105.425 Fahrradvolksstimmen und Moses Mendelssohn stimmt mit

Von
14. Juni 2016

Eventing kann ein Drahtseilakt sein. 12:15 Uhr trafen sich die Volksentscheid-Radler, um die gesammelten Unterschriften mit Lastenrädern zur Senatsverwaltung für Inneres zu bringen, 12:30 Uhr fand die Einweihung des Moses-Mendelssohn-Denkmals von Micha Ullmann an der Spandauer Straße statt. Meine zündende Idee, zuerst zum Volksentscheid-Treff und dann mit der Kolonne zu fahren und an der Liebknecht-Straße /Ecke Spandauer abzuspringen und rein ins historisch-kulturell-philosophische, ging nicht auf. Die Volksentscheidler tranken Bier und ließen sich Zeit mit dem Start.

Fassade des Hauses von Moses Mendelssohn, schematisch auf der Broschüre der Mendelssohn-Gesellschaft e.V. (Foto: André Franke)

Fassade des Hauses von Moses Mendelssohn, schematisch auf der Broschüre der Mendelssohn-Gesellschaft e.V. (Foto: André Franke)

So wurde es am Dienstag Mittag doch erstmal Mendelssohn. Nach acht Jahren Planungszeit hat Ullmann ihm ein Denkmal gesetzt. An der Stelle, wo er einst wohnte: in der Spandauer Straße Nr. … Die Hausnummer ist irrelevant, denn in der Spandauer Straße zwischen Liebknecht- und Rathausstraße stehen längst keine Häuser mehr. Mendelssohn wohnte heute in den Büschen des Rathausforums, am Rande eines gepflasterten Weges, der vom Neptunbrunnen zu „Nordsee“ rüberführt.  Weil man am Rathausforum nach politischer Anerkennung der „Bürgerleitlinien“ aus der Stadtdebatte um die Berliner Mitte aber noch weit davon entfernt ist, das Riesengelände wiederzubebauen, braucht es die Kreativität eines echten Künstlers, die Dimension des Verlustes auszudrücken – auch des städtebaulichen.

Genial und nur bei Regen: gespiegelte Umwelt des Denkmals (Foto: André Franke)

Genial und nur bei Regen: gespiegelte Umwelt des Denkmals (Foto: André Franke)

So hat Micha Ullmann die Fassade des verlorenen Hauses in die Horizontale gekippt: eine Tür, zwölf Fenster, und man spaziert jetzt drüber. Manche merken´s gar nicht. Moses M., der zum Dreiergestirn der Berliner Aufklärung zählt, sorgt also sogar nach über 200 Jahren noch für eine gewisse Aufklärung über die harte Realität des Berliner Grund und Bodens. Kulturstaatssekretär Tim Renner sagte bei seiner Eröffnungsrede (noch trocken), bei Regen würde der Effekt eintreten, dass die Fenster, weil nass, die Umwelt des Denkmals spiegeln, so wie es der Künstler beabsichtigt habe. – Es regnete dann tatsächlich. Und ich sah die vertikal gespiegelte Marienkirche in Mendelssohns Fenster.

Das mein´ich mit "Kindervorderlader". Sie war begeistert. (Foto: André Franke)

Das mein´ich mit „Kindervorderlader“. Sie war begeistert (Foto: André Franke)

Ja, wir müssen die Stadt auf den Kopf stellen, um zu erkennen, was sie kann. Die Fahrradvolksentscheidler taten das am Dienstag auf ihre Weise, indem sie fünfmal mehr Unterschriften einreichten als für die erste Hürde auf dem Weg zum Volksentscheid notwendig waren. Sie fuhren die Aktenordner direkt an der Denkmalseinweihung vorbei!! Wohl nahmen weder sie Kenntnis von der Mendelssohn-Gesellschaft, noch die Mendelssohn-Gesellschaft von der anrollenden Fahrradstadt. Aber die beiden für die Stadtentwicklung in Berlin sehr prägnanten Events gingen doch auf diese irgendwie schöne Weise Hand in Hand. Ich hab´s gesehen. Und mir gleich ein neues Fahrrad gekauft – plus Kindervorderlader. Endlich.

