doof fand – ich übrigens auch – (runter). Dann führte eine zweite Runde zum Erfolg mit gleich drei Siegern, später fiel die Auswahl auf „Bürger in Bewegung“, wie das geplante Denkmal offiziell heißt (rauf). Das Medienecho (Wippe, Schaukel & Co.) und der verpasste Baustart förderten das schlechte Image des Projekts (runter). Endlich kam 2015 die Baugenehmigung (rauf), aber der Haushaltsausschuss stoppte das Projekt 2016 wegen gestiegener Kosten (runter). Als dasselbe Gremium etwas später 18,5 Millionen Euro für die Schlosskolonnaden am selben Ort bereitstellte, schlug die Wippe hart auf den Boden auf (runter!). Bundestagspräsident Norbert Lammert und das Groko-Machtwort der Bundesfraktionsspitzen brachten das Einheitsdenkmal vor kurzem wieder auf den Plan zurück (rauf), doch Senator Lederer sorgt, wie gesagt, erneut für „Bewegung“ (runter). — Was will man eigentlich mehr? Das Ding funktioniert doch.

Bei diesem ganzen Hin und Her trifft eben auch die Vokabel vom Verschaukeltsein voll ins Schwarze. Braucht man nicht weiter zu erklären.

Standort Einheitsdenkmal

Mythisch aufgeladen: Das Einheitsdenkmal „wippt“ hoch und runter und ist noch nicht gebaut. Das Foto zeigt die Schlossfreiheit von 2012, glaub ich (Foto: André Franke)

Ein Denkmal in Schieflage

Lesen konnte man auch von der „Waage“. Und auch diese Zuschreibung findet ihre Entsprechung in der aktuellen Diskussion. Das Freiheits- und Einheitsdenkmal befindet sich in totaler Schieflage. Alle reden vom Einheitsdenkmal, aber nur einer hebt den Kampf um die Freiheit 1989 hervor. Wolfgang Thierse tut es in diesem NDR-Interview, und ich finde diese Betrachtung bestechend korrekt – genauso wie ich die mechanisch aufwendige, mehrheitsfähige Schwankung der Schale als Sinnbild für eine Revolution perfekt finde. Einfach perfekt. Irgendwann kippt ein System eben, aber es braucht eine kritische Masse. Wieder eine Schlagzeile, eine neue, möcht ich sagen: Auf der „Kippe der Einheit. Da sind manches und so mancher ins Schlittern gekommen, ins Abseits gerutscht.

Selbstbefreite Bürger vor der Haustür hätten dem Palast besser gestanden als dem Schloss

Was hätte eigentlich „Bürger in Bewegung“ für eine Aussage gehabt, wenn statt des Schlosses der Palast der Republik (auch ein „Gekippter“) der Nachbar des Denkmals geworden wäre? Eine stärkere. Und ich stelle fest, das meine Sympathien fürs Schloss sich wieder verflüchtigt haben. Schloss und Schale passen nicht zusammen. Überhaupt nicht, weder inhaltlich noch vom Gestalterischen her. Leider kam das Schloss zuerst, und da es ´ne ziemliche Wucht ist, scheint es die Schale zu bedrängen und zu erdrücken. So eine Plattform, auf der was los ist, soll man doch sehen können, von Weitem. Zumindest aus etwas Distanz. Dazu hätte der Palast die bessere Position gehabt. Auch inhaltlich: Vorm Haus des Volkes ein Denkmal des Volkes … Immer fehlt was.

Am Ende fehlt das Freiheits- und Einheitsdenkmal vielleicht sogar ganz. In folgenden Fällen werde ich das Projekt konsequent nur noch die „Kaltschale“ nennen. Wenn es:

  1. vom Bundestag wieder abgesagt und nie gebaut wird oder
  2. gebaut wird, aber aus Sicherheitsgründen statisch und unbeweglich bleibt wie die Großwippen im Tilla-Durieux-Park am Potsdamer Platz.

Ansonsten nenne ich das Denkmal ab heute „Freiheitswaage“, damit die Einheit auf der Wippe nicht zu dick wird.