Schlagworte: , , ,

Ein Kommentar zu 105.425 Fahrradvolksstimmen und Moses Mendelssohn stimmt mit

  1. Peter Born on 21. Juni 2016 at 11:00 PM

    Oh ja, nachdem die von Dir noch mit Gänsefüßchen eingehegten Bürgerleitlinien nun die fraktionsübergreifende Unterstützung der Abgeordneten erfahren haben, ist die Idee einer dichten Bebauung jenes großartigen Freiraums hoffentlich erledigt. Zumal ja drumherum demnächst stark verdichtet wird und den Freiflächen zwischen Fernsehturm und Spree auch in den Planungsunterlagen für die angrenzenden Areale vielfach (und in unterschiedlichen Zusammenhängen) eine ausgleichende Funktion zuerkannt wird.

    Und ich zweifle nicht daran, dass dieser Freiraum nach dem Ende des U-Bahn-Baus eine überaus attraktive Neugestaltung erfahren kann, die künftigen Generationen jegliche Bebauungsideen als schwer verständliche Marotten eines vergangenen Zeitgeistes vom Ende des vergangenen Jahrhunderts erscheinen lassen wird.

    Dir erschienen die vom Künstler kalkulierten Spiegeleffekte bereits „genial“… Ja, Licht und Wasser sind für sich genommen schon Elemente, mit denen sich Erstaunliches bewirken lässt… Wenn neben die Naturphänomene von Sonnenstand und Niederschlägen dann auch noch die Segnungen der Kultur in Form landschaftsarchitektonischer und künstlerischer Gestaltungselemente treten, so sollte auch die Stadtgeschichte hier im Freiraum phantasievoll zur Geltung gebracht werden können. Und natürlich müssen Denkmäler nicht ganz in der Horizontalen verharren, sondern sie können auch ein Stück in die Vertikale streben – sofern sie das nicht in den Ausmaßen ganzer Häuserfassaden tun und dabei den Raum zustellen 🙂

    Der Ort scheint mir übrigens durchaus dafür prädestiniert, an die Berliner Aufklärung zu erinnern, an jene spezifische interkonfessionelle (jüdisch-christliche) Aufklärung.

    Aber natürlich kann sich Berlin dort nicht als „Stadt der Aufklärung“ zu inszenieren versuchen. Berlin war zwar auch eine Stadt der Aufklärung, aber vor allem ist es die Stadt des beständigen Scheiterns der Aufklärung. Überhaupt scheitert die Aufklärung immer und immer wieder – und eine reflektierte Aufklärung muss sich vor allem selbst davor bewahren, zu einem Mythos zu werden und als solcher politisch instrumentalisiert zu werden. Oder so ähnlich jedenfalls… 🙂

    Eine Erinnerung an die Berliner Aufklärung kann ich mir deshalb an jenem Ort nicht anders denken als eine skeptisch-melancholische Erinnerung. Ohne große Geste, ohne Pathos, ohne irgendeinen Versuch der willkürlichen Konstruktion historischer Kontinuitäten oder Dichotomien. Ohne „Erfindung von Tradition“…

    Ich stelle mir einen Denkmalgarten vor als Teil eines sehr grünen Stadtraums. An die konkreten Personen sollte erinnert werden, die in der Berliner Mitte gewirkt haben: Henriette Herz, Moses Mendelssohn, Gotthold Ephraim Lessing… Und der Denkmalgarten sollte offen sein für verschiedene, jeweils temporäre künstlerische Ergänzungen… etwa in Form eines sich im Zeitverlauf ständig wandelnden Skulpturengartens. Das wäre ein (reflektiert-aufklärerischer) Ausdruck der prinzipiellen, durchaus auch beunruhigenden Offenheit von Gesellschaftsgeschichte und ihrer Deutung…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.