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3 Kommentare zu Auf eine Kaltschale an der Freiheitswaage

  1. Gerlinde Hempelmann on 19. April 2017 at 2:45 PM

    Einheitsdenkmal: Es gab einmal die Symbolik, stehen auf einer Seite mehr Menschen als auf der anderen Seite, so sei es auch in der Demokratie – mal die Partei, mal jene. – Aber: Diesen Vergleich und das grandiose Denkmal an die Einzigartigkeit des 9. Nov. 1989 lassen die Linken nicht zu, weil sie lieber Kindergartenstreitereien mit der Bundesrepublik führen, Lederer, Lompscher, Lüscher, Müller haben kein Format trotz Titel aber viel Macht und Eitelkeiten. Ich bin froh, diesen Senat nicht gewählt zu haben, ich schäme mich, ein Berliner zu sein

  2. Pe.Bo. on 18. April 2017 at 2:30 PM

    P.S.

    Zudem ist die vorgesehene Totalversiegelung mit Pflastersteinen da drumherum doch ziemlich garstig. Ein verschämter Baum ist da auf der Skizze. – Warum nicht statt der Betonwippe ein bissel mehr Vegetation am Humboldt-Forum?!

    Immerhin scheinen die Projektant/innen bei ihren Visualisierungen des Schlossumfeldes selbst alle zu spüren, welch eine Tristesse die dort geplante Steinwüste doch ausstrahlen wird. Weshalb sie dann als belebendes Element noch Vogelschwärme in die Skizzen einfügen. Fällt mir nicht zum ersten Mal auf. Irgendwie wirkt das putzig.

  3. Pe.Bo. on 18. April 2017 at 12:12 PM

    Neulich sagte mir auch jemand, ich solle das Ding nicht „Wippe“ nennen, sondern „Waage“. Aber „Wippe“ gefällt mir besser. Einerseits weiß man von einer Wippe zu sagen, was sie macht bzw. was die Leute auf ihr machen. Sie wippt/ sie wippen. Was aber macht die Waage bzw. die Bürger auf ihr? Wägt/ wägen sie, oder wiegt/ wiegen sie sich gar?

    Auch hat die Wippe was freundlich Verspieltes; sie ironisiert diesen historischen Kontingenzgedanken, während die Waage allzu bedeutungsschwer daherkommt. Woran denkt man bei „Waage“? Mene tekel upharsim… naja, man könnte es auf die vorherige Einigung und auf Bismarcks Reich beziehen, das letztlich auch für zu leicht befunden und zwischen den Medern und Persern aufgeteilt worden ist. 🙂

    Ansonsten finde ich es bemerkenswert, dass die meisten von der Wippe ausgelösten Phantasien sich auf einen Zustand beziehen, in dem sie gerade nicht mehr wippt, sondern wegen Konstruktionsmängeln, Sicherheitsbedenken oder mangelnder Wartung stehenbleibt. Bürger nicht mehr in Bewegung. Ist das Realismus oder fehlender historischer Möglichkeitssinn? Und was ist, wenn die eine Seite nach oben wippt, die andere aber nach unten – und dann bleibt sie stehen? Dann würde sich der Inhalt der Kaltschale doch in die Spree ergießen.

    Man könnte das Ding dann immerhin als eine Sichel interpretieren und noch einen Hammer darauf applizieren. Oder es wird darunter eine Knabenskulptur modelliert zur Versinnbildlichung der Redensart: „das Kind mit dem Bade ausschütten“. – Immerhin kann die Wippe höchst unterschiedlich genutzt werden.

    Weshalb ich das Ganze dort und überhaupt aber deplaziert finde, das ist diese bescheuerte Widmung als „Freiheits- und Einheitsdenkmal“. Das klingt so fürchterlich nach 19. Jahrhundert, nach „Erfindung von Tradition“ und national-pathetischer Geschichtskonstruktion. Brrr…

    Wenn schon, dann sollte es anders heißen: „Denkmal für historischen Möglichkeitssinn“! – Aber dann müsste es in Leipzig stehen, nicht in Berlin.

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